Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Der offizielle Finanzbericht
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 467 vom 6. Oktober 1855]
London, 2. Oktober. Der offizielle Finanzbericht über die Staats-
einnahme für das vergangene Jahr, Halbjahr und Vierteljahr -
(nach den Gladstoneschen Neuerungen endet das englische Finanz-
jahr sowohl für Ausgaben als Einnahmen mit dem 30. September) -
liegt uns nun vor. Er beweist einerseits die Elastizität engli-
scher Hilfsquellen, andrerseits, daß die Wahrscheinlichkeits-
rechnung nicht das forte 1*) englischer Finanziers ist. Der
Nettoüberschuß beträgt gegen das vergangene Finanzjahr 8 344 781
Pfd. St., gegen das vergangene Halbjahr 2 929 699 Pfd. St. und
gegen das vergangene Vierteljahr 1 924 124 Pfd. St. Die Bedeutung
dieser Zahlen verwandelt sich unter der Hand, wenn einerseits die
unter Gladstone und Lewis stattgehabte Steuererhöhung, andrer-
seits das Mißverhältnis zwischen den berechneten und ver-
wirklichten Steuerzunahmen in Betracht gezogen wird. Dies zeigt
sich unwidersprechlich, sobald wir auf die Details eingehen. In
den Douanen finden wir einen Zuwachs von 1 290 787 Pfd. St. für
das Jahr, von 608 444 Pfd. St. für das Halbjahr und von 364 423
Pfd. St. für das Vierteljahr. Dies ist gänzlich zuzuschreiben den
neuen Steuern auf Tee, Zucker und Kaffee. Es gehört der bürgerli-
che Optimismus der "Daily News" dazu, aus dieser statistischen
Prämisse auf ein Steigen des Wohlstandes innerhalb der arbeiten-
den Klassen zu schließen. Gladstone suspendierte bekanntlich die
Steuerreduktionen auf Tee und Zucker, die das Unterhaus auf sei-
nen Vorschlag im Jahre 1854 dekretiert hatte. Sein Nachfolger Le-
wis fügte 3 sh. per Zentner auf Zucker hinzu, was nach seiner
Schätzung 1 200 000 Pfd. St. Steuern einbringen sollte; 3 d. auf
das Pfund Tee, was nach seiner Berechnung der Douane 750 000 Pfd.
St. zufügen mußte; endlich 1 d. für das Pfund Kaffee, was einem
finanziellen Surplus von 150 000 Pfd. St. gleichkommen sollte.
Der gesamte Mehrbetrag der Douane in dem letzten Vierteljahr be-
trägt jedoch nur 364 423 Pfd. St., also lange nicht einmal die
Hälfte von dem Zuschuß, der allein von der Steuererhöhung
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1*) Stärke
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auf den Zucker erwartet war. Aus den Steuerlisten ersehen wir,
daß die Konsumtion des Kaffees gegen 1853 um beinahe 2 p.c. abge-
nommen hat. Die Douane-Einnahme auf Wein und Tabak ist bedeutend
gefallen.
Die Akzise gilt in England als der Barometer der "Komforts" der
niederen Volksklassen. Hier finden wir im besten Quartal einen
Ausfall von 266 006 Pfd. St. Und dennoch war des Sir G[eorge]
C[ornewall] Lewis' neue Steuer auf gebrannte Getränke in Schott-
land und Irland in voller Wirkung. Er rechnete darauf, von seiner
additionellen Steuer 1 000 000 Pfd. St. Zuwachs zu erhalten.
Statt dessen hat er 266 006 Pfd. St. auf das Vierteljahr einge-
büßt. Was die Stempelsteuer betrifft, so findet sich auf das Jahr
ein Zuwachs von 100 472 Pfd. St., aber auf das Halbjahr eine Ab-
nahme von 48 402 Pfd. St. und auf das letzte Vierteljahr eine Ab-
nahme von 103 344 Pfd. St. Dies ist um so auffallender, wenn er-
wägt wird, daß die Erbschaftssteuer, neu von Gladstone einge-
führt, sich in voller Operation befindet. In der zu dieser Kate-
gorie (der Stempeleinnahme) gehörigen Revenue der Post finden wir
ein Defizit von 206 819 Pfd. St. auf das Jahr, von 175 976 Pfd.
St. auf das Halbjahr und von 81 243 Pfd. St. auf das letzte Vier-
teljahr. Die Grundeigentumssteuer zeigt eine Zunahme von
6 484 147 Pfd. St. für das Jahr, 2 195 124 Pfd. St. für das
Halbjahr und 1 993 590 Pfd. St. für das Vierteljahr. Aber es darf
nicht vergessen werden, daß Gladstone die frühere Steuerrate ver-
doppelte und davon einen Zuwachs von 6V2 Millionen Pfd. St.
erwartete, während Sir G.C. Lewis außerdem eine neue Zulagesteuer
von 2 d. auf das Pf[und] St[erling] durchsetzte, wovon er einen
neuen Steuerzuwachs von 4 000 000 Pfd. St. erwartete. Also auch
in der Grundeigentumsrevenue hat der Zuwachs in der Einnahme
keineswegs dem Zuwachs in der Steuer entsprochen.
Man beschäftigt sich hier fortwährend mit den Schwindeleien und
der wahrscheinlichen Zukunft des Crédit Foncier 1*) und des
Crédit mobilier [276] und anderer bonapartistischer Bank- oder
Bankeruttskreaturen. Man kann sich hierbei erinnern, daß Emile
Péreire und andere Chefs dieser Institute von Hause aus S[ain]t
Simonisten sind. Diese Herren erwarteten von jeher das Heil der
Welt von den Banken, vielleicht auch vom Bankerutt. Jedenfalls
haben sie ihr eigenes Heil darin gefunden. Der St. Simonismus,
soweit man von den großen allgemeinen Ideen des Meisters
abstrahiert, hat sich unter Bonaparte in seiner einzig möglichen
Form verwirklicht. Was will man mehr! Péreire ist der
Hauptfinanzhumbug Bonapartes und Herr Michel Chevalier ist einer
der Hauptredakteurs, er ist der Hauptökonomist des "Journal des
Débats" [284]. Habent sua fata libelli 2*). Aber auch große Ideen
haben ihre "fata" 3*).
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1*) Bodenkreditbank - 2*) Bücher haben ihre Schicksale -
3*) "Schicksale"
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