Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx/Friedrich Engels
Die Berichte der Generale Simpson,
Pélissier und Niel [ð Mitteilungen aus Frankreich]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 457 vom 1. Oktober 1855]
London, 27. September. Die Berichte der Generale Simpson, Pélis-
sier und Niel, namentlich aber auch die Briefe der englischen
Zeitungskorrespondenten in der Krim, bilden ein weitschichtiges
Material, dessen kritische Sichtung Zeit erheischt. Wir können
daher erst in unserer nächsten Korrespondenz auf die Ereignisse
des 7. und 8. September näher eingehen [279]. Soviel sei indes
bemerkt, daß die englische Presse und mit Recht beinahe
einstimmig in ihrem Verdammungsurteil über General Simpson und
die unter ihm dirigierenden höhern englischen Befehlshaber ist.
Das in der russischen Armee kursierende Witzwort: "L'armée
anglaise est une armée des lions, commandée par des ânes" (Die
englische Armee ist eine Armee von Löwen, angeführt von Eseln)
hat sich bei dem Sturm auf den Redan völlig bewährt. Ein Londoner
Blatt verlangt ein neues Sewastopol-Komitee, vergessend, daß die
elende Führung der englischen Armee das unvermeidliche Produkt
der Herrschaft einer überlebten Oligarchie ist. Von vornherein
waren alle Anstalten verfehlt. Die englischen Trancheen waren
noch so weit (250 Yards) von dem Graben des Redan entfernt, daß
die Truppen ungedeckt mehr als eine Viertelstunde unter dem
feindlichen Geschütz zu durchlaufen hatten und außer Atem
ankamen. Französische Ingenieurs hatten im voraus auf diesen
Mißstand aufmerksam gemacht; es wurde ihnen aber von englischer
Seite geantwortet:
"Wenn wir ein paar Yards weiter vorrücken, kommen wir an einen
Winkel, der uns dem enfilierenden Feuer der Flagstaff-Bastion und
großem Verlust aussetzen wird."
Einmal war diese Chance des Verlustes unstreitig kleiner als die
beim Aussetzen der Truppen während des Sturms. Dann aber konnte
dem Enfilierfeuer begegnet werden teils durch Traversen und Krüm-
mungen der Trancheen, teils durch Errichtung von Contre-Batte-
rien. Alle französischen
#545# Die Berichte der Generale Simpson, Pélissier und Niel
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Remonstrationen scheiterten indes an dem dickhäutigen Starrsinn
Simpsons. Während ferner die Trancheen der Franzosen weit, geräu-
mig und fähig waren, nicht nur enorme Streitkraft aufzunehmen,
sondern auch sie zu maskieren, waren die englischen Trancheen
schmal und so aufgeführt, daß jeder etwas korpulente Großbrite
sogleich die Aufmerksamkeit des russischen Stabes auf sich zog.
Die weite Entfernung, die die englischen Truppen zu durchlaufen
hatten, brachte es dann mit sich, daß sie, am Angriffsobjekt an-
gelangt, statt direkt auf den Feind loszugehn, sich erst zu dec-
ken suchten und auf ein Musketenfeuer einließen, das den Russen
Zeit gab, sich zu ralliieren. Wie elend alle Anstalten getroffen
waren, zeigt sich auch darin, daß, nachdem sich die englischen
Truppen des Walls bemächtigt, nicht daran gedacht wurde, die auf
demselben befindlichen russischen Kanonen zu vernageln. Weder wa-
ren ihnen dazu Arbeiter mit den nötigen Instrumenten zugesellt
noch auch Artilleristen, die die Sache ohne weitere Instrumente
fertiggebracht haben würden. Die Krone aber verdienen General
Simpsons taktische Anordnungen vor und während des Sturms.
(Während des Sturms, wie wir in einem [Berichte eines] Korrespon-
denten der "Daily News" ersehn, saß Simpson, an einem Schnupfen
leidend, in eine weite Kapuze gehüllt, auf einem Faulsessel in
der Greenhill-Batterie.) Er hatte eine Sturmmannschaft von 200
Mann, eine Deckungsmannschaft von 320 Mann und eine gesamte ope-
rierende Mannschaft von nicht mehr als 1000 Mann gegen den
furchtbaren Redan detachiert, an dem sich die Angriffe der Eng-
länder während 6 Monaten gebrochen hatten. Nachdem die Engländer
den hervorspringenden Winkel des Redan durchbrochen hatten, waren
sie dem mörderischen Feuer der in ein Reduit verwandelten Redoute
und der auf den Flanken hinter ihr liegenden Kasematten ausge-
setzt. Wären sie in hinreichender Anzahl vorhanden gewesen, so
konnten sie die Redoute umgehen, was dem Kampfe rasch ein Ende
gemacht haben würde. Aber Verstärkungen kamen nicht heran, ob-
gleich Oberst Windham dreimal dringend nach ihnen sandte und zu-
letzt in eigener Person sie suchen gehen mußte. So blieben die
Truppen während 3 tödlicher Stunden auf dem Parapet, drangen
zweimal ins Innere, [um] nutzlos im Detail abgeschlachtet zu wer-
den, und mußten sich schließlich in großer Unordnung zu-
rückziehen. Die Truppenschwäche, womit Simpson, der über mehr als
zwanzigfach hinreichende Massen zu verfügen hatte, ursprünglich
den Sturm unternahm, das Zurückhalten der nötigen Reserven
während der Aktion, das nutzlose und mutwillige Aufopfern der
tapferen Stürmer - alles dies bildet einen der größten Skandale,
die in der modernen Kriegsgeschichte bekannt sind. Unter dem
ersten Napoleon wäre Simpson unfehlbar vor ein Kriegsgericht
gestellt worden.
#546# Karl Marx/Friedrich Engels
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Es ist auf dem Kontinent und mit Recht gegen das Unwesen der
P a t r i m o n i a l g e r i c h t s b a r k e i t polemisiert
worden. Die u n b e z a h l t e e n g l i s c h e M a g i-
s t r a t u r [280] ist indes nichts anderes als eine moderni-
sierte, konstitutionell angestrichene Patrimonialgerichtsbarkeit.
Man lese folgenden wörtlichen Auszug aus einem englischen Pro-
vinzialblatte:
"Vergangenen Dienstag wurde Nathaniel Williams, ein ältlicher
Landarbeiter, vor eine Magistratsbank von Worcester gestellt und
zu 5 Shilling Strafe nebst 13 Shilling Kosten verurteilt, weil er
ein kleines, ihm selbst zugehöriges Quantum Weizen am Sonntag,
dem 26. August, gemäht hatte. Er plädierte, daß die Arbeit not-
wendig gewesen, daß der Weizen verdorben wäre, hätte er ihn län-
ger stehenlassen, daß er während der Woche vom frühen Morgen bis
in die späte Nacht bei seinem Pachtherrn beschäftigt war. Half
alles nicht. Die Magistrate, reichlich mit Reverends (Ehrwürden)
gespickt, blieben unerbittlich."
Wie hier der Pfarrer in seiner eignen Sache richtet, so tut es
der Fabrikherr, der Squire und die anderen privilegierten Stände,
die die unbezahlte Magistratur bilden.
Aus dem Privatbriefe eines sich in Paris aufhaltenden Engländers
(ein Whig) entnehmen wir folgendes:
"Der heutige (d.d. 24. September) kriegerische Artikel des 'Con-
stitutionnel' scheint die Pariser Bourgeoisie sehr zu entmutigen;
und in 3 verschiedenen Quartieren, alle jedoch von großer
kommerzieller Bedeutung, hörte ich dieselben Bemerkungen, fast in
denselben Worten: Da seht ihr's! Während fast eines Jahres er-
zählte man uns, wenn Sewastopol einmal genommen sei, würde es
möglich werden, die Friedensverhandlungen zu eröffnen. Jetzt, wo
Sewastopol genommen ist, erzählt man uns, dies sei ein rein mili-
tärischer Faktor, und daß vor dem Falle der gesamten Krim nicht
an Frieden zu denken. So wird es vorangehen, und der Himmel weiß,
wenn der Frieden kommen wird. Alles dies wurde in höchster Nie-
dergeschlagenheit vorgebracht. Um gerecht zu sein, muß man zuge-
ben, daß, abgesehen von der Frage des Nationalruhms, der gegen-
wärtige Krieg Frankreich ungelegen ist aus vielen Gründen. Die
Herbstberichte zeigen sich jede Woche schlechter, als die Woche
vorher vermutet ward. Brot z.B. kostet in diesem Augenblick zu
Rouen 26 Sous für das vierpfündige Laib, was soviel ist als 3
Frs. oder 60 Sous für Paris. In Bordeaux war der Munizipalrat be-
reits gezwungen, eine große Summe Unterstützungsgelder zu bewil-
ligen für den Fall, daß das vierpfündige Laib auf 1 Fr. steigen
sollte, was in der Gironde als Hungerpreis betrachtet wird. Die-
ser Zustand zeigt sich nach und nach über der ganzen Oberfläche
des Landes. Der innere Zustand Frankreichs ist daher außerordent-
lich bedenklich, die Parteigänger der Revolution sind in er-
schrecklicher Zahl über das Land zerstreut, und wenn der Notstand
zu unerträglich wird, mögen sie Tausende um ihre Fahnen sammeln.
Die neue Organisation der Departemental- und Munizipalräte war
ein ungeheurer Mißgriff: Das System wirkt fatal. In vielen Depar-
tementen existiert in diesem Augenblick
#547# Mitteilungen aus Frankreich
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kein Departementalrat; und die von der Regierung ernannten Maires
sind jetzt beständig gezwungen, ihren Munizipalrat aufzulösen.
Fast jeden Tag kann man die offizielle Ankündigung lesen, daß der
Maire dieser Stadt den Munizipalrat oder der Präfekt R.R. den Ge-
neralrat aufgelöst hat. Die Gründe werden nicht veröffentlicht;
aber die Tatsache, obgleich keine öffentlichen Kommentare darüber
erlaubt sind, agitiert nichtsdestoweniger das Departement, worin
sie stattfindet. Dies würde auf vielen Punkten die Gegenwart äl-
terer und mehr geprüfter Soldaten wünschenswert machen."
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