Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       #101#
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       KARL MARX
       
       Lohn, Preis und Profit [98]
       
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       Geschrieben Ende Mai bis 27. Juni 1865.
       Nach dem Manuskript des Vertrags.
       Aus dem Englischen.
       
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       [Einleitendes]
       Bürger!
       Bevor ich  auf unsern Gegenstand eingehe, erlaubt mir einige Vor-
       bemerkungen.
       Gegenwärtig herrscht  auf dem  Kontinent eine  wahre Epidemie von
       Streiks, und  allgemein wird  nach einer  Lohnsteigerung gerufen.
       Die Frage wird auf unserm Kongreß zur Sprache kommen. 1*) Ihr als
       Leiter der  Internationalen Assoziation  müßt einen festen Stand-
       punkt in  dieser überragenden  Frage haben.  Ich für  meinen Teil
       habe es daher für meine Pflicht gehalten, ausführlich auf die Sa-
       che einzugehn  - selbst  auf die Gefahr hin, eure Geduld auf eine
       harte Probe zu stellen.
       Eine Vorbemerkung noch mit Bezug auf Bürger Weston. Nicht nur hat
       er vor euch Anschauungen entwickelt, die, wie er weiß, in der Ar-
       beiterklasse äußerst  unpopulär sind;  er hat  diese Anschauungen
       auch öffentlich  vertreten, wie  er glaubt - im Interesse der Ar-
       beiterklasse. Eine  solche Bekundung  moralischen Muts müssen wir
       alle hochachten. Trotz des unverblümten Stils meiner Ausführungen
       wird er  hoffentlich am  Schluß derselben finden, daß ich mit dem
       übereinstimme, was  mir als  der eigentliche  Grundgedanke seiner
       Sätze erscheint, die ich jedoch in ihrer gegenwärtigen Form nicht
       umhin kann,  für theoretisch  falsch und  praktisch gefährlich zu
       halten.
       Ich komme nun ohne Umschweife zur Sache.
       
       1. [Produktion und Löhne]
       
       Bürger Westons  Beweisführung beruhte wesentlich auf zwei Voraus-
       setzungen:
       1. daß der  B e t r a g  d e r  n a t i o n a l e n  P r o d u k-
       t i o n  ein  u n v e r ä n d e r l i c h e s  D i n g  ist oder,
       wie die Mathematiker sagen würden, eine  k o n s t a n t e  Menge
       oder Größe;
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 509
       
       #104# Karl Marx
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       2. daß der   B e t r a g   d e s   R e a l l o h n s,   d.h.  des
       Lohns, gemessen  durch das Warenquantum, das mit ihm gekauft wer-
       den kann,  ein   u n v e r ä n d e r l i c h e r    Betrag,  eine
       k o n s t a n t e  Größe ist.
       Nun, das  Irrtümliche seiner ersten Behauptung springt in die Au-
       gen. Ihr  werdet finden,  daß Wert  und Masse  der Produktion von
       Jahr zu  Jahr zunehmen, daß die Produktivkraft der nationalen Ar-
       beit größer  wird und daß die zur Zirkulation dieser gesteigerten
       Produktion notwendige Geldmenge fortwährend wechselt. Was am Ende
       des Jahres  und für  verschiedne  miteinander  verglichene  Jahre
       gilt, das gilt auch für jeden Durchschnittstag im Jahr. Die Menge
       oder Größe  der nationalen  Produktion wechselt  fortwährend. Sie
       ist keine   k o n s t a n t e,   sondern  eine    v a r i a b l e
       Größe, und  ganz abgesehn von den Veränderungen des Bevölkerungs-
       standes kann  das nicht anders sein wegen des fortwährenden Wech-
       sels in der  A k k u m u l a t i o n  d e s  K a p i t a l s  und
       der  P r o d u k t i v k r a f t  d e r  A r b e i t.  Unleugbar,
       fände heute  eine   S t e i g e r u n g   d e r  a l l g e m e i-
       n e n  L o h n r a t e  statt, so würde diese Steigerung, welches
       immer ihre schließlichen Folgen,  a n  s i c h  nicht  u n m i t-
       t e l b a r  den Betrag der Produktion ändern. Sie würde zunächst
       einmal vom  jetzigen  Stand  der  Dinge  ausgehn.  War  aber  die
       nationale Produktion   v o r  der Lohnsteigerung  v a r i a b e l
       und nicht   f i x,  so wird sie auch  n a c h  der Lohnsteigerung
       fortfahren, variabel und nicht fix zu sein.
       Gesetzt aber,  der Betrag  der nationalen  Produktion sei  k o n-
       s t a n t  statt  v a r i a b e l.  Selbst dann bliebe, was unser
       Freund Weston  für einen  Vernunftschluß  hält,  eine  bloße  Be-
       hauptung. Habe  ich eine  gegebne Zahl,  sage 8,  so hindern  die
       a b s o l u t e n   Grenzen dieser Zahl ihre Bestandteile keines-
       wegs, ihre  r e l a t i v e n  Grenzen zu ändern. Machte der Pro-
       fit 6  aus und der Arbeitslohn 2, so könnte der Arbeitslohn auf 6
       steigen und  der Profit auf 2 fallen, und doch bliebe der Gesamt-
       betrag 8.  So würde der fixe Betrag der Produktion keineswegs be-
       weisen, daß  der Betrag des Arbeitslohns fix sei. Wie beweist nun
       aber unser  Freund Weston diese Fixität? Einfach indem er sie be-
       hauptet.
       Aber selbst seine Behauptung zugegeben, ergibt sich aus ihr zwei-
       erlei, während  er nur  eins sieht.  Ist der Lohnbetrag eine kon-
       stante Größe,  so kann  er weder vermehrt noch vermindert werden.
       Wenn daher  die Arbeiter  töricht handeln  mögen, indem  sie eine
       vorübergehende Lohnsteigerung erzwingen, so handeln die Kapitali-
       sten nicht minder töricht, indem sie eine vorübergehende Lohnsen-
       kung erzwingen. Unser Freund Weston leugnet nicht, daß die Arbei-
       ter unter  gewissen Umständen  eine Steigerung  des  Arbeitslohns
       durchsetzen   k ö n n e n,  da aber sein Betrag von Natur fixiert
       sein soll,  müsse ein  Rückschlag erfolgen.  Andrerseits weiß  er
       auch, daß die
       
       #105# Lohn, Preis und Profit
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       Kapitalisten eine Lohnsenkung erzwingen  k ö n n e n  und daß sie
       dies in  der Tat fortwährend versuchen. Nach dem Prinzip des kon-
       stanten Arbeitslohns  müßte in  dem einen  Fall so gut wie in dem
       ändern ein  Rückschlag erfolgen. Wenn daher die Arbeiter sich dem
       Versuch oder der Durchführung einer Lohnsenkung widersetzten, tä-
       ten sie  ganz recht.  Sie würden  also richtig handeln, indem sie
       e i n e   L o h n s t e i g e r u n g  erzwingen, weil jede  A b-
       w e h r a k t i o n   gegen  eine  Herabsetzung  des  Lohns  eine
       A k t i o n   für eine  Lohnsteigerung ist.  Nach Bürger  Westons
       eignem Prinzip  vom   k o n s t a n t e n   A r b e i t s l o h n
       sollten sich  die Arbeiter  daher unter gewissen Umständen zusam-
       mentun und für eine Lohnsteigerung kämpfen.
       Wenn er  die Schlußfolgerung  ablehnt, muß  er die  Voraussetzung
       preisgeben, woraus  sie sich  ergibt. Statt  zu sagen, der Betrag
       des Arbeitslohns  sei ein   k o n s t a n t e s    Q u a n t u m,
       müßte er sägen, daß, obgleich er weder  s t e i g e n  könne noch
       müsse, er  vielmehr   f a l l e n  könne und müsse, sobald es dem
       Kapital gefällt,  ihn herabzusetzen. Beliebt es dem Kapitalisten,
       euch Kartoffeln  an Stelle  von Fleisch  und Hafer  an Stelle von
       Weizen essen  zu lassen, so müßt ihr seinen Willen als Gesetz der
       politischen Ökonomie  hinnehmen und  euch ihm unterwerfen. Ist in
       einem Lande, z.B. den Vereinigten Staaten, die Lohnrate höher als
       in einem  ändern, z.B.  England, so  habt ihr  euch diesen Unter-
       schied in der Lohnrate aus einem Unterschied im Willen des ameri-
       kanischen und  des englischen  Kapitalisten zu erklären, eine Me-
       thode, die  das Studium  nicht nur der ökonomischen, sondern auch
       aller ändern Erscheinungen zweifellos sehr vereinfachen würde.
       Aber selbst  dann wäre  die Frage  erlaubt,   w a r u m  denn der
       Wille des amerikanischen Kapitalisten von dem des englischen ver-
       schieden ist.  Und um auf diese Frage zu antworten, müßt ihr über
       den Bereich  des  W i l l e n s  hinausgehen. Ein Pfaffe kann mir
       weismachen wollen,  Gottes Wille  sei in  Frankreich eines und in
       England etwas andres. Wenn ich von ihm verlangte, mir diesen Wil-
       lenszwiespalt zu erklären, könnte er die Stirn haben, mir zu ant-
       worten, es  sei Gottes Wille, in Frankreich einen Willen zu haben
       und in  England einen ändern. Aber unser Freund Westen ist sicher
       der letzte,  eine so  vollständige Preisgabe  alles  vernünftigen
       Denkens als Argument geltend zu machen.
       Sicher ist es der  W i l l e  des Kapitalisten, zu nehmen, was zu
       nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht über seinen  W i ll e n
       zu  fabeln,  sondern  seine    M a c h t    zu  untersuchen,  die
       S c h r a n k e n   d i e s e r  M a c h t  und den  C h a r a k-
       t e r  d i e s e r  S c h r a n k e n.
       
       #106# Karl Marx
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       2. [Produktion, Lohn, Profit]
       
       Der uns  von Bürger  Weston gehaltene Vortrag hätte in einer Nuß-
       schale Raum finden können.
       Alle seine Ausführungen liefen auf folgendes hinaus: Wenn die Ar-
       beiterklasse die Klasse der Kapitalisten zwingt, 5 sh. statt 4 in
       Gestalt von  Geldlohn zu zahlen, so würde der Kapitalist dafür in
       Gestalt von  Waren einen  Wert von 4 statt 5 sh. zurückgeben. Die
       Arbeiterklasse würde das mit 5 sh. zu bezahlen haben, was sie vor
       der Lohnsteigerung  für 4  sh. kaufte.  Aber warum  ist dies  der
       Fall? Warum  gibt der  Kapitalist im Austausch für 5sh. nur einen
       Wert von  4 sh. zurück? Weil der Lohnbetrag fix ist. Warum ist er
       aber zu  einem Warenwert von 4 sh. fixiert? Warum nicht zu 3 oder
       2 sh.  oder einer  beliebigen ändern  Summe? Ist  die Grenze  des
       Lohnbetrags durch  ein ökonomisches  Gesetz bestimmt,  das gleich
       unabhängig ist vom Willen des Kapitalisten wie vom Willen des Ar-
       beiters, so  hätte Bürger Weston zunächst einmal dies Gesetz aus-
       sprechen und nachweisen müssen. Er wäre dann aber auch den Beweis
       schuldig gewesen,  daß der  in jedem  gegebnen Zeitpunkt faktisch
       gezahlte Lohnbetrag  immer exakt  dem notwendigen Lohnbetrag ent-
       spricht und  niemals davon  abweicht. Andrerseits, beruht die ge-
       gebne Grenze  des Lohnbetrags  auf dem   b l o ß e n  W i l l e n
       des Kapitalisten  oder den  Grenzen seiner  Habgier, so  ist  sie
       willkürlich. Sie ist aller Notwendigkeit bar. Sie kann  d u r c h
       den Willen  des Kapitalisten und kann daher auch  g e g e n  sei-
       nen Willen geändert werden.
       Bürger Weston  illustrierte euch  seine Theorie  damit, daß, wenn
       eine Schüssel ein bestimmtes Quantum Suppe zur Speisung einer be-
       stimmten Anzahl von Personen enthalte, ein Breiterwerden der Löf-
       fel kein  Größerwerden des  Quantums Suppe  bewirke. Er  muß  mir
       schon gestatten, diese Illustration recht ausgelöffelt zu finden.
       Sie erinnerte mich einigermaßen an das Gleichnis, zu dem Menenius
       Agrippa seine Zuflucht nahm. Als die römischen Plebejer gegen die
       römischen Patrizier  in den Streik traten, erzählte ihnen der Pa-
       trizier Agrippa, daß der patrizische Wanst die plebejischen Glie-
       der des  Staatskörpers mit Nahrung versehe. Agrippa blieb den Be-
       weis schuldig,  wie jemand  die Glieder  eines Mannes mit Nahrung
       versieht, indem  er den  Wanst eines  ändern füllt. Bürger Weston
       für sein  Teil hat vergessen, daß die Schüssel, woraus die Arbei-
       ter essen,  mit dem  ganzen Produkt der nationalen Arbeit gefüllt
       ist und daß, wenn irgend etwas die Arbeiter hindert, mehr aus der
       Schüssel herauszuholen,  es weder  die Enge der Schüssel noch die
       Dürftigkeit ihres  Inhalts ist,  sondern einzig  und  allein  die
       Kleinheit ihrer Löffel.
       
       #107# Lohn, Preis und Profit
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       Durch welchen Kunstgriff ist der Kapitalist imstande, für 5 Shil-
       ling einen  4-Shilling-Wert zurückzugeben? Durch die Erhöhung des
       Preises der  von ihm  verkauften Ware.  Hängt denn  nun aber  das
       Steigen, ja  überhaupt der  Wechsel der  Warenpreise, hängen etwa
       die Warenpreise  selbst vom  bloßen Willen  des Kapitalisten  ab?
       Oder sind nicht vielmehr bestimmte Umstände erforderlich, um die-
       sen Willen  wirksam zu machen? Wenn nicht, so werden die Auf- und
       Abbewegungen, die unaufhörlichen Fluktuationen der Marktpreise zu
       einem unlösbaren Rätsel.
       Sobald wir unterstellen, daß keinerlei Wechsel stattgefunden, we-
       der in  der Produktivkraft der Arbeit noch im Umfang des Kapitals
       und der  angewandten Arbeit,  noch im  Wert des Geldes, worin die
       Werte der  Produkte geschätzt  werden,  sondern    n u r    e i n
       W e c h s e l   i n   d e r   L o h n r a t e,   wie könnte diese
       L o h n s t e i g e r u n g   die   W a r e n p r e i s e  beein-
       flussen? Doch  nur, indem  sie das bestehende Verhältnis zwischen
       der Nachfrage nach diesen Waren und ihrem Angebot beeinflußt.
       Es ist  sehr richtig, daß die Arbeiterklasse, als Ganzes betrach-
       tet, ihr  Einkommen in  L e b e n s m i t t e l n  verausgabt und
       verausgaben muß.  Eine allgemeine  Steigerung der  Lohnrate würde
       daher eine  Zunahme der Nachfrage nach  L e b e n s m i t t e l n
       und folglich  eine Steigerung  ihrer  M a r k t p r e i s e  her-
       vorrufen. Die  Kapitalisten, die  diese Lebensmittel produzieren,
       würden für  den gestiegnen  Lohn mit  steigenden Marktpreisen für
       ihre Waren  entschädigt. Wie  aber die  ändern Kapitalisten,  die
       n i c h t   Lebensmittel produzieren? Und ihr müßt nicht glauben,
       daß das eine Handvoll ist. Wenn ihr bedenkt, daß 2/3 des nationa-
       len Produkts  von 1/5  der Bevölkerung - oder sogar nur von einem
       Siebtel, wie  kürzlich ein  Mitglied des  Unterhauses erklärte  -
       konsumiert werden,  so begreift  ihr, welch  bedeutender Teil des
       nationalen Produkts  in Gestalt von Luxusartikeln produziert oder
       gegen Luxusartikel   a u s g e t a u s c h t   und welche Unmenge
       selbst von  den Lebensmitteln  auf Lakaien,  Pferde, Katzen  usw.
       verschwendet werden  muß, eine Verschwendung, von der wir aus Er-
       fahrung wissen,  daß ihr mit steigenden Lebensmittelpreisen immer
       bedeutendere Einschränkungen auferlegt werden.
       Wie wäre  nun die  Stellung der Kapitalisten, die  n i c h t  Le-
       bensmittel produzieren?  Für-das der  allgemeinen  Lohnsteigerung
       geschuldete  F a l l e n  d e r  P r o f i t r a t e  könnten sie
       sich nicht  durch eine  S t e i g e r u n g  d e s  P r e i s e s
       i h r e r   W a r e n   schadlos halten,  weil die Nachfrage nach
       diesen Waren  nicht gewachsen  wäre. Ihr  Einkommen wäre geschmä-
       lert; und  von diesem  geschmälerten Einkommen hätten sie mehr zu
       zahlen für  die gleiche  Menge im Preise gestiegner Lebensmittel.
       Aber das wäre noch nicht alles. Da ihr Einkommen vermindert, wür-
       den sie weniger auf Luxusartikel zu verausgaben
       
       #108# Karl Marx
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       haben, und  so würde  ihre wechselseitige  Nachfrage für ihre re-
       spektiven Waren  abnehmen.  Infolge  dieser  Abnahme  würden  die
       Preise ihrer Waren fallen. Daher würde in diesen Industriezweigen
       d i e   P r o f i t r a t e  f a l l e n,  und zwar nicht bloß im
       einfachen Verhältnis  zu der allgemeinen Steigerung der Lohnrate,
       sondern im kombinierten Verhältnis zu der allgemeinen Lohnsteige-
       rung, der  Preissteigerung der Lebensmittel und dem Preisfall der
       Luxusartikel.
       Welche Folgen  hätte diese   D i f f e r e n z   in  den   P r o-
       f i t r a t e n   für die  in den  verschiednen  Industriezweigen
       angewandten Kapitalien?  Nun, dieselben, die gewöhnlich stattfin-
       den, wenn  aus irgendeinem  Grund die  D u r c h s c h n i t t s-
       p r o f i t r a t e   i n   den  verschiednen  Produktionssphären
       sich ändert.  Kapital und  Arbeit würden  von den weniger gewinn-
       bringenden  nach  den  mehr  gewinnbringenden  Produktionszweigen
       abfließen; und  dieser Abfluß  würde so lange fortdauern, bis das
       Angebot in der einen Abteilung der Industrie im Verhältnis zu der
       gewachsenen Nachfrage  gestiegen und  in den  ändern  Abteilungen
       entsprechend der  verminderten Nachfrage  gesunken  wäre.    S o-
       b a l d  d i e s e  Ä n d e r u n g  e i n g e t r e t e n,  wäre
       die   a l l g e m e i n e  P r o f i t r a t e  in den verschied-
       nen Zweigen  wieder   a u s g e g l i c h e n.   Da der ganze Um-
       schwung  ursprünglich  herrührte  von  einem  bloßen  Wechsel  im
       Verhältnis der  Nachfrage nach  und dem  Angebot von verschiednen
       Waren,  so  würde  mit  dem  Aufhören  der  Ursache  die  Wirkung
       aufhören, und  die  P r e i s e  würden auf ihr vorheriges Niveau
       und ins  Gleichgewicht zurückkehren.  Das    F a l l e n    d e r
       P r o f i t r a t e,  statt auf einige Industriezweige beschränkt
       zu bleiben,  wäre infolge  der Lohnsteigerung   a l l g e m e i n
       geworden. Entsprechend  unsrer Unterstellung  hätte eine Änderung
       weder in  der Produktivkraft  der Arbeit  stattgefunden  noch  im
       Gesamtbetrag der  Produktion, wohl  aber   h ä t t e  d i e s e r
       g e g e b n e  B e t r a g  d e r  P r o d u k t i o n  s e i n e
       F o r m   g e ä n d e r t.   Ein größerer  Teil des Produkts exi-
       stierte in  Gestalt von  Lebensmitteln, ein  kleinerer in Gestalt
       von Luxusartikeln,  oder, was dasselbe, ein geringerer Teil würde
       für ausländische  Luxusartikel eingetauscht  und  in  seiner  ur-
       sprünglichen Form verzehrt, oder, was wieder auf dasselbe hinaus-
       kommt, ein  größerer  Teil  des  heimischen  Produkts  würde  für
       ausländische Lebensmittel  statt für  Luxusartikel  eingetauscht.
       Die allgemeine  Steigerung der  Lohnrate würde  daher nach  einer
       vorübergehenden Störung  in den  Marktpreisen nur ein allgemeines
       Sinken der  Profitrate zur  Folge haben, ohne daß die Warenpreise
       auf die Dauer verändert wären.
       Wollte man mir einwenden, ich hätte in dieser Beweisführung ange-
       nommen, daß  der ganze  zuschüssige Arbeitslohn  auf Lebensmittel
       verausgabt werde, so antworte ich, daß ich die günstigste Annahme
       für die
       
       #109# Lohn, Preis und Profit
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       Ansicht des  Bürgers Westen  unterstellt habe. Würde der zuschüs-
       sige Arbeitslohn  auf Artikel verausgabt, die früher nicht in den
       Konsum der  Arbeiter eingingen, so bedürfte der reale Zuwachs ih-
       rer Kaufkraft  keines Beweises.  Da diese  Zunahme der  Kaufkraft
       sich jedoch nur aus einer Erhöhung des Arbeitslohns herleitet, so
       muß sie exakt der Abnahme der Kaufkraft der Kapitalisten entspre-
       chen. Die   G e s a m t n a c h f r a g e  nach Waren würde daher
       nicht  z u n e h m e n,  wohl aber wäre in den Bestandteilen die-
       ser Nachfrage  eine  w e c h s e l s e i t i g e  Ä n d e r u n g
       eingetreten. Die  zunehmende Nachfrage  auf der einen Seite würde
       wettgemacht von  der abnehmenden  Nachfrage auf der ändern Seite.
       Indem so die Gesamtnachfrage unverändert bliebe, könnte keinerlei
       Veränderung in den Marktpreisen der Waren stattfinden.
       Ihr seid  also vor  dies Dilemma  gestellt: Entweder wird der zu-
       schüssige Arbeitslohn  gleichmäßig  auf  alle  Konsumtionsartikel
       verausgabt - dann muß die Ausdehnung der Nachfrage auf seiten der
       Arbeiterklasse aufgewogen  werden  durch  die  Einschränkung  der
       Nachfrage auf  Seiten der Kapitalistenklasse -, oder der zuschüs-
       sige Arbeitslohn  wird nur  auf einige  Artikel verausgabt, deren
       Marktpreise vorübergehend  steigen werden. Dann wird das nachfol-
       gende Steigen  der Profitrate  in den  einen und das nachfolgende
       Fallen der  Profitrate in den ändern Industriezweigen einen Wech-
       sel in  der Distribution  von Kapital  und Arbeit hervorrufen, so
       lange bis  das Angebot  entsprechend der  gestiegnen Nachfrage in
       der einen Abteilung der Industrie gesteigert und entsprechend der
       verminderten Nachfrage  in den  ändern gesenkt  wird.  Unter  der
       einen Voraussetzung  wird keine Änderung in den Warenpreisen ein-
       treten. Unter der ändern Voraussetzung werden die Tauschwerte der
       Waren nach  einigen Schwankungen  der Marktpreise auf das frühere
       Niveau zurückkehren. Unter beiden Voraussetzungen wird das allge-
       meine Steigen  der Lohnrate  in letzter  Instanz zu nichts andrem
       führen als zu einem allgemeinen Fallen der Profitrate.
       Um eure  Einbildungskraft anzuregen, ersuchte euch Bürger Weston,
       die Schwierigkeiten  zu bedenken,  die eine allgemeine Steigerung
       der englischen  Landarbeiterlöhne von  9 auf  18 sh.  hervorrufen
       würde. Bedenkt,  rief er,  die ungeheure Steigerung der Nachfrage
       nach Lebensmitteln und die nachfolgende furchtbare Steigerung ih-
       rer Preise!  Nun wißt  ihr ja alle, daß der Durchschnittslohn der
       amerikanischen Landarbeiter  sich auf  mehr als  das Doppelte von
       dem der englischen beläuft, obgleich die Preise landwirtschaftli-
       cher Produkte  in den  Vereinigten Staaten  niedriger sind als im
       Vereinigten Königreich,  obgleich in  den Vereinigten Staaten das
       gesamte Verhältnis  zwischen Kapital  und Arbeit  das gleiche ist
       wie in England und
       
       #110# Karl Marx
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       obgleich der  jährliche Betrag  der Produktion in den Vereinigten
       Staaten viel  geringer ist  als in  England. Warum  läutet  unser
       Freund dann  die Sturmglocke?  Einfach, um uns von der wirklichen
       Frage abzubringen.  Eine plötzliche  Lohnsteigerung von  9 auf 18
       sh. wäre  eine plötzliche Steigerung von 100%. Nun, wir debattie-
       ren ja gar nicht die Frage, ob die allgemeine Lohnrate in England
       plötzlich um  100% erhöht  werden  könnte.  Wir  haben  überhaupt
       nichts zu tun mit der  G r ö ß e  der Steigerung, welche in jedem
       praktischen Fall  von den  gegebnen Umständen  abhängen und ihnen
       angepaßt sein  muß. Wir haben nur zu untersuchen, wie eine allge-
       meine Steigerung der Lohnrate wirkt, selbst wenn sie sich nur auf
       1 Prozent beläuft.
       Ich lasse die von Freund Weston erfundene Steigerung von 100% auf
       sich beruhen und mache euch auf die wirkliche Lohnsteigerung auf-
       merksam, die in Großbritannien von 1849 bis 1859 stattfand.
       Euch allen  ist die  Zehnstundenbill bekannt,  oder vielmehr  die
       Zehneinhalbstundenbill, die seit 1848 in Kraft ist. Dies war eine
       der größten  ökonomischen Veränderungen,  die unter  unsern Augen
       vorgegangen. Es  war das  eine plötzliche und unfreiwillige Lohn-
       steigerung nicht  etwa in  einigen lokalen Geschäftszweigen, son-
       dern in  den führenden  Industriezweigen, durch  die England  den
       Weltmarkt beherrscht.  Sie brachte eine Lohnsteigerung unter aus-
       nehmend ungünstigen  Umständen. Dr. Ure, Professor Senior und all
       die ändern  offiziellen ökonomischen  Wortführer der  Bourgeoisie
       b e w i e s e n  - und ich muß sagen, mit viel durchschlagenderen
       Gründen als  Freund Weston  -, daß sie die Totenglocke der engli-
       schen Industrie  läuten werde.  Sie bewiesen,  daß sie nicht bloß
       auf eine gewöhnliche Lohnsteigerung hinauslaufe, sondern auf eine
       durch die  Abnahme des Quantums der angewandten Arbeit veranlaßte
       und darauf  gegründete Lohnsteigerung.  Sie behaupteten,  daß die
       12. Stunde,  die man dem Kapitalisten wegnehmen wolle, gerade die
       einzige Stunde sei, woraus er seinen Profit herleite. Sie drohten
       mit Abnahme  der Akkumulation, Steigerung der Preise, Verlust der
       Märkte, Schrumpfung  der Produktion,  daher entspringendem  Rück-
       schlag auf die Löhne und schließlichem Ruin. In der Tat erklärten
       sie Maximilien  Robespierres Gesetze  über das  Maximum [99]  für
       eine Lappalie im Vergleich damit; und in gewissem Sinn hatten sie
       recht. Schön,  was war das Resultat? Steigerung des Geldlohns der
       Fabrikarbeiter trotz  der Verkürzung  des Arbeitstags,  große Zu-
       nahme der Zahl der beschäftigten Fabrikarbeiter, anhaltendes Fal-
       len der Preise ihrer Produkte, wunderbare Entwicklung der Produk-
       tivkraft ihrer  Arbeit, unerhört  fortschreitende Ausdehnung  der
       Märkte für ihre Waren. Zu Manchester,
       
       #111# Lohn, Preis und Profit
       -----
       1861   1*) auf der Tagung der Gesellschaft zur Förderung der Wis-
       senschaft, hörte  ich selber Herrn Newman eingestehn, daß er, Dr.
       Ure, Senior und alle andren offiziellen Leuchten der ökonomischen
       Wissenschaft sich  geirrt hätten,  während der Instinkt des Volks
       recht behalten habe. Ich nenne Herrn W. Newman [100] - nicht Pro-
       fessor Francis  Newman -,  weil er eine hervorragende Stellung in
       der ökonomischen  Wissenschaft einnimmt  als Mitarbeiter und Her-
       ausgeber von  Herrn Thomas  Tookes "History  of  Prices",  diesem
       prächtigen Werk,  das die Geschichte der Preise von 1793 bis 1856
       verfolgt. Wenn  Freund Westons  fixe Idee von einem fixen Lohnbe-
       trag, einem  fixen Betrag  der Produktion,  einem fixen  Grad der
       Produktivkraft der  Arbeit, einem fixen und immerwährenden Willen
       der Kapitalisten  und alle  seine übrige  Fixität  und  Finalität
       richtig wären,  so wären  Professor Seniors  traurige Voraussagen
       richtig gewesen,  und  unrecht  hätte  Robert  Owen  gehabt,  der
       bereits 1816 eine allgemeine Beschränkung des Arbeitstags für den
       ersten vorbereitenden  Schritt zur  Befreiung der  Arbeiterklasse
       erklärte und sie, dem landläufigen Vorurteil praktisch zum Trotz,
       auf eigne  Faust in seiner Baumwollspinnerei zu New Lanark durch-
       führte.
       Während ebenderselben  Periode, in  der die  Einführung der Zehn-
       stundenbill und  die nachfolgende  Lohnsteigerung vor  sich ging,
       erfolgte in  Großbritannien aus  Gründen,  die  aufzuzählen  hier
       nicht der  Ort ist,   e i n e   a l l g e m e i n e  S t e i g e-
       r u n g  d e r  L a n d a r b e i t e r l ö h n e.
       Obgleich es  für meinen  unmittelbaren Zweck nicht erheischt ist,
       werde ich  dennoch, um  bei euch keine Mißverständnisse aufkommen
       zu lassen, einige Vorbemerkungen machen.
       Wenn ein Mann erst 2 sh. Wochenlohn erhält und sein Lohn dann auf
       4 sh. steigt, so ist die  L o h n r a t e  um 100% gestiegen. Als
       Steigerung der   L o h n r a t e   ausgedrückt  scheint dies eine
       großartige Sache,  obgleich der   f a k t i s c h e  L o h n b e-
       t r a g,   4 sh.  die Woche,  noch immer ein miserabel niedriger,
       ein Hungerlohn  wäre. Ihr müßt euch daher von den groß klingenden
       Prozentzahlen der   R a t e   des Arbeitslohns nicht beirren las-
       sen. Ihr  müßt immer  fragen: Was  war der   u r s p r ü n g l i-
       c h e  Betrag?
       Ferner werdet ihr verstehen, daß, wenn 10 Mann je 2sh. die Woche,
       5 Mann  je 5  sh. und 5 Mann je 11 sh. wöchentlich erhielten, die
       20 Mann  zusammen 100  sh. oder  5 Pfd.  St. wöchentlich erhalten
       würden. Wenn  nun  eine  sage  zwanzigprozentige  Steigerung  der
       Gesamtsumme ihres  Wochenlohns stattfände,  so gäbe  das eine Zu-
       nahme von 5 auf 6 Pfd. St. Zögen wir den Durchschnitt, so könnten
       wir sagen, daß die  a l l g e m e i n e  L o h n r a t e  um
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       1*) Im Manuskript irrtümlich: 1860
       
       #112# Karl Marx
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       20% gestiegen  wäre, obgleich in Wirklichkeit der Arbeitslohn der
       10 Mann  unverändert geblieben,  der der  einen Gruppe von 5 Mann
       nur von  5 auf  6 sh. per Mann und der der anderen von 5 Mann von
       insgesamt 55  auf 70  sh. gestiegen  wäre. Eine  Hälfte der Leute
       hätte ihre  Lage überhaupt  nicht verbessert, 1/4 in kaum merkli-
       chem Grade,  und nur 1/4 hätte sie wirklich verbessert. Indes, im
       D u r c h s c h n i t t   gerechnet, hätte  der  Gesamtlohnbetrag
       jener 20  Mann um 20% zugenommen, und soweit das Gesamtkapital in
       Betracht kommt,  das sie  beschäftigt, und  die Preise der Waren,
       die sie produzieren, würde es genau dasselbe sein, als hätten sie
       alle gleichmäßig an der durchschnittlichen Lohnsteigerung teilge-
       nommen. Was  nun den  Fall mit der Landarbeit angeht, für die der
       Lohnstandard  in   den  verschiednen  Grafschaften  Englands  und
       Schottlands sehr  verschieden ist,  so wirkte sich die Steigerung
       sehr ungleich auf ihn aus.
       Endlich waren  während der  Periode, in  der jene  Lohnsteigerung
       stattfand, entgegenwirkende Einflüsse am Werk, wie z.B. die durch
       den Russischen  Krieg [101]  hervorgerufenen neuen  Steuern,  die
       massenhafte Zerstörung der Wohnhäuser der Landarbeiter [102] usw.
       Nachdem ich  soviel vorausgeschickt,  komme ich  nun zu der Fest-
       stellung, daß von 1849 bis 1859 die Durchschnittsrate der Landar-
       beiterlöhne Großbritanniens  eine    S t e i g e r u n g    v o n
       u n g e f ä h r  4 0 %  erfuhr. Ich könnte weitläufige Einzelhei-
       ten zum  Beweis meiner Behauptung anführen, aber für vorliegenden
       Zweck betrachte  ich es  als ausreichend,  auf den gewissenhaften
       und kritischen  Vortrag hinzuweisen, den der verstorbne Herr John
       C. Morton  1860 über "The Forces used in Agriculture" in der Lon-
       doner Society of Arts [103] hielt. Herr Morton führt statistische
       Angaben aus  Quittungen und  ändern authentischen  Schriftstücken
       an, die  er in 12 schottischen und 35 englischen Grafschaften bei
       ungefähr 100 dort ansässigen Pächtern gesammelt.
       Gemäß Freund  Westons Ansicht,  und wenn man damit die gleichzei-
       tige Steigerung  des Arbeitslohns der Fabrikarbeiter in Zusammen-
       hang bringt,  hätten die Preise der landwirtschaftlichen Produkte
       während der  Periode von  1849 bis  1859 gewaltig steigen müssen.
       Was aber  geschah faktisch?  Trotz des  Russischen Kriegs und der
       aufeinanderfolgenden ungünstigen  Ernten von  1854 bis  1856 fiel
       der Durchschnittspreis des Weizens - der das wichtigste landwirt-
       schaftliche Produkt  Englands ist  - von  ungefähr 3 Pfd. St. per
       Quarter in  den Jahren  1838 bis  1848 auf ungefähr 2 Pfd. St. 10
       sh. per  Quarter für  die Jahre 1849 bis 1859. Das macht eine Ab-
       nahme des  Weizenpreises von  mehr als  16% in derselben Zeit, wo
       die Steigerung  der Landarbeiterlöhne im Durchschnitt 40% betrug.
       Während derselben
       
       #113# Lohn, Preis und Profit
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       Periode, wenn  wir ihr  Ende mit ihrem Beginn, 1859 mit 1849 ver-
       gleichen, nahm der offizielle Pauperismus von 934 419 auf 860 470
       ab, was  eine Differenz vor 73 949 ausmacht. Ich gestehe, das ist
       eine sehr  Heine. Abnahme,  die überdies  in den folgenden Jahren
       wieder verlorenging, aber immerhin eine Abnahme.
       Es kann  gesagt werden,  daß infolge  der Abschaffung der Kornge-
       setze [104] die Einfuhr von ausländischem Korn in der Periode von
       1849 bis  1859 sich  mehr als  verdoppelt hat, verglichen mit der
       Periode von  1838 bis 1848. Was folgt aber daraus? Von Bürger We-
       stons Standpunkt  würde man erwartet haben, daß diese plötzliche,
       gewaltige und  anhaltend zunehmende  Nachfrage auf  den ausländi-
       schen Märkten  die Preise  der landwirtschaftlichen Produkte dort
       furchtbar hinaufgeschraubt haben müßte, da die Wirkung einer ver-
       größerten Nachfrage  die gleiche  bleibt, ob  sie nun vom Ausland
       oder vom Inland kommt. Was geschah faktisch? Mit Ausnahme einiger
       Jahre schlechter  Ernten bildete das ruinöse Fallen des Kornprei-
       ses in  dieser ganzen  Periode das  stehende  Thema,  worüber  in
       Frankreich deklamiert  wurde; die Amerikaner sahen sich immer und
       immer wieder  genötigt, ihr überschüssiges Produkt zu verbrennen;
       und wenn  wir Herrn  Urquhart glauben  sollen, so schürte Rußland
       den Bürgerkrieg  in den Vereinigten Staaten, weil seine landwirt-
       schaftliche Ausfuhr auf den Kornmärkten Europas durch die Konkur-
       renz der Yankees geschmälert wurde.
       A u f   i h r e   a b s t r a f t e   F o r m  r e d u z i e r t,
       käme Bürger Westons Behauptung auf folgendes hinaus: Jede Steige-
       rung der  Nachfrage geht  immer auf  Basis eines gegebnen Betrags
       der Produktion  vor sich.  Sie kann daher  n i e  d a s  A n g e-
       b o t   d e r   n a c h g e f r a g t e n   A r t i k e l  v e r-
       g r ö ß e r n,   sondern nur   i h r e  G e l d p r e i s e  e r-
       h ö h n.   Nun lehrt  aber die  einfachste Beobachtung,  daß eine
       vergrößerte Nachfrage in einigen Fällen die Marktpreise der Waren
       durchaus unverändert  läßt, in  ändern Fällen ein vorübergehendes
       Steigen der Marktpreise bewirkt, begleitet von vergrößertem Ange-
       bot und  wiederum von  einem Rückgang  der Preise  a u f  ihr ur-
       sprüngliches Niveau, ja, vielfach sogar  d a r u n t e r.  Ob die
       Steigerung der  Nachfrage aus zuschüssigem Arbeitslohn oder einer
       ändern Ursache  entspringt, ändert  nichts an den Bedingungen des
       Problems. Von  Bürger Westons  Standpunkt war  die allgemeine Er-
       scheinung ebenso schwer zu erklären wie die unter den Ausnahmeum-
       ständen einer  Lohnsteigerung eintretende  Erscheinung. Seine Be-
       weisführung stand  daher in keinerlei Zusammenhang mit dem Gegen-
       stand, den wir behandeln. Sie war nur der Ausdruck seiner Hilflo-
       sigkeit gegenüber  den Gesetzen,  wodurch eine  Zunahme der Nach-
       frage, statt eine schließliche Steigerung der Marktpreise hervor-
       zurufen, vielmehr eine Zunahme des Angebots herbeiführt.
       
       #114# Karl Marx
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       3. [Löhne und Geldumlauf]
       
       Am zweiten  Tag der Debatte kleidete Freund Weston seine alte Be-
       hauptung in  neue Formen.  Er sagte:  Infolge  eines  allgemeinen
       Steigens der  Geldlöhne sind  mehr Zirkulationsmittel zur Zahlung
       desselben Arbeitslohns  erforderlich. Da  der Geldumlauf    f i x
       ist, wie sollen mit diesen fixen Zirkulationsmitteln die erhöhten
       Geldlöhne bezahlt  werden können?  Erst ergab sich die Schwierig-
       keit aus  dem fixen  Warenquantum, das  dem Arbeiter trotz seines
       vermehrten Geldlohns  zukomme; jetzt wird sie trotz des fixen Wa-
       renquantums aus dem erhöhten Geldlohn hergeleitet. Lehnt ihr sein
       ursprüngliches Dogma  ab, so verschwinden natürlich seine dadurch
       verursachten Schwierigkeiten.
       Indes werde  ich nachweisen,  daß  diese  Frage  des  Geldumlaufs
       durchaus nichts mit unserm Gegenstand zu tun hat.
       In eurem Land ist der Mechanismus der Zahlungen viel vollkommener
       als in  irgendeinem ändern  Land Europas. Dank der Größe und Kon-
       zentration des  Banksystems sind  viel weniger Zirkulationsmittel
       erforderlich zur Zirkulierung desselben Wertbetrags und zur Voll-
       ziehung derselben  oder einer größeren Anzahl von Geschäften. So-
       weit der  Arbeitslohn in Betracht kommt, gibt ihn z.B. der engli-
       sche Fabrikarbeiter  allwöchentlich bei  dem Krämer  aus, der ihn
       jede Woche  dem Bankier zuschickt, der ihn seinerseits jede Woche
       wieder dem Fabrikanten zukommen läßt, der ihn wieder an seine Ar-
       beiter zahlt  usw. Vermöge dieser Einrichtung kann der Jahreslohn
       eines Arbeiters sage von 52 Pfd. St. mit einem einzigen Sovereign
       bezahlt werden,  der allwöchentlich  denselben Zirkel beschreibt.
       In England ist dieser Mechanismus sogar weniger vollkommen als in
       Schottland, und  er ist  nicht an  allen Orten gleich vollkommen;
       und daher  finden wir  z.B., daß in einigen Ackerbaudistrikten im
       Vergleich zu  den Fabrikdistrikten  viel mehr  Zirkulationsmittel
       erforderlich sind,  um einen  viel kleineren Wertbetrag zu zirku-
       lieren.
       Wenn ihr  den Kanal überquert, so werdet ihr finden, daß dort der
       G e l d l o h n   viel niedriger  ist als in England, daß er aber
       in Deutschland,  Italien, der  Schweiz und  Frankreich vermittels
       einer   v i e l    g r ö ß e r e n    M e n g e    Z i r k u l a-
       t i o n s m i t t e l   zirkuliert wird.  Derselbe Sovereign wird
       vom Bankier  nicht so  rasch aufgefangen  oder zum  industriellen
       Kapitalisten zurückgebracht;  und daher  bedarf  es  statt  eines
       Sovereigns, der 52 Pfd. St. im Jahr zirkuliert, vielleicht dreier
       Sovereigns, um  einen Jahreslohn  in Höhe  von  25  Pfd.  St.  zu
       zirkulieren. Vergleicht  ihr somit die Länder des Konjtinents mit
       England, so werdet ihr sofort einsehen, daß niedriger Geldlohn
       
       #115# Lohn, Preis und Profit
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       viel mehr Zirkulationsmittel zu seinem Umlauf erheischen kann als
       hoher Geldlohn  und daß dies in Wirklichkeit eine rein technische
       Angelegenheit ist, die unserm Gegenstand gänzlich fernliegt.
       Gemäß den  genausten Berechnungen,  die mir  bekannt sind, dürfte
       das jährliche  Einkommen der Arbeiterklasse dieses Landes auf 250
       Millionen Pfd.  St. zu  schätzen sein. Diese gewaltige Summe wird
       mit ungefähr  3 Millionen  Pfd. St.  zirkuliert. Unterstellt,  es
       fände eine  Lohnsteigerung von 50% statt. Dann wären statt 3 Mil-
       lionen Pfd.  St. Zirkulationsmittel 4V2 Millionen Pfd. St. erfor-
       derlich. Da  ein sehr bedeutender Teil der täglichen Ausgaben des
       Arbeiters mit  Silber- und  Kupfermünze, d.h. mit bloßen Wertzei-
       chen, bestritten wird, deren Wertverhältnis zum Gold durch Gesetz
       konventionell festgestellt  ist, ebenso wie das von nicht einlös-
       barem Papiergeld,  so würde eine fünfzigprozentige Steigerung des
       Geldlohns im  schlimmsten Fall  eine zusätzliche  Zirkulation von
       Sovereigns zum  Betrag von  sage einer  Million erheischen.  Eine
       Million, die  jetzt in Form von Barren oder gemünztem Gold in den
       Kellern der Bank von England oder von Privatbanken ruht, würde in
       Umlauf gebracht.  Aber selbst die unbedeutenden Ausgaben, die aus
       der zusätzlichen  Prägung oder  dem zusätzlichen Verschleiß jener
       Million erwachsen, könnten und würden tatsächlich gespart werden,
       wenn infolge  zuschüssiger Nachfrage nach Zirkulationsmitteln ir-
       gendwelche Reibungen  entstehen sollten.  Ihr alle  wißt, daß die
       Zirkulationsmittel dieses  Landes in  zwei große Abteilungen zer-
       fallen. Eine  Sorte, die  in Banknoten verschiednen Nennwerts ge-
       liefert wird,  dient m  den Umsätzen zwischen Geschäftsleuten und
       bei größeren Zahlungen von Konsumenten an Geschäftsleute, während
       im Kleinhandel  eine andre  Sorte Zirkulationsmittel umläuft, das
       Metallgeld. Obgleich voneinander unterschieden, vertritt jede der
       beiden Sorten  Zirkulationsmittel die Stelle der ändern. So läuft
       Goldmünze zu  einem sehr  bedeutenden Betrag  selbst bei größeren
       Zahlungen um,  wo es  sich bei  den zu  zahlenden Summen um Über-
       schüsse unter  5 Pfd. St., aber runde Summen handelt. Würden mor-
       gen 4- oder 3- oder 2-Pfd.-St.-Noten ausgegeben werden, so würden
       die Goldmünzen,  die-diese Kanäle  der Zirkulation füllen, sofort
       aus ihnen  vertrieben werden und in diejenigen Kanäle strömen, wo
       sie infolge  der Zunahme  des Geldlohns  benötigt wären. So würde
       die zuschüssige  Million, durch  eine fünfzigprozentige Lohnerhö-
       hung erheischt, geliefert werden, ohne daß ein einziger Sovereign
       zugesetzt zu  werden brauchte.  Dieselbe Wirkung könnte ohne eine
       einzige zusätzliche  Banknote  hervorgebracht  werden  vermittels
       vermehrter Zirkulation  von Wechseln, wie dies in Lancashire sehr
       lange Zeit der Fall war.
       
       #116# Karl Marx
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       Wenn ein  allgemeines Steigen  der Lohnrate  - z.B. von 100%, wie
       Bürger Weston  es bei  den Landarbeiterlöhnen annahm - eine große
       Steigerung der  Lebensmittelpreise hervorriefe und - gemäß seiner
       Ansicht -  einen nicht  beschaffbaren Betrag  zuschüssiger Zirku-
       lationsmittel erheischte,  so müßte  ein    a l l g e m e i n e s
       F a l l e n  d e s  A r b e i t s l o h n s  dieselbe Wirkung auf
       gleicher  Stufenleiter  in  umgekehrter  Richtung  hervorbringen.
       Schön! Ihr  alle wißt, daß die Jahre 1858 bis 1860 die prosperie-
       rendsten für  die Baumwoll-Industrie waren und daß namentlich das
       Jahr 1860  in dieser Beziehung in den Annalen des Gewerbes einzig
       dasteht, während  zu derselben  Zeit auch  alle ändern Industrie-
       zweige eine  hohe Blüte  erlebten. Die Löhne der Baumwollarbeiter
       und aller  ändern mit  deren Geschäftszweig  verknüpften Arbeiter
       standen 1860 höher als je zuvor. Die amerikanische Krise kam, und
       diese gesamten Löhne wurden plötzlich ungefähr auf 1/4 ihres frü-
       hern Betrags herabgesetzt. In umgekehrter Richtung wäre dies eine
       Steigerung auf 400% gewesen. Steigt der Arbeitslohn von 5 auf 20,
       so sagen  wir, daß  er um 300 Prozent gestiegen sei; fällt er von
       20 auf  5, so sagen wir, er sei um 75% gefallen; aber der Betrag,
       um den  er in dem einen Fall steigt und in dem ändern fällt, wäre
       derselbe, nämlich  15 sh.  Es war  dies nun ein plötzlicher, bei-
       spielloser Wechsel  in der  Lohnrate, der zugleich eine Arbeiter-
       zahl in Mitleidenschaft zog, die um die Hälfte die Zahl der Land-
       arbeiter überstieg,  wenn nicht nur sämtliche direkt in der Baum-
       wollindustrie beschäftigten, sondern auch indirekt von ihr abhän-
       gigen Arbeiter  mitgerechnet werden.  Fiel nun  etwa der  Weizen-
       preis? Er   s t i e g   von einem Jahresdurchschnitt von 47 sh. 8
       d. per Quarter während der drei Jahre 1858-1860 auf einen Jahres-
       durchschnitt von  55 sh. 10 d. per Quarter während der drei Jahre
       1861-1863. Was  nun die  Zirkulationsmittel angeht,  so hatte die
       Münze 1861  8 673  232 Pfd.  St. gegenüber  3 378 102 Pfd. St. im
       Jahre 1860  geprägt. Das  heißt, 1861  war für 5 295 130 Pfd. St.
       mehr geprägt  worden als 1860. Allerdings waren 1861 um 1 319 000
       Pfd. St.  weniger Banknoten  im Umlauf  als 1860.  Zieht das  ab.
       Bleibt für  das Jahr  1861 im  Vergleich mit dem Prosperitätsjahr
       1860 immer  noch ein  Überschuß an Zirkulationsmitteln zum Betrag
       von 3  976 130  Pfd. St. oder ungefähr 4 Millionen Pfd. St.; aber
       der  Goldvorrat   der  Bank   von  England   hatte   gleichzeitig
       abgenommen, wenn  nicht genau,  so  doch  annähernd  im  gleichen
       Verhältnis.
       Vergleicht das  Jahr 1862  mit 1842.  Abgesehn von der gewaltigen
       Zunahme in  Wert und Menge der in Zirkulation gesetzten Waren be-
       trug das  zu regulären  Bedingungen auf Aktien, Anleihen etc. für
       die Eisenbahnen in England und Wales eingezahlte Kapital 1862 al-
       lein 320 Millionen Pfd. St.,
       
       #117# Lohn, Preis und Profit
       -----
       eine Summe,  die 1842  märchenhaft erschienen wäre. Dennoch waren
       die Gesamtquanta des 1862 und 1842 umlaufenden Geldes so ziemlich
       gleich; und  überhaupt werdet  ihr finden,  daß angesichts  einer
       enormen Wertsteigerung nicht nur von Waren, sondern allgemein al-
       ler Geldumsätze  das umlaufende Geld die Tendenz hat, in wachsen-
       dem Maß  abzunehmen. Von  Freund Westons  Standpunkt aus ist dies
       ein unlösbares Rätsel.
       Wäre er  etwas tiefer  in die Sache eingedrungen, so hätte er ge-
       funden, daß  - ganz  abgesehn vom Arbeitslohn und ihn als fix un-
       terstellend -  Wert und  Masse der  Waren, die  zirkuliert werden
       sollen, und  überhaupt der Betrag der Geldumsätze täglich schwan-
       ken; daß  die Menge  der ausgegebnen  Banknoten täglich schwankt;
       daß der Betrag der Zahlungen, die ohne Dazwischenkunft des Geldes
       mit Hilfe von Wechseln, Schecks, Buchkrediten, Verrechnungsbanken
       beglichen werden,  täglich schwankt; daß, soweit Bargeld als Zir-
       kulationsmittel erheischt, das Verhältnis zwischen zirkulierender
       Münze einerseits  und andrerseits  den Münzen  und Barren, die in
       Reserve gehalten werden oder in den Kellern der Banken ruhn, täg-
       lich schwankt; daß die Menge ungemünzten Edelmetalls, das von der
       nationalen Zirkulation absorbiert, und die Menge, die für die in-
       ternationale Zirkulation  ins  Ausland  geschickt  wird,  täglich
       schwanken. Er  hätte gefunden,  daß sein Dogma von den fixen Zir-
       kulationsmitteln ein  ungeheurer Irrtum  ist, unvereinbar mit der
       tagtäglichen Bewegung. Er würde die Gesetze untersucht haben, die
       es ermöglichen,  daß der  Geldumlauf sich  Umständen anpaßt,  die
       sich so ununterbrochen ändern, statt sein Mißverständnis betreffs
       der Gesetze  des Geldumlaufs in ein Argument gegen eine Lohnstei-
       gerung zu verwandeln.
       
       4. [Angebot und Nachfrage]
       
       Unser Freund  Weston hält sich an das lateinische Sprichwort, daß
       "repetitio est  mater studiorum",  d.h. daß  die Wiederholung die
       Mutter des  Studiums ist,  und demzufolge wiederholte er sein ur-
       sprüngliches Dogma  unter der neuen Form, daß die Kontraktion des
       Geldumlaufs, die  aus einer  Lohnerhöhung resultieren  soll, eine
       Abnahme des Kapitals hervorrufen würde etc. Nachdem seine Geldum-
       laufsmarotte abgetan,  halte ich  es für  ganz zwecklos,  von den
       imaginären Folgen Notiz zu nehmen, die seiner Einbildung nach aus
       seinen imaginären  Zirkulationsmißgeschicken entstehn.  Ich  will
       nunmehr sein   D o g m a,   das immer  e i n  u n d  d a s s e l-
       b e   ist, in  wieviel verschiednen  Gestalten es auch wiederholt
       wird,   a u f   s e i n e n   e i n f a c h s t e n  t h e o r e-
       t i s c h e n  A u s d r u c k  reduzieren.
       
       #118# Karl Marx
       -----
       Die unkritische  Art, in  der er seinen Gegenstand behandelt hat,
       wird aus  einer einzigen  Bemerkung klar.  Er spricht  sich gegen
       eine Lohnsteigerung oder gegen hohen Arbeitslohn als Resultat ei-
       ner solchen  Steigerung aus. Nun frage ich ihn: Was ist hoher und
       was ist  niedriger Arbeitslohn?  Warum bedeuten  z.B. 5 sh. einen
       niedrigen und  20 sh.  einen hohen Wochen-Sohn? Wenn 5 verglichen
       mit 20  niedrig ist, so ist 20 noch niedriger verglichen mit 200.
       Wenn jemand,  der eine  Vorlesung über  das Thermometer zu halten
       hat, damit  anfinge, über hohe und niedrige Grade zu deklamieren,
       so  würde  er  keinerlei  Kenntnisse  vermitteln.  Er  müßte  mir
       zunächst einmal sagen, wie der Gefrierpunkt gefunden wird und wie
       der Siedepunkt,  und wie  diese Festpunkte durch Naturgesetze be-
       stimmt werden,  nicht durch die Laune der Verkäufer oder Herstel-
       ler von  Thermometern. Mit  Bezug auf  Arbeitslohn und Profit hat
       Bürger Weston es nun nicht nur unterlassen, solche Festpunkte aus
       ökonomischen Gesetzen  abzuleiten, er hat es nicht einmal für nö-
       tig befunden,  sich danach umzusehn. Er gab sich damit zufrieden,
       die landläufigen Vulgärausdrücke "niedrig" und "hoch" als eindeu-
       tige Ausdrücke hinzunehmen, obgleich es in die Augen springt, daß
       Arbeitslöhne nur  hoch oder  niedrig genannt  werden können, wenn
       man sie  mit einem Standard vergleicht, woran ihre Größen zu mes-
       sen wären.
       Er wird  nicht imstande sein, mir zu erklären, warum ein bestimm-
       ter Geldbetrag  für eine  bestimmte  Arbeitsmenge  gegeben  wird.
       Sollte er mir antworten, "dies wurde durch das Gesetz von Angebot
       und Nachfrage bestimmt", so würde ich ihn zunächst einmal fragen,
       durch welches  Gesetz denn Angebot und Nachfrage selbst reguliert
       werden. Und dieser Einwand würde ihn sofort außer Gefecht setzen.
       Die Beziehungen  zwischen Angebot und Nachfrage von Arbeit erfah-
       ren fortwährend  Veränderungen und mit ihnen auch die Marktpreise
       der Arbeit.  Wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, so erhöht
       sich der  Arbeitslohn; wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt,
       so sinkt der Arbeitslohn, obgleich es unter diesen Umständen not-
       wendig werden  könnte, den wirklichen Stand von Nachfrage und Zu-
       fuhr  durch   einen  Streik   z.  B.  oder  in  andrer  Weise  zu
       e r m i t t e l n.   Erkennt ihr  aber Angebot  und Nachfrage als
       das den  Arbeitslohn regelnde  Gesetz an,  so wäre es ebenso kin-
       disch wie  zwecklos, gegen  eine Lohnsteigerung  zu wettern, weil
       eine periodische  Lohnsteigerung gemäß  dem obersten  Gesetz, auf
       das ihr euch beruft, ebenso notwendig und gesetzmäßig ist wie ein
       periodisches Fallen  des Arbeitslohns.  Wenn ihr  dagegen Angebot
       und Nachfrage  n i c h t  als das den Arbeitslohn regelnde Gesetz
       anerkennt, so frage ich nochmals, warum ein bestimmter Geldbetrag
       für eine bestimmte Arbeitsmenge gegeben wird?
       
       #119# Lohn, Preis und Profit
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       Um aber  die Sache  umfassender zu  betrachten: Ihr wärt sehr auf
       dem Holzweg, falls ihr glaubtet, daß der Wert der Arbeit oder je-
       der beliebigen  ändern Ware  in letzter Instanz durch Angebot und
       Nachfrage festgestellt werde. Angebot und Nachfrage regeln nichts
       als die  vorübergehenden   F l u k t u a t i o n e n   der Markt-
       preise. Sie werden euch erklären, warum der Marktpreis einer Ware
       über ihren  W e r t  steigt oder unter ihn fällt, aber sie können
       nie über  diesen   W e r t   selbst Aufschluß geben. Unterstellt,
       daß Angebot  und Nachfrage  sich die  Waage halten  oder, wie die
       Ökonomen das  nennen, einander decken. Nun, im selben Augenblick,
       wo diese entgegengesetzten Kräfte gleich werden, heben sie einan-
       der auf  und wirken nicht mehr in der einen oder der ändern Rich-
       tung. In  dem Augenblick,  wo Angebot  und Nachfrage einander die
       Waage  halten   und  daher   zu  wirken   aufhören,   fällt   der
       M a r k t p r e i s   einer Ware  mit ihrem   w i r k l i c h e n
       W e r t,   mit dem  Normalpreis zusammen, um den ihre Marktpreise
       oszillieren. Bei  Untersuchung der Natur dieses  W e r t s  haben
       wir daher  mit den  vorübergehenden Einwirkungen  von Angebot und
       Nachfrage auf  die Marktpreise nichts mehr zu schaffen. Das glei-
       che gilt vorn Arbeitslohn wie von den Preisen aller ändern Waren.
       
       5. [Löhne und Preise]
       
       Auf ihren  einfachsten theoretischen  Ausdruck  reduziert,  lösen
       sich alle  Argumente unsres  Freundes in  das einzige  Dogma auf:
       "Die Warenpreise werden bestimmt oder geregelt durch die Arbeits-
       löhne."
       Ich könnte  mich auf die praktische Beobachtung berufen, um Zeug-
       nis abzulegen  gegen diesen  längst  überholten  und  widerlegten
       Trugschluß. Ich  könnte darauf  hinweisen, daß die englischen Fa-
       brikarbeiter, Bergleute,  Schiffbauer usw.,  deren Arbeit relativ
       hoch bezahlt wird, durch die Wohlfeilheit ihres Produkts alle än-
       dern Nationen  ausstechen, während z.B. den englischen Landarbei-
       ter, dessen Arbeit relativ niedrig bezahlt wird, wegen der Teuer-
       keit seines Produkts fast jede andre Nation aussticht. Durch Ver-
       gleichung zwischen Artikeln ein und desselben Landes und zwischen
       Waren verschiedner  Länder könnte  ich - von einigen mehr schein-
       baren als  wirklichen Ausnahmen  abgesehn -  nachweisen,  daß  im
       Durchschnitt hochbezahlte  Arbeit Waren  mit niedrigem  Preis und
       niedrig bezahlte  Arbeit Waren  mit hohem  Preis produziert. Dies
       wäre natürlich  kein Beweis  dafür, daß der hohe Preis der Arbeit
       in dem  einen und  ihr niedriger Preis in dem ändern Fall die re-
       spektiven Ursachen so diametral entgegengesetzter Wirkungen sind,
       wohl aber wäre dies jedenfalls ein Beweis, daß
       
       #120# Karl Marx
       -----
       die Preise  der Waren  nicht von  den Preisen der Arbeit bestimmt
       werden. Indes  ist es  ganz überflüssig für uns, diese empirische
       Methode anzuwenden.
       Es könnte  vielleicht bestritten  werden, daß  Bürger Weston  das
       Dogma aufgestellt  hat: "Die Warenpreise werden bestimmt oder ge-
       regelt durch die Arbeitslöhne." Er hat es in der Tat niemals aus-
       gesprochen. Er sagte vielmehr, daß Profit und Rente ebenfalls Be-
       standteile der Warenpreise bilden, weil es die Warenpreise seien,
       woraus nicht  bloß die Löhne des Arbeiters, sondern auch die Pro-
       fite des Kapitalisten und die Renten des Grundeigentümers bezahlt
       werden müssen.  Wie stellt  er sich  aber die  Preisbildung  vor?
       Zunächst durch  den Arbeitslohn.  Sodann  wird  ein  zuschüssiger
       Prozentsatz zugunsten  des Kapitalisten und ein weitrer zugunsten
       des Grundeigentümers  daraufgeschlagen. Unterstellt, der Lohn für
       die in  der Produktion  einer Ware angewandte Arbeit sei 10. Wäre
       die Profitrate  100%, so würde der Kapitalist auf den vorgeschos-
       senen Arbeitslohn 10 aufschlagen, und wenn die Rentrate ebenfalls
       100% auf  den Arbeitslohn  betrüge, so  würden weitere  10 aufge-
       schlagen, und  der Gesamtpreis der Ware beliefe sich auf 30. Eine
       solche Bestimmung  der Preise  wäre aber  einfach ihre Bestimmung
       durch den  Arbeitslohn. Stiege im obigen Fall der Arbeitslohn auf
       20, so der Preis der Ware auf 60 usw. Demzufolge haben alle über-
       holten ökonomischen  Schriftsteller, die  dem Dogma,  daß der Ar-
       beitslohn die  Preise reguliere, Anerkennung verschaffen wollten,
       es damit  zu beweisen  gesucht, daß  sie Profit  und Rente  a l s
       b l o ß e   p r o z e n t u a l e    A u f s c h l ä g e    a u f
       d e n   A r b e i t s l o h n   behandelten. Keiner von ihnen war
       natürlich imstande, die Grenzen dieser Prozentsätze auf irgendein
       ökonomisches Gesetz  zu reduzieren. Sie scheinen vielmehr gedacht
       zu haben,  die Profite  würden durch  Tradition, Gewohnheit,  den
       Willen des  Kapitalisten oder  nach irgendeiner  ändern gleicher-
       weise willkürlichen  und unerklärlichen Methode festgesetzt. Wenn
       sie versichern,  die Konkurrenz  unter den Kapitalisten setze sie
       fest, so  sagen sie  gar nichts.  Zweifellos ist es diese Konkur-
       renz, wodurch  die verschiednen  Profitraten in  den verschiednen
       Geschäftszweigen ausgeglichen  oder auf  ein  Durchschnittsniveau
       reduziert werden,  aber nie  kann sie dies Niveau selbst oder die
       allgemeine Profitrate bestimmen.
       Was ist gemeint, wenn man sagt, daß die Warenpreise durch den Ar-
       beitslohn bestimmt  seien? Da Arbeitslohn nur ein andrer Name für
       den Preis  der Arbeit,  so ist  damit gemeint, daß die Preise der
       Waren durch  den Preis  der Arbeit  reguliert werden.  Da "Preis"
       Tauschwert ist  - und  wo ich  von Wert  spreche, ist  immer  von
       Tauschwert  die   Rede  -,   also  Tauschwert     i n     G e l d
       a u s g e d r ü c k t,  so läuft der Satz darauf hinaus, daß "der
       Wert der
       
       #121# Lohn, Preis und Profit"
       -----
       Waren bestimmt wird durch den Wert der Arbeit" oder daß "der Wert
       der Arbeit der allgemeine Wertmesser ist".
       Wie aber  wird dann  der "Wert  der Arbeit" selbst bestimmt? Hier
       kommen wir  an einen  toten Punkt. An einen toten Punkt natürlich
       nur, wenn  wir logisch  zu folgern  versuchen. Die Prediger jener
       Doktrin machen  mit logischen  Skrupeln allerdings kurzen Prozeß.
       Unser Freund  Weston zum  Beispiel. Erst erklärte er uns, daß der
       Arbeitslohn den  Warenpreis bestimme  und daß  folglich  mit  dem
       Steigen des  Arbeitslohns die  Preise steigen müßten. Dann machte
       er eine  Wendung, um uns weiszumachen, eine Lohnsteigerung sei zu
       nichts gut,  weil die  Warenpreise gestiegen  wären und  weil die
       Löhne in  der Tat  durch die Preise der Waren, worauf sie veraus-
       gabt, gemessen würden. Somit beginnen wir mit der Behauptung, daß
       der Wert  der Arbeit  den Wert  der Waren bestimme, und enden mit
       der Behauptung,  daß der  Wert der  Waren den Wert der Arbeit be-
       stimme. So  drehen wir uns in einem höchst fehlerhaften Kreislauf
       und kommen überhaupt zu keinem Schluß.
       Alles in  allem ist  es klar,  daß, wenn man den Wert einer Ware,
       sage von Arbeit, Korn oder jeder ändern Ware, zum allgemeinen Maß
       und Regulator  des Werts  macht, man  die Schwierigkeit  bloß von
       sich abschiebt,  da man  einen Wert  durch einen ändern bestimmt,
       der seinerseits wieder der Bestimmung bedarf.
       Auf seinen  abstraktesten Ausdruck gebracht, läuft das Dogma, daß
       "der Arbeitslohn  die Warenpreise  bestimmt", darauf  hinaus, daß
       "Wert durch  Wert bestimmt  ist", und  diese Tautologie bedeutet,
       daß wir  in Wirklichkeit  überhaupt nichts  über den Wert wissen.
       Halten wir  uns an  diese Prämisse, so wird alles Räsonieren über
       die allgemeinen  Gesetze der  politischen Ökonomie  zu leerem Ge-
       schwätz. Es  war daher  das große  Verdienst Ricardos,  daß er in
       seinem 1817 veröffentlichten Werk "On the Principles of Political
       Economy" den alten landläufigen und abgedroschnen Trugschluß, wo-
       nach "der  Arbeitslohn die  Preise bestimmt",  von Grund  aus zu-
       nichte machte, einen Trugschluß, den Adam Smith und seine franzö-
       sischen Vorgänger  in den wirklich wissenschaftlichen Partien ih-
       rer Untersuchungen  aufgegeben hatten,  den sie  aber in den mehr
       exoterischen und verflachenden Kapiteln dennoch wieder aufnahmen.
       
       6. [Wert und Arbeit]
       
       Bürger, ich  bin jetzt  an einen  Punkt gelangt,  wo ich  auf die
       wirkliche Entwicklung  der Frage eingehn muß. Ich kann nicht ver-
       sprechen, daß ich
       
       #122# Karl Marx
       -----
       dies in  sehr zufriedenstellender Weise tun werde, weil ich sonst
       gezwungen wäre,  das ganze Gebiet der politischen Ökonomie durch-
       zunehmen.  Ich   kann,  wie  die  Franzosen  sagen  würden,  bloß
       "effleurer la question", die Hauptpunkte berühren.
       Die erste  Frage, die  wir stellen  müssen, ist  die: Was ist der
       W e r t  einer Ware? Wie wird er bestimmt?
       Auf den  ersten Blick möchte es scheinen, daß der Wert einer Ware
       etwas ganz  R e l a t i v e s  und ohne die Betrachtung der einen
       Ware in  ihren Beziehungen zu allen ändern Waren gar nicht zu Be-
       stimmendes ist. In der Tat, wenn wir vom Wert, vom Tauschwert ei-
       ner Ware  sprechen, meinen  wir die  quantitativen  Proportionen,
       worin sie  sich mit  allen ändern Waren austauscht. Aber dann er-
       hebt sich  die Frage:  Wie werden  die Proportionen reguliert, in
       denen Waren sich miteinander austauschen?
       Wir wissen  aus Erfahrung,  daß diese Proportionen unendlich man-
       nigfaltig sind.  Nehmen wir  eine einzelne  Ware, z.B. Weizen, so
       finden wir, daß ein Quarter Weizen sich in fast unzähligen Varia-
       tionen von Proportionen mit den verschiedensten Waren austauscht.
       Indes,   d a   s e i n    W e r t    s t e t s    d e r s e l b e
       b l e i b t,  ob in Seide, Gold oder irgendeiner ändern Ware aus-
       gedrückt, so  muß er  etwas von  diesen   v e r s c h i e d n e n
       P r o p o r t i o n e n   d e s   A u s t a u s c h e s  mit ver-
       schiednen Artikeln  Unterschiedliches und  Unabhängiges sein.  Es
       muß möglich  sein, diese mannigfachen Gleichsetzungen mit mannig-
       fachen Waren in einer davon sehr verschiednen Form auszudrücken.
       Sage ich  ferner, daß  ein Quarter Weizen sich in bestimmter Pro-
       portion mit  Eisen austauscht  oder daß  der Wert  eines Quarters
       Weizen in  einer bestimmten Menge Eisen ausgedrückt wird, so sage
       ich, daß  der Weizenwert  und sein  Äquivalent  in  Eisen    i r-
       g e n d e i n e m   D r i t t e n   gleich sind, das weder Weizen
       noch Eisen ist, weil ich ja unterstelle, daß beide dieselbe Größe
       m zwei  verschiednen Gestalten  ausdrücken. Jedes der beiden, der
       Weizen und das Eisen, muß daher unabhängig vom ändern reduzierbar
       sein auf dies Dritte, das ihr gemeinsames Maß ist.
       Ein ganz  einfaches geometrisches  Beispiel veranschauliche dies.
       Wie verfahren  wir, wenn wir die Flächeninhalte von Dreiecken al-
       ler erdenklichen Form und Größe oder von Dreiecken mit Rechtecken
       oder ändern  gradlinigen Figuren  vergleichen? Wir reduzieren den
       Flächeninhalt jedes  behebigen  Dreiecks  auf  einen  von  seiner
       sichtbaren Form  ganz verschiednen  Ausdruck. Nachdem wir aus der
       Natur des  Dreiecks gefunden,  daß sein  Flächeninhalt gleich ist
       dem halben  Produkt aus seiner Grundlinie und seiner Höhe, können
       wir nunmehr die verschiednen Flächeninhalte aller Arten von Drei-
       ecken und aller erdenklichen gradlinigen Figuren miteiander
       
       #123# Lohn, Preis und Profit
       -----
       vergleichen, weil sie alle in eine bestimmte Anzahl von Dreiecken
       zerlegt werden können.
       Dieselbe Verfahrungsweise  muß bei den Werten der Waren stattfin-
       den. Wir müssen imstande sein, sie alle auf einen allen gemeinsa-
       men Ausdruck  zu reduzieren und sie nur durch die Proportionen zu
       unterscheiden, worin  sie eben jenes und zwar identische Maß ent-
       halten.
       Da die   T a u s c h w e r t e    der  Waren  nur    g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e  F u n k t i o n e n  dieser Dinge sind und
       gar nichts  zu tun haben mit ihren  n a t ü r l i c h e n  Quali-
       täten, so  fragt es  sich zunächst:  Was ist die gemeinsame  g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e   S u b s t a n z   aller Waren? Es
       ist die   A r b e i t.  Um eine Ware zu produzieren, muß eine be-
       stimmte Menge  Arbeit auf sie verwendet oder in ihr aufgearbeitet
       werden. Dabei  sage ich  nicht bloß   A r b e i t,  sondern  g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e   A r b e i t.   Wer einen  Artikel
       für seinen  eignen  unmittelbaren  Gebrauch  produziert,  um  ihn
       selbst zu  konsumieren, schafft  zwar ein   P r o d u k t,   aber
       keine   W a r e.   Als  selbstwirtschaftender  Produzent  hat  er
       nichts mit  der Gesellschaft  zu tun.  Aber um  eine  W a r e  zu
       produzieren, muß  der  von  ihm  produzierte  Artikel  nicht  nur
       irgendein  g e s e l l s c h a f t l i c h e s  Bedürfnis befrie-
       digen, sondern  seine Arbeit selbst muß Bestandteil und Bruchteil
       der von  der Gesellschaft verausgabten Gesamtarbeitssumme bilden.
       Seine Arbeit  muß unter  die   T e i l u n g   d e r  A r b e i t
       i n n e r h a l b   d e r   G e s e l l s c h a f t    subsumiert
       sein. Sie  ist nichts  ohne die  ändern Teilarbeiten,  und es ist
       erheischt, daß sie für ihr Teil diese  e r g ä n z t.
       Wenn wir   W a r e n  a l s  W e r t e  betrachten, so betrachten
       wir sie  ausschließlich unter  dem einzigen  Gesichtspunkt der in
       ihnen     v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e n,     d a r g e-
       s t e l l t e n   oder,  wenn  es  beliebt,    k r i s t a l l i-
       s i e r t e n   g e s e l l s c h a f t l i c h e n  A r b e i t.
       In dieser Hinsicht können sie sich nur  u n t e r s c h e i d e n
       durch die  in ihnen  repräsentierten größeren  oder kleineren Ar-
       beitsquanta, wie  z.B. in  einem seidnen Schnupftuch eine größere
       Arbeitsmenge aufgearbeitet sein mag als in einem Ziegelstein. Wie
       aber mißt  man   A r b e i t s q u a n t a?   Nach der  D a u e r
       d e r   A r b e i t s z e i t,  indem man die Arbeit nach Stunde,
       Tag etc.  mißt. Um dieses Maß anzuwenden, reduziert man natürlich
       alle Arbeitsarten  auf durchschnittliche oder einfache Arbeit als
       ihre Einheit.
       Wir kommen  daher zu  folgendem Schluß.  Eine Ware  hat  W e r t,
       weil sie  K r i s t a l l i s a t i o n  g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e r   A r b e i t   ist. Die  G r ö ß e  ihres Werts oder
       ihr   r e l a t i v e r   Wert hängt  ab von  der  größeren  oder
       geringeren Menge  dieser  in  ihr  enthaltnen  gesellschaftlichen
       Substanz; d.h.  von der zu ihrer Produktion notwendigen relativen
       Arbeitsmasse. Die  r e l a t i v e n  W e r t e  d e r  W a r e n
       werden daher  bestimmt durch  die    r e s p e k t i v e n    i n
       i h n e n     a u f g e a r b e i t e t e n,     v e r g e g e n-
       s t ä n d l i c h t e n,   d a r g e s t e l l t e n  Q u a n t a
       oder   M e n g e n   v o n  A r b e i t.  Die  k o r r e l a t i-
       v e n   Warenquanta, die  in   d e r s e l b e n   A r b e i t s-
       z e i t  produziert werden können,
       
       #124# Karl Marx
       -----
       sind   g l e i c h.   Oder der  Wert einer  Ware verhält sich zum
       Wert einer ändern Ware wie das Quantum der in der einen Ware dar-
       gestellten Arbeit  zu dem  Quantum der  in der ändern Ware darge-
       stellten Arbeit.
       Ich habe  den Verdacht, daß viele von euch fragen werden: Besteht
       denn in  der Tat  ein so  großer oder  überhaupt irgendein Unter-
       schied zwischen  der Bestimmung  der Werte  der Waren  durch  den
       A r b e i t s l o h n   und ihrer  Bestimmung durch die  r e l a-
       t i v e n   A r b e i t s q u a n t a,   die zu  ihrer Produktion
       notwendig?  Ihr   müßt  indes   gewahr  geworden  sein,  daß  das
       E n t g e l t   für die Arbeit und das  Q u a n t u m  der Arbeit
       ganz verschiedenartige  Dinge sind.  Angenommen  z.B.,  in  einem
       Quarter Weizen  und einer  Unze Gold  seien   g l e i c h e  A r-
       b e i t s q u a n t a   dargestellt. Ich  greife auf das Beispiel
       zurück, weil  Benjamin Franken  es in seinem ersten Essay benutzt
       hat, der  1729   1*) unter  dem Titel  "A Modest  Inquiry to  the
       Nature and  Necessity of  a Paper  Currency" veröffentlicht wurde
       und worin  er als einer der ersten der wahren Natur des Werts auf
       die Spur kam. Schön. Wir unterstellen nun, daß ein Quarter Weizen
       und eine  Unze Gold  g l e i c h e  W e r t e  oder  Ä q u i v a-
       l e n t e   sind,  weil  sie    K r i s t a l l i s a t i o n e n
       g l e i c h e r   M e n g e n   v o n  D u r c h s c h n i t t s-
       a r b e i t   soundso vieler  jeweils in  ihnen dargestellter Ar-
       beitstage oder  -wochen sind. Nehmen wir nun dadurch, daß wir die
       relativen Werte von Gold und Korn bestimmen, in irgendeiner Weise
       Bezug auf  die Arbeitslöhne  des Landarbeiters und des Bergarbei-
       ters?  Nicht   im  geringsten.  Wir  lassen  es  ganz    u n b e-
       s t i m m t,  w i e  ihre Tages- oder Wochenarbeit bezahlt, ja ob
       überhaupt Lohnarbeit  angewandt worden ist. Geschah dies, so kann
       der Arbeitslohn  sehr ungleich gewesen sein. Der Arbeiter, dessen
       Arbeit in  dem Quarter  Weizen vergegenständlicht ist, mag bloß 2
       Bushel, der  im Bergbau beschäftigte Arbeiter mag die eine Hälfte
       der Unze  Gold erhalten haben. Oder, ihre Arbeitslöhne als gleich
       unterstellt, es  können diese  in allen erdenklichen Proportionen
       abweichen von  den Werten  der von  ihnen produzierten Waren. Sie
       können sich auf die Hälfte, ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel
       oder jeden ändern aliquoten Teil des einen Quarters Korn oder der
       einen Unze  Gold belaufen.  Ihre  A r b e i t s l ö h n e  können
       natürlich die  Werte  der  von  ihnen  produzierten  Waren  nicht
       ü b e r s c h r e i t e n,   nicht   g r ö ß e r  sein, wohl aber
       können sie  in jedem  möglichen Grad  g e r i n g e r  sein. Ihre
       A r b e i t s l ö h n e   werden ihre  G r e n z e  h a b e n  an
       den   W e r t e n   der Produkte,  aber die  W e r t e  i h r e r
       P r o d u k t e  werden nicht ihre Grenze haben an ihren Arbeits-
       löhnen. Was  indes die Hauptsache: die Werte, die relativen Werte
       von Korn und Gold z.B., sind ohne jede Rücksicht auf den Wert der
       angewandten Arbeit, d.h. den
       -----
       1*) Im Manuskript irrtümlich: 1721
       
       #125# Lohn, Preis und Profit
       -----
       A r b e i t s l o h n,   festgesetzt worden.  Die Bestimmung  der
       Werte der  Waren durch  die  i n  i h n e n  d a r g e s t e l l-
       t e n   r e l a t i v e n   A r b e i t s q u a n t a   ist daher
       etwas durchaus  Verschiedenes von  der tautologischen Manier, die
       Werte der  Waren durch  den  Wert  der  Arbeit  oder  den    A r-
       b e i t s l o h n   zu bestimmen.  Dieser  Punkt  wird  indes  im
       Fortgang unserer Untersuchung noch näher beleuchtet werden.
       Bei Berechnung des Tauschwerts einer Ware müssen wir zu dem Quan-
       tum der   z u l e t z t   auf  sie angewandten Arbeit noch  d a s
       f r ü h e r   i n   dem Rohstoff der Ware aufgearbeitete Arbeits-
       quantum hinzufügen, ferner die Arbeit, die auf Geräte, Werkzeuge,
       Maschinerie und  Baulichkeiten verwendet  worden, die  bei dieser
       Arbeit mitwirken.  Zum Beispiel  ist der  Wert  einer  bestimmten
       Menge Baumwollgarn  die Kristallisation  des Arbeitsquantums, das
       der Baumwolle  während des  Spinnprozesses zugesetzt  worden, des
       Arbeitsquantums, das  früher in  der Baumwolle  selbst  vergegen-
       ständlicht worden,  des  Arbeitsquantums,  vergegenständlicht  in
       Kohle, Öl  und ändern verbrauchten Hilfsstoffen, des Arbeitsquan-
       tums, dargestellt in der Dampfmaschine, den Spindeln, den Fabrik-
       gebäuden usw.  Die Produktionsinstrumente  im eigentlichen  Sinn,
       wie Werkzeuge,  Maschinerie, Baulichkeiten,  dienen für eine län-
       gere oder  kürzere Periode  immer aufs  neue während wiederholter
       Produktionsprozesse. Würden  sie auf  einmal verbraucht  wie  der
       Rohstoff, so würde ihr ganzer Wert auf einmal auf die Waren über-
       tragen, bei  deren Produktion sie mitwirken. Da aber eine Spinde!
       z.B. nur  nach und  nach verbraucht  wird, so  wird auf Grund der
       Durchschnittszeit, die  sie dauert, und ihrer allmählichen Abnut-
       zung oder ihres durchschnittlichen Verschleißes während einer be-
       stimmten Periode,  sage eines Tages, eine Durchschnittsberechnung
       angestellt. Auf  diese Weise  berechnen wir, wieviel vom Wert der
       Spindel auf  das täglich gesponnene Garn übertragen wird und wie-
       viel daher  von der Gesamtmenge der z.B. in einem Pfund Garn ver-
       gegenständlichten Arbeit  auf die früher in der Spindel vergegen-
       ständlichte Arbeit  kommt. Für  unsern gegenwärtigen Zweck ist es
       nicht notwendig, länger bei diesem Punkt zu verweilen.
       Es könnte  scheinen, daß,  wenn der  Wert einer Ware bestimmt ist
       durch das   a u f  i h r e  P r o d u k t i o n  v e r w e n d e-
       t e   A r b e i t s q u a n t u m,   je fauler oder ungeschickter
       ein Mann,  desto wertvoller  seine  Ware,  weil  die  Zeit  desto
       größer, die zur Verfertigung der Ware erheischt. Dies wäre jedoch
       ein bedauerlicher  Irrrtum. Ihr werdet euch erinnern, daß ich das
       Wort  "g e s e l l s c h a f t l i c h e  Arbeit" gebrauchte, und
       diese Qualifizierung  "g e s e l l s c h a f t l i c h"  schließt
       viele Momente  in sich.  Sagen wir,  der Wert  einer  Ware  werde
       bestimmt durch  das m  ihr  aufgearbeitete  oder  kristallisierte
       A r b e i t s q u a n t u m,   s o   meinen  wir    d a s    A r-
       b e i t s q u a n t u m,   n o t w e n d i g  zu ihrer Produktion
       in einem gegebnen Gesellschaftszustand,
       
       #126# Karl Marx
       -----
       unter bestimmten  gesellschaftlichen Durchschnittsbedingungen der
       Produktion, mit  einer gegebnen  gesellschaftlichen Durchschnitt-
       sintensität und Durchschnittsgeschicklichkeit der angewandten Ar-
       beit. Als  in England  der Dampfwebstuhl  mit dem Handwebstuhl zu
       konkurrieren begann,  ward nur  halb soviel Arbeitszeit erforder-
       lich wie  früher, um  eine gegebne  Menge Garn in eine Elle Baum-
       wollgewebe oder  Tuch zu verwandeln. Der arme Handweber arbeitete
       jetzt 17  oder 18 Stunden täglich statt 9 oder 10 Stunden früher.
       Aber das  Produkt seiner  zwanzigstündigen Arbeit  repräsentierte
       jetzt nur  noch 10 Stunden gesellschaftliche Arbeit oder 10 Stun-
       den Arbeit,  gesellschaftlich notwendig,  um eine bestimmte Menge
       Garn in Textilstoffe zu verwandeln. Das Produkt seiner 20 Stunden
       hatte daher  nicht mehr  Wert als  das Produkt  seiner frühern 10
       Stunden.
       Wenn nun  das Quantum  der in  den Waren vergegenständlichten ge-
       sellschaftlich notwendigen  Arbeit ihre Tauschwerte reguliert, so
       muß jede Zunahme des zur Produktion einer Ware erforderlichen Ar-
       beitsquantums ebenso  ihren Wert vergrößern, wie jede Abnahme ihn
       vermindern muß.
       Blieben die  zur Produktion der respektiven Waren notwendigen re-
       spektiven Arbeitsquanta  konstant, so  wären ihre relativen Werte
       ebenfalls konstant.  Dies ist jedoch nicht der Fall. Das zur Pro-
       duktion einer Ware notwendige Arbeitsquantum wechselt ständig mit
       dem Wechsel in der Produktivkraft der angewandten Arbeit. Je grö-
       ßer die Produktivkraft der Arbeit, desto mehr Produkt wird in ge-
       gebner Arbeitszeit verfertigt, und je geringer die Produktivkraft
       der Arbeit,  desto weniger.  Ergibt sich  z.B. durch das Wachstum
       der Bevölkerung  die Notwendigkeit,  minder fruchtbaren  Boden in
       Bebauung zu  nehmen, so könnte dieselbe Menge Produkt nur erzielt
       werden, wenn  eine größere Menge Arbeit verausgabt würde, und der
       Wert des  landwirtschaftlichen Produkts  würde folglich  steigen.
       Andrerseits, wenn ein einzelner Spinner mit modernen Produktions-
       mitteln in  einem Arbeitstag  eine vieltausendmal  größere  Menge
       Baumwolle in  Garn verwandelt,  als er  in derselben Zeit mit dem
       Spinnrad hätte  verspinnen können, so ist es klar, daß jedes ein-
       zelne Pfund  Baumwolle vieltausendmal weniger Spinnarbeit aufsau-
       gen wird als vorher und folglich der durch das Spinnen jedem ein-
       zelnen Pfund  Baumwolle zugesetzte  Wert tausendmal  kleiner sein
       wird als vorher. Der Wert des Garns wird entsprechend sinken.
       Abgesehn von  den Unterschieden  in den  natürlichen Energien und
       den erworbnen  Arbeitsgeschicken verschiedner Völker muß die Pro-
       duktivkraft der Arbeit in der Hauptsache abhängen:
       1. von den Naturbedingungen der Arbeit, wie Fruchtbarkeit des Bo-
       dens, Ergiebigkeit der Minen usw.
       
       #127# Lohn, Preis und Profit
       -----
       2. von der  fortschreitenden Vervollkommnung  der    g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e n   K r ä f t e   d e r   A r b e i t,  wie
       sie  sich  herleiten  aus  Produktion  auf  großer  Stufenleiter,
       Konzentration des  Kapitals und  Kombination der  Arbeit, Teilung
       der Arbeit,  Maschinerie, verbesserten Methoden, Anwendung chemi-
       scher und  andrer natürlicher  Kräfte, Zusammendrängung  von Zeit
       und Raum  durch Kommunikations- und Transportmittel und aus jeder
       ändern Einrichtung,  wodurch die  Wissenschaft Naturkräfte in den
       Dienst der  Arbeit zwingt  und wodurch der gesellschaftliche oder
       kooperierte Charakter  der Arbeit  zur  Entwicklung  gelangt.  Je
       größer die  Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die auf eine
       gegebne Menge  Produkt verwendete  Arbeit; desto kleiner also der
       Wert des  Produkts. Je  geringer die  Produktivkraft der  Arbeit,
       desto größer  die auf  dieselbe Menge  Produkt verwendete Arbeit;
       desto größer  also sein  Wert. Als  allgemeines Gesetz können wir
       daher aufstellen:
       Die   W e r t e   d e r   W a r e n  s i n d  d i r e k t  p r o-
       p o r t i o n a l   d e n   a u f   i h r e   P r o d u k t i o n
       a n g e w a n d t e n  A r b e i t s z e i t e n  u n d  u m g e-
       k e h r t   p r o p o r t i o n a l   d e r    P r o d u k t i v-
       k r a f t  d e r  a n g e w a n d t e n  A r b e i t.
       Nachdem ich bis jetzt nur vom  W e r t gesprochen, werde ich noch
       einige Worte  hinzufügen über den  P r e i s,  der eine eigentüm-
       liche Form ist, die der Wert annimmt.
       Preis ist  an sich nichts als der  G e l d a u s d r u c k  d e s
       W e r t s.   Hierzulande z.B.  werden die  Werte aller  Waren  in
       Goldpreisen, auf  dem Kontinent  dagegen hauptsächlich in Silber-
       preisen ausgedrückt.  Der Wert von Gold oder Silber wie der aller
       ändern Waren  wird reguliert von dem zu ihrer Erlangung notwendi-
       gen Arbeitsquantum. Eine bestimmte Menge eurer einheimischen Pro-
       dukte, worin  ein bestimmter  Betrag eurer nationalen Arbeit kri-
       stallisiert ist,  tauscht ihr  aus gegen das Produkt der Gold und
       Silber produzierenden  Länder, in  welchem ein bestimmtes Quantum
       i h r e r   Arbeit kristallisiert  ist. Es  ist in  dieser Weise,
       faktisch durch  Tauschhandel, daß  ihr lernt, die Werte aller Wa-
       ren, d.  h. die respektiven auf sie verwendeten Arbeitsquanta, in
       Gold und  Silber auszudrücken.   D e n    G e l d a u s d r u c k
       d e s   W e r t s   etwas näher  betrachtet, oder,  was dasselbe,
       d i e   V e r w a n d l u n g   d e s  W e r t s  i n  P r e i s,
       werdet ihr  finden, daß  dies ein  Verfahren ist, wodurch ihr den
       W e r t e n   aller Waren  eine  u n a b h ä n g i g e  und  h o-
       m o g e n e    F o r m    verleiht  oder  sie  als    Q u a n t a
       g l e i c h e r   gesellschaftlicher Arbeit ausdrückt. Soweit der
       Preis nichts  ist als  der Geldausdruck  des Werts,  hat ihn Adam
       Smith den  "natürlichen Preis",  haben ihn die französischen Phy-
       siokraten den "prix nécessaire" 1*) genannt.
       -----
       1*) "notwendigen Preis"
       
       #128# Karl Marx
       -----
       Welche  Beziehung   besteht  nun   zwischen    W e r t e n    und
       M a r k t p r e i s e n   oder  zwischen    n a t ü r l i c h e n
       P r e i s e n   und  M a r k t p r e i s e n?  Ihr alle wißt, daß
       der     M a r k t p r e i s     für  alle   Waren  derselben  Art
       d e r s e l b e   ist, wie  verschieden immer die Bedingungen der
       Produktion für  die einzelnen  Produzenten sein mögen. Die Markt-
       preise drücken  nur die  unter den  Durchschnittsbedingungen  der
       Produktion für  die Versorgung  des Markts  mit einer  bestimmten
       Masse  eines   bestimmten   Artikels   notwendige      D u r c h-
       s c h n i t t s m e n g e     g e s e l l s c h a f t l i c h e r
       A r b e i t   aus. Er  wird aus  der Gesamtheit aller Waren einer
       bestimmten Gattung errechnet.
       Soweit fällt  der   M a r k t p r e i s   einer  Ware  mit  ihrem
       W e r t  zusammen. Andrerseits hängen die Schwankungen der Markt-
       preise bald  über, bald  unter den Wert oder natürlichen Preis ab
       von den  Fluktuationen des Angebots und der Nachfrage. Abweichun-
       gen der  Marktpreise von  den Werten erfolgen also ständig, aber,
       sagt Adam Smith:
       
       "Der natürliche  Preis ist also gewissermaßen das Zentrum, zu dem
       die Preise  aller Waren  beständig gravitieren.  Verschiedene Zu-
       fälle können  sie mitunter hoch darüber erheben und manchmal dar-
       unter herabdrücken.  Welches aber  immer die Umstände sein mögen,
       die sie  hindern, in  diesem Zentrum  der Ruhe  und Beharrung zum
       Stillstand zu kommen, sie streben ihm beständig zu." [105]
       
       Ich kann jetzt nicht näher auf diesen Punkt eingehn. Es genügt zu
       sagen, daß,   w e n n   Angebot  und Nachfrage einander die Waage
       halten, die  Marktpreise der Waren ihren natürlichen Preisen ent-
       sprechen werden,  d.h. ihren  durch die respektiven zu ihrer Pro-
       duktion erheischten Arbeitsquanta bestimmten Werten. Aber Angebot
       und Nachfrage   m ü s s e n  einander ständig auszugleichen stre-
       ben, obgleich  dies nur  dadurch geschieht,  daß eine Fluktuation
       durch eine andre, eine Zunahme durch eine Abnahme aufgehoben wird
       und umgekehrt. Wenn ihr, statt nur die täglichen Fluktuationen zu
       betrachten, die  Bewegung der  Marktpreise für  längere  Perioden
       analysiert, wie dies z.B. Tooke in seiner "History of Prices" ge-
       tan, so werdet ihr finden, daß die Fluktuationen der Marktpreise,
       ihre Abweichungen von den Werten, ihre Auf- und Abbewegungen ein-
       ander ausgleichen  und aufheben, so daß, abgesehn von der Wirkung
       von Monopolen  und einigen  ändern Modifikationen,  die ich  hier
       übergehn muß,  alle Gattungen  von Waren im Durchschnitt zu ihren
       respektiven   W e r t e n  oder natürlichen Preisen verkauft wer-
       den. Die Durchschnittsperioden, während welcher die Fluktuationen
       der Marktpreise einander aufheben, sind für verschiedne Warensor-
       ten verschieden, weil es mit der einen Sorte leichter gelingt als
       mit der ändern, das Angebot der Nachfrage anzupassen.
       
       #129# Lohn, Preis und Profit
       -----
       Wenn nun, allgemeiner gesprochen und mit Einschluß etwas längerer
       Perioden, alle  Gattungen von  Waren zu  ihren respektiven Werten
       verkauft werden,  so ist es Unsinn zu unterstellen, daß die stän-
       digen und  in verschiednen  Geschäftszweigen üblichen  Profite  -
       nicht etwa  der Profit  in einzelnen Fällen - aus einem Aufschlag
       auf die  Preise der Waren entspringen oder daraus, daß sie zu ei-
       nem Preis weit über ihrem  W e r t  verkauft werden. Die Absurdi-
       tät dieser Vorstellung springt in die Augen, sobald sie verallge-
       meinert wird.  Was einer  als Verkäufer ständig gewönne, würde er
       als Käufer  ebenso ständig  verlieren. Es würde zu nichts führen,
       wollte man  sagen, daß  es Menschen  gibt, die  Käufer sind, ohne
       Verkäufer zu  sein, oder  Konsumenten, ohne  Produzenten zu sein.
       Was diese  Leute den  Produzenten zahlen, müssen sie zunächst um-
       sonst von  ihnen erhalten. Wenn einer erst euer Geld nimmt und es
       dann dadurch  zurückgibt, daß  er eure Waren kauft, so werdet ihr
       euch nie  dadurch bereichern,  daß ihr  eure Waren  diesem selben
       Mann zu  teuer verkauft.  Ein derartiger Umsatz könnte einen Ver-
       lust verringern,  würde aber niemals dazu verhelfen, einen Gewinn
       zu realisieren.
       Um daher  die   a l l g e m e i n e   N a t u r   d e s    P r o-
       f i t s   zu erklären, müßt ihr von dem Grundsatz ausgehn, daß im
       Durchschnitt Waren   z u   i h r e n  w i r k l i c h e n  W e r-
       t e n   v e r k a u f t   werden und  daß  P r o f i t e  s i c h
       h e r l e i t e n   a u s  d e m  V e r k a u f  d e r  W a r e n
       z u   i h r e n  W e r t e n,  d.h. im Verhältnis zu dem in ihnen
       vergegenständlichten Arbeitsquantum.  Könnt ihr  den Profit nicht
       unter dieser  Voraussetzung erklären,  so könnt ihr ihn überhaupt
       nicht erklären.  Dies scheint  paradox und  der alltäglichen Beo-
       bachtung widersprechend.  Es ist  ebenso paradox, daß die Erde um
       die  Sonne   kreist  und  daß  Wasser  aus  zwei  äußerst  leicht
       entflammenden Gasen besteht. Wissenschaftliche Wahrheit ist immer
       paradox vom  Standpunkt der  alltäglichen Erfahrung,  die nur den
       täuschenden Schein der Dinge wahrnimmt.
       
       7. Die Arbeitskraft
       
       Nachdem wir  nun, soweit  es in  so flüchtiger Weise möglich war,
       die Natur  des   W e r t s,   des   W e r t s   j e d e r    b e-
       l i e b i g e n  W a r e  analysiert haben, müssen wir unsre Auf-
       merksamkeit dem  spezifischen   W e r t   d e r  A r b e i t  zu-
       wenden. Und  hier muß ich euch wieder mit einem scheinbaren Para-
       doxon überraschen.  Ihr alle  seid fest  überzeugt, daß,  was ihr
       täglich verkauft,  eure Arbeit  sei; daß  daher die  Arbeit einen
       Preis habe und daß, da der Preis einer Ware bloß der Geldausdruck
       ihres Werts, es sicherlich so etwas wie den
       
       #130# Karl Marx
       -----
       W e r t   d e r  A r b e i t  geben müsse. Indes existiert nichts
       von der  Art, was im gewöhnlichen Sinn des Wortes  W e r t  d e r
       A r b e i t   genannt wird.  Wir haben  gesehn, daß  die in einer
       Ware kristallisierte  Menge notwendiger Arbeit ihren Wert konsti-
       tuiert. Wie  können wir  nun, indem wir diesen Wertbegriff anwen-
       den, sage  den Wert  eines zehnstündigen  Arbeitstags  bestimmen?
       Wieviel Arbeit  enthält dieser  Arbeitstag? Zehnstündige  Arbeit.
       Vom Wert eines zehnstündigen Arbeitstags auszusagen, daß er zehn-
       stündiger Arbeit  oder dem darin enthaltnen Arbeitsquantum gleich
       sei, wäre  ein tautologischer  und überdies  unsinniger Ausdruck.
       Nachdem wir  einmal den richtigen, aber versteckten Sinn des Aus-
       drucks "Wert  der Arbeit" gefunden, werden wir natürlich imstande
       sein, diese  irrationale und anscheinend unmögliche Anwendung des
       Begriffs Wert  richtig zu  deuten, ebenso  wie wir  imstande sein
       werden, die  scheinbare oder  bloß phänomenale  Bewegung der Him-
       melskörper zu  erkennen, nachdem  wir einmal ihre wirkliche Bewe-
       gung erkannt.
       Was der  Arbeiter verkauft,  ist nicht direkt seine  A r b e i t,
       sondern seine   A r b e i t s k r a f t,  über die er dem Kapita-
       listen vorübergehend die Verfügung überläßt. Dies ist so sehr der
       Fall, daß  - ich  weiß nicht,  ob durch englisches Gesetz, jeden-
       falls  aber   durch  einige  Gesetze  auf  dem  Kontinent  -  die
       m a x i m a l e   Z e i t d a u e r,   wofür ein  Mann seine  Ar-
       beitskraft verkaufen darf, festgestellt ist. Wäre es ihm erlaubt,
       das für  jeden beliebigen  Zeitraum zu tun, so wäre ohne weiteres
       die Sklaverei wiederhergestellt. Wenn solch ein Verkauf sich z.B.
       auf seine  ganze Lebensdauer  erstreckte, so würde er dadurch auf
       einen Schlag  zum lebenslänglichen  Sklaven seines  Lohnherrn ge-
       macht.
       Einer der  ältesten Ökonomen  und originellsten  Philosophen Eng-
       lands - Thomas Hobbes - hat in seinem "Leviathan" schon vorahnend
       auf diesen  von allen seinen Nachfolgern übersehenen Punkt hinge-
       wiesen. Er sagt:
       
       "D e r  W e r t  1*)  e i n e s  M e n s c h e n  ist wie der al-
       ler anderen Dinge sein  P r e i s:  das heißt soviel, als für die
       B e n u t z u n g  s e i n e r  K r a f t  gegeben würde."
       
       Von  dieser  Basis  ausgehend,  werden  wir  imstande  sein,  den
       W e r t   d e r   A r b e i t   wie den aller ändern Waren zu be-
       stimmen.
       Bevor wir  jedoch dies tun, könnten wir fragen, woher die sonder-
       bare Erscheinung  kommt, daß wir auf dem Markt eine Gruppe Käufer
       finden, die Besitzer von Boden, Maschinerie, Rohstoff und Lebens-
       mitteln sind,  die alle,  abgesehn von  Boden in seinem rohen Zu-
       stand,   P r o d u k t e   d e r   A r b e i t  sind, und auf der
       ändern Seite eine Gruppe Verkäufer, die nichts zu verkaufen
       -----
       1*) Im Manuskript: value or worth
       
       #131# Lohn, Preis und Profit
       -----
       haben außer  ihre Arbeitskraft,  ihre werktätigen Arme und Hirne.
       Daß die  eine Gruppe  ständig kauft, um Profit zu machen und sich
       zu bereichern,  während die  andre ständig verkauft, um ihren Le-
       bensunterhalt zu  verdienen? Die  Untersuchung dieser  Frage wäre
       eine Untersuchung über das, was die Ökonomen "Vorgängige oder ur-
       sprüngliche Akkumulation"  nennen,  was  aber    u r s p r ü n g-
       l i c h e   E x p r o p r i a t i o n  genannt werden sollte. Wir
       würden finden,  daß diese  sogenannte   u r s p r ü n g l i c h e
       A k k u m u l a t i o n   nichts andres  bedeutet als  eine Reihe
       historischer Prozesse,  die in  einer    A u f l ö s u n g    der
       u r s p r ü n g l i c h e n   E i n h e i t   zwischen dem Arbei-
       tenden und  seinen Arbeitsmitteln  resultieren. Solch eine Unter-
       suchung  fällt  jedoch  außerhalb  des  Rahmens  meines  jetzigen
       Themas. Sobald einmal die  T r e n n u n g  zwischen dem Mann der
       Arbeit und  den Mitteln  der Arbeit  vollzogen, wird  sich dieser
       Zustand erhalten  und auf  ständig wachsender Stufenleiter repro-
       duzieren, bis eine neue und gründliche Umwälzung der Produktions-
       weise ihn  wieder umstürzt und die ursprüngliche Einheit in neuer
       historischer Form wiederherstellt.
       Was ist nun also der  W e r t  d e r  A r b e i t s k r a f t?
       Wie der  jeder ändern Ware ist der Wert bestimmt durch das zu ih-
       rer Produktion  notwendige Arbeitsquantum. Die Arbeitskraft eines
       Menschen existiert  nur in  seiner lebendigen  Leiblichkeit. Eine
       gewisse Menge  Lebensmittel muß ein Mensch konsumieren, um aufzu-
       wachsen und  sich am Leben zu erhalten. Der Mensch unterliegt je-
       doch, wie  die Maschine, der Abnutzung und muß durch einen ändern
       Menschen ersetzt  werden. Außer  der zu  s e i n e r  e i g n e n
       Erhaltung erheischten Lebensmittel bedarf er einer ändern Lebens-
       mittelmenge, um  eine gewisse Zahl Kinder aufzuziehn, die ihn auf
       dem Arbeitsmarkt  zu ersetzen  und das Geschlecht der Arbeiter zu
       verewigen haben.  Mehr noch,  um seine Arbeitskraft zu entwickeln
       und ein gegebnes Geschick zu erwerben, muß eine weitere Menge von
       Werten  verausgabt  werden.  Für  unsern  Zweck  genügt  es,  nur
       D u r c h s c h n i t t s arbeit  in Betracht zu ziehn, deren Er-
       ziehungs-  und  Ausbildungskosten  verschwindend  geringe  Größen
       sind. Dennoch  muß ich  diese Gelegenheit zu der Feststellung be-
       nutzen, daß,  genauso wie die Produktionskosten für Arbeitskräfte
       verschiedner Qualität nun einmal verschieden sind, auch die Werte
       der in  verschiednen Geschäftszweigen beschäftigten Arbeitskräfte
       verschieden sein müssen. Der Ruf nach  G l e i c h h e i t  d e r
       L ö h n e   beruht daher  auf einem Irrtum, ist ein unerfüllbarer
       t ö r i c h t e r   Wunsch. Er  ist die Frucht jenes falschen und
       platten  Radikalismus,   der  die  Voraussetzungen  annimmt,  die
       Schlußfolgerungen aber  umgehn möchte.  Auf Basis des Lohnsystems
       wird der Wert der Arbeitskraft in derselben Weise festgesetzt wie
       der jeder
       
       #132# Karl Marx
       -----
       andern Ware;  und da  verschiedne Arten  Arbeitskraft verschiedne
       Werte haben  oder verschiedne  Arbeitsquanta zu  ihrer Produktion
       erheischen, so  m ü s s e n  sie auf dem Arbeitsmarkt verschiedne
       Preise erzielen.  Nach   g l e i c h e r   o d e r    g a r  g e-
       r e c h t e r   E n t l o h n u n g   auf  Basis des  Lohnsystems
       rufen, ist dasselbe, wie auf Basis des Systems der Sklaverei nach
       F r e i h e i t   zu  rufen.  Was  ihr  für  recht  oder  gerecht
       erachtet, steht  nicht in Frage. Die Frage ist: Was ist bei einem
       gegebnen Produktionssystem notwendig und unvermeidlich?
       Nach dem Dargelegten dürfte es klar sein, daß der  W e r t  d e r
       A r b e i t s k r a f t   bestimmt ist  durch den  W e r t  d e r
       L e b e n s m i t t e l,  die zur Produktion, Entwicklung, Erhal-
       tung und Verewigung der Arbeitskraft erheischt sind.
       
       8. Die Produktion des Mehrwerts
       
       Unterstellt nun, daß die Produktion der Durchschnittsmenge tägli-
       cher  Lebensmittel  für  einen  Arbeitenden    6    S t u n d e n
       D u r c h s c h n i t t s a r b e i t     erheischt.  Unterstellt
       überdies auch, 6 Stunden Durchschnittsarbeit seien in einem Gold-
       quantum gleich  3 sh.  vergegenständlicht. Dann  wären 3  sh. der
       P r e i s   oder  Geldausdruck  des    T a g e s w e r t s    der
       A r b e i t s k r a f t   jenes Mannes.  Arbeitete er  täglich  6
       Stunden, so  würde er  täglich einen  Wert produzieren,  der aus-
       reicht, um  die Durchschnittsmenge  seiner täglichen Lebensmittel
       zu kaufen oder sich selbst als Arbeitenden am Leben zu erhalten.
       Aber unser Mann ist ein Lohnarbeiter. Er muß daher seine Arbeits-
       kraft einem  Kapitalisten verkaufen. Verkauft er sie zu 3 sh. per
       Tag oder  18 sh. die Woche, so verkauft er sie zu ihrem Wert. Un-
       terstellt, er  sei ein  Spinner. Wenn er 6 Stunden täglich arbei-
       tet, wird er der Baumwolle einen Wert von 3 sh. täglich zusetzen.
       Dieser von  ihm täglich zugesetzte Wert wäre exakt ein Äquivalent
       für den  Arbeitslohn oder  Preis seiner Arbeitskraft, den er täg-
       lich  empfängt.   Aber  in  diesem  Fall  käme  dem  Kapitalisten
       k e i n e r l e i   M e h r w e r t   oder  M e h r p r o d u k t
       zu. Hier kommen wir also an den springenden Punkt.
       Durch Kauf  der Arbeitskraft  des Arbeiters  und Bezahlung  ihres
       Werts hat  der Kapitalist,  wie jeder andre Käufer, das Recht er-
       worben, die gekaufte Ware zu konsumieren oder zu nutzen. Man kon-
       sumiert oder  nutzt die  Arbeitskraft eines Mannes, indem man ihn
       arbeiten läßt, wie man eine Maschine konsumiert oder nutzt, indem
       man sie  laufen läßt. Durch Bezahlung des Tages- oder Wochenwerts
       der Arbeitskraft des Arbeiters hat der Kapitalist daher das Recht
       erworben, diese Arbeitskraft während  d e s  g a n z e n  T a g s
       o d e r  d e r  g a n z e n  W o c h e  z u  nutzen oder arbeiten
       zu lassen. Der
       
       #133# Lohn, Preis und Profit
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       Arbeitstag oder die Arbeitswoche hat natürlich bestimmte Grenzen,
       die wir aber erst später betrachten werden.
       Für den  Augenblick möchte ich eure Aufmerksamkeit auf einen ent-
       scheidenden Punkt lenken.
       Der   W e r t   der Arbeitskraft  ist bestimmt durch das zu ihrer
       Erhaltung oder  Reproduktion notwendige  Arbeitsquantum, aber die
       N u t z u n g  dieser Arbeitskraft ist nur begrenzt durch die ak-
       tiven Energien und die Körperkraft des Arbeiters. Der Tages- oder
       Wochen w e r t  der Arbeitskraft ist durchaus verschieden von der
       täglichen oder  wöchentlichen  B e t ä t i g u n g  dieser Kraft,
       genauso wie  das Futter,  dessen ein  Pferd bedarf, durchaus ver-
       schieden ist von der Zeit, die es den Reiter tragen kann. Das Ar-
       beitsquantum, wodurch  der   W e r t  der Arbeitskraft des Arbei-
       ters begrenzt ist, bildet keineswegs eine Grenze für das Arbeits-
       quantum, das  seine Arbeitskraft zu verrichten vermag. Nehmen wir
       das Beispiel  unsres Spinners. Wir haben gesehn, daß er, um seine
       Arbeitskraft täglich  zu reproduzieren,  täglich einen Wert von 3
       sh. reproduzieren muß, was er dadurch tut, daß er täglich 6 Stun-
       den arbeitet. Dies hindert ihn jedoch nicht, 10 oder 12 oder mehr
       Stunden am Tag arbeiten zu können. Durch die Bezahlung des Tages-
       oder   Wochen w e r t s   der Arbeitskraft  des Spinners  hat nun
       aber  der  Kapitalist  das  Recht  erworben,  diese  Arbeitskraft
       während  d e s  g a n z e n  T a g s  o d e r  d e r  g a n z e n
       W o c h e   zu nutzen. Er wird ihn daher zwingen, sage 12 Stunden
       täglich zu arbeiten.  Ü b e r  die zum Ersatz seines Arbeitslohns
       oder  des   Werts  seiner   Arbeitskraft  erheischten  6  Stunden
       h i n a u s   wird er  daher noch   6  S t u n d e n  zu arbeiten
       haben, die  ich Stunden  der   M e h r a r b e i t   nennen will,
       welche  Mehrarbeit   sich  vergegenständlichen   wird  in   einem
       M e h r w e r t   und einem   M e h r p r o d u k t.   Wenn unser
       Spinner z.B.   durch seine täglich sechsstündige Arbeit der Baum-
       wolle einen  Wert von  3 sh.  zusetzt, einen  Wert, der exakt ein
       Äquivalent  für   seinen  Arbeitslohn  bildet,  so  wird  er  der
       Baumwolle in  12 Stunden  einen Wert  von 6  sh. zusetzen und ein
       e n t s p r e c h e n d e s   M e h r  a n  G a r n  produzieren.
       Da er seine Arbeitskraft dem Kapitalisten verkauft hat, so gehört
       der ganze  von ihm  geschaffne Wert  oder sein ganzes Produkt dem
       Kapitalisten, dem  zeitweiligen Eigentümer  seiner  Arbeitskraft.
       Indem der  Kapitalist 3  sh. vorschießt, realisiert er also einen
       Wert von  6 sh.,  weil ihm  für den von ihm vorgeschossenen Wert,
       worin   6    Arbeitsstunden   kristallisiert   sind,   ein   Wert
       zurückerstattet  wird,  worin  12  Arbeitsstunden  kristallisiert
       sind. Durch  tägliche Wiederholung  desselben Prozesses  wird der
       Kapitalist  täglich   3  sh.   vorschießen  und   täglich  6  sh.
       einstecken, wovon eine Hälfte wieder auf Zahlung des Arbeitslohns
       geht und  die andre  Hälfte den  M e h r w e r t  bildet, für den
       der Kapitalist  kein Äquivalent  zahlt. Es  ist  d i e s e  A r t
       A u s t a u s c h
       
       #134# Karl Marx
       -----
       z w i s c h e n   K a p i t a l   u n d  A r b e i t,  worauf die
       kapitalistische Produktionsweise  oder das  Lohnsystem beruht und
       die ständig  in der  Reproduktion des  Arbeiters als Arbeiter und
       des Kapitalisten  als Kapitalist resultieren muß.  D i e  R a t e
       d e s  M e h r w e r t s  wird, wenn alle ändern Umstände gleich-
       bleiben, abhängen  von der  Proportion zwischen dem zur Reproduk-
       tion des  Werts der Arbeitskraft notwendigen Teil des Arbeitstags
       und der für den Kapitalisten verrichteten  M e h r a r b e i t s-
       z e i t   oder  M e h r a r b e i t.  Sie wird daher abhängen von
       dem   V e r h ä l t n i s,  w o r i n  d e r  A r b e i t s t a g
       ü b e r   d i e   Z e i t s p a n n e   h i n a u s  v e r l ä n-
       g e r t   i s t, in  der der  Arbeiter durch seine Arbeit nur den
       Wert seiner  Arbeitskraft reproduzieren  oder seinen  Arbeitslohn
       ersetzen würde.
       
       9. Der Wert der Arbeit
       
       Wir müssen nun zurückkommen auf den Ausdruck "Wert oder Preis der
       Arbeit".
       Wir haben  gesehn, daß  er in der Tat nichts ist als die Bezeich-
       nung für  den Wert der Arbeitskraft, gemessen an den zu ihrer Er-
       haltung notwendigen  Warenwerten. Da der Arbeiter aber seinen Ar-
       beitslohn erst  n a c h  Verrichtung der Arbeit erhält und außer-
       dem weiß,  daß, was  er dem  Kapitalisten tatsächlich gibt, seine
       Arbeit ist,  so erscheint ihm der Wert oder Preis seiner Arbeits-
       kraft notwendigerweise  als Preis  oder    W e r t    s e i n e r
       A r b e i t   s e l b s t.   Ist der  Preis  seiner  Arbeitskraft
       gleich 3  sh., worin 6 Arbeitsstunden vergegenständlicht, und ar-
       beitet er  12 Stunden,  so betrachtet er diese 3 sh. notwendiger-
       weise als  den Wert  oder Preis  von 12  Arbeitsstunden, obgleich
       diese 12  Arbeitsstunden sich  in einem  Wert von 6 sh. vergegen-
       ständlichen. Hieraus folgt zweierlei:
       E r s t e n s.   D e r   W e r t  o d e r  P r e i s  d e r  A r-
       b e i t s k r a f t     nimmt  das  Aussehn  des    P r e i s e s
       o d e r   W e r t s   d e r   A r b e i t   s e l b s t   an, ob-
       gleich, genau  gesprochen, Wert und Preis der Arbeit sinnlose Be-
       zeichnungen sind.
       Z w e i t e n s.   Obgleich nur ein Teil des Tagewerks des Arbei-
       ters aus   b e z a h l t e r,   der  andre dagegen  aus  u n b e-
       z a h l t e r   Arbeit besteht  und gerade  diese unbezahlte oder
       Mehrarbeit den  Fonds konstituiert,  woraus der   M e h r w e r t
       oder   P r o f i t   sich bildet, hat es den Anschein, als ob die
       ganze Arbeit aus bezahlter Arbeit bestünde.
       Dieser täuschende  Schein ist  das  unterscheidende  Merkmal  der
       L o h n a r b e i t   gegenüber ändern    h i s t o r i s c h e n
       Formen der  Arbeit. Auf  Basis des Lohnsystems erscheint auch die
       u n b e z a h l t e   Arbeit als   b e z a h l t.  Beim  S k l a-
       v e n   umgekehrt erscheint  auch der bezahlte Teil seiner Arbeit
       als unbezahlt.
       
       #135# Lohn, Preis und Profit
       -----
       Natürlich muß  der Sklave,  um zu  arbeiten, leben,  und ein Teil
       seines Arbeitstags geht drauf auf Ersatz des zu seiner eignen Er-
       haltung verbrauchten Werts. Da aber zwischen ihm und seinem Herrn
       kein Handel abgeschlossen wird und zwischen beiden Parteien keine
       Verkaufs- und Kaufakte vor sich gehn, so erscheint alle seine Ar-
       beit als Gratisarbeit.
       Nehmt andrerseits den Fronbauern, wie er noch gestern, möchte ich
       sagen, im ganzen Osten Europas existierte. Dieser Bauer arbeitete
       z.B. 3  Tage für  sich auf seinem eignen oder dem ihm zugewiesnen
       Felde, und  die drei  folgenden Tage  verrichtete er  zwangsweise
       Gratisarbeit auf  dem herrschaftlichen  Gut. Hier  waren also der
       bezahlte und  der unbezahlte  Teil der  Arbeit sichtbar getrennt,
       zeitlich und  räumlich getrennt;  und unsre  Liberalen  schäumten
       über vor  moralischer  Entrüstung  angesichts  der  widersinnigen
       Idee, einen Menschen umsonst arbeiten zu lassen.
       Faktisch jedoch bleibt es sich gleich, ob einer 3 Tage in der Wo-
       che für  sich auf  seinem eignen Felde und 3 Tage umsonst auf dem
       herrschaftlichen Gut,  oder ob er 6 Stunden täglich in der Fabrik
       oder Werkstatt für sich und 6 Stunden für den Lohnherrn arbeitet,
       obgleich in  letzterem Fall  der bezahlte und der unbezahlte Teil
       seiner Arbeit  unentwirrbar miteinander vermengt sind, so daß die
       Natur der  ganzen Transaktion  durch  die    D a z w i s c h e n-
       k u n f t   e i n e s   K o n t r a k t s   und die  am Ende  der
       Woche erfolgende   Z a h l u n g   völlig  verschleiert wird. Die
       Gratisarbeit erscheint in dem einen Fall als freiwillige Gabe und
       in dem ändern als Frondienst. Das ist der ganze Unterschied.
       Wo ich  also das  Wort "Wert  der Arbeit" gebrauche, werde ich es
       nur als  landläufigen Vulgärausdruck  für "Wert der Arbeitskraft"
       gebrauchen.
       
       10. Profit wird gemacht durch Verkauf einer Ware zu ihrem Wert
       
       Unterstellt, eine  Durchschnittsarbeitsstunde sei  vergegenständ-
       licht in einem Wert gleich 6 d. oder 12 Durchschnittsarbeitsstun-
       den in  6sh. Unterstellt  ferner, der  Wert der  Arbeit sei 3 sh.
       oder das Produkt sechsstündiger Arbeit. Wenn nun in Rohstoff, Ma-
       schinerie usw.,  die bei  der Produktion  einer Ware aufgebraucht
       wurden, 24  Durchschnittsarbeitsstunden vergegenständlicht wären,
       so würde  sich ihr Wert auf 12 sh. belaufen. Setze darüber hinaus
       der vom Kapitalisten beschäftigte Arbeiter diesen Produktionsmit-
       teln 12  Arbeitsstunden zu,  so wären  diese 12 Stunden vergegen-
       ständlicht in einem zusätzlichen Wert von 6 sh. Der  G e s a m t-
       w e r t
       
       #136# Karl Marx
       -----
       d e s   P r o d u k t s  beliefe sich daher auf 36 Stunden verge-
       genständlichter Arbeit  und wäre  gleich 18  sh. Da aber der Wert
       der Arbeit  oder der  dem Arbeiter bezahlte Arbeitslohn nur 3 sh.
       betrüge, so  würde der Kapitalist für die von dem Arbeiter gelei-
       steten, in dem Wert der Ware vergegenständlichten 6 Stunden Mehr-
       arbeit kein  Äquivalent gezahlt  haben. Verkaufte  der Kapitalist
       diese Ware zu ihrem Wert von 18 sh., so würde er daher einen Wert
       von 3  sh. realisieren,  für den  er kein Äquivalent gezahlt hat.
       Diese 3 sh. würden den Mehrwert oder Profit konstituieren, den er
       einsteckt. Der  Kapitalist würde  folglich den  Profit von  3 sh.
       nicht dadurch  realisieren,  daß  er  die  Ware  zu  einem  Preis
       ü b e r   ihrem Wert, sondern dadurch, daß er sie  z u  i h r e m
       w i r k l i c h e n  W e r t  verkauft.
       Der Wert  einer Ware  ist bestimmt  durch das  in  ihr  enthaltne
       G e s a m t a r b e i t s q u a n t u m.   Aber ein  Teil  dieses
       Arbeitsquantums ist  in einem  Wert vergegenständlicht,  wofür in
       Form des  Arbeitslohns ein Äquivalent bezahlt, ein Teil jedoch in
       einem Wert,  wofür   k e i n   Äquivalent bezahlt worden ist. Ein
       Teil der  in der Ware enthaltnen Arbeit ist  b e z a h l t e  Ar-
       beit; ein  Teil ist   u n b e z a h l t e  Arbeit. Verkauft daher
       der Kapitalist  die Ware  z u  i h r e m  W e r t,  d.h. als Kri-
       stallisation des  auf sie verwendeten  G e s a m t a r b e i t s-
       q u a n t u m s,   s o   muß er  sie notwendigerweise  mit Profit
       verkaufen. Er  verkauft nicht  nur, was  ihm ein Äquivalent geko-
       stet, er  verkauft vielmehr  auch, was  ihm nichts  gekostet, ob-
       gleich es  die Arbeit  seines Arbeiters  gekostet hat. Die Kosten
       der Ware  für den  Kapitalisten und  ihre wirklichen  Kosten sind
       zweierlei Dinge.  Ich wiederhole  daher, daß  normale und  durch-
       schnittliche Profite gemacht werden durch Verkauf der Waren nicht
       ü b e r,   sondern   z u   i h r e n  w i r k l i c h e n  W e r-
       t e n.
       
       11. Die verschiednen Teile, in die der Mehrwert zerfällt
       
       Den   M e h r w e r t   oder den  Teil des  Gesamtwerts der Ware,
       worin die   M e h r a r b e i t   oder  u n b e z a h l t e  A r-
       b e i t   des Arbeiters vergegenständlicht ist, nenne ich  P r o-
       f i t.   Es ist  nicht die  Gesamtsumme dieses  Profits, die  der
       industrielle Kapitalist  einsteckt. Das  Bodenmonopol  setzt  den
       Grundeigentümer  in  den  Stand,  einen  Teil  dieses    M e h r-
       w e r t s   unter dem Namen  R e n t e  an sich zu ziehn, sei es,
       daß der Boden für Agrikultur oder Baulichkeiten oder Eisenbahnen,
       sei es,  daß er  für irgendeinen ändern produktiven Zweck benutzt
       wird. Andrerseits,  gerade die  Tatsache, daß  der Besitz   d e r
       A r b e i t s m i t t e l   den industriellen  Kapitalisten befä-
       higt, einen   M e h r w e r t   zu  produzieren,  oder,  was  auf
       dasselbe  hinausläuft,    s i c h    e i n e    b e s t i m m t e
       M e n g e
       
       #137# Lohn, Preis und Profit
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       u n b e z a h l t e r   A r b e i t   a n z u e i g n e n,  befä-
       higt den Eigentümer der Arbeitsmittel, die er ganz oder teilweise
       dem industriellen  Kapitalisten leiht  - befähigt, in einem Wort,
       den   g e l d v e r l e i h e n d e n    K a p i t a l i s t e n,
       einen ändern  Teil dieses Mehrwerts unter dem Namen  Z i n s  für
       sich in Anspruch zu nehmen, so daß dem industriellen Kapitalisten
       a l s   s o l c h e m   nur verbleibt,  was man  i n d u s t r i-
       e l l e n  oder  k o m m e r z i e l l e n  P r o f i t  nennt.
       Welche Gesetze  diese Teilung der Gesamtmenge des Mehrwerts unter
       die drei  Menschenkategorien regulieren,  ist eine Frage, die un-
       serm Gegenstand  gänzlich fernliegt.  Soviel resultiert indes aus
       dem bisher Entwickelten.
       R e n t e,   Z i n s   u n d   i n d u s t r i e l l e r   P r o-
       f i t  sind bloß  v e r s c h i e d n e  N a m e n  f ü r  v e r-
       s c h i e d n e   T e i l e   d e s   M e h r w e r t s  der Ware
       oder der in  i h r  v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e n  u n-
       b e z a h l t e n   A r b e i t   und   l e i t e n  s i c h  i n
       g l e i c h e r   W e i s e   a u s    d i e s e r    Q u e l l e
       u n d   n u r   a u s   i h r   h e r.  Sie leiten sich nicht aus
       d e m   B o d e n   als solchem  her oder  aus dem  K a p i t a l
       als solchem,  sondern Boden und Kapital setzen ihre Eigentümer in
       den Stand,  ihre respektiven Anteile an dem von dem industriellen
       Kapitalisten aus  seinem Arbeiter herausgepreßten Mehrwert zu er-
       langen. Für den Arbeiter selbst ist es eine Angelegenheit von un-
       tergeordneter Bedeutung, ob jener Mehrwert, der das Resultat sei-
       ner Mehrarbeit  oder unbezahlten  Arbeit ist,  ganz von dem indu-
       striellen Kapitalisten  eingesteckt wird  oder ob letzterer Teile
       davon unter den Namen Rente und Zins an dritte Personen weiterzu-
       zahlen hat. Unterstellt, daß der industrielle Kapitalist nur sein
       eignes Kapital  anwendet und  sein eigner Grundeigentümer ist. In
       diesem Fall wanderte der ganze Mehrwert in seine Tasche.
       Es ist  der industrielle Kapitalist, der unmittelbar Mehrwert aus
       dem Arbeiter  herauspreßt, welchen Teil auch immer er schließlich
       zu behalten imstande ist. Um dies Verhältnis zwischen industriel-
       lem Kapitalisten  und Lohnarbeiter  dreht sich  daher  das  ganze
       Lohnsystem und  das ganze  gegenwärtige Produktionssystem. Einige
       Bürger, die  an unsrer  Debatte teilnahmen,  taten daher unrecht,
       als  sie   versuchten,  die   Dinge  zu   beschönigen  und   dies
       grundlegende Verhältnis  zwischen industriellem  Kapitalisten und
       Arbeiter als  eine zweitrangige  Frage zu behandeln, obgleich sie
       recht hatten  mit der  Feststellung, daß unter gegebnen Umständen
       ein Steigen  der Preise  in  sehr  ungleichen  Graden  den  indu-
       striellen Kapitalisten, den Grundeigentümer, den Geldkapitalisten
       und, wenn es beliebt, den Steuereinnehmer berührt.
       Aus dem bisher Entwickelten folgt nun noch etwas andres.
       Der Teil  des Werts der Ware, der nur den Wert der Rohstoffe, der
       Maschinerie, kurz den Wert der verbrauchten Produktionsmittel re-
       präsentiert, bildet  überhaupt  k e i n  E i n k o m m e n,  son-
       dern ersetzt  n u r  K a p i t a l.  Aber
       
       #138# Karl Marx
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       abgesehn hiervon  ist es falsch, daß der andre Teil des Werts der
       Ware,   d e r   E i n k o m m e n   b i l d e t  oder in Form von
       Arbeitslohn, Profit, Rente, Zins verausgabt werden kann, sich aus
       dem Wert  des Arbeitslohns, dem Wert der Rente, dem Wert des Pro-
       fits usw.   k o n s t i t u i e r t.   Wir wollen zunächst einmal
       den Arbeitslohn  aus dem  Spiel lassen  und nur den industriellen
       Profit, Zins  und Rente behandeln. Eben sahen wir, daß der in der
       Ware enthaltne   M e h r w e r t,   oder  der Teil  ihres  Werts,
       worin  u n b e z a h l t e  A r b e i t  vergegenständlicht, sich
       a u f l ö s t   in verschiedne Teile mit drei verschiednen Namen.
       Aber es hieße die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehren, wollte man
       sagen, daß  ihr Wert  sich  aus  den    s e l b s t ä n d i g e n
       W e r t e n   d i e s e r  d r e i  B e s t a n d t e i l e  z u-
       s a m m e n s e t z t   oder sich  durch deren   Z u s a m m e n-
       z ä h l u n g  b i l d e t.
       Wenn eine Arbeitsstunde sich vergegenständlicht in einem Wert von
       6 d., wenn der Arbeitstag des Arbeiters !2 Stunden ausmacht, wenn
       die Hälfte dieser Zeit aus unbezahlter Arbeit besteht, wird diese
       Mehrarbeit der  Ware einen   M e h r w e r t  von 3 sh. zusetzen,
       d.h. einen Wert, für den kein Äquivalent gezahlt worden ist. Die-
       ser Mehrwert  von 3 sh. konstituiert den  g a n z e n  F o n d s,
       den sich  der industrielle Kapitalist mit dem Grundeigentümer und
       dem Geldverleiher,  in welchen  Proportionen immer,  teilen kann.
       Der Wert  dieser 3 sh. konstituiert die Grenze des Werts, den sie
       unter sich zu verteilen haben. Es ist aber nicht der industrielle
       Kapitalist, der  dem Wert  der Ware  einen willkürlichen Wert zum
       Zwecke seines  Profits zusetzt,  dem ein  weitrer  Wert  für  den
       Grundeigentümer angereiht  wird usw.,  so daß die Zusammenzählung
       dieser drei  willkürlich festgestellten Werte den Gesamtwert kon-
       stituierte. Ihr  seht daher  das Trügliche  der landläufigen Vor-
       stellung, die  die    S p a l t u n g    eines    g e g e b n e n
       W e r t s   in drei  Teile mit  der   B i l d u n g  dieses Werts
       durch Zusammenzählung  dreier   s e l b s t ä n d i g e r   Werte
       verwechselt, indem  sie so  den Gesamtwert,  woraus Rente, Profit
       und Zins sich herleiten, in eine willkürliche Größe verwandelt.
       Wenn der  von einem  Kapitalisten realisierte Gesamtprofit gleich
       100 Pfd. St. ist, so nennen wir diese Summe, als  a b s o l u t e
       Größe betrachtet,  die  M e n g e  d e s  P r o f i t s.  Berech-
       nen wir aber das Verhältnis, worin diese 100 Pfd. St. zu dem vor-
       geschossenen Kapital  stehn, so nennen wir diese  r e l a t i v e
       Größe die   R a t e   d e s   P r o f i t s.  Es ist augenschein-
       lich, daß  diese Profitrate  auf zweierlei Art ausgedrückt werden
       kann.
       Unterstellt,  100   Pfd.  St.  seien  in    A r b e i t s l o h n
       v o r g e s c h o s s e n e s   Kapital. Wenn  der erzeugte Mehr-
       wert ebenfalls 100 Pfd. St. beträgt - was uns anzeigen würde, daß
       der halbe  Arbeitstag des  Arbeiters aus    u n b e z a h l t e r
       Arbeit besteht  - und wir diesen Profit an dem m Arbeitslohn vor-
       geschossenen  Kapital  messen,  so  würden  wir  sagen,  daß  die
       P r o f i t r a t e  sich auf 100%
       
       #139# Lohn, Preis und Profit
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       beliefe, weil  der vorgeschossene  Wert 100  und der  realisierte
       Wert 200 wäre.
       Wenn wir  andrerseits nicht  bloß das  i n  A r b e i t s l o h n
       v o r g e s c h o s s e n e   K a p i t a l   betrachten, sondern
       das     v o r g e s c h o s s e n e    G e s a m t k a p i t a l,
       sage z.B.  500 Pfd. St., wovon 400 Pfd. St. den Wert der Rohstof-
       fe, Maschinerie  usw. repräsentierten,  so würden  wir sagen, daß
       die   P r o f i t r a t e   sich nur  auf 20%  beliefe, weil  der
       Profit von  100 nicht  mehr wäre  als der  fünfte Teil des vorge-
       schossenen  G e s a m t kapitals.
       Die erste  Ausdrucksform der Profitrate ist die einzige, die euch
       das wirkliche  Verhältnis zwischen  bezahlter und unbezahlter Ar-
       beit anzeigt,  den wirklichen  Grad der   E x p l o i t a t i o n
       (ihr  müßt   mir  dies   französische  Wort   gestatten)    d e r
       A r b e i t.   Die andre Ausdrucksform ist die allgemein übliche,
       und in  der Tat ist sie für bestimmte Zwecke geeignet. Jedenfalls
       ist sie sehr nützlich zur Verschleierung des Grads, worin der Ka-
       pitalist Gratisarbeit ans dem Arbeiter herauspreßt.
       In den  Bemerkungen, die  ich noch  zu machen habe, werde ich das
       Wort   P r o f i t   für die Gesamtmenge des von dem Kapitalisten
       herausgepreßten Mehrwerts  anwenden ohne  jede Rücksicht  auf die
       Teilung dieses  Mehrwerts zwischen den verschiednen Personen, und
       wo ich  das Wort   P r o f i t r a t e   anwende, werde ich stets
       den Profit  am Wert  des in  Arbeitslohn vorgeschossenen Kapitals
       messen.
       
       12. Das allgemeine Verhältnis zwischen Profiten,
       Arbeitslöhnen und Preisen
       
       Zieht man  von dem  Wert einer Ware jenen Wert ab, der Ersatz ist
       für den in ihr enthaltnen Wert der Rohstoffe und ändern Produkti-
       onsmittel, d.h.  den Wert  der in  ihr enthaltnen  v e r g a n g-
       n e n   Arbeit, so löst sich der Rest ihres Werts in das Arbeits-
       quantum auf,  das ihr  der   z u l e t z t  beschäftigte Arbeiter
       zugesetzt hat.  Wenn dieser Arbeiter 12 Stunden täglich arbeitet,
       wenn sich  12  Stunden  Durchschnittsarbeit  in  einer  Goldmenge
       gleich 6  sh. kristallisieren, so wird dieser zugesetzte Wert von
       6 sh.  der  e i n z i g e  Wert sein, den seine Arbeit geschaffen
       hat. Dieser  gegebne, durch  seine Arbeitszeit bestimmte Wert ist
       der einzige  Fonds, wovon  beide, er  und  der  Kapitalist,  ihre
       respektiven Anteile  oder Dividenden  ziehn können,  der  einzige
       Wert, der  in Arbeitslohn  und Profit geteilt werden kann. Es ist
       klar, daß  dieser Wert  selbst  nicht  geändert  wird  durch  die
       variablen Proportionen, worin er zwischen den beiden Parteien ge-
       teilt werden mag. Es würde hieran
       
       #140# Karl Marx
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       auch nichts geändert, wenn statt eines einzigen Arbeiters die ge-
       samte Arbeiterbevölkerung unterstellt wird, 12 Millionen Arbeits-
       tage z.B. an Stelle eines einzigen.
       Da Kapitalist  und Arbeiter  nur diesen begrenzten Wert zu teilen
       haben, d.h.  den durch  die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen
       Wert, so  erhält der  eine desto  mehr, je weniger dem ändern zu-
       fällt, und  umgekehrt. Sobald  ein Quantum  gegeben ist, wird der
       eine Teil davon zunehmen, wie, umgekehrt, der andre abnimmt. Wenn
       der Arbeitslohn  sich ändert, wird der Profit sich in entgegenge-
       setzter Richtung  ändern. Wenn  der Arbeitslohn  fällt, so steigt
       der Profit; und wenn der Arbeitslohn steigt, so fällt der Profit.
       Würde der Arbeiter nach unsrer frühern Unterstellung 3 sh. gleich
       der Hälfte  des von ihm erzeugten Werts erhalten oder sein ganzer
       Arbeitstag zur  Hälfte aus  bezahlter, zur Hälfte aus unbezahlter
       Arbeit bestehn,  so würde die Profitrate 100% ausmachen, weil der
       Kapitalist ebenfalls 3 sh. erhielte. Würde der Arbeiter nur 2 sh.
       erhalten oder  nur 1/3  des ganzen Tags für sich arbeiten, so er-
       hielte der  Kapitalist 4 sh., und die Profitrate wäre 200%. Würde
       der Arbeiter  4 sh.  erhalten, so  erhielte der Kapitalist nur 2,
       und die Profitrate würde auf 50% sinken, aber alle diese Verände-
       rungen werden  nicht den  Wert der Ware berühren. Eine allgemeine
       Lohnsteigerung würde  daher auf eine Senkung der allgemeinen Pro-
       fitrate hinauslaufen, ohne jedoch die Werte zu beeinflussen.
       Aber obgleich  die Werte  der Waren,  die in letzter Instanz ihre
       Marktpreise regulieren müssen, ausschließlich bestimmt sind durch
       die Gesamtquanta  der in  ihnen dargestellten  Arbeit  und  nicht
       durch die  Teilung dieses Quantums in bezahlte und unbezahlte Ar-
       beit, so folgt daraus keineswegs, daß die Werte der einzelnen Wa-
       ren oder  Warenmengen, die  z.B. in  12 Stunden produziert worden
       sind, konstant  bleiben. Die in gegebner Arbeitszeit oder mit ge-
       gebnem Arbeitsquantum  erzeugte   Z a h l   oder Masse  von Waren
       hängt ab  von der   P r o d u k t i v k r a f t   der angewandten
       Arbeit und  nicht von ihrer  D a u e r  oder Länge. Mit dem einen
       Grad der  Produktivkraft der  Spinnarbeit z.B. mag ein Arbeitstag
       von 12  Stunden 12  Pfund Garn  produzieren, mit einem geringeren
       Grad nur 2 Pfund. Wenn nun zwölfstündige Durchschnittsarbeit sich
       in dem einen Fall in einem Wert von 6 sh. vergegenständlichte, so
       würden die  12 Pfund  Garn 6sh.  kosten, in dem ändern Fall die 2
       Pfund Garn  ebenfalls 6  sh. Ein  Pfund Garn  würde daher  in dem
       einen Fall  6 d., in dem ändern 3 sh. kosten. Diese Differenz des
       Preises würde resultieren aus der Differenz in den Produktivkräf-
       ten der angewandten Arbeit. Mit der größeren Produktivkraft würde
       in 1  Pfund Garn  1 Arbeitsstunde vergegenständlicht, mit der ge-
       ringeren dagegen
       
       #141# Lohn, Preis und Profit
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       6 Arbeitsstunden. Der Preis von l Pfund Garn betrüge in dem einen
       Fall nur 6 d., obgleich der Arbeitslohn relativ hoch und die Pro-
       fitrate niedrig  wäre; er  betrüge in  dem ändern Fall 3 sh., ob-
       gleich der  Arbeitslohn niedrig und die Profitrate hoch wäre. Das
       wäre der  Fall, weil  der Preis  des Pfundes  Garn reguliert wird
       durch das   G e s a m t q u a n t u m   d e r  i n  i h m  a u f-
       g e a r b e i t e t e n  A r b e i t  und nicht durch die  p r o-
       p o r t i o n e l l e   T e i l u n g   d i e s e s  G e s a m t-
       q u a n t u m s   i n   b e z a h l t e   u n d  u n b e z a h l-
       t e   A r b e i t.   Die  von mir  vorhin erwähnte  Tatsache, daß
       hochbezahlte Arbeit  wohlfeile und  niedrig bezahlte Arbeit teure
       Waren produzieren  kann, verliert  daher ihren  paradoxen Schein.
       Sie ist  nur der  Ausdruck des allgemeinen Gesetzes, daß der Wert
       einer  Ware  reguliert  wird  durch  das  in  ihr  aufgearbeitete
       Arbeitsquantum, daß aber das in ihr aufgearbeitete Arbeitsquantum
       ganz abhängt  von der  Produktivkraft der  angewandten Arbeit und
       daher mit  jedem Wechsel in der Produktivität der Arbeit wechseln
       wird.
       
       13. Die hauptsächlichsten Versuche, den Arbeitslohn zu heben
       oder seinem Sinken entgegenzuwirken
       
       Laßt uns  nun nacheinander  die Hauptfälle betrachten, worin eine
       Steigerung des  Arbeitslohns versucht  oder  seiner  Herabsetzung
       entgegengewirkt wird.
       1. Wir haben  gesehn, daß  der   W e r t   d e r   A r b e i t s-
       k r a f t,  oder in landläufigerer Redeweise: der  W e r t  d e r
       A r b e i t,   bestimmt ist  durch den Wert der Lebensmittel oder
       das zu  ihrer Produktion  erheischte Arbeitsquantum.  Wenn nun in
       einem gegebnen  Land der  Durchschnittswert der täglichen Lebens-
       mittel eines  Arbeiters 6 Arbeitsstunden repräsentierte, die sich
       in 3  sh. ausdrückten, so würde der Arbeiter 6 Stunden täglich zu
       arbeiten haben,  um ein Äquivalent für seinen täglichen Lebensun-
       terhalt zu  produzieren. Wäre der ganze Arbeitstag 12 Stunden, so
       würde der  Kapitalist ihm  den Wert seiner Arbeit bezahlen, indem
       er ihm  3 sh.  zahlte. Der  halbe Arbeitstag  bestünde aus  unbe-
       zahlter Arbeit  und die  Profitrate beliefe sich auf 100%. Unter-
       stellt jedoch  nun, daß  infolge einer Verminderung der Produkti-
       vität mehr  Arbeit erforderlich  würde, um  sage  dieselbe  Menge
       landwirtschaftlicher Produkte  zu produzieren,  so daß der Durch-
       schnittspreis der  täglichen Lebensmittel von 3 auf 4 sh. stiege.
       In diesem Fall würde der  W e r t  der Arbeit um 1/3 oder 33 1/3%
       steigen. Acht  Stunden des  Arbeitstags wären  erheischt, um  ein
       Äquivalent  für   den  täglichen  Lebensunterhalt  des  Arbeiters
       entsprechend seinem  alten  Lebensstandard  zu  produzieren.  Die
       Mehrarbeit würde daher
       
       #142# Karl Marx
       -----
       von 6  auf 4  Stunden und  die Profitrate von 100 auf 50% sinken.
       Bestünde aber der Arbeiter auf einer Steigerung des Arbeitslohns,
       so  würde  er  bloß  darauf  bestehn,  den    g e s t i e g n e n
       W e r t   s e i n e r   A r b e i t  zu erhalten, genau wie jeder
       andre Verkäufer  ·einer Ware,  der, sobald die Kosten seiner Ware
       gestiegen, den  Versuch macht,  ihren gestiegnen  Wert bezahlt zu
       bekommen. Stiege  der Arbeitslohn  gar nicht oder nicht genügend,
       um die  erhöhten Werte der Lebensmittel zu kompensieren, so würde
       der  Preis  der  Arbeit    u n t e r    d e n    W e r t    d e r
       A r b e i t   sinken und  der Lebensstandard  des Arbeiters würde
       sich verschlechtern.
       Aber es  könnte ein  Wechsel auch in umgekehrter Richtung eintre-
       ten. Infolge  der vermehrten Produktivität der Arbeit könnte die-
       selbe Durchschnittsmenge  der täglichen  Lebensmittel von 3 auf 2
       sh. sinken,  oder es wären bloß 4 statt 6 Stunden des Arbeitstags
       erforderlich zur  Reproduktion eines Äquivalents für den Wert der
       täglichen Lebensmittel. Der Arbeiter würde nun befähigt, mit 2sh.
       ebensoviel Lebensmittel  zu kaufen,  wie früher  mit 3 sh. In der
       Tat wäre  der  W e r t  d e r  A r b e i t  gesunken, aber dieser
       verminderte Wert  würde dieselbe  Lebensmittelmenge  kommandieren
       wie früher. Dann würde der Profit von 3 auf 4 sh. steigen und die
       Profitrate von 100 auf 200%. Obgleich der absolute Lebensstandard
       des Arbeiters  derselbe geblieben  wäre, wäre  sein  r e l a t i-
       v e r  Arbeitslohn und damit seine  r e l a t i v e  g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e   S t e l l u n g,   verglichen mit der des
       Kapitalisten, niedriger  geworden.  Sollte  der  Arbeiter  dieser
       Herabsetzung des relativen Arbeitslohns widerstreben, so wäre das
       bloß ein  Versuch, sich  einen gewissen  Anteil an der Vermehrung
       der Produktivkraft  seiner eignen  Arbeit zu  sichern  und  seine
       frühere relative Stellung auf der gesellschaftlichen Stufenleiter
       zu behaupten.  So reduzierten  die  englischen  Fabriklords  nach
       Abschaffung der  Korngesetze,  und  unter  offensichtlicher  Ver-
       letzung der während der Anti-Korngesetz-Agitation feierlichst ge-
       gebnen Versprechungen,  den Arbeitslohn allgemein um 10%. Der Wi-
       derstand der  Arbeiter ward  anfangs überwunden, aber infolge von
       Umständen, auf  die ich jetzt nicht eingehn kann, wurden die ver-
       lornen 10% nachträglich wiedererlangt.
       2. Der   W e r t  der Lebensmittel, und darum der  W e r t  d e r
       A r b e i t,   könnte  derselbe  bleiben,  aber  sein    G e l d-
       p r e i s   könnte infolge  eines vorhergehenden  W e c h s e l s
       im  W e r t  d e s  G e l d e s  eine Änderung erfahren.
       Nach Entdeckung ergiebigerer Minen usw. brauchte z.B. die Produk-
       tion von  zwei Unzen  Gold nicht mehr Arbeit zu kosten als früher
       die von  einer Unze.  Der  W e r t  des Goldes hätte sich dann um
       die Hälfte  oder 50% vermindert. Da nun die  W e r t e  aller än-
       dern Waren, in ihren frühern  G e l d p r e i s e n  ausgedrückt,
       verdoppelt wären,  so auch  der   W e r t   d e r    A r b e i t.
       Zwölf
       
       #143# Lohn, Preis und Profit
       -----
       Arbeitsstunden, früher  in 6  sh. ausgedrückt, würden sich nun in
       12 sh. ausdrücken. Bliebe der Lohn des Arbeiters, statt auf 6 sh.
       zu steigen,  3 sh.,  so wäre  der  G e l d p r e i s  s e i n e r
       A r b e i t   bloß gleich  dem  h a l b e n  W e r t  s e i n e r
       A r b e i t,   und sein  Lebensstandard würde sich furchtbar ver-
       schlechtern. Dies  fände in  größerem oder  geringerem Grad  auch
       dann statt, wenn sein Arbeitslohn zwar stiege, aber nicht im Ver-
       hältnis zum  Sinken des  Goldwerts. In  diesem  Fall  hätte  sich
       nichts geändert, weder die Produktivkraft der Arbeit noch Angebot
       und Nachfrage,  noch die Werte. Es hätte sich nichts geändert au-
       ßer den  Geldnamen jener  Werte. Wird gesagt, daß der Arbeiter in
       diesem Fall nicht auf einer proportionellen Lohnsteigerung beste-
       hen solle,  so heißt das, er solle sich damit zufriedengeben, mit
       Namen statt  mit Sachen  bezahlt zu  werden. Alle  bisherige  Ge-
       schichte beweist,  daß, wann  immer eine  solche  Entwertung  des
       Geldes vor  sich geht,  die Kapitalisten  sich diese Gelegenheit,
       den Arbeiter übers Ohr zu hauen, nicht entgehen lassen. Eine sehr
       zahlreiche Schule  politischer Ökonomen  versichert, daß  infolge
       der Entdeckung  neuer Goldfelder,  der besseren Ausbeute der Sil-
       berminen und  der wohlfeileren Quecksilberzufuhr der Wert der ed-
       len Metalle  wieder gesunken  sei. Dies würde erklären, warum auf
       dem Kontinent  allgemein und  gleichzeitig  Versuche  unternommen
       werden, eine Steigerung der Löhne durchzusetzen.
       3. Wir  haben bis  jetzt die  Grenzen des   A r b e i t s t a g s
       als gegeben  unterstellt. An  sich hat  aber der Arbeitstag keine
       konstanten Grenzen.  Die Tendenz des Kapitals geht ständig dahin,
       ihn bis  auf die  äußerste physisch  mögliche Länge  auszudehnen,
       weil in  gleichem Maße die Mehrarbeit und folglich der daraus re-
       sultierende Profit vermehrt wird. Je erfolgreicher das Kapital in
       der Verlängerung  des Arbeitstags ist, desto größer ist die Menge
       fremder Arbeit,  die es  sich aneignen  wird. Während des 17. und
       selbst in den ersten beiden Dritteln des 18. Jahrhunderts war ein
       zehnstündiger Arbeitstag  Normalarbeitstag in  ganz England. Wäh-
       rend des  Antijakobinerkriegs [106],  der in Wirklichkeit ein von
       den britischen  Baronen geführter  Krieg gegen die britischen Ar-
       beitermassen war,  feierte das  Kapital seine  Orgien und verlän-
       gerte den  Arbeitstag von 10 auf 12, 14, 18 Stunden. Malthus, den
       ihr keineswegs  weinerlicher Sentimentalität verdächtigen werdet,
       veröffentlichte um  1815 ein  Pamphlet, worin  er erklärte,  daß,
       wenn dieser  Zustand fortdaure,  das Leben der Nation unmittelbar
       an seiner  Wurzel angegriffen  würde. Einige Jahre vor der allge-
       meinen Einführung  der neuerfundenen  Maschinerie, um  1765,  er-
       schien in  England ein  Pamphlet unter  dem Titel:  "An Essay  on
       Trade" [107].  Der anonyme  Verfasser, ein  geschworner Feind der
       arbeitenden Klassen, deklamiert über die Notwendigkeit,
       
       #144# Karl Marx
       -----
       die Grenzen  des Arbeitstags auszudehnen. Unter ändern Mitteln zu
       diesem Zweck schlägt er  A r b e i t s h ä u s e r  vor, die, wie
       er sagt,  "Häuser des  Schreckens" sein  müßten. Und  was ist die
       Dauer des  Arbeitstags, die  er für diese "Häuser des Schreckens"
       vorschreibt?  Z w ö l f  S t u n d e n,  genau dieselbe Zeit, die
       1832 von  Kapitalisten, politischen  Ökonomen und Ministern nicht
       nur als  existierende, sondern  als notwendige  Arbeitszeit eines
       Kindes unter 12 Jahren erklärt wurde. [108]
       Indem der Arbeiter seine Arbeitskraft verkauft, und unter dem ge-
       genwärtigen System  muß er  das tun, überläßt er dem Kapitalisten
       die Konsumtion  dieser Kraft, aber innerhalb gewisser rationeller
       Grenzen. Er verkauft seine Arbeitskraft, um sie, abgesehn von ih-
       rem natürlichen  Verschleiß, zu  erhalten, nicht  aber um  sie zu
       zerstören. Indem  er seine  Arbeitskraft zu ihrem Tages- oder Wo-
       chenwert verkauft,  gilt es als selbstverständlich, daß diese Ar-
       beitskraft in  einem Tag oder einer Woche nicht einem zweitägigen
       oder zweiwöchigen  Verschleiß ausgesetzt  werde. Nehmt  eine  Ma-
       schine, die  1000 Pfd.  St. wert  ist. Wird sie in 10 Jahren ver-
       braucht, so setzt sie dem Wert der Waren, an deren Produktion sie
       mitwirkt, jährlich  100 Pfd.  St. zu.  Würde sie in 5 Jahren ver-
       braucht, so  setzte sie  jährlich 200  Pfd. St. zu, oder der Wert
       ihres Jahresverschleißes  steht in  umgekehrtem Verhältnis zu der
       Zeitdauer, worin sie konsumiert wird. Aber dies unterscheidet den
       Arbeiter von  der Maschine.  Die Maschinerie  wird nicht  ganz im
       selben Verhältnis,  wie sie genutzt wird, altes Eisen. Der Mensch
       dagegen wird  in stärkerem Verhältnis zerrüttet, als aus der bloß
       numerischen Zusammenrechnung  der geleisteten  Arbeit ersichtlich
       sein würde.
       Bei ihren Versuchen, den Arbeitstag auf seine frühern rationellen
       Ausmaße zurückzuführen  oder, wo  sie die gesetzliche Festsetzung
       eines Normalarbeitstags  nicht erzwingen  können, die  Überarbeit
       durch Steigerung  des Lohns  zu zügeln, eine Steigerung nicht nur
       in Proportion  zu der  verlangten Überzeit,  sondern in  größerer
       Proportion, erfüllen  die Arbeiter  bloß eine  Pflicht gegen sich
       selbst und  ihren Nachwuchs. Sie weisen bloß das Kapital mit sei-
       nen tyrannischen  Übergriffen in seine Schranken zurück. Zeit ist
       der Raum  zu menschlicher Entwicklung. Ein Mensch, der nicht über
       freie Zeit  verfügt, dessen  ganze Lebenszeit - abgesehn von rein
       physischen Unterbrechungen  durch Schlaf,  Mahlzeiten usw.  - von
       seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger
       als ein  Lasttier. Er  ist eine bloße Maschine zur Produktion von
       fremdem Reichtum,  körperlich gebrochen und geistig verroht. Den-
       noch zeigt  die ganze  Geschichte der modernen Industrie, daß das
       Kapital, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird,
       
       #145# Lohn, Preis und Profit
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       ohne Gnade und Barmherzigkeit darauf aus ist, die ganze Arbeiter-
       klasse in diesen Zustand äußerster Degradation zu stürzen.
       Bei Verlängerung  des Arbeitstags mag der Kapitalist  h ö h e r n
       A r b e i t s l o h n   zahlen und  dennoch den   W e r t   d e r
       A r b e i t  senken, falls die Lohnsteigerung nicht der herausge-
       preßten größeren  Arbeitsmenge und  so herbeigeführten  rascheren
       Zerrüttung der  Arbeitskraft entspricht. Dies kann auch in andrer
       Weise geschehn. Eure Bourgeoisstatistiker werden euch z.B. erklä-
       ren, daß der Durchschnittslohn der Fabrikarbeiterfamilien in Lan-
       cashire gestiegen  sei. Sie  vergessen, daß  statt der Arbeit des
       Mannes, des  Haupts der  Familie, jetzt  sein Weib und vielleicht
       drei oder  vier Kinder  unter die Juggernauträder [109] des Kapi-
       tals geschleudert  sind und  daß die  Steigerung ihres  Gesamtar-
       beitslohns der  Gesamtmehrarbeit, die  aus der  Familie herausge-
       preßt worden, durchaus nicht entspricht.
       Selbst bei gegebnen Grenzen des Arbeitstags, wie sie jetzt in al-
       len den  Fabrikgesetzen unterworfnen Industriezweigen existieren,
       kann eine  Lohnsteigerung notwendig  werden, schon  um den  alten
       Normal w e r t  d e r  A r b e i t  aufrechtzuerhalten. Durch Er-
       höhung der  I n t e n s i t ä t  der Arbeit mag ein Mann dazu ge-
       bracht werden,  in einer Stunde soviel Lebenskraft zu verausgaben
       wie früher in zwei. Dies ist in den Geschäftszweigen, die der Fa-
       brikgesetzgebung unterworfen  wurden, bis  zu gewissem  Grade ge-
       schehn durch  beschleunigten Lauf  der Maschinerie und Vermehrung
       der Zahl  der Arbeitsmaschinen,  die ein einzelner nun zu überwa-
       chen hat.  Wenn die Zunahme der Arbeitsintensität oder der in ei-
       ner Stunde  verausgabten Arbeitsmasse der Verkürzung des Arbeits-
       tags einigermaßen  angemessen ist,  so wird  der Arbeiter noch im
       Vorteil sein.  Wird diese Grenze überschritten, so verliert er in
       der einen  Form, was  er in  der ändern gewonnen, und 10 Arbeits-
       stunden können  dann ebenso ruinierend werden wie früher 12 Stun-
       den. Tritt der Arbeiter dieser Tendenz des Kapitals entgegen, in-
       dem er  für eine  der steigenden  Arbeitsintensität entsprechende
       Lohnsteigerung kämpft,  so widersetzt  er sich nur der Entwertung
       seiner Arbeit und der Schwächung seines Nachwuchses.
       4. Ihr alle wißt, daß die kapitalistische Produktion aus Gründen,
       die ich jetzt nicht auseinanderzusetzen brauche, sich in bestimm-
       ten periodischen  Zyklen bewegt.  Sie macht  nacheinander den Zu-
       stand der  Stille, wachsenden  Belebung, Prosperität, Überproduk-
       tion, Krise  und Stagnation  durch. Die Marktpreise der Waren und
       die Marktraten des Profits folgen diesen Phasen, bald unter ihren
       Durchschnitt sinkend,  bald sich  darüber erhebend.  Wenn ihr den
       ganzen Zyklus  betrachtet, werdet ihr finden, daß die eine Abwei-
       chung des Marktpreises durch die andre aufgehoben wird
       
       #146# Karl Marx
       -----
       und daß,  den Durchschnitt  des Zyklus  genommen, die Marktpreise
       der Waren  durch ihre  Werte reguliert werden. Schön! Während der
       Phase sinkender  Marktpreise, ebenso  wie während  der Phasen der
       Krise und  der Stagnation, ist der Arbeiter, falls er nicht über-
       haupt aufs  Pflaster geworfen  wird, einer  Herabsetzung des  Ar-
       beitslohns gewärtig.  Um nicht  der Geprellte  zu sein,  muß  er,
       selbst während eines solchen Sinkens der Marktpreise, mit dem Ka-
       pitalisten darüber  markten, in  welchem  proportionellen  Ausmaß
       eine Lohnsenkung  notwendig geworden  sei. Wenn  er nicht bereits
       während der  Prosperitätsphase, solange Extraprofite gemacht wer-
       den, für  eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im Durchschnitt
       eines   industriellen    Zyklus   nicht    einmal    zu    seinem
       D u r c h s c h n i t t s l o h n   oder dem  W e r t  seiner Ar-
       beit. Es  ist der  Gipfel des Widersinns, zu verlangen, er solle,
       während sein  Arbeitslohn notwendigerweise  durch die ungünstigen
       Phasen des  Zyklus beeinträchtigt  wird, darauf  verzichten, sich
       während der  Prosperitätsphase schadlos zu halten. Allgemein aus-
       gedrückt: Die  W e r t e  aller Waren werden nur realisiert durch
       Ausgleichung der  ständig wechselnden  Marktpreise, die  aus  den
       ständigen Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr entspringen. Auf
       Basis des gegenwärtigen Systems ist die Arbeit bloß eine Ware wie
       die ändern. Sie muß daher dieselben Fluktuationen durchmachen, um
       einen ihrem  Wert entsprechenden  Durchschnittspreis zu erzielen.
       Es wäre  absurd, sie einerseits als Ware zu behandeln und andrer-
       seits zu  verlangen, sie  solle von den die Warenpreise regelnden
       Gesetzen ausgenommen  werden. Der Sklave erhält eine ständige und
       fixe Menge  zum  Lebensunterhalt;  der  Lohnarbeiter  erhält  sie
       nicht. Er  muß versuchen, sich in dem einen Fall eine Lohnsteige-
       rung zu  sichern, schon um in dem ändern wenigstens für die Lohn-
       senkung entschädigt zu sein. Wollte er sich damit bescheiden, den
       Willen, die  Machtsprüche des Kapitalisten als ein dauerndes öko-
       nomisches Gesetz  über sich  ergehn zu lassen, so würde ihm alles
       Elend des  Sklaven ohne  die gesicherte  Existenz des Sklaven zu-
       teil.
       5. In  allen Fällen,  die ich einer Betrachtung unterzogen habe -
       und sie  machen 99  vom Hundert  aus -,  habt ihr gesehn, daß ein
       Ringen um  Lohnsteigerung nur  als  Nachspiel    v o r h e r g e-
       h e n d e r   Veränderungen vor  sich geht und das notwendige Er-
       gebnis ist  von vorhergehenden  Veränderungen im  Umfang der Pro-
       duktion, der Produktivkraft der Arbeit, des Werts der Arbeit, des
       Werts des  Geldes, der Dauer oder der Intensität der ausgepreßten
       Arbeit, der  Fluktuationen der  Marktpreise,  abhängend  von  den
       Fluktuationen von  Nachfrage und  Zufuhr und  übereinstimmend mit
       den verschiednen  Phasen des  industriellen Zyklus  -  kurz,  als
       Abwehraktion der
       
       #147# Lohn, Preis und Profit
       -----
       Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals. Indem ihr das
       Ringen um eine Lohnsteigerung unabhängig von allen diesen Umstän-
       den nehmt,  indem ihr  nur auf die Lohnänderungen achtet und alle
       ändern Veränderungen,  aus denen sie hervorgehn, außer acht laßt,
       geht ihr  von einer  falschen Voraussetzung  aus, um  zu falschen
       Schlußfolgerungen zu kommen.
       
       14. Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit und seine Resultate
       
       1. Nachdem wir gezeigt, daß der periodische Widerstand der Arbei-
       ter gegen  eine Lohnherabsetzung und ihre periodisch sich wieder-
       holenden Versuche,  eine Lohnsteigerung durchzusetzen, untrennbar
       sind vom  Lohnsystem und eine gebieterische Folge eben der Tatsa-
       che sind,  daß die Arbeit in die Kategorie der Waren versetzt und
       daher den  Gesetzen unterworfen  ist, die die allgemeine Bewegung
       der Preise  regulieren; nachdem wir ferner gezeigt, daß eine all-
       gemeine Lohnsteigerung  ein Fallen der allgemeinen Profitrate zur
       Folge haben,  nicht aber  die Durchschnittspreise  der Waren oder
       ihre Werte  beeinflussen würde,  erhebt sich  nun schließlich die
       Frage, inwiefern in diesem unaufhörlichen Ringen zwischen Kapital
       und Arbeit letztere Aussicht auf Erfolg hat.
       Ich könnte  mit einer  Verallgemeinerung antworten und sagen, daß
       wie  bei   allen  ändern   Waren  so  auch  bei  der  Arbeit  ihr
       M a r k t p r e i s  sich auf die Dauer, ihrem  W e r t  anpassen
       wird; daß  daher der  Arbeiter, was er auch tun möge, trotz aller
       Auf- und Abbewegungen, im Durchschnitt nur den Wert seiner Arbeit
       erhielte, der  sich in  den Wert seiner Arbeitskraft auflöst, be-
       stimmt durch  den Wert  der zu  ihrer Erhaltung  und Reproduktion
       erheischten Lebensmittel, deren Wert in letzter Instanz reguliert
       wird durch das zu ihrer Produktion erforderliche Arbeitsquantum.
       Allein es  gibt gewisse  eigentümliche Merkmale, die den  W e r t
       d e r   A r b e i t s k r a f t   oder den   W e r t  d e r  A r-
       b e i t   vor dem  Wert aller  ändern Waren auszeichnen. Der Wert
       der Arbeitskraft  wird aus  zwei Elementen  gebildet - einem rein
       physischen und  einem historischen oder gesellschaftlichen. Seine
       ä u ß e r s t e   G r e n z e   ist durch  das  p h y s i s c h e
       Element bestimmt,  d.h. um sich zu erhalten und zu reproduzieren,
       um ihre physische Existenz auf die Dauer sicherzustellen, muß die
       Arbeiterklasse  die  zum  Leben  und  zur  Fortpflanzung  absolut
       unentbehrlichen Lebensmittel  erhalten.  Der    W e r t    dieser
       unentbehrlichen Lebensmittel bildet daher die äußerste Grenze des
       W e r t s   d e r   A r b e i t.   Andrerseits ist  die Länge des
       Arbeitstags ebenfalls durch
       
       #148# Karl Marx
       -----
       äußerste, obgleich  sehr elastische  Schranken begrenzt. Ihre äu-
       ßerste Grenze ist gegeben mit der Körperkraft des Arbeiters. Wenn
       die tägliche Erschöpfung seiner Lebenskraft einen bestimmten Grad
       überschreitet, kann  sie nicht  immer wieder  aufs neue,  tagaus,
       tagein, angespannt  werden. Indes  ist, wie  gesagt, diese Grenze
       sehr elastisch.  Eine rasche  Folge schwächlicher und kurzlebiger
       Generationen wird den Arbeitsmarkt ebensogut mit Zufuhr versorgen
       wie eine Reihe robuster und langlebiger Generationen.
       Außer durch  dies rein  physische Element ist der Wert der Arbeit
       in jedem  Land bestimmt  durch einen  t r a d i t i o n e l l e n
       L e b e n s s t a n d a r d.   Er betrifft  nicht das rein physi-
       sche Leben, sondern die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, ent-
       springend aus  den gesellschaftlichen  Verhältnissen, in  die die
       Menschen gestellt sind und unter denen sie aufwachsen. Der engli-
       sche Lebensstandard  kann auf den irischen Standard herabgedrückt
       werden; der  Lebensstandard eines  deutschen Bauern auf den eines
       livländischen. Welche bedeutende Rolle in dieser Beziehung histo-
       rische Tradition  und gesellschaftliche Gewohnheit spielen, könnt
       ihr aus  Herrn Thorntons Werk von der "Overpopulation" ersehn, wo
       er nachweist, daß der Durchschnittslohn in verschiednen Ackerbau-
       distrikten Englands  noch heutigentags  mehr oder  weniger bedeu-
       tende Unterschiede  aufweist je nach den mehr oder minder günsti-
       gen Umständen,  unter denen die Distrikte aus dem Zustand der Hö-
       rigkeit herausgekommen sind.
       Dies historische  oder gesellschaftliche Element, das in den Wert
       der Arbeit eingeht, kann gestärkt oder geschwächt, ja ganz ausge-
       löscht werden,  so daß  nichts übrigbleibt  als die    p h y s i-
       s c h e   G r e n z e.   Während der  Zeit des   A n t i j a k o-
       b i n e r k r i e g s   - unternommen,  wie der alte George Rose,
       dieser unverbesserliche  Nutznießer der Steuern und Sinekuren, zu
       sagen pflegte, um die Tröstungen unsrer heiligen Religion vor den
       Übergriffen der  französischen Ungläubigen zu schützen - drückten
       die ehrenwerten  englischen Pächter,  die in einer unsrer frühern
       Zusammenkünfte so  zart  angefaßt  worden  sind,  die  Löhne  der
       Landarbeiter selbst unter jenes  r e i n  p h y s i s c h e  M i-
       n i m u m,   ließen aber  den für  die  physische  Fortdauer  des
       Geschlechts notwendigen Rest vermittels der  A r m e n g e s e t-
       z e   [110] aufbringen.  Dies war  eine  glorreiche  Manier,  den
       Lohnarbeiter in einen Sklaven und Shakespeares stolzen Freisassen
       in einen Pauper zu verwandeln.
       Vergleicht ihr  die Standardlöhne  oder Werte  der Arbeit in ver-
       schiednen Ländern  und vergleicht  ihr sie  in  verschiednen  Ge-
       schichtsepochen desselben  Landes, so  werdet ihr finden, daß der
       W e r t   d e r  A r b e i t  selber keine fixe, sondern eine va-
       riable Größe ist, selbst die Werte aller ändern Waren als gleich-
       bleibend unterstellt.
       
       #149# Lohn, Preis und Profit
       -----
       Ein  ähnlicher   Vergleich  würde  zeigen,  daß  nicht  bloß  die
       M a r k t r a t e n   d e s   P r o f i t s,   sondern auch seine
       D u r c h s c h n i t t s r a t e n  sich ändern.
       Was aber  die  P r o f i t e  angeht, so gibt es kein Gesetz, das
       ihr   M i n i m u m   bestimmte. Wir  können nicht sagen, was die
       äußerste Grenze  ihrer Abnahme  sei. Und  warum können  wir diese
       Grenze nicht  feststellen? Weil  wir, obgleich  wir das  M i n i-
       m u m   der Arbeitslöhne  feststellen können, nicht ihr  M a x i-
       m u m  feststellen können. Wir können nur sagen, daß mit gegebnen
       Grenzen des  Arbeitstags das  M a x i m u m  d e s  P r o f i t s
       dem   p h y s i s c h e n   M i n i m u m   d e s  A r b e i t s-
       l o h n s   entspricht; und  daß  mit  gegebnem  Arbeitslohn  das
       M a x i m u m   d e s   P r o f i t s  einer solchen Verlängerung
       des Arbeitstags  entspricht, wie  sie mit  den Körperkräften  des
       Arbeiters verträglich  ist. Das  Maximum des  Profits  ist  daher
       begrenzt durch  das physische  Minimum des  Arbeitslohns und  das
       physische Maximum  des Arbeitstags. Es ist klar, daß zwischen den
       beiden Grenzen  dieser   M a x i m a l p r o f i t r a t e   eine
       unendliche Stufenleiter  von Variationen  möglich ist. Die Fixie-
       rung ihres  faktischen Grads  erfolgt nur durch das unaufhörliche
       Ringen zwischen  Kapital und Arbeit, indem der Kapitalist ständig
       danach strebt,  den Arbeitslohn  auf sein  physisches Minimum  zu
       reduzieren und  den Arbeitstag  bis zu  seinem physischen Maximum
       auszudehnen, während  der Arbeiter ständig in der entgegengesetz-
       ten Richtung drückt.
       Die Frage  löst sich  auf in  die Frage nach dem Kräfteverhältnis
       der Kämpfenden.
       2. Was die  B e s c h r ä n k u n g  d e s  A r b e i t s t a g s
       angeht, in  England wie  in allen  ändern Ländern, so ist sie nie
       anders als  durch   l e g i s l a t i v e   E i n m i s c h u n g
       erfolgt. Ohne  den ständigen  Druck der  Arbeiter von außen hätte
       diese Einmischung  nie stattgefunden. Jedenfalls aber war das Re-
       sultat nicht  durch private  Vereinbarung zwischen  Arbeitern und
       Kapitalisten zu  erreichen. Eben  diese Notwendigkeit  a l l g e-
       m e i n e r   p o l i t i s c h e r  A k t i o n  liefert den Be-
       weis, daß  in seiner  rein ökonomischen  Aktion das  Kapital  der
       stärkere Teil ist.
       Was die  G r e n z e n  d e s  W e r t s  d e r  A r b e i t  an-
       geht, so  hängt seine faktische Festsetzung immer von Angebot und
       Nachfrage ab,  ich meine die Nachfrage nach Arbeit von seilen des
       Kapitals und  das Angebot von Arbeit durch die Arbeiter. In Kolo-
       nialländern begünstigt  das Gesetz  von Angebot und Nachfrage den
       Arbeiter. Daher  der relativ hohe Lohnstandard in den Vereinigten
       Staaten. Das  Kapital kann dort sein Äußerstes versuchen. Es kann
       nicht verhindern,  daß der  Arbeitsmarkt ständig  entvölkert wird
       durch die  ständige Verwandlung von Lohnarbeitern in unabhängige,
       selbstwirtschaftende Bauern.  Die Tätigkeit  eines  Lohnarbeiters
       ist für  einen sehr großen Teil des amerikanischen Volks nur eine
       Probezeit, die sie sicher sind,
       
       #150# Karl Marx
       -----
       über kurz  oder lang  durchlaufen zu haben. [111] Um diesem Stand
       der Dinge  in den Kolonien abzuhelfen, machte sich die väterliche
       britische Regierung  eine Zeitlang  das zu eigen, was die moderne
       Kolonisationstheorie genannt  wird, die  darin besteht, den Preis
       des Kolomalbodens  künstlich hochzuschrauben, um die allzu rasche
       Verwandlung des  Lohnarbeiters in den unabhängigen Bauern zu ver-
       hindern.
       Aber wenden  wir uns  nun den  alten zivilisierten Ländern zu, in
       denen das  Kapital den ganzen Produktionsprozeß beherrscht. Nehmt
       z.B. das  Steigen der  Landarbeiterlöhne in  England von 1849 bis
       1859. Was  war seine  Folge? Weder konnten die Pächter, wie unser
       Freund Weston  ihnen geraten  haben würde,  den Wert  des Weizens
       noch auch  nur seine Marktpreise erhöhn. Sie hatten sich vielmehr
       mit ihrem Fallen abzufinden. Aber während dieser 11 Jahre führten
       sie allerlei  Maschinerie ein, wandten wissenschaftlichere Metho-
       den an, verwandelten einen Teil des Ackerlandes in Viehweide, er-
       weiterten den  Umfang der  Pachtungen und  damit die Stufenleiter
       der Produktion,  und da  sie durch diese und andre Prozeduren die
       Nachfrage nach  Arbeit verringerten,  indem sie  deren Produktiv-
       kraft steigerten,  machten sie  die ländliche  Bevölkerung wieder
       relativ überflüssig.  Das ist in altbesiedelten Ländern allgemein
       die Methode, wie eine raschere oder langsamere Reaktion des Kapi-
       tals auf  eine Lohnsteigerung  vor sich geht. Ricardo hat richtig
       bemerkt, daß  die Maschinerie  ständig mit der Arbeit konkurriert
       und oft  nur eingeführt  werden kann,  wenn der  Preis der Arbeit
       eine bestimmte  Höhe erreicht hat, doch ist die Anwendung von Ma-
       schinerie bloß  eine der  vielen Methoden, die Produktivkraft der
       Arbeit zu  steigern. Genau  dieselbe Entwicklung,  die die  unge-
       lernte Arbeit  relativ überflüssig macht, vereinfacht andrerseits
       die gelernte Arbeit und entwertet sie.
       Das gleiche  Gesetz findet sich noch in andrer Form. Mit der Ent-
       wicklung der  Produktivkraft der Arbeit wird die Akkumulation des
       Kapitals beschleunigt, selbst trotz einer relativ hohen Lohnrate.
       Hieraus könnte  man schließen,  wie A.  Smith, zu dessen Zeit die
       moderne Industrie  noch in  den Kinderschuhen  steckte,  wirklich
       schloß, daß  diese beschleunigte  Akkumulation des  Kapitals  die
       Waagschale zugunsten  des Arbeiters  neigen müßte,  indem sie ihm
       eine wachsende  Nachfrage nach seiner Arbeit sichert. Von demsel-
       ben Standpunkt haben viele jetzt lebende Schriftsteller sich dar-
       über gewundert,  daß, da  das englische  Kapital in  den  letzten
       zwanzig Jahren  soviel rascher  als die englische Bevölkerung ge-
       wachsen ist, der Arbeitslohn nicht bedeutender gestiegen sei. Al-
       lein gleichzeitig  mit dem  Fortschritt der  Akkumulation  findet
       e i n e  f o r t s c h r e i t e n d e  V e r ä n d e r u n g  in
       der Z u s a m m e n s e t z u n g
       
       #151# Lohn, Preis und Profit
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       d e s   K a p i t a l s   statt. Der Teil des Gesamtkapitals, der
       aus fixem  Kapital -  Maschinerie, Rohstoffen, Produktionsmitteln
       in allen erdenklichen Formen - besteht, nimmt stärker zu, vergli-
       chen mit dem ändern Teil des Kapitals, der in Arbeitslohn oder im
       Ankauf von Arbeit ausgelegt wird. Dies Gesetz ist mehr oder weni-
       ger präzis  festgestellt worden  von Barton,  Ricardo,  Sismondi,
       Professor Richard Jones, Professor Ramsay, Cherbuliez u.a.
       Wenn das Verhältnis dieser beiden Elemente des Kapitals ursprüng-
       lich 1:1  war, so  wird es  im Fortschritt der Industrie 5:1 usw.
       werden. Wenn  von einem  Gesamtkapital von  600 in  Instrumenten,
       Rohstoffen usw.  300 und  300 in  Arbeitslohn ausgelegt  ist,  so
       braucht das Gesamtkapital nur verdoppelt zu werden, um eine Nach-
       frage nach  600 Arbeitern  statt nach  500 zu schaffen. Bei einem
       Kapital von 600, von dem 500 in Maschinerie, Materialien usw. und
       nur 100  in Arbeitslohn  ausgelegt sind, muß dasselbe Kapital von
       600 auf  3600 anwachsen, um eine Nachfrage nach 600 Arbeitern wie
       im vorigen  Fall zu  schaffen. Im  Fortschritt der Industrie hält
       daher die  Nachfrage nach  Arbeit nicht Schritt mit der Akkumula-
       tion des  Kapitals. Sie  wird zwar  noch wachsen, aber in ständig
       abnehmender Proportion, verglichen mit der Vergrößerung des Kapi-
       tals.
       Diese wenigen  Andeutungen werden  genügen, um zu zeigen, daß die
       ganze Entwicklung  der modernen  Industrie die  Waagschale  immer
       mehr zugunsten des Kapitalisten und gegen den Arbeiter neigen muß
       und daß  es folglich  die allgemeine Tendenz der kapitalistischen
       Produktion ist,  den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu he-
       ben, sondern  zu senken  oder den   W e r t   d e r   A r b e i t
       mehr oder  weniger bis  zu seiner   M i n i m a l g r e n z e  zu
       drücken. Da  nun die  Tendenz  d e r  D i n g e  in diesem System
       solcher Natur  ist, besagt  das etwa,  daß die Arbeiterklasse auf
       ihren Widerstand  gegen die  Gewalttaten des  Kapitals verzichten
       und ihre  Versuche aufgeben  soll, die gelegentlichen Chancen zur
       vorübergehenden Besserung  ihrer Lage  auf die bestmögliche Weise
       auszunutzen? Täte  sie das,  sie würde degradiert werden zu einer
       unterschiedslosen Masse  ruinierter armer Teufel, denen keine Er-
       lösung mehr  hilft. Ich  glaube nachgewiesen  zu haben,  daß ihre
       Kämpfe um  den Lohnstandard von dem ganzen Lohnsystem unzertrenn-
       liche Begleiterscheinungen  sind, daß  in 99  Fällen von 100 ihre
       Anstrengungen, den  Arbeitslohn zu  heben, bloß Anstrengungen zur
       Behauptung des gegebnen Werts der Arbeit sind und daß die Notwen-
       digkeit, mit  dem Kapitalisten um ihren Preis zu markten, der Be-
       dingung inhärent  ist, sich selbst als Ware feilbieten zu müssen.
       Würden sie  in ihren  tagtäglichen Zusammenstößen mit dem Kapital
       feige nachgeben, sie würden sich selbst unweigerlich
       
       #152# Karl Marx
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       der Fähigkeit berauben, irgendeine umfassendere Bewegung ins Werk
       zu setzen.
       Gleichzeitig, und  ganz unabhängig  von der allgemeinen Fron, die
       das Lohnsystem einschließt, sollte die Arbeiterklasse die endgül-
       tige Wirksamkeit  dieser tagtäglichen  Kämpfe nicht überschätzen.
       Sie sollte nicht vergessen, daß sie gegen Wirkungen kämpft, nicht
       aber gegen  die Ursachen  dieser Wirkungen;  daß sie zwar die Ab-
       wärtsbewegung verlangsamt,  nicht aber  ihre Richtung ändert; daß
       sie Palliativmittel  anwendet, die  das Übel  nicht kurieren. Sie
       sollte  daher  nicht  ausschließlich  in  diesem  unvermeidlichen
       Kleinkrieg aufgehen,  der aus den nie enden wollenden Gewalttaten
       des Kapitals  oder aus den Marktschwankungen unaufhörlich hervor-
       geht. Sie  sollte begreifen,  daß das gegenwärtige System bei all
       dem Elend,  das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit
       den   m a t e r i e l l e n   B e d i n g u n g e n   und den ge-
       sellschaftlichen Formen,  die für  eine ökonomische  Umgestaltung
       der Gesellschaft  notwendig sind. Statt des  k o n s e r v a t i-
       v e n   Mottos: "Ein  gerechter Tagelohn  für ein gerechtes Tage-
       werk!", sollte  sie  auf  ihr  Banner  die  revolutionäre  Losung
       schreiben: "Nieder mit dem Lohnsystem!"
       Nach dieser  sehr langen und, wie ich fürchte, ermüdenden Ausein-
       andersetzung, auf  die ich  mich einlassen  mußte, um dem zur De-
       batte stehenden Gegenstand einigermaßen gerecht zu werden, möchte
       ich mit dem Vorschlag schließen, folgende Beschlüsse anzunehmen:
       1. Eine allgemeine  Steigerung der  Lohnrate würde auf ein Fallen
       der allgemeinen  Profitrate hinauslaufen,  ohne jedoch, allgemein
       gesprochen, die Warenpreise zu beeinflussen.
       2. Die allgemeine  Tendenz der  kapitalistischen Produktion  geht
       dahin, den  durchschnittlichen Lohnstandard  nicht zu heben, son-
       dern zu senken.
       3. Gewerkschaften tun  gute Dienste  als Sammelpunkte  des Wider-
       stands gegen  die Gewalttaten  des Kapitals.  Sie verfehlen ihren
       Zweck zum  Teil, sobald  sie von  ihrer Macht einen unsachgemäßen
       Gebrauch machen.  Sie verfehlen  ihren Zweck gänzlich, sobald sie
       sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des
       bestehenden Systems  zu führen,  statt gleichzeitig zu versuchen,
       es zu  ändern, statt  ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als
       einen Hebel  zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h.
       zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.
       
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