Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Aussichten auf der Krim
["New-York Daily Tribune" Nr. 4508 vom 1. Oktober 1855,
Leitartikel]
Außer einer unvollständigen Liste der gefallenen und verwundeten
britischen Offiziere fügen die von dem Dampfer "America" zuge-
stellten Zeitungen - und wir haben sie sorgfältig durchgesehen -
kaum etwas dem hinzu, was wir bereits von den Umständen wissen,
unter denen die Eroberung der Südseite Sewastopols vor sich ge-
gangen ist. Es stimmt, daß sowohl über die Gründe als auch über
die Folgen von Gortschakows plötzlicher Aufgabe eines so lange
und so verzweifelt verteidigten Platzes viel orakelt wird; und
unter diesen Betrachtungen verdienen die unserer Korrespondenten
in London und Paris besondere Beachtung. Es gibt aber einige Ge-
sichtspunkte und einige Erwägungen, mit denen sich keiner dieser
Berichterstatter - so sehr sich auch ihre Ansichten widersprechen
- sorgfältig genug beschäftigt oder denen er die entsprechende
Bedeutung beigemessen zu haben scheint [272].
Was für eine Wendung die Dinge auf der Krim jetzt nehmen werden,
hängt gerade zu einem großen Teil von den Gründen ab, die die
Russen veranlaßt haben, die Südseite aufzugeben. Es ist offen-
sichtlich, daß keineswegs rein taktische und strategische Motive
diesem plötzlichen Entschluß zugrunde lagen. Wäre Gortschakow der
Meinung gewesen, daß nach dem Fall des Malachow die Südseite und
sogar die Karabelnaja nicht mehr zu halten sei, so hätte er in
dieser Vorstadt nicht so viele innere Befestigungswerke errichten
lassen. Obwohl der schließliche Erfolg der Belagerung durch die
Einnahme jenes dominierenden Punktes als gesichert angesehen wer-
den könnte, so hätte doch durch eine hartnäckige Verteidigung,
zuerst der inneren Befestigungswerke der Vorstadt und dann der
Stadt selbst, eine Atempause von vier bis sechs Wochen gewonnen
werden können. Den besten Landkarten, Plänen und Schemas nach zu
urteilen, war es von rein taktischem und strategischem
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Gesichtspunkt aus nicht nötig, das mit solcher Überstürzung auf-
zugeben, was bislang mit solcher Hartnäckigkeit verteidigt worden
war. Mit Kriegswissenschaft allein läßt sich ein derartiger
Schritt nicht erklären, der doch wohl kaum der Verwirrung und
Furcht zugeschrieben werden kann, die durch eine unerwartete und
entscheidende Niederlage verursacht wurde. Beweggründe anderer
Art müssen Gortschakow zu einem Schritt gezwungen haben, der
seine militärische Position und Karriere so ernsthaft kompromit-
tiert, wie dieser es tut.
Es gibt nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder war die
m o r a l e der russischen Soldaten so sehr zerrüttet, daß es
unmöglich gewesen wäre, sie hinter der inneren Verteidigungslinie
einigermaßen geordnet wieder zu sammeln, um den Kampf weiterzu-
führen, oder der Mangel an Proviant begann nicht nur in Sewasto-
pol, sondern auch draußen im Lager sich empfindlich bemerkbar zu
machen. Die fast ununterbrochene Reihe von Niederlagen, die der
russischen Armee beigebracht wurden - von Oltenitza [242] und Ce-
tate bis zur Schlacht an der Tschornaja und dem Sturm vom 8. Sep-
tember -, muß sicherlich den Mut der Verteidiger von Sewastopol
völlig gebrochen haben, um so mehr, da sich diese hauptsächlich
aus den gleichen Truppen zusammensetzten, die an der Donau und
später bei Inkerman [111] geschlagen worden waren. Die Russen ha-
ben ein ziemlich träges Empfinden im Ertragen von Widerwärtigkei-
ten und Gefahren und können länger als die meisten anderen Trup-
pen Niederlagen ertragen; aber keine Armee in der Welt kann bis
in die Ewigkeit zusammenhalten, wenn sie von jedem Feind, auf den
sie stößt, geschlagen wird, und wenn sie einer langen Kette von
Niederlagen nichts anderes entgegenzustellen hat als die negative
Genugtuung ihres hartnäckigen und langen Widerstandes und ein
einziges Beispiel erfolgreicher, aktiver Verteidigung wie die vom
18. Juni. Aber ein solcher Widerstand in einer belagerten Festung
hat auf die Dauer schon von selbst eine demoralisierende Wirkung.
Er schließt ein schwere Härten, Mangel an Schlaf, Krankheit und
das Vorhandensein nicht jener akuten Gefahr, die den Geist in
Spannung hält, sondern der chronischen Gefahr, die auf die Dauer
den Geist abstumpft. Die rasch aufeinanderfolgenden Niederlagen
an der Tschornaja und am Malachow müssen den Prozeß der Demorali-
sierung vollständig gemacht haben, und es ist mehr als wahr-
scheinlich, daß die Truppen Gortschakows, die sich in der Stadt
befanden, nicht länger tauglich waren', gegen den Feind geführt
zu werden. Und da der Malachow die Brücke beherrschte, die auf
die andere Seite führte und die französischen Kanonen sie jeden
Tag hätten zerstören können, wurde ein Entsatz unmöglich, während
der Rückzug wenigstens die Truppen retten konnte. Es nimmt nicht
wunder, daß diese
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Demoralisierung schließlich doch die Garnison befiel; es ist
vielmehr erstaunlich, daß das nicht schon viel früher geschehen
ist.
Es sind auch einige sehr schwerwiegende Anzeichen vorhanden, daß
Mangel an Proviant für die Armee im allgemeinen ein gut Teil mit
Fürst Gortschakows plötzlichem Rückzug zu tun hatte. Die Unter-
brechung der russischen Schiffahrt auf dem Asowschen Meer mußte -
obgleich sie sich nicht so unmittelbar auswirkte, wie das sich
die britische und französische Presse erhofft hatte, die damals
einer Erfolgsmeldung bedurfte - auf die Dauer dennoch den Russen
hinderlich werden, da sie dadurch auf eine einzige Operationsli-
nie beschränkt und ihre Zufuhr eingeschränkt wurde. Die ungeheu-
ren Schwierigkeiten des Transportes von Lebensmitteln, Munition
und Fourage Son Cherson durch ein dünn besiedeltes Steppengebiet
müssen noch größer geworden sein, als dieser Weg der einzige
wurde, über den die Armee versorgt werden konnte. Die Transport-
mittel, durch Requisition zusammengebracht von der Ukraine und
den Donprovinzen, müssen schließlich unbrauchbar geworden sein;
Pferde und Zugochsen müssen in großen Mengen sowohl der Überan-
strengung als auch der Futterknappheit zum Opfer gefallen sein;
und als die nächstliegenden Provinzen erst einmal erschöpft wa-
ren, wurde es immer schwieriger, den nötigen Vorrat herbeizu-
schaffen. Dieser Mangel an Zufuhr sollte sich zunächst nicht so
sehr in Sewastopol zeigen (wo Vorratslager für den Fall angelegt
sein mußten, daß der Ort auch von der Nordseite her eingeschlos-
sen würde), als vielmehr im Lager oberhalb von Inkerman, bei
Bachtschissarai und auf dem Marschwege der Verstärkungen. Die Be-
fehlshaber der Alliierten haben mehr als einmal in ihren Berich-
ten erwähnt, daß dies der Fall gewesen sei, aber auch andere Um-
stände weisen darauf hin, daß dem so gewesen sein muß. Dieses Un-
vermögen, nicht einmal die Truppen zu versorgen, die jetzt in der
Krim sind, erklärt allein, warum die beiden Grenadierdivisionen,
die so lange auf dem Marsch sind und, wie es heißt, jetzt Perekop
erreicht haben, nicht vorrücken und an der Schlacht an der
Tschornaja teilnehmen durften; damit erklärt sich auch, daß, ob-
gleich der größere Teil der Truppen, die vorrücken sollten, um
Sewastopol Hilfe zu geben, nicht ankam, die Schlacht dennoch ge-
wagt wurde, wenn auch mit Streitkräften, die im Verhältnis zu der
von ihnen zu lösenden Aufgabe lächerlich klein waren.
Alle Anzeichen deuten also darauf hin, daß sowohl die Demorali-
sierung des größten Teils der russischen Truppen als auch der
Mangel an Zufuhr für die im Felde stehende Armee Gortschakow ver-
anlaßt haben, nicht zu viel aufs Spiel zu setzen durch ein kurz-
fristiges Hinausschieben des Falls einer Festung, die nicht mehr
zu halten war. Er nutzte die letzte Möglichkeit, die
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Garnison zu retten, und er scheint richtig gehandelt zu haben.
Nach allem zu urteilen, hätte er sie sonst ihrem Schicksal über-
lassen, seine Feldarmee sammeln und sich ins Innere der Krim,
wenn nicht bis Perekop, zurückziehen müssen. In diesem Falle wäre
die Garnison der Südseite sehr bald gezwungen gewesen, entweder
sich heimlich zur Nordseite durchzuschlagen oder zu kapitulieren;
und die Nordseite, jeder Aussicht beraubt, jemals abgelöst zu
werden, und von demoralisierten Truppen besetzt, wäre bald durch
Hunger zur Unterwerfung gezwungen worden.
Solange die Russen eine Chance hatten, ihre Armee nicht nur in
einer Stärke auf der Krim zu halten, die etwa der der Alliierten
gleichkam, sondern sogar Verstärkungen erwarten konnten, die sie
ihren Gegnern bei weitem überlegen machen würden, stellte die
Nordseite Sewastopols eine Position von immenser Wichtigkeit dar.
Die Nordseite mit den Kräften einer Garnison zu halten, während
die Feldarmee jene Position einnahm, wo sie sich den neuesten,
uns zugegangenen Nachrichten zufolge befand, bedeutete, die alli-
ierte Armee auf das Plateau des Herakleatischen Chersones zu
bringen. Das bedeutete auch, ihre Schiffe von der Bucht von Sewa-
stopol fernzuhalten und sie einer geeigneten Operationsbasis der
Flotte zu berauben, die näher als der Bosporus lag, denn weder
Kamysh noch Balaklawa konnten dafür in Frage kommen. Solange die
Russen in der Lage waren, das Kampffeld auf der Krim zu behaup-
ten, war die Nordseite ebenso der Schlüssel zur ganzen Krim und
zu dem, was dem ganzen Land überhaupt militärische oder maritime
Bedeutung gibt, wie es der Malachow für die Südseite war. Aber
mit dem Augenblick, da die Russen das Kampffeld nicht länger be-
haupten können, hat die Nordseite schon keine besondere Bedeutung
mehr. Sie ist eine ziemlich stark befestigte Position, die aber -
wenn sie mit zureichenden Kräften belagert wird - verurteilt ist,
zu fallen, weil sie von nirgends Hilfe erwarten kann.
Dies mag verwunderlich erscheinen nach der der Nordseite zu Recht
zugeschriebenen großen Bedeutung. Und dennoch ist das durchaus
richtig. Dieser ganze Krieg war dem Anschein nach ein Befesti-
gungs- und Belagerungskrieg gewesen und hat in den Augen ober-
flächlicher Beobachter den Fortschritt, der durch Napoleons
schnelles Manöver erzielt worden war, völlig zunichte gemacht und
so die Kriegskunst in die Zeit des Siebenjährigen Krieges [229]
zurückgeführt. In Wirklichkeit aber entspricht genau das
Gegenteil den Tatsachen. Heutzutage haben Festungen und Befe-
stigungsgruppen keine andere Bedeutung als die fester Punkte, auf
die sich eine im Feld stehende Armee bei ihren Bewegungen stützt.
So war das Lager bei Kalafat ein Brückenkopf, der es Omer Pascha
erlaubte, die Russen in der Flanke zu bedrohen; so waren
Silistria,
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Rustschuk, Varna und Schumla sozusagen die vier vorspringenden
Winkel eines großen befestigten Lagers, in das sich Omer Pascha
zurückziehen und wo er nicht verfolgt werden konnte, ehe nicht
wenigstens zwei jener vorspringenden Winkel eingenommen oder neu-
tralisiert worden waren. So bildete Sewastopol den Pivot der rus-
sischen Armee auf der Krim, und immer wenn diese Armee zahlenmä-
ßig unterlegen war oder sonstwie in Schach gehalten wurde, gab
ihr Sewastopol eine Atempause, bis neue Verstärkungen eingetrof-
fen waren. Für die Alliierten war Sewastopol ein russischer
Kriegshafen, der zerstört werden mußte, und eine Operationsbasis
für die Flotte, die zu gewinnen war; für die Russen bedeutete es
den Besitz der Krim, weil es die einzige Position war, die bis
zum Entsatz gegen eine große, zahlenmäßige Übermacht gehalten
werden mußte. So lag die letzte Entscheidung immer bei den im
Felde stehenden Armeen, und die Bedeutung von Festungen hing
nicht von ihrer natürlichen oder künstlichen Stärke oder ihrem
eigentlichen Werk ab, sondern von dem Schutz und der Unterstüt-
zung (appui), die sie der Feldarmee gewähren konnten. Ihr Wert
ist relativ geworden. Sie sind nicht mehr unabhängige Faktoren im
Kriegsspiel, sondern nur wertvolle Positionen, die zuweilen mit
allen Mitteln und bis aufs äußerste zu verteidigen ratsam sein
kann, und zuweilen auch nicht. Das beweist die Sewastopol-Affäre
mehr als jedes frühere Ereignis. Sewastopol hat, wie alle wirk-
lich modernen Festungen, die Rolle eines ständig befestigten La-
gers ausgeübt. Solange die zur Verfügung stehenden Kräfte ausrei-
chen, um dieses Lager zu verteidigen, solange Vorräte in Fülle
vorhanden, die Kommunikationen mit der Hauptoperationsbasis gesi-
chert sind, solange vor allen Dingen dieses Lager von einer star-
ken Armee gehalten wird und den Feind daran hindert, an ihm
vorbeizuziehen, ohne seine eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen
- solange ist das Lager von erstrangiger Bedeutung und kann einem
Feind während eines ganzen Feldzuges die Pläne durchkreuzen. Aber
wenn das nicht länger der Fall ist, wenn die Verteidigungskräfte
eine Schlappe nach der anderen erleiden, die Vorräte knapp werden
und die Gefahr besteht, daß ihnen ihre Kommunikationen abge-
schnitten werden und sie selbst dem gleichen Schicksal wie die
Österreicher bei Ulm im Jahre 1805 [273] ausgesetzt sind - dann
ist es höchste Zeit, die Wohlfahrt der Armee dem abstrakten Wert
der Position vorzuziehen und sich sofort an einen anderen Ort zu-
rückzuziehen, der größere Vorteile bietet.
Dies scheint jetzt die Situation der Russen zu sein. Der größere
Teil ihrer ursprünglichen aktiven Armee - vierzehn Divisionen von
vierundzwanzig - ist engagiert und zum Teil auf der Krim vernich-
tet worden, und was an Reserven und Opoltschenzen oder anderen
neuen Formationen da ist, kann
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einem Vergleich mit den Truppen, die sie verloren haben, nicht
standhalten. Sie werden gewiß gut daran tun, keine weiteren Sol-
daten auf diese gefährliche Halbinsel zu schicken und sie lieber
so schnell wie möglich aufzugeben. Die Alliierten sind ihnen zah-
lenmäßig und besonders auch an Mut weit überlegen. Mit Gortscha-
kows augenblicklicher Armee auf dem Feld eine Schlacht zu wagen,
würde bedeuten, eine Niederlage zu suchen. Gortschakow kann ent-
weder von der Südküste und von dem Tal des Salgir her oder bei
Eupatoria umgangen werden. Beide Operationen würden ihn zwingen,
seine Kommunikation mit der Nordseite aufzugeben, ohne sie je
wiederzuerlangen, weil die zahlenmäßige Überlegenheit der Alli-
ierten von Tag zu Tag zunimmt. Es scheint so, als wäre es das be-
ste, was Gortschakow jetzt tun könnte, so kühn wie möglich eine
Front zu halten, während er alles vorbereitet, um die Nordforts
in die Luft zu sprengen und seinen Gegnern durch ein oder zwei
Märsche zu entwischen. Je schneller er nach Perekop kommt, desto
besser. Das trifft besonders dann zu, wenn der Bericht, den wir
aus Paris erhalten haben, wahr ist, daß die Alliierten unmittel-
bar, nachdem sie von Sewastopol Besitz ergriffen hatten, begonnen
haben, eine Armee nach Eupatoria zu schicken. Wenn sie mit Ener-
gie handeln - entweder in dieser Richtung oder die Südküste und
die Pässe von Tschatyr-Dag entlang -, muß die Kampagne schnell zu
einem Ende kommen und die Alliierten im Besitz der Krim lassen.
Soweit wir es übersehen können, sind die einzigen jetzt von ihnen
zu machenden Fehler eine ernste Frontalattacke auf die russische
Position oberhalb von Inkerman oder eine Woche lang Untätigkeit.
Der nächste Dampfer, der morgen abend hier ankommen muß, wird si-
cher Antwort auf die Frage geben, was sie zu tun gedenken.
Geschrieben um den 14. September 1855.
Aus dem Englischen.
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