Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Palmerston [und die englische Oligarchie]
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 105 vom 3. März 1855]
London, 27.Februar. Dem Schrei gegen die Aristokratie hat Palmer-
ston ironisch geantwortet mit einem Ministerium von 10 Lords und
4 Baronetts - dazu 10 Lords, wovon 8 im Hause der Pairs sitzen.
Der Ungeduld über das Kompromiß zwischen den verschiedenen Frak-
tionen der Oligarchie entgegnet er mit einem Kompromiß zwischen
verschiedenen Familien innerhalb der Whig-Fraktion. In seinem Mi-
nisterium ist der Grey-Clan abgefunden, die herzoglich Suther-
landsche Familie, endlich die Clarendonsche Familie. Der Minister
des Innern, Sir George Grey, ist Vetter des Grafen Grey, dessen
Schwager Sir Charles Wood ist, der Erste Lord der Admiralität;
der Graf Granville und der Herzog von Argyll vertreten die Fami-
lie Sutherland. Sir G[eorge] C[ornewall] Lewis, Schatzkanzler,
ist Schwager des Grafen Clarendon, [des] auswärtigen Ministers.
Indien allein ist einem Unbetitelten, obgleich in die Whig-Fami-
lien Hineingeheirateten, dem Vernon Smith anheimgefallen. Ein Kö-
nigreich für ein Pferd! rief Richard III. Ein Pferd für ein Kö-
nigreich! ruft Palmerston, den Caligula nachahmend [79], und
macht Vernon Smith zum Großmogul von Indien [80].
"Lord Palmerston", klagt der "Morning Advertiser", "hat uns nicht
nur die alleraristokratischste Administration gegeben, von der
unsere Geschichte ein Beispiel aufweist, sondern er hat seine Re-
gierung aus dem miserabelsten aristokratischen Material zusammen-
gesetzt, das aufzufinden war." Aber, tröstet sich der biedere
"Advertiser", aber "Palmerston ist immer noch kein freier Agent;
er ist immer noch in Ketten und Banden etc."
Wie wir vorhersagten 1*), Lord Palmerston hat ein Kabinett von
Nullen gebildet, mit sich selbst als der einzigen Ziffer. Lord
John Russell, der ihn 1851 undiplomatisch aus dem Whig-Kabinett
warf, hat er diplomatisch auf Reisen geschickt [81]. Die Peeliten
[11] hat er benutzt, um die Erbschaft
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1*) Siehe vorl. Band, S. 89
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Aberdeens anzutreten. Die Ministerpräsidentschaft, einmal gesi-
chert, hat die Aberdeeniten fallen lassen und dem Russell, wie
Disraeli sagt, nicht nur die Whig-Garderobe, sondern die Whigs
selbst gestohlen. Trotz der großen Ähnlichkeit, ja fast Identität
der jetzigen Regierung mit Russells Whig-Administration von 1846-
1852, wäre nichts falscher als sie zu verwechseln. Es handelt
sich diesmal überhaupt nicht um ein Kabinett, sondern um Lord
Palmerston statt eines Kabinetts. Obgleich das Personal großen-
teils das alte, sind die Stellen so unter dasselbe verteilt, ist
sein Anhang im Hause der Gemeinen so verschieden und erscheint es
unter so gänzlich veränderten Verhältnissen wieder, daß, wenn es
früher ein schwaches Whig-Ministerium, es jetzt die starke Dikta-
tur eines einzigen Mannes bildet, vorausgesetzt, daß Palmerston
kein unechter Pitt, Bonaparte kein unechter Napoleon und Lord
John Russell auf Reisen bleibt. Verdrießlich, wie dem englischen
Bürger die unerwartete Wendung der Dinge kam, amüsiert ihn einst-
weilen die gewissenlose Gewandtheit, womit Palmerston Freund und
Feind düpiert und übervorteilt hat. Palmerston, sagt der Ci-
tykaufmann, hat wieder gezeigt, daß er "clever" ist. "Clever"
aber ist ein unübersetzbares Prädikat, vieldeutig, vielsinnig. Es
umfaßt alle Eigenschaften eines Mannes, der sich an den Mann zu
bringen weiß und sich ebensosehr auf den eigenen Vorteil wie auf
den fremden Schaden versteht. Moralisch, wie der englische Bürger
ist, respektabel, wie er ist, bewundert er doch vor allem den
Mann, der "clever" ist, den die Moral nicht geniert, den der Re-
spekt nicht irrt, der Prinzipien für Fallstricke hält, um seinen
Nebenmenschen zu Fall zu bringen. Wenn der Palmerston so "clever"
ist, wird er nicht die Russen überlisten, so gut wie er den Rus-
sell überlistet hat? So der Politiker der höheren englischen Mit-
telklasse.
Was die Tories betrifft, so glauben sie die gute alte Zeit wie-
derhergestellt, den bösen Koalitionszauber gebrochen und den an-
gestammten Regierungswechsel zwischen Whigs und Tories wieder
eingeleitet. Eine wirkliche Änderung, nicht beschränkt auf bloß
passive Auflösung, dürfte in der Tat erst unter einer Tory-Regie-
rung eintreten. Nur wenn die Tories am Ruder sind, beginnt der
gewaltige Druck von außen - die pressure from without - und wer-
den die unvermeidlichen Umwälzungen ins Werk gesetzt. So die
Katholikenemanzipationt [82] unter dem Ministerium Wellington, so
der Widerruf der Korngesetze unter dem Ministerium Peel, so, wenn
nicht die Reformbill, mindestens die Reformagitation, die bedeu-
tender war als ihr Resultat.
Als die Engländer eigens einen Holländer über die See kommen lie-
ßen 1*),
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1*) Wilhelm II. von Oranien
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um ihn zum König zu machen, geschah es, um mit der neuen Dynastie
eine neue Epoche einzuführen - die Epoche der Vermählung von
Grundaristokratie und Finanzaristokratie. Seit der Zeit finden
wir das Privilegium des Bluts und das Privilegium des Goldes im
konstitutionellen Gleichgewicht bis auf den heutigen Tag. Das
Blut z.B. überwiegt einen Teil der Stellen in der Armee der Fami-
lienkonnexion, dem Nepotismus, dem Favoritismus, aber das Prinzip
des Goldes erhält sein Recht, indem alle Offiziersstellen für
klingende Münze verkaufbar und kaufbar sind. Es wird so berech-
net, daß die gegenwärtig in den Regimentern dienenden Offiziere
ein Kapital von 6 Millionen Pfd. St. in ihren Stellen fixiert ha-
ben. Der ärmere Offizier, um nicht seines im Dienst erworbenen
Anrechts verlustig zu gehen und durch einen jungen Geldbeutel
ausgestochen zu werden, leiht Kapital auf, um sein Avancement zu
sichern, und wird so ein verhypothekiertes Wesen.
Wie in der Armee, so herrscht in der Kirche neben dem Prinzipe
der Familie das bare Prinzip. Wenn ein Teil der Kirche den jungen
Söhnen der Aristokratie anheimfällt, so gehört der andere dem
Meistbietenden. Der Handel mit den "Seelen" des englischen Volkes
- soweit sie der Staatskirche zugehören - ist nicht minder regel-
mäßig wie der Negerhandel in Virginien. Es existieren in diesem
Handel nicht nur Käufer und Verkäufer, sondern auch Mäkler. Ein
solcher "klerikaler" Mäkler, namens Simpson, erschien gestern vor
dem Court of Queen's Bench 1*) und verlangte seine Gebühren von
einem gewissen Lamb, der sich kontraktlich verpflichtet habe, ihm
die Präsentation zur Pfarre von Westhackney für den Rektor Joseah
Rodwell zu verschaffen, wobei Simpson 5 p.c. von Käufer und Ver-
käufer sich ausbedungen, nebst einigen Nebensporteln. Lamb habe
seine Verpflichtung nicht erfüllt. Die Sache hing so zusammen:
Lamb ist der Sohn des 70jährigen Rektors zweier Pfründen in
Sussex, deren Marktpreis zu 16 000 Pfd. St. angeschlagen wird.
Der Preis steht natürlich im direkten Verhältnis zur Einnahme der
Pfarre und im umgekehrten Verhältnis zum Alter des Pfründenbesit-
zers. Der junge Lamb ist der Patron der vom alten Lamb besessenen
Pfarreien und zugleich der Bruder eines noch jüngeren Lamb, des
Pfründenbesitzers und Pfarrers von Westhackney. Da der Rektor von
Westhackney noch sehr jugendlich, steht der Marktpreis der näch-
sten Präsentation zu seiner Sinekure verhältnismäßig niedrig. Ob-
gleich ihre Einnahme 550 Pfund jährlich nebst Pfarrwohnung, ver-
kauft ihr Besitzer die nächste Präsentation zu nur 1000 Pfd. St.
Sein Bruder verspricht ihm die Pfarreien in Sussex bei dem Tode
des Vaters, verkauft aber durch Simpson seine so erledigte Stelle
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1*) Oberhofgericht
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Westhackney zu 3000 Pfd. St. dem Joseah Rodwell, wobei er also
einen Nettoprofit von 2000 Pfd. St. einsteckt, sein Bruder eine
bessere Pfründe erhält, und der Mäkler zu 5 p.c. Kommission ein
Geschäft von 300 Pfd. St. gemacht haben würde. Es stellte sich
nicht heraus, wodurch der Kontrakt sich zerschlagen. Das Gericht
erkannte dem Mäkler Simpson "für getane Arbeit" eine Entschädi-
gung von 50 Pfd. St. [zu].
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