Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Das große Ereignis des Krieges [281]
["New-York Daily Tribune" Nr. 4519 vom 13. Oktober 1855,
Leitartikel]
Die Einzelheiten des erfolgreichen Generalsturms auf Sewastopol
am 8. ult. 1*) sind uns jetzt durch die offiziellen Berichte der
Befehlshaber der Alliierten und durch die Korrespondenz der euro-
päischen Zeitungen, von denen die wichtigsten bereits einen Platz
in unserem Blatt gefunden haben, vollständig bekannt. Natürlich
sind diese interessanten Darlegungen ziemlich ohne Ausnahme von
allen gelesen worden, und es besteht keine Notwendigkeit, die
darin enthaltenen Angaben zu wiederholen. Was wir zu tun beab-
sichtigen, ist, unseren Lesern eine klare Vorstellung von den Be-
dingungen zu geben, unter denen die Erstürmung vor sich ging, und
bei dieser Gelegenheit zu erklären, warum die Alliierten dabei an
den verschiedenen Punkten der Attacke so unterschiedliche Ergeb-
nisse erzielt haben. 2*)
Nach General Niel hatten die Franzosen ihre Trancheen auf allen
Punkten ganz dicht an die russischen Werke vorgeschoben. Gegen-
über dem Kleinen Redan an der Kielholbucht (Bastion Nr. 1) und
dem Malachow (Bastion Nr. 2) war die Spitze der Sappe nicht mehr
als 25 Yards entfernt von dem russischen Graben. Bei der Flag-
staff-Bastion (Bastion Nr. 4) betrug die Entfernung 30, bei der
Zentralbastion (Bastion Nr. 5) 40 Yards. Auf allen diesen Punkten
waren daher die Sturmkolonnen eng an die zu stürmenden Werke
herangerückt. Andererseits hatten die Engländer das Sappen aufge-
geben, als sie 240 Yards von dem Großen Redan (Bastion Nr. 3)
entfernt
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1*) (ultimo) vorigen Monats - 2*) An Stelle dieses Absatzes heißt
es in der "Neuen Oder-Zeitung" Nr: 463 vom 4. Oktober 1855: "Am
8. September waren 5 französische und Abteilungen von 2 engli-
schen Divisionen engagiert. Von ungefähr 45 000 Mann verloren die
Alliierten nach ihrem eigenen Geständnis 10 000, also beinahe den
4. Mann. Der russische Verlust ist unbestimmbar."
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angekommen waren. Das entsprang dem Geist der Routine, der noch
in der englischen Armee vorherrscht. Sobald sie ihre Trancheen
bis zu dieser Entfernung vorgeschoben hatten, entdeckten sie, sie
würden bei einem weiteren Vorschieben von der Flagstaff-Bastion
her, die ein gut Teil über die anderen russischen Werke hinaus-
ragt, enfiliert werden. In der Belagerungstheorie gibt es nun
eine allgemeine Regel, nach der kein Teil der Trancheen so ange-
legt werden darf, daß seine Verlängerung auf einen vom Feind be-
setzten Punkt stößt, da dieser Teil dem Enfilierfeuer ausgesetzt
wäre.
Natürlich ist es richtig, wenn man ohne solche fehlerhaft ange-
legten Trancheen auskommen kann. Aber hier, wo dieses Enfilier-
feuer gar nicht vermieden werden konnte (der allgemeine Plan der
Belagerung und die natürliche Beschaffenheit des Geländes schlie-
ßen von vornherein den Gedanken aus, die Flagstaff-Bastion geson-
dert einzunehmen), war es offensichtlich besser, solche Trancheen
anzulegen als gar keine. In der Tat sehen die theoretischen Re-
geln eine Fülle von Gegenmitteln bei solch einem unvermeidbaren
Übel vor. In solch einem Falle werden Traversen und die gemisch-
ten Arten von Sappen vorgeschrieben. Wie es scheint, machten die
französischen Ingenieuroffiziere ihren englischen Kameraden Vor-
haltungen und sagten ihnen, daß - selbst wenn sie beim Vortreiben
ihrer Trancheen unter solchen ungünstigen Bedingungen viele Leute
verlieren würden - es dennoch besser sei, sie jetzt bei der Fer-
tigstellung einer Arbeit zu verlieren, die fast den Erfolg eines
Sturmes sichern würde, als sie während eines Sturmes zu verlie-
ren, dessen Ausgang auf Grund des Fehlens gedeckter Approchen
sehr zweifelhaft sein könnte. Aber die britischen Ingenieure wuß-
ten es besser. Das Ergebnis zeigt, daß sie in hohem Grade unrecht
hatten.
Der französische General verteilte seine Streitkräfte wie folgt:
Gegen den Schlüssel der ganzen Position, den Malachow, Mac-Mahons
Division; zu seiner Rechten, gegen die Kurtine, die ihn mit Ba-
stion Nr. I verbindet, die Division von La Motterouge; auf der
äußersten Rechten, gegen Bastion Nr. 1 selbst, Dulacs Division.
Da der Malachow der einzige Punkt war, der im Falle ernsthaften
Widerstandes auf jede Gefahr hin bezwungen werden mußte, hatte
Mac-Mahon als Reserve eine Division von Garden unter Mehmet. So-
weit die französische Attacke auf die Karabelnajaseite. Auf der
Stadtseite war die Flagstaff-Bastion, die eine Art von vorgescho-
bener Zitadelle auf sehr starkem Terrain bildet und innere Werke
von beträchtlicher Kraft besitzt, nicht unmittelbar in Front an-
zugreifen. Dagegen sollte die Zentralbastion durch Levaillants
Division gestürmt werden, der, im Falle des Erfolges, d'Aute-mar-
res Division nachfolgen sollte, die den Befehl hatte, die Kehle
der Flagstaff-Bastion zu umgehen und diese in dem Augenblick in
der Front zu
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stürmen, da Cialdinis piemontesische Brigade in den Trancheen
konzentriert war. Die Position zwischen dem Malachow und der
Flagstaff-Bastion war von den Engländern besetzt. Sie sollten den
Redan attackieren.
Der Malachow sollte zuerst gestürmt werden und nach seiner Weg-
nahme die übrigen Kolonnen auf ihren respektiven Angriffsgegen-
stand vorgehen. Der Malachow war eine große Redoute auf der
Spitze des kommandierenden Hügels, von dem er den Namen trägt,
auf allen Seiten geschlossen, aber mit weiten Öffnungen in der
Rückseite zur Einlassung von Verstärkungen. Er war durch eine
Kurtine verbunden, zu seiner Rechten und Linken, mit dem Großen
und dem Kleinen Redan. Auch dies waren geschlossene Redouten, die
kleinere zu Redouten bestimmte Werke enthielten, während die
Rückfacen, deren Scharten nach dem Innern der Redoute gekehrt,
einen Abschnitt bildeten. Die Kehlen dieser Abschnitte waren wie-
der verbunden mit dem Malachow durch eine zweite oder innere Kur-
tine, die eine zweite Verteidigungslinie bildete. Das Innere des
Großen und Kleinen Redan war ziemlich frei von Hindernissen und
darum völlig kommandiert durch die Artillerie der Abschnitte und
Redouten. Die Malachow-Redoute aber, auf die sich das feindliche
Feuer seit der Wegnahme des Mamelons konzentriert hatte, war
längs den Wällen mit hohlen Traversen versehen, die den Kanonie-
ren und im Dienst befindlichen Truppen bombenfestes Obdach ge-
währten, während das Innere angefüllt war mit großen Blockhäu-
sern, bombenfest gedeckt, als Kasernen dienend und völlig unge-
eignet zur Verteidigung. Als die ersten Nachrichten von der Ein-
nahme des Malachow eintrafen, sprachen wir die Ansicht aus, daß
die Russen unzweifelhaft denselben Irrtum begangen hätten wie in
der Konstruktion der Kamtschatka-Redoute auf dem Mamelon - näm-
lich, daß sie, um sich gegen das feindliche Feuer sicherzustel-
len, das Innere des Forts offensichtlich unbrauchbar zur Vertei-
digung gegen den Sturm gemacht haben, indem sie es in kleine Ge-
mächer zersplitterten [282]. Unsere Ansicht ist nun völlig bestä-
tigt. Das Labyrinth des Malachow wie das des Mamelon bewies, daß
es absolut nicht verteidigt werden konnte. In zehn Minuten war es
weggenommen, um nie wieder erobert zu werden.
Die französischen Anordnungen für diesen Sturm auf den Malachow
waren bewunderungswürdig. Alles war vorhergesehen und stand in
Bereitschaft. Eine neue Art von Brücken, die nicht beschrieben
sind, wurde gebraucht, um über den Graben zu setzen; in weniger
als einer Minute waren sie gelegt. Der Sturm hatte kaum begonnen,
als die Sappeure eine fliegende Sappe von den Trancheen nach dem
Graben konstruierten, weite Passagen durch die russischen Brust-
werke schnitten, den gegenüberliegenden Graben ausfüllten und
einen gangbaren Weg in das Innere der Malachow-Redoute
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bildeten, auf welchem Verstärkungen, Reserven und selbst Feldge-
schütze sich bewegen konnten. Sobald die ganze Redoute genommen
war, wurden die Passagen in der Kehle schnell geschlossen, Schar-
ten geschnitten, Feldkanonen heraufgebracht, und in ein paar
Stunden, bevor die Russen an einen, ernsthaften Versuch zur Wie-
dereroberüng des Werks denken konnten, war es gänzlich gegen sie
selbst gekehrt, und sie kamen zu spät. Kanoniere standen bereit,
die Kanonen im Notfall zu vernageln, und Infanteriedetachements
trugen in ihren Leibgurten kurzstielige Schanzinstrumente.
Diese Attacke fand statt unter der unmittelbaren Oberaufsicht von
Marschall Pélissier und General Niel. Ob die anderen Attacken
ebensogut organisiert waren, wissen wir nicht; aber im ganzen wa-
ren sie nicht erfolgreich und besonders verfehlt die auf die Zen-
tralbastion. Dieser Sturm unter General de Salles wurde offenbar
mit durchaus unzureichenden Kräften unternommen, denn sobald die
Franzosen an der russischen Brustwehr anlangten, waren sie ge-
zwungen, Schutz hinter ihr zu suchen. Der Sturm artete in ein
Scharmützelfeuer aus und wurde daher notwendig zurückgeschlagen.
Was das bedeutet, so hat General Simpson Sorge getragen, es uns
bei seinem Angriff auf den Redan zu zeigen. Die Attacke auf den
Kleinen Redan war äußerst blutig, und die Position wurde brav von
den Russen verteidigt, die hier allein fünf französische Brigaden
zurückschlugen.
Wir haben bei früheren Gelegenheiten hingewiesen auf die
Abgeschmacktheit des in der britischen Armee vorherrschenden Sy-
stems, ihre Sturmkolonnen so schwach zu bilden, daß sie nur als
verlorene Haufen betrachtet werden können, sobald sie auf irgend-
einen ernsthaften Widerstand stoßen. Dieser Fehler wurde schon in
Lord Raglans Plan der Attacke vom 18. Juni sichtbar; und es
scheint, als ob General Simpson entschlossen war, seinen dahinge-
gangenen Chef noch zu übertreffen. 1*) Der ausspringende Winkel
des Redan hatte unter dem englischen Feuer gelitten, und es war
beschlossen worden, den Sturm gegen diesen Punkt zu richten, so-
wie der Malachow von den Franzosen völlig eingenommen war.
Dementsprechend hatte General
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1*) An Stelle dieses Satzes bringt die "Neue Oder-Zeitung" fol-
genden Text: "Diese Routine basiert darauf, daß die Festungen,
womit die Engländer es hauptsächlich zu tun hatten, namentlich
auch Wellington in Spanien, nach dem italienisch-spanischen Sy-
stem gebaut waren und daher selten mehr als 500 Mann bergen konn-
ten. Wie alles bei den Engländern traditionell ist, so ihre
Sturmart - mögen die Voraussetzungen derselben auch längst ver-
schwunden sein. So ahmte Lord Raglan - man weiß mit welchem Er-
folg - am 18. Juni die alte Wellington-Manier nach. Statt von
seinem Unglück belehrt zu werden, hielt es Simpson für Pflicht,
Raglan nicht nur nachzuahmen, sondern selbst zu übertreffen.
Simpson hatte am 8. September 25 000 Mann auf dem Fleck. Von die-
sen überließ er einer Zahl von 1800 den wirklichen Sturm."
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Simpson von der 2. und der leichten Division Détachements für die
Erstürmung abgezogen, im ganzen ungefähr 1800 Mann oder die
Hälfte von zwei Brigaden! Die anderen beiden Brigaden dieser Di-
visionen sollten als Verstärkung tätig sein, und die 3. und 4.
Division sollte die Reserve bilden; außerdem waren auch die
Garde- und die Schottische Division zur Stelle - alle zusammen
25 000 Mann stark; und von diesen wurden etwa 1800 mit dem wirk-
lichen Sturm betraut, die später noch von etwa 2000 unterstützt
wurden! Diese 1800 Mann mußten nun - nicht wie die Franzosen, die
aus ihren Trancheen in den russischen Graben springen konnten -
einen Weg von 250 Yards über offenes Gelände zurücklegen, wobei
sie dem Flankenfeuer der Russen von den Kurtinen des Redan her
ausgesetzt waren. Sie fielen haufenweise, aber sie rückten vor,
überquerten den Graben mit Sturmleitern, drangen in den aussprin-
genden Winkel ein, und stießen hier sofort auf ein fürchterliches
Kartätschen- und Musketenfeuer von dem im Hintergrund des Redan
gelegenen Abschnitt und den Redouten. Die Folge war, daß sie
sich, um Schutz zu suchen, hinter den Traversen zerstreuten und,
wie die Franzosen auf der Zentralbastion, auf die Russen zu feu-
ern begannen. Das würde nichts geschadet haben, wenn nur die Ver-
stärkungen und die Reserven vorgeruckt wären und im geschlossenen
Angriff die bereits gewonnenen Vorteile weiterverfolgt hätten.
Aber kaum einer kam heran, und diejenigen, die erschienen, kamen
in kleinen Gruppen und unregelmäßig. Dreimal schickte der komman-
dierende Brigadier Windham Offiziere mit der Bitte aus, Truppen
in regulärer Kampfordnung vorrücken zu lassen, aber sie kamen
nicht. Alle drei Offiziere wurden beim Überqueren der Ebene ver-
wundet. Schließlich ging er selbst und bewegte General Codring-
ton, ein weiteres Regiment zu schicken; doch in der Zeit traten
die britischen Truppen plötzlich den Rückzug an und gaben den Re-
dan auf. Die russischen Verstärkungen waren gekommen und fegten
den befestigten Platz leer. Da beschloß Vater Simpson, der noch
20 000 Mann in Reserve hatte, einen erneuten Sturm am nächsten
Morgen zu versuchen!
Diese kraftlose Attacke der Engländer auf den Redan drückt den
Generalen der Krim den unauslöschlichen Stempel der Unfähigkeit
auf. Sie scheinen eine ihnen eigene Neigung zu haben, einander im
Begehen von Fehlern zu überbieten. Balaklawa [3] und Inkerman
[111] waren in dieser Hinsicht große Heldenstücke; aber der 18.
Juni und der 8. September stellen sie bei weitem in den Schatten.
Die Erstürmung war so unbedacht vorbereitet worden, daß, während
die Engländer den ausspringenden Winkel des Redan besetzt hiel-
ten, nicht einmal die dort vorgefundenen Geschütze vernagelt wur-
den, und daher überschütteten diese gleichen Geschütze die Eng-
länder bei ihrem Rückzug
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genauso stark mit Kartätschen- und Schrapnelladungen wie vorher
bei ihrem Vorrücken. Was Versuche angeht, sich in ein passendes
Logement festzusetzen, so erwähnen weder Simpson noch die Zei-
tungskorrespondenten irgend etwas davon. Tatsächlich scheinen
selbst die einfachsten Vorsichtsmaßregeln vernachlässigt worden
zu sein.
Die Attacken auf den Redan, die Zentralbastion und den Kleinen
Redan waren zwar bis zu einem gewissen Grade nur Demonstrationen.
Allein der Sturm auf den Redan hatte noch eine besondere Bedeu-
tung. Es war die Position, wodurch die Eroberung des Malachow so-
fort entscheidend wurde, weil, Wenn der Malachow durch seine Höhe
den Redan, der Redan die Zugänge zum Malachow beherrscht und,
einmal weggenommen, alle auf jenem Hügel marschierenden russi-
schen Kolonnen in die Flanke genommen hätte. Der Fall des Mala-
chow bestimmte die Russen, die ganze Südseite aufzugeben; der
Fall des Redan würde sie gezwungen haben, mindestens die Karabel-
naja in aller Hast zu räumen, und zwar bevor sie das gut arran-
gierte System der Zerstörung durch Feuer und Explosion hätten or-
ganisieren können, unter dessen Schutz sie ihren Rückzug sicher
bewerkstelligen konnten. Die Engländer haben also wirklich dabei
versagt, das zu tun, was ihre Alliierten mit Recht von ihnen er-
warteten, und dazu an einem sehr wichtigen Punkt. Und nicht nur
die Generale haben versagt, sondern auch die Soldaten waren nicht
das, was sie früher gewesen waren. Zum großen Teil junge Bur-
schen, erst vor kurzem auf der Krim angekommen, waren sie zu sehr
darauf erpicht, nach Schutz Ausschau zu halten und zu schießen,
statt mit dem Bajonett anzugreifen. Es fehlte ihnen an Disziplin
und Ordnung; die einzelnen Regimenter kamen durcheinander, die
Offiziere verloren jede Kontrolle, und innerhalb weniger Minuten
geriet so die Maschinerie aus dem Geleise. Trotzdem muß man aner-
kennen, daß sie ungeachtet dessen auf dem Redan fast zwei Stunden
lang in verbissenem, passivem Widerstand ausharrten, ohne daß
Verstärkung ankam; aber schließlich sind wir nicht gewöhnt, die
britische Infanterie auf die Stufe der Russen herabsinken und ih-
ren einzigen Ruhm nur in passiver Tapferkeit suchen zu sehen.
Die Siegespalme des Tages gebührt den Generalen Bosquet und Mac-
Mahon. Bosquet kommandierte den ganzen französischen Sturm auf
der Rechten, und Mac-Mahon hatte die Division unter sich, die den
Malachow einnahm und hielt. Es war einer der seltenen Tage, an
dem die Franzosen die Engländer wirklich an Tapferkeit übertra-
fen. Auf jedem anderen Gebiet hatten sie ihre Überlegenheit über
sie schon lange vorher gezeigt. Sollen wir nun daraus schließen,
daß die englische Armee schlechter geworden ist und daß ihre In-
fanterie sich nicht länger rühmen kann, in geschlossener Ordnung
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die erste Infanterie der Welt zu sein? Das zu sagen, wäre ver-
früht; aber es ist sicher, daß von allen Männern in der Welt die
britischen Generale in der Krim am besten dazu geeignet sind, den
physischen und moralischen Zustand der Armee zu untergraben; an-
dererseits ist das Soldatenmaterial, das seit einiger Zeit in die
Armee eingegliedert wird, weit schlechter, als es früher war. Das
britische Volk täte gut daran, sich darum zu kümmern; zwei Nie-
derlagen innerhalb von drei Monaten sind ein durchaus neuer Zug
in der britischen Kriegsgeschichte.
Von den Russen können wir nur sagen, daß sie mit ihrer gewohnten
passiven Tapferkeit kämpften und daß sie bei dem Sturm, den sie
unternahmen, um den Malachow wiederzugewinnen, sogar großen akti-
ven Mut an den Tag legten. Wie ihre taktischen Vorkehrungen aus-
sahen, darüber können wir uns nicht eher ein Urteil erlauben, als
bis ihr Bericht veröffentlicht ist. Eins ist sicher, nämlich, daß
der Malachow völlig durch Überrumpelung in Besitz genommen worden
ist. Die Garnison befand sich beim Essen, und keiner von ihnen,
außer der Artillerie an den Kanonen, scheint unter Waffen gestan-
den zu haben und bereit gewesen zu sein, einer Attacke zu begeg-
nen.
Wenn wir uns jetzt ansehen, was seit der Einnahme der Südseite
getan worden ist, so entnehmen wir Gortschakows Berichten, daß
20 000 Mann der Alliierten (von welcher Nation wird nicht gesagt)
nach Eupatoria gegangen sind und daß gleichzeitig starke Reko-
gnoszierungsabteilungen gegen die im Baidartal verbliebenen Rus-
sen geschickt worden sind, wo die russischen vorgeschobenen Trup-
pen gezwungen wurden, sich nach Urkusta hin, in Richtung des Tals
des oberen Tschulin, eines anderen Nebenflusses der Tschornaja,
zurückzuziehen. Das Korps von 30 000 Mann, das jetzt in Eupatoria
liegt, ist ziemlich schwach und kann sich nicht weit vom Ort
fortwagen. Aber Verstärkungen können noch folgen. Auf jeden Fall
haben Feldoperationen begonnen, und die nächsten vierzehn Tage
müssen entscheiden, ob die Russen ihre Position halten können
oder ob sie die ganze Krim als Beute den Alliierten überlassen
müssen.
Geschrieben am 28. September 1855.
Aus dem Englischen.
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