Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       #76#
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       Friedrich Engels
       
       Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt [72]
       
       ["New-York Daily Tribune" Nr. 4332 vom 8. März 1855, Leitartikel]
       Noch ein  paar Wochen, und wir werden - wenn nicht in Wien in der
       allernächsten Zeit  Frieden geschlossen  wird, woran jetzt in Eu-
       ropa, wie es scheint, niemand glaubt - den Ausbruch eines Krieges
       auf diesem Kontinent erleben, im Vergleich zu dem der Krimfeldzug
       die unbedeutende  Rolle spielen  wird, die er in einem Krieg zwi-
       schen den drei größten Nationen auf der Erdoberfläche hätte spie-
       len sollen.  Die bisher  voneinander unabhängigen Operationen auf
       dem Schwarzen  Meer und  der Ostsee  werden dann  verbunden  sein
       durch eine Schlachtlinie, die sich ausdehnt über die ganze Breite
       des Kontinents, der diese zwei kolossalen Binnenmeere trennt; und
       Armeen, deren  Größe der  fast endlosen  Weite  der  sarmatischen
       Ebene entspricht,  werden um  ihre Herrschaft  kämpfen. Dann, und
       nur dann  wird man sagen können, daß der Krieg wirklich ein euro-
       päischer Krieg geworden ist.
       Der Krimfeldzug  macht von unserer Seite nur einige kurze zusätz-
       liche Bemerkungen  notwendig. Wir haben so oft und so detailliert
       seinen Charakter  und seine  Aussichten beschrieben, daß wir bloß
       einige neue  Tatsachen zur Bestätigung unserer Darlegungen zu be-
       richten haben.  Vor einer  Woche bemerkten  wir 1*),  daß  dieser
       Feldzug in  ein Hindernisrennen  um Verstärkungen  ausgeartet ist
       und daß  die Russen  wahrscheinlich als Sieger daraus hervorgehen
       werden. Jetzt  besteht kaum  ein Zweifel darüber, daß die Russen,
       sobald die  Jahreszeit langandauernde  planmäßige Operationen ge-
       stattet, 120 000 bis 150 000 Mann auf der Halbinsel haben werden,
       denen die Alliierten mit übermenschlicher
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       1*) Siehe vorl. Band. S. 50
       
       #77# Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt
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       Anstrengung vielleicht  90 000 Mann  entgegenstellen können. Wenn
       man sogar  annimmt, daß  sowohl Frankreich als auch England genü-
       gend Truppen  haben, um  sie dorthin  zu senden, woher werden sie
       die Transportmittel  nehmen, solange  drei von  vier ins Schwarze
       Meer entsandten  Schiffen dort  unter allen  möglichen  Vorwänden
       festgehalten werden?  England hat  seinen transatlantischen Post-
       dampferdienst schon  völlig in  Unordnung gebracht, und im Moment
       herrscht nach  nichts eine  größere Nachfrage als nach Ozeandamp-
       fern, aber  das Angebot ist erschöpft. Das einzige, was die Alli-
       ierten retten  könnte, wäre die rechtzeitige Ankunft eines öster-
       reichischen Korps  von ungefähr 30 000 Mann auf der Krim, welches
       an der  Donaumündung eingeschifft werden könnte. Ohne eine solche
       Verstärkung können ihnen weder das piemontesische noch das neapo-
       litanische Korps  und auch  nicht die geringen englisch-französi-
       schen Verstärkungen  oder die  Armee Omer  Paschas wirklich etwas
       nützen.
       Betrachten wir  nun, welchen Teil ihrer eigenen Streitkräfte Eng-
       land und Frankreich bereits in der Krim engagiert haben. Wir wer-
       den nur  von der  Infanterie sprechen,  denn die Proportionen, in
       denen Kavallerie  und Artillerie  solchen Expeditionen beigegeben
       werden, sind so wandelbar, daß in dieser Beziehung keine bestimm-
       ten Schlußfolgerungen  gezogen werden  können. Außerdem  wird die
       ganze aktive Streitmacht eines Landes immer im Verhältnis zu sei-
       ner Infanterie  engagiert. Von  der Türkei  reden wir nicht, denn
       diese engagiert mit der Armee Omer Paschas ihre letzte, ihre ein-
       zige Armee  in diesem Kampf. Was ihr in Asien verblieben ist, ist
       keine Armee; das ist nur ein Haufen Lumpengesindel.
       England besitzt in allem 99 Regimenter oder 106 Bataillone Infan-
       terie, davon  befinden sich mindestens 35 Bataillone im Kolonial-
       dienst. Von dem Rest nahmen die ersten fünf nach der Krim gesand-
       ten Divisionen ungefähr weitere 40 Bataillone weg, und wenigstens
       8 Bataillone  sind seitdem  zur Verstärkung  abgesandt worden. Es
       bleiben also  ungefähr 23  Bataillone, wovon  kaum eins  entbehrt
       werden kann.  Demgemäß gibt England durch seine letzten militäri-
       schen Maßnahmen  offen zu,  daß der  Friedensbestand seiner Armee
       völlig ausgeschöpft ist. Verschiedene Kniffe werden angewandt, um
       gutzumachen, was  vernachlässigt worden ist. Der Miliz, die unge-
       fähr 50 000  Mann zählt,  wurde erlaubt,  freiwillig  auswärtigen
       Dienst zu  übernehmen. Sie wird Gibraltar, Malta und Korfu beset-
       zen und so ungefähr 12 Bataillone aus dem Kolonialdienst freiset-
       zen, die dann auf die Krim gesandt werden können. Eine Fremdenle-
       gion ist dekretiert worden, aber zum Unglück scheinen die Auslän-
       der nicht bereit zu sein, sich für eine Armee anwerben zu lassen,
       in der  die neunschwänzige  Katze herrscht.  Schließlich wurde am
       13. Februar
       
       #78# Friedrich Engels
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       Befehl gegeben,  zweite Bataillone  für 93 Regimenter zu bilden -
       43 mit je 1000 Mann und 50 mit je 1200 Mann. Dies würde einen Zu-
       wachs von 103 000 Mann geben, neben ungefähr weiteren 17 000 Mann
       für die  Kavallerie und  Artillerie. Bis  jetzt ist  jedoch  noch
       nicht ein  Mann von  diesen 120 000 Mann geworben worden. Und wie
       sollen sie  dann gedrillt und mit Offizieren versehen werden? Die
       treffliche Organisation und allgemeine Führung der britischen Ar-
       mee hat es fertiggebracht, fast die ganze Infanterie mit Ausnahme
       der Depotkompanien  und einiger  Depotbataillone -  nicht nur die
       Leute, sondern  auch die  Cadres -  auf die  eine oder andere Art
       zwischen der  Krim und  den Kolonien zu verwenden. Nun, Generale,
       Oberste und Majore auf Halbsold befinden sich im Überfluß auf der
       britischen Armeeliste,  die für  diese neue  Streitkraft  benutzt
       werden können. Soviel wir wissen, fehlt es aber ganz oder beinahe
       ganz an Hauptleuten auf Halbspid, während ausgebildete Leutnante,
       Fähnriche und  Unteroffiziere nirgends zu haben sind. Rohmaterial
       gibt es  genug; aber  unausgebildete Offiziere taugen niemals zum
       Einexerzieren noch  ungedrillter Rekruten,  und alte,  erfahrene,
       standhafte Unteroffiziere  bilden, wie jedermann weiß, die Haupt-
       stütze jeder  Armee. Außerdem wissen wir von der besten Autorität
       - Sir W[illiam] Napier -, daß volle drei Jahre nötig sind, um den
       "tag-rag" und  "bob-tail" 1*)  von Alt-England zu dem zu dressie-
       ren, was  John Bull "die ersten Soldaten der Welt" und "das beste
       Blut Englands"  nennt. Wenn dies sogar zu Zeiten der Fall ist, in
       denen die Cadres vorhanden und nur aufzufüllen sind, wieviel Zeit
       wird dann  wohl erforderlich  sein -  ohne Subalternoffiziere und
       Unteroffiziere -,  um aus  120 000  Mann, die noch nicht gefunden
       sind, Helden zu fabrizieren? Wir können annehmen, da die gesamten
       militärischen Streitkräfte  Englands in  einem solchen  Grade  in
       diesem Krieg  engagiert sind,  daß die britische Regierung in den
       nächsten zwölf  Monaten als  äußerstes nur eine "kleine heroische
       Bande" von  40 000 oder  50 000 Mann  vor dem  Feind halten kann.
       Diese Zahl  könnte nur für sehr kurze Perioden überschritten wer-
       den, aber  nur mit  wesentlicher Störung aller Vorbereitungen für
       künftige Verstärkungen.
       Frankreich, mit  viel größerer Armee und ungleich vollständigerer
       Kriegsorganisation, hat  seine Streitkräfte  bei weitem  nicht in
       demselben Maße  engagiert. Frankreich besitzt 100 Infanterieregi-
       menter von  der Linie, 3 Regimenter Zuaven, 2 Regimenter Fremden-
       legion, jedes  von 3 Bataillonen, außerdem 20 Bataillone Büchsen-
       schützen und 6 afrikanische Bataillone - zusammen 341 Bataillone.
       Von diesen  sind 100  Bataillone, oder  eins  auf  jedes  Linien-
       regiment, als Depotbataillone zur Aufnahme und Bildung von Rekru-
       ten vorgesehen.
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       1*) "Lumpenproletariat"
       
       #79# Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt
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       Die zwei  ersten Bataillone  allein werden für den aktiven Dienst
       außerhalb des Landes gesandt, während die Depots, die Verstärkun-
       gen vorbereiten,  bestimmt sind,  diese auf voller Stärke zu hal-
       ten. Es  müssen daher  zugleich 100 Bataillone von der Gesamtzahl
       abgerechnet werden.  Werden, wie  dies öfter  unter Napoleon  ge-
       schah, diese  Depotbataillone als Grundlage für ein drittes Feld-
       bataillon benutzt,  so geschieht dies durch Überweisung einer au-
       ßerordentlichen Zahl von Rekruten an sie, und dazu bedarf es dann
       stets einiger Zeit, bis sie für den Felddienst tauglich sind. Da-
       her überschreiten  die  augenblicklich  verwendbaren  Kräfte  der
       französischen Armee  keine 241  Bataillone. Davon  bedarf  Algier
       mindestens 25; vier befinden sich in Rom; neun Infanteriedivisio-
       nen oder  ungefähr 80 Bataillone sind nach der Krim, Konstantino-
       pel und Athen gesandt. Im ganzen sind also engagiert rund 110 Ba-
       taillone oder  beinahe die  Hälfte der verwendbaren französischen
       Infanterie auf  dem Friedensfuß,  minus die Depots. Die Verbesse-
       rungen in der französischen Armee, nämlich die rechtzeitige Orga-
       nisierung der  Depotbataillone, die Einberufung der während ihres
       letzten Dienstjahres  zum Urlaub entlassenen Soldaten, die Fähig-
       keit, jedes  Jahr die volle Anzahl der Wehrpflichtigen einzuberu-
       fen neben  außerordentlichen Rekrutierungen,  und schließlich die
       besondere militärische  Bildungsfähigkeit der Franzosen, erlauben
       der Regierung,  die Zahl  ihrer Infanterie in ungefähr 12 Monaten
       zu verdoppeln.  Wenn wir  die stille,  jedoch ununterbrochene Be-
       waffnung seit Mitte 1853, die Errichtung von 10 oder 12 Bataillo-
       nen Kaisergarden und die Stärke, in der die französischen Truppen
       vergangenen Herbst  in ihren respektiven Lagern gemustert wurden,
       in Betracht  ziehen, können wir unterstellen, daß die Kraft ihrer
       Infanterie im  Inlande so  stark ist, wie sie war, bevor die neun
       Divisionen das  Land verließen, und daß, wenn man die Möglichkeit
       der Formierung  dritter Feldbataillone  aus den  Depotbataillonen
       berücksichtigt, ohne ihre Wirksamkeit als Depot wesentlich zu be-
       einflussen, sie  noch stärker ist. Wenn wir jedoch die Stärke der
       Infanterie, die  Frankreich Ende März auf seinem eigenen Territo-
       rium haben wird, auf 350 000 Mann schätzen, so werden wir eher zu
       hoch als  zu niedrig  geschätzt haben. Mit Kavallerie, Artillerie
       usw. würde  eine solche  Infanterie-Streitkraft, entsprechend der
       in Frankreich  bestehenden Organisation,  eine Armee von ungefähr
       500 000 Mann repräsentieren. Davon müßten mindestens 200 000 Mann
       im Innern  des Landes  bleiben als Cadres für die Depots zur Auf-
       rechterhaltung der  Ordnung im Inland, für die Militärwerkstätten
       oder Spitäler.  Frankreich könnte  also  bis  zum  1.  April  mit
       300 000 Mann ins Feld rücken, darunter ungefähr 200 Infanterieba-
       taillone. Diese 200 Bataillone stehen aber weder an Organisation,
       Disziplin noch an Stetigkeit im Feuer
       
       #80# Friedrich Engels
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       al pari mit den nach der Krim gesandten Truppen. Sie würden viele
       junge Rekruten enthalten, viele für die Gelegenheit neu gebildete
       Bataillone. Alle  Korps, in denen die Offiziere und Soldaten sich
       fremd sind,  wo eine hastige Organisation nach dem vorgeschriebe-
       nen Plan besteht, der gerade zur Zeit für den Ausmarsch fertigge-
       stellt worden war, stehen den alten Truppenkörpern weit nach, bei
       denen die  Gewohnheit des langen Dienstes, der gemeinsam erlebten
       Gefahren und des jahrelangen täglichen Verkehrs miteinander jenen
       Esprit de  corps geschaffen  hat, der sehr bald auch die jüngsten
       Rekruten in  seinen mächtigen Bann zieht. Man muß also einräumen,
       daß die  nach der  Krim gesandten  80 Bataillone  einen  ungleich
       wichtigeren Teil  der französischen Armee repräsentieren, als das
       rein numerische  Verhältnis zeigt.  Wenn England fast bis auf den
       letzten Mann  den besten  Teil seiner Armee engagiert hat, so hat
       Frankreich beinahe  eine Hälfte  seiner besten  Truppen nach  dem
       Osten gesandt.
       Es ist hier nicht nötig, die Daten der russischen Streitkräfte zu
       wiederholen, da wir erst ganz unlängst ihre Anzahl und Verteilung
       mitgeteilt haben.  1*) Es genügt zu sagen, daß von der russischen
       aktiven Armee  oder der Armee, die für Operationen an der westli-
       chen Grenze des Reiches vorgesehen ist, bisher nur das 3., 4., 5.
       und 6.  Korps während des Krieges engagiert worden sind. Die Gar-
       den und  Grenadierkorps sind  völlig intakt,  ebenso auch  das 1.
       Korps; das  2. Korps scheint ungefähr eine Division nach der Krim
       detachiert zu haben. Neben diesen Truppen wurden oder werden noch
       acht Reservekorps  formiert, gleich  an Zahl  der Bataillone  der
       acht Korps  der aktiven  Armee, wenn auch nicht gleich an numeri-
       scher Stärke. So stellt Rußland gegen den Westen eine Streitkraft
       von ungefähr  750 Bataillonen auf, wovon 250 noch nicht ganz for-
       miert sind  und stets zahlenmäßig schwach bleiben werden, während
       200 andere in den letzten zwei Kampagnen starke Verluste erlitten
       haben. Was die Reserve anbelangt, so besteht das fünfte und sech-
       ste Bataillon  der Regimenter  hauptsächlich aus  alten Soldaten,
       wenn der  ursprüngliche Organisationsplan befolgt worden ist; das
       siebente und  achte Bataillon  dagegen muß  aus Rekruten formiert
       und wenig  brauchbar sein, da der Russe trotz seiner Gelehrigkeit
       nur äußerst  langsam den  Militärdienst lernt.  Außerdem ist  die
       ganze Reserve schlecht mit Offizieren versehen. Rußland hat daher
       bereits ungefähr eine Hälfte seiner regulär organisierten aktiven
       Armee engagiert.  Die andere Hälfte, die noch nicht engagiert ist
       - die  Garden, Grenadiere,  1. und  2. Korps  -, bildet indes die
       Blüte seines  Heeres, die Lieblingstruppe des Kaisers, über deren
       Tüchtigkeit er mit
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 12-14
       
       #81# Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt
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       besonderer Sorgfalt wacht. Und was hat überdies Rußland, indem es
       die Hälfte  seiner aktiven Armee engagierte, erreicht? 1*) Es hat
       fast ganz  die Offensiv- und Defensivkraft der Türkei vernichtet;
       es hat  England gezwungen,  eine Armee  von 50 000 Mann zu opfern
       und es  für mindestens  12 Monate  kampfunfähig gemacht; außerdem
       hat es  Frankreich gezwungen,  im gleichen  Verhältnis Truppen zu
       engagieren wie  Rußland selbst.  Und  während  die  besten  afri-
       kanischen Regimenter  Frankreichs bereits  vor dem  Feind stehen,
       hat Rußlands eigene Elite noch keinen Schuß abgefeuert.
       Somit ist  einstweilen das  Übergewicht auf  seiten Rußlands, ob-
       gleich seine  in Europa  beschäftigten Truppen  sich nicht  eines
       einzigen Erfolgs rühmen können, sondern im Gegenteil in jeder be-
       deutenden Aktion  weichen und  jede ihrer  eigenen Unternehmungen
       aufgeben mußten.  Aber das wird sich völlig ändern, sobald Öster-
       reich in  den Krieg  eintritt. Es  verfügt über  ungefähr 500 000
       Mann, die  für den Felddienst bereit, nebst 100 000 in Depots und
       120 000 in  Reserve. Seine  Gesamtstreitkraft  kann  durch  nicht
       übermäßige Rekrutierung zu 850 000 Mann gebracht werden. Wir wol-
       len aber  als ihre  Zahl 600 000 annehmen, eingeschlossen die De-
       pots und  ohne Rücksicht auf die Reserve, die noch nicht einberu-
       fen. Von diesen 600 000 Mann befinden sich 100 000 in den Depots,
       ungefähr 70 000  in Italien  und in  anderen Teilen des nicht von
       Rußland bedrohten  Inlands. Die übrigen 430 000 sind in verschie-
       denen Armeen  von Böhmen  bis nach  Galizien und der untern Donau
       zusammengezogen. Davon können 150000 Mann in sehr kurzer Zeit auf
       jedem gegebenen  Punkte konzentriert werden. Diese formidable Ar-
       mee schafft  sofort ein  Übergewicht gegen Rußland, sobald Öster-
       reich gegen  Rußland zu  agieren beginnt;  denn seitdem die ganze
       frühere russische Donauarmee nach der Krim detachiert wurde, sind
       die Österreicher den Russen auf jedem Punkte überlegen und können
       ihre Reserve  ebenso rasch  zur Grenze  bringen, trotz  des  Vor-
       sprungs, den  Rußland gewonnen  hat. Nur ist zu bemerken, daß die
       österreichische Reserve numerisch bei weitem beschränkter ist als
       die russische  und daß,  einmal die 120 000 Mann Reserve einberu-
       fen, jeder  frische Zuwachs aus Neurekrutierungen entspringen muß
       und daher  nur sehr  langsam erfolgen  wird. Je länger Österreich
       daher seine  Kriegserklärung zurückhält,  desto  größern  Vorteil
       räumt es  den Russen  ein. Man  sagte uns, dies auszugleichen sei
       eine französische Hilfsarmee auf dem Marsch nach
       -----
       1*) Bei der  Übersetzung dieses  Artikels für die "Neue Oder-Zei-
       tung" Nr.  91 und  93 vom  23. und  24.Februar 1855 ersetzte Marx
       diesen Satz durch den folgenden: "Nur die Einwirkung der Diploma-
       tie auf  die westliche  Kriegführung erklärt  die Resultate,  die
       Rußland schon erreicht..."
       
       #82# Friedrich Engels
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       Österreich. Aber  der Weg  von Dijon  oder Lyon  nach Krakau  ist
       ziemlich weit, und ohne eine gute Organisation kann die französi-
       sche Armee  zu spät kommen, wenn der wahre Wert der reorganisier-
       ten österreichischen  Armee sie selbst einer etwas höheren Anzahl
       Russen ebenbürtig macht.
       Also Österreich  ist der  Gebieter der Lage. Seitdem es an seinen
       Ostgrenzen eine  militärische Position  bezogen hat, behauptet es
       seine Superiorität über die Russen. Sollte rechtzeitiges Eintref-
       fen russischer Reserven es für einen Augenblick seiner Superiori-
       tät berauben,  so kann es sich auf seine erfahrenen Generale ver-
       lassen -  die einzigen,  außer einigen wenigen Ungarn, die in den
       letzten Jahren militärisches Talent zeigen - und auf ihre gut or-
       ganisierten Truppen, von denen die meisten bereits im Feuer stan-
       den. Einige wenige geschickte Manöver, ein ganz unbedeutendes Zu-
       rückziehen würden  seinen Gegner  zu solchen Detachierungen zwin-
       gen, die  günstige Chancen für es sichern. Von dem Augenblick, wo
       Österreich seine  Armee bewegt,  ist Rußland auf Defensive gewor-
       fen, rein militärisch betrachtet.
       Ein weiterer Punkt muß noch erwähnt werden. Wenn Frankreich seine
       Armee im  Innern zu 500 000 Mann steigert und Österreich sein Ge-
       samtheer zu 800 000, dann ist jedes dieser Länder fähig, in zwölf
       Monaten mindestens  250 000 Mann  mehr unter die Waffen zu rufen.
       Der Zar  dagegen, wenn er das siebente und achte Bataillon seiner
       Infanterieregimenter vervollständigt  und sein gesamtes Aktivheer
       zu 900 000  anschwellt, hat ziemlich alles erschöpft, was ihm für
       die Defensive  zu Gebote  steht. Seine letzten Rekrutierungen, so
       sagt man,  stießen schon  überall auf bedeutende Schwierigkeiten:
       das Größenmaß  mußte herabgesetzt und zu andern außerordentlichen
       Mitteln gegriffen  werden, um die erforderliche Mannschaft zu er-
       halten. Das  Dekret des Kaisers, das die ganze männliche Bevölke-
       rung Südrußlands  zu den  Waffen entbietet - weit davon entfernt,
       einen tatsächlichen  Zuwachs der Armee zu geben -, verrät nur die
       Unfähigkeit weiterer  regelmäßiger  Rekrutierung.  Dieses  Mittel
       wurde angewandt zur Zeit der französischen Invasion von 1812, als
       das Land  tatsächlich überfallen  wurde, und  da nur  in 17  Pro-
       vinzen. Moskau stellte 80 000 Freiwillige oder 10 p.c. der Bevöl-
       kerung der  Provinz, Smolensk  schickte 25 000  etc. Aber während
       des Krieges  waren sie  nirgends zu finden, und diese Hunderttau-
       sende von  Freiwilligen hinderten  die Russen  nicht,  in  ebenso
       schlechtem Zustand  und ebenso völliger Auflösung an der Weichsel
       anzulangen wie  die Franzosen  selbst. Diese  neue  Aushebung  en
       masse bedeutet außerdem, daß Nikolaus entschlossen ist, den Krieg
       bis zum äußersten zu führen.
       Aber wenn,  vom militärischen  Standpunkt aus,  Österreichs Teil-
       nahme am  Krieg Rußland zur Defensive zwingt, so ist dies vom po-
       litischen Standpunkt
       
       #83# Der Krieg, der sich über Europa zusammenballt
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       aus nicht  notwendigerweise auch  der Fall.  Das große politische
       Offensivmittel des  Zaren -  wir haben  mehr denn einmal die Auf-
       merksamkeit darauf  gelenkt -  ist die  Erhebung der österreichi-
       schen und türkischen Slawen und die Proklamierung der ungarischen
       Unabhängigkeit.
       Wie sehr  die Österreichischen  Staatsmänner dieses fürchten, ist
       unseren Lesern  bekannt. Ohne Zweifel wird der Zar im Notfall auf
       dieses Mittel  zurückgreifen; mit  welchem Resultat, bleibt abzu-
       warten.
       Wir haben  nicht von  Preußen gesprochen - es wird wahrscheinlich
       schließlich mit  dem Westen  gegen Rußland gehen, wenn auch viel-
       leicht erst  nach einigen  Stürmen, die niemand voraussehen kann.
       Jedenfalls ist  es unwahrscheinlich,  daß seine Truppen, ehe eine
       nationale Bewegung  stattfindet, eine sehr bedeutende Rolle spie-
       len werden, und deshalb brauchen wir sie im Moment kaum zu beach-
       ten.
       Geschrieben um den 20. Februar 1855.
       
       Aus dem Englischen.

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