Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Verlauf der Kriegsoperationen
["New-York Daily Tribune" Nr. 4538 vom 5. November 1855,
Leitartikel]
Nachrichten über den Krieg gibt es in Hülle und Fülle. Außer dem
Rapport von Gortschakow, den wir an anderer Stelle kommentieren,
sind mit dem Dampfer am Sonnabend die offiziellen Berichte einge-
troffen über das Kavalleriegefecht bei Kurula, in der Nähe von
Eupatoria, worüber wir bereits schrieben. Dazu kommen die Nach-
richten über einen erfolglosen Sturm der Russen auf Kars, über
die Zerstörung von Taman und Fanagoria durch die Alliierten, und
über die Landung eines Truppenteils der Alliierten auf der
Halbinsel Kinburn [286].
Das Kavalleriegefecht in der Nähe von Eupatoria wurde von zwölf
französischen Eskadronen (dem 4. Husarenregiment sowie dem 6. und
7. Dragonerregiment) ausgetragen. General d'Allonvilles Rapport
zufolge, der klar und verständlich verfaßt ist, führten die Fran-
zosen und Türken eine ausgedehnte Rekognoszierung in das Innere
des Landes auf drei verschiedenen Wegen durch - auf einem nach
dem Süden und auf zwei vom Sasyk-See aus nach dem Norden. Die
beiden letzteren Kolonnen trafen sich bei dem Dorf Dolschak, wo
sie das Herannahen der russischen Kavallerie entdeckten. Von hier
an stimmen die Rapporte nicht mehr überein. General d'Allonville
behauptet, daß in der Zeit, in der die Franzosen abgestiegen wa-
ren und ihre Pferde tränkten, achtzehn russische Eskadronen ver-
suchten, sie von Süden her zu umgehen und ihren Rückzug nach Eu-
patoria abzuschneiden, daraufhin befahl er seinen Leuten aufzu-
steigen, warf sich auf die Flanke der Russen, schlug sie in die
Flucht und verfolgte sie zwei Lieue 1*) weit. Gortschakow jedoch
sagt, daß die Russen nur über ein Regiment (das 18. Ulanenregi-
ment)
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1*) altes französisches Wegmaß (4,45 km)
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oder über acht Eskadronen verfügten; daß sie von den Franzosen
überrumpelt wurden, nachdem sie abgesessen waren, um eine Batte-
rie Artillerie abzuprotzen, und daß sie unter diesen Umständen
sich durch die Flucht retten mußten. Er macht General Korf für
diesen Fehler verantwortlich. Warum nun ein ganzes Ulanenregiment
vom Pferde steigen und helfen mußte, eine Batterie von acht Ge-
schützen abzuprotzen, und warum die Kanoniere, die eigentlich
diese Arbeit hätten verrichten müssen, nicht zur Stelle waren,
das zu erraten bleibt uns überlassen. Der ganze Rapport Gortscha-
kows ist so konfus, so unmilitärisch, so durchdrungen von dem
Wunsch, dieses erste Mißgeschick der Kavallerie zu entschuldigen,
daß man ihn nicht als eine ernste Darlegung von Tatsachen auffas-
sen kann. Gleichzeitig sehen wir, daß General Korf für diese Nie-
derlage verantwortlich gemacht wird, so wie Selwan für Silistria,
Soimonow für Inkerman, Read für die Tschornaja verantwortlich ge-
macht wurden. Gortschakow selbst bleibt, obwohl er bei jedem
Treffen geschlagen wurde, immer der Unbesiegte. Nicht ihm wurden
Niederlagen beigebracht, beileibe nicht; immer ist es irgendein
unglücklicher Subalterner, der die weisen Pläne des Generals
durch irgendeinen groben Fehler über den Haufen wirft und der als
Strafe für dieses Vergehen gewöhnlich im Kampfe fällt. In diesem
Falle jedoch hat der Schuldige das Unglück, am Leben zu bleiben.
Vielleicht hat er später etwas zu Gortschakows Depesche zu sagen.
Inzwischen hat er die Genugtuung, daß ihn sein Gegner in einem
weit günstigeren Licht darstellt als sein unfehlbarer Oberbe-
fehlshaber. Nach dieser Schlacht bei Eupatoria wurde zur Verstär-
kung der Franzosen die britische leichte Kavalleriedivision
dorthin geschickt.
Zwei weitere Expeditionen wurden an den äußersten Flanken des
Kriegsschauplatzes auf der Krim unternommen. Eine derselben
schickte man von Kertsch und Jenikale nach der gegenüberliegenden
Seite der Meerenge. Die kleinen Festungen Taman und Fanagoria
wurden zerstört, ungefähr 100 Kanonen erbeutet, und damit haben
sich die Alliierten den Zugang zum Asowschen Meer völlig gesi-
chert. Diese Operation wurde nur als eine Vorsichtsmaßnahme un-
ternommen; ihre unmittelbaren Resultate sind von geringem Ein-
fluß;
Die zweite Expedition ist von größerer Bedeutung. Die alliierten
Flotten, die an Bord ungefähr 10 000 Mann haben, unternahmen zu-
erst ein Scheinmanöver vor Odessa, wobei jedoch kein Schuß fiel,
und segelten dann nach Kinburn. Dieser Ort liegt nahe der äußer-
sten Spitze einer Landzunge, die im Süden die von den Mündungen
des Dnepr und Bug- gebildete Bucht umschließt. An dieser Stelle
ist der Meeresarm ungefähr drei Meilen breit; der Zugang zur
Bucht wird durch eine Sandbank verschlossen, die
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15 Fuß unter Wasser liegt (den besten Seekarten zufolge). An der
Nordseite dieses Zugangs liegt Otschakow, an der Südseite Kin-
burn. Beide Festungen wurden während der russisch-türkischen Kam-
pagne von 1787 bekannt, als der Bug die Grenze zwischen den bei-
den Reichen bildete, und folglich Otschakow den Türken und Kin-
burn den Russen gehörte. Damals befehligte Suworow den linken
Flügel der russischen Armee (unter Potjomkin) und war in Kinburn
stationiert. Die Türken, damals Herren des Schwarzen Meeres,
setzten von Otschakow über. Zuerst versuchten sie ein Ablenkungs-
manöver und landeten südöstlich hinter der Stadt Kinburn; aber
als sie sahen, daß sich Suworow durch dieses Scheinmanöver nicht
irreführen ließ, landeten sie mit ihren Hauptkräften an der Nord-
westspitze der Landzunge, genau gegenüber Otschakow. Hier ver-
schanzten sie sich und attackierten die Festung; aber Suworow,
mit viel geringeren Kräften als die Türken, machte einen Ausfall,
griff sie an und trieb sie mit Hilfe nachrückender Verstärkungen
ins Meer. Die Verluste der letzteren waren riesig. Suworow selbst
wurde jedoch verwundet während dieses Kampfes, dem im nächsten
Jahr, 1788, der Sturm auf Otschakow folgte.
Dieses Mal landeten die Alliierten nicht unterhalb, sondern unge-
fähr vier Meilen oberhalb der Stadt Kinburn, um die Verbindung zu
Lande mit Cherson und dem Inneren Rußlands zu unterbrechen. Ihre
Kanonenboote werden sehr wahrscheinlich auch bald die Verbindun-
gen zur See unterbrechen. Die Landzunge von Kinburn, an sechs
Meilen oberhalb der Stadt, ist, ähnlich wie die von Arabat, äu-
ßerst schmal und liegt so tief und ist so sandig, daß man auf
Wasser stößt, wenn man einige Fuß tief unter die Oberfläche
gräbt. Deshalb können dort keine starken Befestigungsanlagen mit
tiefen Gräben schnell errichtet werden; und die von den Türken
1787 aufgeworfenen Werke waren entweder Palisaden oder mit Sand-
säcken bedeckte Batterien. Die eigentliche Befestigung von Kin-
burn kann aus demselben Grunde nicht sehr furchterregend sein, da
es unmöglich ist, Fundamente für Eskarpen aus Mauerwerk zu er-
richten; doch sind seit dem Krieg mit den Türken zweifelsohne
breite Wassergräben gezogen worden. Dennoch sind wir der Meinung,
daß sich Kinburn, wenn es energisch attackiert wird, nicht lange
gegen die Alliierten halten kann, und wenn Kinburn erst einmal in
ihren Händen ist, bietet es ihnen Aussichten für wichtige Opera-
tionen in Richtung Cherson und Nikolajew, das heißt in Richtung
der Operationsbasis der russischen Armee auf der Krim. Diese Lan-
dung mag sich also als sehr wichtig erweisen, wenn entsprechende
Operationen folgen werden. Aber bis zur Abfahrt des Dampfers wa-
ren noch keine irgendwie entscheidenden Nachrichten eingetroffen,
und so können wir daraus schließen, daß auch diese
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Expedition in dem üblichen gemächlichen, schlafmützigen Stil der
Alliierten geführt wird.
Die Niederlage der Russen vor Kars wird sich höchstwahrscheinlich
als die Krönung der Kampagne in Armenien erweisen. Die Türken,
schlecht organisiert und knapp an Kriegsausrüstungen jeder Art,
haben auf diesem Teil des Kriegsschauplatzes eine armselige Rolle
gespielt. Unfähig, einen Krieg im Felde zu führen, begnügten sie
sich mit der Besetzung von Kars, Erzerum und dem Gelände, das un-
mittelbar von diesen Festungen beherrscht wird. General Williams,
der in türkische Dienste getreten war, befehligte die Garnison in
Kars und überwachte den Bau angemessener Verteidigungswerke. Den
größeren Teil des Sommers hindurch beschränkte sich auf beiden
Seiten die ganze Kampagne auf Scharmützel, Raubzüge und
Futtersuchaktionen in dem Bergland; das allgemeine und Haupter-
gebnis war, daß es den Russen, die allmählich Boden gewannen, ge-
lang, Kars zu blockieren und sogar dessen Kommunikationen mit Er-
zerum abzuschneiden. Kars liegt in einem Seitental des oberen
Araxes; Erzerum an den Quellen des Euphrat; Batum an der Mündung
des Tschoroch (Batis), dessen oberer Lauf sowohl in der Nähe von
Kars als auch von Erzerum vorbeiführt, so daß eine der Straßen
zwischen diesen beiden Orten dem Stromgebiet des Tschoroch bis
nach Olti folgt, wo sie durch die Berge nach Kars abbiegt. Olti
war daher für die Türken der zentrale Punkt, zumal eine Straße
von Batum dort auf die eben erwähnte stößt, und Batum war der
Ort, von dem die nächsten und größten Verstärkungen zu erwarten
waren. Wäre es den Russen gelungen, Kars einzunehmen, wäre ihr
erster Schritt gewesen, sich in Olti festzusetzen und dabei Er-
zerum von seiner nächsten und besten Kommunikationslinie mit dem
Schwarzen Meer und Konstantinopel abzuschneiden. Die Türken aber
waren so entmutigt, daß sie sich bis nach Erzerum zurückzogen und
nur den Gebirgspaß zwischen dem oberen Euphrat und den Quellen
des Araxes besetzt hielten, während Olti fast völlig außer acht
gelassen wurde.
Als Kars enger eingeschlossen war, versuchten sie endlich, einen
Proviantkonvoi in Olti zu bilden und mit einer starken Eskorte
Einlaß in Kars zu erzwingen. Ein Teil der Kavallerie war aus Kars
weggeschickt worden, weil er dort nutzlos war, und er kämpfte
sich tatsächlich durch das von den Russen besetzte Gebiet bis
nach Olti durch; bald danach brach der Konvoi auf; aber diesmal
waren die Russen besser auf der Hut - die Türken wurden völlig
geschlagen und der Konvoi von den Russen erbeutet. Mittlerweile"
begann in Kars der Mangel an Proviant sich empfindlich bemerkbar
zu machen. Omer Pascha wurde tatsächlich nach Asien entsandt, um
das Kommando zu übernehmen und in Batum eine schlagkräftige Armee
zu organisieren. Aber
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eine neue Armee zu formieren braucht viel Zeit, und ein Marsch
direkt über Olti mit dem Ziel, Kars zu entsetzen, war nicht ge-
rade das beste, was Omer Pascha tun konnte, da Kars jeden Tag ge-
zwungen werden kann, sich aus Mangel an Proviant zu ergeben, ehe
Hilfe eintreffen wird.
In dieser schwierigen Lage befanden sich die Türken Ende Septem-
ber; Kars wurde so gut wie verloren betrachtet, und die Russen
waren sicher, die Stadt durch bloße Blockade auszuhungern. Aber
die Russen scheinen nicht gewillt gewesen zu sein zu warten, bis
in Kars das letzte Mehl verbacken und das letzte Pferd geschlach-
tet war. Ob nun aus Furcht vor dem herannahenden Winter, dem Zu-
stand der Straßen, Mangel an Proviant, höheren Befehlen oder aus
Furcht vor Omer Paschas Hilfskorps, sie entschlossen sich jeden-
falls, sofort energisch zu handeln. Aus Alexandropol, einer an
der Grenze nur wenige Lieue von Kars gelegenen Festung, trafen
Belagerungskanonen ein, und nach einigen Tagen Bau von Laufgräben
und Beschießung wurde Kars von den konzentrierten Hauptkräften
der russischen Armee unter Murawjow gestürmt. Die Schlacht war
schrecklich und dauerte acht Stunden. Die Baschi-Bosuks und die
irregulären Fußtruppen, die im Felde so oft vor den Russen geflo-
hen waren, kämpften hier in einem günstigeren Gelände. Obwohl die
attackierenden Kräfte vier- bis sechsmal so stark als die der
Garnison gewesen sein müssen, so blieben doch alle Versuche, in
die Stadt einzudringen, ergebnislos. Die Türken hatten hier end-
lich ihren Mut und ihre Klugheit wiedergefunden. Zwar gelang es
den Russen mehr als einmal, an die-türkischen Batterien heranzu-
kommen (höchstwahrscheinlich an die an der Kehle offenen Lünet-
ten, so daß sie vom Feuer der zweiten Verteidigungslinie be-
herrscht wurden), doch konnten sie sich nirgendwo festsetzen.
Ihre Verluste sollen immens gewesen sein; 4000 Tote sollen von
den Türken begraben worden sein; aber ehe wir das glauben, müssen
wir ausführlichere und genauere Informationen haben.
Was Omer Paschas Operationen angeht, so konnte er zweierlei tun.
Entweder Kars zu Hilfe kommen und über Olti den Tschoroch entlang
marschieren, wobei er riskiert hätte, für die Verwirklichung die-
ses Zieles zu spät zu kommen, da er dabei seine Armee auf die ar-
menische Hochebene hätte führen müssen, wo die Russen durch eine
starke Reihe von Festungen vor einem wirkungsvollen Frontalan-
griff sicher sind und wo Omer Pascha keine Gelegenheit gehabt
hätte, ihre Flanken anzugreifen; oder er hätte den Rion entlang
nach Kutais und von dort über die Berge in das Tal der Kura nach
Tiflis marschieren müssen. Dort würde er auf keine befestigten
Punkte von irgendwelcher Bedeutung stoßen und sofort das Zentrum
der russischen Macht in Südkaukasien bedrohen. Ein wirkungsvol-
leres Mittel, Murawjow
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aus Armenien zurückzurufen, konnte nicht gefunden werden, und un-
sere Leser werden sich erinnern, daß wir immer und immer wieder
darauf hingewiesen haben, daß nur diese Richtung der Operationen
die Möglichkeit gibt, der Stärke der Russen in Asien einen hefti-
gen Schlag zu versetzen. Die geeignete Operationsbasis für diesen
Marsch würde Redut Kaie sein; aber da es dort keinen sicheren Ha-
fen gibt, hat sich Omer Pascha für Suchum Kaie entschieden, wo es
einen guten Hafen und eine bessere Straße längs der Küste gibt.
Ob die Jahreszeit für derartig ernste Vorhaben nicht schon zu
vorgeschritten ist, werden wir bald erfahren.
Geschrieben am 19. Oktober 1855.
Aus dem Englischen.
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