Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Preußen [im Jahre 1856] [321]
["New-York Daily Tribune" Nr. 4694 vom 5. Mai 1856, Leitartikel]
Die unerhörte Agiotage, die Frankreich in eine Spielhölle verwan-
delte und das napoleonische Kaiserreich mit der Börse identifi-
zierte, hat keineswegs an den Grenzen Galliens haltgemacht. Unge-
hemmt durch politische Grenzen, hat diese Seuche die Pyrenäen,
die Alpen und den Rhein überschritten und, so erstaunlich es sein
mag, sich des soliden Deutschlands bemächtigt, wo die Spekulation
auf dem Gebiete der Idee Platz machen mußte der Spekulation mit
Wertpapieren, das Summum bonum 1*) - dem boni 2*), der mysteriöse
Jargon der Dialektik - dem nicht minder mysteriösen Jargon der
Börse und das Streben nach der Einheit - der Leidenschaft für die
Dividenden. Rheinpreußen wurde, infolge seiner Nachbarschaft zu
Frankreich und dank der Entwicklung seiner Industrie und seines
Handels, zuerst von dieser Krankheit befallen. Die kölnischen
Bankiers schlössen nicht nur ein förmliches Bündnis mit den Pari-
ser Großgaunern, indem sie zusammen mit ihnen die - Indépendance
Belge" [322] als gemeinsames Organ kauften, und zogen durch die
Gründung einer internationalen Bank in Luxemburg nicht nur ganz
Südwestdeutschland in den Strudel des Crédit mobilier [276], son-
dern hatten auch im Bereich Rheinpreußens und des Herzogtums
Westfalen solche Erfolge, daß zur Stunde alle Schichten der Ge-
sellschaft, ausgenommen die der arbeitenden Klassen und der
Kleinbauern, von dem Goldrausch erfaßt sind, so daß sogar das Ka-
pital der Kleinbourgeoisie, von seinen gewöhnlichen Kanälen abge-
lenkt, tolle Abenteuer sucht und jeder Krämer sich in einen Al-
chimisten verwandelt. Daß auch das übrige Preußen der Ansteckung
nicht entgangen ist, geht aus folgendem Auszug aus der
"Preußischen Correspondenz", einem Regierungsblatt, hervor:
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1*) höchste Gut- 2*) Prämie
#637# Preußen im Jahre 1856
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"Die jüngsten Beobachtungen auf dem Geldmarkt erlauben den
Schluß, daß eine der furchtbaren Handelskrisen, die regelmäßig
wiederkehren, von neuem im Anzüge ist. Die fieberhafte Bewegung
einer maßlosen Spekulation hat sich, vom Ausland herkommend, im
letzten Jahre in Deutschland ausgebreitet, und nicht nur die Ber-
liner Börse und die preußischen Kapitalisten wurden in diesen
Strudel hineingerissen, sondern auch ganze Gesellschaftsklassen,
die bei allen früheren Gelegenheiten eine direkte Teilnahme am
Glücksspiel der Börse vermieden hatten."
Es war diese Furcht vor einer unmittelbar bevorstehenden Finanz-
krise, auf die sich die Ablehnung der preußischen Regierung grün-
dete, die Errichtung eines "Credit mobilier" zu erlauben, hinter
dessen blendendem Anstrich man gaunerische Absichten vermutete.
Aber was unter einer Form nicht erlaubt ist, kann unter einer an-
deren gestattet werden, und was in Berlin nicht zugelassen ist,
kann in Leipzig oder in Hannover geduldet werden. Die letzte
Phase des Spekulationswahnsinns setzte am Ende des Krieges ein,
und unabhängig von dem kommerziellen Antrieb, der von jedem Frie-
densschluß untrennbar ist - wie man dies 1802 und 1815 erlebt
hatte -, weist sie dieses Mal das besondere Merkmal auf, daß
Preußen formell den Wunsch ausgedrückt hat, dem westlichen Kapi-
tal und der Spekulation seine Märkte zu öffnen. Wir werden also
bald von der großen Irkutsker Hauptlinie mit Zweiglinien nach Pe-
king und von anderen nicht minder ungeheuren Plänen sprechen hö-
ren, wobei es nicht darum geht, was tatsächlich ausgeführt werden
soll, sondern welch neues Material dem Spekulationsgeist als Nah-
rung geboten werden mag. Es bedurfte nur noch des Friedens, um
den von der preußischen Regierung befürchteten großen Krach zu
beschleunigen.
Diese für Preußen ungewohnte Teilnahme an der europäischen Speku-
lationsbewegung wäre ohne den großen Aufschwung seiner Industrie
in den letzten Jahren nicht möglich gewesen. Das allein in den
Eisenbahnen angelegte Kapital ist von 1840-1854/55 von 19 Millio-
nen auf 154 Millionen preußischer Taler angewachsen. Andere Ei-
senbahnlinien, deren Kosten auf 54 Millionen geschätzt werden,
sind im Bau; überdies hat die Regierung die Anlage von neuen Li-
nien im Werte von 57 Millionen bewilligt. Seit 1849 sind 87 Akti-
engesellschaften mit einem Kapital von 83 Millionen entstanden.
Von 1854 bis 1856 wurden neun Versicherungsgesellschaften mit ei-
nem Kapital von 22 Millionen registriert. In diesen letzten zwei
Jahren haben ferner sechs Aktiengesellschaften mit einem Kapital
von 10,5 Millionen Spinnereien errichtet. Aus dem Baumwollbericht
ist zu ersehen, in welchem Verhältnis sich die Menge der in den
verschiedenen europäischen Häfen eingetroffenen Baumwolle von
1853 bis 1856 verändert hat. Nach dem Bericht betrug der Export
von Baumwolle in Ballen in den ersten sieben Monaten des Jahres
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1853 1854 1855 1856
nach England 1 100 000 840 000 963 000 1 131 000
nach Frankreich 255 000 229 000 249 000 354 000
nach anderen
europäischen Häfen 204 000 179 000 167 000 346 000
Hieraus folgt, daß der Kontinent, der 1853 etwa nur ein Drittel
der nach England exportierten Baumwolle erhielt, 1856 fünf Achtel
davon bekommen hat. Dazu kommt noch die Baumwolle, die von Eng-
land nach dem Kontinent weitergesandt wurde. Der große Export
nach Frankreich ist nur scheinbar, denn ein beträchtlicher Teil
geht von Le Havre nach der Schweiz, Baden, Frankfurt und Antwer-
pen. Die Entwicklung der kontinentalen Industrie, die von den an-
geführten Zahlen bekundet wird, bedeutet daher vor allem das An-
wachsen der deutschen und hauptsächlich der preußischen Indu-
strie. Der von der industriellen Bourgeoisie in den letzten Jah-
ren akkumulierte Reichtum wird beinahe übertroffen von den Profi-
ten, die die Grundeigentümer während der Kriegsperiode, in den
Jahren der Mißernte und der hohen Preise erhalten haben. Der
Preis für Pferde, für Hornvieh, für lebendes Inventar im allge-
meinen, vom Getreidepreis ganz zu schweigen, hat sich in Deutsch-
land selbst auf einem so hohen Niveau gehalten, daß die großen
Landeigentümer kaum noch des Einflusses der ausländischen Märkte
bedürfen, um im Gold zu schwimmen. Es ist der Reichtum - das vor-
dem von diesen beiden Klassen noch niemals erlebte rapide Zuneh-
men des Reichtums -, der die Basis schuf für die heute in Preußen
wütende spekulative Seuche.
Wenn diese Seifenblase platzt, wird der preußische Staat einer
harten Prüfung ausgesetzt sein. Die verschiedenen Konterrevolu-
tionen, die er seit 1849 durchgemacht hat, hatten das Ergebnis,
die Regierung in die Abhängigkeit von der wenig zahlreichen
Klasse der adligen Grundeigentümer zu bringen, der gegenüber sich
der König, der alles getan hat, um ihre Vormachtstellung zu er-
richten, gegenwärtig in derselben Situation befindet wie einst
Ludwig XVIII. gegenüber der Chambre introuvable [323]. Friedrich
Wilhelm war niemals geneigt, sich mit der verdorrten bürokrati-
schen Regierungsmaschinerie abzufinden, die ihm sein Vater hin-
terlassen hatte. Sein ganzes Leben hindurch hat er davon ge-
träumt, das Gebäude des preußischen Staates durch irgendeine ro-
mantisch-gotische Dekoration zu verschönern. Aber die kurze Er-
fahrung, die er mit seinem Herrenhaus 1*) gemacht hatte, mußte
ihn jedoch überzeugen, daß in Wirklichkeit die Grundeigentümer
oder die Krautjunker 2), wie sie in Preußen genannt werden, weit
davon entfernt sind, ihr
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1*) Herrenhaus: in der "New-York Daily Tribune" deutsch -
2*) ebenso: Krautjunker
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Glück darin zu sehen, der Bürokratie als mittelalterliche Verzie-
rung zu dienen, und alles tun, was in ihrer Macht steht, um die
Bürokratie zu degradieren und sie in einen einfachen Exekutor ih-
rer Klasseninteressen zu verwandeln. Daher der Konflikt zwischen
den Junkern 1*) und der Regierung, zwischen dem König und dem
Prinzen von Preußen. Um der Regierung zu zeigen, wie ernst sie es
meinen, haben die Junker soeben - eine im konstitutionellen Preu-
ßen unerhörte Sache - die Bewilligung einer weiteren zusätzlichen
Steuer, die während des Krieges eingeführt worden war, abgelehnt.
Kaltblütig und entschieden verkündeten sie den Grundsatz, daß sie
in ihren kleinen Besitzungen ebenso König seien wie der König
selbst im ganzen Lande. Sie bestehen darauf, daß die Verfassung
wohl für alle anderen Klassen ein Blendwerk bleibe, für sie
selbst aber eine Realität sein müsse. Indem sie sich selbst jeg-
licher Kontrolle der Bürokratie entziehen, wollen sie, daß diese
Bürokratie mit verdoppelter Kraft auf die unteren Klassen drückt.
Die Bourgeoisie, die die Revolution von 1848 verriet, hat jetzt
die Gewißheit, in derselben Stunde, da sie ihren sozialen Triumph
durch eine unbegrenzte Akkumulation des Kapitals erreicht, sich
politisch vernichtet zu sehen. Mehr noch, die Krautjunker 2*) er-
götzen sich daran, jeden Tag neue Gelegenheiten zu finden, um sie
zu demütigen, und beobachten ihr gegenüber nicht einmal die ele-
mentaren Regeln der Etikette. Wenn die bürgerlichen Redner im Ab-
geordnetenhaus sich erheben, um zu sprechen, verlassen die Junker
1*) en masse ihre Bänke, und wenn man sie ersucht, die Meinungen,
die nicht die ihren sind, wenigstens anzuhören, lachen sie den
Herren von der Linken ins Gesicht. Wenn sich diese über die bei
den Wahlen bereiteten Hindernisse beschweren, bedeutet man ihnen,
daß es einfach Pflicht der Regierung sei, die Massen vor
Verführung zu bewahren. Halten sie der Zügellosigkeit der ari-
stokratischen Presse den Zwang entgegen, der der liberalen aufer-
legt wird, erinnert man sie daran, daß die Freiheit in einem
christlichen Staate nicht darin besteht, zu tun, was einem ge-
fällt, sondern das, was Gott und der Obrigkeit gefällt. Einmal
gibt man ihnen zu verstehen, daß die "Ehre" ein Monopol der Ari-
stokratie sei, den anderen Tag werden sie durch eine praktische
Illustration der längst verworfenen Theorien der Haller, Bonald
und de Maistre tief gekränkt. Stolz auf seine philosophische Er-
leuchtung, hat der preußische Bürger den Verdruß, die hervorra-
gendsten Wissenschaftler von den Universitäten gejagt und die Er-
ziehung einer Bande von Dunkelmännern anvertraut zu sehen; geist-
liche Gerichte mischen sich in seine Familienangelegenheiten, und
am Sonntag muß er sich von der Polizei in die
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1*) Junkern: in der "New-York Daily Tribune" deutsch - 2*) eben-
so: Krautjunker
#640# Karl Marx
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Kirche führen lassen. Nicht zufrieden damit, sich selbst soweit
als möglich von den Steuern zu befreien, haben die Junker 1*) die
Bourgeoisie in Zünfte und Innungen gesperrt, ihre munizipalen
Einrichtungen verfälscht, die Unabhängigkeit und Unabsetzbarkeit
ihrer Richter aufgehoben, die Gleichberechtigung der verschie-
denen religiösen Sekten annulliert usw. Wenn bisweilen der Zorn,
der sie erstickt, über ihre Furcht obsiegt, und wenn sie von Zeit
zu Zeit genug Mut aufbringen, um von ihren Sitzen in der Kammer
die Junker 1*) mit einer nahenden Revolution zu schrecken, ant-
wortet man ihnen höhnisch, daß die Revolution mit der Bourgeoisie
eine ebenso große Rechnung zu begleichen habe wie mit dem Adel.
In der Tat ist es nicht wahrscheinlich, daß die Großbourgeoisie
von neuem, wie 1848, an der Spitze einer Revolution in Preußen
stehen wird. Die Bauern in Ostpreußen haben nicht nur alles ver-
loren, was ihnen die Revolution an Befreiung gebracht hatte, son-
dern stehen nach wie vor sowohl in administrativer wie auch in
rechtlicher Beziehung unter dem direkten Joch des Adels. In
Rheinpreußen, wo das Kapital durch die industriellen Unternehmun-
gen angezogen wurde, haben sie sich mit der gleichen Schnellig-
keit immer tiefer in die Knechtschaft der Hypotheken verstrickt,
mit der die Zinsen auf Darlehen stiegen. Während man in Öster-
reich wenigstens versucht hat, die Bauern zu beschwichtigen,
blieb in Preußen nichts ungeschehen, was sie zur Verzweiflung
bringen konnte. Was aber die arbeitende Klasse anbelangt, so hat
die Regierung sie daran gehindert, an den Profiten ihrer Unter-
nehmer teilzunehmen, indem sie sie wegen Teilnahme an Streiks be-
strafte und sie systematisch von der Teilnahme am politischen Le-
ben fernhält. Eine uneinige Dynastie, eine in feindliche Lager
gespaltene Regierung, eine Bürokratie, die mit der Aristokratie
in Streit liegt, die Aristokratie im Zwist mit der Bourgeoisie,
eine allgemeine Handelskrise, und die enterbten Klassen, die vom
Geist der Rebellion gegen alle oberen Schichten der Gesellschaft
erfüllt sind - das ist zur Stunde das Bild Preußens.
Geschrieben am 15. April 1856.
Aus dem Englischen.
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1*) Junker: in der "New-York Daily Tribune" deutsch
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