Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #601#
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       KARL MARX
       
       Der Fall Kars [315]
       
       #602#
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       Geschrieben Ende März und im April 1856.
       Aus dem Englischen.
       
       #603#
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       I
       
       ["The People's Paper" Nr. 205 vom 5. April 1856]
       Der Fall  von Kars  ist der  Wendepunkt  in  der  Geschichte  des
       Scheinkrieges gegen  Rußland. Ohne  den Fall  von Kars keine fünf
       Punkte [298],  keine Konferenzen,  kein Vertrag  von Paris [316],
       mit einem Worte, kein Scheinfrieden. Dann, wenn wir aus den Blau-
       büchern [317]  der Regierung  selbst beweisen  können - und seien
       sie auch  noch so  sorgfältig zusammengebraut, durch Auszüge ver-
       stümmelt, durch  Weglassungen verunstaltet  und durch Fälschungen
       gefärbt und  geflickt -,  daß das  Kabinett Lord  Palmerstons den
       Fall von Kars von Anfang an geplant und bis ans Ende systematisch
       durchgeführt hat,  dann lüftet  sich der  Schleier, und das Drama
       des Orientkrieges mit all seinen staunenerregenden Zwischenfällen
       löst sich aus den Nebeln, in die es bis jetzt diplomatisch einge-
       hüllt war.
       Gegen Ende  Mai 1855  berichtet General  Williams Lord Redcliffe,
       der wiederum an Lord Clarendon berichtet, daß
       
       "bei Gumry  eine starke Streitmacht, bestehend aus 28000 Mann In-
       fanterie, 7500  Mann Kavallerie und 64 Geschützen der Artillerie,
       zusammengezogen sei,  und daß  der Muschir die Nachricht erhalten
       habe von  der Absicht des Feindes, Kars zu attackieren. In diesem
       befestigten Lager  haben wir 13900 Mann Infanterie, 1500 Mann Ka-
       vallerie und 42 Feldgeschütze."
       
       Sieben Tage später, am 3. Juni, meldet Williams an Clarendon:
       
       "Ich habe  jetzt noch  für vier  Monate Proviant  in der Garnison
       Kars, und  ich hoffe zuversichtlich, daß die Zentralregierung und
       die Alliierten diesem Überbleibsel einer Armee bald beweisen wer-
       den, daß es nicht ganz von ihnen vergessen ist."
       
       Diese Depesche  (siehe die  Akten von Kars, Nr. 231) wurde am 25.
       Juni in  der Downing  Street [153]  empfangen. Die  britische Re-
       gierung erfuhr also an
       
       #604# Karl Marx
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       diesem Tage,  daß Kars  am 3. Oktober fallen mußte, wenn es keine
       Hilfe erhielt;  darauf baute  sie nun  ihre weiteren  Operationen
       auf.
       Am 11.  Juli erhält  Lord Clarendon  drei Depeschen  von  General
       Williams, datiert  vom 15., 17. und 19.Juni, in denen er nachein-
       ander meldet,  es habe  ein Scharmützel der Vorposten stattgefun-
       den, am 16. Juni sei eine reguläre Attacke der Russen auf das be-
       festigte Lager  von den  Türken  tapfer  abgewiesen  worden,  und
       schließlich, der  Feind habe  einen Flankenmarsch gegen das befe-
       stigte Lager  gemacht und sich mit starken Kräften (30 000 Mann),
       eine Marschstunde weit von dem schwächsten Punkt der Position der
       Türken, festgesetzt.  Williams schließt  die letzte  dieser Depe-
       schen mit folgenden Worten:
       
       "Unglücklicherweise haben  wir keine  irreguläre Kavallerie.  ...
       Der Feind  hat unsere  Kommunikation mit  Erzerum schon teilweise
       unterbrochen."
       Als die  gleiche Nachricht  Konstantinopel erreichte,  wurde Lord
       Redcliffe zu  einer Konferenz im Hause des Großwesirs am Bosporus
       eingeladen. Die  türkischen Minister  schlugen vor, Kars Hilfe zu
       geben durch eine Expedition von Redut Kale über Kutais nach Geor-
       gien, die aus folgenden Kräften bestehen soll:
       
       Kontingent Vivians              20 000
       Kontingent Beatsons              3 000
       aus der Garnison                12 000
       Batums Albanern                  2 000
       aus Bulgarien                    5 000
       reguläre ägyptische Kavallerie     800
       tunesische Kavallerie              600
                                       ------
                            Insgesamt  43 400
       
       Die Pforte  drückte ihre Bereitwilligkeit aus, die Führung dieser
       Expedition einem  britischen Befehlshaber anzuvertrauen und Gene-
       ral Vivian  als solchen  zu akzeptieren.  Dieser Vorschlag war am
       11. Juli  in den  Händen Lord  Clarendons. Am  12.  Juli  benach-
       richtigte Lord Redcliffe ihn telegraphisch:
       
       "Vorbereitungen zu einer eventuellen Expedition sind im Gange. Es
       würde viel  kostbare Zeit  sparen, wenn  ich sofort telegraphisch
       Nachricht bekäme, ob die Regierung bereit ist, eine großangelegte
       Diversion über Redut Kale und Kutais nach Georgien zu sanktionie-
       ren."
       
       Vom 25. Juni bis 12. Juli rührte die britische Regierung, die von
       der Gefahr für Kars genau unterrichtet war, nicht einen Finger zu
       dessen Rettung; nicht
       
       #605# Der Fall Kars - I
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       ein einziges  Mal wurde der Telegraph in Gang gesetzt. An demsel-
       ben Tag  jedoch, als es galt, irgendeinen Plan der Türken zur Un-
       terstützung von Kars zu durchkreuzen, gerät die Regierung in fie-
       berhafte Tätigkeit.  Am 13.Juli  (siehe Akten  von Kars, Nr. 248)
       richtet Clarendon an Redcliffe eine Depesche folgenden Inhalts:
       
       "Die Regierung  Ihrer Majestät  ist der  Ansicht, es wäre klüger,
       Verstärkungen in  das Hinterland der türkischen Armee statt einer
       Expedition in  das Hinterland der russischen Armee zu senden. Die
       Verstärkungen könnten  nach Trapezunt  gehen und  von da nach Er-
       zerum dirigiert werden. Die Entfernung von Trapezunt nach Erzerum
       ist geringer als die von Redut Kale nach Tiflis, und der Weg geht
       durch befreundetes  und nicht durch Feindesland. In Erzerum würde
       die Armee  hilfreichen Freunden und nicht widersetzlichen Feinden
       begegnen und  Vorräte vorfinden  statt Hunger.  Kann die Armee in
       Kars diese  Position gegen die Russen nicht halten, so sollte sie
       sich auf  Erzerum zurückziehen,  und die  ganze türkische Streit-
       macht sollte dort konzentriert werden. Sollen die Russen geschla-
       gen werden,  so wird  dies leichter  durch die  ganze  vereinigte
       Streitmacht geschehen  als durch  einzelne ihrer  Teile; und eine
       Niederlage würde  um so entscheidender sein, je weiter sie inner-
       halb der türkischen Grenzen stattfände."
       
       Am Tage  nach dem  Eintreffen der  telegraphischen Nachricht Lord
       Redcliffes wird  Clarendon noch  freigiebiger und setzt auch noch
       Erzerum auf die Liste der zu räumenden Plätze.
       
       (Telegraphisch.)
       "Earl of Clarendon an Lord Stratford de Redcliffe.
       Ministerium des Auswärtigen, 14. Juli 1855.
       Der Plan  zur Verstärkung  der Armee  in Kars, der in Ihren Depe-
       schen vom  30. Juni  und vom  1. Juli  " (soll heißen 12. Juli) -
       enthalten ist,  wird mißbilligt. Die Gründe gegen eine Verwendung
       des türkischen  Kontingents, solange  es nicht  zum  Kriegsdienst
       tauglich ist,  werden durch  den heutigen Kurier übermittelt wer-
       den. Trapezunt  sollte die  Operationsbasis bilden,  und wenn die
       türkische Armee  von Kars  und Erzerum  den letzteren Platz gegen
       die Russen  nicht behaupten  kann, so  mag sie sich auf Trapezunt
       zurückziehen, wo sie leicht verstärkt werden könnte."
       
       Ist Kars  der Schlüssel  zu Erzerum, so ist Erzerum der Schlüssel
       zu Konstantinopel  und der  zentrale Punkt,  wo die strategischen
       und Handelswege  Anatoliens zusammenlaufen. Sind Kars und Erzerum
       erst einmal in den Händen der Russen, so ist der britische Handel
       zu Lande via 1*) Trapezunt nach Persien abgeschnitten. Die briti-
       sche Regierung,  der alle  diese Umstände  wohlbekannt sind, gibt
       der Pforte kaltblütig den Rat, die Schlüssel ihres Hauses in
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       1*) über
       
       #606# Karl Marx
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       Asien auszuliefern,  wo kaum  einer der  beiden Punkte  in Gefahr
       war, und ladet die belagerte Armee von Kars ein, sich zu den Ver-
       stärkungen zu  begeben, denen  es verboten war, sich zu der bela-
       gerten Armee  zu begeben.  "Sollen die Russen geschlagen werden",
       sagt  Seine  Lordschaft  (wozu  ist  das  eigentlich  notwendig?,
       scheint er  zu fragen),  so denkt  er, eine Niederlage wäre um so
       entscheidender und  leichter, je  weiter innerhalb der türkischen
       Grenzen sie  stattfände, d.  h. je mehr befestigte Plätze und Ge-
       biete den  Russen ausgeliefert werden und je dichter sie tatsäch-
       lich an Konstantinopel heran sind.
       Diese Depeschen Lord Clarendons finden ihr würdiges Gegenstück in
       der folgenden  Depesche von Mylord "Take care of Dowb" [318] Pan-
       mure, dem englischen Carnot, an den Generalleutnant Vivian:
       
       "Lord Panmure an Generalleutnant Vivian.
       Kriegsministerium, 14. Juli 1855.
       Sir!
       Ich übermittle  Ihnen hiermit zu Ihrer Information eine Kopie der
       Depesche, die  der Earl von Clarendon soeben an die Gesandtschaft
       Ihrer Majestät  in Konstantinopel  absandte bezüglich des von der
       Pforte vorgeschlagenen Planes zur Hilfeleistung für die türkische
       Armee in  Kars. Ich muß Sie in Kenntnis setzen, daß ich mit allem
       vollständig übereinstimme, was in dieser Depesche gegen den nicht
       einwandfreien Charakter des von der Pforte vorgeschlagenen Planes
       gesagt ist.  Ich setze ein viel zu festes Vertrauen in Ihre Fach-
       kenntnisse, um  besorgt zu sein, daß Sie sich auf eine Expedition
       von so abenteuerlicher und verworrener Art einlassen könnten, wie
       sie die  Pforte vorschlägt.  Wohl ist  es Ihre Pflicht, nicht nur
       als Befehlshaber des Kontingents, sondern auch als britischer Of-
       fizier, der  das Vertrauen  der Regierung Ihrer Majestät genießt,
       unseren Alliierten,  den Türken, jede nur mögliche Hilfe angedei-
       hen zu  lassen, gleichzeitig  aber ist  es nötig, daß Sie so vor-
       sichtig sind,  die Ehre  des britischen  Namens und Ihren eigenen
       Ruf nicht  aufs Spiel zu setzen, indem Sie militärische Operatio-
       nen unternehmen,  für die  noch keine geeignete Basis geschaffen,
       noch keine  Kommunikationen  eröffnet,  noch  keine  Vorräte  be-
       schafft, noch keine Transportmittel vorbereitet sind. Ein Coup de
       main 1*), mit dem man plötzlich eine Armee an die Küste wirft, um
       eine feindliche  Festung zu bedrohen oder gar zu attackieren, ist
       etwas ganz  anderes als  eine wohlüberlegte  Expedition  mit  dem
       Ziel, in  ein feindliches Land einzufallen und den Feind auf sei-
       nem eigenen Gebiet zu bekriegen. Im ersteren Falle darf man etwas
       riskieren, im  zweiten Fall jedoch muß der Aktion eine gründliche
       Vorbereitung vorangehen.  Überdies glaube ich aus allen mir zuge-
       gangenen Informationen  bestimmt entnehmen zu können, daß die Ar-
       mee von  Batum sich  in einem  jammervollen Zustand befindet. Ich
       weiß, daß  das Kontingent kaum organisiert ist, über die bulgari-
       schen Truppen  wissen sie nichts, und von der Kavallerie Beatsons
       nehme ich an, daß sie
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       1*) Handstreich
       
       #607# Der Fall von Kars - I
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       ebensowenig von  Zucht und  Disziplin weiß wie Ihre eigenen Trup-
       pen. Kurz, ich bin überzeugt, es wäre Wahnsinn, dem Generalbriga-
       dier Williams  auf diesem  Wege zu Hilfe kommen zu wollen. Es ist
       zu spät, jetzt die Politik zu beklagen, die diesen tapferen Offi-
       zier und  seine Armee  in eine  solche Notlage  brachte; aber  es
       hieße nur  neuen Mißgriffen  Tür und  Tor öffnen,  wollte man die
       Pläne ausführen, die vorgeschlagen wurden mit dem Ziel, ihm Hilfe
       zu geben.  Sie dürfen, wie Ihnen zweifellos klar sein wird, keine
       Zeit verlieren, Ihre Truppen zum Kriegsdienst bereitzuhalten, der
       Sie sicher  irgendwo erwarten  wird, sobald  Sie erst dazu bereit
       sind. Organisation ist für eine Armee ebenso wichtig als Ausdauer
       und Tapferkeit,  und wo die erstere fehlt, sind letztere gänzlich
       nutzlos."
       
       Lord Palmerstons  Kriegsminister tritt in dieser Depesche als der
       reine Hanswurst auf, der zu nichts gut ist als zum Amüsement sei-
       nes Herrn.  Die Festung  Sewastopol zu bedrohen "oder gar" zu at-
       tackieren, eine  Festung, auf die Rußland die Verteidigungsarbei-
       ten von  zwanzig Jahren  konzentriert hat, erscheint ihm als eine
       ganz verständige  Sache, denn  das sei  ein unüberlegter  Coup de
       main von Seiten der Alliierten, aber ein "wohlüberlegter Einfall"
       von seiten  der Pforte  in ein feindliches Land, mit der Absicht,
       den Feind  zu schlagen  - nein,  von so etwas hat "Dowb" noch nie
       gehört! Er  teilt völlig  Clarendons Meinung, daß das wahre Wesen
       der Strategie darin besteht, das Hinterland des eigenen Heeres zu
       stärken, statt  im Hinterland  des Feindes zu operieren - möge er
       sich darüber  mit Napoleon  I., Jomini  und allen  anderen großen
       Strategen auseinandersetzen.  Auch darin  stimmt  er  mit  seinem
       Freund überein,  daß eine  Armee in  Kriegszeiten  niemals  durch
       feindliche, sondern  immer nur durch befreundete Länder marschie-
       ren soll  - "wo  sie Vorräte vorfinden statt Hunger" -, die echte
       Philosophie von  Schmarotzern. Aber  hinter der selbstzufriedenen
       Dummheit des Hanswursts erhaschen wir einen Schimmer des Geistes,
       der ihn treibt ! Denn wäre es wohl dem armen Dowb zuzutrauen, daß
       er herausfindet, Georgien sei ein feindliches und kein befreunde-
       tes Land - Georgien, Rußlands Polen im Kaukasus.
       Der türkische  Vorschlag, den  Dowb abenteuerlich  und  verworren
       nennt, war  seiner ganzen  Konzeption nach kühn, richtig und, wir
       können sagen, die einzige strategische Idee, die in diesem ganzen
       Krieg aufgekommen  ist. Der Vorschlag lief darauf hinaus, der Be-
       lagerungsarmee gegenüber  eine exzentrische Position einzunehmen,
       Tiflis, das Zentrum der russischen Macht in Asien zu bedrohen und
       Murawjow zum  Rückzug von  Kars zu zwingen, indem man ihn der Ge-
       fahr aussetzte,  von seiner  Operationsbasis und  Kommunikations-
       linie  abgeschnitten   zu  werden.   Eine   solche   mingrelische
       Expedition versprach nicht nur, Kars Hilfe zu geben, sondern auch
       die Möglichkeit, nach allen Seiten offensiv vorzugehen und so den
       größten Vorteil zu erringen,
       
       #608# Karl Marx
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       den es im Krieg geben kann: nämlich den Feind in die Defensive zu
       drängen. Da  aber die  Gefahr dringend war, so konnte ein solcher
       Plan nur dann gelingen, wenn er mit der größten Energie, mit aus-
       reichenden Kräften und mit reichlichem Proviant und Transportmit-
       teln betrieben wurde. Mit Gumry als erster Operationsbasis unmit-
       telbar im Rücken, einer Festung, die zur Defensive gegen das tür-
       kische Territorium  direkt ausersehen war, war Murawjow imstande,
       seine Position  so lange  zu behaupten,  bis er  die  Überzeugung
       hatte, daß  ihm ein  Vormarsch des  Feindes gegen Tiflis wirklich
       gefährlich werden  könne. Um das herbeizuführen, wäre die Landung
       von wenigstens  55 000 Mann  an der zirkassischen Küste, die Ein-
       nahme von  Kutais und  die Bezwingung des Passes von Gumry erfor-
       derlich gewesen.  Omer Pascha, der diese Expedition zu einem spä-
       teren Zeitpunkt  an der Spitze von 36 000 Mann unternahm, brachte
       am Rion kaum 18 000 bis 20 000 zusammen.
       Darüber besteht  kein Zweifel,  daß 20 000  Mann in  Erzerum mehr
       genützt hätten  als 40 000  in Mingrelien.  Andererseits darf man
       nicht vergessen,  daß zur  Zeit, als  die Pforte  ihren Vorschlag
       machte, die  Zahl der Russen in Tiflis nach dem Bericht des Blau-
       buchs selbst  nicht mehr als 15 000 betrug und Bebutow mit seinen
       Verstärkungen noch nicht angekommen war. Außerdem hätte die Fort-
       bewegung einer für diesen Zweck ausreichenden Armee von Trapezunt
       über Erzerum  nach Kars  mit Vorräten,  Munition und Kanonen nach
       Omer  Paschas  Versicherung  genau  vier  Monate  gefordert.  Und
       schließlich, wenn  die Pforte einen richtigen Plan mit ungenügen-
       den Mitteln  vorschlug, so  war es  Sache ihrer  Alliierten,  die
       richtigen Mittel herbeizuschaffen, nicht aber einen falschen Plan
       vorzuschlagen. 60 000 Türken waren zu dieser Zeit tatenlos in der
       Krim eingepfercht, und dabei waren das die einzigen diensttaugli-
       chen Truppen der Türkei.
       
       "In Batum,  Suchum Kale und anderen in der Nähe liegenden Küsten-
       punkten", schreibt  Lord Redcliffe  unter dem Datum des 28. Juni,
       "würde es  außerordentlich schwierig  sein, mehr  als 11 000 Mann
       zusammenzubringen... Die  anderen Teile  des Reichs" (ausgenommen
       Bulgarien) "bieten  keine zusätzlichen Reserven, mit der Ausnahme
       Bosniens, wo  es noch  möglich wäre,  einige tausend Mann frei zu
       machen; ich  spreche von  regulären Truppen; Baschi-Bosuks könnte
       man erhalten,  doch weiß Eure Lordschaft wohl, wie wenig man sich
       auf solch  undisziplinierte Horden verlassen kann... Ob in Bulga-
       rien mit  Einrechnung aller Garnisonen mehr als 50 000 Mann sind,
       erscheint mir  fraglich. Österreich  hat allerdings seine Absicht
       erklärt, den  Übergang der  Russen über die Donau als einen Casus
       belli 1*)  zu betrachten, und hat sich auch verbürgt, diese Macht
       aus den Donaufürstentümern auszuschließen. Aber der Beschluß, der
       es in  einem solchen Fall der Pforte ermöglichen würde, ihre Maß-
       nahmen auf diese
       -----
       1*) zum Krieg führendes Ereignis
       
       #609# Der Fall von Kars - I
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       Zusicherungen hin  zu treffen  und davon abzusehen, wie ungünstig
       es wäre, eine wichtige Position ohne ausreichende Verteidigung zu
       lassen, ist  mehr geeignet,  bewundert zu  werden, als  es  wahr-
       scheinlich ist, ihn durchzuführen."
       
       Welche Truppen  blieben also  zur Verfügung  der Pforte außer dem
       englisch-türkischen Kontingent?  Und dieses  diente, wie  aus den
       Depeschen von Clarendon und Panmure hervorgeht, nur als Kniff, um
       der Pforte ihre letzten verfügbaren Streitkräfte vorzuenthalten.
       Hatte nun  die britische  Regierung irgendeinen  eigenen Plan dem
       türkischen gegenüberzustellen?  War sie irgendwie darauf bedacht,
       das englisch-türkische  Kontingent nach Trapezunt und von da nach
       Erzerum oder Kars zu senden? In seiner vom 14. Juli datierten De-
       pesche spricht sich Clarendon dagegen aus, "das türkische Kontin-
       gent zu  verwenden, solange  es nicht  zum Kriegsdienst  tauglich
       sei". War  es aber  zum Kriegsdienst untauglich, so war es ebenso
       untauglich zur  Expedition nach  Erzerum wie  zu der nach Mingre-
       lien. Der  Hanswurst Panmure  schreibt in seiner Depesche an dem-
       selben Tage an Vivian, den Befehlshaber des Kontingents:
       
       "Sie dürfen  keine Zeit  verlieren, Ihre Truppen zum Kriegsdienst
       bereitzuhalten, der  Sie sicher   i r g e n d w o  erwarten wird,
       sobald Sie dazu bereit sind."
       
       Er fordert ihn also auf, sich bereitzuhalten, nicht etwa für eine
       unmittelbare Aktion,  nicht etwa  für Erzerum,  sondern für  i r-
       g e n d w o,   das heißt   n i r g e n d w o.  Trotzdem hält Cla-
       rendon noch  am 7.  September (siehe  Nr.302 der  Akten) das eng-
       lisch-türkische Kontingent für zu wenig organisiert, um das Lager
       in den  befestigten Linien  vor Sewastopol beziehen zu können. Es
       ist also  klar, daß  die britische  Regierung das  Erzerumprojekt
       nicht vorschlägt,  damit es  ausgeführt wird, sondern um die min-
       grelische Expedition  der Pforte  zu vereiteln.  Sie  widersetzte
       sich nicht  nur einem bestimmten Plan der Hilfeleistung für Kars,
       sondern überhaupt jedem Plan.
       
       "Es wäre  Wahnsinn, den Truppen des Generalbrigadiers Williams zu
       Hilfe kommen  zu wollen...  Es ist  zu spät, jetzt die Politik zu
       beklagen" (Palmerstons Politik), "die diesen tapfern Offizier und
       seine Armee in eine solche Notlage brachte",
       
       sagte Panmure zu Vivian.
       Es ist  zu spät, etwas anderes zu tun, als Kars an Rußland auszu-
       liefern und  Erzerum noch  dreinzugeben, sagt  Clarendon zu  Red-
       cliffe. Dieser  Plan war  nicht nur von der Regierung Palmerstons
       schon am 13. Juli festgesetzt gewesen, nein, er wird in dem Blau-
       buch sogar  zugestanden, und nicht einen Augenblick sehen wir sie
       von ihm abgehen.
       
       #610# Karl Marx
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       Alle Depeschen  Redcliffes vom Monat Juli, die in den Nr. 254 bis
       277 der  Akten von  Kars angeführt  werden, zeigen uns die Türkei
       eifrig mit  den Vorbereitungen  zur mingrelischen  Expedition Vi-
       vians beschäftigt. Wie kam dies zustande?
       Am 12.  Juli 1855 telegraphierte Lord Redcliffe, wie erinnerlich,
       an Lord  Clarendon, daß  die Vorbereitungen  für die mingrelische
       Expedition unter  General Vivian Fortschritte machten und daß er,
       "um viel  kostbare Zeit  zu sparen", die Regierung um telegraphi-
       sche Instruktionen bäte. Folglich sendet Clarendon seinen Protest
       gegen den  türkischen Plan  per Telegraph; aber obwohl diese Bot-
       schaft das  Datum des 14. Juli trägt, erreicht sie Konstantinopel
       erst am  30. Juli,  als, wie  wir sehen, Lord Redcliffe wieder an
       Clarendon schreibt:
       
       "Das ungünstige Urteil, das die Regierung Ihrer Majestät über die
       in letzter Zeit diskutierten Pläne über die Hilfeleistung für die
       türkische Armee  in Kars fällte, hat natürlich die Verwirrung der
       Pforte noch  erhöht. Es war meine Pflicht, dieses Urteil den tür-
       kischen Ministern bekanntzugeben nicht nur als eine Meinungsäuße-
       rung, sondern  im Hinblick auf General Vivians Kontingent als ein
       Veto. Das  unmittelbare Resultat  ist ein außerordentlich ernstes
       Dilemma. Die  Regierung Ihrer Majestät hält nicht nur das Kontin-
       gent zurück, sondern begünstigt ganz entschieden die Alternative,
       Verstärkungen nach Erzerum auf dem Wege über Trapezunt zu senden.
       Diese Ansicht  teilt hier  weder die Pforte noch irgendeine offi-
       zielle oder  persönliche Autorität.  Der Seraskier  1*), Omer Pa-
       scha, General  Guyon und unsere eigenen Offiziere stimmen mit der
       Pforte und  der französischen  Botschaft darin  überein, daß eine
       Diversion gegen  Redut Kale  viel bessere  Aussichten auf  Erfolg
       böte, natürlich  unter der  Voraussetzung, daß die nötigen Trans-
       portmittel, Proviant  und anderer  notwendiger Bedarf ausreichend
       geliefert werden  können... Inzwischen lauten die Nachrichten aus
       Kars gar  nicht ermutigend,  und Zeit von kostbarem Wert wird un-
       vermeidlich verschwendet in Zweifel und Ungewißheit."
       
       Da der  Weg von Konstantinopel nach London nicht um ein Jota län-
       ger ist  als der Weg von London nach Konstantinopel, so ist es in
       der Tat sehr merkwürdig, daß Redcliffes Telegramm, das Konstanti-
       nopel am  12. Juli  verließ, London  schon am 14. Juli erreichte,
       während Clarendons  Depesche, die  von London am 14. Juli abging,
       Konstantinopel erst  am 30.  Juli oder  um diese  Zeit  erreichen
       sollte. In  seiner Depesche  vom 19.  Juli beklagt sich Redcliffe
       über das  Schweigen der  Regierung, die  er  doch  gebeten  habe,
       "unverzüglich ihre Meinung kundzugeben". Aus einer späteren Depe-
       sche, datiert  vom 23.  Juli, ersehen  wir, daß  er auch  da noch
       keine Antwort hatte. Und tatsächlich
       -----
       1*) Mehmed Ruschdi Pascha
       
       #611# Der Fall von Kars - II
       -----
       bestätigt er  erst am 30. Juli, wie wir schon sagten, den Eingang
       einer Antwort.  Es ist also außer jedem Zweifel, daß das Londoner
       Datum der Glarendonschen Depesche  g e f ä l s c h t  ist und daß
       sie erst  einige Wochen  nach dem Datum abgeschickt wurde, das im
       Blaubuch angegeben  wird. Diese  Fälschung verrät  den Zweck  der
       Verzögerung. Zeit  von kostbarem Wert mußte verstreichen, Zweifel
       und Ungewißheit  mußten erzeugt  werden, und  vor allem mußte die
       Pforte den  ganzen Monat  Juli mit Vorbereitungen für die Expedi-
       tion Vivians verschwenden, die nach dem festen Entschluß der bri-
       tischen Regierung niemals stattfinden sollte.
       
       II
       
       ["The People's Paper" Nr. 206 vom 12. April 1856]
       Da die  strategischen Skrupel  der englischen Regierung ihr nicht
       gestatteten, im  Verlauf von drei Monaten ihren Standpunkt zu den
       großen Operationen festzulegen, die die Pforte zu unternehmen be-
       absichtigte, so wäre nichts besser und nichts dringender gewesen,
       als daß  sie in  der Zwischenzeit  auf eigene  Verantwortung  ein
       kleines Detachement via Erzerum gesendet hätte, um die Kommunika-
       tion zwischen  dieser Stadt  und Kars wiederzueröffnen. Die Alli-
       ierten waren Herren des Schwarzen Meers, und die britische Regie-
       rung hatte  zu ihrer uneingeschränkten Verfügung General Beatsons
       4000 Baschi-Bosuks,  das einzige kampffähige Korps der türkischen
       irregulären Kavallerie.  Einmal in Trapezunt gelandet, hätten sie
       in zehn  Tagen Erzerum erreichen, Proviant nach Kars geleiten und
       so diese  Festung instand setzen können, ihren Widerstand um vier
       bis sechs  Wochen zu verlängern, das heißt so lange, bis das Ein-
       setzen des  strengen armenischen Winters allen Offensivbewegungen
       der Belagerer  ein Ende gemacht hätte. Am 7. Juli schrieb General
       Beatson an  Redcliffe und  suchte darum nach, ihn für den aktiven
       Kriegsdienst abzubeordern.
       Sein Ersuchen  blieb unbeachtet. Am 14. August reichten die Trup-
       pen selbst  Petitionen ein,  in denen sie baten, sie nicht länger
       unbeschäftigt zu  lassen, sondern sie nach Asien zu schicken. Sie
       bekamen überhaupt keine Antwort. Da wagte es Beatson, am 12. Sep-
       tember ein  drittes Mal  vorstellig zu werden. Und da nun die Ge-
       duld der  britischen Regierung  durch diese  ewigen Belästigungen
       des unbescheidenen  Bittstellers erschöpft  war, so wurden einige
       diplomatisch-militärische Intrigen  in  Szene  gesetzt,  die  mit
       Beatsons Entlassung  aus dem  Heeresdienst endeten.  Und  so  wie
       Beatson
       
       #612# Karl Marx
       -----
       selbst aus dem Dienst entfernt wurde, so ist sein ganzer Schrift-
       wechsel mit der Regierung aus dem Blaubuch entfernt worden.
       Wir sahen  schon, wie hartnäckig sich die britische Regierung auf
       eine Expedition  nach Erzerum  via Trapezunt  versteifte. Als nun
       die Nachricht  kam, daß  die Russen  sich auf der Heerstraße zwi-
       schen Erzerum und Kars festgesetzt und einen Teil der für die Ar-
       mee in Kars zusammengebrachten Lebensmittel abgeschnitten hatten,
       wurde von  Trapezunt aus,  hinter dem  Rücken der  britischen Ge-
       sandtschaft, ein  spontaner Versuch  zu sofortiger  Hilfeleistung
       gewagt. In  einer Depesche  Redcliffes vom 16. Juli 1855 ist eine
       Meldung des  Vizekonsuls Stevens  über dieses  Unternehmen einge-
       schlossen:
       
       "Trapezunt, 9. Juli 1855.
       Mylord!
       Ich habe  die Ehre,  Ihnen mitzuteilen,  daß Hafis Pascha gestern
       mit 300  Artilleristen und 20 Feldgeschützen nach Erzerum gezogen
       ist. Gegenwärtig  wird eine große Zahl irregulärer Truppen zusam-
       mengezogen, die bis 10 000 Mann stark sein dürften, und die heute
       nach demselben Ort marschieren werden. (gez.) Stevens."
       
       Redcliffe verlangt  pflichtschuldigst sofort  Erklärungen,  warum
       der Seraskier  über die  Zusammenziehung von 10000 Irregulären in
       Trapezunt und  über den  Marsch Hafis Paschas nach Erzerum Still-
       schweigen gewahrt habe.
       
       "Alles, was ich von Seiner Exzellenz hierüber erfahren habe", be-
       schwert er  sich, "ist,  daß Tussum  Pascha den  Befehl  erhalten
       hatte, nach  Trapezunt und von da vielleicht nach Siwas zu gehen,
       wo er 4000 Irreguläre sammeln sollte, um mit diesen sich dann auf
       den Kriegsschauplatz zu begeben."
       
       Zieht man  zwischen Trapezunt, Siwas und Erzerum Linien, so sieht
       man, daß  sie etwa  ein gleichschenkliges  Dreieck bilden, dessen
       Basis, nämlich die Linie zwischen Erzerum und Trapezunt, etwa ein
       Drittel kürzer  als die  der beiden  anderen Seiten ist. Die Ver-
       stärkungen direkt  von Trapezunt  nach Erzerum  zu senden,  statt
       Tussum Pascha  von Konstantinopel  nach Trapezunt,  von Trapezunt
       "vielleicht" nach Siwas zu schicken, um dort Zeit zu verschwenden
       bei der  Sammlung einer  irregulären Streitkraft,  und dann viel-
       leicht mit  dieser nach  Erzerum zu marschieren, war daher ein zu
       übereiltes Verfahren,  als daß  es der  britische Gesandte  nicht
       hätte tadeln  müssen. Da  er dem  Seraskier nicht zu sagen wagte,
       daß die  Hilfeleistung für  eine belagerte  Stadt von einem wohl-
       überlegten Zögern abhängt, so legt er ihm die Frage vor:
       
       "Dürfte es nicht zweifelhaft sein, ob eine so große Masse von Ba-
       schi-Bosuks, die  so plötzlich und so nachlässig zusammengebracht
       wurde, niemand anderem als nur dem Feind von Nutzen sein wird?"
       
       #613# Der Fall von Kars II
       -----
       Und als der Seraskier darauf mit Recht erwiderte,
       
       "er habe  dringend um die Geldmittel gebeten, sie zu bezahlen, da
       sie das  Hauptmittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung seien, und
       er habe  mit seinem Rücktritt gedroht, wenn seine Forderung nicht
       erfüllt würde",
       
       wird Lord Redcliffe sofort schwerhörig.
       Wenn wir  auf den zweiten Operationsplan eingehen, den die Pforte
       vorschlug und  den ihre Alliierten durchkreuzten, so betreten wir
       ein Labyrinth voller verschlungener Pfade und mit keinem einzigen
       geraden Weg.
       Aus einer  Depesche vom  15. Juli,  die der britische Bevollmäch-
       tigte in Omer Paschas Lager, Oberstleutnant Simmons, an Lord Cla-
       rendon richtete, und aus einem beigefügten Memorandum Omers erge-
       ben sich  folgende Tatsachen:  Am 23.  Juni erhielt  Omer  Pascha
       einen Brief  von General  Williams, in  dem dieser mitteilte, daß
       die Kommunikation  mit Erzerum unterbrochen sei, und in den drin-
       gendsten Ausdrücken  verlangte, es  sollten unverzüglich Verstär-
       kungen nach Kars geschickt oder eine wirksame Diversion gegen Re-
       dut Kale  unternommen werden. Am 7. Juli richtete Omer Pascha ein
       Memorandum an die alliierten Befehlshaber, Simpson und Pélissier,
       und forderte  sie auf,  einen Rat  der alliierten kommandierenden
       Generale und  Admirale einzuberufen,  um sofort einen Beschluß zu
       fassen. In seinem Memorandum schlägt er vor,
       
       "er selbst  würde sich  mit dem Teil seiner Armee, der sich hier"
       (in Balaklawa)  "und in Kertsch befindet - mit 25 000 Mann Infan-
       terie und 3000 Mann Kavallerie aus Eupatoria und der entsprechen-
       den Artillerie  -, auf  irgendeinen Punkt der zirkassischen Küste
       werfen, um  von dort aus die Kommunikationen der Russen zu bedro-
       hen und sie zu zwingen, die Belagerung von Kars aufzugeben".
       
       Um diesen  Vorschlag zu  unterstützen, weist Omer darauf hin, daß
       die ottomanische  Armee in Asien, 10 000 Mann an der Zahl, in dem
       befestigten Lager  von Kars  durch eine  noch stärkere  russische
       Macht blockiert,  sich in  einer Lage  befinde, in  der sie wahr-
       scheinlich aus  Mangel an Nahrungsmitteln gezwungen werden würde,
       zu kapitulieren;  daß die  Garnison von  Kars in Wirklichkeit die
       ottomanische Armee  in Asien sei; daß, wenn die Garnison von Kars
       sich ergäbe,  Erzerum, eine  Stadt, die  wegen  ihrer--Lage  sehr
       schwer zu  befestigen sei, in die Hände des Feindes fallen würde»
       der dann  dadurch zum  Herrn der  Kommunikationen mit Persien und
       eines großen Teils von Kleinasien würde; daß die Alliierten, wenn
       sie seinen  Vorschlag annähmen,  sich die  Hauptvorteile, die sie
       besäßen, zunutze  machen würden, nämlich die günstige Gelegenheit
       des Seetransports  und die  einzige türkische Armee, die wirklich
       kampffähig und marschbereit sei, nämlich seine eigene. Auf dieses
       
       #614# Karl Marx
       -----
       Memorandum antworteten  Marschall Pélissier  und General Simpson,
       daß sie  "in Ermanglung  näherer Informationen  der Ansicht sind,
       eine Konferenz  sei verfrüht".  Dessenungeachtet richtet Omer Pa-
       scha am  12. Juli  erneut ein  Schreiben an  sie, in dem er ihnen
       mitteilt,
       
       "er habe  mittlerweile von seiner Regierung eine Depesche des In-
       halts erhalten,  nach der  die ganze asiatische Türkei bis zu den
       Toren von  Konstantinopel selbst unverteidigt bleibt; und da jede
       Stunde äußerst  kostbar sei,  beschwöre ihn  die Regierung,  alle
       Mittel und  Ressourcen zu  finden und  anzuwenden, die  notwendig
       sind, um  diese Gefahr  abzuwenden, in der sich die türkische Re-
       gierung und daher auch die Sache der Alliierten befindet". "Unter
       diesen Verhältnissen",  fügt er hinzu, "wo ich in der Krim 60 000
       Türken habe, die größtenteils Asiaten sind und deren Familien und
       Eigentum den Verheerungen des Feindes ausgesetzt sind, und da ich
       finde, daß  diese Armee in der Krim untätig und, soweit ich sehen
       kann, ohne  Aussicht auf  sofortige Verwendung  ist, halte ich es
       für meine  Pflicht gegenüber meinem Souverän und im Interesse der
       gemeinsamen Sache, meinen früheren Vorschlag zu wiederholen."
       
       Er ladet  sie daher  nochmals zu  einer Konferenz  im  englischen
       Hauptquartier ein. Gleichzeitig mit dieser Note an die alliierten
       Generale läßt er noch durch den Oberstleutnant Simmons einen ver-
       traulichen Brief  an General  Simpson und  Admiral Lyons richten,
       aus dem wir nachstehenden Auszug geben:
       
       "Die Pforte  habe dem General Vivian vorgeschlagen, das türkische
       Kontingent nach  Redut Kale  zu führen... Omer Pascha hält es je-
       doch für  ein großes  Risiko, die Leute dahin zu schicken, da sie
       noch nicht mit ihren Offizieren vertraut sind, die Offiziere noch
       nicht ihre  Sprache sprechen und sie daher im Feld nicht befehli-
       gen können,  und das  Kontingent, obzwar es wohl eine Garnison zu
       bilden vermöchte, noch nicht in der Verfassung sein könne, in das
       Innere des  Landes zu  marschieren. Auch  sei das  Kontingent  zu
       schwach an  Zahl, um  die beabsichtigte  Operation durchzuführen.
       Auch meint  Omer Pascha,  daß es  für ihn,  der das Vertrauen der
       Türken besäße  und in  Asien wohlbekannt sei, wo er schon mehrere
       Kampagnen mitgemacht  habe, leichter sei, die Sympathie und Hilfe
       von den  Bewohnern bei  der Beschaffung von Lebensmitteln und bei
       der Einziehung von Informationen zu erlangen, als für Fremde, die
       weder die Sprache noch das Land kennten."
       
       Am 14. Juli fand die Konferenz statt, an der Omer Pascha, Oberst-
       leutnant Simmons,  General Simpson, Pélissier, Martimprey und die
       Admirale Lyons,  Bruat und  Stewart teilnahmen.  Omer Pascha  gab
       eine detaillierte  Schilderung  der  russischen  Streitkräfte  in
       Asien und  ihrer Operationen in der Umgegend von Kars. Er entwic-
       kelte die  oben angeführten  Argumente aufs  eingehendste und be-
       tonte aufs nachdrücklichste, daß seiner Meinung nach
       
       "keine Zeit  mehr zu verlieren sei, sondern unverzügliche Maßnah-
       men gegen  das weitere  Vordringen der  Russen in Asien getroffen
       werden müßten".
       
       #615# Der Fall von Kars - II
       -----
       Dennoch, so  berichtet Oberstleutnant  Simmons an Clarendon, ent-
       schieden sich
       
       "die Generale  und Admirale,  die von ihren respektiven Botschaf-
       tern in  Konstantinopel keine Informationen darüber erhalten hat-
       ten, die  sie veranlassen  müßten, zu glauben, daß die Angelegen-
       heiten in  Asien so schlimm stünden, wie sie Omer Pascha nach den
       Informationen seiner  Regierung  darstellen  zu  müssen  glaubte,
       keine Meinung über diesen Gegenstand - eben auf Grund des Fehlens
       solcher Informationen - zu äußern".
       
       Die alliierten  Generale lehnten es also ab, ihre Meinung zu die-
       ser Frage zu äußern, da sie keine Informationen von ihren respek-
       tiven Regierungen  erhalten hätten. Später erklärten dann die al-
       liierten Regierungen,  keine Befehle erteilen zu können, weil die
       Generale ihre  Meinung nicht  abgegeben hätten.  Einigermaßen be-
       stürzt über  das kühle Benehmen der alliierten Befehlshaber, über
       ihre eigentümliche  Taktik, ihren  Unglauben an die Tatsachen als
       Grund dafür  vorzugeben, daß sie keine Meinung über sie äußerten,
       und über  die Unhöflichkeit,  seine Regierung der Lüge zu zeihen,
       erhob sich  der einzige  unmittelbar an  der Sache Interessierte,
       Omer Pascha, sofort und erklärte kategorisch,
       
       "er hielte  es unter diesen Umständen für seine Pflicht, sich auf
       einige Tage  nach Konstantinopel zu begeben, um mit seiner Regie-
       rung zu beratschlagen".
       
       Er begab  sich denn  auch zwei  Tage später,  am 16.  Juli,  nach
       Konstantinopel und nahm den Oberstleutnant Simmons mit sich, doch
       begleitete ihn  auch ein  Oberstleutnant Suleau,  "der vorgeblich
       zur Wiederherstellung  seiner Gesundheit reiste" (siehe Beilage I
       zu Nr.  270 der  Akten über Kars), aber in Wahrheit von Pélissier
       und Simpson  mit der  Mission betraut  war, Omer Paschas Pläne zu
       durchkreuzen. Dieser  Suleau, der  dem Stab  Simpsons  angehörte,
       überbrachte Redcliffe  einen Brief  von  dem  armseligen  General
       Simpson -  dem unglückseligsten  Krieger, von  dem man  je gehört
       hat, wie  General Evans sich ausdrückt -, in welchem dieser Gene-
       ral dem  Gesandten mitteilt, nicht daß er und seine Kollegen Omer
       Paschas Behauptungen  keinen Glauben  schenkten, "sondern daß sie
       die stärksten  Bedenken  gegen  die  Zurückziehung  irgendwelcher
       Truppen aus  der Krim in diesem Augenblick hegten"; nicht daß sie
       es für  angezeigt gehalten  hätten, Omer  Pascha ihre  Meinung zu
       verschweigen, sondern
       
       "daß er  Seine Exzellenz inständigst bitte, seinen mächtigen Ein-
       fluß bei der Pforte aufzubieten, damit ihre Ansicht über die Sei-
       ner Hoheit triumphiere", denn "große Staatsinteressen ständen auf
       dem Spiel"  und "ein Erfolg Omer Paschas könnte ernsthafte Konse-
       quenzen nach sich ziehen".
       
       #616# Karl Marx
       -----
       Der Erfolg  also! Omer Paschas Erfolg war es, der Pélissier nicht
       schlafen ließ,  der bis  zu dieser  Zeit sich noch keiner anderen
       Leistung rühmen  durfte als  der schmachvollen  Schlacht vom  18.
       Juni. Der armselige Simpson, der unglückselige Krieger, den Gene-
       ral Evans  als von Natur aus beschränkt schildert, war doch pfif-
       fig genug,  das Unbehagen  seines Mitbefehlshabers herauszufühlen
       und hinter dem Rücken Omer Paschas eine Intrige anzuzetteln - man
       kann sagen,  das einzige Manöver, das er während des ganzen Krim-
       krieges ausführte.
       In einer Depesche vom 19.Juli schreibt Redcliffe an Clarendon:
       
       "In der  vorgestrigen Nacht"  (am 17.  Juli) "habe  er zu  seiner
       Überraschung erfahren, Omer Pascha sei plötzlich aus der Krim an-
       gekommen und habe sich direkt zum Seraskier begeben."
       
       Er lacht innerlich, als ihm der Fanariot [319] Pisani das Gerücht
       zuträgt, daß
       
       "die ohne Bewilligung seiner Regierung erfolgte Ankunft des Gene-
       ralissimus einige  Unzufriedenheit erregt  habe",  und  "hat  den
       starken Eindruck,  daß Omer  am besten  das Interesse der Allianz
       wahrnähme, wenn  er unverweilt zum Kommando seiner Truppen in die
       Krim zurückkehrte".
       
       Trotz dieses  starken Eindrucks  Redcliffes zog sich Omer Paschas
       Aufenthalt in  Konstantinopel vom  17. Juli bis in den Anfang des
       September hin. Wir werden späterhin sehen, wodurch diese Zeitver-
       geudung verursacht wurde.
       Am 23. Juli wird Clarendon von Redcliffe benachrichtigt, daß
       
       "Omer Pascha  der Pforte  vorgeschlagen habe, er wolle selbst von
       Redut Kale ausgehend in Georgien einfallen und Kutais umgehen";
       
       Dieser Vorschlag  sei in  der vorhergehenden  Nacht (22. Juli) in
       einer Konferenz  beim Großwesir erörtert worden, und das Resultat
       dieser Erörterungen sei folgendes gewesen:
       
       "Die Truppen,  die unter  Omers Befehl  in der  obenerwähnten Art
       verwendet würden,  sollten bis  zu 20 000  Mann aus Eupatoria und
       bis zu  5000 Mann aus Bulgarien genommen werden, und die Lücke in
       Eupatoria sollte  durch das  wieder  vervollständigte  Kontingent
       ausgefüllt werden.  Im Falle  der obenerwähnte Plan Bedenken her-
       vorruft, ihn  dahin zu  modifizieren, daß man nur 10 000 Mann aus
       der Krim und 15 000 aus Bulgarien nähme, diejenigen miteingerech-
       net, die einen Teil des Kontingents bilden sollten."
       
       Diese Depesche nun, die, wie es heißt, Clarendon am 1. August er-
       hielt und  deren Ankunft  er unmittelbar  zum Anlaß  nahm, an den
       britischen Botschafter
       
       #617# Der Fall von Kars - II
       -----
       in Paris, Lord Cowley, zu depeschieren, ist an der entscheidenden
       Stelle offenbar  und wissentlich  gefälscht;  das  ist  an  jener
       Stelle, wo es heißt, die Pforte habe die Zurückziehung von 20 000
       Mann aus Eupatoria vorgeschlagen, die unter das Kommando von Omer
       Pascha gestellt  und die in Eupatoria durch das türkische Kontin-
       gent ersetzt  werden sollen.  Diese Stelle  eben ist  es, auf die
       Clarendon in  seiner Depesche  an Lord Cowley hindeutet, wobei er
       äußert, "die Regierung Ihrer Majestät sei günstig dafür gestimmt"
       und "er  hoffe, daß  auch die  Kaiserliche Regierung sich einver-
       standen erklären wird".
       An dieser  Stelle wird  Eupatoria für Balaklawa eingeschoben. Aus
       der Depesche des Oberstleutnants Simmons vom 15.Juli, die Claren-
       don am  30.Juli erhielt, hat man ersehen, daß Omer Pascha in sei-
       nem Memorandum an die alliierten Generale und im Kriegsraf darauf
       bestand, jenen Teil seiner Armee mit sich zu nehmen, der hier (in
       Balaklawa) sei, den er von Eupatoria gebracht habe und den er als
       den einzigen  erklärte, der  für die asiatische Kampagne geeignet
       sei. Änderte  Omer Pascha  seine Ansicht  nach seiner  Ankunft in
       Konstantinopel?  Das   Gegenteil  geht  aus  einer  Depesche  vom
       2.August hervor, in welcher Simmons mitteilt:
       
       "Seine Hoheit Omer Pascha teilt mir mit, er würde, um das Kontin-
       gent zu vervollständigen, gern jede türkische Truppe unter seinem
       Kommando abgeben,  ausgenommen die  Division, die  jetzt im Lager
       vor Sewastopol  ist; diese bestehe aus seinen besten Truppen, und
       die wünsche  er natürlich bei sich zu haben, wenn er die geplante
       Bewegung nach Asien mache."
       
       Wird man behaupten wollen, daß die Pforte in der Konferenz in der
       Nacht vom  22. Juli  zu einem  Beschluß kam,  der Omers Vorschlag
       zuwiderlief? In derselben Depesche vom 23. Juli, in der Redcliffe
       über diesen Beschluß der Pforte berichtet, sagt er Clarendon, daß
       
       "Omer Pascha  vom Sultan sehr gnädig empfangen und sehr reichlich
       beschenkt worden  sei", und er fügt hinzu: - Ich brauche nicht zu
       erwähnen, daß  er mit den Ministern Seiner Majestät und besonders
       mit dem Seraskier Pascha auf dem besten Fuße steht."
       
       Es kann  daher von  irgendeiner Differenz zwischen der Pforte und
       ihrem Oberbefehlshaber  keine Rede  sein. Beide  sind  denn  auch
       gleicherweise bestürzt,  als sie  von London die Aufforderung er-
       halten, die  Truppen in  Eupatoria unter  Omers Befehl zu stellen
       und ihm die Truppen von Sewastopol und Kertsch zu entziehen. Wel-
       che Absicht  verfolgte denn also die britische Regierung, als sie
       die obenerwähnte  Stelle fälschte? Der Öffentlichkeit zu verheim-
       lichen, daß sie, während sie sich vor der französischen Regierung
       als die  Gönnerin des  Omerschen Planes  aufspielte, den  eigenen
       Vorschlag der
       
       #618# Karl Marx
       -----
       Türkei durch eine reine Wortverdrehung in einen ihr direkt feind-
       lichen verwandelt hatte. Dadurch war ein neues Streitobjekt gege-
       ben. Die Dinge wurden immer verwickelter, und die Gelegenheit war
       geboten, August und September mit Ordern und Konterordern zu ver-
       trödeln. Dieses  falsche Spiel  der  britischen  Regierung  tritt
       selbst in  der Aufmachung  des Blaubuchs  zutage. Um den Leser zu
       verwirren, figuriert  Clarendons Note  an Cowley  auf Seite  248,
       darauf folgen  von Seite  248-252 Auszüge aus Redcliffes Depesche
       vom 19.  Juli, Simpsons  Brief an  Redcliffe vom  16. Juli,  Omer
       Paschas Briefe  und Memoranden,  und erst  an letzter  Stelle er-
       scheint Redcliffes  Depesche vom 23. Juli, deren Folge Clarendons
       Instruktion an Cowley angeblich sein soll.
       Wir müssen nun einen Augenblick im Ministerium des Auswärtigen in
       der Downing  Street verweilen und den Earl von Clarendon betrach-
       ten, wie  er dort  emsig beflissen  ist, den  obersten Kommis des
       großen Palmerston zu spielen. Zwei Tage nach Absendung seiner De-
       pesche an  Redcliffe vom 16. Juli sendet er an Redcliffe eine an-
       dere Depesche, die mit folgenden Worten schließt:
       
       "Nach wie  vor empfiehlt  die Regierung  Ihrer Majestät, daß alle
       Streitkräfte, die  der Armee  von Kars zur Hilfeleistung gesendet
       werden, nach  Trapezunt marschieren  sollen. Sollte  Omer Pascha,
       der unserem Vernehmen nach im Begriff ist, sich nach Konstantino-
       pel zu  begeben, sich entschließen, irgendeinen Teil seiner eige-
       nen Armee mit Tunesiern und Albanern nach Redut Kale mitzunehmen,
       so hätte  die Regierung  Ihrer Majestät zu diesem Vorgehen nichts
       zu bemerken."
       
       Während Redcliffes  Depesche,  datiert  Konstantinopel,  den  23.
       Juli, London  am 1.  August,  in  genau  neun  Tagen,  erreichte,
       braucht Clarendons  Depesche, datiert  vom 16.  Juli, wieder mehr
       als einen  halben Monat,  um nach  Konstantinopel zu gelangen. Am
       30. Juli  war sie  noch nicht  da; an  diesem Tage  schreibt Red-
       cliffe:
       
       "Wenn die  Regierung Ihrer  Majestät darauf besteht, daß die Ver-
       stärkungen via  Trapezunt gesendet werden, wird die Pforte in das
       schwierigste Dilemma versetzt."
       
       Redcliffe war  also noch nicht im Besitz der Depesche Clarendons,
       in der dieser erklärte, die Regierung Ihrer Majestät hätte nichts
       gegen die  Expedition nach  Redut Kale einzuwenden, wenn Omer Pa-
       scha selbst  sie unternähme. Es ist ein eigentümlicher Charakter-
       zug der  Chronologie dieses  seltsamen diplomatisch-militärischen
       Dramas, daß alle Depeschen, die eine Verzögerung verursachen, mit
       größter Eile  ankommen, während  alle, die zur Beschleunigung ra-
       ten, sich in unerklärlicher Weise verzögern. Aber da ist noch ein
       anderer Punkt  in Clarendons  zuletzt zitierter Depesche, der uns
       ebenso stutzig  macht. Während  Lord Redcliffe aus Konstantinopel
       unter dem
       
       #619# Der Fall von Kars - II
       -----
       19. Juli schreibt,  er sei  über die  Nachricht von  Omer Paschas
       plötzlichem Eintreffen in Konstantinopel höchlichst erstaunt, in-
       formiert Clarendon von London aus den Lord Redcliffe am 16. Juli,
       also an  demselben Tage, an dem Omer Pascha die Krim verläßt, "er
       erfahre, daß Omer im Begriff sei, sich nach Konstantinopel zu be-
       geben". Omer  Pascha selbst  faßte, wie  wir wissen,  diesen Ent-
       schluß erst am 14. Juli, nachdem der Kriegsrat abgebrochen wurde.
       In der  Zeit vom  14. bis  16. Juli ging jedoch kein Fahrzeug von
       Sewastopol nach Konstantinopel, so daß Omer genötigt war, Admiral
       Lyons zu  ersuchen, Ihrer  Majestät Schiff  "Valorous" zu  seiner
       Verfügung zu  stellen. Sollen  wir etwa glauben, daß, während die
       Depeschen des  Ministeriums des  Auswärtigen siebzehn  Tage brau-
       chen, um  Konstantinopel zu  erreichen, die Depeschen, die es aus
       der Krim  erhält, schon  über Ereignisse  berichten, noch ehe sie
       stattgefunden haben? So ist die Sache nicht. Da war das Untersee-
       kabel von  Sewastopol nach Varna und der Telegraph von Varna nach
       London, so  daß Clarendon  an dem gleichen Tage direkte Nachricht
       haben konnte,  als der  Kriegsrat seine  Sitzung abhielt. Wo aber
       ist diese  aus Sewastopol datierte Depesche? Sicher ist sie nicht
       im Blaubuch.  Sie ist einfach unterdrückt worden. Und warum? Die-
       selbe Telegraphenleitung,  durch die  Clarendon von  Omer Paschas
       beabsichtigter Abreise  Kunde erhielt, mußte ihm auch von dem Wi-
       derstand Mitteilung  machen, den  Omer Pascha  bei Pélissier, das
       heißt bei der französischen Regierung, fand. Daraus würde nun na-
       türlich die  Frage entstehen,  warum Clarendon ruhig vom 16. Juli
       bis 1.  August wartete,  um der französischen Regierung die Sache
       mitzuteilen und mit ihr über den Punkt in Verhandlungen einzutre-
       ten, von dem die ganze Kampagne abhing. Um dieser Frage vorzubeu-
       gen, ließ  man die  telegraphische Nachricht  verschwinden.  Wenn
       aber Clarendon die Depesche aus der Krim unterdrückte, warum ver-
       öffentlichte er  dann seine  eigene aus  London, datiert  vom 16.
       Juli? Da  man keine Spur davon entdecken konnte, daß sie Konstan-
       tinopel jemals erreicht hat, so hätte ihre Weglassung im Blaubuch
       keine fühlbare  Lücke gelassen.  Ein doppelter  Zweck wurde dabei
       verfolgt. Einerseits  sollte die  Bereitwilligkeit der englischen
       Regierung, Kars  zu Hilfe  zu kommen, gegenüber den Schwierigkei-
       ten, die  Bonaparte machte,  ins hellste  Licht gerückt  und  das
       ganze Odium  der Verzögerung  auf dessen Schultern geschoben wer-
       den. Andererseits  sollte Ciarendons Glauben an die falsche Depe-
       sche vom  23. Juli  durch seine Bereitwilligkeit bewiesen werden,
       Omer Pascha  jeden Teil  seiner Armee zu überlassen, bevor er den
       Beschluß der  Pforte kannte, ihn mit der Eupatoria-Armee zu bela-
       sten. Als  Clarendon diesen  Beschluß erst  einmal  kannte,  ver-
       steifte er sich allerdings darauf, ungeachtet aller Proteste Omer
       Paschas und der Pforte. Das ganze Vorgehen Ciarendons, seine Auf-
       munterung
       
       #620# Karl Marx
       -----
       der Pforte,  sich während  des ganzen Juli mit Vivians Expedition
       zu beschäftigen,  seine Verzögerung  der Verhandlungen  mit Bona-
       parte bis  August, seine  Unterschiebung eines  gefälschten  Vor-
       schlags der  Pforte in  die Depesche  nach Paris, eben jenes Vor-
       schlags, der,  wenn ihn  Bonaparte akzeptiert  hätte, gewiß  eine
       Quelle weiterer  Verwicklungen in dieser Komödie der Irrungen ge-
       worden wäre  - all diese Schritte dienten dem gleichen Zweck: die
       Zeit totzuschlagen.
       
       III
       
       ["The People's Paper" Nr. 207 vom 19. April 1856]
       Am 2. August 1855 telegraphierte Lord Cowley aus Paris, daß "Graf
       Walewski Einwände gegen den Vorschlag voraussieht", den Clarendon
       im Namen  der Pforte gemacht habe. Somit bietet sich dem schlauen
       Earl Gelegenheit,  seinen patriotischen  Eifer in einer Depesche,
       datiert vom  3. August, zu entwickeln und die französische Regie-
       rung eindringlich  auf die  ungeheuerlichen Folgen  aufmerksam zu
       machen, die  wahrscheinlich entstehen  würden, wenn  Kars und Er-
       zerum in  die Hände Rußlands fielen. Am folgenden Tag, dem 4. Au-
       gust, bekommt er aus Paris folgende Depesche:
       
       "Lord Cowley an den Earl of Clarendon.
       Paris, 4. August 1855.
       Die französische  Regierung wird  sich der  geplanten  Expedition
       Omer Paschas  nach Kleinasien  nicht widersetzen,  vorausgesetzt,
       daß die Zahl des türkischen Kontingents vor Sewastopol nicht ver-
       ringert wird."
       
       Ungeachtet dieser bedingten Form bedeutet dies die unbedingte An-
       nahme des  von Clarendon am 1. August im Namen der Pforte gemach-
       ten Vorschlags, demzufolge die in Eupatoria stationierten Truppen
       an Omer  Pascha übergeben  und dort durch General Vivians Kontin-
       gent ersetzt  werden sollten. An demselben Tage depeschierte Cla-
       rendon an Redcliffe:
       
       "4. August. Omer Pascha kann Kars zu Hilfe kommen, vorausgesetzt,
       daß er  seine türkischen  Truppen vor Sewastopol nicht vermindert
       und die Garnison in Jenikale unangetastet läßt."
       
       Die französische  Regierung hatte bloß gegen die Verminderung der
       türkischen Truppen  vor Sewastopol protestiert. Die englische Re-
       gierung fügt  noch ein  Hindernis hinzu, indem sie die türkischen
       Truppen von  Jenikale mit  Beschlag belegt.  Am 8. August erhielt
       Clarendon einen  Brief von General Williams, datiert aus Kars vom
       14. Juli, in dem er berichtet, General
       
       #621# Der Fall von Kars - III
       -----
       Murawjow habe  am 11.  und 12.  Juli  in  der  Nähe  der  Festung
       Rekognoszierungen durchgeführt und
       
       "sei am  13. Juli mit seiner ganzen Armee auf den südlichen Anhö-
       hen über  Kars erschienen, die den Schlüssel zu unserer Verteidi-
       gung bilden  und von  deren Gipfelpunkt  aus Kars  1828  genommen
       wurde".
       
       Der Brief schließt mit den Worten:
       
       "Soeben höre ich, daß der russische General Verstärkungen aus Ba-
       jazid via  Gumry erwartet,  und daß  jene Truppen, die vor kurzem
       aus den  Garnisonen an  der zirkassischen  Küste  hinausgetrieben
       wurden, sich auch auf dem Marsch ins Innere von Georgien befinden
       und an  den künftigen  Operationen in  Kleinasien teilnehmen kön-
       nen." (Nr. 276).
       
       Clarendons Eifer,  die türkische  Streitmacht zu verkleinern, er-
       hält einen  neuen Impuls, als er von den russischen Verstärkungen
       hört. Er  setzt sich  unverzüglich hin,  um seinen  Index militum
       prohibitorum 1*) zu vollenden:
       
       "Telegramm Lord Clarendons an Lord Redcliffe.
       Ministerium des Auswärtigen, 9. August 1855.
       General Vivians  Kontingent geht unverzüglich nach Eupatoria. Die
       türkischen Truppen daselbst, 10 000 oder 12 000 Mann, marschieren
       mit Omer  Pascha nach Redut Kale. Die türkischen Truppen in Bala-
       klawa und Kertsch sind an Zahl nicht zu vermindern. Die türkische
       Streitmacht, die  unter Omer Pascha nach Redut Kale zu gehen hat,
       wird auf  ihre volle  Zahl gebracht aus Truppen von Bulgarien und
       andernorts, jedoch nicht aus der Krim."
       
       Wir sehen  hier, wie Clarendon neuerdings das Bereich seiner Ver-
       bote erweitert.  Da er  sich erinnert, daß Oberstleutnant Simmons
       am 15.  Juli gemeldet  hat, Omer Pascha beabsichtige, "jenen Teil
       seiner Armee,  der sich  hier" (in Balaklawa) "und in Kertsch be-
       findet - 25 000 Mann Infanterie, 3000 Mann Kavallerie aus Eupato-
       ria und  Artillerie" -, mit sich zu nehmen, so verbietet er jetzt
       der Pforte,  die Garnison  in Kertsch anzutasten, und dehnt Bona-
       partes Einspruch  gegen die  Zurückziehung von türkischen Truppen
       aus Sewastopol auf die ganze Krim mit Ausnahme von Eupatoria aus;
       und selbst  an diesem  Ort schrumpft  die Zahl  der  Truppen  auf
       10 000 oder  12 000 Mann zusammen an Stelle der 20 000, die er in
       seiner Depesche  vom 1.  August an die französische Regierung er-
       wähnte. Mit  clownartigem Humor  überläßt er  es der Pforte, sich
       "woanders" nach  Truppen umzusehen.  Nachdem er die Bombe gefüllt
       hat, kann  er jetzt  ruhig abwarten,  wie sie  in  Konstantinopel
       platzt.
       -----
       1*) Liste der Truppen, die mit Beschlag zu belegen sind
       
       #622# Karl Marx
       -----
       In Clarendons  Depesche an  Redcliffe vom 16. Juli frappierte uns
       folgende Stelle:
       
       "Sollte Omer  Pascha, der  unserem Vernehmen nach im Begriff ist,
       sich nach Konstantinopel zu begeben, sich entschließen, irgendei-
       nen Teil  seiner eigenen  Armee nach  Redut Kale  mitzunehmen, so
       hätte die englische Regierung zu diesem Vorgehen nichts zu bemer-
       ken."
       
       Aus einem  Brief Fuad Efendis an Redcliffe vom 31. Juli, aus Red-
       cliffes Antwort vom 4. August und aus Redcliffes Brief vom 8. Au-
       gust (siehe  Nr. 282 und Beilage) geht nun hervor, daß Clarendons
       Depesche, datiert  vom 16. Juli, am 8. August Konstantinopel noch
       nicht erreicht  hatte. Fuad  Pascha konstatiert  in seinem Brief,
       daß die bereits getroffenen Maßnahmen (in bezug auf die mingreli-
       sche Expedition)  suspendiert worden seien, "da die" (von London)
       "erwartete offizielle  und kategorische Antwort noch nicht einge-
       troffen sei",  und nimmt  den türkischen Plan einer mingrelischen
       Expedition gegen  "den wesentlichen  Inhalt der  englischen Depe-
       schen" in  Schutz, demzufolge  "die Verstärkung durch Erzerum auf
       dem Wege  über Trapezunt  geschickt werden müsse". In seiner Ant-
       wort vom 4. August sagt Redcliffe,
       
       "als man  ihn neulich aufgefordert habe, die Ansichten seiner Re-
       gierung zu äußern, so habe er diese Pflicht nur in dem peinlichen
       Bewußtsein der  Schwierigkeiten erfüllt, in denen sich die Pforte
       befinde",
       
       denn diese  würden durch die Ansichten, "die er zu äußern berufen
       sei", nur noch gesteigert, und er fügt hinzu:
       "Obgleich die Regierung Ihrer Majestät erklärt hat, daß sie einer
       mehr direkten  Operation über  Trapezunt und  Erzerum entschieden
       den Vorzug  gäbe, so würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihre
       Einwände gegen  eine Diversion  nach der  zirkassischen Seite hin
       einschränken, wenn  die angewandten Streitkräfte fest zusammenge-
       fügt und zuverlässig wären."
       
       In seiner  Depesche vom  8. August an Clarendon klagt er, daß die
       Regierung
       
       "noch immer  das Hauptgewicht  auf Trapezunt lege, als den einzig
       wirklichen Punkt,  dem man  Hilfe geben kann... Die militärischen
       Autoritäten sind entschieden dafür" (für die mingrelische Expedi-
       tion)... "Trotz der vielen mir entgegengehaltenen, kräftig unter-
       stützten Beweisgründe  für den  einzigen gangbaren  Weg zur  Hil-
       feleistung, teilte  ich der  Pforte ohne Rückhalt die entgegenge-
       setzten Ansichten meiner Regierung mit."
       
       Clarendons Antwort  auf diese letzte Depesche Redcliffes (20. Au-
       gust) muß  man unter einem doppelten Gesichtspunkt betrachten: im
       Hinblick auf  Redcliffes Behauptung,  daß seiner Meinung nach die
       englische Regierung sich
       
       #623# Der Fall von Kars - III
       -----
       der mingrelischen  Expedition bis  zum 8. August widersetzt habe,
       und im  Hinblick auf den Plan, den Clarendon am 1. August als ei-
       genen Plan der Pforte nach Paris sandte. Zum ersten Punkt erklärt
       Clarendon (siehe Nr. 283):
       
       "Meine verschiedenen  telegraphischen Botschaften und meine Depe-
       sche vom 4. dieses Monats, die Sie seit der Absendung Ihrer Depe-
       sche erhalten  haben werden,  werden Ihnen gezeigt haben, daß die
       Regierung Ihrer Majestät im Verein mit der Kaiserlichen Regierung
       von Frankreich darein willigten, daß Omer Pascha nach Asien gehe,
       um eine  Diversion zur Hilfeleistung für Kars zu bewerkstelligen;
       die Regierung Ihrer Majestät besteht in diesem Falle nicht länger
       auf dem  zuerst eingenommenen Standpunkt, daß die Hilfe über Tra-
       pezunt erfolgen muß."
       
       Mit Ausnahme der Depesche vom 14.Juli, in der Clarendon gegen die
       mingrelische Expedition  protestierte und die Türken aufforderte,
       von Erzerum  und Kars  zurückzugehen, und der Depesche vom 9. Au-
       gust, die  Redcliffe naturgemäß  am 8.  noch nicht erhalten haben
       konnte, hatte  Clarendon laut  Bericht  des  Blaubuchs  überhaupt
       keine Depesche  abgesandt. Es ist daher eine greifbare Fälschung,
       wenn er  von seinen  "verschiedenen telegraphischen  Botschaften"
       spricht, in denen er den Einspruch der britischen Regierung gegen
       die mingrelische  Expedition zurückgezogen habe. Warum bezieht er
       sich nicht auf seine Depesche vom 16. Juli? Weil sie nur im Blau-
       buch figuriert,  nur für das Blaubuch geschrieben war und niemals
       das Ministerium  des Auswärtigen  in der Downing Street verlassen
       hat. Redcliffe,  als ob er die ihm gestellte Falle ahnte, schrieb
       unterm 13. August an Clarendon (Nr. 286):
       
       "Eben erfahre ich den Inhalt der Depesche Eurer Lordschaft vom 9.
       dieses Monats.  Es wird  dem türkischen Ministerium wie auch Omer
       Pascha zur höchsten Befriedigung gereichen, daß die englische Re-
       gierung das  Experiment einer Diversion gegen Redut Kale sanktio-
       niert. Die  Fassung der vorhergehenden Botschaft, die ausschließ-
       lich ein  Vorrücken nach  Kars von  Trapezunt aus  zu begünstigen
       schien, hatte eine unverkennbare Enttäuschung hervorgerufen."
       
       Redcliffe weiß  nichts von  Clarendons "verschiedenen telegraphi-
       schen Botschaften".  Er weiß  nur, daß  die vorige Botschaft sich
       "ausschließlich" zugunsten  einer Expedition  über Trapezunt aus-
       sprach. Er meint damit die Botschaft vom 13. Juli, die noch durch
       das Telegramm  vom 14.  Juli gestützt  wird. Von der Existenz der
       Botschaft vom 16. Juli weiß er überhaupt nichts. Auf diesen Punkt
       legen wir  aus einem ganz einfachen Grunde Gewicht. Ein Blick auf
       die Akten  über Kars  wird jedermann  zur Genüge zeigen, wie sich
       die britische  Regierung beständig  bemühte, die Pläne der Pforte
       zu durchkreuzen. Und die von uns aufgedeckten Fälschungen, Erfin-
       dungen und  Lügen beweisen, daß die britische Regierung sich wohl
       bewußt war, falsches Spiel zu
       
       #624# Karl Marx
       -----
       spielen, und  verraten, daß  bei ihr ein vorher verabredeter Plan
       existierte, den sie nicht wagt, offen zu gestehen.
       Betrachten wir  nun Clarendons  Depesche vom 20. August aus einem
       anderen Gesichtspunkt.
       
       "Omer Pascha",  sagt er,  "wird als  Befehlshaber der Truppen des
       Sultans freie  Hand haben,  seine Bewegungen so einzurichten, wie
       sie für  die gemeinsame  Sache am  vorteilhaftesten sind, und die
       einzige Beschränkung, die ihm von den beiden Regierungen bei sei-
       nem Vorgehen  auferlegt wird, ist die Bedingung, daß die Bewegung
       in Asien nicht zu irgendeiner Verminderung der bei Sewastopol und
       Jenikale verwendeten  türkischen Streitmacht  führt, während  das
       türkische Kontingent  unter General Vivian dazu verfügbar gemacht
       werden kann,  an die  Stelle jener  türkischen Truppen zu treten,
       die Omer Pascha von Eupatoria aus mit sich nehmen mag."
       
       Gemäß Clarendons  Depesche nach  Paris vom  1. August  hatte  die
       Pforte  vorgeschlagen,  die  Truppen  von  Eupatoria  unter  Omer
       Paschas Befehl  zu stellen, aber ohne sich mit der türkischen Ar-
       mee vor  Sewastopol zu befassen. Wie kann er die einfache Annahme
       des eigenen Vorschlags der Pforte so hinstellen, als ob man "Omer
       Pascha bei seinem Vorgehen eine Beschränkung" auferlege? Aber an-
       dererseits, was  konnte er anderes machen, wo ihn doch gerade die
       Depesche Redcliffes,  die er beantwortet, daran erinnert, daß der
       Pascha auf  "17 000 Mann  von Balaklawa",  3000 Mann  von Kertsch
       usw. rechnet?  So wird, was in seiner Depesche nach Paris als ei-
       gener Vorschlag  der Pforte  figuriert, jetzt  der Pforte als der
       Rat ihrer westlichen Alliierten vorgeschrieben.
       Bis zum  13. August - gerade einen Monat, nachdem Omer Pascha den
       alliierten Generalen  seine mingrelische Expedition vorgeschlagen
       hatte -  stand die  Pforte unter dem peinlichen Eindruck, daß die
       britische Regierung  sich ihr widersetze, und alle ihre Vorberei-
       tungen zur  Hilfeleistung für  Kars waren  infolgedessen förmlich
       gelähmt. Am  13. August sieht sie sich endlich von diesem Alp be-
       freit und  hat die  Genugtuung, zu vernehmen, daß ihre westlichen
       Alliierten dem  von ihr  am 22. Juli gefaßten Beschluß zugestimmt
       haben. Endlich  sollte sie nun die Freiheit haben, ihre Kraft ge-
       gen Murawjow  anstatt gegen Clarendon zu verwenden. Am 15. August
       wird der Rat des Osmanischen Reiches zusammenberufen, um über die
       wirksamsten Mittel  zu beraten,  Kars zu Hilfe zu kommen. Das Re-
       sultat dieser Beratungen ist ebenso erstaunlich als unerwartet.
       
       "Omer Pascha",  sagt Redcliffe  in seiner Depesche vom 16. August
       (Nr. 294) an Clarendon, "widersetzt sich aufs allerentschiedenste
       dem telegraphisch  übermittelten Londoner Projekt, das Kontingent
       in Eupatoria  zu stationieren,  und fühlt  sich außerstande,  die
       Verantwortung als  Kommandant der  Expedition zu übernehmen, wenn
       den türkischen  Truppen vor  Sewastopol nicht erlaubt wird, einen
       Teil davon zu bilden."
       
       #625# Der Fall von Kars - III
       -----
       So sehen wir also, wie jetzt von dem Eupatoriaplan, der angeblich
       am 23. Juli nach London gemeldet wurde, behauptet wird, er sei am
       9. August von London nach Konstantinopel übermittelt worden.
       Am 16.  August sandte  Oberstleutnant Simmons ebenfalls eine Bot-
       schaft an Clarendon (Nr. 297):
       
       "Ich muß  Eurer Lordschaft  berichten, daß der Seraskier, nachdem
       er von  Lord Stratford  de Redcliffe dahin benachrichtigt worden,
       daß Ihrer  Majestät Regierung das türkische Kontingent nach Eupa-
       toria beordert  habe, diese  Mitteilung Seiner Hoheit Omer Pascha
       zukommen ließ;  dieser in  der Überzeugung,  daß diese Aktion die
       Pforte nicht  in den Stand setzen wird, die nötigen Kräfte aufzu-
       bringen, um  eine Operation  in Asien  zur Rettung  der Armee von
       Kars zu  unternehmen, hat  einen Bericht  an den  Seraskier  ver-
       faßt... Omer  Pascha, obwohl er darauf besteht, seine Truppen von
       Sewastopol mit sich zu nehmen, wird einen Teil davon und die tür-
       kischen Truppen  von Kertsch  dem englisch-türkischen  Kontingent
       überweisen, soviel  als nötig  sind, um es auf seine volle Stärke
       zu bringen...  Der Vorschlag  des Paschas  erscheint mir  als der
       einzige, der Hoffnung auf eine Rettung der Armee in Kars gewährt,
       die Bedingung  vorausgesetzt, die, wie Seine Hoheit weiß, von der
       englischen und  französischen Regierung insofern auferlegt wurde,
       als keine  tatsächliche Verringerung der Streitkräfte in der Krim
       stattfinden darf,  und daß daher der erste Vorschlag Omers an die
       Generale, über  den ich  am 15. Juli berichtete, nicht ausgeführt
       werden kann. Der Pascha bezweifelt, daß die Expedition jetzt noch
       rechtzeitig genug  kommen wird,  die Garnison von Kars zu retten;
       wenn aber  nicht, so  wird sie doch auf alle Fälle den Feind ver-
       hindern, sich  im Gouvernement  Erzerum festzusetzen und daselbst
       Maßnahmen zu  einem neuerlichen  Vorstoß ins Innere für die künf-
       tige Kampagne zu treffen."
       
       Omer Paschas Memorandum an den Seraskier, auf das in dieser Depe-
       sche des  Oberstleutnants Simmons angespielt wird, ist dem Briefe
       Redcliffes an  Clarendon vom  16. August beigeschlossen. Wir ent-
       nehmen daraus  die hier folgenden von Omer Pascha gemachten Erwä-
       gungen:
       
       "Die jetzt  in Eupatoria  befindlichen Truppen  bestehen aus ver-
       schiedenem Menschenmaterial,  aus Tunesiern  und Ägyptern, und es
       fehlt ihnen  an Mitteln  zum Landtransport...  Sie sind nicht im-
       stande, ins  Feld zu  rücken oder  zu manövrieren...  Müßten  die
       Ägypter nach  Asien ziehen  - denn es wird sich als notwendig er-
       weisen, während  des Winters im Feld zu bleiben -, so würden sie,
       da sie  an ein heißes Klima gewöhnt sind, die notwendigen Manöver
       nicht ausführen  können, und  da die Armee aus verschiedenem Men-
       schenmaterial zusammengesetzt ist, so wäre wenig Aussicht auf Er-
       folg. Wird  dieses Projekt  durchgeführt,  so  wird  die  Einheit
       sowohl der  ottomanischen als  der englischen Armee zerstört, und
       es darf  nicht vergessen werden, daß ein großer Teil der Kampffä-
       higkeit, wenn nicht gar die ganze Existenz einer Armee, von ihrer
       Einheitlichkeit abhängt... Der Pascha bemerkt, jeder Befehlshaber
       sollte bei  der Kriegführung von vornherein die schwierigsten Um-
       stände ins  Auge fassen, in die er durch die Kriegsereignisse ge-
       raten könne, und soweit als möglich dem Mißgeschick
       
       #626# Karl Marx
       -----
       vorbeugen. Er  setzt den  Fall, die Armee von Kars wäre schon vor
       seinem Eintreffen  in Asien vernichtet und die Russen über diesen
       Platz hinaus  vorgerückt, und  erklärt, in  einem  solchen  Falle
       würde er mit einer aus verschiedenem Menschenmaterial zusammenge-
       würfelten Armee,  in die er nicht vollstes Zutrauen setzen könne,
       in ähnliche  Schwierigkeiten geraten  wie die,  in denen sich die
       asiatische Armee heute befinde.
       Jeder General,  dem man eine Operation anvertraut, müsse mit die-
       ser Operation  und dem  Modus  ihrer  Durchführung  einverstanden
       sein, so  daß er  für ihren Verlauf verantwortlich gemacht werden
       könne. Das  englisch-türkische Kontingent, würde es durch die aus
       Bulgarien und  Kertsch zuziehenden  Détachements zu seiner vollen
       Stärke ergänzt, würde an Zahl den unter seinem Kommando befindli-
       chen Divisionen  etwa gleichkommen. Was die Zahlen der alliierten
       Armeen betrifft,  so brauchten  sie nicht  vermindert zu  werden,
       wenn man  nur seiner Ansicht beitreten wollte. Würde im Gegenteil
       der Londoner  Plan ausgeführt,  so würden dadurch die permanenten
       Vorkehrungen, die  der Seraskier  zur Versorgung der Garnison von
       Eupatoria getroffen  habe, durchbrochen  werden, es müßten unver-
       meidliche Verzögerungen entstehen und ganz neue Einrichtungen or-
       ganisiert werden."
       
       Nach Omer  Paschas Meinung  sind die  natürlichen Folgen  des aus
       London eingeschickten Planes, würde er verwirklicht, die Vernich-
       tung der  letzten schlagkräftigen  türkischen Armee,  der Verlust
       der Einheit  sowohl in  der englischen  wie auch in der ottomani-
       schen Armee,  die nutzlose  Hinopferung der Ägypter und Tunesier,
       die Durchbrechung der permanenten Vorkehrungen zur Versorgung der
       türkischen Truppen  in Eupatoria,  die Schaffung  unvermeidlicher
       Verzögerung, der  Ruin seines eigenen militärischen Renommees und
       die Gefahr  für die mingrelische Armee, das gleiche Schicksal wie
       das der  Garnison von Kars zu erleiden. Bei der Mitteilung dieses
       scharfen Protestes  an Clarendon  läßt Redcliffe nicht im gering-
       sten ahnen,  daß er  selbst der  Kanal war,  durch den die Pforte
       veranlaßt wurde,  eben dieses selbe Projekt Clarendon zu übermit-
       teln.
       Somit haben  wir also  den neuen und unwiderleglichen Beweis, daß
       der Vorschlag  der Pforte,  wie er  in der  Depesche vom 23. Juli
       dargestellt ist,  eine Londoner Fälschung ist, und daß Clarendon,
       als er ihn in seiner Depesche vom 1. August der französischen Re-
       gierung zur  Annahme vorlegte,  sich wohl  bewußt war,  einen ab-
       scheulichen Betrug zu verüben.
       Clarendons Plan  erfüllte  sich  ganz  nach  seinem  Wunsch.  Die
       Pforte, endlich davon informiert, daß die englische Regierung der
       türkischen Expedition im allgemeinen zustimmt, erfährt gleichzei-
       tig, daß  sie sich  sämtlichen Einzelheiten der Ausführung wider-
       setzt. Nachdem  sie einen Monat lang gegen Clarendons Erzerumpro-
       jekt hat  ankämpfen müssen, muß sie nun den noch weit kostbareren
       Monat August  damit vertrödeln,  sich gegen sein Eupatoriaprojekt
       zur Wehr zu setzen.
       
       #627# Der Fall von Kars - III
       -----
       In einer  Depesche Redcliffes vom 20. August an Clarendon ist ein
       zweites Memorandum Omer Paschas beigeschlossen, das dem ersten an
       Inhalt ähnelt, aber folgenden Zusatz enthält (siehe Nr. 296):
       
       
       "Jeder General, der eine derartige Operation gegen alle militäri-
       schen Regeln auszuführen versucht, würde seinen militärischen Ruf
       aufopfern, und  er würde  überdies die gemeinsame Allianz gefähr-
       den. Ich beabsichtige keines von beiden zu tun.
       Selbst wenn  ich das  Kommando annähme,  so brächte  es der ange-
       strebten Sache keinen Nutzen."
       
       Er schildert  die Truppen  von Eupatoria  "als  undisziplinierte,
       zusammengewürfelte und unerfahrene Soldaten".
       Am 20.  August (siehe  Nr. 298,  Simmons an Clarendon) informiert
       Omer Pascha  Simmons über  den Stand  der Dinge  in Kars nach der
       Schilderung eines  Adjutanten des  Seraskiers, der Kars am 5. Au-
       gust verließ und in Konstantinopel am 19. August eintraf:
       
       "Zur Zeit seiner Abreise enthielten die Lager innerhalb der Stadt
       Kars nur  mehr Vorräte  für vier,  höchstens fünf Wochen, und mit
       Munition war  die Garnison  auch nur ungenügend versehen. Das sei
       allerdings nicht  von großer  Wichtigkeit, denn  General Murawjow
       habe seiner  nach den  erhaltenen Verstärkungen  etwa 50 000 Mann
       zählenden Armee verkündet, er wolle Kars aushungern und die Stadt
       nehmen, ohne  einen Schuß abzufeuern... Die Russen haben die Ein-
       wohner gezwungen,  alles, was  nach Proviant aussah, acht Stunden
       (28 Meilen)  im Umkreis von Kars wegzuschaffen... Die Garnison in
       Erzerum besteht  aus 6000  Mann regulärer  und 12 000 irregulärer
       Truppen; doch  von den  letzteren gehen  viele auf und davon oder
       laufen auseinander." Simmons sagt: "Aus Omer Paschas Ausführungen
       geht hervor,  daß die  Pforte von dem traurigen Zustand der Dinge
       in Asien  tief ergriffen  ist und die fast sichere Aussicht, Ende
       dieses Monats oder Anfang September die Garnison von Kars, 16 000
       Mann und nahezu 200 Geschütze, darunter 70 Feldgeschütze, verlie-
       ren zu  müssen, sie  geradezu zur  Verzweiflung treibt... Sie ist
       sehr betrübt  und enttäuscht,  daß so  viel Zeit verlorenging und
       daß die  Kabinette in Paris und London und auch die militärischen
       Autoritäten in der Krim der Angelegenheit nicht die ernste Bedeu-
       tung beigelegt  hätten, in  der sie der Pforte erscheint, sondern
       sich den Vorschlägen widersetzt hätten, die bisher in der Absicht
       gemacht worden  sind, ihre  Lage zu  verbessern und das Unheil zu
       verhüten."
       
       Am 21.  August, auf  einer Sitzung  des Rates der Pforte (Nr 299,
       Simmons an Clarendon am 23. August),
       
       "gelangt man  zu dem Entschluß, mit dem größten Nachdruck und mit
       allen der  Pforte zur  Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen, um
       den von Omer Pascha vorgeschlagenen Plan auszuführen... Eine Note
       wurde vereinbart, die an die Gesandten von Frankreich und England
       zu richten  wäre, um  sie von  der  Entscheidung  der  Pforte  in
       Kenntnis zu setzen und sie aufzufordern, den Beistand der Flotten
       ihrer Regierungen
       
       #628# Karl Marx
       -----
       zu erlangen,  um die  ottomanischen Truppen mit ihrer Artillerie,
       ihrer Bagage und ihren Landtransportmitteln an die asiatische Kü-
       ste zu bringen... Habe sie alles getan, was in ihrer Macht stand,
       um einen  Feldzug zustande  zu bringen,  der der  Armee von  Kars
       Hilfe bringen  sollte, und  ihre Position in Asien wiederzugewin-
       nen, so  fühle sie sich" (die Pforte) "frei von der Verantwortung
       für jedes  Unheil, das  aus der  Nichtausführung  der  zu  diesem
       Zwecke vorgeschlagenen  Pläne entstehen könnte. Die türkische Re-
       gierung schicke  jetzt, um  die Bewegung in Fluß zu bringen, ihre
       Schiffe nach Sozopolis, um die Einschiffung der Truppen zu begin-
       nen usw.  Doch hätte  sie offenbar  einige Zweifel gehegt, ob sie
       diesen entscheidenden Schritt unternehmen solle, da das englisch-
       türkische Kontingent  aus London Order bekommen hatte, nach Eupa-
       toria zu marschieren."
       
       So ist nun bald der August zu Ende, und die Pforte sieht sich im-
       mer noch  in ihren  Bewegungen durch Clarendons Eupatoriaplan ge-
       hemmt. Ihre  Unruhe steigt,  je verzweifelter die Nachrichten aus
       Kars lauten;  endlich erpreßt  sie von  Redcliffe, der inzwischen
       einen Abstecher  nach Sewastopol gemacht hatte, folgende telegra-
       phische Depesche (Nr. 290):
       
       "Lord Redcliffe an Earl Clarendon.
       Vor Sewastopol, 26. August.
       Ich ersuche,  mich hierher sofort und definitiv darüber zu infor-
       mieren, ob  Omer Pascha türkische Truppen im ganzen oder zum Teil
       von Balaklawa wegnehmen kann, vorausgesetzt, daß sie durch andere
       in gleich großer Zahl ersetzt werden, und ob in diesem Fall Gene-
       ral Vivians  Kontingent freie  Hand hat, seine Stellung vor Sewa-
       stopol einzunehmen,  statt nach  Eupatoria zu  gehen. Omer Pascha
       wird von Tag zu Tag erwartet. Er macht seine Expedition davon ab-
       hängig, ob ihm die Macht eingeräumt wird, so zu handeln, wie oben
       ausgeführt wurde.  Er hat  annehmbare Gründe  dafür  vorgebracht.
       Wenn  wir  Transporte  beistellen  können,  so  könnten,  wie  es
       scheint, die  Truppen in  Redut Kale  etwa in einem Monat landen.
       Die Russen, die Erzerum bedrohten, haben sich auf der Straße nach
       Kars zurückgezogen;  von der  türkischen Armee  daselbst wird be-
       richtet, daß  sie zu Anfang August fast noch für zwei Monate Pro-
       viant besaß."
       
       IV
       
       ["The People's Paper" Nr. 208 vom 26. April 1856]
       Clarendon hat  es nun fertiggebracht, durch sein Eupatoriaprojekt
       jede Aktion der Pforte während des ganzen Monats August zu durch-
       kreuzen. Redcliffes  Depesche bestätigte die Behauptung des Gene-
       rals Williams,  "daß der  Proviant in  Kars kaum  noch bis Anfang
       September reichen  wird". Mit  welch außerordentlicher  Hingebung
       die türkische Garnison in Kars es fertig
       
       #629# Der Fall von Kars - IV
       -----
       brachte, über  diesen von  Williams bezeichneten Zeitpunkt hinaus
       ihre Existenz  zu fristen, zeigt uns das Memorandum, das wir hier
       folgen lassen. (Beilage zu Nr. 315):
       
       "Kars, 1. September 1855.
       Wir strecken  unseren Proviant  so weit wie möglich; die Soldaten
       sind auf  halbe Ration  Brot und Fleisch oder Reisbutter gesetzt.
       Manchmal 100  Drachmen Biskuit  statt Brot,  sonst  nichts.  Kein
       Geld. Muselmanische  Bevölkerung, 3000 Schützen, werden bald Hun-
       gers sterben.  Armenier haben  Order, morgen die Stadt zu verlas-
       sen. Keine  Gerste, kaum  noch Fourage.  Kavallerie nur noch wan-
       delnde Skelette,  werden aus  der Garnison  entfernt, Artillerie-
       pferde bald  ebenfalls. Wie  wird man  dann die Geschütze von der
       Stelle bewegen?...  Was geschieht  zur Rettung dieser Armee? gez.
       Williams"
       
       Nachdem sich  Clarendon vergewissert,  daß die  Vorrate  in  Kars
       nicht über den Anfang Oktober hinaus reichen könnten, und nachdem
       ihn Redcliffe andererseits versichert hatte, daß selbst mit Hilfe
       der Transportmittel der Alliierten die Truppen Omer Paschas nicht
       vor den  ersten Oktobertagen bei Redut Kale ankommen würden, hält
       er es  nicht länger  mehr für gefährlich, die französische Regie-
       rung zur  Annahme des  türkischen Projektes  zu drängen. Außerdem
       war er  davon informiert,  daß genau in dem Moment, wo er sich an
       diese Regierung  wandte, der Sturm auf Sewastopol unmittelbar be-
       vorstand, und daß daher Pélissier gute Gründe dafür hatte, in der
       Zusammensetzung der  Truppen vor Sewastopol keinerlei Veränderun-
       gen eintreten zu lassen. Um diese Kenntnis zu verbergen, wird die
       Depesche Redcliffes in der verstümmelten Form eines Auszuges wie-
       dergegeben. Die Depesche Clarendons an Lord Cowley lautet folgen-
       dermaßen:
       
       "Ministerium des  Auswärtigen, 28. August 1855. Die Regierung Ih-
       rer Majestät hat das Vertrauen, daß die Kaiserliche Regierung der
       hier folgenden Antwort auf die Depesche des Viscount Stratford de
       Redcliffe, -  die aus  Balaklawa vom  26. August datiert ist, zu-
       stimmt. Ist das der Fall, so soll Eure Exzellenz sie unverzüglich
       über Lord  Panmure an  General Simpson weitersenden, der den Vis-
       count de  Redcliffe, wenn  er noch  in Balaklawa ist, instruieren
       wird: 'Omer  Pascha soll  freie Hand haben, diejenigen von seinen
       Truppen von  Balaklawa nach Asien zu nehmen, die ihm genehm sind.
       Sie müssen in gleicher Stärke aus General Vivians Kontingent oder
       aus Truppen  von Eupatoria  ersetzt werden, je nach der Entschei-
       dung der alliierten Generale; und entsprechende Instruktionen we-
       gen ihrer Transportierung müssen in Übereinstimmung mit den Admi-
       ralen gegeben werden.'
       gez. Clarendon"
       
       Selbst in  dieser Depesche  kann sich  Clarendon nicht enthalten,
       der Pforte  einen Streich zu spielen. Obwohl er aus den verschie-
       denen Memoranden Omer Paschas davon unterrichtet ist, daß die Er-
       setzung seiner Truppen vor
       
       #630# Karl Marx
       -----
       Sewastopol durch Truppen von Eupatoria sein ganzes Projekt in ho-
       hem Maße  schädigen würde,  schlägt er  ganz en  passant 1*)  der
       französischen Regierung vor, die Truppen vor Sewastopol durch Vi-
       vians Kontingent  oder durch  Truppen von  Eupatoria zu ersetzen.
       Die Antwort aus Paris lautete so:
       
       "Telegraphisch. Lord Cowley an den Earl of Clarendon.
       Paris, 29. August 1855.
       Der Kaiser  hat gegen  die Entfernung  der türkischen Truppen von
       Balaklawa und  gegen ihre Ersetzung durch andere nichts einzuwen-
       den, vorausgesetzt,  daß die  alliierten  Oberbefehlshaber  keine
       Einwendung machen,  er will  jedoch nicht  die Verantwortung  auf
       sich nehmen,  unter diesen Verhältnissen mehr zu sagen. Ich sende
       die telegraphische  Depesche an  General Simpson  und füge hinter
       dem Wort  'Asien' hinzu:  'vorausgesetzt, daß Sie und General Pé-
       lissier keine Einwendungen machen'."
       
       Lord Clarendons  aufrichtige Besorgnis,  die mingrelische Expedi-
       tion in  diesem letzten Augenblick zu beschleunigen, leuchtet mit
       unwiderstehlicher Klarheit  aus seiner  Depesche vom 7. September
       hervor, die  er mit  gewöhnlicher Post  an Oberstleutnant Simmons
       sandte, so  daß sie ihn erst am 23. September erreichte. Er hatte
       am 5.  September folgende Depesche von Oberstleutnant Simmons be-
       kommen (Nr. 301):
       "Ich muß  Eurer Lordschaft  mitteilen, daß  Omer Pascha  mir  er-
       klärte, Konstantinopel  nicht vor fünf oder sechs Tagen verlassen
       zu können, da er damit beschäftigt sei, die notwendigen Vorberei-
       tungen zur  Expedition nach  Asien zu treffen, und seine Anwesen-
       heit hier  zu deren  Vollendung unbedingt  erforderlich sei." In-
       folge der  von der  Pforte akzeptierten  Anordnungen "hoffte Omer
       Pascha in  Asien 50 000 Mann und 3 400 Pferde allein mit der tür-
       kischen Flotte  in zwei  Fahrten zu  laden, so  daß die Operation
       drei bis  vier Wochen  oder jede  Fahrt zehn bis vierzehn Tage in
       Anspruch nehmen  würde... Omer Pascha wünscht sehnlichst, daß ihm
       die Alliierten  helfen, die Truppen und das Material, die vor Se-
       wastopol sind,  und die  Trainpferde von  Sozopolis zu befördern,
       und er  glaubt, sie  könnten dies  in der geeignetsten Weise tun,
       wenn sie der englischen Flotte die Erlaubnis gäben, die vor Sewa-
       stopol befindlichen  Truppen nach  Asien zu  bringen, nachdem sie
       vorher das  Kontingent, das sie ersetzen soll, nach Balaklawa ge-
       bracht hat."
       
       Auf diese Depesche antwortet Clarendon in folgender Weise:
       
       "Earl of Clarendon an Oberstleutnant Simmons
       Auswärtiges Amt, 7. September 1855
       Sir!
       Der Bericht  über die  von Omer Pascha der Pforte vorgeschlagenen
       Anordnungen zum Entsatz der Armee in Asien, den Ihre Depesche vom
       26. vorigen Monats enthält,
       -----
       1*) nebenbei
       
       #631# Der Fall von Kars - IV
       -----
       ist unvereinbar  mit späteren Erklärungen, die Ihrer Majestät Re-
       gierung erhalten  hat. Sie melden in Ihrer Depesche, daß Omer Pa-
       scha darauf  rechnet, einen  Teil der bei Sewastopol befindlichen
       türkischen Truppen mitzunehmen und sie durch General Vivians Kon-
       tingent zu  ersetzen. Aus einer später datierten Depesche General
       Simpsons geht  jedoch hervor,  Omer Pascha  habe sich dahin geäu-
       ßert, daß General Vivians Kontingent nicht geeignet wäre, vor dem
       nächsten Frühjahr  eine Position  vor Sewastopol zu beziehen. In-
       folge dieser  Äußerung und auf Grund des Protestes von Seiten des
       Generals Simpson  gegen die Absendung des Kontingents an ihn, ei-
       nes Protestes,  der sich  auf diese Äußerung stützte, hat die Re-
       gierung Ihrer  Majestät beschlossen, daß das Kontingent nicht ab-
       gehen soll, um sich mit der Armee vor Sewastopol zu vereinigen.
       Clarendon"
       
       Wir machen darauf aufmerksam, daß die Depesche Simpsons, des arm-
       seligen Kriegers,  im Blaubuch  weggelassen ist, daß Omer Paschas
       "Äußerung" eine  Fälschung ist und daß das "spätere Datum", unter
       dem Omer  Pascha seine neue Meinung abgab, die seiner Meinung vom
       26. August  widersprach, zufällig  auf den Anfang Juli fällt, wie
       man aus dem hier folgenden Auszug aus einer aus dem Lager von Ka-
       mara vom  23. September  1855 datierten  Depesche des Oberstleut-
       nants Simmons ersehen wird:
       
       "Ich gestatte  mir, Eure  Lordschaft über diesen Gegenstand dahin
       zu informieren,  daß Omer Pascha diese Ansicht Anfang Juli in ei-
       nem Brief an General Simpson aussprach, ... und zwar, noch ehe er
       die kritische  Lage der  Armee in Asien erkannte. Er äußerte sich
       damals, daß  er unbedingt  der Meinung sei, General Simpson könne
       nicht daran  denken, das Kontingent im offenen Feld (en rase cam-
       pagne) vor  dem Feind  zu verwenden... Lord Raglan hatte bei ver-
       schiedenen Gelegenheiten angefragt, ob ich es für möglich hielte,
       mit dem Kontingent die Linie von Balaklawa zu halten, und als ich
       Omer Pascha  um seine Ansicht hierüber befragte, sagte er mir, er
       sähe keinen  Einwand dagegen,  wenn Seine Lordschaft es für unum-
       gänglich notwendig hielte."
       
       Wenn er eine Äußerung Omer Paschas ausgrub, die gefallen war, ehe
       noch die  mingrelische Expedition  zur Diskussion  stand, wenn er
       diese Äußerung  fälschte und  dann auf diese Fälschung einen Pro-
       test begründete, folgte Simpson in seinem "Stumpfsinn" selbstver-
       ständlich nur  den geheimen  Instruktionen, die er aus London be-
       kam. Der  arme Simpson ist eine Erfindung Palmerstons, einer sei-
       ner Golems.  Golems sind, wie uns der deutsche Dichter Arnim sagt
       [320], Erdklumpen  in Menschenform,  denen launische Hexenmeister
       künstliches Leben  eingehaucht haben.  Angenommen, Simpson  hätte
       genauso geschrieben,  wie es  in Clarendons  Depesche dargestellt
       ist -  die Unterdrückung  seiner Depesche im Blaubuch läßt diesen
       Punkt fraglich  erscheinen -, so konnte Clarendon doch keinen Mo-
       ment im  Zweifel über  den Zeitpunkt  und  den  Inhalt  von  Omer
       Paschas Äußerung  sein. Schon  am 15. Juli hatte ihn Simmons ver-
       ständigt, daß nach Omer Paschas Ansicht "das
       
       #632# Karl Marx
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       Kontingent, wenn  es auch  eine Garnison  bilden könne, doch noch
       nicht in  der Verfassung  sei, ins Innere des Landes zu marschie-
       ren"; und  in einer  späteren Depesche hatte er gesagt, "in Bala-
       klawa und  Kertsch würden sich die Truppen des Kontingents inner-
       halb befestigter Linien befinden", also "nicht im offenen Feld".
       Die Geschichte  der mingrelischen  Expedition Omer Paschas ist im
       Blaubuch nicht  wiedergegeben, aber  es sickert  genug durch,  um
       einen Begriff  von den Hindernissen zu geben, die ihr von den al-
       liierten Regierungen  in den Weg gelegt wurden, sogar noch zu dem
       viel zu späten Zeitpunkt, als sie mit Widerstreben ihre Einwilli-
       gung gegeben hatten und die Südseite von Sewastopol genommen war.
       Simmons schreibt  an Clarendon  aus dem  Lager von  Kamara am 21.
       September 1855:
       
       "Am 18.  dieses Monats  willigte General Pélissier in die Abreise
       von drei  Bataillonen türkischer  Chasseure von  hier nach Asien.
       Sie werden  in einem oder zwei Tagen nach Batum eingeschifft wer-
       den. Bis  zur Stunde  hat General Pélissier noch nicht seine Ein-
       willigung zur Abreise weiterer jetzt hier stationierter ottomani-
       scher Truppen nach Asien gegeben."
       "Auf meine  Anfragen bei der Pforte", sagte Redcliffe am 26. Sep-
       tember, "wird  mir versichert,  daß die Überfahrt der Truppen und
       der Transport  der Vorräte  vorwärtsgeht, wenn auch langsam, weil
       man zu diesem Zweck Transportmittel nur in beschränktem Maß beor-
       dert habe. Man kann sich unmöglich der Einsicht verschließen, daß
       die vielen  Änderungen des Kriegsplans, die Erfordernisse unserer
       Operationen in Sewastopol und die starke Beanspruchung des Trans-
       portdienstes vereinigt dahin wirken, die Hoffnung auf die Rettung
       von Kars zu vermindern."
       
       Nun waren aber die vielen Änderungen des Kriegsplans das Werk des
       britischen Ministeriums,  die durch die Operationen in Sewastopol
       bedingten Erfordernisse  ein bloßer  Vorwand, denn die Alliierten
       beschränkten sich  nach der Einnahme der Stadt darauf, deren Rui-
       nen zu  bewachen, und  der Mangel  an genügenden Transportmitteln
       war schließlich dadurch verursacht, daß von Downing Street Anord-
       nungen zu sinnlosen Verschickungen des Kontingents von Varna nach
       Jenikale, Kertsch,  Eupatoria und  zurück zum  Bosporus  erlassen
       worden waren.
       Das Dunkel  dieser Vorahnungen  wurde einen  Augenblick durch den
       meteorartigen Glanz  des Sieges  erhellt, den  die Türken  am 29.
       September vor Kars über die anstürmenden Reihen der Russen erran-
       gen. In  seiner Depesche  desselben Datums nennt General Williams
       diesen Tag einen "glorreichen für die türkischen Waffen". In sei-
       ner Depesche vom 3.Oktober (Nr. 342) äußert er sich gegen Claren-
       don:
       
       #633# Der Fall von Kars - IV
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       "Die türkische Infanterie wie auch die Artillerie fochten während
       des fast sieben Stunden währenden Kampfes mit äußerster Kühnheit,
       und wenn  man sich  erinnert, daß sie während einer fast vier Mo-
       nate dauernden  Periode an  ihren Verschanzungen arbeiten und sie
       bei Nacht bewachen mußten, wenn man bedenkt, daß sie schlecht ge-
       kleidet und  nur mehr  auf halbe  Kost gesetzt waren, und daß sie
       neunundzwanzig Monate  lang keine  Löhnung  bekommen  hatten,  so
       glaube ich, Eure Lordschaft wird zugeben, daß sie sich der Bewun-
       derung Europas  würdig gezeigt und zweifellos den Anspruch erwor-
       ben haben, seinen ausgezeichnetsten Truppen zugezählt zu werden."
       
       Die Pforte erließ beim Erhalt dieser frohen Kunde eine Adresse an
       die Verteidiger von Kars (Nr. 345), in der es heißt:
       
       "Wir waren überzeugt von der Unerschrockenheit und dem Eifer, die
       Eure Exzellenz  beseelten, und  von der unendlichen Gnade Gottes,
       und fanden  Trost in diesem Gedanken. Andererseits arbeiteten wir
       Tag und  Nacht daran,  Mittel zu  ersinnen, die den Feind zwingen
       sollten, die  Belagerung aufzuheben.  Die freudige  Nachricht von
       diesem Sieg hat uns mit neuem Leben erfüllt."
       
       Und welche  Fülle von  neuem Leben  wird sie  erst in  Clarendons
       Brust erwecken!  Er, der Tag und Nacht daran arbeitete, Mittel zu
       ersinnen, um  die von  der Pforte ersonnenen Mittel zu vereiteln,
       wird er  nicht, wenigstens zum Schein, die wohlfeilen Blüten sei-
       ner rhetorischen  Sympathie  umherstreuen?  Keineswegs.  Er  läßt
       vielmehr, in  seinen Berechnungen  enttäuscht, seinen Ärger gegen
       die Pforte in einer kurzen und herausfordernd ironischen Depesche
       aus (Nr. 346):
       
       "... Die  vernachlässigte Garnison  von Kars  wird wenigstens die
       Befriedigung haben,  zu erfahren, daß ihre Leiden... die Ruhe der
       türkischen Minister störten, die, da ihnen alle gewöhnlichen Mit-
       tel fehlten  Hilfe zu  leisten, niemals aufhörten, für ihre Wohl-
       fahrt und ihren Erfolg zu beten."
       
       Clarendon, früher  der schweigsame  Freund Aberdeens,  tritt hier
       als Palmerstons dröhnendes Sprachrohr auf.
       Von der  Zurückwerfung der  Russen vor  Kars am 29. September bis
       zum Tag  seiner Kapitulation,  dem 24.  November, verstrichen nun
       wieder fast zwei Monate. Wie nutzte die britische Regierung diese
       Zeit? Erstens,  indem sie  Omer Pascha die notwendigen Transport-
       mittel vorenthielt.  Am 2. Oktober schreibt Herr Oliphant, Korre-
       spondent der "Times", aus Omer Paschas Lager:
       
       "Das Aussehen der türkischen Armee wird nach und nach immer impo-
       nierender. Sind erst die 10 000 türkischen Soldaten von Balaklawa
       eingetroffen, zu  deren Absendung die alliierten Generale endlich
       widerwillig ihre  Zustimmung gaben, so wird sie 50 000 Mann stark
       sein. Hauptsächlich wird die Verzögerung durch die Saumseligkeit
       
       #634# Karl Marx
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       unserer Obrigkeit in der Krim verursacht, die weder Transportmit-
       tel für  die Beförderung der Truppen nach hier bereitstellt, noch
       sich im  geringsten darum  zu kümmern  scheint, ob  sie überhaupt
       hierher  gelangen  oder  nicht.  Es  ist  sicher  ein  recht  un-
       glücklicher Zustand, daß der einzige ernstliche Grund zur Beunru-
       higung, die  Omer Pascha bei dieser Expedition empfunden hat, der
       gleichen Quelle  zuzuschreiben ist,  aus der schon so viel Unheil
       entsprungen ist."
       Doch damit  nicht genug.  Im Juli  schon hatte Lord Palmerston in
       den Parlamentsdebatten  über die  türkische Anleihe  erklärt, daß
       die Pforte  in einer  erbärmlichen Geldklemme  sei, und alle ihre
       weiteren Operationen  davon abhingen,  ob sie sofort Geld bekäme.
       Das Parlament gab seine Zustimmung zu der Anleihe, und die briti-
       sche Regierung schrieb sie im August 1855 aus; aber aus einem dem
       Parlament vorgelegten  Dokument geht  hervor, daß  die Pforte von
       den ihr  bewilligten fünf  Millionen Pfund Sterling am 29. Januar
       1856 erst  knapp zwei  ausgezahlt erhalten  hatte, und  daß sogar
       diese Summe  in kleinen Raten von 100 000 Pfd. St. geschickt wor-
       den war.
       Noch am  24. November  1855 erklärte die Pforte (Nr. 353, Beilage
       4):
       
       "Zum Schlüsse  wendete sich  Seine Exzellenz" (der Seraskier) "zu
       mir und  sagte, ich  wüßte doch  so gut wie er von den steten An-
       strengungen, die von ihm gemacht würden, um der Garnison von Kars
       zu helfen.  Omer Pascha sei durch Gründe aufgehalten worden, über
       die er  unglücklicherweise keine Macht besäße. Die Sache läge bei
       den Alliierten.  Man sei  sich schon  immer darüber klar gewesen,
       daß keine  Maßnahme, die zu treffen in ihrer Macht liege, den an-
       gestrebten Zweck  erreichen könne,  wenn sie ohne die in der Krim
       zurückgehaltene Armee  durchgeführt werden  müsse...  Mit  großem
       Nachdruck fuhr  Seine Exzellenz  dann fort, mir auseinanderzuset-
       zen, daß  durch die  Verzögerung der  Anleihe die  Türken absolut
       daran gehindert  wären, das  für die Fortsetzung des Feldzugs Nö-
       tige zu  tun. Getreide im Betrag von einer Million Kilogramm, das
       sie für  den Verbrauch  in der  Armee gekauft hätten, werde ihnen
       nicht zugestellt,  da sie es nicht bezahlen könnten... Er habe an
       den Großwesir  geschrieben, daß,  wenn das Geld aus jener Quelle"
       (der Anleihe)  "nicht binnen einer Woche, von heute an gerechnet,
       zum Vorschein  käme, er  sein Amt  niederlegen würde." (Brief des
       Generals Mansfield an Lord de Redcliffe.)
       
       Es ist  ein ziemlich merkwürdiger Zufall, daß gerade an dem Tage,
       an dem  Kars kapitulierte,  der Seraskier dem britischen Armeebe-
       vollmächtigten die  wahren Gründe  dieses  Unglücks  eindringlich
       auseinandersetzte: die  Verzögerung der  Expedition Omer Paschas,
       weil die  Alliierten der  Pforte deren eigene Truppen zurückhiel-
       ten, und dann das Einstellen aller Operationen im Oktober und No-
       vember, weil  die britische Regierung der Pforte ihr eigenes Geld
       zurückbehielt.
       Als man sich in Kars am 24. November zur Kapitulation entschloß,
       
       #635# Der Fall von Kars · IV
       -----
       "starben täglich  hunderte Soldaten  Hungers. Sie  waren nur noch
       Skelette und  unfähig, zu  kämpfen oder  zu fliehen.  Die  Frauen
       brachten ihre  Kinder in  das Haus  des Generals,  damit sie dort
       Nahrung bekämen,  und ließen  sie dort, und die Straßen der Stadt
       waren mit Toten und Sterbenden bedeckt." (Nr. 366)
       
       Während der  ganzen Zeit, in der Clarendon systematisch die Pläne
       der Pforte  durchkreuzt, ihre  Kräfte lähmt  und ihr  ihr eigenes
       Geld vorenthält, sehen wir, wie er der an Händen und Füßen gefes-
       selten Pforte  mit seinen  Ratschlägen in  den Ohren liegt, ener-
       gisch vorzugehen, und sie wegen ihrer Schlaffheit beschimpft. Die
       Weltgeschichte bietet vielleicht keine Parallele, die von grausa-
       merer Lächerlichkeit  wäre als  die zwischen  der britischen  Re-
       gierung, die  England durch  ihre Abenteuer  in der  Krim, in der
       Ostsee, im  Stillen Ozean  und durch  die an die Werkzeuge dieser
       Mißgriffe verschwendeten Belohnungen zur Zielscheibe des Gespötts
       von Europa macht - und derselben Regierung, die die Pforte in den
       schärfsten Tönen  antiken Catonentums  wegen der  schweren Fehler
       ihrer Militär-  und Verwaltungsbeamten schmäht. Die Regierung des
       Sadleirismus, die  sich moralisch über die Korruption der Paschas
       entrüstet; die  Gönner eines Codrington und eines Elliot, die auf
       der Bestrafung  eines Selim  Pascha und eines Tahir Pascha beste-
       hen; die  improvisatori 1*)  eines Simpson, die drohend die Stirn
       runzeln über  die Förderer eines Omer Pascha; "Take Care of Dowb"
       Panmure, der den Seraskier belehrt; Downing Street mit ihren Dok-
       tores Smiths,  ihren Filders, ihren Aireys und ihren Gordons, die
       noch während der Sitzungen des Sewastopoler Komitees einen Pascha
       in Trapezunt  tadeln, weil  eine Ladung von Zündschwämmen und La-
       destöcken nicht  in Bündel gepackt und mit Matten bedeckt wurde -
       das ist  das getreue  Bild des  Orientkriegs! Und allen voran der
       tapfere Clarendon  mit seinen herzbewegenden Klagen über die Apa-
       thie der  Pforte! - man denkt an einen offiziellen Thersites, der
       die Danaiden schulmeistert, weil sie ihr löchriges Faß nicht fül-
       len.
       
       Karl Marx
       -----
       1*) Improvisatoren (hier im Sinne von:) Macher, Hintermänner

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