Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Lord Palmerston [52]
I
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 79 vom 16. Februar 1855]
London, 12. Februar. Lord Palmerston ist unstreitig das interes-
santeste Phänomen des offiziellen England. Obgleich ein Greis und
seit 1807 fast ohne Unterbrechung auf der öffentlichen Bühne, hat
er verstanden, eine Neuigkeit zu bleiben und alle die Hoffnungen
wachzuhalten, die sich an vielversprechende und ungeprüfte Jugend
zu haften pflegen. Mit einem Fuße im Grabe, soll er seine wahre
Karriere noch nicht begonnen haben. Wenn er morgen stirbt, wird
ganz England überrascht werden mit der Nachricht, daß er während
eines halben Jahrhunderts Minister war. Kein universeller Staats-
mann, ist er sicher ein universeller Schauspieler - gleich er-
folgreich im heroischen wie im komischen, im pathetischen wie im
familiären Stil, in der Tragödie wie in der Farce, obgleich letz-
tere seiner Natur mehr zusagen mag. Er ist kein Redner erster
Klasse, aber er ist ein vollendeter Mann der Debatte. Mit wunder-
vollem Gedächtnis, großer Erfahrung, vollkommenem Takt, nie ver-
sagender Geistesgegenwart, vornehmer Geschmeidigkeit und der al-
ler-genauesten Kenntnis parlamentarischer Schliche, Intrigen,
Parteien und Persönlichkeiten, behandelt er schwierige Fälle mit
gefälliger Geläufigkeit, sich anschmiegend an die Vorurteile sei-
nes jedesmaligen Publikums, geschützt vor jeder Überraschung
durch seine Nonchalance, gegen jedes Selbstbekenntnis durch seine
selbstische Gewandtheit, gegen leidenschaftliches Überströmen
durch tiefe Frivolität und aristokratische Indifferenz. Ein
glücklicher Witzling, schmeichelt er sich bei aller Welt ein. Da
er nie sein kaltes Blut verliert, imponiert er leidenschaftlichen
Gegnern. Wenn allgemeiner Standpunkte ermangelnd, ist er stets
bereit, ein Netz eleganter Allgemeinheiten zu spinnen. Wenn unfä-
hig, einen Gegenstand zu bemeistern, weiß er mit ihm zu spielen.
Wenn zurückbebend vor dem Kampfe mit einem gewaltigen Feinde,
weiß er einen schwachen zu improvisieren.
#61# Lord Palmerston
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Ausländischem Einfluß in der Tat nachgebend, bekämpft er ihn mit
dem Worte. Da er von Canning - der indes auf seinem Sterbebett
vor ihm warnte - die Mission Englands, konstitutionelle Propa-
ganda auf dem Kontinente zu machen, als Erbe übernahm, fehlte ihm
natürlich nie das Thema, den Nationalvorurteilen zu schmeicheln
und gleichzeitig den eifersüchtigen Verdacht fremder Mächte
wachzuhalten. In dieser bequemen Weise zur bète noire 1*) der
kontinentalen Höfe geworden, konnte er nicht verfehlen, daheim
als "wahrhaft englischer Minister" zu figurieren. Obgleich ur-
sprünglich Tory, hat er es erreicht, alle "shams" 2*) und Wider-
sprüche, die das Wesen des Whiggismus bilden, in die Leitung der
auswärtigen Politik einzuführen. Er versteht es, demokratische
Phraseologie mit oligarchischen Ansichten zu versöhnen; die Frie-
den predigende Bourgeoisie mit der hochfahrenden Sprache von Eng-
lands aristokratischer Vergangenheit zu decken; als Angreifer zu
erscheinen, wo er einverstanden, und als Verteidiger, wo er ver-
rät; einen scheinbaren Feind zu schonen und einen angeblichen
Verbündeten zu erbittern; im entscheidenden Moment des Zwistes
sich auf der Seite des Stärkeren gegen den Schwachen zu befinden
und tapfere Worte zu machen im Akt des Davonlaufens.
Von der einen Seite angeklagt, sich im Solde Rußlands zu befin-
den, ist er auf der andern des Karbonarismus [53] verdächtig.
Wenn er sich 1848 im Parlament zu verteidigen [hatte] gegen eine
Motion auf Anklagezustand wegen geheimen Einverständnisses mit
Rußland, hatte er 1850 die Selbstgenugtuung, von einer Verschwö-
rung fremder Gesandtschaften verfolgt zu werden, die im Hause der
Lords erfolgreich war, aber am Hause der Gemeinen scheiterte
[54]. Wenn er fremde Völker verriet, so geschah es stets mit
großer Höflichkeit. Wenn die Unterdrücker stets seines aktiven
Beistandes sicher waren, fehlte den Unterdrückten nie das Schau-
gepränge seiner edelmütigen Rhetorik. Polen, Italiener, Ungarn
etc. fanden ihn immer am Ruder, wenn sie unterlagen, aber ihre
Besieger verdächtigten ihn stets der Verschwörung mit den Opfern,
die er ihnen zu machen erlaubt hatte. Bisher, in allen Fällen,
war es eine wahrscheinliche Chance des Erfolges, ihn zum Gegner,
und eine sichere Chance des Ruins, ihn zum Freunde zu haben. Aber
wenn die Kunst seiner Diplomatie nicht in den wirklichen Resulta-
ten seiner auswärtigen Unterhandlungen erscheint, glänzt sie de-
sto heller in der Art, wie er das englische Volk vermochte
[dahinzubringen], Phrasen für Tatsachen, Phantasien für Realitä-
ten und hochklingende Vorwände für schäbige Motive in Kauf zu
nehmen.
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1*) (wörtlich: schwarzes Tier; hier:) Abscheu, Schreckgespenst -
2*) "Schwindeleien"
#62# Karl Marx
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Henry John Temple, Vicomte Palmerston, wurde 1807 bei Bildung der
Administration des Herzogs von Portland zum Junior Lord der Admi-
ralität ernannt. 1809 ward er Secretary at War 1*) und behauptete
sich auf diesem Posten bis Mai 1828 in den Ministerien von Perce-
val, Liverpool, Canning, Goderich und Wellington. Jedenfalls ist
es sonderbar, den Don Quijote "freier Institutionen", den Pindar
der "Herrlichkeiten des konstitutionellen Systems" als eminentes
und permanentes Mitglied der Tory-Verwaltung zu finden, die die
Korngesetze promulgierte [55], fremde Söldner auf dem englischen
Boden stationierte, dem Volke, nach einem Ausdrucke des Lord Sid-
mouth, von Zeit zu Zeit "zur Ader ließ", die Presse knebelte, die
Meetings unterdrückte, die Masse der Nation entwaffnete, regelmä-
ßige Gerichte zugleich mit der individuellen Freiheit suspen-
dierte, mit einem Worte, den Belagerungszustand über Großbritan-
nien und Irland verhing! 1829 ging Palmerston zu den Whigs über,
die ihn November 1830 zum Minister der auswärtigen Angelegenhei-
ten ernannten. Mit Ausnahme der Unterbrechungen von November 1834
bis April 1835 und von 1841 bis 1846, wo sich die Tories am Ruder
befanden, hat er ausschließlich die auswärtige Politik Englands
geleitet von der Revolution von 1830 bis zum Staatsstreich von
1851. Ein Überblick über seine Leistungen während dieser Periode
in einem andern Briefe.
II
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 83 vom 19. Februar 1855]
London, 14. Februar. "Punch" pflegte in den letzten Wochen Lord
Palmerston als den Clown des Puppenspiels zu maskieren. Dieser
Clown ist bekanntlich Störenfried von Profession, Liebhaber von
geräuschvollen Prügeleien, Ausbrüter schädlicher Mißverständ-
nisse, Virtuose des Krakeels, heimisch nur in der allgemeinen
Verwirrung, die er anrichtet, worin er Weib, Kind und zuletzt
auch die Polizei zum Fenster hinauswirft, um am Schlüsse, nach
vielem Lärmen um nichts, sich selbst aus der Schlinge zu ziehen,
mehr oder minder unversehrt und mit neckischer Schadenfreude über
den Verlauf des Skandals. Und so erscheint Lord Palmerston aller-
dings - von einem pittoresken Gesichtspunkt - als ein rastloser
und unermüdlicher Geist, der Schwierigkeiten, Verwickelungen,
Wirren aufsucht, als das naturgemäße
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1*) Staatssekretär für das Kriegswesen
#63# Lord Palmerston
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Material seiner Tätigkeit, und daher Konflikte schafft, wo er sie
nicht fertig vorfindet. Kein englischer Minister des Auswärtigen
zeigte sich je so rührig in jedem Winkel der Erde - Blockaden der
Scheide, des Tagus, des Douro, Blockaden von Mexiko und Buenos
Aires [56], Neapel-Expeditionen, Pacifico-Expeditionen, Expedi-
tionen in den Persischen Meerbusen [57], Kriege in Spanien um die
"Freiheit" und in China, um das Opium einzuführen [58], nordame-
rikanische Grenzstreitigkeiten, Afghanistan-Feldzüge, Saint-Jean-
d'Acre-Bombardement [59], westafrikanische Schiffsdurchsuchungs-
rechts-Krakeele, Unfriede selbst im "Pazifik", und alles das be-
gleitet und ergänzt von einer Unzahl drohender Noten, Aktenstößen
von Protokollen und diplomatischen Protesten. All dieser Lärm
scheint sich im Durchschnitt aufzulösen in heftige parlamentari-
sche Debatten, die dem edlen Lord ebensoviel ephemere Triumphe
sichern. Er scheint auswärtige Konflikte zu behandeln wie ein Ar-
tist, der sie zu einem gewissen Punkte treibt, aber sich zurück-
zieht, sobald sie zu ernsthaft zu werden drohen und ihm die dra-
matische Aufregung verschafft haben, deren er bedarf. Die Weltge-
schichte selbst erscheint so als ein Zeitvertreib, ausdrücklich
erfunden zur privaten Selbstgenüge des edlen Vicomte Palmerston
von Palmerston. Dies ist der erste Eindruck, den die bunte Diplo-
matie Palmerstons auf den Unbefangenen hervorbringt. Bei näherer
Prüfung zeigt sich jedoch, daß sonderbarerweise ein Land stets
bei seinen diplomatischen Kreuz- und Querzügen gewann, und zwar
nicht England, sondern Rußland. [Joseph] Hume, ein Freund Palmer-
stons, erklärte ihm 1841:
"Wenn der Kaiser von Rußland einen eigenen Agenten im britischen
Kabinett besäße, könnte der sein Interesse nicht besser vertreten
als der edle Lord es tue."
1837 apostrophierte Lord Dudley Stuart, einer der größten Bewun-
derer Lord Palmerstons, ihn in folgenden Worten:
"Für wieviel Zeit noch der edle Lord vorhabe, Rußland zu erlau-
ben, Großbritannien zu insultieren und den britischen Handel zu
gefährden? Der edle Lord degradiere England in den Augen der
Welt, indem er ihm die Rolle eines Renommisten zuteile, hochfah-
rend und tyrannisch gegen den Schwachen, demütig und verworfen
gegen den Starken."
Es kann wenigstens nicht geleugnet werden, daß alle Rußland gün-
stigen Verträge, vom Vertrage zu Adrianopel [19] bis zum Vertrage
von Balta-Liman [60] und dem dänischen Sukzessionsvertrage [61],
unter den Auspizien Palmerstons abgeschlossen wurden. Der Vertrag
von Adrianopel fand Palmerston allerdings nicht im Ministerium,
sondern in der Opposition, aber einmal wurde der Vertrag erst von
ihm, und zwar auf einem Schleichwege, anerkannt,
#64# Karl Marx
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andrerseits leitete er damals die Whig-Opposition, griff Aberdeen
wegen seiner österreichisch-türkischen Tendenz an und erklärte
Rußland für den Verfechter der Zivilisation. (Siehe z.B. die Sit-
zungen des Hauses der Gemeinen vom 1. Juni 1829, 11. Juni 1829,
16. Februar 1830 etc.) Sir Robert Peel erklärte ihm bei dieser
Gelegenheit im Hause der Gemeinen: "Er wisse nicht, wen Palmer-
ston eigentlich repräsentiere." Im November 1830 übernahm Palmer-
ston das auswärtige Ministerium. Er wies nicht nur das fran-
zösische Anerbieten zur gemeinsamen Intervention für Polen zurück
wegen der "freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Kabinett
von St. James und dem Kabinett von St. Petersburg", sondern
verbot Schweden zu waffnen, und drohte Persien, das bereits eine
Armee an die russische Grenze gesandt, mit Krieg, wenn es sie
nicht zurückziehe. Er bestreitet selbst einen Teil der russischen
Kriegskosten, indem er ohne parlamentarische Vollmacht fortfährt,
Zins und Kapital auf das sog. russisch-holländische Anlehen
auszuzahlen, nachdem die belgische Revolution die Stipulationen
wegen dieses Anlehens annulliert hatte. [62] 1832 erlaubt er, daß
die Hypothek, welche die Nationalversammlung von Griechenland den
englischen Kontrahenten der griechisch-englischen Anleihe von
1824 auf die Nationaldomänen garantiert hatte, repudiiert und als
Sicherheit auf ein neues Anlehen übertragen wird, das unter rus-
sischen Auspizien abgeschlossen. Seine Depeschen an Herrn Daw-
kins, den englischen Residenten in Griechenland, lauten stets:
"Sie haben im Einverständnis mit den russischen Agenten zu han-
deln." Am 8. Juli 1833 erpreßt Rußland von der Pforte den Vertrag
von Hunkiar-Iskelessi, der europäischen Kriegsschiffen die Darda-
nellen verschließt und Rußland (siehe den zweiten Artikel des
Vertrags) eine achtjährige Diktatur in der Türkei sichert [63].
Der Sultan war zu dem Vertrage gezwungen, weil eine russische
Flotte im Bosporus und eine russische Armee vor den Toren von
Konstantinopel - angeblich zum Schutze gegen Ibrahim Pascha.
Palmerston hatte die dringende Aufforderung der Türkei, für sie
zu intervenieren, wiederholt abgeschlagen und sie so zur Annahme
der russischen Hilfe gezwungen. (Nach seinen eignen Erklärungen
im Hause der Gemeinen am 11. Juli, 24. August etc. 1833 und 17.
März 1834.) Als Lord Palmerston in das auswärtige Ministerium
eintrat, fand er den englischen Einfluß durchaus überwiegend in
Persien. Die englischen Agenten erhalten von ihm die stehende Or-
dre: "sie hätten für alle Fälle im Einverständnis mit dem russi-
schen Gesandten zu handeln." Rußland setzt mit seiner Unterstüt-
zung einen russischen Prätendenten auf den persischen Thron. [64]
Lord Palmerston erlaubt die russisch-persische Expedition gegen
Herat. [65] Erst nachdem sie gescheitert, verordnet er eine
anglo-indische Expedition in den Persischen Meerbusen,
#65# Lord Palmerston
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ein Scheinmanöver, das den russischen Einfluß in Persien ver-
stärkte. 1836, unter dem edlen Lord, werden Rußlands Usurpationen
an den Donaumündungen, seine Quarantänen, seine Mautverfügungen
usw. zum erstenmal von England anerkannt. [66] In demselben Jahre
benutzt er die Konfiskation eines englischen Handelsschiffes, des
"Vixen" - und der "Vixen" war auf Antrieb der englischen Regie-
rung expediert - in der zirkassischen Bucht von Sudschuk Kaie
durch ein russisches Kriegsschiff, um die russischen Ansprüche
auf die zirkassische Küste offiziell anzuerkennen. Es stellte
sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß er schon seit 6 Jahren
die russischen Ansprüche auf den Kaukasus im geheimen anerkannt
hatte. Bei dieser Gelegenheit entschlüpfte der edle Vicomte dem
Tadelsvotum des Hauses der Gemeinen durch eine Majorität von nur
16 Stimmen. Einer seiner heftigsten Ankläger war damals Sir
Stratford Canning, jetzt Lord Redcliffe und englischer Gesandter
zu Konstantinopel. 1836 schließt einer der englischen Agenten 1*)
zu Konstantinopel einen für England vorteilhaften Handelstraktat
mit der Türkei. Palmerston schiebt die Ratifikation auf und
schiebt 1838 einen neuen Vertrag unter, so nützlich für Rußland
und so schädlich für England, daß eine Anzahl englischer Kauf-
leute in der Levante sich entschließen, künftig unter dem Schutze
russischer Firmen zu handeln. Der Tod Königs Wilhelm IV. gab An-
laß zu dem berüchtigten Portfolio-Skandal [87]. Zur Zeit der War-
schauer Revolution war mit dem Palaste des Großfürsten Konstantin
eine Sammlung geheimer Korrespondenzen, Depeschen usw. der russi-
schen Diplomaten und Minister in die Hände der Polen gefallen.
Graf Zamoyski, Neffe des Prinzen Czartoryski, brachte sie nach
England. Hier wurden sie auf Befehl des Königs unter der Redak-
tion Urquharts und der Oberaufsicht Palmerstons im "Portfolio"
veröffentlicht. Kaum war der König tot, so verleugnete Palmerston
seine Verbindung mit dem "Portfolio", weigerte sich, die Kosten
dem Drucker zu zahlen usw. Urquhart ließ seine Korrespondenz mit
Backhouse, Palmerstons Unterstaatssekretär, drucken. Die "Times"
(vom 26. Januar 1839) bemerkt darüber:
"Es ist nicht an uns, zu verstehn, was Lord Palmerston fühlt,
aber wir sind sicher, daß kein Zweifel möglich über das, was jede
andere Person vom Range eines Gentleman und in der Position eines
Ministers nach der Veröffentlichung jener Korrespondenz fühlen
würde."
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1*) Urquhart
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