Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856


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       Karl Marx
       
       Layard
       
       ["Neue Oder-Zeitung" Nr. 107 vom 5. März 1855]
       London, 2.  März. Layard,  der große  Ninive-Gelehrte, hat vorge-
       stern in  einer Rede  an seine Kommittenten von Aylesbury ein in-
       teressantes Kapitel  veröffentlicht zur Charakteristik einerseits
       der Art und Weise, wie die Oligarchie die wichtigsten Staatsämter
       verteilt, andererseits  der höchst zweideutigen Position der sog.
       liberalen und  independenten Parlamentsmitglieder  zu dieser Oli-
       garchie.
       Lord Granville,  erzählt Layard,  ernannte ihn zum Unterstaatsse-
       kretär im Ministerium des Auswärtigen, wo er 3 Monate diente, als
       Russells Ministerium  stürzte  und  das  Derby-Kabinett  gebildet
       ward. Derby trug ihm an, an seinem Platze zu bleiben, bis der ihm
       bestimmte Nachfolger,  Lord Stanley (Derbys Sohn), aus Indien zu-
       rückgekehrt sei.  Dann wolle er ihn (Layard) mit einer diplomati-
       schen Mission im Auslande betrauen.
       
       "Alle meine  politischen Freunde", erzählt Layard, "waren der An-
       sicht, ich  solle das  Angebot annehmen,  mit Ausnahme  Lord Rus-
       sells, der  eine umgekehrte  Meinung aussprach, der zu folgen ich
       nicht anstand."
       
       Layard schlug  also Derbys Anerbieten ab. Wohl! Lord Russell wird
       wieder Minister,  und Layard  ist nicht  vergessen. Russell ladet
       ihn nun  ein zum  ministeriellen Bankett,  an dem  er seinen Sitz
       nehmen soll  als Untersekretär  des "Board  of Control", d.h. des
       Ministeriums für  Indien. Layard  schlägt zu.  Plötzlich aber be-
       sinnt sich  Russell, daß ein ältlicher Whig-Gentleman, namens Sir
       Thomas Redington,  der früher  einmal mit  irischen, nie aber mit
       asiatischen Angelegenheiten  betraut war,  "noch unversorgt  ist"
       (wörtlich). Er  deutet also  dem Layard an, der Unterbringung des
       ältlichen Herrn  nicht im  Wege zu stehen. Layard resigniert wie-
       der. Russell, ermutigt durch die selbstaufopfernde Bescheidenheit
       des Gelehrten,
       
       #99# Layard
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       insinuiert ihm  nun, ganz  aus dem Wege zu gehen und eine Konsul-
       stelle in  Ägypten anzunehmen.  Diesmal wird Layard wild, schlägt
       ab und  macht sich  im Parlament bemerkbar durch bedeutende Reden
       gegen die orientalische Politik des Ministeriums.
       Palmerston, sobald  er sein Kabinett gebildet, sucht ihn abzufin-
       den durch  die Stelle  des Sekretärs im Feldzeugamt. Layard lehnt
       dies ab, weil er durchaus nichts verstehe von der Artillerie etc.
       Wie naiv!  Als ob  der abgetretene Sekretär - Herr Monsell, einer
       der Mäkler  der Irischen Brigade [24] - je imstande gewesen, eine
       gewöhnliche Muskete  von einem  Zündnadelgewehr zu unterscheiden!
       Palmerston bietet ihm nun das Untersekretariat im Ministerium des
       Krieges an. Layard akzeptiert, aber den andern Morgen hat Palmer-
       ston ausgefunden, daß Frederick Peel - diese bürokratische Nulli-
       tät -  in diesem  Augenblicke unentbehrlich  im Kriegsministerium
       sei, von  dessen Funktionen  Peel notorisch  nichts versteht. Zum
       Ersatz bietet er dem Layard schließlich im Namen Russells das Un-
       tersekretariat im  Kolonialministerium an.  Layard hält  die  Um-
       stände zu schwierig, um in diesem Augenblicke Studien über 50 Ko-
       lonien zu machen, mit denen er sich nie beschäftigt. Er lehnt ab,
       und damit endet diese erbauliche Historie.
       Die einzige  Moral, die die ministeriellen Blätter daraus ziehen,
       ist: daß Layard noch sehr unerfahren im Weltlauf und seinen assy-
       rischen Ruhm schnöde verwirkt habe.

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