Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Zur neuen Ministerkrisis
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 97 vom 27. Februar 1855]
       London, 24.  Februar. Das  Haus der Gemeinen war gestern gedrängt
       voll,  da   ministerielle  Erklärungen   über  den  Aufbruch  der
       e r s t e n   Palmerston-Administration angekündigt  waren. Unge-
       duldig harrten  die dichtgescharten  Parlamentler der Ankunft des
       edlen Vicomte,  der endlich  erschien, eine Stunde nach Eröffnung
       des Hauses, empfangen mit Gelächter von der einen, mit cheers 1*)
       von der  andern Seite.  Die abtrünnigen  Minister - Graham, Glad-
       stone, Herbert  - nahmen ihre Sitze auf den Bänken der sog. Radi-
       kalen (Manchesterschule  [45]), wo Herr Bright ihnen die Honneurs
       zu machen  schien. Eine Bank vor ihnen thronte der ebenfalls aus-
       geschiedene Cardwell.  Lord Palmerston erhob sich mit dem Antrag,
       daß Roebucks  Komitee sofort in Betracht gezogen werde. Sir James
       Graham begann  dann die  ministeriellen Bekenntnisse  und  befand
       sich noch  auf der Schwelle seines rhetorischen Luftgebäudes, als
       Palmerston ihn mit unverkennbaren Zeichen eines gesunden Schlafes
       akkompagnierte.
       Grahams Polemik  gegen das  Untersuchungskomitee beschränkte sich
       im Prinzip  darauf, daß  es ein Übergriff des Hauses der Gemeinen
       in die Prärogative der Krone sei. Wir wissen, daß es seit andert-
       halb Jahrhunderten  Sitte englischer  Ministerien ist, sich gegen
       die Krone  auf die  Privilegien des Hauses und gegen das Haus auf
       die Prärogative  der Krone zu beziehen. Faktisch droht Graham mit
       Gefahr für die englisch-französische Allianz infolge der Nachfor-
       schungen des  Komitees. Was war dies anders als eine Insinuation,
       daß der  französische] Alliierte  sich als  Hauptursache der  be-
       klagten Unfälle  herausstellen werde! Was seinen Austritt aus dem
       Ministerium betreffe,  so habe  das  Ministerium  von  vornherein
       Roebucks Motion
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       1*) Beifall
       
       #88# Karl Marx
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       nur als verstecktes Mißtrauensvotum betrachtet. Aberdeen und New-
       castle seien  daher geopfert, das alte Kabinett aufgelöst worden.
       Das neue  Kabinett besteht, mit Ausnahme von Canning und Panmure,
       aus dem  alten Personal; wie also solle plötzlich Roebucks Motion
       einer neuen  Deutung fähig  geworden sein? Nicht er, sondern Lord
       Palmerston habe  seine Ansichten  von Freitag auf Dienstag verän-
       dert. Nicht  er sei der Deserteur, sondern sein edler Freund. Au-
       ßerdem -  und dieses  war ein  naives Geständnis - gab Graham als
       Grund seines Austritts aus dem erneuten Kabinett an, er habe sich
       überzeugt,
       
       "daß die  jetzige Administration das Vertrauen des Hauses in kei-
       nem höheren  Grade besitze  als die,  die sich vor wenigen Wochen
       zurückgezogen".
       
       Während seiner Auseinandersetzung ließ Graham folgende Worte fal-
       len:
       
       "Bei der  Bildung der  neuen Administration  wünschte ich von dem
       edlen Lord"  (Palmerston) "zu  erfahren, ob  irgendein Wechsel in
       der auswärtigen  Politik  des  Grafen  Aberdeen  stattfinden  und
       ebenso, ob  irgend etwas an den aufgestellten Friedensbedingungen
       geändert werden solle. Lord Palmerston gab mir die vollste Versi-
       cherung, daß  in diesen  Beziehungen  alles  beim  alten  bleiben
       werde."
       
       (Wir  zitieren  diese  Worte,  wie  sie  im  Hause  der  Gemeinen
       g e s p r o c h e n,   nicht wie  sie in mehr umschreibender Form
       in den Zeitungen  g e d r u c k t  wurden.)
       Bright hob sofort diese Äußerung Grahams auf, um zu konstatieren,
       daß er  Palmerstons Regierung  nicht gestürzt  wünsche, den edlen
       Lord nicht  persönlich hasse, vielmehr überzeugt sei, daß Palmer-
       ston und  Russell das besaßen, was dem ungerecht verfolgten Aber-
       deen gefehlt, nämlich hinreichende Popularität, um auf der Grund-
       lage der vier Punkte Frieden [8] zu schließen.
       Sidney Herbert:  Die Motion  Roebucks zerfalle  in zwei ganz ver-
       schiedene Bestandteile. Erstens schlage er vor, den Stand der Ar-
       mee vor  Sewastopol zu  untersuchen; zweitens die Leitung der Re-
       gierungsdepartements zu  untersuchen, die speziell mit der Erhal-
       tung der  Armee beauftragt  seien. Das  Haus habe  das Recht, das
       letztere zu  tun, nicht  aber das erstere. Aus diesem Grunde wohl
       opponierte  Herbert   am  26.  Januar  ebenso  heftig  gegen  das
       "letztere", wie er jetzt, am 23. Februar, gegen das "erstere" op-
       poniert? Als  er (Herbert)  seine Stellung  im jetzigen  Kabinett
       eingenommen, habe  Lord Palmerston,  im Einklang  mit seiner Rede
       vom letzten  Freitag, das  Komitee für unkonstitutionell, für be-
       seitigt erklärt  mit dem  Austritt Aberdeens und Newcastles. Pal-
       merston habe sogar nicht gezweifelt, daß das Haus Roebucks Motion
       nun ohne Diskussion verneinen werde. Das Komitee, soweit es nicht
       
       #89# Zur neuen Ministerkrisis
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       Anklage gegen  die Regierung,  sondern Untersuchung  in dem Stand
       der Armee  bezwecke, werde sich als ein ungeheurer Schein auswei-
       sen. Lord Palmerston, indem er nicht den Mut habe, seiner wieder-
       holt formulierten  Überzeugung gemäß zu handeln, schwäche die Re-
       gierung. Wozu  sei ein  starker Mann nütze, wenn er eine schwache
       Politik befolge?
       Gladstone fügt  in der Tat den Erklärungen seiner Kollegen nichts
       hinzu, außer  jener Art  von Argumentation,  die den verstorbenen
       Peel veranlaßt  hatte, bei  Gelegenheit des  Austritts Gladstones
       aus seiner  Administration -  es  handelte  sich  damals  um  das
       Maynooth-Institut [75] - zu erklären, er habe die Gründe des Aus-
       tritts seines  Freundes zu  verstehen geglaubt, bevor sein Freund
       sie dem  Parlament in  einer  zweistündigen  Rede  zu  entwickeln
       unternommen.
       Palmerston hielt  es für  überflüssig, auf die Erklärungen seiner
       Exkollegen einzugehen.  Er bedaure ihren Austritt, werde sich je-
       doch zu trösten wissen. In seinen Augen bezwecke das Komitee kei-
       nen Tadel,  sondern eine  Untersuchung um den Stand der Armee. Er
       habe sich  der Ernennung des Komitees widersetzt, sich aber über-
       zeugt, daß  der Entschluß  des Hauses  nicht rückgängig zu machen
       [ist]. Ohne  Regierung dürfe das Land nicht sein, und darum werde
       er Regierung bleiben mit oder ohne Komitee. Auf die Frage Brights
       erklärte er, daß die Friedensverhandlungen ernst gemeint und Rus-
       sells Instruktionen auf Grundlage der vier Punkte abgefaßt seien.
       Über den  Stand seines  eigenen Ministeriums  teilte er dem Hause
       nichts mit.
       Palmerston hat  unstreitig trotz des plötzlichen Aufbruchs seiner
       ersten Administration schon Siege errungen, wenn nicht in der öf-
       fentlichen Meinung,  jedoch im  Kabinett und  im Parlament. Durch
       Russells Mission  nach Wien  hat er sich eines lästigen, launigen
       Rivalen entledigt.  Durch sein  Kompromiß mit  Roebuck hat er das
       parlamentarische Untersuchungskomitee  in eine  Regierungskommis-
       sion verwandelt,  die neben den drei von ihm selbst ernannten nur
       als vierte  zählt. Er  hat, wie  Sidney Herbert  sagt, einen "un-
       geheuren Schein"  an die  Stelle einer Realität gesetzt. Der Aus-
       tritt der  Peeliten [11] hat ihm die Möglichkeit gegeben, ein Ka-
       binett zu  bilden aus lauter Nullen mit ihm selbst als der einzi-
       gen Ziffer.  Daß indes  die Bildung eines solchen wirklichen Pal-
       merston-Ministeriums mit  beinahe unüberwindbaren Schwierigkeiten
       zu kämpfen [hat], ist außer Frage.

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