Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Karl Marx
Die britische Konstitution
["Neue Oder-Zeitung" Nr. 109 vom 6. März 1855]
London, 2. März. Während die britische Konstitution im Detail auf
jedem Punkte scheiterte, wo der Krieg sie auf die Probe gestellt,
brach im Inland das Koalitionsministerium entzwei, das konstitu-
tionellste aller Ministerien, das die englische Geschichte aufzu-
weisen. 40 000 britische Soldaten starben an den Ufern des
Schwarzen Meeres, Opfer der britischen Konstitution! Offiziere,
Generalstab, Kommissariat, ärztliches Departement, Transport-
dienst, Admiralität, Horse Guards [38] Feldzeugamt, Armee und Ma-
rine, alle sind zusammengebrochen und haben sich selbst ruiniert
in der Achtung der Welt; aber alle hatten die Genugtuung, zu wis-
sen, daß sie nur ihre Pflicht getan in den Augen der britischen
Konstitution! Die "Times" sprach wahrer, als sie ahnte, wenn sie
mit Bezug auf diesen allgemeinen Bankerutt ausrief: "Es ist die
britische Konstitution selbst, die vor Gericht steht." Sie hat
vor Gericht gestanden und ist schuldig gefunden worden.
Aber was ist diese britische Konstitution? Besteht ihr Wesen in
der Repräsentatiwerfassung und der Beschränkung der Exekutivge-
walt? Diese Merkmale unterscheiden sie weder von der Konstitution
der Vereinigten Staaten von Nordamerika noch von der Konstitution
der unzähligen englischen Aktiengesellschaften, die "ihr Ge-
schäft" verstehn. Die britische Konstitution ist in der Tat nur
ein verjährtes, überlebtes, veraltetes Kompromiß zwischen der
n i c h t o f f i z i e l l, aber faktisch in allen entschei-
denden Sphären der bürgerlichen Gesellschaft h e r r s c h e n-
d e n Bourgeoisie und der o f f i z i e l l r e g i e r e n-
d e n Grundaristokratie. Ursprünglich, nach der "glorreichen"
Revolution von 1688, war nur eine Sektion in der Bourgeoisie -
die F i n a n z a r i s t o k r a t i e - in das Kompromiß ein-
geschlossen. Die Reformbill von 1831 ließ eine andere Sektion zu,
die M i l l o c r a c y, wie die Engländer sie nennen, d.h. die
Großwürdenträger der i n d u s t r i e l l e n Bourgeoisie. Die
Geschichte der Gesetzgebung seit 1831 ist die Geschichte der
Konzessionen, die an die industrielle Bourgeoisie gemacht worden
sind, von der neuen Armenhausakte [83] bis zum Widerruf der
Korngesetze und vom Widerruf der Korngesetze bis zur Sukzes-
sionssteuer auf den Grundbesitz.
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Wenn die Bourgeoisie - selbst nur die höchste Schicht der Mittel-
klassen - so im allgemeinen als die h e r r s c h e n d e
K l a s s e auch p o l i t i s c h anerkannt wurde, so geschah
dies indes nur auf eine Bedingung hin, daß das gesamte Regie-
rungswesen in allen seinen Details, selbst das exekutive Departe-
ment der gesetzgebenden Gewalt, d.h. das eigentliche Gesetzmachen
in beiden Häusern des Parlaments, der Grundaristokratie gesichert
bleibe. Die Bourgeoisie zog [um] 1830 [herum] die Erneuerung des
Kompromisses mit der Grundaristokratie einem Kompromiß mit der
Masse des englischen Volkes vor. Die Aristokratie nun, die, un-
terworfen unter gewisse von der Bourgeoisie aufgestellte Prinzi-
pien, ausschließlich herrscht im Kabinett, dem Parlamente, der
Administration, der Armee und der Marine - diese eine und ver-
hältnismäßig wichtigste Hälfte der britischen Nation ist grade
jetzt gezwungen, ihr eignes Todesurteil zu unterschreiben und vor
den Augen aller Welt zu gestehn, daß sie nicht länger den Beruf
hat, England zu regieren. Man betrachte nur die Versuche, ihre
Leichen zu galvanisieren! Ministerium wird gebildet nach Ministe-
rium, [um] sich selbst aufzulösen nach dem Regime von wenigen Wo-
chen. Die Krisis ist permanent, die Regierung nur provisorisch.
Alle politische Aktion ist suspendiert, und jeder gesteht, daß er
nur noch daran denkt, die politische Maschine hinlänglich einzuö-
len, damit sie nicht völlig stillsteht. Das Haus der Gemeinen
selbst erkennt sich nicht wieder in den Ministerien, die nach
seinem eignen Bilde geschaffen sind.
In Mitte dieser allgemeinen Hilflosigkeit ist nicht nur der Krieg
zu führen, sondern ein Gegner zu bekämpfen, gefährlicher selbst
als der Kaiser Nikolaus. Dieser Gegner ist die H a n d e l s-
und I n d u s t r i e k r i s e, die seit letztem September je-
den Tag an Gewaltsamkeit und Universalität zunimmt. Ihre eiserne
Hand hat sofort den Mund der oberflächlichen Freihandelsapostel
geschlossen, die seit Jahren predigten, daß seit dem Widerruf der
Korngesetze überfüllte Märkte und soziale Krisen für immer in das
Schattenreich der Vergangenheit verbannt seien. Die überfüllten
Märkte sind da, und nun schreit niemand lauter über den Mangel an
Vorsicht, der die Fabrikanten abgehalten, die Produktion zu be-
schränken, als dieselben Ökonomen, die noch vor 5 Monaten mit
dogmatischer Unfehlbarkeit lehrten, daß nie zu viel produziert
werden könne.
In einer chronischen Form äußerte sich die Krankheit bereits zur
Zeit der Prestoner Arbeitseinstellung [84]. Kurz nachher brachte
die Überfuhr des amerikanischen Markts die Krise zum Ausbruch in
den Vereinigten Staaten. Indien und China, obgleich überführt,
ebenso wie Kalifornien und Australien, fuhren fort, Abzugskanäle
der Überproduktion zu bilden. Da die englischen Fabrikanten ihre
Ware nicht länger im heimischen Markt verkaufen
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konnten, ohne die Preise herabzudrücken, nahmen sie zu dem ge-
fährlichen Mittel ihre Zuflucht, selbst ihre Ware auf Konsigna-
tion ins Ausland zu schicken, besonders nach Indien, China, Au-
stralien und Kalifornien. Dieses Ausfluchtsmittel befähigte den
Handel, für eine Weile voranzugehen, mit weniger Störung, als
wenn die Waren auf einmal auf den Markt geworfen worden wären.
Sobald sie aber an ihren Bestimmungsorten anlangten, entschieden
sie dort die Kurse sofort, und gegen Ende September wurde die
Wirkung hier in England fühlbar.
Die Krise vertauschte dann ihren chronischen mit einem akuten
Charakter. Die ersten Häuser, die zusammenbrachen, waren die
Kattundrucker - darunter altetablierte Firmen von Manchester und
Umgegend. Die Reihe kam dann an die Schiffsbesitzer und die au-
stralischen und kalifornischen Kaufleute, dann die chinesischen
Häuser, endlich die indischen. Alle kamen an die Reihe, die mei-
sten litten schwer, viele mußten ihr Geschäft suspendieren, und
für keinen dieser Handelszweige ist die Gefahr vorüber. Sie ist
im Gegenteil beständig wachsend. Die Seidenfabrikanten wurden
ebenfalls getroffen; ihre Industrie ist momentan fast auf nichts
reduziert, und die Örtlichkeiten, wo sie betrieben wird, sind vom
größten Elend heimgesucht. Die Reihe kömmt nun an die Baumwollen-
spinner und Fabrikanten. Einige von ihnen sind bereits unterle-
gen, und ein großer Teil wird ihr Schicksal noch teilen müssen.
Wir haben früher gesehen 1*), daß die Feingarnspinner nur noch
kurze Zeit arbeiten, und die Grobgarnspinner werden bald zum sel-
ben Mittel ihre Zuflucht nehmen. Ein Teil davon arbeitet jetzt
schon nur einige Tage in der Woche. Wie lange werden sie dies
aushalten können?
Noch einige Monate, und die Krisis wird in den Fabrikdistrikten
die Höhe von 1842 erreichen, wenn nicht übersteigen. Sobald aber
ihre Wirkungen sich allgemein unter den arbeitenden Klassen fühl-
bar machen, wird die politische Bewegung wieder beginnen, die
sechs Jahre mehr oder minder unter diesen Klassen geschlummert
und nur noch die Cadres für eine neue Agitation zurückgelassen
hatte. Der Konflikt zwischen dem industriellen Proletariat und
der Bourgeoisie wird zur selben Zeit wieder beginnen, wo der Kon-
flikt zwischen Bourgeoisie und Aristokratie seinen Höhepunkt er-
reicht. Die Maske wird dann fallen, die bis jetzt dem Auslande
die wirklichen Züge der politischen Physiognomie Großbritanniens
versteckt hat. Indes, nur wer unbekannt mit dem Reichtum dieses
Landes an Menschenmaterial wie an materiellen Hilfsmitteln ist,
wird zweifeln, daß es siegreich und neu verjüngt aus der bevor-
stehenden großen Krise hervorgehen wird.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 68
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