Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Friedrich Engels
       
       Zur Einnahme von Sewastopol [270]
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 429 vom 14. September 1855]
       London, 11.  September. Die  Kanonen des  James'  Parks  und  des
       T o w e r s   kündigten London  gestern abend  9 Uhr den Fall der
       Südseite von  Sewastopol an. In den Lyceum-, Haymarket-, Adelphi-
       Theatern hatten  die Schauspieldirektoren endlich die Genugtuung,
       die Hurras, die "God save the Queen" und die "Partant pour la Sy-
       rie" [185]  auf offizielle Depeschen statt wie bisher auf falsche
       Vorwände hin herauszufordern.
       Der Krimfeldzug  hat endlich seinen Wendepunkt erreicht. Seit un-
       gefähr einer  Woche gaben  die russischen Telegraphen zu, daß das
       alliierte Feuer  den Linien von Sewastopol beträchtlichen Schaden
       zugefügt habe  und daß  der Schaden  "soviel als  möglich",  also
       nicht völlig,  ausgeglichen sei.  Wir erfuhren  dann gestern, daß
       Sonnabend, den  8. September,  um Nachmittag die Alliierten 4 Ba-
       stionen gestürmt  hätten, vor  einem derselben geschlagen wurden,
       zwei wegnahmen, eins davon wieder räumen mußten, schließlich aber
       das  vierte   und  wichtigste   behaupteten,   den   Malachowturm
       (Kornilow-Bastion), dessen  Verlust die Russen zur Zerstörung und
       Räumung der Südseite zwang. 1*)
       Die Ankunft beträchtlicher Verstärkungen nach der Schlacht an der
       Tschornaja sicherte  die alliierten  Generale gegen  jede etwaige
       Unternehmung der  russischen Armee  bei Inkerman;  denn selbst im
       Falle der Rest der 4. und 6. russischen Divisionen nebst den zwei
       Grenadierdivisionen zu  jener Armee geschlagen würden, fanden die
       Alliierten sich nun in der Position, erfolgreich jeder Anzahl von
       Truppen zu  widerstehn, die die Russen über die Tschornaja werfen
       konnte und  [be]hielten zugleich  hinreichend starke Streitkräfte
       übrig,
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       1*) An Stelle  dieses Satzes heißt es in der "New-York Daily Tri-
       bune" Nr.  4506 vom 28. September 1855: "Der Verlust dieses Punk-
       tes zwang  die Russen,  am 9.  mit ihren Truppen von der Südseite
       zur Nordseite zu marschieren und so die Stadt Sewastopol aufzuge-
       ben, nachdem sie ihre Magazine gesprengt, die Gebäude in die Luft
       gejagt, die  Verteidigungswerke durch  Minensprengungen  zerstört
       und den  ganzen Platz, um General Pélissiers Worte zu gebrauchen,
       in einen  riesigen flammenden  Ofen verwandelt  hatten. Sie  ver-
       brannten auch  ihre Dampfschiffe, versenkten ihre letzten Kriegs-
       schiffe und  zerstörten schließlich  die Brücke  in der  Nähe des
       Forts Paul."
       
       #526# Friedrich Engels
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       um die Belagerung weiterzuführen und selbst einen Sturm zu unter-
       nehmen. Man muß zugestehn, daß die französische Regierung diesmal
       außerordentlich rasch  in Versendung der Truppen war, die den be-
       reits auf  dem Marsche  befindlichen Verstärkungen  von Polen und
       Wolhynien das Gleichgewicht halten sollten. Die Zahl der seit An-
       fang Juli  nach dem  Osten verschifften französischen Truppen muß
       mindestens auf 50 000 angeschlagen werden. Unter diesen Umständen
       und der  entsprechenden Wirkung der vorgeschobenen englischen und
       französischen Mörserbatterien wurden die Trancheen bis zum Graben
       hin avanciert  unter dem  Schutze eines kräftigen Feuers. Wieweit
       sie avancierten und ob das Glacis secundum artem 1*) gekrönt war,
       wissen wir noch nicht. Das Feuer nahm mehr und mehr den Charakter
       eines regelmäßigen Bombardements an; Vertikalfeuer wurden erfolg-
       reich angewandt, um den Platz für größere Truppenkörper unhaltbar
       zu machen, und schließlich ward Sturm befohlen.
       Auf dem  Mamelon hatten  die Russen vergangenen Frühling eine An-
       zahl von  feuer- und  bombenfesten Gebäudeabschnitten konstruiert
       mit der  Hilfe von traverses und blindes 2*). Diese Vorrichtungen
       gewährten ihnen vorzügliche Schützung gegen das feindliche Feuer,
       aber bei  der Stürmung zeigte sich, daß kein Platz zur Konzentra-
       tion einer  hinreichenden Zahl  von Truppen  zur Verteidigung des
       Werkes übriggeblieben  war. Abschnitt  nach Abschnitt,  nur durch
       wenige Mann  verteidigt, fiel in die Hände der Franzosen und bil-
       dete dann  für sie  eine  sofortige  Logierung.  Derselbe  Fehler
       scheint bei Ausführung der Verteidigungswerke des Malachow began-
       gen worden  zu sein.  Die Sache war überchargiert, und sobald die
       Franzosen einmal  sich des kommandierenden Punktes des Hügels be-
       mächtigt hatten,  boten ihnen  die russischen Werke selbst Schutz
       gegen das  russische Feuer.  Da der Redan (Bastion Nr. 3) und der
       Redan der  Schiffskielbucht (Bastion  Nr. 1 der Russen) auf einem
       mehr ebenen Grunde liegen, ließen sie nicht die terrassenförmigen
       und komplizierten Verteidigungswerke zu, die auf dem Malachow an-
       bringbar waren.  Hier scheint  daher eine einfache coupure 3*) in
       der Bastion  gemacht gewesen  zu sein,  die den hervorspringenden
       Winkel abschnitt und ihr Inneres einem überwältigenden Feuer aus-
       setzte. Die  Truppen zu seiner Verteidigung konnten daher mehr im
       Hintergrund konzentriert und das Innere des Werkes durch Ausfälle
       von der coupure aus geschützt werden. Infolge dieser allgemein in
       solchen Fällen  getroffenen Anordnung  konnten die englischen Li-
       nien und  die französischen  Kolonnen, die zum Sturm dieser Posi-
       tionen kommandiert  waren, zwar leicht über den fast ganz verlas-
       senen äußeren Wall
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       1*) nach allen  Regeln der  Kunst -  2*) Traversen und  Blenden -
       3*) Einschnitt
       
       #527# Zur Einnahme von Sewastopol
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       vordringen, wurden  aber, einmal  gegenüber der coupure, erdrückt
       von dem Kugelregen und gezwungen, den Sturm aufzugeben.
       Gleich nach  Wegnahme des  Malachow machte General de Sallas, auf
       der französischen linken Attacke, einen Versuch, sich in der Zen-
       tralbastion (Nr.  5 zwischen den Flagstaff- und Quarantäne-Basti-
       ons) zu  etablieren. Er  ward zurückgeschlagen. Wir wissen nicht,
       ob dieser  Sturm auf seine Privatverantwortlichkeit hin unternom-
       men war oder ob er einen Teil des Originalplans bildete. Wir wis-
       sen ebensowenig,  ob die  französischen Trancheen weit genug nach
       der Bastion  vorgeschoben waren, um diesen waghalsigen Versuch zu
       rechtfertigen.
       Die Einnahme  des Malachow-Hügels  bildete sofort  den Wendepunkt
       der Belagerung  1*). Der Malachow kommandiert vollständig die Ka-
       rabelnaja und  den östlichen  Abhang des Hügels, worauf die Stadt
       Sewastopol erbaut  ist. Er  nimmt in  den Rücken die Seeforts auf
       der südlichen  Seite des  Hafens und macht den ganzen innem Hafen
       und den größeren Teil des äußeren Hafens unhaltbar für die russi-
       schen Kriegsschiffe.  Durch den  Fall des Malachow war die Konti-
       nuität der  Verteidigungslinien  von  Sewastopol  gerade  an  dem
       Punkte unterbrochen,  von dem  die Sicherheit  des Ganzen abhing.
       Der Besitz  des Malachow  bedeutete daher den Besitz der Karabel-
       naja, die  Zerstörung der  Stadt durch  Bombardement, das In-die-
       Flanke- und  In-den-Rücken-Nehmen der  Flagstaff-Bastion, und das
       Verschwinden der  letzten Chancen für die Behauptung Sewastopols.
       Bis dahin war Sewastopol ein für eine große Armee befestigtes La-
       ger, wie  alle bedeutenden  modernen Festungen  es sind.  Mit der
       Wegnahme des  Malachow war  es herabgesunken  auf den  Rang eines
       bloßen Brückenkopfes für die russische Garnison auf der Nordseite
       und dazu  eines Brückenkopfes  ohne Brücke.  2*) Einige russische
       Schiffe im Hafen waren bereits von den Bomben der alliierten Bat-
       terien in Brand gesteckt worden. Der Malachow, einmal armiert mit
       französischen Kanonen,  würde es  den übrigbleibenden  russischen
       Schiffen unmöglich  gemacht haben,  einen sichern  Ankergrund  zu
       finden, außer  dicht am Fuße der Forts Nikolaus und Alexander, wo
       nur für sehr wenige Raum ist. Daher das russische Versenken und
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       1*) In der  "New-York Daily  Tribune" folgt  hier der Satz: "Nach
       all den vorhergehenden Ereignissen dieser bemerkenswerten Belage-
       rung war zu erwarten, daß die Franzosen nicht die leiseste Gefahr
       liefen, aus ihren neuen Positionen vertrieben zu werden, wenn sie
       sich ihrer Aufgaben richtig bewußt waren." - 2*) In der "New-York
       Daily Tribune" folgt hier der Text: "Es war daher klug, die Stadt
       aufzugeben. Zwar  haben wir  viel über neue Werke gehört, die auf
       der rückwärtigen Seite des Abhangs des Malachows errichtet wurden
       mit dem  Ziel, die  Verteidigung der Karabelnaja nach dem Verlust
       dieser Befestigung  aufrechtzuerhalten. Aber  sie schienen  nicht
       von solchem  Wert gewesen  zu sein, um den Fürsten Gortschakow zu
       veranlassen, die  Verteidigung fortzusetzen.  Wir  werden  jedoch
       sehr bald wissen, was sie in Wirklichkeit darstellen."
       
       #528# Friedrich Engels
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       Verbrennen von  Linienschiffen und  Kriegsdampfern. Die vollstän-
       dige Besitznahme der Karabelnajaseite wird den Alliierten den Be-
       ginn von  Feldoperationen gebieten. Obgleich sie nicht fähig sein
       werden, viele  Batterien und  zahlreiche Truppen in diesem Stadt-
       teil zu  etablieren, wegen  des Feuers  von der nördlichen Seite,
       haben sie  es jedenfalls erreicht, den russischen Anteil an Sewa-
       stopol auf weniger als 1/2 seines Umfangs vor dem 8. September zu
       reduzieren und  zu einer Festung, die nur eine beschränkte Anzahl
       von Verteidigern bergen kann. Nicht nur ist die Offensivkraft der
       Garnison durchaus  gebrochen, sondern auch ihre Defensivkraft be-
       deutend geschwächt.  Eine viel  geringere Anzahl  von Leuten wird
       hinreichen, die Belagerung fortzuführen, und die so freigesetzten
       Truppen, mit den nun unterwegs oder im Lager von Maslak befindli-
       chen Kräften,  werden für eine Expedition nach Eupatoria verwend-
       bar. Je  mehr man  die wechselseitige Position der Alliierten und
       Russen an  der Tschornaja studiert, überzeugt man sich, daß jetzt
       kein Teil  den andern vertreiben kann ohne große Zahlensuperiori-
       tät und  außerordentliche Opfer. Es greift daher mehr und mehr im
       alliierten Heerlager  die Meinung um sich, daß 60 000-70 000 Mann
       nach Eupatoria  verschifft werden  müssen, um  von dort gegen die
       russischen Kommunikationslinien  bei Simferopol  zu  marschieren.
       Die Russen  würden dadurch zu einer Schlacht im offenen Felde ge-
       zwungen werden,  deren Erfolg  unter den  gegenwärtigen Umständen
       den Alliierten  gesichert scheint. Es kommt aber alles darauf an,
       daß sie  den jetzigen Augenblick mit Raschheit und Energie benut-
       zen. 1*)
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       1*) An Stelle der beiden letzten Sätze bringt die "New-York Daily
       Tribüne" folgenden  Text: "Angenommen,  die Russen hätten 200 000
       Mann auf  der Krim  (die sie  natürlich nicht  haben), so  würden
       80 000 Mann  zur Verteidigung  der Forts  der Nordseite gebraucht
       werden, 60 000  für die Position an der Tschornaja und 60 000, um
       der alliierten  Armee bei  Eupatoria begegnen  zu können. Bei der
       gegenwärtigen Moral  der alliierten Truppen ist es gewiß, daß sie
       mit gleicher  Anzahl und bei gleich günstigen Positionen die Rus-
       sen schlagen  werden. Da  sie auch durch das Beziehen einer Posi-
       tion an  der russischen  Kommumkationslinie diese zwingen können,
       eine Schlacht  zu liefern,  scheint kein Risiko bei einem solchen
       Unternehmen zu bestehen. Im Gegenteil, es ist wahrscheinlich, daß
       die Russen dieser Expeditionsarmee nur höchstens 60 000 Mann ent-
       gegenstellen könnten.  Je eher  jedoch ein solches Manöver unter-
       nommen wird,  desto besser für die Alliierten, und wenn sie ener-
       gisch handeln,  so können  sie große Ergebnisse erwarten. Sie be-
       sitzen jetzt  sowohl moralische  als auch zahlenmäßige Überlegen-
       heit, und  wir zweifeln  nicht, daß sie daraus Nutzen ziehen wer-
       den, ehe ein neuer Winter auf dem Plateau ihre Zahl reduziert und
       ihre Moral geschwächt hat.
       Tatsächlich besagen  die letzten  Nachrichten, daß  schon am  13.
       25 000 Mann  nach Eupatoria abgesegelt sind, und wir werden zwei-
       fellos hören, daß eine noch größere Streitmacht folgen wird,
       Wir haben von diesen bedeutenden Ereignissen bisher nur die mage-
       ren Informationen  des Telegraphen.  Wenn uns vollständigere Ein-
       zelheiten erreichen, werden wir wieder zu diesem Thema zurückkeh-
       ren." (Die  beiden letzten  Absätze wurden  von der Redaktion der
       "Tribüne" hinzugefügt.)

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