Quelle: MEW 11 Januar 1855 - April 1856
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Vorwort
Der elfte Band der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels ent-
hält Artikel und Korrespondenzen aus der Zeit von Ende Januar
1855 bis April 1856. Der größte Teil dieser Aufsätze erschien in
der bürgerlich-demokratischen "Neuen Oder-Zeitung", deren Mitar-
beiter Marx Ende Dezember 1854 geworden war. Gleichzeitig sandte
Marx weiterhin Artikel an die damals fortschrittliche amerikani-
sche Zeitung "New-York Daily Tribune". Einzelne seiner Aufsätze
erschienen wie in den vorangegangenen Jahren in dem Organ der
Chartisten "The People's Paper", das ab Mai 1852 von Ernest Jones
redigiert wurde.
Unter den Bedingungen der politischen Reaktion und bei dem fast
völligen Fehlen einer proletarischen und revolutionär-demokrati-
schen Presse hielten es Marx und Engels für notwendig, fort-
schrittliche bürgerliche Zeitungen auszunutzen, um zu den Massen
zu sprechen, die öffentliche Meinung im Interesse des Proletari-
ats zu beeinflussen und die reaktionären Kräfte zu bekämpfen. Die
Mitarbeit an der "Neuen Oder-Zeitung" bot Marx die Möglichkeit,
eine engere Verbindung mit Deutschland zu unterhalten und dem
deutschen Leser wichtige Probleme der Weltpolitik, der
wirtschaftlichen Entwicklung und der politischen Lage in den ka-
pitalistischen Ländern, vor allem in England und Frankreich, so-
wie Probleme der proletarischen und der bürgerlich-demokratischen
Bewegung darzulegen.
Da die Arbeit für die "Neue Oder-Zeitung" und die "New-York Daily
Tribune" Marx viel Zeit kostete und ihn von der wissenschaftli-
chen Arbeit auf dem Gebiet der politischen Ökonomie, der die Be-
gründer des Marxismus erstrangige Bedeutung beimaßen, abzuhalten
drohte, bat Marx Engels, einen Teil der Artikel für die "Tribune"
zu schreiben. Zu den von Engels geschriebenen Artikeln gehören
hauptsächlich die militärischen Übersichten, die Marx zu einem
großen Teil ins Deutsche übersetzte und an die "Neue Oder-Zei-
tung" schickte. Marx berücksichtigte die Besonderheiten der
Korrespondenz
#VI# Vorwort
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für Deutschland und gab in einzelnen Fällen den Inhalt der
militärischen Artikel von Engels mit eigenen Worten wieder oder
nahm an ihnen einige Änderungen und Kürzungen vor und ergänzte
sie manchmal auch durch eigene Übersichten über Parlamentsdebat-
ten und internationale Ereignisse. Solche Artikel, die im Grunde
das Arbeitsergebnis zweier Verfasser sind, demonstrieren die
schöpferische Zusammenarbeit der Begründer des Marxismus.
Die publizistische Arbeit von Marx und Engels, die einen sehr
wichtigen Bestandteil des revolutionären Wirkens der Begründer
des wissenschaftlichen Kommunismus in den 50er Jahren darstellt,
war unlösbar mit ihren theoretischen Studien sowie mit der weite-
ren Ausarbeitung der revolutionären Theorie des Proletariats ver-
bunden. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiete
der politischen Ökonomie studierte Marx damals Probleme der Au-
ßenpolitik und der Diplomatie der europäischen Staaten. Engels
befaßte sich weiterhin mit den Militärwissenschaften, vor allem
mit der Geschichte der Kriegskunst, studierte die Geschichte der
slawischen Völker und beschäftigte sich mit der Sprachwissen-
schaft. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen von
Marx und Engels fanden zum Teil ihre Widerspiegelung in ihren Ar-
tikeln und Korrespondenzen. Gleichzeitig sammelten die Begründer
des Marxismus bei ihrer journalistischen Arbeit neues Tatsachen-
material, das sie später in ihren wissenschaftlichen Arbeiten
verwerteten. So verwendete Marx später im "Kapital" einige Mate-
rialien über die Bodenverhältnisse in Irland und Berichte der Fa-
brikinspektoren, die in Artikeln für die "Neue Oder-Zeitung" an-
geführt werden.
Die revolutionäre Publizistik der Begründer des Marxismus war für
die internationale proletarische und demokratische Bewegung der
50er Jahre von großer Bedeutung. Obwohl die revolutionäre Propa-
ganda in der "Neuen Oder-Zeitung" durch die preußische Reaktion
erschwert war und es mit den Redakteuren der "New-York Daily Tri-
bune" in vielen Fragen Differenzen gab, gelang es Marx und Engels
dennoch, in ihren Beiträgen die revolutionäre proletarische Linie
durchzusetzen. Sie entlarvten die reaktionären Zustände in den
europäischen Ländern, zeigten die Geschwüre der kapitalistischen
Ordnung und kritisierten mit aller Schärfe die von den herrschen-
den Klassen zur ideologischen Verteidigung ihrer Ordnung verbrei-
teten reaktionären Theorien. Marx und Engels begründeten in ihren
Artikeln die Taktik des Proletariats in den wichtigsten Fragen
der Innen- und Außenpolitik der europäischen Staaten. Sie wandten
bei der Untersuchung der Tagesereignisse die Methode des dialek-
tischen und historischen Materialismus an und zeigten an Hand
konkreter Beispiele das Wirken der von ihnen
#VII# Vorwort
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entdeckten Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung; sie fuhren
fort, ihre materialistische Gesellschaftslehre, ihre Theorie des
Klassenkampfes zu konkretisieren und weiterzuentwickeln.
Von den zahlreichen in dem vorliegenden Band behandelten Proble-
men schenken Marx und Engels die größte Aufmerksamkeit den inter-
nationalen Beziehungen und dem Krimkrieg, der zu jener Zeit in
sein Endstadium eingetreten war. Die hier aufgenommenen Arbeiten
über diese Themen bilden inhaltlich eine Fortsetzung ihrer in
Band 9 und 10 der Werke veröffentlichten Artikel zur orientali-
schen Frage. Eine große Anzahl von Artikeln bringen Darlegungen
über die ökonomische und innenpolitische Lage der europäischen
Länder, vor allem Englands, sowie über die englische Arbeiter-
bewegung.
Die Begründer des Marxismus untersuchten alle diese Probleme und
beurteilten die historischen Ereignisse als proletarische Revolu-
tionäre, wobei sie vor allem die Perspektive eines neuen Auf-
schwungs der bürgerlich-demokratischen und der proletarischen Be-
wegung in Europa berücksichtigten. Bei der Festlegung der takti-
schen Linie des Proletariats während des Krimkrieges gingen sie,
wie W.I. Lenin aufzeigte, von den objektiven Bedingungen der Zeit
von 1789-1871 aus, für die bezeichnend war, daß der Kampf zwi-
schen Kapitalismus und Feudalismus noch nicht seinen Abschluß ge-
funden hatte. In den meisten Ländern Europas blieben auch nach
der Revolution von 1848/49 die Hauptaufgaben der bürgerlichen Re-
volution ungelöst; auf der Tagesordnung stand "die Beseitigung
des Absolutismus und des Feudalismus, ihre Untergrabung, die Ab-
werfung eines national fremden Jochs " (W.I. Lenin, Werke, Band
21, S. 300).
Marx und Engels sahen in der konsequenten revolutionären Verwirk-
lichung der bürgerlich-demokratischen Umgestaltungen in Europa
die notwendige Voraussetzung für eine siegreiche proletarische
Revolution. Ihre damalige Taktik, die durch dieselben grundlegen-
den Aufgaben bestimmt wurde, vor denen die proletarischen Revolu-
tionäre auch in der Revolution von 1848/49 gestanden hatten,
setzte im Grunde - in neuen Formen entsprechend den veränderten
historischen Verhältnissen - die revolutionäre Taktik der "Neuen
Rheinischen Zeitung" von 1848/49 fort.
In den Artikeln "Die Krise in England", "Die Aussichten in
Frankreich und England" und in anderen orientierten Marx und
Engels die Arbeiterklasse sowie die Vertreter der revolutionären
Demokratie darauf, den internationalen Konflikt, den Krimkrieg,
zur Entfachung einer gegen die bestehenden konterrevolutionären
Regimes gerichteten europäischen Revolution auszunutzen. Sie
unterstrichen, daß die Arbeiterklasse daran interessiert sei, den
#VIII# Vorwort
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von den herrschenden Klassen mit volksfeindlichen Zielen begon-
nenen Krimkrieg zum Anlaß großer revolutionärer Ereignisse werden
zu lassen. Marx hoffte, daß diese Ereignisse "die proletarische
Klasse in den Stand setzen werden, jene Stellung wieder einzuneh-
men, die sie durch die Junischlacht 1848 in Frankreich verlor.
Und das gilt nicht allein für Frankreich, sondern auch für das
ganze Mitteleuropa, einschließlich England" (siehe vorl. Band, S.
128).
Große Hoffnungen setzten die Begründer des Marxismus auf die
revolutionäre Initiative des französischen Proletariats. In dem
Artikel "Das Schicksal des großen Abenteurers" spricht Engels von
der Möglichkeit einer "vierten und größten französischen Revolu-
tion" und schreibt, daß eine solche Revolution revolutionäre Er-
schütterungen auf dem ganzen europäischen Kontinent hervorrufen
könne. "Deutsche, Ungarn, Polen, Italiener und Kroaten werden die
aufgezwungenen Bande, die sie zusammenketten, von sich werfen,
und an Stelle der unbestimmten und zufälligen Bündnisse und
Antagonismen von heute wird Europa wieder in zwei große Lager mit
verschiedenen Bannern und neuen Zielen geteilt sein. Dann wird
der Kampf allein zwischen der d e m o k r a t i s c h e n R e-
v o l u t i o n auf der einen und der m o n a r c h i s t i-
s c h e n K o n t e r r e v o l u t i o n auf der anderen Seite
geführt werden" (siehe vorl. Band, S. 127).
Wie 1848/49 sahen Marx und Engels in der zaristischen Selbstherr-
schaft die Hauptsäule der feudalistisch-absolutistischen Reaktion
Europas. Sie zeigten in einer Reihe von Artikeln die Leibeigen-
schaftsverhältnisse im zaristischen Rußland auf, entlarvten die
Eroberungspläne des Zarismus sowie die Tätigkeit der zaristischen
Diplomatie und legten die Rolle dar, die der Zarismus als Gendarm
zusammen mit anderen konterrevolutionären Kräften Europas bei der
Unterdrückung der revolutionären Bewegungen spielte. Marx und En-
gels traten entschieden gegen die Bestrebungen der herrschenden
Klassen der europäischen Mächte auf, den Zarismus als Instrument
zur Bekämpfung der Revolution zu erhalten und auszunutzen. In der
Zerschlagung des Zarismus und in der Ausschaltung seines reaktio-
nären Einflusses auf Europa sahen Marx und Engels die wichtigste
Voraussetzung für eine siegreiche europäische Revolution.
In den Artikeln "Deutschland und der Panslawismus" enthüllt En-
gels den konterrevolutionären Charakter der Versuche der zaristi-
schen Selbstherrschaft, die nationalen Bewegungen der slawischen
Völker Mittel- und Südeuropas für ihre Ziele auszunutzen, sowie
das Bestreben des Zarismus, den Appell zur Vereinigung der Slawen
in ein Mittel seiner Eroberungspolitik zu verwandeln. Engels hebt
im Zusammenhang mit seiner Darlegung des reaktionären Wesens der
panslawistischen Ideen hervor, daß die monarchistischen
#IX# Vorwort
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Elemente der nationalen Bewegung einer Reihe von slawischen Völ-
kern 1848/49 mit diesen Ideen objektiv den Kampf der reaktionären
Monarchie der Habsburger gegen die Revolution in Deutschland und
Ungarn unterstützt hatten. Marx und Engels traten entschieden ge-
gen jegliche nationalistische Ideologie auf, welche Form sie auch
immer annehmen mochte. Sie hoben hervor, daß die Ideologie des
Pangermanismus, des Panslawismus usw. die nationale Zwietracht
zwischen den Völkern schürt und den Interessen einer demokrati-
schen Entwicklung, der nationalen und sozialen Befreiung aller
Völker, auch der slawischen, zutiefst widerspricht.
Engels unterstützte die Forderung, den Südslawen und den Polen
die Unabhängigkeit zu gewähren, dehnte jedoch diese Forderung
nicht aus auf die unterdrückten slawischen Völker (die Tschechen,
Slowaken u.a.), die auf dem Territorium der damaligen österrei-
chischen Monarchie lebten. In den Artikeln "Deutschland und der
Panslawismus" spricht er von diesen Völkern und ihrer Zukunft,
wobei er von der schon in seinen Schriften "Der demokratische
Panslawismus" (siehe Band 6 unserer Ausgabe, S. 270-286) und
"Revolution und Konterrevolution in Deutschland" (siehe Band 8
unserer Ausgabe, S. 3-108) aufgestellten irrigen These ausgeht,
diese Völker hätten die Fähigkeit zu selbständiger nationaler
Existenz verloren und seien dazu verurteilt, von den stärkeren
Nachbarn absorbiert zu werden (Ausführlicheres hierüber im Vor-
wort zu Band 6 und 8). Diese Folgerung erklärt sich hauptsächlich
daraus, daß Engels die Zentralisierung, die Bildung großer Staa-
ten und die Absorbierung der kleinen Völker durch große Nationen
für die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Entwicklung hielt
und nicht in genügendem Maße die andere Tendenz in Betracht zog,
nämlich den Kampf der kleinen Völker gegen die nationale Unter-
drückung, ihr Streben nach nationaler Unabhängigkeit. Die Erfah-
rung der Geschichte hat gezeigt, daß die slawischen Völker, die
einst zur österreichischen Monarchie gehörten, nicht nur die Fä-
higkeit zu selbständiger nationaler Entwicklung, zur Bildung ei-
gener Staaten bewiesen haben, sondern zusammen mit den anderen
Völkern des sozialistischen Lagers zu Schöpfern einer neuen, der
sozialistischen Gesellschaftsordnung geworden sind.
Marx und Engels verteidigten die Notwendigkeit eines revolutio-
nären Krieges gegen den Zarismus zur demokratischen Umgestaltung
Europas, zur Befreiung der unterdrückten Völker, zur revolutio-
när-demokratischen Einigung sowohl Deutschlands als auch Italiens
und entlarvten deshalb die Politik der herrschenden Klassen Eng-
lands und Frankreichs, die einen aggressiven Krieg entfesselt
hatten, um die monarchistischen und bürgerlich-oligarchischen
Regimes in Europa zu festigen.
#X# Vorwort
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In vielen Artikeln zeigen Marx und Engels auf Grund einer sorg-
fältigen Untersuchung der historischen Tatsachen, der diplomati-
schen Urkunden, insbesondere der Protokolle der Wiener Konferenz
von 1855, der Parlamentsdebatten usw., die Ursachen des Ausbruchs
und den wirklichen Charakter des Krimkrieges. Sie entlarven die
heuchlerischen Erklärungen der Staatsmänner und der offiziellen
westeuropäischen Presse, die den Krieg Englands und Frankreichs
gegen Rußland als einen Krieg hinstellten, der die Unabhängigkeit
der Türkei "verteidigen" soll, gegen den "Despotismus" gerichtet
sei und für die "Freiheit" und die "Zivilisation" geführt werde.
Marx und Engels weisen in ihren Artikeln nach, daß der Krimkrieg
vor allem durch das Aufeinanderprallen der wirtschaftlichen und
militärischen Interessen der Teilnehmerstaaten ausbrach und sein
Charakter durch die eigennützige Politik der herrschenden Klassen
dieser Staaten bestimmt wurde. Marx und Engels deckten die Gegen-
sätze zwischen den europäischen Mächten im Nahen Osten auf und
zeigten ihren Kampf um die Aufteilung der Besitzungen des Türki-
schen Reiches, um die Herrschaft auf dem Balkan und über die Dar-
danellen und ihren Konkurrenzkampf in Mittelasien.
In "Palmerston - Physiologie der herrschenden Klassen Großbritan-
niens" und in anderen Artikeln legt Marx die Politik der West-
mächte gegenüber der mit ihnen "verbündeten" Türkei dar. Er deckt
die räuberischen Methoden zur kolonialen Versklavung der rück-
ständigen Türkei durch die europäischen Mächte auf, insbesondere
wie mit den Mitteln einer Anleihe die Türkei "unter den für ein
Land entwürdigendsten Bedingungen unter Kuratel gestellt" wird.
Nachdem "die Westmächte sich des auswärtigen Ministeriums zu Kon-
stantinopel und ... auch des Ministeriums des Innern bemächtigt
haben" und über ihre Armee verfügen, sagt Marx, "strecken sie
jetzt die Hand nach den türkischen Finanzen aus" (siehe vorl.
Band, S. 376).
In dem Artikel "Eine sonderbare Politik" sowie in einer Reihe an-
derer Arbeiten zeigt Marx die wirklichen politischen Ziele auf,
die die herrschenden Klassen Englands und Frankreichs im Krim-
krieg verfolgten. Marx und Engels sahen deutlich, daß das bürger-
liche oligarchische England und das bonapartistische Frankreich,
die Rußland als Konkurrenten im Nahen und Mittleren Osten besei-
tigen, Sewastopol erobern, den Kaukasus von Rußland losreißen,
die russische Flotte vernichten und so die militärische Macht
Rußlands schwächen wollten, durchaus nicht an dem Sturz des Za-
rismus als konterrevolutionäre Kraft interessiert waren. Die
Westmächte waren keineswegs bestrebt, das reaktionäre, auf die
Unterdrückung der revolutionären und nationalen Befreiungsbewe-
gungen gerichtete politische System in Europa zu erschüttern, für
das schon der Wiener Kongreß von 1815 den Grundstein gelegt
#XI# Vorwort
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hatte und dessen eine Säule der russische Zarismus war. Im Gegen-
teil, die Pläne der regierenden Kreise der Westmächte sahen die
Festigung dieses Systems vor. Der Krimkrieg, so betonte Marx bei
der Bloßstellung der konterrevolutionären Pläne der herrschenden
Cliquen Frankreichs und Englands, wurde "nicht mit dem Ziel un-
ternommen, den Wiener Vertrag aufzuheben; er wird vielmehr ge-
führt, ihn durch die zusätzliche Einbeziehung der Türkei in das
Protokoll von 1815 zu konsolidieren. Davon erhofft man, daß das
konservative Tausendjährige Reich anbrechen und die vereinigte
Anstrengung der Regierungen es erlauben wird, sich ausschließlich
der 'Beruhigung' der europäischen Meinung zu widmen" (siehe vorl.
Band, S. 306).
In den Artikeln "Aus dem Parlamente - Debatte über Disraelis An-
trag", "Napoleons Kriegspläne", "Zur Debatte über Layards Antrag
- Der Krieg in der Krim", "Der lokale Krieg - Debatte der Admini-
strativreform - Bericht des Roebuck-Komitees" und in anderen füh-
ren Marx und Engels den Nachweis, daß die herrschenden Kreise
Englands und Frankreichs das Hinüberwachsen des orientalischen
Konflikts in einen allgemeinen revolutionären Brand auf dem Kon-
tinent befürchteten, und dieser Umstand beeinflußte in entschei-
dender Weise die Diplomatie, die militärischen Pläne und die Me-
thoden der Kriegführung. Marx und Engels hoben hervor, daß die
herrschenden Kreise der Westmächte chauvinistische Stimmungen in
Frankreich und England schürten und zugleich ihre Anstrengungen
darauf richteten, den Krieg zu lokalisieren, nicht zuzulassen,
daß er zu einem Krieg der europäischen Völker gegen den Zarismus
und die anderen konterrevolutionären Kräfte würde. Marx und En-
gels kritisierten scharf den von der Regierung Frankreichs aufge-
stellten und von der englischen Regierung unterstützten Plan ei-
nes "lokalen Krieges um lokale Ziele". Dabei zeigten sie, wie
dieser Plan die Furcht der bonapartistischen Clique und der eng-
lischen Oligarchie vor den revolutionären Folgen eines gesamteu-
ropäischen Krieges gegen das zaristische Rußland zum Ausdruck
brachte und daß er von konterrevolutionären, dynastischen und
ähnlichen Überlegungen der herrschenden Oberschicht Frankreichs
und Englands diktiert war. Ohne die Entlarvung der Politik der
herrschenden Klassen dieser Länder, ohne den entschiedenen Kampf
gegen diese Politik, betonten Marx und Engels, war es unmöglich,
zu erreichen, daß sich der Charakter des Krieges grundlegend än-
derte, daß er sich in einen Krieg für die demokratische Umgestal-
tung Europas verwandelte. Die Lösung dieser Aufgabe verbanden
Marx und Engels vor allem mit der Aktivierung der proletarischen
und revolutionär-demokratischen Kräfte. Marx schreibt, daß an
Stelle der konterrevolutionären Regierungen
#XII# Vorwort
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Englands und Frankreichs "andere Mächte auf den Schauplatz treten
müssen" (siehe vorl. Band, S. 311).
In einer Reihe von Artikeln zeigt Marx die geringe Festigkeit der
gegen Rußland kriegführenden westeuropäischen Koalition und die
Widersprüche zwischen den Alliierten, die sich im Verlaufe des
Krieges ständig bemerkbar machten. In den Arbeiten über die eng-
lisch-französische Allianz deckt er die historischen Wurzeln der
ökonomischen und politischen Konkurrenz der herrschenden Klassen
Englands und Frankreichs auf, die immer wieder neue Konflikte
zwischen ihnen erzeugte.
Marx sah das Zusammenfallen eines neuen revolutionären Auf-
schwungs mit der nahenden Wirtschaftskrise, die alle Widersprüche
verschärfen und den Klassenkampf verstärken mußte, und richtete
deshalb sein besonderes Augenmerk auf das kapitalistische Eng-
land, wo die Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat da-
mals am weitesten entwickelt waren.
In zahlreichen Artikeln behandelt Marx die wirtschaftliche und
politische Lage Englands, die Innen- und Außenpolitik der herr-
schenden Klassen und regierenden politischen Parteien und ent-
hüllt das volksfeindliche Wesen dieser Politik. Er verfolgt die
Außenpolitik Englands über mehrere Jahrhunderte und legt in den
Artikeln "Traditionelle englische Politik", "Lord Palmerston",
"Eine neue Enthüllung in England", "Polenmeeting" sowie in der
Arbeit "Der Fall von Kars" und in verschiedenen anderen Artikeln
dar, daß sich die Politik und die Diplomatie der herrschenden
Klassen Englands ständig durch Verräterei, Heuchelei und Einmi-
schung unter allerlei falschen Vorwänden in innere Angelegenhei-
ten anderer Länder auszeichnete, daß England in vielen Konflik-
ten, besonders im Nahen und Mittleren Osten, eine provokatorische
Rolle spielte. Marx entlarvt an dem Verhalten Palmerstons, Rus-
sells und anderer Staatsmänner gegenüber Polen, Irland, Ungarn
und Italien den konterrevolutionären Charakter der englischen Po-
litik und zeigt, wie die herrschenden Klassen Englands die natio-
nalen Befreiungsbewegungen haßten, diesen Haß aber gewöhnlich mit
heuchlerischen Phrasen der Sympathie für die gegen den Despotis-
mus kämpfenden Völker tarnten.
In den Artikeln "Finanzielles", "Der kommerzielle und finanzielle
Zustand" , "Die Krise in England" und in anderen erörtert Marx
die ökonomische Lage Englands und gibt eine Charakteristik des
Zustandes der industriellen Produktion, des Innen- und Außenhan-
dels, der Marktpreise und der Währungskurse. Er verfolgt an Hand
konkreter Beispiele das Wirken der von ihm entdeckten ökonomi-
schen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus, untersucht die Entwick-
lung des Zyklus der kapitalistischen Produktion in jener Periode
und stellt fest, daß sich die kapitalistische Wirtschaft diskon-
tinuierlich entwickelt.
#XIII# Vorwort
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Marx gelangt zu dem Schluß, daß die Periode der ökonomischen Pro-
sperität, die nach der Revolution von 1848/49 eingetreten war, in
einer Reihe von Industrie- und Handelszweigen Englands, vor allem
in der Textilindustrie, von einer Periode des Stillstands abge-
löst wurde. Den Ende 1853 und Anfang 1854 zutage getretenen wirt-
schaftlichen Rückgang stellt Marx auch für das Jahr 1855 fest.
Dieser Rückgang äußerte sich, wie er in seinen Arbeiten zeigt, in
der Einschränkung der Produktion einer Reihe von Industriewaren,
in zunehmender Arbeitslosigkeit, im Übergang vieler Betriebe zur
verkürzten Arbeitswoche, im Bankrott großer Handelsfirmen. Marx
sagt voraus, daß England in naher Zukunft eine schwierigere Wirt-
schaftskrise durchzumachen haben würde als die vorher erlebten;
die Krise würde sich dadurch Verschärfen, daß die englische Wirt-
schaft vom Weltmarkt abhängig geworden ist. Die Voraussage von
Marx bestätigte sich, als 1857 eine neue Wirtschaftskrise aus-
brach, die zum erstenmal in der Geschichte die ganze Welt er-
faßte.
Bei der Untersuchung der ökonomischen Lage Englands kritisiert
Marx in seinen Artikeln scharf den englischen bürgerlichen Libe-
ralismus in Gestalt der "Freihandelsapostel", die die Illusionen
verbreiteten, die Wirtschaftskrisen würden mit der Einführung des
Prinzips des Freihandels verschwinden. Marx zeigt, wie sich diese
Illusionen zerschlagen, und daß die Behauptungen der Anhänger des
Freihandels und anderer bürgerlicher Ökonomen, der Kapitalismus
könne sich krisenfrei entwickeln, jeglicher Grundlage entbehren.
Er kennzeichnet die Freihandels-Bourgeoisie und ihre Ideologen
Cobden, Bright und die anderen Vertreter der sogenannten Manche-
sterschule als die Apologeten des Kapitalismus, als die schlimm-
sten Feinde der Arbeiterklasse. Marx reißt ihnen die Maske herun-
ter, "Verfechter der Freiheit", "Verteidiger" der Interessen der
Volksmassen gegenüber der Aristokratie zu sein. Die Vertreter des
Freihandelssystems, schreibt er, sind einerseits gegen die Einmi-
schung des Staates in das Wirtschaftsleben, betteln aber-anderer-
seits um die Intervention des Parlaments und der Regierung jedes-
mal, wenn die Bewegung der Klasse der Lohnarbeiter die Ausbeuter-
ordnung zu bedrohen beginnt. Marx geißelt sie in seinen Artikeln
wegen ihrer Angriffe auf die Einrichtung der Fabrikinspektoren,
wegen ihrer Versuche, die Gesetze über die Beschränkung der Ar-
beitszeit der Frauen und Kinder abzuschaffen.
Bei der Entlarvung der Freihandelsmänner mit ihren verlogenen
Behauptungen vom "Wohlergehen" der Werktätigen Englands zeichnet
Marx an Hand der Berichte der Fabrikinspektoren ein erschüttern-
des Bild von der Ausbeutung der englischen Arbeitermassen, beson-
ders der Frauen und Halbwüchsigen. Er zeigt die schweren Arbeits-
bedingungen in den kapitalistischen Fabriken und stellt den fast
völligen Mangel an Arbeitsschutz fest, wodurch
#XIV# Vorwort
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Gesundheit und Leben der Arbeiter ständig bedroht sind. "Das
Industriebulletin der Fabrikinspektoren", schreibt Marx, "ist
furchtbarer, entsetzlicher als irgendeins der Schlachtbulletins
von der Krim. Weiber und Kinder stellen ein regelmäßiges und be-
deutendes Kontingent zur Liste der Verwundeten und Getöten"
(siehe vorl. Band, S. 378).
Die Artikel von Marx verurteilen scharf die Haltung der Führer
der Manchesterschule zum Krimkrieg. Sie zeigen den wahren Sinn
der Reden von Cobden und Bright zur "Verteidigung des Friedens"
und ihrer Losung - Frieden zu jedem Preis ". "Die Manchester-
schule will in der Tat den Frieden", betont Marx, "um industriell
Krieg führen zu können, nach außen und nach innen" (siehe vorl.
Band, S. 283). Die pseudofriedfertigen Phrasen der Anhänger des
Freihandels tarnen die Eroberungsbestrebungen der englischen
Bourgeoisie, ihren Kampf für die Herrschaft auf dem Weltmarkt.
Die Artikel "Die letzte britische Regierung", "Das gestürzte Mi-
nisterium", "Zur Ministerkrise", "Zwei Krisen", "Die britische
Konstitution", "Palmerston und die englische Oligarchie" vermit-
teln eine allseitige Charakteristik der politischen Ordnung Eng-
lands. "Die britische Konstitution", schreibt Marx und legt damit
den volksfeindlichen Charakter des Regimes der bürgerlich-aristo-
kratischen Oligarchie dar, "ist in der Tat nur ein verjährtes,
überlebtes, veraltetes Kompromiß zwischen der n i c h t o f-
f i z i e l l, aber faktisch in allen entscheidenden Sphären der
bürgerlichen Gesellschaft h e r r s c h e n d e n Bourgeoisie
und der o f f i z i e l l r e g i e r e n d e n Grundaristo-
kratie" (siehe vorl. Band, S. 95). Marx betont, daß eines der
Haupthindernisse auf dem Wege der fortschrittlichen Entwicklung
des Landes und eine der Säulen des oligarchischen Regimes die
Tatsache war, daß die Aristokratie das Monopol der wichtigsten
Staatsämter in ihren Händen behielt und dadurch auf die Außen-
und Innenpolitik Englands den entscheidenden Einfluß ausüben
konnte. Das oligarchische politische System, stellt Marx in
vielen seiner Artikel fest, drückte dem politischen Gesamtleben
des offiziellen Englands seinen Stempel auf, fand seinen Nie-
derschlag in der Tätigkeit des Parlaments, in der Zusammensetzung
und in der Politik der Regierungen, in der Organisation der
staatlichen und militärischen Verwaltung, in der Stellung der
wichtigsten politischen Parteien. Bei der Charakterisierung der
Tätigkeit der englischen Regierungen - des Koalitionskabinetts
Aberdeens und des Whig-Kabinetts Palmerstons, das im Februar 1855
jenes ablöste - weist Marx darauf hin, daß sich in ihrer Tätig-
keit sämtliche Fehler des oligarchischen Regimes verkörpern und
diese Regierungen den Zweck verfolgen, sämtliche fortschrittli-
chen Umgestaltungen, die das politische Monopol der Oberschicht
der englischen herrschenden Klassen bedrohen, mit allen Mitteln
zu hemmen.
#XV# Vorwort
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Die Artikel "Erläuterungen zur Kabinettskrisis", "Die Parteien
und Cliquen", "'Morning Post' gegen Preußen - Charakter der Wighs
und Tories" und andere ergänzen wesentlich die von Marx in frühe-
ren Jahren gegebene klassische Charakteristik der englischen of-
fiziellen Parteien, des traditionellen Zweiparteiensystems, das
in der abwechselnden Übergabe der Macht bald an die konservativen
Tories, bald an die liberalen Whigs bestand. Marx betont den
starren Konservatismus der Tories, die eifrige Verfechter "aller
altenglischen Vorurteile mit Bezug auf Kirche und Staat, Protek-
tion und Antikatholizismus" waren (siehe vorl. Band, S. 218).
Zugleich entlarvt er den vorgetäuschten Liberalismus der Whigs -
dieser aristokratischen Vertreter der Bourgeoisie, die ebenso wie
die Tories die Festigung des oligarchischen Regimes erstrebten,
dabei aber eine größere Elastizität und Anpassungsfähigkeit an
den Tag legten. Die Whigs, schreibt Marx, "haben nie angestanden,
Vorurteile abzustreifen, die ihrer Erbpacht der Staatsstellen im
Wege standen", sie wechselten "ihre Röcke und ihre Ansichten mit
den Zeitumständen" (siehe vorl. Band, S, 218/219).
Der Enthüllung der Politik der Whigs dient auch das Pamphlet
"Lord John Russell", das sich gegen einen typischen Vertreter
dieser, wie Marx sagt, "Partei der Karrieristen" richtete, gegen
einen namhaften Staatsmann, der wiederholt führende Regierungsäm-
ter bekleidete. In diesem Pamphlet sowie in anderen Artikeln
zeigt Marx, daß der Kampf der Tories und der Whigs nichts anderes
als eine Zänkerei zwischen den beiden Fraktionen der herrschenden
Klasse war, daß die Unterschiede in der Politik beider Parteien
in dem Maße immer mehr verschwanden, wie sich die verschiedenen
Fraktionen der Ausbeuter zusammenschlössen infolge der Verschär-
fung des Klassenkampfes Zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Die
heftigen Angriffe auf die Regierung von seiten der einen oder an-
deren gerade in der Opposition stehenden Partei dienten lediglich
dazu, die konkurrierende Partei von der Macht zu verdrängen. Marx
zeigt den Mechanismus des englischen Zweiparteiensystems auf und
bemerkt, daß die eine oder die andere Partei, zur Macht gekommen,
den politischen Kurs ihrer Vorgängerin fortsetzte. Beide Parteien
strengten sich in gleicher Weise an, das Monopol der Staatsmacht
in den Händen der bürgerlich-aristokratischen Oberschicht zu er-
halten.
Marx unterstreicht in seinen Artikeln die tiefen Gegensätze im
oligarchischen Regime Englands, den Widerspruch zwischen dem ver-
alteten politischen System und der ökonomischen Entwicklung des
Landes, die Entartung der traditionellen parlamentarischen Par-
teien. "Die alten mit dem Regierungsmonopol betrauten parlamenta-
rischen Parteien", schreibt Marx, "existieren nur noch in der
Form von Koterien" (siehe vorl. Band, S. 45) Die Artikel
#XVI# Vorwort
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von Marx über das politische Regime Englands werfen ein helles
Licht auf den Prozeß der Auflösung der alten aristokratischen
Parteien und ihrer Verwandlung in eine konservative und eine li-
berale Partei der englischen Bourgeoisie, ein Prozeß, der in der
Mitte des 19. Jahrhunderts in England vor sich ging und den wach-
senden Einfluß der Kapitalistenklasse, die Festigung ihrer Posi-
tionen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens widerspiegelte.
In seinen Artikeln über England schenkt Marx der englischen
Arbeiterklasse besonders große Aufmerksamkeit. In den Artikeln
"Ein Meeting", "Zur Geschichte der Agitationen", "Die Aufregung
außerhalb des Parlaments", "Zur Reformbewegung", "Die Administra-
tivreform-Assoziation - Die Charte", "Kirchliche Agitation - Eine
Demonstration im Hyde Park", "Konflikte zwischen Polizei und Volk
- Über die Ereignisse auf der Krim" und in vielen anderen erör-
tert Marx die damals wichtigsten Probleme der englischen Arbei-
terbewegung. Er stellt in seinen Artikeln eine gewisse Belebung
der politischen Aktivität des englischen Proletariats fest. Wenn
er von dem gleichzeitig stärker werdenden Bestreben der Vertreter
der bürgerlichen Opposition, einschließlich der oppositionellen
Handels- und Finanzkreise der City, spricht, die englische Arbei-
terklasse ihrem Einfluß zu unterwerfen, unterstreicht Marx stets
die Bedeutung des Widerstandes, mit dem die Chartisten solchen
Versuchen begegneten. In Artikeln von Marx werden die auf Massen-
kundgebungen gehaltenen Reden von Ernest Jones und der anderen
Führer der Chartisten wiedergegeben, die das gemäßigte und inkon-
sequente Auftreten der bürgerlichen Opposition gegen die Oligar-
chie, ihre Furcht vor der Arbeiterbewegung, ihre Bereitschaft zu
Kompromissen mit der Aristokratie hervorhoben und die Versuche
der Führer der Bourgeoisie, die Arbeiterbewegung für ihre
egoistischen Interessen auszunutzen, bloßstellten. Im Gegensatz
zu der gemäßigten bürgerlichen Forderung nach einer Administra-
tivreform, wonach den Vertretern der Bourgeoisie der Zugang zu
den Staatsposten erweitert werden sollte, forderten die Charti-
sten eine umfassende demokratische Wahlreform auf der Grundlage
der sechs Punkte der Volks-Charte. Marx rechnet den Chartisten
ihre Bemühungen hoch an, die Arbeiterklasse von dem Einfluß der
Bourgeoisie zu befreien, ihre selbständigen Positionen zu vertei-
digen und ihre führende Rolle im Kampf für die Demokratisierung
der politischen Ordnung Englands zu sichern.
Von großem Interesse ist der inhaltsreiche Artikel von Marx "Die
Administrativreform-Assoziation - Die Charte". Marx zeigt darin
die historische Bedeutung des politischen Programms der Charti-
sten, in dessen Mittelpunkt die Forderung des allgemeinen Wahl-
rechts stand. Marx hebt hervor, daß die Verwirklichung dieses
Programms in dem England der 50er Jahre der Arbeiterklasse
#XVII# Vorwort
-----
den Weg zur Besitzergreifung der Staatsmacht und zu ihrer Ausnut-
zung für sozialistische Umgestaltungen hätte eröffnen können. "Es
ist die C h a r t e der Volksklassen", schreibt Marx, "und be-
deutet Aneignung der politischen Macht als Mittel zur Verwirkli-
chung ihrer sozialen Bedürfnisse" (siehe vorl. Band, S. 269).
Dieser Artikel zeugt davon, daß Marx und Engels stets forderten,
konkret und historisch an die Aufstellung politischer Losungen
heranzugehen, auch an die Losung des allgemeinen Wahlrechts, de-
ren Inhalt und Bedeutung, wie sie lehrten, sich in Abhängigkeit
von den historischen Bedingungen ändert. Wenn in Frankreich und
überhaupt auf dem Kontinent der Inhalt der Losung des allgemeinen
Wahlrechts nicht über den Rahmen der bürgerlich-demokratischen
Forderungen hinausging, so nahm unter den englischen Bedingungen
diese Forderung neben anderen Punkten des Chartistenprogramms
einen anderen Charakter an. Marx und Engels, die in der gewaltsa-
men Revolution das einzig mögliche Mittel zur Errichtung der Dik-
tatur des Proletariats in den Ländern des Kontinents sahen, mach-
ten unter den damaligen Verhältnissen für England eine Ausnahme.
Sie berücksichtigten solche Besonderheiten Englands im Gegensatz
zu Frankreich und den anderen Ländern des Kontinents, wie das
Fehlen eines entfalteten militärisch-bürokratischen Staatsappa-
rats, sowie den Umstand, daß das Proletariat die Mehrheit der
englischen Bevölkerung ausmachte. Infolgedessen sahen Marx und
Engels für die englische Arbeiterklasse die Möglichkeit, auf
friedlichem Wege die politische Macht zu erobern durch die Ein-
führung des allgemeinen Wahlrechts, durch eine radikale Umgestal-
tung des parlamentarischen Systems und durch eine vollständige
Demokratisierung der gesamten politischen Ordnung in England. Von
dieser Perspektive ausgehend bewerteten Marx und Engels die char-
tistische Losung des allgemeinen Wahlrechts, wobei sie jedoch die
Möglichkeit anderer, nicht friedlicher Wege des Kampfes des eng-
lischen Proletariats um die Macht in Betracht zogen. Die Hauptbe-
dingung für den Sieg des englischen Proletariats sahen Marx und
Engels in der Hebung seines politischen Bewußtseins, in der Bil-
dung einer proletarischen Massenpartei.
Aber die Hoffnungen von Marx und Engels, daß' der Kampf für die
Wiederbelebung der Chartistenbewegung zur Lösung dieser Aufgabe
führen würde, gingen nicht in Erfüllung. Der Versuch der Charti-
sten, in den 50er Jahren eine Massenbewegung für die Charte ins
Leben zu rufen, mißglückte. Die Chartistenbewegung selbst trat
bald endgültig vom Schauplatz. Die Ursache dafür war die Verstär-
kung der opportunistischen Tendenzen unter den englischen Arbei-
tern infolge der Monopolstellung Englands auf dem Weltmarkt und
der Bestechung der Oberschicht des englischen Proletariats - der
#XVIII# Vorwort
-----
"Arbeiteraristokratie" - mit Hilfe der ungeheuren Extraprofite,
die der Bourgeoisie aus den Kolonien zuflossen.
Eine größere Anzahl von Artikeln beleuchtet die Innen- und Außen-
politik Frankreichs zur Zeit des Krimkrieges. In den Arbeiten
"Das Schicksal des großen Abenteurers", "Napoleons Kriegspläne",
"Der lokale Krieg - Debatte der Administrativreform - Bericht des
Roebuck-Komitees usw." sowie in dem Artikel "Napoleons letzter
Schwindel" und in anderen enthüllen Marx und Engels die wahren
Kriegsziele des bonapartistischen Frankreichs. Engels betont, daß
dieses bonapartistische Frankreich einer der Hauptinitiatoren
war, die den Krimkrieg entfesselten; er enthüllt die Pläne Napo-
leons III. und hebt hervor, daß Kriegsabenteuer nicht von der bo-
napartistischen Politik zu trennen seien, daß Eroberungen und Ag-
gressionen zu den Prinzipien gehören, auf denen die politische
Herrschaft der bonapartistischen Clique und selbst die Erhaltung
der Dynastie Bonapartes an der Macht beruhen. "Für Louis Bona-
parte", schreibt Engels, "ist die Unmöglichkeit, Sewastopol zu
nehmen, der Verlust Frankreichs" (siehe vorl. Band, S. 149). Marx
und Engels entlarven das bonapartistische Regime als ein Regime
der Militär- und Polizeidiktatur der konterrevolutionären Bour-
geoisie und geben in ihren Artikeln eine geißelnde Charakteristik
der Spitzen des bonapartistischen Frankreichs: des Kaisers Napo-
leon III., eines unverfrorenen Usurpators und Abenteurers, und
seiner nächsten Spießgesellen - des Marschalls Saint-Arnaud, der
Generale Espinasse, Forey, Canrobert und der anderen korrupten
und habgierigen Karrieristen, die sich auf den Schlachtfeldern
durch Stüm-perhaftigkeit und bei der Unterdrückung der revolutio-
nären Bewegung durch bestialische Grausamkeit auszeichneten.
Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten Marx und Engels die
innenpolitische Lage in Frankreich. In den Artikeln "Die Berichte
der Generale Simpson, Pélissier und Niel - Mitteilungen aus
Frankreich", "Die französische Bank - Verstärkungen nach der Krim
- Die neuen Feldmarschalle", "Der anglo-amerikanische Konflikt -
Vorgänge in Frankreich" berichten sie von einer Verschärfung der
politischen Lage im Lande unter dem Einfluß der zunehmenden Teue-
rung und anderer ökonomischer Schwierigkeiten und des großen Aus-
maßes des Spekulationsfiebers usw. Die Anzeichen der Unzu-
friedenheit der Volksmassen, Erscheinungen revolutionärer Stim-
mungen in der Arbeiterklasse, unter den Studenten, einem gewissen
Teil der Bourgeoisie und sogar in der Armee, die bis dahin eine
Stütze des bonapartistischen Regimes war - all das zeugte von der
fehlenden Festigkeit des Zweiten Kaiserreichs, war ein Beweis da-
für, daß, wie Marx schreibt, "die Epoche des Bonapartismus ihren
Höhepunkt überschritten hat" (siehe vorl. Band, S. 593).
#XIX# Vorwort
-----
Ein glänzendes Pamphlet gegen den Bonapartismus ist der Artikel
"Das Frankreich Bonapartes des Kleinen", den Marx in "The Peo-
ple's Paper" veröffentlichte. Dieser Artikel ist ein hervorragen-
des Musterbeispiel der kämpferischen revolutionären Publizistik
von Marx. Darin wird das volksfeindliche Wesen des Zweiten Kai-
serreichs treffend und anschaulich bloßgestellt. Marx zeigte den
Lesern der englischen Arbeiterzeitung den großen Gegensatz zwi-
schen dem offiziellen bonapartistischen Frankreich, das die na-
tionalen Reichtümer des Landes räuberisch verpraßte, und dem
Frankreich der Volksmassen, denen die Herrschaft der bonaparti-
stischen Clique nur Not und Elend, Verfolgungen durch die Polizei
und blutige Repressalien gebracht hatte. Im Schöße dieses
Frankreichs des Volkes, so betont Marx, reife die revolutionäre
Gärung gegen das Regime Louis Bonapartes, zeigen sich Symptome,
die den "Untergang des Kaiserreichs des Wechselwuchers" verkünden
(siehe vorl. Band, S. 599).
In den Artikeln dieser Periode wird von Marx und Engels die Dar-
stellung der Haltung Österreichs im Krimkrieg fortgesetzt. Marx
und Engels, die die Maßnahmen der österreichischen Regierung im
Verlaufe des Krieges, den um die Frage der Stellung Österreichs
entbrannten Kampf zwischen der englisch-französischen und der
russischen Diplomatie verfolgten und auch die Lage im Innern der
österreichischen Monarchie untersuchten, enthüllten die Ursachen
der schwankenden Politik der Habsburger-Monarchie zur Zeit der
orientalischen Krise. Als ein Staat, der aus vielen Nationen
zusammengesetzt war und der auf der Unterdrückung der ihm angehö-
rigen Völker und auf der Schürung der nationalen Zwietracht zwi-
schen ihnen basierte, barg die reaktionäre österreichische Monar-
chie, wie Marx und Engels bemerken, viel Zündstoff in sich. Die
österreichische herrschende Clique fürchtete die Revolution und
brauchte deshalb den Zarismus als Stütze für den Fall eines neuen
Ausbruchs revolutionärer Unruhen. Österreich verfolgte aber
zugleich Eroberungsziele auf dem Balkan, erhob Anspruch auf die
türkischen Besitzungen in Europa, war also an einer Schwächung
Rußlands" interessiert; es konzentrierte deshalb starke Armee-
Einheiten an der Donau, schloß einen Vertrag mit den Westmächten,
verhandelte mit ihnen über eine Finanzhilfe. Zerrissen von wider-
sprüchlichen Tendenzen, bezog Österreich gegenüber Rußland eine
feindliche Stellung, wagte es jedoch bis zum Ende des Krieges
nicht, offen gegen Rußland aufzutreten. Eine wichtige Rolle bei
diesen Schwankungen der österreichischen Regierung, so bemerken
Marx und Engels, spielte ihre Befürchtung, daß sich im Falle ej-
ner Kriegserklärung an Rußland unter den von der Habsburger-Mon-
archie unterdrückten slawischen Völkern eine Befreiungsbewegung
entfalten könnte.
#XX# Vorwort
-----
In Verbindung mit der Untersuchung der Stellung Österreichs be-
handelt Marx auch die Politik Preußens. Er ist der Ansicht, daß
die von den preußischen herrschenden Kreisen verkündete Neutrali-
tät ebenfalls diktiert war von der Furcht vor revolutionären Fol-
gen einer Verlagerung der Kriegshandlungen gegen das zaristische
Rußland nach Mitteleuropa. Der Eintritt Preußens in den Krieg
hätte den Anstoß zur Entfaltung des Kampfes für die nationale
Vereinigung Deutschlands auf revolutionär-demokratischem Wege ge-
ben können, was die preußische und die österreichische Monarchie
in ihrer Existenz selbst bedroht hätte. In dem Artikel "Preußen
im Jahre 1856" vermerkt Marx bei der Charakterisierung der ökono-
mischen und politischen Lage des Landes das schnelle Anwachsen
der Industrie und des Handels und die damit verbundene unerhörte
Bereicherung der besitzenden Klassen Preußens - der Gutsbesitzer
und der Bourgeoisie. In bezug auf letztere betont Marx noch ein-
mal den von ihm und Engels schon 1848/49 ausgesprochenen Gedanken
von der Unfähigkeit der deutschen Bourgeoisie, im Kampf für die
Lösung der Aufgaben der bürgerlichen Revolution die führende
Rolle zu übernehmen. Marx stellt das reaktionäre Wesen der poli-
tischen Ordnung der preußischen Monarchie bloß, deren Wesenszug
Allmacht der Bürokratie, Mangel an jeglichen demokratischen Frei-
heiten, Rechtlosigkeit der Mehrzahl der Bevölkerung war. Marx be-
schreibt die schwere Lage der preußischen Bauernschaft, die "nach
wie vor sowohl in administrativer wie auch in rechtlicher Bezie-
hung unter dem direkten Joch des Adels" steht (siehe vorl. Band,
S. 640).
Einen beträchtlichen Platz im Band nehmen die Artikel ein, in
denen Engels den Verlauf der Kriegshandlungen auf der Krim und im
Kaukasus, das Kräfteverhältnis der kriegführenden Parteien sowie
die einzelnen Kampfhandlungen untersucht. Diese militärischen
Übersichten sind von großem Interesse für die Wissenschaft der
Kriegsgeschichte. Sie erlauben, die wichtigsten Etappen des Krim-
krieges zu verfolgen, enthalten wertvolle Schlußfolgerungen und
Leitsätze zur Geschichte der Kriegskunst, zu Fragen der militäri-
schen Strategie und Taktik, verallgemeinern die Erfahrungen der
damaligen Kriege auf der Grundlage des historischen Mate-
rialismus.
In einer Reihe von Artikeln kritisiert Engels die englisch-fran-
zösische Truppenführung, ihre Strategie und die operative Leitung
der Kriegshandlungen durch die Vertreter der Westmächte. Engels
verweist auf die Fehlschlüsse und Fehlschläge der Truppenführung
der Alliierten, auf das Fehlen umfassender strategischer Pläne
und von Initiative, auf die von ihnen an den Tag gelegte Mittel-
mäßigkeit und auf die Folgen der Routine und schreibt, daß
#XXI# Vorwort
-----
die Methoden der englischen und französischen Kriegführung, die
sich durch viele Fehler auszeichnen, völlig den egoistischen,
volksfeindlichen Zielen entsprachen , die die herrschenden Cli-
quen dieser Länder im Kriege verfolgten. In den Artikeln "Der
Kampf auf der Krim", "Das Untersuchungskomitee und seine Arbeit",
"Die britische Armee", "Züchtigung der Soldaten" und in anderen
zeigen Marx und Engels den Konservatismus des englischen Militär-
systems und in der Organisation der englischen Armee, das nied-
rige Niveau der theoretischen und militärischen Ausbildung der
englischen Offiziere, die Talentlosigkeit der Heeresleitung und
der Leiter der Intendantur, die es trotz relativ günstiger Bedin-
gungen nicht fertigbrachten, die englische Armee zu bewaffnen und
auszurüsten. Eine Charakteristik der konterrevolutionären Zu-
stände, die von den bonapartistischen Kreisen in der französi-
schen Armee hergestellt worden waren, sowie der Mittelmäßigkeit
einer Reihe von Militärs des Zweiten Kaiserreichs ist in den
obenerwähnten Artikeln von Marx und Engels zur Entlarvung des Bo-
napartismus enthalten.
Die überwiegende Mehrzahl der militärischen Übersichten von En-
gels behandelt die Belagerung und die Verteidigung Sewastopols.
Die heldenhafte elfmonatige Epopöe der Verteidigung dieser Stadt
durch russische Truppen, die die Blicke der ganzen Welt auf sich
zog, stand natürlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Marx
und Engels. Engels faßte die Belagerung und die Verteidigung Se-
wastopols als eine neue Etappe des Krimfeldzugs auf und unter-
suchte eingehend die von den englischen und französischen Truppen
angewandten Methoden der Belagerung und der Verteidigung von
Sewastopol durch die Russen. In bezug auf die Erfahrungen der Se-
wastopoler Kampagne machte Engels wichtige Verallgemeinerungen
über die Bedeutung der Festungen im damaligen Krieg sowie über
das Zusammenwirken von Feldtruppen und Festungen.
In den Artikeln "Die Affäre vom 23.März", "Eine Schlacht bei
Sewastopol" und in anderen analysiert Engels die Belagerungsme-
thoden der Alliierten. Er schreibt: "Es ist unmöglich, seit der
Belagerung von Troja, in den Annalen des Kriegs eine Belagerung
aufzuweisen, so zusammenhanglos, ideenlos und ruhmlos wie die Be-
lagerung von Sewastopol" (siehe vorl. Band, S. 192). Im Bau von
Befestigungsanlagen, betont Engels, waren die Russen den Englän-
dern und Franzosen bei weitem überlegen. Engels schätzt die Orga-
nisation der Verteidigung von Sewastopol sowie die militärtechni-
sche Kunst der Verteidiger hoch ein und hebt den Heldenmut und
die Tapferkeit der Verteidiger der russischen Festung hervor. In
den Artikeln "Der Verlauf des Krieges", "Aus Sewastopol" und in
anderen stellt Engels den Alliierten das hohe Können der Militär-
ingenieure der Sewastopoler Garnison, darunter
#XXII# Vorwort
-----
des Chefs des Ingenieurwesens Todtleben, als Beispiel hin sowie
ihre Fähigkeit, sich in der jeweiligen Lage genau und rasch zu
orientieren, kundig die Feuerlinie anzuordnen und die Verteidi-
gungsarbeiten zu organisieren. Die Errichtung neuer Befestigungen
während der Verteidigung war, wie Engels schreibt, "ein Unterneh-
men sondergleichen, das kühnste und geschickteste, das je eine
belagerte Garnison unternommen hat" (siehe vorl. Band, S. 171).
Engels hebt die von den Russen angewandte Anordnung der Batterien
hervor, die die beste Ausnutzung der Vorteile des Geländes er-
laubte. Er weist darauf hin, daß ein wichtiges Mittel im allge-
meinen System der Verteidigung der Russen ihre erfolgreichen Aus-
fälle waren, bei denen sie "mit großer Meisterschaft, verbunden
mit ihrer üblichen Zähigkeit", handelten (siehe vorl. Band, S.
152/153). Zusammenfassend gelangt Engels zu dem Schluß, daß "die
ganze Führung dieser Verteidigung klassisch war" (siehe vorl.
Band S. 172).
Diese Urteile zeigen, daß Engels das Heldentum und die Kriegs-
kunst der Verteidiger von Sewastopol gebührend einschätzte, daß
er es verstand, bei der Kennzeichnung der Kriegsereignisse ein
objektives Kriterium zu finden, auch wenn er nur über eine ein-
seitige und oft ziemlich tendenziöse Information über den Verlauf
der Kriegsereignisse verfügte, denn die englischen und französi-
schen Meldungen konnte er damals oft nicht überprüfen. Später
verweist Engels nach gründlicherer und allseitiger Untersuchung
wiederholt auf die Erfahrungen der heldenhaften Verteidigung Se-
wastopols als ein hervorragendes Beispiel aktiver Verteidigung,
als Vorbild militärischer Meisterschaft und des Heldenmuts der
Verteidiger (siehe zum Beispiel Engels' Artikel über den nationa-
len Befreiungsauf stand 1857-1859 in Indien und seine Kriegsauf-
sätze aus den Jahren 1870/71).
Die von Engels damals durchgeführte Untersuchung der Entwicklung
des Militärwesens fand ihren Niederschlag in seiner verallgemei-
nernden Arbeit "Die Armeen Europas". In ihr sowie in den militä-
rischen Übersichten zeigt sich Engels als großer Militärfachmann,
als guter Kenner der Kriegsgeschichte und des Zustandes der dama-
ligen Streitkräfte. Diese Arbeit enthält eine ausführliche Cha-
rakteristik der Armeen der europäischen Staaten, zeigt die Beson-
derheiten jeder Armee in bezug auf Organisation, Mannschafts-
ergänzung, Ausbildungssystem und Kampfeigenschaften der Soldaten
und Offiziere. Engels zeigt in ihr die Bedeutung der nationalen
Besonderheiten und Traditionen in der Entwicklung jeder Armee und
hebt zugleich hervor, daß der allgemeine Fortschritt der Kriegs-
technik und die im Militärwesen eingeführten Vervollkommnungen
jede Armee veranlassen, die Erfahrungen aller übrigen zu berück-
sichtigen und auszunutzen. Engels kritisiert die für die
#XXIII# Vorwort
-----
kriegsgeschichtliche Literatur der herrschenden Klassen charakte-
ristischen idealistischen und nationalistischen Tendenzen, insbe-
sondere die verbreitete "Theorie" von der Unbesiegbarkeit der
einen oder anderen Armee in allen Zeiten. Durch die ganze Schrift
von Engels zieht sich die wichtige These des historischen Mate-
rialismus, daß der Zustand und die Kampffähigkeit der einen oder
anderen Armee vor allem durch das Niveau der ökonomischen Ent-
wicklung, durch die soziale und politische Ordnung des betreffen-
den Landes bestimmt wird - eine These, die später ausführlich im
"Anti-Dühring" entwickelt wird. Engels schreibt vor allem in be-
zug auf die preußische Armee, daß das fortschrittliche Prinzip
der Ergänzung und Ausbildung der Truppen durch eine kurze Dienst-
zeit der gesamten wehrfähigen Bevölkerung infolge der reaktio-
nären politischen Ordnung in Preußen nicht konsequent verwirk-
licht und dadurch entstellt wurde, weil "die Regierung eine
einsatzbereite und verläßliche Armee haben wollte, die notfalls
gegen Unruhen im Innern eingesetzt werden konnte" (siehe vorl.
Band, S. 441). Engels bemerkt, daß die nationale Unterdrückung
und die Entfachung der nationalen Zwietracht, die für das politi-
sche System der Habsburger-Monarchie bezeichnend waren, auch ih-
ren Niederschlag in der österreichischen Armee fanden, was sich
auf ihre Kampffähigkeit negativ auswirkte. Die rückständige
feudalistische Ordnung der Türkei, die Willkür und die Mißbräuche
der Paschas verhinderten, wie Engels in dem Abschnitt "Die türki-
sche Armee" zeigt, die Durchführung der notwendigen Militärrefor-
men. Den Einfluß feudalistischer Überreste stellt Engels auch in
den Armeen vieler europäischer Staaten fest.
Sowohl in dieser Arbeit wie auch in dem Artikel "Die russische
Armee" kennzeichnet Engels, bei der Beschreibung des Zustandes
der damaligen russischen Armee, die technische Rückständigkeit,
die veralteten Methoden der Ergänzung und Ausbildung der Truppen,
den verbreiteten "Kasernenhofdrill", die häufigen Veruntreuungen
usw. als das Ergebnis der Ökonomischen Zurückgebliebenheit des
zaristischen Rußlands, der herrschenden feudalen Leibeigen-
schaftsverhältnisse sowie des reaktionären politischen Regimes.
Zugleich hebt Engels die hohen Kampfeigenschaften der russischen
Soldaten hervor; er sagt: "Es hat sich immer als leichter erwie-
sen, die russischen Soldaten niederzuschießen, als sie zurückzu-
treiben" (siehe vorl. Band S. 453).
Man muß jedoch in Betracht ziehen, daß Engels bei der Charakteri-
sierung der Rückständigkeit der Armee des Rußlands der Leibeigen-
schaft in einzelnen Punkten etwas übertrieben hat. So widerspre-
chen den historischen Tatsachen die Behauptungen, daß die russi-
schen Soldaten angeblich stets passiv
#XXIV# Vorwort
-----
gewesen seien, die Ausländer in der russischen Armee eine beson-
dere Rolle gespielt hätten, die fähigen Leute in ihren Reihen
eine Ausnahme darstellten und daß bei gleichen Bedingungen die
Russen angeblich immer von ihren westeuropäischen Gegnern besiegt
wurden. Quelle dieser ungenauen Behauptungen, die Engels in sei-
nen späteren Schriften ("Po und Rhein" u.a.) bis zu einem gewis-
sen Grade richtigstellt, war die tendenziöse Behandlung der mili-
tärischen Vergangenheit Rußlands durch die westeuropäischen
Militärhistoriker, aus deren Schriften Engels in Ermangelung an-
derer Quellen das Tatsachenmaterial schöpfen mußte. Einen be-
stimmten Einfluß auf Engels' Ansichten über die russische Armee
hatte die politische Tendenz seiner Artikel, die sich gegen den
Zarismus als die damalige Hauptstütze der europäischen Reaktion
richteten.
Eine Reihe von Artikeln - "Der englisch-französische Krieg gegen
Rußland", "Der europäische Krieg" u.a. -, geschrieben von Marx
und Engels zu einer Zeit, als der Ausgang des Krieges im Grunde
schon feststand, enthalten einige Resultate des Krimkrieges. "Der
englisch-französische Krieg gegen Rußland wird unstreitig stets
in der Kriegsgeschichte als 'der u n b e g r e i f l i c h e
Krieg' figurieren. Großrederei, verbunden mit winzigster Aktion,
enorme Vorbereitungen und bedeutungslose Resultate... mehr als
Mittelmäßigkeit in den Generalen gepaart mit mehr als Tapferkeit
in den Truppen... ein großes Ensemble von Widersprüchen und In-
konsequenzen. Und dies zeichnet die Russen beinahe ebensosehr wie
ihre Feinde" (siehe vorl. Band, S. 493). Marx und Engels gelangen
zu dem Schluß, daß der Krimkrieg die Hoffnungen auf seine Ver-
wandlung in einen Krieg für demokratische und revolutionäre Prin-
zipien nicht erfüllt und nicht zu radikalen Umgestaltungen in Eu-
ropa und zum Sturz der reaktionären Regimes in den europäischen
Ländern geführt hat. Er hat auch nicht die Widersprüche zwischen
den europäischen Staaten in der orientalischen und anderen Fragen
gelöst. In der Arbeit "Der Fall von Kars" bewertet Marx die Pari-
ser Friedensverhandlungen zwischen den Kriegsteilnehmern als ima-
ginäre Verhandlungen und bezeichnet den Pariser Friedensvertrag
als einen ephemerischen Vertrag. Damit unterstreicht Marx, daß
der nach dem Krimkrieg abgeschlossene Pariser Frieden nicht nur
nicht die Lösung der strittigen Fragen bedeutete, sondern von
vornherein neue, noch größere Konflikte zwischen den europäischen
Mächten in sich barg.
Die Begründer des Marxismus stellen fest, daß der Krimkrieg die
soziale und politische Ordnung Europas zwar nicht grundlegend
verändert, wohl aber die innere Entwicklung einer Reihe von Län-
dern und auch die Entwicklung Rußlands beeinflußt hat. So sagt
Marx 1871, auf die Einschätzung des
#XXV# Vorwort
-----
Krimkrieges zurückkommend, in dem ersten Entwurf seiner Schrift
"Der Bürgerkrieg in Frankreich": "Obwohl Rußland mit der Vertei-
digung von Sewastopol seine Ehre gerettet und mit seinen diploma-
tischen Triumphen in Paris die Ausländer geblendet hat, befreite
seine Regierung nach der Niederlage auf der Krim, die im Lande
die Fäulnis seines sozialen und administrativen Systems bloß-
legte, die Leibeigenen und bildete sein ganzes Verwaltungsund Ge-
richtssystem um" (Marx-Engels-Archiv, Band III, (VIII), [Moskau]
1934, S. 280 [englisch]). Der von Marx festgestellte Zusammenhang
zwischen - Rußlands Niederlage im Krimkrieg und den Reformen, die
die zaristische Regierung von oben, von der Höhe des Thrones, wie
Marx sagte, durchführen mußte, um einer Revolution von unten zu
begegnen, wurde später von W.I. Lenin gründlich und allseitig
dargelegt; Lenin schrieb: "Der Krimkrieg hatte die Morschheit und
Ohnmacht des Rußlands der Leibeigenschaft gezeigt" (Werke, Band
17, S. 95, russ.).
1855 erschien eine ganze Reihe von Artikeln von Marx und Engels
gleichzeitig in der "Neuen Oder-Zeitung" und in der "New-York
Daily Tribune"; bei der Aufnahme dieser Artikel in den vorliegen-
den Band wurden jene Varianten vorgezogen, die sich durch eine
größere Vollständigkeit auszeichnen und in denen weniger Ein-
griffe durch die Zeitungsredaktionen festzustellen sind. In die-
sen Fällen wird in Anmerkungen auf die nicht aufgenommenen Vari-
anten hingewiesen. Einzelne abweichende Lesarten zwischen den
Varianten werden in Fußnoten wiedergegeben. In einigen Fällen
sind in dem vorliegenden Band beide Varianten der betreffenden
Artikel, soweit sie von selbständigem Interesse sind, aufgenommen
worden.
Wie Marx und Engels in ihren Briefen wiederholt feststellten,
ging die Redaktion der "New-York Daily Tribune" nach eigenem Gut-
dünken mit dem Wortlaut der Artikel um. Bei einer Reihe von Kor-
respondenzen, besonders bei den von Engels geschriebenen militä-
rischen Übersichten, wollte die Redaktion den Eindruck erwecken,
daß diese in New York geschrieben seien, und nahm dementspre-
chende Änderungen am Text vor; auf solche Eingriffe der Redaktion
der "New-York Daily Tribune" wird bei den entsprechenden Stellen
der Artikel in den Anmerkungen hingewiesen.
Beim Studium des in den Artikeln angeführten konkreten histori-
schen Materials ist zu beachten, daß Marx und Engels bei einer
beträchtlichen Zahl von Artikeln, die den Tagesereignissen gewid-
met waren, als Quelle hauptsächlich Informationen aus der bürger-
lichen Presse, aus der "Times", dem "Moniteur universel", dem
"Economist" und anderen Zeitungen und Zeitschriften benutzen
konnten. In der Regel nahmen sie von hier die Angaben über den
Verlauf der Kriegshandlungen, über die zahlenmäßige Stärke der
#XXVI# Vorwort
-----
kriegführenden Parteien, über den Zustand der Finanzen, des Han-
dels usw. In einzelnen Fällen weichen diese Angaben von den Fest-
stellungen späterer Untersuchungen ab.
Institut für Marxismus-Leninismus
beim ZK der KPdSU
---
Im zweiten Teil des obigen Vorwortes wurden ohne besondere Kenn-
zeichnung alle jene Hinweise weggelassen, die sich auf frühere
Veröffentlichungen der Artikel von Marx und Engels in russischer
Sprache beziehen.
Von den im vorliegenden Band enthaltenen 36 Artikeln aus der
"New-York Daily Tribune", "The Putnam's Monthly" und "The Peo-
ple's Paper" sowie von den 95 Artikeln aus der "Neuen Oder-Zei-
tung" werden 59 zum ersten Mal in deutscher Sprache gebracht bzw.
als Nachdruck wieder veröffentlicht.
Der Text des vorliegenden Bandes wurde nach Originalen oder
Photokopien überprüft. Bei jeder Arbeit ist die herangezogene
Quelle vermerkt. Bei der Übersetzung der in Englisch vorliegenden
Artikel wurden die in der "Neuen Oder-Zeitung" veröffentlichten
Varianten herangezogen, wobei in allen Fällen bei völliger in-
haltlicher Übereinstimmung beider Texte oder Textstellen stets
der Wortlaut der von Marx vorgenommenen Übersetzung für die "Neue
Oder-Zeitung" übernommen wurde. In anderen Fällen wurden vorhan-
dene Übersetzungen überprüft oder neu angefertigt.
Die Titel der Artikel entsprechen den Titeln, unter denen sie
veröffentlicht worden waren. Titel, die von der Redaktion erwei-
tert wurden, sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
Die von Marx und Engels angeführten Zitate wurden ebenfalls über-
prüft, soweit die Originale zur Verfügung standen. Längere Zitate
werden zur leichteren Übersicht in kleinerem Druck gebracht.
Fremdsprachige Zitate und fremdsprachige Wörter, die in den Arti-
keln der "Neuen Oder-Zeitung" vorkommen, sind in Fußnoten über-
setzt.
Rechtschreibung und Zeichensetzung sind, soweit vertretbar,
modernisiert. Der Lautstand der Wörter in den deutschsprachigen
Texten wurde nicht verändert. Alle in eckigen Klammern stehenden
Wörter und Wortteile stammen von der Redaktion; offensichtliche
Druck- oder Schreibfehler wurden stillschweigend korrigiert.
#XXVII# Vorwort
-----
Fußnoten von Marx und Engels sind durch Sternchen gekennzeichnet,
Fußnoten der Redaktion durch eine durchgehende Linie vom Text ab-
getrennt und durch Ziffern kenntlich gemacht.
Zur Erläuterung ist der Band mit Anmerkungen versehen, auf die im
Text durch hochgestellte Zahlen in eckigen Klammern hingewiesen
wird; außerdem sind ein Literaturverzeichnis, Daten über das Le-
ben und die Tätigkeit von Marx und Engels, ein Personenverzeich-
nis, ein Verzeichnis der literarischen und mythologischen Namen,
eine Liste der geographischen Namen sowie eine Erklärung der
Fremdwörter beigefügt.
Institut für Marxismus-Leninismus
beim ZK der SED
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