Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Friedrich Engels
Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt [72]
["New-York Daily Tribune" Nr. 4332 vom 8. März 1855, Leitartikel]
Noch ein paar Wochen, und wir werden - wenn nicht in Wien in der
allernächsten Zeit Frieden geschlossen wird, woran jetzt in Eu-
ropa, wie es scheint, niemand glaubt - den Ausbruch eines Krieges
auf diesem Kontinent erleben, im Vergleich zu dem der Krimfeldzug
die unbedeutende Rolle spielen wird, die er in einem Krieg zwi-
schen den drei größten Nationen auf der Erdoberfläche hätte spie-
len sollen. Die bisher voneinander unabhängigen Operationen auf
dem Schwarzen Meer und der Ostsee werden dann verbunden sein
durch eine Schlachtlinie, die sich ausdehnt über die ganze Breite
des Kontinents, der diese zwei kolossalen Binnenmeere trennt; und
Armeen, deren Größe der fast endlosen Weite der sarmatischen
Ebene entspricht, werden um ihre Herrschaft kämpfen. Dann, und
nur dann wird man sagen können, daß der Krieg wirklich ein euro-
päischer Krieg geworden ist.
Der Krimfeldzug macht von unserer Seite nur einige kurze zusätz-
liche Bemerkungen notwendig. Wir haben so oft und so detailliert
seinen Charakter und seine Aussichten beschrieben, daß wir bloß
einige neue Tatsachen zur Bestätigung unserer Darlegungen zu be-
richten haben. Vor einer Woche bemerkten wir 1*), daß dieser
Feldzug in ein Hindernisrennen um Verstärkungen ausgeartet ist
und daß die Russen wahrscheinlich als Sieger daraus hervorgehen
werden. Jetzt besteht kaum ein Zweifel darüber, daß die Russen,
sobald die Jahreszeit langandauernde planmäßige Operationen ge-
stattet, 120 000 bis 150 000 Mann auf der Halbinsel haben werden,
denen die Alliierten mit übermenschlicher
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1*) Siehe vorl. Band. S. 50
#77# Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt
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Anstrengung vielleicht 90 000 Mann entgegenstellen können. Wenn
man sogar annimmt, daß sowohl Frankreich als auch England genü-
gend Truppen haben, um sie dorthin zu senden, woher werden sie
die Transportmittel nehmen, solange drei von vier ins Schwarze
Meer entsandten Schiffen dort unter allen möglichen Vorwänden
festgehalten werden? England hat seinen transatlantischen Post-
dampferdienst schon völlig in Unordnung gebracht, und im Moment
herrscht nach nichts eine größere Nachfrage als nach Ozeandamp-
fern, aber das Angebot ist erschöpft. Das einzige, was die Alli-
ierten retten könnte, wäre die rechtzeitige Ankunft eines öster-
reichischen Korps von ungefähr 30 000 Mann auf der Krim, welches
an der Donaumündung eingeschifft werden könnte. Ohne eine solche
Verstärkung können ihnen weder das piemontesische noch das neapo-
litanische Korps und auch nicht die geringen englisch-französi-
schen Verstärkungen oder die Armee Omer Paschas wirklich etwas
nützen.
Betrachten wir nun, welchen Teil ihrer eigenen Streitkräfte Eng-
land und Frankreich bereits in der Krim engagiert haben. Wir wer-
den nur von der Infanterie sprechen, denn die Proportionen, in
denen Kavallerie und Artillerie solchen Expeditionen beigegeben
werden, sind so wandelbar, daß in dieser Beziehung keine bestimm-
ten Schlußfolgerungen gezogen werden können. Außerdem wird die
ganze aktive Streitmacht eines Landes immer im Verhältnis zu sei-
ner Infanterie engagiert. Von der Türkei reden wir nicht, denn
diese engagiert mit der Armee Omer Paschas ihre letzte, ihre ein-
zige Armee in diesem Kampf. Was ihr in Asien verblieben ist, ist
keine Armee; das ist nur ein Haufen Lumpengesindel.
England besitzt in allem 99 Regimenter oder 106 Bataillone Infan-
terie, davon befinden sich mindestens 35 Bataillone im Kolonial-
dienst. Von dem Rest nahmen die ersten fünf nach der Krim gesand-
ten Divisionen ungefähr weitere 40 Bataillone weg, und wenigstens
8 Bataillone sind seitdem zur Verstärkung abgesandt worden. Es
bleiben also ungefähr 23 Bataillone, wovon kaum eins entbehrt
werden kann. Demgemäß gibt England durch seine letzten militäri-
schen Maßnahmen offen zu, daß der Friedensbestand seiner Armee
völlig ausgeschöpft ist. Verschiedene Kniffe werden angewandt, um
gutzumachen, was vernachlässigt worden ist. Der Miliz, die unge-
fähr 50 000 Mann zählt, wurde erlaubt, freiwillig auswärtigen
Dienst zu übernehmen. Sie wird Gibraltar, Malta und Korfu beset-
zen und so ungefähr 12 Bataillone aus dem Kolonialdienst freiset-
zen, die dann auf die Krim gesandt werden können. Eine Fremdenle-
gion ist dekretiert worden, aber zum Unglück scheinen die Auslän-
der nicht bereit zu sein, sich für eine Armee anwerben zu lassen,
in der die neunschwänzige Katze herrscht. Schließlich wurde am
13. Februar
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Befehl gegeben, zweite Bataillone für 93 Regimenter zu bilden -
43 mit je 1000 Mann und 50 mit je 1200 Mann. Dies würde einen Zu-
wachs von 103 000 Mann geben, neben ungefähr weiteren 17 000 Mann
für die Kavallerie und Artillerie. Bis jetzt ist jedoch noch
nicht ein Mann von diesen 120 000 Mann geworben worden. Und wie
sollen sie dann gedrillt und mit Offizieren versehen werden? Die
treffliche Organisation und allgemeine Führung der britischen Ar-
mee hat es fertiggebracht, fast die ganze Infanterie mit Ausnahme
der Depotkompanien und einiger Depotbataillone - nicht nur die
Leute, sondern auch die Cadres - auf die eine oder andere Art
zwischen der Krim und den Kolonien zu verwenden. Nun, Generale,
Oberste und Majore auf Halbsold befinden sich im Überfluß auf der
britischen Armeeliste, die für diese neue Streitkraft benutzt
werden können. Soviel wir wissen, fehlt es aber ganz oder beinahe
ganz an Hauptleuten auf Halbspid, während ausgebildete Leutnante,
Fähnriche und Unteroffiziere nirgends zu haben sind. Rohmaterial
gibt es genug; aber unausgebildete Offiziere taugen niemals zum
Einexerzieren noch ungedrillter Rekruten, und alte, erfahrene,
standhafte Unteroffiziere bilden, wie jedermann weiß, die Haupt-
stütze jeder Armee. Außerdem wissen wir von der besten Autorität
- Sir W[illiam] Napier -, daß volle drei Jahre nötig sind, um den
"tag-rag" und "bob-tail" 1*) von Alt-England zu dem zu dressie-
ren, was John Bull "die ersten Soldaten der Welt" und "das beste
Blut Englands" nennt. Wenn dies sogar zu Zeiten der Fall ist, in
denen die Cadres vorhanden und nur aufzufüllen sind, wieviel Zeit
wird dann wohl erforderlich sein - ohne Subalternoffiziere und
Unteroffiziere -, um aus 120 000 Mann, die noch nicht gefunden
sind, Helden zu fabrizieren? Wir können annehmen, da die gesamten
militärischen Streitkräfte Englands in einem solchen Grade in
diesem Krieg engagiert sind, daß die britische Regierung in den
nächsten zwölf Monaten als äußerstes nur eine "kleine heroische
Bande" von 40 000 oder 50 000 Mann vor dem Feind halten kann.
Diese Zahl könnte nur für sehr kurze Perioden überschritten wer-
den, aber nur mit wesentlicher Störung aller Vorbereitungen für
künftige Verstärkungen.
Frankreich, mit viel größerer Armee und ungleich vollständigerer
Kriegsorganisation, hat seine Streitkräfte bei weitem nicht in
demselben Maße engagiert. Frankreich besitzt 100 Infanterieregi-
menter von der Linie, 3 Regimenter Zuaven, 2 Regimenter Fremden-
legion, jedes von 3 Bataillonen, außerdem 20 Bataillone Büchsen-
schützen und 6 afrikanische Bataillone - zusammen 341 Bataillone.
Von diesen sind 100 Bataillone, oder eins auf jedes Linien-
regiment, als Depotbataillone zur Aufnahme und Bildung von Rekru-
ten vorgesehen.
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1*) "Lumpenproletariat"
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Die zwei ersten Bataillone allein werden für den aktiven Dienst
außerhalb des Landes gesandt, während die Depots, die Verstärkun-
gen vorbereiten, bestimmt sind, diese auf voller Stärke zu hal-
ten. Es müssen daher zugleich 100 Bataillone von der Gesamtzahl
abgerechnet werden. Werden, wie dies öfter unter Napoleon ge-
schah, diese Depotbataillone als Grundlage für ein drittes Feld-
bataillon benutzt, so geschieht dies durch Überweisung einer au-
ßerordentlichen Zahl von Rekruten an sie, und dazu bedarf es dann
stets einiger Zeit, bis sie für den Felddienst tauglich sind. Da-
her überschreiten die augenblicklich verwendbaren Kräfte der
französischen Armee keine 241 Bataillone. Davon bedarf Algier
mindestens 25; vier befinden sich in Rom; neun Infanteriedivisio-
nen oder ungefähr 80 Bataillone sind nach der Krim, Konstantino-
pel und Athen gesandt. Im ganzen sind also engagiert rund 110 Ba-
taillone oder beinahe die Hälfte der verwendbaren französischen
Infanterie auf dem Friedensfuß, minus die Depots. Die Verbesse-
rungen in der französischen Armee, nämlich die rechtzeitige Orga-
nisierung der Depotbataillone, die Einberufung der während ihres
letzten Dienstjahres zum Urlaub entlassenen Soldaten, die Fähig-
keit, jedes Jahr die volle Anzahl der Wehrpflichtigen einzuberu-
fen neben außerordentlichen Rekrutierungen, und schließlich die
besondere militärische Bildungsfähigkeit der Franzosen, erlauben
der Regierung, die Zahl ihrer Infanterie in ungefähr 12 Monaten
zu verdoppeln. Wenn wir die stille, jedoch ununterbrochene Be-
waffnung seit Mitte 1853, die Errichtung von 10 oder 12 Bataillo-
nen Kaisergarden und die Stärke, in der die französischen Truppen
vergangenen Herbst in ihren respektiven Lagern gemustert wurden,
in Betracht ziehen, können wir unterstellen, daß die Kraft ihrer
Infanterie im Inlande so stark ist, wie sie war, bevor die neun
Divisionen das Land verließen, und daß, wenn man die Möglichkeit
der Formierung dritter Feldbataillone aus den Depotbataillonen
berücksichtigt, ohne ihre Wirksamkeit als Depot wesentlich zu be-
einflussen, sie noch stärker ist. Wenn wir jedoch die Stärke der
Infanterie, die Frankreich Ende März auf seinem eigenen Territo-
rium haben wird, auf 350 000 Mann schätzen, so werden wir eher zu
hoch als zu niedrig geschätzt haben. Mit Kavallerie, Artillerie
usw. würde eine solche Infanterie-Streitkraft, entsprechend der
in Frankreich bestehenden Organisation, eine Armee von ungefähr
500 000 Mann repräsentieren. Davon müßten mindestens 200 000 Mann
im Innern des Landes bleiben als Cadres für die Depots zur Auf-
rechterhaltung der Ordnung im Inland, für die Militärwerkstätten
oder Spitäler. Frankreich könnte also bis zum 1. April mit
300 000 Mann ins Feld rücken, darunter ungefähr 200 Infanterieba-
taillone. Diese 200 Bataillone stehen aber weder an Organisation,
Disziplin noch an Stetigkeit im Feuer
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al pari mit den nach der Krim gesandten Truppen. Sie würden viele
junge Rekruten enthalten, viele für die Gelegenheit neu gebildete
Bataillone. Alle Korps, in denen die Offiziere und Soldaten sich
fremd sind, wo eine hastige Organisation nach dem vorgeschriebe-
nen Plan besteht, der gerade zur Zeit für den Ausmarsch fertigge-
stellt worden war, stehen den alten Truppenkörpern weit nach, bei
denen die Gewohnheit des langen Dienstes, der gemeinsam erlebten
Gefahren und des jahrelangen täglichen Verkehrs miteinander jenen
Esprit de corps geschaffen hat, der sehr bald auch die jüngsten
Rekruten in seinen mächtigen Bann zieht. Man muß also einräumen,
daß die nach der Krim gesandten 80 Bataillone einen ungleich
wichtigeren Teil der französischen Armee repräsentieren, als das
rein numerische Verhältnis zeigt. Wenn England fast bis auf den
letzten Mann den besten Teil seiner Armee engagiert hat, so hat
Frankreich beinahe eine Hälfte seiner besten Truppen nach dem
Osten gesandt.
Es ist hier nicht nötig, die Daten der russischen Streitkräfte zu
wiederholen, da wir erst ganz unlängst ihre Anzahl und Verteilung
mitgeteilt haben. 1*) Es genügt zu sagen, daß von der russischen
aktiven Armee oder der Armee, die für Operationen an der westli-
chen Grenze des Reiches vorgesehen ist, bisher nur das 3., 4., 5.
und 6. Korps während des Krieges engagiert worden sind. Die Gar-
den und Grenadierkorps sind völlig intakt, ebenso auch das 1.
Korps; das 2. Korps scheint ungefähr eine Division nach der Krim
detachiert zu haben. Neben diesen Truppen wurden oder werden noch
acht Reservekorps formiert, gleich an Zahl der Bataillone der
acht Korps der aktiven Armee, wenn auch nicht gleich an numeri-
scher Stärke. So stellt Rußland gegen den Westen eine Streitkraft
von ungefähr 750 Bataillonen auf, wovon 250 noch nicht ganz for-
miert sind und stets zahlenmäßig schwach bleiben werden, während
200 andere in den letzten zwei Kampagnen starke Verluste erlitten
haben. Was die Reserve anbelangt, so besteht das fünfte und sech-
ste Bataillon der Regimenter hauptsächlich aus alten Soldaten,
wenn der ursprüngliche Organisationsplan befolgt worden ist; das
siebente und achte Bataillon dagegen muß aus Rekruten formiert
und wenig brauchbar sein, da der Russe trotz seiner Gelehrigkeit
nur äußerst langsam den Militärdienst lernt. Außerdem ist die
ganze Reserve schlecht mit Offizieren versehen. Rußland hat daher
bereits ungefähr eine Hälfte seiner regulär organisierten aktiven
Armee engagiert. Die andere Hälfte, die noch nicht engagiert ist
- die Garden, Grenadiere, 1. und 2. Korps -, bildet indes die
Blüte seines Heeres, die Lieblingstruppe des Kaisers, über deren
Tüchtigkeit er mit
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1*) Siehe vorl. Band, S. 12-14
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besonderer Sorgfalt wacht. Und was hat überdies Rußland, indem es
die Hälfte seiner aktiven Armee engagierte, erreicht? 1*) Es hat
fast ganz die Offensiv- und Defensivkraft der Türkei vernichtet;
es hat England gezwungen, eine Armee von 50 000 Mann zu opfern
und es für mindestens 12 Monate kampfunfähig gemacht; außerdem
hat es Frankreich gezwungen, im gleichen Verhältnis Truppen zu
engagieren wie Rußland selbst. Und während die besten afri-
kanischen Regimenter Frankreichs bereits vor dem Feind stehen,
hat Rußlands eigene Elite noch keinen Schuß abgefeuert.
Somit ist einstweilen das Übergewicht auf seiten Rußlands, ob-
gleich seine in Europa beschäftigten Truppen sich nicht eines
einzigen Erfolgs rühmen können, sondern im Gegenteil in jeder be-
deutenden Aktion weichen und jede ihrer eigenen Unternehmungen
aufgeben mußten. Aber das wird sich völlig ändern, sobald Öster-
reich in den Krieg eintritt. Es verfügt über ungefähr 500 000
Mann, die für den Felddienst bereit, nebst 100 000 in Depots und
120 000 in Reserve. Seine Gesamtstreitkraft kann durch nicht
übermäßige Rekrutierung zu 850 000 Mann gebracht werden. Wir wol-
len aber als ihre Zahl 600 000 annehmen, eingeschlossen die De-
pots und ohne Rücksicht auf die Reserve, die noch nicht einberu-
fen. Von diesen 600 000 Mann befinden sich 100 000 in den Depots,
ungefähr 70 000 in Italien und in anderen Teilen des nicht von
Rußland bedrohten Inlands. Die übrigen 430 000 sind in verschie-
denen Armeen von Böhmen bis nach Galizien und der untern Donau
zusammengezogen. Davon können 150000 Mann in sehr kurzer Zeit auf
jedem gegebenen Punkte konzentriert werden. Diese formidable Ar-
mee schafft sofort ein Übergewicht gegen Rußland, sobald Öster-
reich gegen Rußland zu agieren beginnt; denn seitdem die ganze
frühere russische Donauarmee nach der Krim detachiert wurde, sind
die Österreicher den Russen auf jedem Punkte überlegen und können
ihre Reserve ebenso rasch zur Grenze bringen, trotz des Vor-
sprungs, den Rußland gewonnen hat. Nur ist zu bemerken, daß die
österreichische Reserve numerisch bei weitem beschränkter ist als
die russische und daß, einmal die 120 000 Mann Reserve einberu-
fen, jeder frische Zuwachs aus Neurekrutierungen entspringen muß
und daher nur sehr langsam erfolgen wird. Je länger Österreich
daher seine Kriegserklärung zurückhält, desto größern Vorteil
räumt es den Russen ein. Man sagte uns, dies auszugleichen sei
eine französische Hilfsarmee auf dem Marsch nach
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1*) Bei der Übersetzung dieses Artikels für die "Neue Oder-Zei-
tung" Nr. 91 und 93 vom 23. und 24.Februar 1855 ersetzte Marx
diesen Satz durch den folgenden: "Nur die Einwirkung der Diploma-
tie auf die westliche Kriegführung erklärt die Resultate, die
Rußland schon erreicht..."
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Österreich. Aber der Weg von Dijon oder Lyon nach Krakau ist
ziemlich weit, und ohne eine gute Organisation kann die französi-
sche Armee zu spät kommen, wenn der wahre Wert der reorganisier-
ten österreichischen Armee sie selbst einer etwas höheren Anzahl
Russen ebenbürtig macht.
Also Österreich ist der Gebieter der Lage. Seitdem es an seinen
Ostgrenzen eine militärische Position bezogen hat, behauptet es
seine Superiorität über die Russen. Sollte rechtzeitiges Eintref-
fen russischer Reserven es für einen Augenblick seiner Superiori-
tät berauben, so kann es sich auf seine erfahrenen Generale ver-
lassen - die einzigen, außer einigen wenigen Ungarn, die in den
letzten Jahren militärisches Talent zeigen - und auf ihre gut or-
ganisierten Truppen, von denen die meisten bereits im Feuer stan-
den. Einige wenige geschickte Manöver, ein ganz unbedeutendes Zu-
rückziehen würden seinen Gegner zu solchen Detachierungen zwin-
gen, die günstige Chancen für es sichern. Von dem Augenblick, wo
Österreich seine Armee bewegt, ist Rußland auf Defensive gewor-
fen, rein militärisch betrachtet.
Ein weiterer Punkt muß noch erwähnt werden. Wenn Frankreich seine
Armee im Innern zu 500 000 Mann steigert und Österreich sein Ge-
samtheer zu 800 000, dann ist jedes dieser Länder fähig, in zwölf
Monaten mindestens 250 000 Mann mehr unter die Waffen zu rufen.
Der Zar dagegen, wenn er das siebente und achte Bataillon seiner
Infanterieregimenter vervollständigt und sein gesamtes Aktivheer
zu 900 000 anschwellt, hat ziemlich alles erschöpft, was ihm für
die Defensive zu Gebote steht. Seine letzten Rekrutierungen, so
sagt man, stießen schon überall auf bedeutende Schwierigkeiten:
das Größenmaß mußte herabgesetzt und zu andern außerordentlichen
Mitteln gegriffen werden, um die erforderliche Mannschaft zu er-
halten. Das Dekret des Kaisers, das die ganze männliche Bevölke-
rung Südrußlands zu den Waffen entbietet - weit davon entfernt,
einen tatsächlichen Zuwachs der Armee zu geben -, verrät nur die
Unfähigkeit weiterer regelmäßiger Rekrutierung. Dieses Mittel
wurde angewandt zur Zeit der französischen Invasion von 1812, als
das Land tatsächlich überfallen wurde, und da nur in 17 Pro-
vinzen. Moskau stellte 80 000 Freiwillige oder 10 p.c. der Bevöl-
kerung der Provinz, Smolensk schickte 25 000 etc. Aber während
des Krieges waren sie nirgends zu finden, und diese Hunderttau-
sende von Freiwilligen hinderten die Russen nicht, in ebenso
schlechtem Zustand und ebenso völliger Auflösung an der Weichsel
anzulangen wie die Franzosen selbst. Diese neue Aushebung en
masse bedeutet außerdem, daß Nikolaus entschlossen ist, den Krieg
bis zum äußersten zu führen.
Aber wenn, vom militärischen Standpunkt aus, Österreichs Teil-
nahme am Krieg Rußland zur Defensive zwingt, so ist dies vom po-
litischen Standpunkt
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aus nicht notwendigerweise auch der Fall. Das große politische
Offensivmittel des Zaren - wir haben mehr denn einmal die Auf-
merksamkeit darauf gelenkt - ist die Erhebung der österreichi-
schen und türkischen Slawen und die Proklamierung der ungarischen
Unabhängigkeit.
Wie sehr die Österreichischen Staatsmänner dieses fürchten, ist
unseren Lesern bekannt. Ohne Zweifel wird der Zar im Notfall auf
dieses Mittel zurückgreifen; mit welchem Resultat, bleibt abzu-
warten.
Wir haben nicht von Preußen gesprochen - es wird wahrscheinlich
schließlich mit dem Westen gegen Rußland gehen, wenn auch viel-
leicht erst nach einigen Stürmen, die niemand voraussehen kann.
Jedenfalls ist es unwahrscheinlich, daß seine Truppen, ehe eine
nationale Bewegung stattfindet, eine sehr bedeutende Rolle spie-
len werden, und deshalb brauchen wir sie im Moment kaum zu beach-
ten.
Geschrieben um den 20. Februar 1855.
Aus dem Englischen.
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