Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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KARL MARX
Lohn, Preis und Profit [98]
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Geschrieben Ende Mai bis 27. Juni 1865.
Nach dem Manuskript des Vertrags.
Aus dem Englischen.
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[Einleitendes]
Bürger!
Bevor ich auf unsern Gegenstand eingehe, erlaubt mir einige Vor-
bemerkungen.
Gegenwärtig herrscht auf dem Kontinent eine wahre Epidemie von
Streiks, und allgemein wird nach einer Lohnsteigerung gerufen.
Die Frage wird auf unserm Kongreß zur Sprache kommen. 1*) Ihr als
Leiter der Internationalen Assoziation müßt einen festen Stand-
punkt in dieser überragenden Frage haben. Ich für meinen Teil
habe es daher für meine Pflicht gehalten, ausführlich auf die Sa-
che einzugehn - selbst auf die Gefahr hin, eure Geduld auf eine
harte Probe zu stellen.
Eine Vorbemerkung noch mit Bezug auf Bürger Weston. Nicht nur hat
er vor euch Anschauungen entwickelt, die, wie er weiß, in der Ar-
beiterklasse äußerst unpopulär sind; er hat diese Anschauungen
auch öffentlich vertreten, wie er glaubt - im Interesse der Ar-
beiterklasse. Eine solche Bekundung moralischen Muts müssen wir
alle hochachten. Trotz des unverblümten Stils meiner Ausführungen
wird er hoffentlich am Schluß derselben finden, daß ich mit dem
übereinstimme, was mir als der eigentliche Grundgedanke seiner
Sätze erscheint, die ich jedoch in ihrer gegenwärtigen Form nicht
umhin kann, für theoretisch falsch und praktisch gefährlich zu
halten.
Ich komme nun ohne Umschweife zur Sache.
1. [Produktion und Löhne]
Bürger Westons Beweisführung beruhte wesentlich auf zwei Voraus-
setzungen:
1. daß der B e t r a g d e r n a t i o n a l e n P r o d u k-
t i o n ein u n v e r ä n d e r l i c h e s D i n g ist oder,
wie die Mathematiker sagen würden, eine k o n s t a n t e Menge
oder Größe;
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1*) Siehe vorl. Band, S. 509
#104# Karl Marx
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2. daß der B e t r a g d e s R e a l l o h n s, d.h. des
Lohns, gemessen durch das Warenquantum, das mit ihm gekauft wer-
den kann, ein u n v e r ä n d e r l i c h e r Betrag, eine
k o n s t a n t e Größe ist.
Nun, das Irrtümliche seiner ersten Behauptung springt in die Au-
gen. Ihr werdet finden, daß Wert und Masse der Produktion von
Jahr zu Jahr zunehmen, daß die Produktivkraft der nationalen Ar-
beit größer wird und daß die zur Zirkulation dieser gesteigerten
Produktion notwendige Geldmenge fortwährend wechselt. Was am Ende
des Jahres und für verschiedne miteinander verglichene Jahre
gilt, das gilt auch für jeden Durchschnittstag im Jahr. Die Menge
oder Größe der nationalen Produktion wechselt fortwährend. Sie
ist keine k o n s t a n t e, sondern eine v a r i a b l e
Größe, und ganz abgesehn von den Veränderungen des Bevölkerungs-
standes kann das nicht anders sein wegen des fortwährenden Wech-
sels in der A k k u m u l a t i o n d e s K a p i t a l s und
der P r o d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t. Unleugbar,
fände heute eine S t e i g e r u n g d e r a l l g e m e i-
n e n L o h n r a t e statt, so würde diese Steigerung, welches
immer ihre schließlichen Folgen, a n s i c h nicht u n m i t-
t e l b a r den Betrag der Produktion ändern. Sie würde zunächst
einmal vom jetzigen Stand der Dinge ausgehn. War aber die
nationale Produktion v o r der Lohnsteigerung v a r i a b e l
und nicht f i x, so wird sie auch n a c h der Lohnsteigerung
fortfahren, variabel und nicht fix zu sein.
Gesetzt aber, der Betrag der nationalen Produktion sei k o n-
s t a n t statt v a r i a b e l. Selbst dann bliebe, was unser
Freund Weston für einen Vernunftschluß hält, eine bloße Be-
hauptung. Habe ich eine gegebne Zahl, sage 8, so hindern die
a b s o l u t e n Grenzen dieser Zahl ihre Bestandteile keines-
wegs, ihre r e l a t i v e n Grenzen zu ändern. Machte der Pro-
fit 6 aus und der Arbeitslohn 2, so könnte der Arbeitslohn auf 6
steigen und der Profit auf 2 fallen, und doch bliebe der Gesamt-
betrag 8. So würde der fixe Betrag der Produktion keineswegs be-
weisen, daß der Betrag des Arbeitslohns fix sei. Wie beweist nun
aber unser Freund Weston diese Fixität? Einfach indem er sie be-
hauptet.
Aber selbst seine Behauptung zugegeben, ergibt sich aus ihr zwei-
erlei, während er nur eins sieht. Ist der Lohnbetrag eine kon-
stante Größe, so kann er weder vermehrt noch vermindert werden.
Wenn daher die Arbeiter töricht handeln mögen, indem sie eine
vorübergehende Lohnsteigerung erzwingen, so handeln die Kapitali-
sten nicht minder töricht, indem sie eine vorübergehende Lohnsen-
kung erzwingen. Unser Freund Weston leugnet nicht, daß die Arbei-
ter unter gewissen Umständen eine Steigerung des Arbeitslohns
durchsetzen k ö n n e n, da aber sein Betrag von Natur fixiert
sein soll, müsse ein Rückschlag erfolgen. Andrerseits weiß er
auch, daß die
#105# Lohn, Preis und Profit
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Kapitalisten eine Lohnsenkung erzwingen k ö n n e n und daß sie
dies in der Tat fortwährend versuchen. Nach dem Prinzip des kon-
stanten Arbeitslohns müßte in dem einen Fall so gut wie in dem
ändern ein Rückschlag erfolgen. Wenn daher die Arbeiter sich dem
Versuch oder der Durchführung einer Lohnsenkung widersetzten, tä-
ten sie ganz recht. Sie würden also richtig handeln, indem sie
e i n e L o h n s t e i g e r u n g erzwingen, weil jede A b-
w e h r a k t i o n gegen eine Herabsetzung des Lohns eine
A k t i o n für eine Lohnsteigerung ist. Nach Bürger Westons
eignem Prinzip vom k o n s t a n t e n A r b e i t s l o h n
sollten sich die Arbeiter daher unter gewissen Umständen zusam-
mentun und für eine Lohnsteigerung kämpfen.
Wenn er die Schlußfolgerung ablehnt, muß er die Voraussetzung
preisgeben, woraus sie sich ergibt. Statt zu sagen, der Betrag
des Arbeitslohns sei ein k o n s t a n t e s Q u a n t u m,
müßte er sägen, daß, obgleich er weder s t e i g e n könne noch
müsse, er vielmehr f a l l e n könne und müsse, sobald es dem
Kapital gefällt, ihn herabzusetzen. Beliebt es dem Kapitalisten,
euch Kartoffeln an Stelle von Fleisch und Hafer an Stelle von
Weizen essen zu lassen, so müßt ihr seinen Willen als Gesetz der
politischen Ökonomie hinnehmen und euch ihm unterwerfen. Ist in
einem Lande, z.B. den Vereinigten Staaten, die Lohnrate höher als
in einem ändern, z.B. England, so habt ihr euch diesen Unter-
schied in der Lohnrate aus einem Unterschied im Willen des ameri-
kanischen und des englischen Kapitalisten zu erklären, eine Me-
thode, die das Studium nicht nur der ökonomischen, sondern auch
aller ändern Erscheinungen zweifellos sehr vereinfachen würde.
Aber selbst dann wäre die Frage erlaubt, w a r u m denn der
Wille des amerikanischen Kapitalisten von dem des englischen ver-
schieden ist. Und um auf diese Frage zu antworten, müßt ihr über
den Bereich des W i l l e n s hinausgehen. Ein Pfaffe kann mir
weismachen wollen, Gottes Wille sei in Frankreich eines und in
England etwas andres. Wenn ich von ihm verlangte, mir diesen Wil-
lenszwiespalt zu erklären, könnte er die Stirn haben, mir zu ant-
worten, es sei Gottes Wille, in Frankreich einen Willen zu haben
und in England einen ändern. Aber unser Freund Westen ist sicher
der letzte, eine so vollständige Preisgabe alles vernünftigen
Denkens als Argument geltend zu machen.
Sicher ist es der W i l l e des Kapitalisten, zu nehmen, was zu
nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht über seinen W i ll e n
zu fabeln, sondern seine M a c h t zu untersuchen, die
S c h r a n k e n d i e s e r M a c h t und den C h a r a k-
t e r d i e s e r S c h r a n k e n.
#106# Karl Marx
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2. [Produktion, Lohn, Profit]
Der uns von Bürger Weston gehaltene Vortrag hätte in einer Nuß-
schale Raum finden können.
Alle seine Ausführungen liefen auf folgendes hinaus: Wenn die Ar-
beiterklasse die Klasse der Kapitalisten zwingt, 5 sh. statt 4 in
Gestalt von Geldlohn zu zahlen, so würde der Kapitalist dafür in
Gestalt von Waren einen Wert von 4 statt 5 sh. zurückgeben. Die
Arbeiterklasse würde das mit 5 sh. zu bezahlen haben, was sie vor
der Lohnsteigerung für 4 sh. kaufte. Aber warum ist dies der
Fall? Warum gibt der Kapitalist im Austausch für 5sh. nur einen
Wert von 4 sh. zurück? Weil der Lohnbetrag fix ist. Warum ist er
aber zu einem Warenwert von 4 sh. fixiert? Warum nicht zu 3 oder
2 sh. oder einer beliebigen ändern Summe? Ist die Grenze des
Lohnbetrags durch ein ökonomisches Gesetz bestimmt, das gleich
unabhängig ist vom Willen des Kapitalisten wie vom Willen des Ar-
beiters, so hätte Bürger Weston zunächst einmal dies Gesetz aus-
sprechen und nachweisen müssen. Er wäre dann aber auch den Beweis
schuldig gewesen, daß der in jedem gegebnen Zeitpunkt faktisch
gezahlte Lohnbetrag immer exakt dem notwendigen Lohnbetrag ent-
spricht und niemals davon abweicht. Andrerseits, beruht die ge-
gebne Grenze des Lohnbetrags auf dem b l o ß e n W i l l e n
des Kapitalisten oder den Grenzen seiner Habgier, so ist sie
willkürlich. Sie ist aller Notwendigkeit bar. Sie kann d u r c h
den Willen des Kapitalisten und kann daher auch g e g e n sei-
nen Willen geändert werden.
Bürger Weston illustrierte euch seine Theorie damit, daß, wenn
eine Schüssel ein bestimmtes Quantum Suppe zur Speisung einer be-
stimmten Anzahl von Personen enthalte, ein Breiterwerden der Löf-
fel kein Größerwerden des Quantums Suppe bewirke. Er muß mir
schon gestatten, diese Illustration recht ausgelöffelt zu finden.
Sie erinnerte mich einigermaßen an das Gleichnis, zu dem Menenius
Agrippa seine Zuflucht nahm. Als die römischen Plebejer gegen die
römischen Patrizier in den Streik traten, erzählte ihnen der Pa-
trizier Agrippa, daß der patrizische Wanst die plebejischen Glie-
der des Staatskörpers mit Nahrung versehe. Agrippa blieb den Be-
weis schuldig, wie jemand die Glieder eines Mannes mit Nahrung
versieht, indem er den Wanst eines ändern füllt. Bürger Weston
für sein Teil hat vergessen, daß die Schüssel, woraus die Arbei-
ter essen, mit dem ganzen Produkt der nationalen Arbeit gefüllt
ist und daß, wenn irgend etwas die Arbeiter hindert, mehr aus der
Schüssel herauszuholen, es weder die Enge der Schüssel noch die
Dürftigkeit ihres Inhalts ist, sondern einzig und allein die
Kleinheit ihrer Löffel.
#107# Lohn, Preis und Profit
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Durch welchen Kunstgriff ist der Kapitalist imstande, für 5 Shil-
ling einen 4-Shilling-Wert zurückzugeben? Durch die Erhöhung des
Preises der von ihm verkauften Ware. Hängt denn nun aber das
Steigen, ja überhaupt der Wechsel der Warenpreise, hängen etwa
die Warenpreise selbst vom bloßen Willen des Kapitalisten ab?
Oder sind nicht vielmehr bestimmte Umstände erforderlich, um die-
sen Willen wirksam zu machen? Wenn nicht, so werden die Auf- und
Abbewegungen, die unaufhörlichen Fluktuationen der Marktpreise zu
einem unlösbaren Rätsel.
Sobald wir unterstellen, daß keinerlei Wechsel stattgefunden, we-
der in der Produktivkraft der Arbeit noch im Umfang des Kapitals
und der angewandten Arbeit, noch im Wert des Geldes, worin die
Werte der Produkte geschätzt werden, sondern n u r e i n
W e c h s e l i n d e r L o h n r a t e, wie könnte diese
L o h n s t e i g e r u n g die W a r e n p r e i s e beein-
flussen? Doch nur, indem sie das bestehende Verhältnis zwischen
der Nachfrage nach diesen Waren und ihrem Angebot beeinflußt.
Es ist sehr richtig, daß die Arbeiterklasse, als Ganzes betrach-
tet, ihr Einkommen in L e b e n s m i t t e l n verausgabt und
verausgaben muß. Eine allgemeine Steigerung der Lohnrate würde
daher eine Zunahme der Nachfrage nach L e b e n s m i t t e l n
und folglich eine Steigerung ihrer M a r k t p r e i s e her-
vorrufen. Die Kapitalisten, die diese Lebensmittel produzieren,
würden für den gestiegnen Lohn mit steigenden Marktpreisen für
ihre Waren entschädigt. Wie aber die ändern Kapitalisten, die
n i c h t Lebensmittel produzieren? Und ihr müßt nicht glauben,
daß das eine Handvoll ist. Wenn ihr bedenkt, daß 2/3 des nationa-
len Produkts von 1/5 der Bevölkerung - oder sogar nur von einem
Siebtel, wie kürzlich ein Mitglied des Unterhauses erklärte -
konsumiert werden, so begreift ihr, welch bedeutender Teil des
nationalen Produkts in Gestalt von Luxusartikeln produziert oder
gegen Luxusartikel a u s g e t a u s c h t und welche Unmenge
selbst von den Lebensmitteln auf Lakaien, Pferde, Katzen usw.
verschwendet werden muß, eine Verschwendung, von der wir aus Er-
fahrung wissen, daß ihr mit steigenden Lebensmittelpreisen immer
bedeutendere Einschränkungen auferlegt werden.
Wie wäre nun die Stellung der Kapitalisten, die n i c h t Le-
bensmittel produzieren? Für-das der allgemeinen Lohnsteigerung
geschuldete F a l l e n d e r P r o f i t r a t e könnten sie
sich nicht durch eine S t e i g e r u n g d e s P r e i s e s
i h r e r W a r e n schadlos halten, weil die Nachfrage nach
diesen Waren nicht gewachsen wäre. Ihr Einkommen wäre geschmä-
lert; und von diesem geschmälerten Einkommen hätten sie mehr zu
zahlen für die gleiche Menge im Preise gestiegner Lebensmittel.
Aber das wäre noch nicht alles. Da ihr Einkommen vermindert, wür-
den sie weniger auf Luxusartikel zu verausgaben
#108# Karl Marx
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haben, und so würde ihre wechselseitige Nachfrage für ihre re-
spektiven Waren abnehmen. Infolge dieser Abnahme würden die
Preise ihrer Waren fallen. Daher würde in diesen Industriezweigen
d i e P r o f i t r a t e f a l l e n, und zwar nicht bloß im
einfachen Verhältnis zu der allgemeinen Steigerung der Lohnrate,
sondern im kombinierten Verhältnis zu der allgemeinen Lohnsteige-
rung, der Preissteigerung der Lebensmittel und dem Preisfall der
Luxusartikel.
Welche Folgen hätte diese D i f f e r e n z in den P r o-
f i t r a t e n für die in den verschiednen Industriezweigen
angewandten Kapitalien? Nun, dieselben, die gewöhnlich stattfin-
den, wenn aus irgendeinem Grund die D u r c h s c h n i t t s-
p r o f i t r a t e i n den verschiednen Produktionssphären
sich ändert. Kapital und Arbeit würden von den weniger gewinn-
bringenden nach den mehr gewinnbringenden Produktionszweigen
abfließen; und dieser Abfluß würde so lange fortdauern, bis das
Angebot in der einen Abteilung der Industrie im Verhältnis zu der
gewachsenen Nachfrage gestiegen und in den ändern Abteilungen
entsprechend der verminderten Nachfrage gesunken wäre. S o-
b a l d d i e s e Ä n d e r u n g e i n g e t r e t e n, wäre
die a l l g e m e i n e P r o f i t r a t e in den verschied-
nen Zweigen wieder a u s g e g l i c h e n. Da der ganze Um-
schwung ursprünglich herrührte von einem bloßen Wechsel im
Verhältnis der Nachfrage nach und dem Angebot von verschiednen
Waren, so würde mit dem Aufhören der Ursache die Wirkung
aufhören, und die P r e i s e würden auf ihr vorheriges Niveau
und ins Gleichgewicht zurückkehren. Das F a l l e n d e r
P r o f i t r a t e, statt auf einige Industriezweige beschränkt
zu bleiben, wäre infolge der Lohnsteigerung a l l g e m e i n
geworden. Entsprechend unsrer Unterstellung hätte eine Änderung
weder in der Produktivkraft der Arbeit stattgefunden noch im
Gesamtbetrag der Produktion, wohl aber h ä t t e d i e s e r
g e g e b n e B e t r a g d e r P r o d u k t i o n s e i n e
F o r m g e ä n d e r t. Ein größerer Teil des Produkts exi-
stierte in Gestalt von Lebensmitteln, ein kleinerer in Gestalt
von Luxusartikeln, oder, was dasselbe, ein geringerer Teil würde
für ausländische Luxusartikel eingetauscht und in seiner ur-
sprünglichen Form verzehrt, oder, was wieder auf dasselbe hinaus-
kommt, ein größerer Teil des heimischen Produkts würde für
ausländische Lebensmittel statt für Luxusartikel eingetauscht.
Die allgemeine Steigerung der Lohnrate würde daher nach einer
vorübergehenden Störung in den Marktpreisen nur ein allgemeines
Sinken der Profitrate zur Folge haben, ohne daß die Warenpreise
auf die Dauer verändert wären.
Wollte man mir einwenden, ich hätte in dieser Beweisführung ange-
nommen, daß der ganze zuschüssige Arbeitslohn auf Lebensmittel
verausgabt werde, so antworte ich, daß ich die günstigste Annahme
für die
#109# Lohn, Preis und Profit
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Ansicht des Bürgers Westen unterstellt habe. Würde der zuschüs-
sige Arbeitslohn auf Artikel verausgabt, die früher nicht in den
Konsum der Arbeiter eingingen, so bedürfte der reale Zuwachs ih-
rer Kaufkraft keines Beweises. Da diese Zunahme der Kaufkraft
sich jedoch nur aus einer Erhöhung des Arbeitslohns herleitet, so
muß sie exakt der Abnahme der Kaufkraft der Kapitalisten entspre-
chen. Die G e s a m t n a c h f r a g e nach Waren würde daher
nicht z u n e h m e n, wohl aber wäre in den Bestandteilen die-
ser Nachfrage eine w e c h s e l s e i t i g e Ä n d e r u n g
eingetreten. Die zunehmende Nachfrage auf der einen Seite würde
wettgemacht von der abnehmenden Nachfrage auf der ändern Seite.
Indem so die Gesamtnachfrage unverändert bliebe, könnte keinerlei
Veränderung in den Marktpreisen der Waren stattfinden.
Ihr seid also vor dies Dilemma gestellt: Entweder wird der zu-
schüssige Arbeitslohn gleichmäßig auf alle Konsumtionsartikel
verausgabt - dann muß die Ausdehnung der Nachfrage auf seiten der
Arbeiterklasse aufgewogen werden durch die Einschränkung der
Nachfrage auf Seiten der Kapitalistenklasse -, oder der zuschüs-
sige Arbeitslohn wird nur auf einige Artikel verausgabt, deren
Marktpreise vorübergehend steigen werden. Dann wird das nachfol-
gende Steigen der Profitrate in den einen und das nachfolgende
Fallen der Profitrate in den ändern Industriezweigen einen Wech-
sel in der Distribution von Kapital und Arbeit hervorrufen, so
lange bis das Angebot entsprechend der gestiegnen Nachfrage in
der einen Abteilung der Industrie gesteigert und entsprechend der
verminderten Nachfrage in den ändern gesenkt wird. Unter der
einen Voraussetzung wird keine Änderung in den Warenpreisen ein-
treten. Unter der ändern Voraussetzung werden die Tauschwerte der
Waren nach einigen Schwankungen der Marktpreise auf das frühere
Niveau zurückkehren. Unter beiden Voraussetzungen wird das allge-
meine Steigen der Lohnrate in letzter Instanz zu nichts andrem
führen als zu einem allgemeinen Fallen der Profitrate.
Um eure Einbildungskraft anzuregen, ersuchte euch Bürger Weston,
die Schwierigkeiten zu bedenken, die eine allgemeine Steigerung
der englischen Landarbeiterlöhne von 9 auf 18 sh. hervorrufen
würde. Bedenkt, rief er, die ungeheure Steigerung der Nachfrage
nach Lebensmitteln und die nachfolgende furchtbare Steigerung ih-
rer Preise! Nun wißt ihr ja alle, daß der Durchschnittslohn der
amerikanischen Landarbeiter sich auf mehr als das Doppelte von
dem der englischen beläuft, obgleich die Preise landwirtschaftli-
cher Produkte in den Vereinigten Staaten niedriger sind als im
Vereinigten Königreich, obgleich in den Vereinigten Staaten das
gesamte Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit das gleiche ist
wie in England und
#110# Karl Marx
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obgleich der jährliche Betrag der Produktion in den Vereinigten
Staaten viel geringer ist als in England. Warum läutet unser
Freund dann die Sturmglocke? Einfach, um uns von der wirklichen
Frage abzubringen. Eine plötzliche Lohnsteigerung von 9 auf 18
sh. wäre eine plötzliche Steigerung von 100%. Nun, wir debattie-
ren ja gar nicht die Frage, ob die allgemeine Lohnrate in England
plötzlich um 100% erhöht werden könnte. Wir haben überhaupt
nichts zu tun mit der G r ö ß e der Steigerung, welche in jedem
praktischen Fall von den gegebnen Umständen abhängen und ihnen
angepaßt sein muß. Wir haben nur zu untersuchen, wie eine allge-
meine Steigerung der Lohnrate wirkt, selbst wenn sie sich nur auf
1 Prozent beläuft.
Ich lasse die von Freund Weston erfundene Steigerung von 100% auf
sich beruhen und mache euch auf die wirkliche Lohnsteigerung auf-
merksam, die in Großbritannien von 1849 bis 1859 stattfand.
Euch allen ist die Zehnstundenbill bekannt, oder vielmehr die
Zehneinhalbstundenbill, die seit 1848 in Kraft ist. Dies war eine
der größten ökonomischen Veränderungen, die unter unsern Augen
vorgegangen. Es war das eine plötzliche und unfreiwillige Lohn-
steigerung nicht etwa in einigen lokalen Geschäftszweigen, son-
dern in den führenden Industriezweigen, durch die England den
Weltmarkt beherrscht. Sie brachte eine Lohnsteigerung unter aus-
nehmend ungünstigen Umständen. Dr. Ure, Professor Senior und all
die ändern offiziellen ökonomischen Wortführer der Bourgeoisie
b e w i e s e n - und ich muß sagen, mit viel durchschlagenderen
Gründen als Freund Weston -, daß sie die Totenglocke der engli-
schen Industrie läuten werde. Sie bewiesen, daß sie nicht bloß
auf eine gewöhnliche Lohnsteigerung hinauslaufe, sondern auf eine
durch die Abnahme des Quantums der angewandten Arbeit veranlaßte
und darauf gegründete Lohnsteigerung. Sie behaupteten, daß die
12. Stunde, die man dem Kapitalisten wegnehmen wolle, gerade die
einzige Stunde sei, woraus er seinen Profit herleite. Sie drohten
mit Abnahme der Akkumulation, Steigerung der Preise, Verlust der
Märkte, Schrumpfung der Produktion, daher entspringendem Rück-
schlag auf die Löhne und schließlichem Ruin. In der Tat erklärten
sie Maximilien Robespierres Gesetze über das Maximum [99] für
eine Lappalie im Vergleich damit; und in gewissem Sinn hatten sie
recht. Schön, was war das Resultat? Steigerung des Geldlohns der
Fabrikarbeiter trotz der Verkürzung des Arbeitstags, große Zu-
nahme der Zahl der beschäftigten Fabrikarbeiter, anhaltendes Fal-
len der Preise ihrer Produkte, wunderbare Entwicklung der Produk-
tivkraft ihrer Arbeit, unerhört fortschreitende Ausdehnung der
Märkte für ihre Waren. Zu Manchester,
#111# Lohn, Preis und Profit
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1861 1*) auf der Tagung der Gesellschaft zur Förderung der Wis-
senschaft, hörte ich selber Herrn Newman eingestehn, daß er, Dr.
Ure, Senior und alle andren offiziellen Leuchten der ökonomischen
Wissenschaft sich geirrt hätten, während der Instinkt des Volks
recht behalten habe. Ich nenne Herrn W. Newman [100] - nicht Pro-
fessor Francis Newman -, weil er eine hervorragende Stellung in
der ökonomischen Wissenschaft einnimmt als Mitarbeiter und Her-
ausgeber von Herrn Thomas Tookes "History of Prices", diesem
prächtigen Werk, das die Geschichte der Preise von 1793 bis 1856
verfolgt. Wenn Freund Westons fixe Idee von einem fixen Lohnbe-
trag, einem fixen Betrag der Produktion, einem fixen Grad der
Produktivkraft der Arbeit, einem fixen und immerwährenden Willen
der Kapitalisten und alle seine übrige Fixität und Finalität
richtig wären, so wären Professor Seniors traurige Voraussagen
richtig gewesen, und unrecht hätte Robert Owen gehabt, der
bereits 1816 eine allgemeine Beschränkung des Arbeitstags für den
ersten vorbereitenden Schritt zur Befreiung der Arbeiterklasse
erklärte und sie, dem landläufigen Vorurteil praktisch zum Trotz,
auf eigne Faust in seiner Baumwollspinnerei zu New Lanark durch-
führte.
Während ebenderselben Periode, in der die Einführung der Zehn-
stundenbill und die nachfolgende Lohnsteigerung vor sich ging,
erfolgte in Großbritannien aus Gründen, die aufzuzählen hier
nicht der Ort ist, e i n e a l l g e m e i n e S t e i g e-
r u n g d e r L a n d a r b e i t e r l ö h n e.
Obgleich es für meinen unmittelbaren Zweck nicht erheischt ist,
werde ich dennoch, um bei euch keine Mißverständnisse aufkommen
zu lassen, einige Vorbemerkungen machen.
Wenn ein Mann erst 2 sh. Wochenlohn erhält und sein Lohn dann auf
4 sh. steigt, so ist die L o h n r a t e um 100% gestiegen. Als
Steigerung der L o h n r a t e ausgedrückt scheint dies eine
großartige Sache, obgleich der f a k t i s c h e L o h n b e-
t r a g, 4 sh. die Woche, noch immer ein miserabel niedriger,
ein Hungerlohn wäre. Ihr müßt euch daher von den groß klingenden
Prozentzahlen der R a t e des Arbeitslohns nicht beirren las-
sen. Ihr müßt immer fragen: Was war der u r s p r ü n g l i-
c h e Betrag?
Ferner werdet ihr verstehen, daß, wenn 10 Mann je 2sh. die Woche,
5 Mann je 5 sh. und 5 Mann je 11 sh. wöchentlich erhielten, die
20 Mann zusammen 100 sh. oder 5 Pfd. St. wöchentlich erhalten
würden. Wenn nun eine sage zwanzigprozentige Steigerung der
Gesamtsumme ihres Wochenlohns stattfände, so gäbe das eine Zu-
nahme von 5 auf 6 Pfd. St. Zögen wir den Durchschnitt, so könnten
wir sagen, daß die a l l g e m e i n e L o h n r a t e um
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1*) Im Manuskript irrtümlich: 1860
#112# Karl Marx
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20% gestiegen wäre, obgleich in Wirklichkeit der Arbeitslohn der
10 Mann unverändert geblieben, der der einen Gruppe von 5 Mann
nur von 5 auf 6 sh. per Mann und der der anderen von 5 Mann von
insgesamt 55 auf 70 sh. gestiegen wäre. Eine Hälfte der Leute
hätte ihre Lage überhaupt nicht verbessert, 1/4 in kaum merkli-
chem Grade, und nur 1/4 hätte sie wirklich verbessert. Indes, im
D u r c h s c h n i t t gerechnet, hätte der Gesamtlohnbetrag
jener 20 Mann um 20% zugenommen, und soweit das Gesamtkapital in
Betracht kommt, das sie beschäftigt, und die Preise der Waren,
die sie produzieren, würde es genau dasselbe sein, als hätten sie
alle gleichmäßig an der durchschnittlichen Lohnsteigerung teilge-
nommen. Was nun den Fall mit der Landarbeit angeht, für die der
Lohnstandard in den verschiednen Grafschaften Englands und
Schottlands sehr verschieden ist, so wirkte sich die Steigerung
sehr ungleich auf ihn aus.
Endlich waren während der Periode, in der jene Lohnsteigerung
stattfand, entgegenwirkende Einflüsse am Werk, wie z.B. die durch
den Russischen Krieg [101] hervorgerufenen neuen Steuern, die
massenhafte Zerstörung der Wohnhäuser der Landarbeiter [102] usw.
Nachdem ich soviel vorausgeschickt, komme ich nun zu der Fest-
stellung, daß von 1849 bis 1859 die Durchschnittsrate der Landar-
beiterlöhne Großbritanniens eine S t e i g e r u n g v o n
u n g e f ä h r 4 0 % erfuhr. Ich könnte weitläufige Einzelhei-
ten zum Beweis meiner Behauptung anführen, aber für vorliegenden
Zweck betrachte ich es als ausreichend, auf den gewissenhaften
und kritischen Vortrag hinzuweisen, den der verstorbne Herr John
C. Morton 1860 über "The Forces used in Agriculture" in der Lon-
doner Society of Arts [103] hielt. Herr Morton führt statistische
Angaben aus Quittungen und ändern authentischen Schriftstücken
an, die er in 12 schottischen und 35 englischen Grafschaften bei
ungefähr 100 dort ansässigen Pächtern gesammelt.
Gemäß Freund Westons Ansicht, und wenn man damit die gleichzei-
tige Steigerung des Arbeitslohns der Fabrikarbeiter in Zusammen-
hang bringt, hätten die Preise der landwirtschaftlichen Produkte
während der Periode von 1849 bis 1859 gewaltig steigen müssen.
Was aber geschah faktisch? Trotz des Russischen Kriegs und der
aufeinanderfolgenden ungünstigen Ernten von 1854 bis 1856 fiel
der Durchschnittspreis des Weizens - der das wichtigste landwirt-
schaftliche Produkt Englands ist - von ungefähr 3 Pfd. St. per
Quarter in den Jahren 1838 bis 1848 auf ungefähr 2 Pfd. St. 10
sh. per Quarter für die Jahre 1849 bis 1859. Das macht eine Ab-
nahme des Weizenpreises von mehr als 16% in derselben Zeit, wo
die Steigerung der Landarbeiterlöhne im Durchschnitt 40% betrug.
Während derselben
#113# Lohn, Preis und Profit
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Periode, wenn wir ihr Ende mit ihrem Beginn, 1859 mit 1849 ver-
gleichen, nahm der offizielle Pauperismus von 934 419 auf 860 470
ab, was eine Differenz vor 73 949 ausmacht. Ich gestehe, das ist
eine sehr Heine. Abnahme, die überdies in den folgenden Jahren
wieder verlorenging, aber immerhin eine Abnahme.
Es kann gesagt werden, daß infolge der Abschaffung der Kornge-
setze [104] die Einfuhr von ausländischem Korn in der Periode von
1849 bis 1859 sich mehr als verdoppelt hat, verglichen mit der
Periode von 1838 bis 1848. Was folgt aber daraus? Von Bürger We-
stons Standpunkt würde man erwartet haben, daß diese plötzliche,
gewaltige und anhaltend zunehmende Nachfrage auf den ausländi-
schen Märkten die Preise der landwirtschaftlichen Produkte dort
furchtbar hinaufgeschraubt haben müßte, da die Wirkung einer ver-
größerten Nachfrage die gleiche bleibt, ob sie nun vom Ausland
oder vom Inland kommt. Was geschah faktisch? Mit Ausnahme einiger
Jahre schlechter Ernten bildete das ruinöse Fallen des Kornprei-
ses in dieser ganzen Periode das stehende Thema, worüber in
Frankreich deklamiert wurde; die Amerikaner sahen sich immer und
immer wieder genötigt, ihr überschüssiges Produkt zu verbrennen;
und wenn wir Herrn Urquhart glauben sollen, so schürte Rußland
den Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten, weil seine landwirt-
schaftliche Ausfuhr auf den Kornmärkten Europas durch die Konkur-
renz der Yankees geschmälert wurde.
A u f i h r e a b s t r a f t e F o r m r e d u z i e r t,
käme Bürger Westons Behauptung auf folgendes hinaus: Jede Steige-
rung der Nachfrage geht immer auf Basis eines gegebnen Betrags
der Produktion vor sich. Sie kann daher n i e d a s A n g e-
b o t d e r n a c h g e f r a g t e n A r t i k e l v e r-
g r ö ß e r n, sondern nur i h r e G e l d p r e i s e e r-
h ö h n. Nun lehrt aber die einfachste Beobachtung, daß eine
vergrößerte Nachfrage in einigen Fällen die Marktpreise der Waren
durchaus unverändert läßt, in ändern Fällen ein vorübergehendes
Steigen der Marktpreise bewirkt, begleitet von vergrößertem Ange-
bot und wiederum von einem Rückgang der Preise a u f ihr ur-
sprüngliches Niveau, ja, vielfach sogar d a r u n t e r. Ob die
Steigerung der Nachfrage aus zuschüssigem Arbeitslohn oder einer
ändern Ursache entspringt, ändert nichts an den Bedingungen des
Problems. Von Bürger Westons Standpunkt war die allgemeine Er-
scheinung ebenso schwer zu erklären wie die unter den Ausnahmeum-
ständen einer Lohnsteigerung eintretende Erscheinung. Seine Be-
weisführung stand daher in keinerlei Zusammenhang mit dem Gegen-
stand, den wir behandeln. Sie war nur der Ausdruck seiner Hilflo-
sigkeit gegenüber den Gesetzen, wodurch eine Zunahme der Nach-
frage, statt eine schließliche Steigerung der Marktpreise hervor-
zurufen, vielmehr eine Zunahme des Angebots herbeiführt.
#114# Karl Marx
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3. [Löhne und Geldumlauf]
Am zweiten Tag der Debatte kleidete Freund Weston seine alte Be-
hauptung in neue Formen. Er sagte: Infolge eines allgemeinen
Steigens der Geldlöhne sind mehr Zirkulationsmittel zur Zahlung
desselben Arbeitslohns erforderlich. Da der Geldumlauf f i x
ist, wie sollen mit diesen fixen Zirkulationsmitteln die erhöhten
Geldlöhne bezahlt werden können? Erst ergab sich die Schwierig-
keit aus dem fixen Warenquantum, das dem Arbeiter trotz seines
vermehrten Geldlohns zukomme; jetzt wird sie trotz des fixen Wa-
renquantums aus dem erhöhten Geldlohn hergeleitet. Lehnt ihr sein
ursprüngliches Dogma ab, so verschwinden natürlich seine dadurch
verursachten Schwierigkeiten.
Indes werde ich nachweisen, daß diese Frage des Geldumlaufs
durchaus nichts mit unserm Gegenstand zu tun hat.
In eurem Land ist der Mechanismus der Zahlungen viel vollkommener
als in irgendeinem ändern Land Europas. Dank der Größe und Kon-
zentration des Banksystems sind viel weniger Zirkulationsmittel
erforderlich zur Zirkulierung desselben Wertbetrags und zur Voll-
ziehung derselben oder einer größeren Anzahl von Geschäften. So-
weit der Arbeitslohn in Betracht kommt, gibt ihn z.B. der engli-
sche Fabrikarbeiter allwöchentlich bei dem Krämer aus, der ihn
jede Woche dem Bankier zuschickt, der ihn seinerseits jede Woche
wieder dem Fabrikanten zukommen läßt, der ihn wieder an seine Ar-
beiter zahlt usw. Vermöge dieser Einrichtung kann der Jahreslohn
eines Arbeiters sage von 52 Pfd. St. mit einem einzigen Sovereign
bezahlt werden, der allwöchentlich denselben Zirkel beschreibt.
In England ist dieser Mechanismus sogar weniger vollkommen als in
Schottland, und er ist nicht an allen Orten gleich vollkommen;
und daher finden wir z.B., daß in einigen Ackerbaudistrikten im
Vergleich zu den Fabrikdistrikten viel mehr Zirkulationsmittel
erforderlich sind, um einen viel kleineren Wertbetrag zu zirku-
lieren.
Wenn ihr den Kanal überquert, so werdet ihr finden, daß dort der
G e l d l o h n viel niedriger ist als in England, daß er aber
in Deutschland, Italien, der Schweiz und Frankreich vermittels
einer v i e l g r ö ß e r e n M e n g e Z i r k u l a-
t i o n s m i t t e l zirkuliert wird. Derselbe Sovereign wird
vom Bankier nicht so rasch aufgefangen oder zum industriellen
Kapitalisten zurückgebracht; und daher bedarf es statt eines
Sovereigns, der 52 Pfd. St. im Jahr zirkuliert, vielleicht dreier
Sovereigns, um einen Jahreslohn in Höhe von 25 Pfd. St. zu
zirkulieren. Vergleicht ihr somit die Länder des Konjtinents mit
England, so werdet ihr sofort einsehen, daß niedriger Geldlohn
#115# Lohn, Preis und Profit
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viel mehr Zirkulationsmittel zu seinem Umlauf erheischen kann als
hoher Geldlohn und daß dies in Wirklichkeit eine rein technische
Angelegenheit ist, die unserm Gegenstand gänzlich fernliegt.
Gemäß den genausten Berechnungen, die mir bekannt sind, dürfte
das jährliche Einkommen der Arbeiterklasse dieses Landes auf 250
Millionen Pfd. St. zu schätzen sein. Diese gewaltige Summe wird
mit ungefähr 3 Millionen Pfd. St. zirkuliert. Unterstellt, es
fände eine Lohnsteigerung von 50% statt. Dann wären statt 3 Mil-
lionen Pfd. St. Zirkulationsmittel 4V2 Millionen Pfd. St. erfor-
derlich. Da ein sehr bedeutender Teil der täglichen Ausgaben des
Arbeiters mit Silber- und Kupfermünze, d.h. mit bloßen Wertzei-
chen, bestritten wird, deren Wertverhältnis zum Gold durch Gesetz
konventionell festgestellt ist, ebenso wie das von nicht einlös-
barem Papiergeld, so würde eine fünfzigprozentige Steigerung des
Geldlohns im schlimmsten Fall eine zusätzliche Zirkulation von
Sovereigns zum Betrag von sage einer Million erheischen. Eine
Million, die jetzt in Form von Barren oder gemünztem Gold in den
Kellern der Bank von England oder von Privatbanken ruht, würde in
Umlauf gebracht. Aber selbst die unbedeutenden Ausgaben, die aus
der zusätzlichen Prägung oder dem zusätzlichen Verschleiß jener
Million erwachsen, könnten und würden tatsächlich gespart werden,
wenn infolge zuschüssiger Nachfrage nach Zirkulationsmitteln ir-
gendwelche Reibungen entstehen sollten. Ihr alle wißt, daß die
Zirkulationsmittel dieses Landes in zwei große Abteilungen zer-
fallen. Eine Sorte, die in Banknoten verschiednen Nennwerts ge-
liefert wird, dient m den Umsätzen zwischen Geschäftsleuten und
bei größeren Zahlungen von Konsumenten an Geschäftsleute, während
im Kleinhandel eine andre Sorte Zirkulationsmittel umläuft, das
Metallgeld. Obgleich voneinander unterschieden, vertritt jede der
beiden Sorten Zirkulationsmittel die Stelle der ändern. So läuft
Goldmünze zu einem sehr bedeutenden Betrag selbst bei größeren
Zahlungen um, wo es sich bei den zu zahlenden Summen um Über-
schüsse unter 5 Pfd. St., aber runde Summen handelt. Würden mor-
gen 4- oder 3- oder 2-Pfd.-St.-Noten ausgegeben werden, so würden
die Goldmünzen, die-diese Kanäle der Zirkulation füllen, sofort
aus ihnen vertrieben werden und in diejenigen Kanäle strömen, wo
sie infolge der Zunahme des Geldlohns benötigt wären. So würde
die zuschüssige Million, durch eine fünfzigprozentige Lohnerhö-
hung erheischt, geliefert werden, ohne daß ein einziger Sovereign
zugesetzt zu werden brauchte. Dieselbe Wirkung könnte ohne eine
einzige zusätzliche Banknote hervorgebracht werden vermittels
vermehrter Zirkulation von Wechseln, wie dies in Lancashire sehr
lange Zeit der Fall war.
#116# Karl Marx
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Wenn ein allgemeines Steigen der Lohnrate - z.B. von 100%, wie
Bürger Weston es bei den Landarbeiterlöhnen annahm - eine große
Steigerung der Lebensmittelpreise hervorriefe und - gemäß seiner
Ansicht - einen nicht beschaffbaren Betrag zuschüssiger Zirku-
lationsmittel erheischte, so müßte ein a l l g e m e i n e s
F a l l e n d e s A r b e i t s l o h n s dieselbe Wirkung auf
gleicher Stufenleiter in umgekehrter Richtung hervorbringen.
Schön! Ihr alle wißt, daß die Jahre 1858 bis 1860 die prosperie-
rendsten für die Baumwoll-Industrie waren und daß namentlich das
Jahr 1860 in dieser Beziehung in den Annalen des Gewerbes einzig
dasteht, während zu derselben Zeit auch alle ändern Industrie-
zweige eine hohe Blüte erlebten. Die Löhne der Baumwollarbeiter
und aller ändern mit deren Geschäftszweig verknüpften Arbeiter
standen 1860 höher als je zuvor. Die amerikanische Krise kam, und
diese gesamten Löhne wurden plötzlich ungefähr auf 1/4 ihres frü-
hern Betrags herabgesetzt. In umgekehrter Richtung wäre dies eine
Steigerung auf 400% gewesen. Steigt der Arbeitslohn von 5 auf 20,
so sagen wir, daß er um 300 Prozent gestiegen sei; fällt er von
20 auf 5, so sagen wir, er sei um 75% gefallen; aber der Betrag,
um den er in dem einen Fall steigt und in dem ändern fällt, wäre
derselbe, nämlich 15 sh. Es war dies nun ein plötzlicher, bei-
spielloser Wechsel in der Lohnrate, der zugleich eine Arbeiter-
zahl in Mitleidenschaft zog, die um die Hälfte die Zahl der Land-
arbeiter überstieg, wenn nicht nur sämtliche direkt in der Baum-
wollindustrie beschäftigten, sondern auch indirekt von ihr abhän-
gigen Arbeiter mitgerechnet werden. Fiel nun etwa der Weizen-
preis? Er s t i e g von einem Jahresdurchschnitt von 47 sh. 8
d. per Quarter während der drei Jahre 1858-1860 auf einen Jahres-
durchschnitt von 55 sh. 10 d. per Quarter während der drei Jahre
1861-1863. Was nun die Zirkulationsmittel angeht, so hatte die
Münze 1861 8 673 232 Pfd. St. gegenüber 3 378 102 Pfd. St. im
Jahre 1860 geprägt. Das heißt, 1861 war für 5 295 130 Pfd. St.
mehr geprägt worden als 1860. Allerdings waren 1861 um 1 319 000
Pfd. St. weniger Banknoten im Umlauf als 1860. Zieht das ab.
Bleibt für das Jahr 1861 im Vergleich mit dem Prosperitätsjahr
1860 immer noch ein Überschuß an Zirkulationsmitteln zum Betrag
von 3 976 130 Pfd. St. oder ungefähr 4 Millionen Pfd. St.; aber
der Goldvorrat der Bank von England hatte gleichzeitig
abgenommen, wenn nicht genau, so doch annähernd im gleichen
Verhältnis.
Vergleicht das Jahr 1862 mit 1842. Abgesehn von der gewaltigen
Zunahme in Wert und Menge der in Zirkulation gesetzten Waren be-
trug das zu regulären Bedingungen auf Aktien, Anleihen etc. für
die Eisenbahnen in England und Wales eingezahlte Kapital 1862 al-
lein 320 Millionen Pfd. St.,
#117# Lohn, Preis und Profit
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eine Summe, die 1842 märchenhaft erschienen wäre. Dennoch waren
die Gesamtquanta des 1862 und 1842 umlaufenden Geldes so ziemlich
gleich; und überhaupt werdet ihr finden, daß angesichts einer
enormen Wertsteigerung nicht nur von Waren, sondern allgemein al-
ler Geldumsätze das umlaufende Geld die Tendenz hat, in wachsen-
dem Maß abzunehmen. Von Freund Westons Standpunkt aus ist dies
ein unlösbares Rätsel.
Wäre er etwas tiefer in die Sache eingedrungen, so hätte er ge-
funden, daß - ganz abgesehn vom Arbeitslohn und ihn als fix un-
terstellend - Wert und Masse der Waren, die zirkuliert werden
sollen, und überhaupt der Betrag der Geldumsätze täglich schwan-
ken; daß die Menge der ausgegebnen Banknoten täglich schwankt;
daß der Betrag der Zahlungen, die ohne Dazwischenkunft des Geldes
mit Hilfe von Wechseln, Schecks, Buchkrediten, Verrechnungsbanken
beglichen werden, täglich schwankt; daß, soweit Bargeld als Zir-
kulationsmittel erheischt, das Verhältnis zwischen zirkulierender
Münze einerseits und andrerseits den Münzen und Barren, die in
Reserve gehalten werden oder in den Kellern der Banken ruhn, täg-
lich schwankt; daß die Menge ungemünzten Edelmetalls, das von der
nationalen Zirkulation absorbiert, und die Menge, die für die in-
ternationale Zirkulation ins Ausland geschickt wird, täglich
schwanken. Er hätte gefunden, daß sein Dogma von den fixen Zir-
kulationsmitteln ein ungeheurer Irrtum ist, unvereinbar mit der
tagtäglichen Bewegung. Er würde die Gesetze untersucht haben, die
es ermöglichen, daß der Geldumlauf sich Umständen anpaßt, die
sich so ununterbrochen ändern, statt sein Mißverständnis betreffs
der Gesetze des Geldumlaufs in ein Argument gegen eine Lohnstei-
gerung zu verwandeln.
4. [Angebot und Nachfrage]
Unser Freund Weston hält sich an das lateinische Sprichwort, daß
"repetitio est mater studiorum", d.h. daß die Wiederholung die
Mutter des Studiums ist, und demzufolge wiederholte er sein ur-
sprüngliches Dogma unter der neuen Form, daß die Kontraktion des
Geldumlaufs, die aus einer Lohnerhöhung resultieren soll, eine
Abnahme des Kapitals hervorrufen würde etc. Nachdem seine Geldum-
laufsmarotte abgetan, halte ich es für ganz zwecklos, von den
imaginären Folgen Notiz zu nehmen, die seiner Einbildung nach aus
seinen imaginären Zirkulationsmißgeschicken entstehn. Ich will
nunmehr sein D o g m a, das immer e i n u n d d a s s e l-
b e ist, in wieviel verschiednen Gestalten es auch wiederholt
wird, a u f s e i n e n e i n f a c h s t e n t h e o r e-
t i s c h e n A u s d r u c k reduzieren.
#118# Karl Marx
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Die unkritische Art, in der er seinen Gegenstand behandelt hat,
wird aus einer einzigen Bemerkung klar. Er spricht sich gegen
eine Lohnsteigerung oder gegen hohen Arbeitslohn als Resultat ei-
ner solchen Steigerung aus. Nun frage ich ihn: Was ist hoher und
was ist niedriger Arbeitslohn? Warum bedeuten z.B. 5 sh. einen
niedrigen und 20 sh. einen hohen Wochen-Sohn? Wenn 5 verglichen
mit 20 niedrig ist, so ist 20 noch niedriger verglichen mit 200.
Wenn jemand, der eine Vorlesung über das Thermometer zu halten
hat, damit anfinge, über hohe und niedrige Grade zu deklamieren,
so würde er keinerlei Kenntnisse vermitteln. Er müßte mir
zunächst einmal sagen, wie der Gefrierpunkt gefunden wird und wie
der Siedepunkt, und wie diese Festpunkte durch Naturgesetze be-
stimmt werden, nicht durch die Laune der Verkäufer oder Herstel-
ler von Thermometern. Mit Bezug auf Arbeitslohn und Profit hat
Bürger Weston es nun nicht nur unterlassen, solche Festpunkte aus
ökonomischen Gesetzen abzuleiten, er hat es nicht einmal für nö-
tig befunden, sich danach umzusehn. Er gab sich damit zufrieden,
die landläufigen Vulgärausdrücke "niedrig" und "hoch" als eindeu-
tige Ausdrücke hinzunehmen, obgleich es in die Augen springt, daß
Arbeitslöhne nur hoch oder niedrig genannt werden können, wenn
man sie mit einem Standard vergleicht, woran ihre Größen zu mes-
sen wären.
Er wird nicht imstande sein, mir zu erklären, warum ein bestimm-
ter Geldbetrag für eine bestimmte Arbeitsmenge gegeben wird.
Sollte er mir antworten, "dies wurde durch das Gesetz von Angebot
und Nachfrage bestimmt", so würde ich ihn zunächst einmal fragen,
durch welches Gesetz denn Angebot und Nachfrage selbst reguliert
werden. Und dieser Einwand würde ihn sofort außer Gefecht setzen.
Die Beziehungen zwischen Angebot und Nachfrage von Arbeit erfah-
ren fortwährend Veränderungen und mit ihnen auch die Marktpreise
der Arbeit. Wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, so erhöht
sich der Arbeitslohn; wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt,
so sinkt der Arbeitslohn, obgleich es unter diesen Umständen not-
wendig werden könnte, den wirklichen Stand von Nachfrage und Zu-
fuhr durch einen Streik z. B. oder in andrer Weise zu
e r m i t t e l n. Erkennt ihr aber Angebot und Nachfrage als
das den Arbeitslohn regelnde Gesetz an, so wäre es ebenso kin-
disch wie zwecklos, gegen eine Lohnsteigerung zu wettern, weil
eine periodische Lohnsteigerung gemäß dem obersten Gesetz, auf
das ihr euch beruft, ebenso notwendig und gesetzmäßig ist wie ein
periodisches Fallen des Arbeitslohns. Wenn ihr dagegen Angebot
und Nachfrage n i c h t als das den Arbeitslohn regelnde Gesetz
anerkennt, so frage ich nochmals, warum ein bestimmter Geldbetrag
für eine bestimmte Arbeitsmenge gegeben wird?
#119# Lohn, Preis und Profit
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Um aber die Sache umfassender zu betrachten: Ihr wärt sehr auf
dem Holzweg, falls ihr glaubtet, daß der Wert der Arbeit oder je-
der beliebigen ändern Ware in letzter Instanz durch Angebot und
Nachfrage festgestellt werde. Angebot und Nachfrage regeln nichts
als die vorübergehenden F l u k t u a t i o n e n der Markt-
preise. Sie werden euch erklären, warum der Marktpreis einer Ware
über ihren W e r t steigt oder unter ihn fällt, aber sie können
nie über diesen W e r t selbst Aufschluß geben. Unterstellt,
daß Angebot und Nachfrage sich die Waage halten oder, wie die
Ökonomen das nennen, einander decken. Nun, im selben Augenblick,
wo diese entgegengesetzten Kräfte gleich werden, heben sie einan-
der auf und wirken nicht mehr in der einen oder der ändern Rich-
tung. In dem Augenblick, wo Angebot und Nachfrage einander die
Waage halten und daher zu wirken aufhören, fällt der
M a r k t p r e i s einer Ware mit ihrem w i r k l i c h e n
W e r t, mit dem Normalpreis zusammen, um den ihre Marktpreise
oszillieren. Bei Untersuchung der Natur dieses W e r t s haben
wir daher mit den vorübergehenden Einwirkungen von Angebot und
Nachfrage auf die Marktpreise nichts mehr zu schaffen. Das glei-
che gilt vorn Arbeitslohn wie von den Preisen aller ändern Waren.
5. [Löhne und Preise]
Auf ihren einfachsten theoretischen Ausdruck reduziert, lösen
sich alle Argumente unsres Freundes in das einzige Dogma auf:
"Die Warenpreise werden bestimmt oder geregelt durch die Arbeits-
löhne."
Ich könnte mich auf die praktische Beobachtung berufen, um Zeug-
nis abzulegen gegen diesen längst überholten und widerlegten
Trugschluß. Ich könnte darauf hinweisen, daß die englischen Fa-
brikarbeiter, Bergleute, Schiffbauer usw., deren Arbeit relativ
hoch bezahlt wird, durch die Wohlfeilheit ihres Produkts alle än-
dern Nationen ausstechen, während z.B. den englischen Landarbei-
ter, dessen Arbeit relativ niedrig bezahlt wird, wegen der Teuer-
keit seines Produkts fast jede andre Nation aussticht. Durch Ver-
gleichung zwischen Artikeln ein und desselben Landes und zwischen
Waren verschiedner Länder könnte ich - von einigen mehr schein-
baren als wirklichen Ausnahmen abgesehn - nachweisen, daß im
Durchschnitt hochbezahlte Arbeit Waren mit niedrigem Preis und
niedrig bezahlte Arbeit Waren mit hohem Preis produziert. Dies
wäre natürlich kein Beweis dafür, daß der hohe Preis der Arbeit
in dem einen und ihr niedriger Preis in dem ändern Fall die re-
spektiven Ursachen so diametral entgegengesetzter Wirkungen sind,
wohl aber wäre dies jedenfalls ein Beweis, daß
#120# Karl Marx
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die Preise der Waren nicht von den Preisen der Arbeit bestimmt
werden. Indes ist es ganz überflüssig für uns, diese empirische
Methode anzuwenden.
Es könnte vielleicht bestritten werden, daß Bürger Weston das
Dogma aufgestellt hat: "Die Warenpreise werden bestimmt oder ge-
regelt durch die Arbeitslöhne." Er hat es in der Tat niemals aus-
gesprochen. Er sagte vielmehr, daß Profit und Rente ebenfalls Be-
standteile der Warenpreise bilden, weil es die Warenpreise seien,
woraus nicht bloß die Löhne des Arbeiters, sondern auch die Pro-
fite des Kapitalisten und die Renten des Grundeigentümers bezahlt
werden müssen. Wie stellt er sich aber die Preisbildung vor?
Zunächst durch den Arbeitslohn. Sodann wird ein zuschüssiger
Prozentsatz zugunsten des Kapitalisten und ein weitrer zugunsten
des Grundeigentümers daraufgeschlagen. Unterstellt, der Lohn für
die in der Produktion einer Ware angewandte Arbeit sei 10. Wäre
die Profitrate 100%, so würde der Kapitalist auf den vorgeschos-
senen Arbeitslohn 10 aufschlagen, und wenn die Rentrate ebenfalls
100% auf den Arbeitslohn betrüge, so würden weitere 10 aufge-
schlagen, und der Gesamtpreis der Ware beliefe sich auf 30. Eine
solche Bestimmung der Preise wäre aber einfach ihre Bestimmung
durch den Arbeitslohn. Stiege im obigen Fall der Arbeitslohn auf
20, so der Preis der Ware auf 60 usw. Demzufolge haben alle über-
holten ökonomischen Schriftsteller, die dem Dogma, daß der Ar-
beitslohn die Preise reguliere, Anerkennung verschaffen wollten,
es damit zu beweisen gesucht, daß sie Profit und Rente a l s
b l o ß e p r o z e n t u a l e A u f s c h l ä g e a u f
d e n A r b e i t s l o h n behandelten. Keiner von ihnen war
natürlich imstande, die Grenzen dieser Prozentsätze auf irgendein
ökonomisches Gesetz zu reduzieren. Sie scheinen vielmehr gedacht
zu haben, die Profite würden durch Tradition, Gewohnheit, den
Willen des Kapitalisten oder nach irgendeiner ändern gleicher-
weise willkürlichen und unerklärlichen Methode festgesetzt. Wenn
sie versichern, die Konkurrenz unter den Kapitalisten setze sie
fest, so sagen sie gar nichts. Zweifellos ist es diese Konkur-
renz, wodurch die verschiednen Profitraten in den verschiednen
Geschäftszweigen ausgeglichen oder auf ein Durchschnittsniveau
reduziert werden, aber nie kann sie dies Niveau selbst oder die
allgemeine Profitrate bestimmen.
Was ist gemeint, wenn man sagt, daß die Warenpreise durch den Ar-
beitslohn bestimmt seien? Da Arbeitslohn nur ein andrer Name für
den Preis der Arbeit, so ist damit gemeint, daß die Preise der
Waren durch den Preis der Arbeit reguliert werden. Da "Preis"
Tauschwert ist - und wo ich von Wert spreche, ist immer von
Tauschwert die Rede -, also Tauschwert i n G e l d
a u s g e d r ü c k t, so läuft der Satz darauf hinaus, daß "der
Wert der
#121# Lohn, Preis und Profit"
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Waren bestimmt wird durch den Wert der Arbeit" oder daß "der Wert
der Arbeit der allgemeine Wertmesser ist".
Wie aber wird dann der "Wert der Arbeit" selbst bestimmt? Hier
kommen wir an einen toten Punkt. An einen toten Punkt natürlich
nur, wenn wir logisch zu folgern versuchen. Die Prediger jener
Doktrin machen mit logischen Skrupeln allerdings kurzen Prozeß.
Unser Freund Weston zum Beispiel. Erst erklärte er uns, daß der
Arbeitslohn den Warenpreis bestimme und daß folglich mit dem
Steigen des Arbeitslohns die Preise steigen müßten. Dann machte
er eine Wendung, um uns weiszumachen, eine Lohnsteigerung sei zu
nichts gut, weil die Warenpreise gestiegen wären und weil die
Löhne in der Tat durch die Preise der Waren, worauf sie veraus-
gabt, gemessen würden. Somit beginnen wir mit der Behauptung, daß
der Wert der Arbeit den Wert der Waren bestimme, und enden mit
der Behauptung, daß der Wert der Waren den Wert der Arbeit be-
stimme. So drehen wir uns in einem höchst fehlerhaften Kreislauf
und kommen überhaupt zu keinem Schluß.
Alles in allem ist es klar, daß, wenn man den Wert einer Ware,
sage von Arbeit, Korn oder jeder ändern Ware, zum allgemeinen Maß
und Regulator des Werts macht, man die Schwierigkeit bloß von
sich abschiebt, da man einen Wert durch einen ändern bestimmt,
der seinerseits wieder der Bestimmung bedarf.
Auf seinen abstraktesten Ausdruck gebracht, läuft das Dogma, daß
"der Arbeitslohn die Warenpreise bestimmt", darauf hinaus, daß
"Wert durch Wert bestimmt ist", und diese Tautologie bedeutet,
daß wir in Wirklichkeit überhaupt nichts über den Wert wissen.
Halten wir uns an diese Prämisse, so wird alles Räsonieren über
die allgemeinen Gesetze der politischen Ökonomie zu leerem Ge-
schwätz. Es war daher das große Verdienst Ricardos, daß er in
seinem 1817 veröffentlichten Werk "On the Principles of Political
Economy" den alten landläufigen und abgedroschnen Trugschluß, wo-
nach "der Arbeitslohn die Preise bestimmt", von Grund aus zu-
nichte machte, einen Trugschluß, den Adam Smith und seine franzö-
sischen Vorgänger in den wirklich wissenschaftlichen Partien ih-
rer Untersuchungen aufgegeben hatten, den sie aber in den mehr
exoterischen und verflachenden Kapiteln dennoch wieder aufnahmen.
6. [Wert und Arbeit]
Bürger, ich bin jetzt an einen Punkt gelangt, wo ich auf die
wirkliche Entwicklung der Frage eingehn muß. Ich kann nicht ver-
sprechen, daß ich
#122# Karl Marx
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dies in sehr zufriedenstellender Weise tun werde, weil ich sonst
gezwungen wäre, das ganze Gebiet der politischen Ökonomie durch-
zunehmen. Ich kann, wie die Franzosen sagen würden, bloß
"effleurer la question", die Hauptpunkte berühren.
Die erste Frage, die wir stellen müssen, ist die: Was ist der
W e r t einer Ware? Wie wird er bestimmt?
Auf den ersten Blick möchte es scheinen, daß der Wert einer Ware
etwas ganz R e l a t i v e s und ohne die Betrachtung der einen
Ware in ihren Beziehungen zu allen ändern Waren gar nicht zu Be-
stimmendes ist. In der Tat, wenn wir vom Wert, vom Tauschwert ei-
ner Ware sprechen, meinen wir die quantitativen Proportionen,
worin sie sich mit allen ändern Waren austauscht. Aber dann er-
hebt sich die Frage: Wie werden die Proportionen reguliert, in
denen Waren sich miteinander austauschen?
Wir wissen aus Erfahrung, daß diese Proportionen unendlich man-
nigfaltig sind. Nehmen wir eine einzelne Ware, z.B. Weizen, so
finden wir, daß ein Quarter Weizen sich in fast unzähligen Varia-
tionen von Proportionen mit den verschiedensten Waren austauscht.
Indes, d a s e i n W e r t s t e t s d e r s e l b e
b l e i b t, ob in Seide, Gold oder irgendeiner ändern Ware aus-
gedrückt, so muß er etwas von diesen v e r s c h i e d n e n
P r o p o r t i o n e n d e s A u s t a u s c h e s mit ver-
schiednen Artikeln Unterschiedliches und Unabhängiges sein. Es
muß möglich sein, diese mannigfachen Gleichsetzungen mit mannig-
fachen Waren in einer davon sehr verschiednen Form auszudrücken.
Sage ich ferner, daß ein Quarter Weizen sich in bestimmter Pro-
portion mit Eisen austauscht oder daß der Wert eines Quarters
Weizen in einer bestimmten Menge Eisen ausgedrückt wird, so sage
ich, daß der Weizenwert und sein Äquivalent in Eisen i r-
g e n d e i n e m D r i t t e n gleich sind, das weder Weizen
noch Eisen ist, weil ich ja unterstelle, daß beide dieselbe Größe
m zwei verschiednen Gestalten ausdrücken. Jedes der beiden, der
Weizen und das Eisen, muß daher unabhängig vom ändern reduzierbar
sein auf dies Dritte, das ihr gemeinsames Maß ist.
Ein ganz einfaches geometrisches Beispiel veranschauliche dies.
Wie verfahren wir, wenn wir die Flächeninhalte von Dreiecken al-
ler erdenklichen Form und Größe oder von Dreiecken mit Rechtecken
oder ändern gradlinigen Figuren vergleichen? Wir reduzieren den
Flächeninhalt jedes behebigen Dreiecks auf einen von seiner
sichtbaren Form ganz verschiednen Ausdruck. Nachdem wir aus der
Natur des Dreiecks gefunden, daß sein Flächeninhalt gleich ist
dem halben Produkt aus seiner Grundlinie und seiner Höhe, können
wir nunmehr die verschiednen Flächeninhalte aller Arten von Drei-
ecken und aller erdenklichen gradlinigen Figuren miteiander
#123# Lohn, Preis und Profit
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vergleichen, weil sie alle in eine bestimmte Anzahl von Dreiecken
zerlegt werden können.
Dieselbe Verfahrungsweise muß bei den Werten der Waren stattfin-
den. Wir müssen imstande sein, sie alle auf einen allen gemeinsa-
men Ausdruck zu reduzieren und sie nur durch die Proportionen zu
unterscheiden, worin sie eben jenes und zwar identische Maß ent-
halten.
Da die T a u s c h w e r t e der Waren nur g e s e l l-
s c h a f t l i c h e F u n k t i o n e n dieser Dinge sind und
gar nichts zu tun haben mit ihren n a t ü r l i c h e n Quali-
täten, so fragt es sich zunächst: Was ist die gemeinsame g e-
s e l l s c h a f t l i c h e S u b s t a n z aller Waren? Es
ist die A r b e i t. Um eine Ware zu produzieren, muß eine be-
stimmte Menge Arbeit auf sie verwendet oder in ihr aufgearbeitet
werden. Dabei sage ich nicht bloß A r b e i t, sondern g e-
s e l l s c h a f t l i c h e A r b e i t. Wer einen Artikel
für seinen eignen unmittelbaren Gebrauch produziert, um ihn
selbst zu konsumieren, schafft zwar ein P r o d u k t, aber
keine W a r e. Als selbstwirtschaftender Produzent hat er
nichts mit der Gesellschaft zu tun. Aber um eine W a r e zu
produzieren, muß der von ihm produzierte Artikel nicht nur
irgendein g e s e l l s c h a f t l i c h e s Bedürfnis befrie-
digen, sondern seine Arbeit selbst muß Bestandteil und Bruchteil
der von der Gesellschaft verausgabten Gesamtarbeitssumme bilden.
Seine Arbeit muß unter die T e i l u n g d e r A r b e i t
i n n e r h a l b d e r G e s e l l s c h a f t subsumiert
sein. Sie ist nichts ohne die ändern Teilarbeiten, und es ist
erheischt, daß sie für ihr Teil diese e r g ä n z t.
Wenn wir W a r e n a l s W e r t e betrachten, so betrachten
wir sie ausschließlich unter dem einzigen Gesichtspunkt der in
ihnen v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e n, d a r g e-
s t e l l t e n oder, wenn es beliebt, k r i s t a l l i-
s i e r t e n g e s e l l s c h a f t l i c h e n A r b e i t.
In dieser Hinsicht können sie sich nur u n t e r s c h e i d e n
durch die in ihnen repräsentierten größeren oder kleineren Ar-
beitsquanta, wie z.B. in einem seidnen Schnupftuch eine größere
Arbeitsmenge aufgearbeitet sein mag als in einem Ziegelstein. Wie
aber mißt man A r b e i t s q u a n t a? Nach der D a u e r
d e r A r b e i t s z e i t, indem man die Arbeit nach Stunde,
Tag etc. mißt. Um dieses Maß anzuwenden, reduziert man natürlich
alle Arbeitsarten auf durchschnittliche oder einfache Arbeit als
ihre Einheit.
Wir kommen daher zu folgendem Schluß. Eine Ware hat W e r t,
weil sie K r i s t a l l i s a t i o n g e s e l l s c h a f t-
l i c h e r A r b e i t ist. Die G r ö ß e ihres Werts oder
ihr r e l a t i v e r Wert hängt ab von der größeren oder
geringeren Menge dieser in ihr enthaltnen gesellschaftlichen
Substanz; d.h. von der zu ihrer Produktion notwendigen relativen
Arbeitsmasse. Die r e l a t i v e n W e r t e d e r W a r e n
werden daher bestimmt durch die r e s p e k t i v e n i n
i h n e n a u f g e a r b e i t e t e n, v e r g e g e n-
s t ä n d l i c h t e n, d a r g e s t e l l t e n Q u a n t a
oder M e n g e n v o n A r b e i t. Die k o r r e l a t i-
v e n Warenquanta, die in d e r s e l b e n A r b e i t s-
z e i t produziert werden können,
#124# Karl Marx
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sind g l e i c h. Oder der Wert einer Ware verhält sich zum
Wert einer ändern Ware wie das Quantum der in der einen Ware dar-
gestellten Arbeit zu dem Quantum der in der ändern Ware darge-
stellten Arbeit.
Ich habe den Verdacht, daß viele von euch fragen werden: Besteht
denn in der Tat ein so großer oder überhaupt irgendein Unter-
schied zwischen der Bestimmung der Werte der Waren durch den
A r b e i t s l o h n und ihrer Bestimmung durch die r e l a-
t i v e n A r b e i t s q u a n t a, die zu ihrer Produktion
notwendig? Ihr müßt indes gewahr geworden sein, daß das
E n t g e l t für die Arbeit und das Q u a n t u m der Arbeit
ganz verschiedenartige Dinge sind. Angenommen z.B., in einem
Quarter Weizen und einer Unze Gold seien g l e i c h e A r-
b e i t s q u a n t a dargestellt. Ich greife auf das Beispiel
zurück, weil Benjamin Franken es in seinem ersten Essay benutzt
hat, der 1729 1*) unter dem Titel "A Modest Inquiry to the
Nature and Necessity of a Paper Currency" veröffentlicht wurde
und worin er als einer der ersten der wahren Natur des Werts auf
die Spur kam. Schön. Wir unterstellen nun, daß ein Quarter Weizen
und eine Unze Gold g l e i c h e W e r t e oder Ä q u i v a-
l e n t e sind, weil sie K r i s t a l l i s a t i o n e n
g l e i c h e r M e n g e n v o n D u r c h s c h n i t t s-
a r b e i t soundso vieler jeweils in ihnen dargestellter Ar-
beitstage oder -wochen sind. Nehmen wir nun dadurch, daß wir die
relativen Werte von Gold und Korn bestimmen, in irgendeiner Weise
Bezug auf die Arbeitslöhne des Landarbeiters und des Bergarbei-
ters? Nicht im geringsten. Wir lassen es ganz u n b e-
s t i m m t, w i e ihre Tages- oder Wochenarbeit bezahlt, ja ob
überhaupt Lohnarbeit angewandt worden ist. Geschah dies, so kann
der Arbeitslohn sehr ungleich gewesen sein. Der Arbeiter, dessen
Arbeit in dem Quarter Weizen vergegenständlicht ist, mag bloß 2
Bushel, der im Bergbau beschäftigte Arbeiter mag die eine Hälfte
der Unze Gold erhalten haben. Oder, ihre Arbeitslöhne als gleich
unterstellt, es können diese in allen erdenklichen Proportionen
abweichen von den Werten der von ihnen produzierten Waren. Sie
können sich auf die Hälfte, ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel
oder jeden ändern aliquoten Teil des einen Quarters Korn oder der
einen Unze Gold belaufen. Ihre A r b e i t s l ö h n e können
natürlich die Werte der von ihnen produzierten Waren nicht
ü b e r s c h r e i t e n, nicht g r ö ß e r sein, wohl aber
können sie in jedem möglichen Grad g e r i n g e r sein. Ihre
A r b e i t s l ö h n e werden ihre G r e n z e h a b e n an
den W e r t e n der Produkte, aber die W e r t e i h r e r
P r o d u k t e werden nicht ihre Grenze haben an ihren Arbeits-
löhnen. Was indes die Hauptsache: die Werte, die relativen Werte
von Korn und Gold z.B., sind ohne jede Rücksicht auf den Wert der
angewandten Arbeit, d.h. den
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1*) Im Manuskript irrtümlich: 1721
#125# Lohn, Preis und Profit
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A r b e i t s l o h n, festgesetzt worden. Die Bestimmung der
Werte der Waren durch die i n i h n e n d a r g e s t e l l-
t e n r e l a t i v e n A r b e i t s q u a n t a ist daher
etwas durchaus Verschiedenes von der tautologischen Manier, die
Werte der Waren durch den Wert der Arbeit oder den A r-
b e i t s l o h n zu bestimmen. Dieser Punkt wird indes im
Fortgang unserer Untersuchung noch näher beleuchtet werden.
Bei Berechnung des Tauschwerts einer Ware müssen wir zu dem Quan-
tum der z u l e t z t auf sie angewandten Arbeit noch d a s
f r ü h e r i n dem Rohstoff der Ware aufgearbeitete Arbeits-
quantum hinzufügen, ferner die Arbeit, die auf Geräte, Werkzeuge,
Maschinerie und Baulichkeiten verwendet worden, die bei dieser
Arbeit mitwirken. Zum Beispiel ist der Wert einer bestimmten
Menge Baumwollgarn die Kristallisation des Arbeitsquantums, das
der Baumwolle während des Spinnprozesses zugesetzt worden, des
Arbeitsquantums, das früher in der Baumwolle selbst vergegen-
ständlicht worden, des Arbeitsquantums, vergegenständlicht in
Kohle, Öl und ändern verbrauchten Hilfsstoffen, des Arbeitsquan-
tums, dargestellt in der Dampfmaschine, den Spindeln, den Fabrik-
gebäuden usw. Die Produktionsinstrumente im eigentlichen Sinn,
wie Werkzeuge, Maschinerie, Baulichkeiten, dienen für eine län-
gere oder kürzere Periode immer aufs neue während wiederholter
Produktionsprozesse. Würden sie auf einmal verbraucht wie der
Rohstoff, so würde ihr ganzer Wert auf einmal auf die Waren über-
tragen, bei deren Produktion sie mitwirken. Da aber eine Spinde!
z.B. nur nach und nach verbraucht wird, so wird auf Grund der
Durchschnittszeit, die sie dauert, und ihrer allmählichen Abnut-
zung oder ihres durchschnittlichen Verschleißes während einer be-
stimmten Periode, sage eines Tages, eine Durchschnittsberechnung
angestellt. Auf diese Weise berechnen wir, wieviel vom Wert der
Spindel auf das täglich gesponnene Garn übertragen wird und wie-
viel daher von der Gesamtmenge der z.B. in einem Pfund Garn ver-
gegenständlichten Arbeit auf die früher in der Spindel vergegen-
ständlichte Arbeit kommt. Für unsern gegenwärtigen Zweck ist es
nicht notwendig, länger bei diesem Punkt zu verweilen.
Es könnte scheinen, daß, wenn der Wert einer Ware bestimmt ist
durch das a u f i h r e P r o d u k t i o n v e r w e n d e-
t e A r b e i t s q u a n t u m, je fauler oder ungeschickter
ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil die Zeit desto
größer, die zur Verfertigung der Ware erheischt. Dies wäre jedoch
ein bedauerlicher Irrrtum. Ihr werdet euch erinnern, daß ich das
Wort "g e s e l l s c h a f t l i c h e Arbeit" gebrauchte, und
diese Qualifizierung "g e s e l l s c h a f t l i c h" schließt
viele Momente in sich. Sagen wir, der Wert einer Ware werde
bestimmt durch das m ihr aufgearbeitete oder kristallisierte
A r b e i t s q u a n t u m, s o meinen wir d a s A r-
b e i t s q u a n t u m, n o t w e n d i g zu ihrer Produktion
in einem gegebnen Gesellschaftszustand,
#126# Karl Marx
-----
unter bestimmten gesellschaftlichen Durchschnittsbedingungen der
Produktion, mit einer gegebnen gesellschaftlichen Durchschnitt-
sintensität und Durchschnittsgeschicklichkeit der angewandten Ar-
beit. Als in England der Dampfwebstuhl mit dem Handwebstuhl zu
konkurrieren begann, ward nur halb soviel Arbeitszeit erforder-
lich wie früher, um eine gegebne Menge Garn in eine Elle Baum-
wollgewebe oder Tuch zu verwandeln. Der arme Handweber arbeitete
jetzt 17 oder 18 Stunden täglich statt 9 oder 10 Stunden früher.
Aber das Produkt seiner zwanzigstündigen Arbeit repräsentierte
jetzt nur noch 10 Stunden gesellschaftliche Arbeit oder 10 Stun-
den Arbeit, gesellschaftlich notwendig, um eine bestimmte Menge
Garn in Textilstoffe zu verwandeln. Das Produkt seiner 20 Stunden
hatte daher nicht mehr Wert als das Produkt seiner frühern 10
Stunden.
Wenn nun das Quantum der in den Waren vergegenständlichten ge-
sellschaftlich notwendigen Arbeit ihre Tauschwerte reguliert, so
muß jede Zunahme des zur Produktion einer Ware erforderlichen Ar-
beitsquantums ebenso ihren Wert vergrößern, wie jede Abnahme ihn
vermindern muß.
Blieben die zur Produktion der respektiven Waren notwendigen re-
spektiven Arbeitsquanta konstant, so wären ihre relativen Werte
ebenfalls konstant. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das zur Pro-
duktion einer Ware notwendige Arbeitsquantum wechselt ständig mit
dem Wechsel in der Produktivkraft der angewandten Arbeit. Je grö-
ßer die Produktivkraft der Arbeit, desto mehr Produkt wird in ge-
gebner Arbeitszeit verfertigt, und je geringer die Produktivkraft
der Arbeit, desto weniger. Ergibt sich z.B. durch das Wachstum
der Bevölkerung die Notwendigkeit, minder fruchtbaren Boden in
Bebauung zu nehmen, so könnte dieselbe Menge Produkt nur erzielt
werden, wenn eine größere Menge Arbeit verausgabt würde, und der
Wert des landwirtschaftlichen Produkts würde folglich steigen.
Andrerseits, wenn ein einzelner Spinner mit modernen Produktions-
mitteln in einem Arbeitstag eine vieltausendmal größere Menge
Baumwolle in Garn verwandelt, als er in derselben Zeit mit dem
Spinnrad hätte verspinnen können, so ist es klar, daß jedes ein-
zelne Pfund Baumwolle vieltausendmal weniger Spinnarbeit aufsau-
gen wird als vorher und folglich der durch das Spinnen jedem ein-
zelnen Pfund Baumwolle zugesetzte Wert tausendmal kleiner sein
wird als vorher. Der Wert des Garns wird entsprechend sinken.
Abgesehn von den Unterschieden in den natürlichen Energien und
den erworbnen Arbeitsgeschicken verschiedner Völker muß die Pro-
duktivkraft der Arbeit in der Hauptsache abhängen:
1. von den Naturbedingungen der Arbeit, wie Fruchtbarkeit des Bo-
dens, Ergiebigkeit der Minen usw.
#127# Lohn, Preis und Profit
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2. von der fortschreitenden Vervollkommnung der g e s e l l-
s c h a f t l i c h e n K r ä f t e d e r A r b e i t, wie
sie sich herleiten aus Produktion auf großer Stufenleiter,
Konzentration des Kapitals und Kombination der Arbeit, Teilung
der Arbeit, Maschinerie, verbesserten Methoden, Anwendung chemi-
scher und andrer natürlicher Kräfte, Zusammendrängung von Zeit
und Raum durch Kommunikations- und Transportmittel und aus jeder
ändern Einrichtung, wodurch die Wissenschaft Naturkräfte in den
Dienst der Arbeit zwingt und wodurch der gesellschaftliche oder
kooperierte Charakter der Arbeit zur Entwicklung gelangt. Je
größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die auf eine
gegebne Menge Produkt verwendete Arbeit; desto kleiner also der
Wert des Produkts. Je geringer die Produktivkraft der Arbeit,
desto größer die auf dieselbe Menge Produkt verwendete Arbeit;
desto größer also sein Wert. Als allgemeines Gesetz können wir
daher aufstellen:
Die W e r t e d e r W a r e n s i n d d i r e k t p r o-
p o r t i o n a l d e n a u f i h r e P r o d u k t i o n
a n g e w a n d t e n A r b e i t s z e i t e n u n d u m g e-
k e h r t p r o p o r t i o n a l d e r P r o d u k t i v-
k r a f t d e r a n g e w a n d t e n A r b e i t.
Nachdem ich bis jetzt nur vom W e r t gesprochen, werde ich noch
einige Worte hinzufügen über den P r e i s, der eine eigentüm-
liche Form ist, die der Wert annimmt.
Preis ist an sich nichts als der G e l d a u s d r u c k d e s
W e r t s. Hierzulande z.B. werden die Werte aller Waren in
Goldpreisen, auf dem Kontinent dagegen hauptsächlich in Silber-
preisen ausgedrückt. Der Wert von Gold oder Silber wie der aller
ändern Waren wird reguliert von dem zu ihrer Erlangung notwendi-
gen Arbeitsquantum. Eine bestimmte Menge eurer einheimischen Pro-
dukte, worin ein bestimmter Betrag eurer nationalen Arbeit kri-
stallisiert ist, tauscht ihr aus gegen das Produkt der Gold und
Silber produzierenden Länder, in welchem ein bestimmtes Quantum
i h r e r Arbeit kristallisiert ist. Es ist in dieser Weise,
faktisch durch Tauschhandel, daß ihr lernt, die Werte aller Wa-
ren, d. h. die respektiven auf sie verwendeten Arbeitsquanta, in
Gold und Silber auszudrücken. D e n G e l d a u s d r u c k
d e s W e r t s etwas näher betrachtet, oder, was dasselbe,
d i e V e r w a n d l u n g d e s W e r t s i n P r e i s,
werdet ihr finden, daß dies ein Verfahren ist, wodurch ihr den
W e r t e n aller Waren eine u n a b h ä n g i g e und h o-
m o g e n e F o r m verleiht oder sie als Q u a n t a
g l e i c h e r gesellschaftlicher Arbeit ausdrückt. Soweit der
Preis nichts ist als der Geldausdruck des Werts, hat ihn Adam
Smith den "natürlichen Preis", haben ihn die französischen Phy-
siokraten den "prix nécessaire" 1*) genannt.
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1*) "notwendigen Preis"
#128# Karl Marx
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Welche Beziehung besteht nun zwischen W e r t e n und
M a r k t p r e i s e n oder zwischen n a t ü r l i c h e n
P r e i s e n und M a r k t p r e i s e n? Ihr alle wißt, daß
der M a r k t p r e i s für alle Waren derselben Art
d e r s e l b e ist, wie verschieden immer die Bedingungen der
Produktion für die einzelnen Produzenten sein mögen. Die Markt-
preise drücken nur die unter den Durchschnittsbedingungen der
Produktion für die Versorgung des Markts mit einer bestimmten
Masse eines bestimmten Artikels notwendige D u r c h-
s c h n i t t s m e n g e g e s e l l s c h a f t l i c h e r
A r b e i t aus. Er wird aus der Gesamtheit aller Waren einer
bestimmten Gattung errechnet.
Soweit fällt der M a r k t p r e i s einer Ware mit ihrem
W e r t zusammen. Andrerseits hängen die Schwankungen der Markt-
preise bald über, bald unter den Wert oder natürlichen Preis ab
von den Fluktuationen des Angebots und der Nachfrage. Abweichun-
gen der Marktpreise von den Werten erfolgen also ständig, aber,
sagt Adam Smith:
"Der natürliche Preis ist also gewissermaßen das Zentrum, zu dem
die Preise aller Waren beständig gravitieren. Verschiedene Zu-
fälle können sie mitunter hoch darüber erheben und manchmal dar-
unter herabdrücken. Welches aber immer die Umstände sein mögen,
die sie hindern, in diesem Zentrum der Ruhe und Beharrung zum
Stillstand zu kommen, sie streben ihm beständig zu." [105]
Ich kann jetzt nicht näher auf diesen Punkt eingehn. Es genügt zu
sagen, daß, w e n n Angebot und Nachfrage einander die Waage
halten, die Marktpreise der Waren ihren natürlichen Preisen ent-
sprechen werden, d.h. ihren durch die respektiven zu ihrer Pro-
duktion erheischten Arbeitsquanta bestimmten Werten. Aber Angebot
und Nachfrage m ü s s e n einander ständig auszugleichen stre-
ben, obgleich dies nur dadurch geschieht, daß eine Fluktuation
durch eine andre, eine Zunahme durch eine Abnahme aufgehoben wird
und umgekehrt. Wenn ihr, statt nur die täglichen Fluktuationen zu
betrachten, die Bewegung der Marktpreise für längere Perioden
analysiert, wie dies z.B. Tooke in seiner "History of Prices" ge-
tan, so werdet ihr finden, daß die Fluktuationen der Marktpreise,
ihre Abweichungen von den Werten, ihre Auf- und Abbewegungen ein-
ander ausgleichen und aufheben, so daß, abgesehn von der Wirkung
von Monopolen und einigen ändern Modifikationen, die ich hier
übergehn muß, alle Gattungen von Waren im Durchschnitt zu ihren
respektiven W e r t e n oder natürlichen Preisen verkauft wer-
den. Die Durchschnittsperioden, während welcher die Fluktuationen
der Marktpreise einander aufheben, sind für verschiedne Warensor-
ten verschieden, weil es mit der einen Sorte leichter gelingt als
mit der ändern, das Angebot der Nachfrage anzupassen.
#129# Lohn, Preis und Profit
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Wenn nun, allgemeiner gesprochen und mit Einschluß etwas längerer
Perioden, alle Gattungen von Waren zu ihren respektiven Werten
verkauft werden, so ist es Unsinn zu unterstellen, daß die stän-
digen und in verschiednen Geschäftszweigen üblichen Profite -
nicht etwa der Profit in einzelnen Fällen - aus einem Aufschlag
auf die Preise der Waren entspringen oder daraus, daß sie zu ei-
nem Preis weit über ihrem W e r t verkauft werden. Die Absurdi-
tät dieser Vorstellung springt in die Augen, sobald sie verallge-
meinert wird. Was einer als Verkäufer ständig gewönne, würde er
als Käufer ebenso ständig verlieren. Es würde zu nichts führen,
wollte man sagen, daß es Menschen gibt, die Käufer sind, ohne
Verkäufer zu sein, oder Konsumenten, ohne Produzenten zu sein.
Was diese Leute den Produzenten zahlen, müssen sie zunächst um-
sonst von ihnen erhalten. Wenn einer erst euer Geld nimmt und es
dann dadurch zurückgibt, daß er eure Waren kauft, so werdet ihr
euch nie dadurch bereichern, daß ihr eure Waren diesem selben
Mann zu teuer verkauft. Ein derartiger Umsatz könnte einen Ver-
lust verringern, würde aber niemals dazu verhelfen, einen Gewinn
zu realisieren.
Um daher die a l l g e m e i n e N a t u r d e s P r o-
f i t s zu erklären, müßt ihr von dem Grundsatz ausgehn, daß im
Durchschnitt Waren z u i h r e n w i r k l i c h e n W e r-
t e n v e r k a u f t werden und daß P r o f i t e s i c h
h e r l e i t e n a u s d e m V e r k a u f d e r W a r e n
z u i h r e n W e r t e n, d.h. im Verhältnis zu dem in ihnen
vergegenständlichten Arbeitsquantum. Könnt ihr den Profit nicht
unter dieser Voraussetzung erklären, so könnt ihr ihn überhaupt
nicht erklären. Dies scheint paradox und der alltäglichen Beo-
bachtung widersprechend. Es ist ebenso paradox, daß die Erde um
die Sonne kreist und daß Wasser aus zwei äußerst leicht
entflammenden Gasen besteht. Wissenschaftliche Wahrheit ist immer
paradox vom Standpunkt der alltäglichen Erfahrung, die nur den
täuschenden Schein der Dinge wahrnimmt.
7. Die Arbeitskraft
Nachdem wir nun, soweit es in so flüchtiger Weise möglich war,
die Natur des W e r t s, des W e r t s j e d e r b e-
l i e b i g e n W a r e analysiert haben, müssen wir unsre Auf-
merksamkeit dem spezifischen W e r t d e r A r b e i t zu-
wenden. Und hier muß ich euch wieder mit einem scheinbaren Para-
doxon überraschen. Ihr alle seid fest überzeugt, daß, was ihr
täglich verkauft, eure Arbeit sei; daß daher die Arbeit einen
Preis habe und daß, da der Preis einer Ware bloß der Geldausdruck
ihres Werts, es sicherlich so etwas wie den
#130# Karl Marx
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W e r t d e r A r b e i t geben müsse. Indes existiert nichts
von der Art, was im gewöhnlichen Sinn des Wortes W e r t d e r
A r b e i t genannt wird. Wir haben gesehn, daß die in einer
Ware kristallisierte Menge notwendiger Arbeit ihren Wert konsti-
tuiert. Wie können wir nun, indem wir diesen Wertbegriff anwen-
den, sage den Wert eines zehnstündigen Arbeitstags bestimmen?
Wieviel Arbeit enthält dieser Arbeitstag? Zehnstündige Arbeit.
Vom Wert eines zehnstündigen Arbeitstags auszusagen, daß er zehn-
stündiger Arbeit oder dem darin enthaltnen Arbeitsquantum gleich
sei, wäre ein tautologischer und überdies unsinniger Ausdruck.
Nachdem wir einmal den richtigen, aber versteckten Sinn des Aus-
drucks "Wert der Arbeit" gefunden, werden wir natürlich imstande
sein, diese irrationale und anscheinend unmögliche Anwendung des
Begriffs Wert richtig zu deuten, ebenso wie wir imstande sein
werden, die scheinbare oder bloß phänomenale Bewegung der Him-
melskörper zu erkennen, nachdem wir einmal ihre wirkliche Bewe-
gung erkannt.
Was der Arbeiter verkauft, ist nicht direkt seine A r b e i t,
sondern seine A r b e i t s k r a f t, über die er dem Kapita-
listen vorübergehend die Verfügung überläßt. Dies ist so sehr der
Fall, daß - ich weiß nicht, ob durch englisches Gesetz, jeden-
falls aber durch einige Gesetze auf dem Kontinent - die
m a x i m a l e Z e i t d a u e r, wofür ein Mann seine Ar-
beitskraft verkaufen darf, festgestellt ist. Wäre es ihm erlaubt,
das für jeden beliebigen Zeitraum zu tun, so wäre ohne weiteres
die Sklaverei wiederhergestellt. Wenn solch ein Verkauf sich z.B.
auf seine ganze Lebensdauer erstreckte, so würde er dadurch auf
einen Schlag zum lebenslänglichen Sklaven seines Lohnherrn ge-
macht.
Einer der ältesten Ökonomen und originellsten Philosophen Eng-
lands - Thomas Hobbes - hat in seinem "Leviathan" schon vorahnend
auf diesen von allen seinen Nachfolgern übersehenen Punkt hinge-
wiesen. Er sagt:
"D e r W e r t 1*) e i n e s M e n s c h e n ist wie der al-
ler anderen Dinge sein P r e i s: das heißt soviel, als für die
B e n u t z u n g s e i n e r K r a f t gegeben würde."
Von dieser Basis ausgehend, werden wir imstande sein, den
W e r t d e r A r b e i t wie den aller ändern Waren zu be-
stimmen.
Bevor wir jedoch dies tun, könnten wir fragen, woher die sonder-
bare Erscheinung kommt, daß wir auf dem Markt eine Gruppe Käufer
finden, die Besitzer von Boden, Maschinerie, Rohstoff und Lebens-
mitteln sind, die alle, abgesehn von Boden in seinem rohen Zu-
stand, P r o d u k t e d e r A r b e i t sind, und auf der
ändern Seite eine Gruppe Verkäufer, die nichts zu verkaufen
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1*) Im Manuskript: value or worth
#131# Lohn, Preis und Profit
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haben außer ihre Arbeitskraft, ihre werktätigen Arme und Hirne.
Daß die eine Gruppe ständig kauft, um Profit zu machen und sich
zu bereichern, während die andre ständig verkauft, um ihren Le-
bensunterhalt zu verdienen? Die Untersuchung dieser Frage wäre
eine Untersuchung über das, was die Ökonomen "Vorgängige oder ur-
sprüngliche Akkumulation" nennen, was aber u r s p r ü n g-
l i c h e E x p r o p r i a t i o n genannt werden sollte. Wir
würden finden, daß diese sogenannte u r s p r ü n g l i c h e
A k k u m u l a t i o n nichts andres bedeutet als eine Reihe
historischer Prozesse, die in einer A u f l ö s u n g der
u r s p r ü n g l i c h e n E i n h e i t zwischen dem Arbei-
tenden und seinen Arbeitsmitteln resultieren. Solch eine Unter-
suchung fällt jedoch außerhalb des Rahmens meines jetzigen
Themas. Sobald einmal die T r e n n u n g zwischen dem Mann der
Arbeit und den Mitteln der Arbeit vollzogen, wird sich dieser
Zustand erhalten und auf ständig wachsender Stufenleiter repro-
duzieren, bis eine neue und gründliche Umwälzung der Produktions-
weise ihn wieder umstürzt und die ursprüngliche Einheit in neuer
historischer Form wiederherstellt.
Was ist nun also der W e r t d e r A r b e i t s k r a f t?
Wie der jeder ändern Ware ist der Wert bestimmt durch das zu ih-
rer Produktion notwendige Arbeitsquantum. Die Arbeitskraft eines
Menschen existiert nur in seiner lebendigen Leiblichkeit. Eine
gewisse Menge Lebensmittel muß ein Mensch konsumieren, um aufzu-
wachsen und sich am Leben zu erhalten. Der Mensch unterliegt je-
doch, wie die Maschine, der Abnutzung und muß durch einen ändern
Menschen ersetzt werden. Außer der zu s e i n e r e i g n e n
Erhaltung erheischten Lebensmittel bedarf er einer ändern Lebens-
mittelmenge, um eine gewisse Zahl Kinder aufzuziehn, die ihn auf
dem Arbeitsmarkt zu ersetzen und das Geschlecht der Arbeiter zu
verewigen haben. Mehr noch, um seine Arbeitskraft zu entwickeln
und ein gegebnes Geschick zu erwerben, muß eine weitere Menge von
Werten verausgabt werden. Für unsern Zweck genügt es, nur
D u r c h s c h n i t t s arbeit in Betracht zu ziehn, deren Er-
ziehungs- und Ausbildungskosten verschwindend geringe Größen
sind. Dennoch muß ich diese Gelegenheit zu der Feststellung be-
nutzen, daß, genauso wie die Produktionskosten für Arbeitskräfte
verschiedner Qualität nun einmal verschieden sind, auch die Werte
der in verschiednen Geschäftszweigen beschäftigten Arbeitskräfte
verschieden sein müssen. Der Ruf nach G l e i c h h e i t d e r
L ö h n e beruht daher auf einem Irrtum, ist ein unerfüllbarer
t ö r i c h t e r Wunsch. Er ist die Frucht jenes falschen und
platten Radikalismus, der die Voraussetzungen annimmt, die
Schlußfolgerungen aber umgehn möchte. Auf Basis des Lohnsystems
wird der Wert der Arbeitskraft in derselben Weise festgesetzt wie
der jeder
#132# Karl Marx
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andern Ware; und da verschiedne Arten Arbeitskraft verschiedne
Werte haben oder verschiedne Arbeitsquanta zu ihrer Produktion
erheischen, so m ü s s e n sie auf dem Arbeitsmarkt verschiedne
Preise erzielen. Nach g l e i c h e r o d e r g a r g e-
r e c h t e r E n t l o h n u n g auf Basis des Lohnsystems
rufen, ist dasselbe, wie auf Basis des Systems der Sklaverei nach
F r e i h e i t zu rufen. Was ihr für recht oder gerecht
erachtet, steht nicht in Frage. Die Frage ist: Was ist bei einem
gegebnen Produktionssystem notwendig und unvermeidlich?
Nach dem Dargelegten dürfte es klar sein, daß der W e r t d e r
A r b e i t s k r a f t bestimmt ist durch den W e r t d e r
L e b e n s m i t t e l, die zur Produktion, Entwicklung, Erhal-
tung und Verewigung der Arbeitskraft erheischt sind.
8. Die Produktion des Mehrwerts
Unterstellt nun, daß die Produktion der Durchschnittsmenge tägli-
cher Lebensmittel für einen Arbeitenden 6 S t u n d e n
D u r c h s c h n i t t s a r b e i t erheischt. Unterstellt
überdies auch, 6 Stunden Durchschnittsarbeit seien in einem Gold-
quantum gleich 3 sh. vergegenständlicht. Dann wären 3 sh. der
P r e i s oder Geldausdruck des T a g e s w e r t s der
A r b e i t s k r a f t jenes Mannes. Arbeitete er täglich 6
Stunden, so würde er täglich einen Wert produzieren, der aus-
reicht, um die Durchschnittsmenge seiner täglichen Lebensmittel
zu kaufen oder sich selbst als Arbeitenden am Leben zu erhalten.
Aber unser Mann ist ein Lohnarbeiter. Er muß daher seine Arbeits-
kraft einem Kapitalisten verkaufen. Verkauft er sie zu 3 sh. per
Tag oder 18 sh. die Woche, so verkauft er sie zu ihrem Wert. Un-
terstellt, er sei ein Spinner. Wenn er 6 Stunden täglich arbei-
tet, wird er der Baumwolle einen Wert von 3 sh. täglich zusetzen.
Dieser von ihm täglich zugesetzte Wert wäre exakt ein Äquivalent
für den Arbeitslohn oder Preis seiner Arbeitskraft, den er täg-
lich empfängt. Aber in diesem Fall käme dem Kapitalisten
k e i n e r l e i M e h r w e r t oder M e h r p r o d u k t
zu. Hier kommen wir also an den springenden Punkt.
Durch Kauf der Arbeitskraft des Arbeiters und Bezahlung ihres
Werts hat der Kapitalist, wie jeder andre Käufer, das Recht er-
worben, die gekaufte Ware zu konsumieren oder zu nutzen. Man kon-
sumiert oder nutzt die Arbeitskraft eines Mannes, indem man ihn
arbeiten läßt, wie man eine Maschine konsumiert oder nutzt, indem
man sie laufen läßt. Durch Bezahlung des Tages- oder Wochenwerts
der Arbeitskraft des Arbeiters hat der Kapitalist daher das Recht
erworben, diese Arbeitskraft während d e s g a n z e n T a g s
o d e r d e r g a n z e n W o c h e z u nutzen oder arbeiten
zu lassen. Der
#133# Lohn, Preis und Profit
-----
Arbeitstag oder die Arbeitswoche hat natürlich bestimmte Grenzen,
die wir aber erst später betrachten werden.
Für den Augenblick möchte ich eure Aufmerksamkeit auf einen ent-
scheidenden Punkt lenken.
Der W e r t der Arbeitskraft ist bestimmt durch das zu ihrer
Erhaltung oder Reproduktion notwendige Arbeitsquantum, aber die
N u t z u n g dieser Arbeitskraft ist nur begrenzt durch die ak-
tiven Energien und die Körperkraft des Arbeiters. Der Tages- oder
Wochen w e r t der Arbeitskraft ist durchaus verschieden von der
täglichen oder wöchentlichen B e t ä t i g u n g dieser Kraft,
genauso wie das Futter, dessen ein Pferd bedarf, durchaus ver-
schieden ist von der Zeit, die es den Reiter tragen kann. Das Ar-
beitsquantum, wodurch der W e r t der Arbeitskraft des Arbei-
ters begrenzt ist, bildet keineswegs eine Grenze für das Arbeits-
quantum, das seine Arbeitskraft zu verrichten vermag. Nehmen wir
das Beispiel unsres Spinners. Wir haben gesehn, daß er, um seine
Arbeitskraft täglich zu reproduzieren, täglich einen Wert von 3
sh. reproduzieren muß, was er dadurch tut, daß er täglich 6 Stun-
den arbeitet. Dies hindert ihn jedoch nicht, 10 oder 12 oder mehr
Stunden am Tag arbeiten zu können. Durch die Bezahlung des Tages-
oder Wochen w e r t s der Arbeitskraft des Spinners hat nun
aber der Kapitalist das Recht erworben, diese Arbeitskraft
während d e s g a n z e n T a g s o d e r d e r g a n z e n
W o c h e zu nutzen. Er wird ihn daher zwingen, sage 12 Stunden
täglich zu arbeiten. Ü b e r die zum Ersatz seines Arbeitslohns
oder des Werts seiner Arbeitskraft erheischten 6 Stunden
h i n a u s wird er daher noch 6 S t u n d e n zu arbeiten
haben, die ich Stunden der M e h r a r b e i t nennen will,
welche Mehrarbeit sich vergegenständlichen wird in einem
M e h r w e r t und einem M e h r p r o d u k t. Wenn unser
Spinner z.B. durch seine täglich sechsstündige Arbeit der Baum-
wolle einen Wert von 3 sh. zusetzt, einen Wert, der exakt ein
Äquivalent für seinen Arbeitslohn bildet, so wird er der
Baumwolle in 12 Stunden einen Wert von 6 sh. zusetzen und ein
e n t s p r e c h e n d e s M e h r a n G a r n produzieren.
Da er seine Arbeitskraft dem Kapitalisten verkauft hat, so gehört
der ganze von ihm geschaffne Wert oder sein ganzes Produkt dem
Kapitalisten, dem zeitweiligen Eigentümer seiner Arbeitskraft.
Indem der Kapitalist 3 sh. vorschießt, realisiert er also einen
Wert von 6 sh., weil ihm für den von ihm vorgeschossenen Wert,
worin 6 Arbeitsstunden kristallisiert sind, ein Wert
zurückerstattet wird, worin 12 Arbeitsstunden kristallisiert
sind. Durch tägliche Wiederholung desselben Prozesses wird der
Kapitalist täglich 3 sh. vorschießen und täglich 6 sh.
einstecken, wovon eine Hälfte wieder auf Zahlung des Arbeitslohns
geht und die andre Hälfte den M e h r w e r t bildet, für den
der Kapitalist kein Äquivalent zahlt. Es ist d i e s e A r t
A u s t a u s c h
#134# Karl Marx
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z w i s c h e n K a p i t a l u n d A r b e i t, worauf die
kapitalistische Produktionsweise oder das Lohnsystem beruht und
die ständig in der Reproduktion des Arbeiters als Arbeiter und
des Kapitalisten als Kapitalist resultieren muß. D i e R a t e
d e s M e h r w e r t s wird, wenn alle ändern Umstände gleich-
bleiben, abhängen von der Proportion zwischen dem zur Reproduk-
tion des Werts der Arbeitskraft notwendigen Teil des Arbeitstags
und der für den Kapitalisten verrichteten M e h r a r b e i t s-
z e i t oder M e h r a r b e i t. Sie wird daher abhängen von
dem V e r h ä l t n i s, w o r i n d e r A r b e i t s t a g
ü b e r d i e Z e i t s p a n n e h i n a u s v e r l ä n-
g e r t i s t, in der der Arbeiter durch seine Arbeit nur den
Wert seiner Arbeitskraft reproduzieren oder seinen Arbeitslohn
ersetzen würde.
9. Der Wert der Arbeit
Wir müssen nun zurückkommen auf den Ausdruck "Wert oder Preis der
Arbeit".
Wir haben gesehn, daß er in der Tat nichts ist als die Bezeich-
nung für den Wert der Arbeitskraft, gemessen an den zu ihrer Er-
haltung notwendigen Warenwerten. Da der Arbeiter aber seinen Ar-
beitslohn erst n a c h Verrichtung der Arbeit erhält und außer-
dem weiß, daß, was er dem Kapitalisten tatsächlich gibt, seine
Arbeit ist, so erscheint ihm der Wert oder Preis seiner Arbeits-
kraft notwendigerweise als Preis oder W e r t s e i n e r
A r b e i t s e l b s t. Ist der Preis seiner Arbeitskraft
gleich 3 sh., worin 6 Arbeitsstunden vergegenständlicht, und ar-
beitet er 12 Stunden, so betrachtet er diese 3 sh. notwendiger-
weise als den Wert oder Preis von 12 Arbeitsstunden, obgleich
diese 12 Arbeitsstunden sich in einem Wert von 6 sh. vergegen-
ständlichen. Hieraus folgt zweierlei:
E r s t e n s. D e r W e r t o d e r P r e i s d e r A r-
b e i t s k r a f t nimmt das Aussehn des P r e i s e s
o d e r W e r t s d e r A r b e i t s e l b s t an, ob-
gleich, genau gesprochen, Wert und Preis der Arbeit sinnlose Be-
zeichnungen sind.
Z w e i t e n s. Obgleich nur ein Teil des Tagewerks des Arbei-
ters aus b e z a h l t e r, der andre dagegen aus u n b e-
z a h l t e r Arbeit besteht und gerade diese unbezahlte oder
Mehrarbeit den Fonds konstituiert, woraus der M e h r w e r t
oder P r o f i t sich bildet, hat es den Anschein, als ob die
ganze Arbeit aus bezahlter Arbeit bestünde.
Dieser täuschende Schein ist das unterscheidende Merkmal der
L o h n a r b e i t gegenüber ändern h i s t o r i s c h e n
Formen der Arbeit. Auf Basis des Lohnsystems erscheint auch die
u n b e z a h l t e Arbeit als b e z a h l t. Beim S k l a-
v e n umgekehrt erscheint auch der bezahlte Teil seiner Arbeit
als unbezahlt.
#135# Lohn, Preis und Profit
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Natürlich muß der Sklave, um zu arbeiten, leben, und ein Teil
seines Arbeitstags geht drauf auf Ersatz des zu seiner eignen Er-
haltung verbrauchten Werts. Da aber zwischen ihm und seinem Herrn
kein Handel abgeschlossen wird und zwischen beiden Parteien keine
Verkaufs- und Kaufakte vor sich gehn, so erscheint alle seine Ar-
beit als Gratisarbeit.
Nehmt andrerseits den Fronbauern, wie er noch gestern, möchte ich
sagen, im ganzen Osten Europas existierte. Dieser Bauer arbeitete
z.B. 3 Tage für sich auf seinem eignen oder dem ihm zugewiesnen
Felde, und die drei folgenden Tage verrichtete er zwangsweise
Gratisarbeit auf dem herrschaftlichen Gut. Hier waren also der
bezahlte und der unbezahlte Teil der Arbeit sichtbar getrennt,
zeitlich und räumlich getrennt; und unsre Liberalen schäumten
über vor moralischer Entrüstung angesichts der widersinnigen
Idee, einen Menschen umsonst arbeiten zu lassen.
Faktisch jedoch bleibt es sich gleich, ob einer 3 Tage in der Wo-
che für sich auf seinem eignen Felde und 3 Tage umsonst auf dem
herrschaftlichen Gut, oder ob er 6 Stunden täglich in der Fabrik
oder Werkstatt für sich und 6 Stunden für den Lohnherrn arbeitet,
obgleich in letzterem Fall der bezahlte und der unbezahlte Teil
seiner Arbeit unentwirrbar miteinander vermengt sind, so daß die
Natur der ganzen Transaktion durch die D a z w i s c h e n-
k u n f t e i n e s K o n t r a k t s und die am Ende der
Woche erfolgende Z a h l u n g völlig verschleiert wird. Die
Gratisarbeit erscheint in dem einen Fall als freiwillige Gabe und
in dem ändern als Frondienst. Das ist der ganze Unterschied.
Wo ich also das Wort "Wert der Arbeit" gebrauche, werde ich es
nur als landläufigen Vulgärausdruck für "Wert der Arbeitskraft"
gebrauchen.
10. Profit wird gemacht durch Verkauf einer Ware zu ihrem Wert
Unterstellt, eine Durchschnittsarbeitsstunde sei vergegenständ-
licht in einem Wert gleich 6 d. oder 12 Durchschnittsarbeitsstun-
den in 6sh. Unterstellt ferner, der Wert der Arbeit sei 3 sh.
oder das Produkt sechsstündiger Arbeit. Wenn nun in Rohstoff, Ma-
schinerie usw., die bei der Produktion einer Ware aufgebraucht
wurden, 24 Durchschnittsarbeitsstunden vergegenständlicht wären,
so würde sich ihr Wert auf 12 sh. belaufen. Setze darüber hinaus
der vom Kapitalisten beschäftigte Arbeiter diesen Produktionsmit-
teln 12 Arbeitsstunden zu, so wären diese 12 Stunden vergegen-
ständlicht in einem zusätzlichen Wert von 6 sh. Der G e s a m t-
w e r t
#136# Karl Marx
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d e s P r o d u k t s beliefe sich daher auf 36 Stunden verge-
genständlichter Arbeit und wäre gleich 18 sh. Da aber der Wert
der Arbeit oder der dem Arbeiter bezahlte Arbeitslohn nur 3 sh.
betrüge, so würde der Kapitalist für die von dem Arbeiter gelei-
steten, in dem Wert der Ware vergegenständlichten 6 Stunden Mehr-
arbeit kein Äquivalent gezahlt haben. Verkaufte der Kapitalist
diese Ware zu ihrem Wert von 18 sh., so würde er daher einen Wert
von 3 sh. realisieren, für den er kein Äquivalent gezahlt hat.
Diese 3 sh. würden den Mehrwert oder Profit konstituieren, den er
einsteckt. Der Kapitalist würde folglich den Profit von 3 sh.
nicht dadurch realisieren, daß er die Ware zu einem Preis
ü b e r ihrem Wert, sondern dadurch, daß er sie z u i h r e m
w i r k l i c h e n W e r t verkauft.
Der Wert einer Ware ist bestimmt durch das in ihr enthaltne
G e s a m t a r b e i t s q u a n t u m. Aber ein Teil dieses
Arbeitsquantums ist in einem Wert vergegenständlicht, wofür in
Form des Arbeitslohns ein Äquivalent bezahlt, ein Teil jedoch in
einem Wert, wofür k e i n Äquivalent bezahlt worden ist. Ein
Teil der in der Ware enthaltnen Arbeit ist b e z a h l t e Ar-
beit; ein Teil ist u n b e z a h l t e Arbeit. Verkauft daher
der Kapitalist die Ware z u i h r e m W e r t, d.h. als Kri-
stallisation des auf sie verwendeten G e s a m t a r b e i t s-
q u a n t u m s, s o muß er sie notwendigerweise mit Profit
verkaufen. Er verkauft nicht nur, was ihm ein Äquivalent geko-
stet, er verkauft vielmehr auch, was ihm nichts gekostet, ob-
gleich es die Arbeit seines Arbeiters gekostet hat. Die Kosten
der Ware für den Kapitalisten und ihre wirklichen Kosten sind
zweierlei Dinge. Ich wiederhole daher, daß normale und durch-
schnittliche Profite gemacht werden durch Verkauf der Waren nicht
ü b e r, sondern z u i h r e n w i r k l i c h e n W e r-
t e n.
11. Die verschiednen Teile, in die der Mehrwert zerfällt
Den M e h r w e r t oder den Teil des Gesamtwerts der Ware,
worin die M e h r a r b e i t oder u n b e z a h l t e A r-
b e i t des Arbeiters vergegenständlicht ist, nenne ich P r o-
f i t. Es ist nicht die Gesamtsumme dieses Profits, die der
industrielle Kapitalist einsteckt. Das Bodenmonopol setzt den
Grundeigentümer in den Stand, einen Teil dieses M e h r-
w e r t s unter dem Namen R e n t e an sich zu ziehn, sei es,
daß der Boden für Agrikultur oder Baulichkeiten oder Eisenbahnen,
sei es, daß er für irgendeinen ändern produktiven Zweck benutzt
wird. Andrerseits, gerade die Tatsache, daß der Besitz d e r
A r b e i t s m i t t e l den industriellen Kapitalisten befä-
higt, einen M e h r w e r t zu produzieren, oder, was auf
dasselbe hinausläuft, s i c h e i n e b e s t i m m t e
M e n g e
#137# Lohn, Preis und Profit
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u n b e z a h l t e r A r b e i t a n z u e i g n e n, befä-
higt den Eigentümer der Arbeitsmittel, die er ganz oder teilweise
dem industriellen Kapitalisten leiht - befähigt, in einem Wort,
den g e l d v e r l e i h e n d e n K a p i t a l i s t e n,
einen ändern Teil dieses Mehrwerts unter dem Namen Z i n s für
sich in Anspruch zu nehmen, so daß dem industriellen Kapitalisten
a l s s o l c h e m nur verbleibt, was man i n d u s t r i-
e l l e n oder k o m m e r z i e l l e n P r o f i t nennt.
Welche Gesetze diese Teilung der Gesamtmenge des Mehrwerts unter
die drei Menschenkategorien regulieren, ist eine Frage, die un-
serm Gegenstand gänzlich fernliegt. Soviel resultiert indes aus
dem bisher Entwickelten.
R e n t e, Z i n s u n d i n d u s t r i e l l e r P r o-
f i t sind bloß v e r s c h i e d n e N a m e n f ü r v e r-
s c h i e d n e T e i l e d e s M e h r w e r t s der Ware
oder der in i h r v e r g e g e n s t ä n d l i c h t e n u n-
b e z a h l t e n A r b e i t und l e i t e n s i c h i n
g l e i c h e r W e i s e a u s d i e s e r Q u e l l e
u n d n u r a u s i h r h e r. Sie leiten sich nicht aus
d e m B o d e n als solchem her oder aus dem K a p i t a l
als solchem, sondern Boden und Kapital setzen ihre Eigentümer in
den Stand, ihre respektiven Anteile an dem von dem industriellen
Kapitalisten aus seinem Arbeiter herausgepreßten Mehrwert zu er-
langen. Für den Arbeiter selbst ist es eine Angelegenheit von un-
tergeordneter Bedeutung, ob jener Mehrwert, der das Resultat sei-
ner Mehrarbeit oder unbezahlten Arbeit ist, ganz von dem indu-
striellen Kapitalisten eingesteckt wird oder ob letzterer Teile
davon unter den Namen Rente und Zins an dritte Personen weiterzu-
zahlen hat. Unterstellt, daß der industrielle Kapitalist nur sein
eignes Kapital anwendet und sein eigner Grundeigentümer ist. In
diesem Fall wanderte der ganze Mehrwert in seine Tasche.
Es ist der industrielle Kapitalist, der unmittelbar Mehrwert aus
dem Arbeiter herauspreßt, welchen Teil auch immer er schließlich
zu behalten imstande ist. Um dies Verhältnis zwischen industriel-
lem Kapitalisten und Lohnarbeiter dreht sich daher das ganze
Lohnsystem und das ganze gegenwärtige Produktionssystem. Einige
Bürger, die an unsrer Debatte teilnahmen, taten daher unrecht,
als sie versuchten, die Dinge zu beschönigen und dies
grundlegende Verhältnis zwischen industriellem Kapitalisten und
Arbeiter als eine zweitrangige Frage zu behandeln, obgleich sie
recht hatten mit der Feststellung, daß unter gegebnen Umständen
ein Steigen der Preise in sehr ungleichen Graden den indu-
striellen Kapitalisten, den Grundeigentümer, den Geldkapitalisten
und, wenn es beliebt, den Steuereinnehmer berührt.
Aus dem bisher Entwickelten folgt nun noch etwas andres.
Der Teil des Werts der Ware, der nur den Wert der Rohstoffe, der
Maschinerie, kurz den Wert der verbrauchten Produktionsmittel re-
präsentiert, bildet überhaupt k e i n E i n k o m m e n, son-
dern ersetzt n u r K a p i t a l. Aber
#138# Karl Marx
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abgesehn hiervon ist es falsch, daß der andre Teil des Werts der
Ware, d e r E i n k o m m e n b i l d e t oder in Form von
Arbeitslohn, Profit, Rente, Zins verausgabt werden kann, sich aus
dem Wert des Arbeitslohns, dem Wert der Rente, dem Wert des Pro-
fits usw. k o n s t i t u i e r t. Wir wollen zunächst einmal
den Arbeitslohn aus dem Spiel lassen und nur den industriellen
Profit, Zins und Rente behandeln. Eben sahen wir, daß der in der
Ware enthaltne M e h r w e r t, oder der Teil ihres Werts,
worin u n b e z a h l t e A r b e i t vergegenständlicht, sich
a u f l ö s t in verschiedne Teile mit drei verschiednen Namen.
Aber es hieße die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehren, wollte man
sagen, daß ihr Wert sich aus den s e l b s t ä n d i g e n
W e r t e n d i e s e r d r e i B e s t a n d t e i l e z u-
s a m m e n s e t z t oder sich durch deren Z u s a m m e n-
z ä h l u n g b i l d e t.
Wenn eine Arbeitsstunde sich vergegenständlicht in einem Wert von
6 d., wenn der Arbeitstag des Arbeiters !2 Stunden ausmacht, wenn
die Hälfte dieser Zeit aus unbezahlter Arbeit besteht, wird diese
Mehrarbeit der Ware einen M e h r w e r t von 3 sh. zusetzen,
d.h. einen Wert, für den kein Äquivalent gezahlt worden ist. Die-
ser Mehrwert von 3 sh. konstituiert den g a n z e n F o n d s,
den sich der industrielle Kapitalist mit dem Grundeigentümer und
dem Geldverleiher, in welchen Proportionen immer, teilen kann.
Der Wert dieser 3 sh. konstituiert die Grenze des Werts, den sie
unter sich zu verteilen haben. Es ist aber nicht der industrielle
Kapitalist, der dem Wert der Ware einen willkürlichen Wert zum
Zwecke seines Profits zusetzt, dem ein weitrer Wert für den
Grundeigentümer angereiht wird usw., so daß die Zusammenzählung
dieser drei willkürlich festgestellten Werte den Gesamtwert kon-
stituierte. Ihr seht daher das Trügliche der landläufigen Vor-
stellung, die die S p a l t u n g eines g e g e b n e n
W e r t s in drei Teile mit der B i l d u n g dieses Werts
durch Zusammenzählung dreier s e l b s t ä n d i g e r Werte
verwechselt, indem sie so den Gesamtwert, woraus Rente, Profit
und Zins sich herleiten, in eine willkürliche Größe verwandelt.
Wenn der von einem Kapitalisten realisierte Gesamtprofit gleich
100 Pfd. St. ist, so nennen wir diese Summe, als a b s o l u t e
Größe betrachtet, die M e n g e d e s P r o f i t s. Berech-
nen wir aber das Verhältnis, worin diese 100 Pfd. St. zu dem vor-
geschossenen Kapital stehn, so nennen wir diese r e l a t i v e
Größe die R a t e d e s P r o f i t s. Es ist augenschein-
lich, daß diese Profitrate auf zweierlei Art ausgedrückt werden
kann.
Unterstellt, 100 Pfd. St. seien in A r b e i t s l o h n
v o r g e s c h o s s e n e s Kapital. Wenn der erzeugte Mehr-
wert ebenfalls 100 Pfd. St. beträgt - was uns anzeigen würde, daß
der halbe Arbeitstag des Arbeiters aus u n b e z a h l t e r
Arbeit besteht - und wir diesen Profit an dem m Arbeitslohn vor-
geschossenen Kapital messen, so würden wir sagen, daß die
P r o f i t r a t e sich auf 100%
#139# Lohn, Preis und Profit
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beliefe, weil der vorgeschossene Wert 100 und der realisierte
Wert 200 wäre.
Wenn wir andrerseits nicht bloß das i n A r b e i t s l o h n
v o r g e s c h o s s e n e K a p i t a l betrachten, sondern
das v o r g e s c h o s s e n e G e s a m t k a p i t a l,
sage z.B. 500 Pfd. St., wovon 400 Pfd. St. den Wert der Rohstof-
fe, Maschinerie usw. repräsentierten, so würden wir sagen, daß
die P r o f i t r a t e sich nur auf 20% beliefe, weil der
Profit von 100 nicht mehr wäre als der fünfte Teil des vorge-
schossenen G e s a m t kapitals.
Die erste Ausdrucksform der Profitrate ist die einzige, die euch
das wirkliche Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Ar-
beit anzeigt, den wirklichen Grad der E x p l o i t a t i o n
(ihr müßt mir dies französische Wort gestatten) d e r
A r b e i t. Die andre Ausdrucksform ist die allgemein übliche,
und in der Tat ist sie für bestimmte Zwecke geeignet. Jedenfalls
ist sie sehr nützlich zur Verschleierung des Grads, worin der Ka-
pitalist Gratisarbeit ans dem Arbeiter herauspreßt.
In den Bemerkungen, die ich noch zu machen habe, werde ich das
Wort P r o f i t für die Gesamtmenge des von dem Kapitalisten
herausgepreßten Mehrwerts anwenden ohne jede Rücksicht auf die
Teilung dieses Mehrwerts zwischen den verschiednen Personen, und
wo ich das Wort P r o f i t r a t e anwende, werde ich stets
den Profit am Wert des in Arbeitslohn vorgeschossenen Kapitals
messen.
12. Das allgemeine Verhältnis zwischen Profiten,
Arbeitslöhnen und Preisen
Zieht man von dem Wert einer Ware jenen Wert ab, der Ersatz ist
für den in ihr enthaltnen Wert der Rohstoffe und ändern Produkti-
onsmittel, d.h. den Wert der in ihr enthaltnen v e r g a n g-
n e n Arbeit, so löst sich der Rest ihres Werts in das Arbeits-
quantum auf, das ihr der z u l e t z t beschäftigte Arbeiter
zugesetzt hat. Wenn dieser Arbeiter 12 Stunden täglich arbeitet,
wenn sich 12 Stunden Durchschnittsarbeit in einer Goldmenge
gleich 6 sh. kristallisieren, so wird dieser zugesetzte Wert von
6 sh. der e i n z i g e Wert sein, den seine Arbeit geschaffen
hat. Dieser gegebne, durch seine Arbeitszeit bestimmte Wert ist
der einzige Fonds, wovon beide, er und der Kapitalist, ihre
respektiven Anteile oder Dividenden ziehn können, der einzige
Wert, der in Arbeitslohn und Profit geteilt werden kann. Es ist
klar, daß dieser Wert selbst nicht geändert wird durch die
variablen Proportionen, worin er zwischen den beiden Parteien ge-
teilt werden mag. Es würde hieran
#140# Karl Marx
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auch nichts geändert, wenn statt eines einzigen Arbeiters die ge-
samte Arbeiterbevölkerung unterstellt wird, 12 Millionen Arbeits-
tage z.B. an Stelle eines einzigen.
Da Kapitalist und Arbeiter nur diesen begrenzten Wert zu teilen
haben, d.h. den durch die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen
Wert, so erhält der eine desto mehr, je weniger dem ändern zu-
fällt, und umgekehrt. Sobald ein Quantum gegeben ist, wird der
eine Teil davon zunehmen, wie, umgekehrt, der andre abnimmt. Wenn
der Arbeitslohn sich ändert, wird der Profit sich in entgegenge-
setzter Richtung ändern. Wenn der Arbeitslohn fällt, so steigt
der Profit; und wenn der Arbeitslohn steigt, so fällt der Profit.
Würde der Arbeiter nach unsrer frühern Unterstellung 3 sh. gleich
der Hälfte des von ihm erzeugten Werts erhalten oder sein ganzer
Arbeitstag zur Hälfte aus bezahlter, zur Hälfte aus unbezahlter
Arbeit bestehn, so würde die Profitrate 100% ausmachen, weil der
Kapitalist ebenfalls 3 sh. erhielte. Würde der Arbeiter nur 2 sh.
erhalten oder nur 1/3 des ganzen Tags für sich arbeiten, so er-
hielte der Kapitalist 4 sh., und die Profitrate wäre 200%. Würde
der Arbeiter 4 sh. erhalten, so erhielte der Kapitalist nur 2,
und die Profitrate würde auf 50% sinken, aber alle diese Verände-
rungen werden nicht den Wert der Ware berühren. Eine allgemeine
Lohnsteigerung würde daher auf eine Senkung der allgemeinen Pro-
fitrate hinauslaufen, ohne jedoch die Werte zu beeinflussen.
Aber obgleich die Werte der Waren, die in letzter Instanz ihre
Marktpreise regulieren müssen, ausschließlich bestimmt sind durch
die Gesamtquanta der in ihnen dargestellten Arbeit und nicht
durch die Teilung dieses Quantums in bezahlte und unbezahlte Ar-
beit, so folgt daraus keineswegs, daß die Werte der einzelnen Wa-
ren oder Warenmengen, die z.B. in 12 Stunden produziert worden
sind, konstant bleiben. Die in gegebner Arbeitszeit oder mit ge-
gebnem Arbeitsquantum erzeugte Z a h l oder Masse von Waren
hängt ab von der P r o d u k t i v k r a f t der angewandten
Arbeit und nicht von ihrer D a u e r oder Länge. Mit dem einen
Grad der Produktivkraft der Spinnarbeit z.B. mag ein Arbeitstag
von 12 Stunden 12 Pfund Garn produzieren, mit einem geringeren
Grad nur 2 Pfund. Wenn nun zwölfstündige Durchschnittsarbeit sich
in dem einen Fall in einem Wert von 6 sh. vergegenständlichte, so
würden die 12 Pfund Garn 6sh. kosten, in dem ändern Fall die 2
Pfund Garn ebenfalls 6 sh. Ein Pfund Garn würde daher in dem
einen Fall 6 d., in dem ändern 3 sh. kosten. Diese Differenz des
Preises würde resultieren aus der Differenz in den Produktivkräf-
ten der angewandten Arbeit. Mit der größeren Produktivkraft würde
in 1 Pfund Garn 1 Arbeitsstunde vergegenständlicht, mit der ge-
ringeren dagegen
#141# Lohn, Preis und Profit
-----
6 Arbeitsstunden. Der Preis von l Pfund Garn betrüge in dem einen
Fall nur 6 d., obgleich der Arbeitslohn relativ hoch und die Pro-
fitrate niedrig wäre; er betrüge in dem ändern Fall 3 sh., ob-
gleich der Arbeitslohn niedrig und die Profitrate hoch wäre. Das
wäre der Fall, weil der Preis des Pfundes Garn reguliert wird
durch das G e s a m t q u a n t u m d e r i n i h m a u f-
g e a r b e i t e t e n A r b e i t und nicht durch die p r o-
p o r t i o n e l l e T e i l u n g d i e s e s G e s a m t-
q u a n t u m s i n b e z a h l t e u n d u n b e z a h l-
t e A r b e i t. Die von mir vorhin erwähnte Tatsache, daß
hochbezahlte Arbeit wohlfeile und niedrig bezahlte Arbeit teure
Waren produzieren kann, verliert daher ihren paradoxen Schein.
Sie ist nur der Ausdruck des allgemeinen Gesetzes, daß der Wert
einer Ware reguliert wird durch das in ihr aufgearbeitete
Arbeitsquantum, daß aber das in ihr aufgearbeitete Arbeitsquantum
ganz abhängt von der Produktivkraft der angewandten Arbeit und
daher mit jedem Wechsel in der Produktivität der Arbeit wechseln
wird.
13. Die hauptsächlichsten Versuche, den Arbeitslohn zu heben
oder seinem Sinken entgegenzuwirken
Laßt uns nun nacheinander die Hauptfälle betrachten, worin eine
Steigerung des Arbeitslohns versucht oder seiner Herabsetzung
entgegengewirkt wird.
1. Wir haben gesehn, daß der W e r t d e r A r b e i t s-
k r a f t, oder in landläufigerer Redeweise: der W e r t d e r
A r b e i t, bestimmt ist durch den Wert der Lebensmittel oder
das zu ihrer Produktion erheischte Arbeitsquantum. Wenn nun in
einem gegebnen Land der Durchschnittswert der täglichen Lebens-
mittel eines Arbeiters 6 Arbeitsstunden repräsentierte, die sich
in 3 sh. ausdrückten, so würde der Arbeiter 6 Stunden täglich zu
arbeiten haben, um ein Äquivalent für seinen täglichen Lebensun-
terhalt zu produzieren. Wäre der ganze Arbeitstag 12 Stunden, so
würde der Kapitalist ihm den Wert seiner Arbeit bezahlen, indem
er ihm 3 sh. zahlte. Der halbe Arbeitstag bestünde aus unbe-
zahlter Arbeit und die Profitrate beliefe sich auf 100%. Unter-
stellt jedoch nun, daß infolge einer Verminderung der Produkti-
vität mehr Arbeit erforderlich würde, um sage dieselbe Menge
landwirtschaftlicher Produkte zu produzieren, so daß der Durch-
schnittspreis der täglichen Lebensmittel von 3 auf 4 sh. stiege.
In diesem Fall würde der W e r t der Arbeit um 1/3 oder 33 1/3%
steigen. Acht Stunden des Arbeitstags wären erheischt, um ein
Äquivalent für den täglichen Lebensunterhalt des Arbeiters
entsprechend seinem alten Lebensstandard zu produzieren. Die
Mehrarbeit würde daher
#142# Karl Marx
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von 6 auf 4 Stunden und die Profitrate von 100 auf 50% sinken.
Bestünde aber der Arbeiter auf einer Steigerung des Arbeitslohns,
so würde er bloß darauf bestehn, den g e s t i e g n e n
W e r t s e i n e r A r b e i t zu erhalten, genau wie jeder
andre Verkäufer ·einer Ware, der, sobald die Kosten seiner Ware
gestiegen, den Versuch macht, ihren gestiegnen Wert bezahlt zu
bekommen. Stiege der Arbeitslohn gar nicht oder nicht genügend,
um die erhöhten Werte der Lebensmittel zu kompensieren, so würde
der Preis der Arbeit u n t e r d e n W e r t d e r
A r b e i t sinken und der Lebensstandard des Arbeiters würde
sich verschlechtern.
Aber es könnte ein Wechsel auch in umgekehrter Richtung eintre-
ten. Infolge der vermehrten Produktivität der Arbeit könnte die-
selbe Durchschnittsmenge der täglichen Lebensmittel von 3 auf 2
sh. sinken, oder es wären bloß 4 statt 6 Stunden des Arbeitstags
erforderlich zur Reproduktion eines Äquivalents für den Wert der
täglichen Lebensmittel. Der Arbeiter würde nun befähigt, mit 2sh.
ebensoviel Lebensmittel zu kaufen, wie früher mit 3 sh. In der
Tat wäre der W e r t d e r A r b e i t gesunken, aber dieser
verminderte Wert würde dieselbe Lebensmittelmenge kommandieren
wie früher. Dann würde der Profit von 3 auf 4 sh. steigen und die
Profitrate von 100 auf 200%. Obgleich der absolute Lebensstandard
des Arbeiters derselbe geblieben wäre, wäre sein r e l a t i-
v e r Arbeitslohn und damit seine r e l a t i v e g e s e l l-
s c h a f t l i c h e S t e l l u n g, verglichen mit der des
Kapitalisten, niedriger geworden. Sollte der Arbeiter dieser
Herabsetzung des relativen Arbeitslohns widerstreben, so wäre das
bloß ein Versuch, sich einen gewissen Anteil an der Vermehrung
der Produktivkraft seiner eignen Arbeit zu sichern und seine
frühere relative Stellung auf der gesellschaftlichen Stufenleiter
zu behaupten. So reduzierten die englischen Fabriklords nach
Abschaffung der Korngesetze, und unter offensichtlicher Ver-
letzung der während der Anti-Korngesetz-Agitation feierlichst ge-
gebnen Versprechungen, den Arbeitslohn allgemein um 10%. Der Wi-
derstand der Arbeiter ward anfangs überwunden, aber infolge von
Umständen, auf die ich jetzt nicht eingehn kann, wurden die ver-
lornen 10% nachträglich wiedererlangt.
2. Der W e r t der Lebensmittel, und darum der W e r t d e r
A r b e i t, könnte derselbe bleiben, aber sein G e l d-
p r e i s könnte infolge eines vorhergehenden W e c h s e l s
im W e r t d e s G e l d e s eine Änderung erfahren.
Nach Entdeckung ergiebigerer Minen usw. brauchte z.B. die Produk-
tion von zwei Unzen Gold nicht mehr Arbeit zu kosten als früher
die von einer Unze. Der W e r t des Goldes hätte sich dann um
die Hälfte oder 50% vermindert. Da nun die W e r t e aller än-
dern Waren, in ihren frühern G e l d p r e i s e n ausgedrückt,
verdoppelt wären, so auch der W e r t d e r A r b e i t.
Zwölf
#143# Lohn, Preis und Profit
-----
Arbeitsstunden, früher in 6 sh. ausgedrückt, würden sich nun in
12 sh. ausdrücken. Bliebe der Lohn des Arbeiters, statt auf 6 sh.
zu steigen, 3 sh., so wäre der G e l d p r e i s s e i n e r
A r b e i t bloß gleich dem h a l b e n W e r t s e i n e r
A r b e i t, und sein Lebensstandard würde sich furchtbar ver-
schlechtern. Dies fände in größerem oder geringerem Grad auch
dann statt, wenn sein Arbeitslohn zwar stiege, aber nicht im Ver-
hältnis zum Sinken des Goldwerts. In diesem Fall hätte sich
nichts geändert, weder die Produktivkraft der Arbeit noch Angebot
und Nachfrage, noch die Werte. Es hätte sich nichts geändert au-
ßer den Geldnamen jener Werte. Wird gesagt, daß der Arbeiter in
diesem Fall nicht auf einer proportionellen Lohnsteigerung beste-
hen solle, so heißt das, er solle sich damit zufriedengeben, mit
Namen statt mit Sachen bezahlt zu werden. Alle bisherige Ge-
schichte beweist, daß, wann immer eine solche Entwertung des
Geldes vor sich geht, die Kapitalisten sich diese Gelegenheit,
den Arbeiter übers Ohr zu hauen, nicht entgehen lassen. Eine sehr
zahlreiche Schule politischer Ökonomen versichert, daß infolge
der Entdeckung neuer Goldfelder, der besseren Ausbeute der Sil-
berminen und der wohlfeileren Quecksilberzufuhr der Wert der ed-
len Metalle wieder gesunken sei. Dies würde erklären, warum auf
dem Kontinent allgemein und gleichzeitig Versuche unternommen
werden, eine Steigerung der Löhne durchzusetzen.
3. Wir haben bis jetzt die Grenzen des A r b e i t s t a g s
als gegeben unterstellt. An sich hat aber der Arbeitstag keine
konstanten Grenzen. Die Tendenz des Kapitals geht ständig dahin,
ihn bis auf die äußerste physisch mögliche Länge auszudehnen,
weil in gleichem Maße die Mehrarbeit und folglich der daraus re-
sultierende Profit vermehrt wird. Je erfolgreicher das Kapital in
der Verlängerung des Arbeitstags ist, desto größer ist die Menge
fremder Arbeit, die es sich aneignen wird. Während des 17. und
selbst in den ersten beiden Dritteln des 18. Jahrhunderts war ein
zehnstündiger Arbeitstag Normalarbeitstag in ganz England. Wäh-
rend des Antijakobinerkriegs [106], der in Wirklichkeit ein von
den britischen Baronen geführter Krieg gegen die britischen Ar-
beitermassen war, feierte das Kapital seine Orgien und verlän-
gerte den Arbeitstag von 10 auf 12, 14, 18 Stunden. Malthus, den
ihr keineswegs weinerlicher Sentimentalität verdächtigen werdet,
veröffentlichte um 1815 ein Pamphlet, worin er erklärte, daß,
wenn dieser Zustand fortdaure, das Leben der Nation unmittelbar
an seiner Wurzel angegriffen würde. Einige Jahre vor der allge-
meinen Einführung der neuerfundenen Maschinerie, um 1765, er-
schien in England ein Pamphlet unter dem Titel: "An Essay on
Trade" [107]. Der anonyme Verfasser, ein geschworner Feind der
arbeitenden Klassen, deklamiert über die Notwendigkeit,
#144# Karl Marx
-----
die Grenzen des Arbeitstags auszudehnen. Unter ändern Mitteln zu
diesem Zweck schlägt er A r b e i t s h ä u s e r vor, die, wie
er sagt, "Häuser des Schreckens" sein müßten. Und was ist die
Dauer des Arbeitstags, die er für diese "Häuser des Schreckens"
vorschreibt? Z w ö l f S t u n d e n, genau dieselbe Zeit, die
1832 von Kapitalisten, politischen Ökonomen und Ministern nicht
nur als existierende, sondern als notwendige Arbeitszeit eines
Kindes unter 12 Jahren erklärt wurde. [108]
Indem der Arbeiter seine Arbeitskraft verkauft, und unter dem ge-
genwärtigen System muß er das tun, überläßt er dem Kapitalisten
die Konsumtion dieser Kraft, aber innerhalb gewisser rationeller
Grenzen. Er verkauft seine Arbeitskraft, um sie, abgesehn von ih-
rem natürlichen Verschleiß, zu erhalten, nicht aber um sie zu
zerstören. Indem er seine Arbeitskraft zu ihrem Tages- oder Wo-
chenwert verkauft, gilt es als selbstverständlich, daß diese Ar-
beitskraft in einem Tag oder einer Woche nicht einem zweitägigen
oder zweiwöchigen Verschleiß ausgesetzt werde. Nehmt eine Ma-
schine, die 1000 Pfd. St. wert ist. Wird sie in 10 Jahren ver-
braucht, so setzt sie dem Wert der Waren, an deren Produktion sie
mitwirkt, jährlich 100 Pfd. St. zu. Würde sie in 5 Jahren ver-
braucht, so setzte sie jährlich 200 Pfd. St. zu, oder der Wert
ihres Jahresverschleißes steht in umgekehrtem Verhältnis zu der
Zeitdauer, worin sie konsumiert wird. Aber dies unterscheidet den
Arbeiter von der Maschine. Die Maschinerie wird nicht ganz im
selben Verhältnis, wie sie genutzt wird, altes Eisen. Der Mensch
dagegen wird in stärkerem Verhältnis zerrüttet, als aus der bloß
numerischen Zusammenrechnung der geleisteten Arbeit ersichtlich
sein würde.
Bei ihren Versuchen, den Arbeitstag auf seine frühern rationellen
Ausmaße zurückzuführen oder, wo sie die gesetzliche Festsetzung
eines Normalarbeitstags nicht erzwingen können, die Überarbeit
durch Steigerung des Lohns zu zügeln, eine Steigerung nicht nur
in Proportion zu der verlangten Überzeit, sondern in größerer
Proportion, erfüllen die Arbeiter bloß eine Pflicht gegen sich
selbst und ihren Nachwuchs. Sie weisen bloß das Kapital mit sei-
nen tyrannischen Übergriffen in seine Schranken zurück. Zeit ist
der Raum zu menschlicher Entwicklung. Ein Mensch, der nicht über
freie Zeit verfügt, dessen ganze Lebenszeit - abgesehn von rein
physischen Unterbrechungen durch Schlaf, Mahlzeiten usw. - von
seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger
als ein Lasttier. Er ist eine bloße Maschine zur Produktion von
fremdem Reichtum, körperlich gebrochen und geistig verroht. Den-
noch zeigt die ganze Geschichte der modernen Industrie, daß das
Kapital, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird,
#145# Lohn, Preis und Profit
-----
ohne Gnade und Barmherzigkeit darauf aus ist, die ganze Arbeiter-
klasse in diesen Zustand äußerster Degradation zu stürzen.
Bei Verlängerung des Arbeitstags mag der Kapitalist h ö h e r n
A r b e i t s l o h n zahlen und dennoch den W e r t d e r
A r b e i t senken, falls die Lohnsteigerung nicht der herausge-
preßten größeren Arbeitsmenge und so herbeigeführten rascheren
Zerrüttung der Arbeitskraft entspricht. Dies kann auch in andrer
Weise geschehn. Eure Bourgeoisstatistiker werden euch z.B. erklä-
ren, daß der Durchschnittslohn der Fabrikarbeiterfamilien in Lan-
cashire gestiegen sei. Sie vergessen, daß statt der Arbeit des
Mannes, des Haupts der Familie, jetzt sein Weib und vielleicht
drei oder vier Kinder unter die Juggernauträder [109] des Kapi-
tals geschleudert sind und daß die Steigerung ihres Gesamtar-
beitslohns der Gesamtmehrarbeit, die aus der Familie herausge-
preßt worden, durchaus nicht entspricht.
Selbst bei gegebnen Grenzen des Arbeitstags, wie sie jetzt in al-
len den Fabrikgesetzen unterworfnen Industriezweigen existieren,
kann eine Lohnsteigerung notwendig werden, schon um den alten
Normal w e r t d e r A r b e i t aufrechtzuerhalten. Durch Er-
höhung der I n t e n s i t ä t der Arbeit mag ein Mann dazu ge-
bracht werden, in einer Stunde soviel Lebenskraft zu verausgaben
wie früher in zwei. Dies ist in den Geschäftszweigen, die der Fa-
brikgesetzgebung unterworfen wurden, bis zu gewissem Grade ge-
schehn durch beschleunigten Lauf der Maschinerie und Vermehrung
der Zahl der Arbeitsmaschinen, die ein einzelner nun zu überwa-
chen hat. Wenn die Zunahme der Arbeitsintensität oder der in ei-
ner Stunde verausgabten Arbeitsmasse der Verkürzung des Arbeits-
tags einigermaßen angemessen ist, so wird der Arbeiter noch im
Vorteil sein. Wird diese Grenze überschritten, so verliert er in
der einen Form, was er in der ändern gewonnen, und 10 Arbeits-
stunden können dann ebenso ruinierend werden wie früher 12 Stun-
den. Tritt der Arbeiter dieser Tendenz des Kapitals entgegen, in-
dem er für eine der steigenden Arbeitsintensität entsprechende
Lohnsteigerung kämpft, so widersetzt er sich nur der Entwertung
seiner Arbeit und der Schwächung seines Nachwuchses.
4. Ihr alle wißt, daß die kapitalistische Produktion aus Gründen,
die ich jetzt nicht auseinanderzusetzen brauche, sich in bestimm-
ten periodischen Zyklen bewegt. Sie macht nacheinander den Zu-
stand der Stille, wachsenden Belebung, Prosperität, Überproduk-
tion, Krise und Stagnation durch. Die Marktpreise der Waren und
die Marktraten des Profits folgen diesen Phasen, bald unter ihren
Durchschnitt sinkend, bald sich darüber erhebend. Wenn ihr den
ganzen Zyklus betrachtet, werdet ihr finden, daß die eine Abwei-
chung des Marktpreises durch die andre aufgehoben wird
#146# Karl Marx
-----
und daß, den Durchschnitt des Zyklus genommen, die Marktpreise
der Waren durch ihre Werte reguliert werden. Schön! Während der
Phase sinkender Marktpreise, ebenso wie während der Phasen der
Krise und der Stagnation, ist der Arbeiter, falls er nicht über-
haupt aufs Pflaster geworfen wird, einer Herabsetzung des Ar-
beitslohns gewärtig. Um nicht der Geprellte zu sein, muß er,
selbst während eines solchen Sinkens der Marktpreise, mit dem Ka-
pitalisten darüber markten, in welchem proportionellen Ausmaß
eine Lohnsenkung notwendig geworden sei. Wenn er nicht bereits
während der Prosperitätsphase, solange Extraprofite gemacht wer-
den, für eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im Durchschnitt
eines industriellen Zyklus nicht einmal zu seinem
D u r c h s c h n i t t s l o h n oder dem W e r t seiner Ar-
beit. Es ist der Gipfel des Widersinns, zu verlangen, er solle,
während sein Arbeitslohn notwendigerweise durch die ungünstigen
Phasen des Zyklus beeinträchtigt wird, darauf verzichten, sich
während der Prosperitätsphase schadlos zu halten. Allgemein aus-
gedrückt: Die W e r t e aller Waren werden nur realisiert durch
Ausgleichung der ständig wechselnden Marktpreise, die aus den
ständigen Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr entspringen. Auf
Basis des gegenwärtigen Systems ist die Arbeit bloß eine Ware wie
die ändern. Sie muß daher dieselben Fluktuationen durchmachen, um
einen ihrem Wert entsprechenden Durchschnittspreis zu erzielen.
Es wäre absurd, sie einerseits als Ware zu behandeln und andrer-
seits zu verlangen, sie solle von den die Warenpreise regelnden
Gesetzen ausgenommen werden. Der Sklave erhält eine ständige und
fixe Menge zum Lebensunterhalt; der Lohnarbeiter erhält sie
nicht. Er muß versuchen, sich in dem einen Fall eine Lohnsteige-
rung zu sichern, schon um in dem ändern wenigstens für die Lohn-
senkung entschädigt zu sein. Wollte er sich damit bescheiden, den
Willen, die Machtsprüche des Kapitalisten als ein dauerndes öko-
nomisches Gesetz über sich ergehn zu lassen, so würde ihm alles
Elend des Sklaven ohne die gesicherte Existenz des Sklaven zu-
teil.
5. In allen Fällen, die ich einer Betrachtung unterzogen habe -
und sie machen 99 vom Hundert aus -, habt ihr gesehn, daß ein
Ringen um Lohnsteigerung nur als Nachspiel v o r h e r g e-
h e n d e r Veränderungen vor sich geht und das notwendige Er-
gebnis ist von vorhergehenden Veränderungen im Umfang der Pro-
duktion, der Produktivkraft der Arbeit, des Werts der Arbeit, des
Werts des Geldes, der Dauer oder der Intensität der ausgepreßten
Arbeit, der Fluktuationen der Marktpreise, abhängend von den
Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr und übereinstimmend mit
den verschiednen Phasen des industriellen Zyklus - kurz, als
Abwehraktion der
#147# Lohn, Preis und Profit
-----
Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals. Indem ihr das
Ringen um eine Lohnsteigerung unabhängig von allen diesen Umstän-
den nehmt, indem ihr nur auf die Lohnänderungen achtet und alle
ändern Veränderungen, aus denen sie hervorgehn, außer acht laßt,
geht ihr von einer falschen Voraussetzung aus, um zu falschen
Schlußfolgerungen zu kommen.
14. Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit und seine Resultate
1. Nachdem wir gezeigt, daß der periodische Widerstand der Arbei-
ter gegen eine Lohnherabsetzung und ihre periodisch sich wieder-
holenden Versuche, eine Lohnsteigerung durchzusetzen, untrennbar
sind vom Lohnsystem und eine gebieterische Folge eben der Tatsa-
che sind, daß die Arbeit in die Kategorie der Waren versetzt und
daher den Gesetzen unterworfen ist, die die allgemeine Bewegung
der Preise regulieren; nachdem wir ferner gezeigt, daß eine all-
gemeine Lohnsteigerung ein Fallen der allgemeinen Profitrate zur
Folge haben, nicht aber die Durchschnittspreise der Waren oder
ihre Werte beeinflussen würde, erhebt sich nun schließlich die
Frage, inwiefern in diesem unaufhörlichen Ringen zwischen Kapital
und Arbeit letztere Aussicht auf Erfolg hat.
Ich könnte mit einer Verallgemeinerung antworten und sagen, daß
wie bei allen ändern Waren so auch bei der Arbeit ihr
M a r k t p r e i s sich auf die Dauer, ihrem W e r t anpassen
wird; daß daher der Arbeiter, was er auch tun möge, trotz aller
Auf- und Abbewegungen, im Durchschnitt nur den Wert seiner Arbeit
erhielte, der sich in den Wert seiner Arbeitskraft auflöst, be-
stimmt durch den Wert der zu ihrer Erhaltung und Reproduktion
erheischten Lebensmittel, deren Wert in letzter Instanz reguliert
wird durch das zu ihrer Produktion erforderliche Arbeitsquantum.
Allein es gibt gewisse eigentümliche Merkmale, die den W e r t
d e r A r b e i t s k r a f t oder den W e r t d e r A r-
b e i t vor dem Wert aller ändern Waren auszeichnen. Der Wert
der Arbeitskraft wird aus zwei Elementen gebildet - einem rein
physischen und einem historischen oder gesellschaftlichen. Seine
ä u ß e r s t e G r e n z e ist durch das p h y s i s c h e
Element bestimmt, d.h. um sich zu erhalten und zu reproduzieren,
um ihre physische Existenz auf die Dauer sicherzustellen, muß die
Arbeiterklasse die zum Leben und zur Fortpflanzung absolut
unentbehrlichen Lebensmittel erhalten. Der W e r t dieser
unentbehrlichen Lebensmittel bildet daher die äußerste Grenze des
W e r t s d e r A r b e i t. Andrerseits ist die Länge des
Arbeitstags ebenfalls durch
#148# Karl Marx
-----
äußerste, obgleich sehr elastische Schranken begrenzt. Ihre äu-
ßerste Grenze ist gegeben mit der Körperkraft des Arbeiters. Wenn
die tägliche Erschöpfung seiner Lebenskraft einen bestimmten Grad
überschreitet, kann sie nicht immer wieder aufs neue, tagaus,
tagein, angespannt werden. Indes ist, wie gesagt, diese Grenze
sehr elastisch. Eine rasche Folge schwächlicher und kurzlebiger
Generationen wird den Arbeitsmarkt ebensogut mit Zufuhr versorgen
wie eine Reihe robuster und langlebiger Generationen.
Außer durch dies rein physische Element ist der Wert der Arbeit
in jedem Land bestimmt durch einen t r a d i t i o n e l l e n
L e b e n s s t a n d a r d. Er betrifft nicht das rein physi-
sche Leben, sondern die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, ent-
springend aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die die
Menschen gestellt sind und unter denen sie aufwachsen. Der engli-
sche Lebensstandard kann auf den irischen Standard herabgedrückt
werden; der Lebensstandard eines deutschen Bauern auf den eines
livländischen. Welche bedeutende Rolle in dieser Beziehung histo-
rische Tradition und gesellschaftliche Gewohnheit spielen, könnt
ihr aus Herrn Thorntons Werk von der "Overpopulation" ersehn, wo
er nachweist, daß der Durchschnittslohn in verschiednen Ackerbau-
distrikten Englands noch heutigentags mehr oder weniger bedeu-
tende Unterschiede aufweist je nach den mehr oder minder günsti-
gen Umständen, unter denen die Distrikte aus dem Zustand der Hö-
rigkeit herausgekommen sind.
Dies historische oder gesellschaftliche Element, das in den Wert
der Arbeit eingeht, kann gestärkt oder geschwächt, ja ganz ausge-
löscht werden, so daß nichts übrigbleibt als die p h y s i-
s c h e G r e n z e. Während der Zeit des A n t i j a k o-
b i n e r k r i e g s - unternommen, wie der alte George Rose,
dieser unverbesserliche Nutznießer der Steuern und Sinekuren, zu
sagen pflegte, um die Tröstungen unsrer heiligen Religion vor den
Übergriffen der französischen Ungläubigen zu schützen - drückten
die ehrenwerten englischen Pächter, die in einer unsrer frühern
Zusammenkünfte so zart angefaßt worden sind, die Löhne der
Landarbeiter selbst unter jenes r e i n p h y s i s c h e M i-
n i m u m, ließen aber den für die physische Fortdauer des
Geschlechts notwendigen Rest vermittels der A r m e n g e s e t-
z e [110] aufbringen. Dies war eine glorreiche Manier, den
Lohnarbeiter in einen Sklaven und Shakespeares stolzen Freisassen
in einen Pauper zu verwandeln.
Vergleicht ihr die Standardlöhne oder Werte der Arbeit in ver-
schiednen Ländern und vergleicht ihr sie in verschiednen Ge-
schichtsepochen desselben Landes, so werdet ihr finden, daß der
W e r t d e r A r b e i t selber keine fixe, sondern eine va-
riable Größe ist, selbst die Werte aller ändern Waren als gleich-
bleibend unterstellt.
#149# Lohn, Preis und Profit
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Ein ähnlicher Vergleich würde zeigen, daß nicht bloß die
M a r k t r a t e n d e s P r o f i t s, sondern auch seine
D u r c h s c h n i t t s r a t e n sich ändern.
Was aber die P r o f i t e angeht, so gibt es kein Gesetz, das
ihr M i n i m u m bestimmte. Wir können nicht sagen, was die
äußerste Grenze ihrer Abnahme sei. Und warum können wir diese
Grenze nicht feststellen? Weil wir, obgleich wir das M i n i-
m u m der Arbeitslöhne feststellen können, nicht ihr M a x i-
m u m feststellen können. Wir können nur sagen, daß mit gegebnen
Grenzen des Arbeitstags das M a x i m u m d e s P r o f i t s
dem p h y s i s c h e n M i n i m u m d e s A r b e i t s-
l o h n s entspricht; und daß mit gegebnem Arbeitslohn das
M a x i m u m d e s P r o f i t s einer solchen Verlängerung
des Arbeitstags entspricht, wie sie mit den Körperkräften des
Arbeiters verträglich ist. Das Maximum des Profits ist daher
begrenzt durch das physische Minimum des Arbeitslohns und das
physische Maximum des Arbeitstags. Es ist klar, daß zwischen den
beiden Grenzen dieser M a x i m a l p r o f i t r a t e eine
unendliche Stufenleiter von Variationen möglich ist. Die Fixie-
rung ihres faktischen Grads erfolgt nur durch das unaufhörliche
Ringen zwischen Kapital und Arbeit, indem der Kapitalist ständig
danach strebt, den Arbeitslohn auf sein physisches Minimum zu
reduzieren und den Arbeitstag bis zu seinem physischen Maximum
auszudehnen, während der Arbeiter ständig in der entgegengesetz-
ten Richtung drückt.
Die Frage löst sich auf in die Frage nach dem Kräfteverhältnis
der Kämpfenden.
2. Was die B e s c h r ä n k u n g d e s A r b e i t s t a g s
angeht, in England wie in allen ändern Ländern, so ist sie nie
anders als durch l e g i s l a t i v e E i n m i s c h u n g
erfolgt. Ohne den ständigen Druck der Arbeiter von außen hätte
diese Einmischung nie stattgefunden. Jedenfalls aber war das Re-
sultat nicht durch private Vereinbarung zwischen Arbeitern und
Kapitalisten zu erreichen. Eben diese Notwendigkeit a l l g e-
m e i n e r p o l i t i s c h e r A k t i o n liefert den Be-
weis, daß in seiner rein ökonomischen Aktion das Kapital der
stärkere Teil ist.
Was die G r e n z e n d e s W e r t s d e r A r b e i t an-
geht, so hängt seine faktische Festsetzung immer von Angebot und
Nachfrage ab, ich meine die Nachfrage nach Arbeit von seilen des
Kapitals und das Angebot von Arbeit durch die Arbeiter. In Kolo-
nialländern begünstigt das Gesetz von Angebot und Nachfrage den
Arbeiter. Daher der relativ hohe Lohnstandard in den Vereinigten
Staaten. Das Kapital kann dort sein Äußerstes versuchen. Es kann
nicht verhindern, daß der Arbeitsmarkt ständig entvölkert wird
durch die ständige Verwandlung von Lohnarbeitern in unabhängige,
selbstwirtschaftende Bauern. Die Tätigkeit eines Lohnarbeiters
ist für einen sehr großen Teil des amerikanischen Volks nur eine
Probezeit, die sie sicher sind,
#150# Karl Marx
-----
über kurz oder lang durchlaufen zu haben. [111] Um diesem Stand
der Dinge in den Kolonien abzuhelfen, machte sich die väterliche
britische Regierung eine Zeitlang das zu eigen, was die moderne
Kolonisationstheorie genannt wird, die darin besteht, den Preis
des Kolomalbodens künstlich hochzuschrauben, um die allzu rasche
Verwandlung des Lohnarbeiters in den unabhängigen Bauern zu ver-
hindern.
Aber wenden wir uns nun den alten zivilisierten Ländern zu, in
denen das Kapital den ganzen Produktionsprozeß beherrscht. Nehmt
z.B. das Steigen der Landarbeiterlöhne in England von 1849 bis
1859. Was war seine Folge? Weder konnten die Pächter, wie unser
Freund Weston ihnen geraten haben würde, den Wert des Weizens
noch auch nur seine Marktpreise erhöhn. Sie hatten sich vielmehr
mit ihrem Fallen abzufinden. Aber während dieser 11 Jahre führten
sie allerlei Maschinerie ein, wandten wissenschaftlichere Metho-
den an, verwandelten einen Teil des Ackerlandes in Viehweide, er-
weiterten den Umfang der Pachtungen und damit die Stufenleiter
der Produktion, und da sie durch diese und andre Prozeduren die
Nachfrage nach Arbeit verringerten, indem sie deren Produktiv-
kraft steigerten, machten sie die ländliche Bevölkerung wieder
relativ überflüssig. Das ist in altbesiedelten Ländern allgemein
die Methode, wie eine raschere oder langsamere Reaktion des Kapi-
tals auf eine Lohnsteigerung vor sich geht. Ricardo hat richtig
bemerkt, daß die Maschinerie ständig mit der Arbeit konkurriert
und oft nur eingeführt werden kann, wenn der Preis der Arbeit
eine bestimmte Höhe erreicht hat, doch ist die Anwendung von Ma-
schinerie bloß eine der vielen Methoden, die Produktivkraft der
Arbeit zu steigern. Genau dieselbe Entwicklung, die die unge-
lernte Arbeit relativ überflüssig macht, vereinfacht andrerseits
die gelernte Arbeit und entwertet sie.
Das gleiche Gesetz findet sich noch in andrer Form. Mit der Ent-
wicklung der Produktivkraft der Arbeit wird die Akkumulation des
Kapitals beschleunigt, selbst trotz einer relativ hohen Lohnrate.
Hieraus könnte man schließen, wie A. Smith, zu dessen Zeit die
moderne Industrie noch in den Kinderschuhen steckte, wirklich
schloß, daß diese beschleunigte Akkumulation des Kapitals die
Waagschale zugunsten des Arbeiters neigen müßte, indem sie ihm
eine wachsende Nachfrage nach seiner Arbeit sichert. Von demsel-
ben Standpunkt haben viele jetzt lebende Schriftsteller sich dar-
über gewundert, daß, da das englische Kapital in den letzten
zwanzig Jahren soviel rascher als die englische Bevölkerung ge-
wachsen ist, der Arbeitslohn nicht bedeutender gestiegen sei. Al-
lein gleichzeitig mit dem Fortschritt der Akkumulation findet
e i n e f o r t s c h r e i t e n d e V e r ä n d e r u n g in
der Z u s a m m e n s e t z u n g
#151# Lohn, Preis und Profit
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d e s K a p i t a l s statt. Der Teil des Gesamtkapitals, der
aus fixem Kapital - Maschinerie, Rohstoffen, Produktionsmitteln
in allen erdenklichen Formen - besteht, nimmt stärker zu, vergli-
chen mit dem ändern Teil des Kapitals, der in Arbeitslohn oder im
Ankauf von Arbeit ausgelegt wird. Dies Gesetz ist mehr oder weni-
ger präzis festgestellt worden von Barton, Ricardo, Sismondi,
Professor Richard Jones, Professor Ramsay, Cherbuliez u.a.
Wenn das Verhältnis dieser beiden Elemente des Kapitals ursprüng-
lich 1:1 war, so wird es im Fortschritt der Industrie 5:1 usw.
werden. Wenn von einem Gesamtkapital von 600 in Instrumenten,
Rohstoffen usw. 300 und 300 in Arbeitslohn ausgelegt ist, so
braucht das Gesamtkapital nur verdoppelt zu werden, um eine Nach-
frage nach 600 Arbeitern statt nach 500 zu schaffen. Bei einem
Kapital von 600, von dem 500 in Maschinerie, Materialien usw. und
nur 100 in Arbeitslohn ausgelegt sind, muß dasselbe Kapital von
600 auf 3600 anwachsen, um eine Nachfrage nach 600 Arbeitern wie
im vorigen Fall zu schaffen. Im Fortschritt der Industrie hält
daher die Nachfrage nach Arbeit nicht Schritt mit der Akkumula-
tion des Kapitals. Sie wird zwar noch wachsen, aber in ständig
abnehmender Proportion, verglichen mit der Vergrößerung des Kapi-
tals.
Diese wenigen Andeutungen werden genügen, um zu zeigen, daß die
ganze Entwicklung der modernen Industrie die Waagschale immer
mehr zugunsten des Kapitalisten und gegen den Arbeiter neigen muß
und daß es folglich die allgemeine Tendenz der kapitalistischen
Produktion ist, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu he-
ben, sondern zu senken oder den W e r t d e r A r b e i t
mehr oder weniger bis zu seiner M i n i m a l g r e n z e zu
drücken. Da nun die Tendenz d e r D i n g e in diesem System
solcher Natur ist, besagt das etwa, daß die Arbeiterklasse auf
ihren Widerstand gegen die Gewalttaten des Kapitals verzichten
und ihre Versuche aufgeben soll, die gelegentlichen Chancen zur
vorübergehenden Besserung ihrer Lage auf die bestmögliche Weise
auszunutzen? Täte sie das, sie würde degradiert werden zu einer
unterschiedslosen Masse ruinierter armer Teufel, denen keine Er-
lösung mehr hilft. Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß ihre
Kämpfe um den Lohnstandard von dem ganzen Lohnsystem unzertrenn-
liche Begleiterscheinungen sind, daß in 99 Fällen von 100 ihre
Anstrengungen, den Arbeitslohn zu heben, bloß Anstrengungen zur
Behauptung des gegebnen Werts der Arbeit sind und daß die Notwen-
digkeit, mit dem Kapitalisten um ihren Preis zu markten, der Be-
dingung inhärent ist, sich selbst als Ware feilbieten zu müssen.
Würden sie in ihren tagtäglichen Zusammenstößen mit dem Kapital
feige nachgeben, sie würden sich selbst unweigerlich
#152# Karl Marx
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der Fähigkeit berauben, irgendeine umfassendere Bewegung ins Werk
zu setzen.
Gleichzeitig, und ganz unabhängig von der allgemeinen Fron, die
das Lohnsystem einschließt, sollte die Arbeiterklasse die endgül-
tige Wirksamkeit dieser tagtäglichen Kämpfe nicht überschätzen.
Sie sollte nicht vergessen, daß sie gegen Wirkungen kämpft, nicht
aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen; daß sie zwar die Ab-
wärtsbewegung verlangsamt, nicht aber ihre Richtung ändert; daß
sie Palliativmittel anwendet, die das Übel nicht kurieren. Sie
sollte daher nicht ausschließlich in diesem unvermeidlichen
Kleinkrieg aufgehen, der aus den nie enden wollenden Gewalttaten
des Kapitals oder aus den Marktschwankungen unaufhörlich hervor-
geht. Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all
dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit
den m a t e r i e l l e n B e d i n g u n g e n und den ge-
sellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung
der Gesellschaft notwendig sind. Statt des k o n s e r v a t i-
v e n Mottos: "Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tage-
werk!", sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung
schreiben: "Nieder mit dem Lohnsystem!"
Nach dieser sehr langen und, wie ich fürchte, ermüdenden Ausein-
andersetzung, auf die ich mich einlassen mußte, um dem zur De-
batte stehenden Gegenstand einigermaßen gerecht zu werden, möchte
ich mit dem Vorschlag schließen, folgende Beschlüsse anzunehmen:
1. Eine allgemeine Steigerung der Lohnrate würde auf ein Fallen
der allgemeinen Profitrate hinauslaufen, ohne jedoch, allgemein
gesprochen, die Warenpreise zu beeinflussen.
2. Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht
dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, son-
dern zu senken.
3. Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Wider-
stands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren
Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen
Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie
sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des
bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen,
es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als
einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h.
zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.
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