Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Herberts Wiederwahl - Die ersten Schritte des
neuen Ministeriums - Nachrichten aus Ostindien
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 85 vom 20. Februar 1855]
London, 16. Februar. Die Farce der Wiederwahl des Herrn Sidney
Herbert als Parlamentsmitglied für die südliche Abteilung von
Wiltshire ging gestern in der Stadthalle von Salisbury vor sich.
Wilts ist selbst unter den englischen Grafschaften berüchtigt
durch eine Konzentration des Grundbesitzes, die seine gesamte Bo-
denfläche in das Eigentum von weniger als ein Dutzend Familien
verwandelt hat. Mit Ausnahme einiger nordschottischer Distrikte
ist die Erde nirgends so gründlich von Einwohnern "gesäubert" und
das System der modernen Landwirtschaft so konsequent durchge-
führt. Brechen nicht zufällig Familienfehden unter seinen wenigen
Besitzern aus, so kennt Wilts keine Wahlkämpfe.
Kein Gegenkandidat war wider Sidney Herbert aufgestellt. Der
Hochsheriff, der bei der Wahl präsidierte, erklärte ihn daher,
gleich nach dem Beginn der Sitzung, für in aller Formen Rechtens
wiedererwählt. Sidney Herbert erhob sich dann und richtete einige
ganz abgedroschene Gemeinplätze an seine Pächter und Vasallen.
Indes hatte sich nach und nach in der Stadthalle ein nicht wahl-
berechtigtes städtisches Publikum versammelt, das von der engli-
schen Konstitution mit dem Privilegium, die Kandidaten auf den
Hustings zu langweilen, abgespeist wird. Kaum saß Sidney Herbert
nieder, als ein Kreuzfeuer von Interpellationen sein geweihtes
Haupt umschwirrte. "Wie steht's mit den grünen Kaffeebohnen, die
man unseren Soldaten aufgetischt hat?", "Wo ist unsere Armee?",
"Was sagte die 'Times' gestern von Ihnen?", "Warum schonten Sie
Odessa?", "Besitzt Ihr Onkel, der russische Prinz Woronzow, Palä-
ste zu Odessa?" usw. Es wurde natürlich nicht die geringste Notiz
auf diese unparlamentarischen Fragesteller genommen. Sidney Her-
bert faßte vielmehr den ersten Augenblick des nachlassenden Lärms
ab, um ein Dankvotum für den Sheriff zu beantragen, der so
"unparteiisch" die
#67# Herberts Wiederwahl - Erste Schritte des neuen Ministeriums
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"Verhandlungen" geleitet habe. Dies wurde angenommen unter dem
Beifallsklatschen des parlamentarischen und dem Zischen und Grun-
zen des unparlamentarischen Publikums. Dann folgte eine zweite
Salve von Stoßfragen: "Wer hungerte unsere Soldaten aus? Laßt ihn
selbst in den Krieg ziehn! etc.". Resultat dasselbe wie das er-
stemal. Der Sheriff erklärte dann das Stück, das wenig mehr als
eine halbe Stunde gewährt hatte, für ausgespielt, und der Vorhang
fiel.
Die ersten Schritte des erneuten Ministeriums werden keineswegs
beifällig aufgenommen. Da Lord Panmure, der neue Kriegsminister,
ein Invalide ist, fällt die Hauptlast seiner Verwaltung auf den
Unterstaatssekretär des Krieges. Die Ernennung Frederick Peels,
des Jüngern Sohnes des verstorbnen Peel, zu diesem wichtigen Po-
sten erregt um so größeren Anstoß, als Frederick Peel eine noto-
rische Mittelmäßigkeit ist. Trotz seiner Jugend ist er das leib-
hafte Bild der Routine. Andere Leute werden zu Bürokraten ge-
macht. Er ist als Bürokrat auf die Welt gekommen. Frederick Peel
verdankt seinen Posten dem Einfluß der Peeliten [11]. Es war da-
her nötig, in die andre Seite der Waagschale einen Whig zu wer-
fen. Sir Francis Baring ist daher zum Kanzler des Herzogtums Lan-
caster ernannt. Er war der Schatzkanzler der Whig-Administration
des Lord Melbourne und führte damals den wohlverdienten Beinamen:
"Herr Defizit". Die neueren Armee-Ernennungen bleiben alle dem
System der Gerontokratie treu. So ist der mehr als 80jährige Lord
Seaton zum Obergeneral in Irland bestellt. Lord Rokeby, alt,
gichtbrüchig, taub, ist als Kommandant der Gardebrigade nach der
Krim entsandt. Das Kommando der zweiten Division daselbst - frü-
her unter Sir de Lacy Evans - ist dem General Simpson zugefallen,
der kein Simson ist, sondern vielmehr als überjähriger Lieutnant-
Gouverneur von Portsmouth sich auf dem passenden Ruheposten be-
fand. General Somerset, 1811 schon Brigadier, ist als kommandie-
render General nach Ostindien verschifft. Endlich Admiral Boxer,
dieser alte "Anarch", wie ihn die "Times" nennt, der zu Konstan-
tinopel den ganzen Transportdienst usw. in die äußerste Unordnung
brachte, ist nun nach Balaklawa beordert, um den dortigen Hafen
"in Ordnung" zu bringen.
"Wir fürchten", sagt die "Times", "wir müssen anderswohin schauen
für ministerielle Energie. Es wäre umsonst, gegen solche grausame
und leichtfertige Vergeudung der besten Hilfsquellen der Nation
an die zu appellieren, die solche Dinge ins Werk setzen. Wären
sie nicht betört durch den langen Besitz der Gewalt, die stets
von einem Teil ihrer eigenen Klasse auf den andern überging, sie
würden sich mindestens gehütet haben, gerade diesen Augenblick
zur Schaustellung solcher mutwilligen und kurzsichtigen Selbst-
sucht zu erwählen. Der Instinkt der Selbsterhaltung würde sie ei-
nes Bessern belehren, aber wir fragen das Volk von England feier-
lich, ob es erlauben will,
#68# Karl Marx
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daß seine Landsleute so auf dem Altar grausamer Apathie oder
hilfsloser Unfähigkeit geopfert werden." Die "Times" droht: "Es
ist nicht die Regierung, selbst nicht das Haus der Gemeinen, es
ist die britische Konstitution, die vor Gericht steht."
Die neuesten Nachrichten aus Ostindien sind wichtig, weil sie den
Stand des Geschäfts zu Kalkutta und Bombay als trostlos darstel-
len. In den Manufakturdistrikten schreitet die Krise langsam aber
sicher voran. Die Besitzer von Feinspinnereien in Manchester ha-
ben in einem vorgestern gehaltenen Meeting beschlossen, vom 26.
Februar an ihre Fabriken nur 4 Tage in der Woche arbeiten zu las-
sen und in der Zwischenzeit die Fabrikanten in der Umgegend zu
ähnlichem Schritte aufzufordern. In den Fabriken zu Blackburn,
Preston und Bolton ist den Arbeitern bereits angezeigt, daß künf-
tig nur "kurze Zeit" gearbeitet wird. Die Bankerutte werden um so
zahlreicher und größer sein, als in dem letzten Jahre viele Fa-
brikanten, um die Märkte zu forcieren, das Exportgeschäft mit
Übergehung der Kommissionshäuser selbst in die Hand genommen. Der
"Manchester Guardian" [68] vom letzten Mittwoch gesteht, daß
Ü b e r p r o d u k t i o n vorhanden sei, nicht nur in Fabrika-
ten, sondern auch in Fabriken.
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