Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx/Friedrich Engels
Parlamentarisches und Militärisches
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 91 vom 23. Februar 1855]
London, 20. Februar. Obgleich das Unterhaus gestern von 4 Uhr
nachmittags bis 2 Uhr morgens saß und ungefähr 7 1/2 Millionen
Pfund Sterling für das Landheer wegvotierte, boten die Verhand-
lungen kein des Berichts wertes Interesse. Es sei daher nur be-
merkt, daß Palmerston seine liberalen Gegner außer Fassung setzte
sowohl durch die gesuchte Trivialität seiner Repliken als durch
die herausfordernd zuversichtliche Insolenz, womit er das Tri-
viale vortrug. Während er in dem Genre von Astleys Amphitheater
über die Schlacht von Balaklawa [3] deklamierte, fuhr er Layard
an wegen "ordinärer Deklamation über Aristokratie". Nicht die
Aristokratie stecke im Kommissariat, im Transport, im medizini-
schen Departement. Er vergaß, daß ihre Lakaien darin stecken. La-
yard hebt richtig hervor, daß die von Palmerston erfundenen Kom-
missionen zu nichts taugen, als Kompetenzkonflikte in der Expedi-
tionsarmee zu erzeugen. Was!, rief Palmerston aus, ihr - er war
wieder an der Stelle von Richard II. und das Parlament in der
Rolle von Wat Tylers Mob -, ihr wollt ein parlamentarisches Komi-
tee einsetzen, das zu nichts gut ist, als Blue Books [73] zu ma-
chen, und ihr findet Anstoß an meinen Kommissionen, "die arbeiten
sollen!" Palmerston behandelte das Parlament mit solcher Vornehm-
heit, daß er diesmal es sogar für überflüssig hielt, seine Witze
selbst zu machen. Er borgte sie von den ministeriellen Morgen-
blättern, die die Parlamentsmitglieder auf ihren Tischen vor sich
liegen hatten. Da fehlte weder der "Wohlfahrtsausschuß" des
"Morning Chronicle" noch die "Morning Post" mit ihrem schlechten
Witze, die inquisitionslustigen Deputierten nach der Krim zu
transportieren und - dort zu lassen. Nur einem so konstituierten
Parlament durfte solches geboten werden.
Während Palmerston so im Parlament den alten Aberdeen überaberde-
enisiert, läßt er - nicht in seinen direkten Organen, sondern in
dem leichtgläubigen
#85# Parlamentarisches und Militärisches
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Organ der vereinigten Bierwirte 1*) - ausstreuen, er sei kein
freier Agent, der Hof habe ihn an Ketten gelegt usf.
Da ein Friedenskongreß bald in Wien tagen wird, ist es an der
Zeit, vom Krieg zu sprechen und die Streitkräfte abzuschätzen,
worüber die bisher mehr oder weniger auf den Kampfplatz getrete-
nen Mächte zu verfügen haben. Es handelt sich dabei nicht nur um
die numerische Stärke der Heere, sondern um den Teil derselben,
der zu Offensivoperationen verwandt werden kann. Bei dem Detail
berücksichtigen wir nur die Infanterie, indem die übrigen Trup-
pengattungen sich in gegebenen Proportionen zu derselben befinden
müssen.
England besitzt in allem 99 Regimenter oder 106 Bataillons Infan-
terie, davon befinden sich mindestens 35 Bataillons im Kolonial-
dienst. Von dem Rest nahmen die ersten 5 nach der Krim gesandten
Divisionen weitere 40 Bataillons weg, und wenigstens 8 Bataillons
sind seitdem als Verstärkungen verschifft worden. Es bleiben also
ungefähr 23 Bataillons, wovon kaum eines für auswärtigen Dienst
entbehrt werden kann. Die Miliz, einverleibt zur Zahl von über
50 000 Mann, ist ermächtigt, außerhalb Englands zu dienen. Sie
wird Gibraltar, Malta, Korfu besetzen und so ungefähr 12 Batail-
lons freisetzen, die in der Krim verwandt werden können. Die
Eremdenlegion, wie Palmerston gestern dem Unterhaus erklärte,
kömmt nicht zustande. Schließlich ist seit dem 13. Febr[uar] Be-
fehl gegeben worden, zweite Bataillons für 93 Regimenter zu bil-
den, 43 von je 1000 Mann und 50 von je 1200 Mann. Dies würde
einen Zuwachs von 103 000 Mann geben, neben 17 000 Mann für Ka-
vallerie und Artillerie. Noch nicht ein Mann von diesen 120 000
ist geworben. Dann müssen sie einexerziert und mit Offizieren
versehn werden.
Die schöne Organisation, die jetzt besteht, hat es erreicht, zwi-
schen der Krim und den Kolonien fast die ganze Infanterie, mit
Ausnahme der Depotkompanien und einiger weniger Depotbataillons,
zu verwenden, nicht nur die Leute, sondern, was unglaublich
scheint, auch die Cadres. Generale, Obersten, Majore auf Halbsold
befinden sich in Überfluß auf der britischen Armeeliste, und sie
können für diese neuen Streitkräfte benutzt werden. Es fehlt aber
beinahe ganz an Hauptleuten und gänzlich an Lieutenants und
Unteroffizieren auf Halbsold. Die Unteroffiziere bilden aber be-
kanntlich den Eckstein jeder Armee. Nach der besten Autorität in
diesem Gebiete - General Sir William Napier, dem Geschichts-
schreiber des Pyrenäischen Kriegs [74] - sind 3 volle Jahre nö-
tig, um den "tag-rag" und "bob-tail" (das Lumpenproletariat)
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1*) d.h. des "Morning Advertiser"
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von Alt-England in "das beste Blut von England", in "die ersten
Soldaten der Welt" zu dressieren. Dies der Fall, wenn die Cadres
vorhanden und nur auszufüllen sind. Wieviel Zeit wird also erfor-
derlich sein, um Helden aus diesen 120 000 Mann zu fabrizieren?
Für die nächsten 12 Monate kann die englische Regierung höchstens
"eine kleine heroische Bande" von 50 000 Mann vor dem Feind hal-
ten. Diese Zahl könnte für kurze Perioden überschritten werden,
aber nur mit wesentlicher Störung aller Vorbereitungen für künf-
tige Verstärkungen.
Der Abgang der Post zwingt uns, diese Aufstellung hier abzubre-
chen.
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