Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
zurück
#542#
-----
Friedrich Engels
Die Widerstandskraft Rußlands [278]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 455 vom 29. September 1855]
Die Reise des Kaisers von Rußland nach Odessa; die Übersiedelung
seiner Gemahlin von Petersburg nach dem Herzen des heiligen Ruß-
land, nach Moskau; die Zurücklassung Konstantins, des kriege-
rischsten seiner Brüder, am Sitz der Regierung; alle die Umstände
gelten als so viel Beweise, daß Rußland zum äußersten Widerstand
entschlossen ist. Nikolajew und Cherson, die zwei meist befestig-
ten Punkte Südrußlands, bilden jetzt das Zentrum einer Reservear-
mee, die in diesem Augenblicke in den Gouvernements von Taurien
und Cherson zusammengezogen wird. Neben den Armeereserven
(Mannschaften, den 5., 6., 7. und 8. Bataillons angehörig), deren
Anzahl unbestimmbar, sollen 40 000 Milizen in Nikolajew konzen-
triert sein, während sich zu Odessa ungefähr 25 000 Mann befin-
den. Es ist unmöglich, die Richtigkeit dieser Angaben zu prüfen.
Soviel ist sicher: beträchtliche Streitkräfte konzentrieren sich
in Südrußland.
Der s t r a t e g i s c h e P l a n Rußlands zieht nicht nur
den Verlust der Krim in Erwägung, sondern selbst einen feindli-
chen Einfall in Südrußland. Darum ist die Dneprlinie als Haupt-
verteidigungslinie gewählt mit Cherson und Nikolajew als den er-
sten und Jekaterinoslaw als der nächsten Operationsbasis. Da
Cherson und Nikolajew im Wirkungskreis nicht nur von Kanonenboo-
ten, sondern selbst von Kriegsschaluppen liegen, ist eine dem in-
nern Lande angehörige Basis nötig. Diese bietet Jekaterinoslaw.
Gelegen an einem Punkte, wo der Dnepr, durch eine Biegung in sei-
nem Laufe, einen Winkel von ungefähr 75 Graden bildet, ist es ein
vorzügliches Zentrum für eine nach dem Innern retirierende Armee,
die sich erst hinter dem südlichen (NO nach SW) und dann hinter
dem mittleren Laufe (NW nach SO) dieses Flusses zu decken ge-
denkt. Eine von Perekop ins Innere von Rußland vorrückende Armee
hätte erst den Dnepr bei Cherson zu forcieren und dann gegen
Jekaterinoslaw zu avancieren, um dort denselben Fluß von neuem zu
überschreiten. Jedes Detachement, das auf dem linken Ufer des
Dnepr avancierte, wäre leicht aufzuhalten einige Meilen südlich
von Jekaterinoslaw, an der Linie der Woltschja, wo sich dieser
Fluß in den Hauptstrom ergießt. Zu diesen Vorteilen
#543# Die Widerstandskraft Rußlands
----
kommt hinzu, daß das ganze Land südlich von Jekaterinoslaw eine
weite Steppe ist, 200 Meilen in der Ausdehnung, wo es ebenso
schwer ist, eine Armee hindurchzuführen, als sie zu nähren, wäh-
rend die Stadt selbst, gelegen am nördlichen Auslauf der Steppe
und dicht an den reichen, verhältnismäßig dichtbevölkerten Pro-
vinzen von Kiew und Poltawa, jeden erforderlichen Betrag von Pro-
visionen ohne Schwierigkeit beziehen kann. Endlich hält Jekateri-
noslaw die Kommunikation mit der Armee des Zentrums bei Kiew auf-
recht und deckt den Weg nach Moskau. Jekaterinoslaw wird daher
befestigt und mit allem Nötigen zur Proviantierung der Südarmee
versehen. Nahrungsmagazine, Equipierungen, Munitionen werden hier
angehäuft. Wenn dies nun einerseits für den strategischen Scharf-
blick der Russen spricht - und der alte General und Deserteur Jo-
mini hat sie sicher nicht umsonst solange eingeschult -, so be-
weist es andererseits ebensosehr, daß sie für bedeutende Zeit
nicht an Erfolge glauben. Rückten die Alliierten ins Innere von
Rußland ein (von Perekop), so müßten sie allerdings Jekaterinos-
law forcieren. Darum kann es sich aber nicht in diesem Feldzuge
und kaum in dem Feldzuge von 1856 handeln. Erst müßte Rußland die
Krim geräumt haben, ganz Transkaukasien, den Kaukasus bis zum
Terek und Kuban, Odessa ein Raub der Flammen geworden, der Hafen
bei Nikolajew zerstört und die Donau bis nach Galatz hin gesäu-
bert sein - alle diese seine äußeren Extremitäten müssen erst am-
putiert sein, bevor die Alliierten auch nur auf den Einfall gera-
ten könnten, einen Feldzug ins Innere Rußlands zu unternehmen.
Der weit vorsehende strategische Plan der Russen scheint daher de
mauvais augure 1*).
Die alliierten Truppen bewegen sich nach dem Tal der oberen
Tschornaja, um den äußersten rechten Flügel zu umgehen, bei Ai-
todor oder dem oberen Belbek. So berichten gleichmäßig die Depe-
schen Gortschakows und Pélissiers. Uns scheint dieses Manöver der
Alliierten zu ostensibel ausgeführt zu werden, um wirklich in
dieser Art bezweckt zu sein.
Die Aufgabe der Alliierten besteht jetzt offenbar darin, die Rus-
sen von der verschanzten Position auf den Mackenzie-Höhen zu ver-
treiben. Gelingt ihnen dies, so müssen die Russen das Nordfort
räumen und damit die Krim. Zwischen den Mackenzie-Höhen und Sim-
feropol gibt es nämlich keine umgehbare Position, und jenseits
Simferopols hinaus bietet die Steppe, unhaltbar für große Armeen,
gar keine Position dar. Ob die Russen die Krim behaupten werden,
hängt daher von ihrer Fähigkeit ab, ihre jetzige Position spezi-
ell auf den Mackenzie-Höhen zu behaupten.
Geschrieben am 25. September 1855.
-----
1*) von schlechter Vorbedeutung
zurück