Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun? [112]
I
["The Commonwealth"] Nr. 159 vom 24. März 1866
An den Redakteur der "Commonwealth"
Sir,
wo immer die Arbeiterklasse in politischen Bewegungen selbständig
aufgetreten ist, läßt sich ihre Außenpolitik von Anfang an in den
wenigen Worten ausdrücken: W i e d e r h e r s t e l l u n g
P o l e n s. Das galt für die Chartistenbewegung, so lange sie
existierte; das galt für die französischen Arbeiter schon lange
vor 1848 wie auch im denkwürdigen Jahr 1848, als sie am 15. Mai
zur Nationalversammlung zogen mit dem Ruf: "Vive la Pologne!" -
Es lebe Polen! [113] Das galt für Deutschland, als 1848 und 1849
die Organe der Arbeiterklasse Krieg mit Rußland forderten zur
Wiederherstellung Polens. [114] Das gilt auch für heute; bis auf
eine Ausnahme - über die wir noch sprechen werden - proklamieren
die Arbeiter Europas einstimmig die Wiederherstellung Polens als
einen wesentlichen Bestandteil ihres politischen Programms, als
umfassendsten Ausdruck ihrer Außenpolitik. Auch die Bourgeoisie
hat "Sympathien" für Polen gehabt und hat sie noch; diese Sympa-
thien haben sie jedoch nicht gehindert, die Polen 1831, 1846 und
1863 im Stich zu lassen, ja, haben sie nicht einmal gehindert,
während sie mit Worten für Polen eintraten, den ärgsten Feind Po-
lens, Leuten wie Lord Palmerston, die faktisch Rußland unter-
stützten, freie Hand zu lassen. Anders die Arbeiterklasse. Sie
will Einmischung und keine Nichteinmischung; sie will Krieg mit
Rußland, solange Rußland Polen nicht in Ruhe läßt; und sie hat
das bewiesen, sooft die Polen sich gegen ihre Unterdrücker erho-
ben. Erst kürzlich hat die Internationale Arbeiterassoziation
diesem allumfassenden instinktiven Gefühl der Klasse, als deren
Repräsentant sie auftritt, noch stärkeren Ausdruck verliehen, in-
dem sie auf ihr
#154# Friedrich Engels
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Banner schrieb: - Widerstand gegen russische Übergriffe in Europa
- Wiederherstellung Polens!" [115]
Dieses Programm der Außenpolitik der Arbeiter West- und Mitteleu-
ropas hat die einmütige Zustimmung der Klasse gefunden, an die es
gerichtet war, bis auf eine Ausnahme, wie wir schon sagten. Unter
den Arbeitern Frankreichs gibt es eine kleine Minderheit von An-
hängern der Schule des seligen P.-J. Proudhon. Diese Schule un-
terscheidet sich in toto von der Mehrzahl der fortgeschrittenen
und denkenden Arbeiter, sie erklärt diese für unwissende Narren
und vertritt in den meisten Fragen Meinungen, die den ihrigen
völlig entgegengesetzt sind. Das bestätigt sich auch in ihrer Au-
ßenpolitik. Die Proudhonisten, die über das unterdrückte Polen zu
Gericht sitzen, fällen dasselbe Urteil über dieses Land wie die
Stalybridge-Jury: "Geschieht ihm recht." Sie bewundern Rußland
als das große Land der Zukunft, als die fortschrittlichste Nation
auf Erden, neben dem ein so armseliges Land wie die Vereinigten
Staaten nicht wert ist, genannt zu werden. Sie haben den Rat der
Internationalen Arbeiterassoziation beschuldigt, er wende das bo-
napartistische Nationalitätsprinzip an und erkläre das großmütige
russische Volk für außerhalb der Grenzen des zivilisierten Euro-
pas stehend; das sei eine schwere Sünde gegen die Prinzipien der
allgemeinen Demokratie und der Brüderlichkeit aller Nationen. So
sehen ihre Anschuldigungen aus. [116] Wenn man von ihrer demokra-
tischen Phraseologie absieht, wird sofort offenbar, daß sie in
Wort und Schrift wiederholen, was die extremen Tories aller Län-
der über Polen und Rußland zu sagen haben. Derartige Anschuldi-
gungen verdienten keine Widerlegung; da sie aber von einem Teil
der Arbeiterklasse stammen, mag dieser auch noch so klein sein,
halten wir es für angebracht, noch einmal die russisch-polnische
Frage zu untersuchen und das zu begründen, was hinfort als die
Außenpolitik der vereinigten Arbeiter Europas bezeichnet werden
kann.
Doch warum nennen wir, wenn von Polen die Rede ist, Rußland immer
allein? Haben nicht zwei deutsche Mächte, Österreich und Preußen,
an dem Raub teilgenommen? Halten sie nicht gleichfalls Teile von
Polen in Knechtschaft, und trachten sie nicht im Bunde mit Ruß-
land danach, jede nationale polnische Bewegung zu unterdrücken?
Es ist nachgerade bekannt, wie sehr sich Österreich gewunden hat,
um sich aus dem polnischen Geschäft herauszuhalten, und wie lange
es sich den Teilungsplänen Rußlands und Preußens widersetzte. Po-
len war ein natürlicher Verbündeter Österreichs gegen Rußland.
Als Rußland dann zu einer furchtbaren Macht wurde, konnte nichts
mehr im Interesse Österreichs liegen, als Polen zwischen sich und
dem aufstrebenden Kaiserreich
#155# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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am Leben zu erhalten. Erst als Österreich sah, daß Polens Schick-
sal besiegelt war, daß die anderen beiden Mächte, mit oder ohne
Österreich, entschlossen waren, es zu vernichten, erst dann
schloß Österreich sich ihnen aus Gründen der Selbsterhaltung an,
um bei der Aufteilung des Territoriums nicht leer auszugehen.
Doch schon 1815 trat es für die Wiederherstellung eines unabhän-
gigen Polen ein; 1831 und 1863 war es bereit, für dieses Ziel in
den Krieg zu ziehen und auf seinen Anteil an Polen zu verzichten,
vorausgesetzt, daß England und Frankreich sich dazu verstünden,
Österreich zu unterstützen. Während des Krimkriegs war es nicht
anders. Dies alles soll nicht die allgemeine Politik der öster-
reichischen Regierung rechtfertigen. Österreich hat oft genug be-
wiesen, daß die Unterdrückung einer schwächeren Nation zu den Ge-
wohnheiten seiner Herrscher zählt. Doch im Falle Polens war der
Selbsterhaltungstrieb stärker als die Gier nach neuen Gebieten
oder die Gewohnheiten der Regierung. Deshalb scheidet Österreich
zunächst aus unseren Betrachtungen aus.
Was Preußen anbelangt, so ist sein Anteil an Polen zu geringfü-
gig, um ins Gewicht zu fallen. Sein Freund und Verbündeter Ruß-
land hat es fertiggebracht, Preußen um neun Zehntel dessen zu er-
leichtern, was es bei den drei Teilungen erhalten hatte. Das we-
nige aber, was ihm geblieben ist, lastet auf ihm wie ein Alp-
druck. Es hat Preußen vor den Triumphwagen Rußlands gespannt; es
hat seine Regierung in den Stand gesetzt, selbst 1863 und 1864
unangefochten Gesetzesverletzungen, Verstöße gegen die persönli-
che Freiheit, das Versammlungsrecht und die Preßfreiheit in Preu-
ßisch-Polen zu praktizieren und bald darauf auch im ganzen übri-
gen Lande; es hat die ganze liberale Bewegung der Bourgeoisie
entstellt, die aus Furcht, ein paar Quadratmeilen Land an der
Ostgrenze zu riskieren, der Regierung erlaubte, die Polen außer-
halb des Gesetzes zu stellen. Vor allen anderen Arbeitern haben
die Arbeiter nicht nur Preußens, sondern ganz Deutschlands ein
besonderes Interesse an der Wiederherstellung Polens, und sie ha-
ben in jeder revolutionären Bewegung bewiesen, daß sie sich des-
sen bewußt sind. Wiederherstellung Polens heißt für sie Befreiung
ihres eigenen Landes von russischer Knechtschaft. Und deshalb,
meinen wir, scheidet auch Preußen aus unseren Betrachtungen aus.
Wenn die Arbeiterklasse Rußlands (vorausgesetzt, daß es in diesem
Lande etwas derartiges in dem Sinne gibt, was man in Westeuropa
darunter versteht) ein politisches Programm aufstellen wird und
dieses Programm die Befreiung Polens enthält - dann, aber erst
dann, wird auch Rußland als Nation aus unseren Betrachtungen aus-
scheiden, und allein die zaristische Regierung wird weiter unter
Anklage stehen.
#156# Friedrich Engels
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II
["The Commonwealth" Nr. 160 vom 31. März 1866]
An den Redakteur der "Commonwealth"
Sir,
es wird behauptet, die Unabhängigkeit Polens zu fordern bedeute,
das "Nationalitätsprinzip" anzuerkennen, und das Nationalitäts-
prinzip sei eine bonapartistische Erfindung, die ausgeheckt
wurde, um den napoleonischen Despotismus in Frankreich zu stüt-
zen. Was ist nun dieses "Nationalitätsprinzip"?
Durch die Verträge von 1815 wurden die Grenzen der verschiedenen
europäischen Staaten allein nach dem Belieben der Diplomatie ge-
zogen und hauptsächlich nach dem Beheben der damals stärksten
Kontinentalmacht - Rußlands. Man trug weder den Wünschen und In-
teressen noch den nationalen Unterschieden der Bevölkerung Rech-
nung. Auf diese Weise wurde Polen geteilt, Deutschland geteilt,
Italien geteilt, ganz zu schweigen von den vielen kleineren Na-
tionalitäten, die Südosteuropa bewohnen und von denen zu jener
Zeit nur wenige etwas wußten. Infolgedessen war für Polen,
Deutschland und Italien der allererste Schritt jeder politischen
Bewegung das Streben nach Wiederherstellung der nationalen Ein-
heit, ohne die nationales Leben nur ein Schatten war. Und als
nach der Niederschlagung der revolutionären Versuche in Italien
und Spanien 1821-1823 und wiederum nach der Julirevolution von
1830 in Frankreich die radikalen Politiker des größeren Teils des
zivilisierten Europas miteinander in Verbindung traten und ver-
suchten, eine Art gemeinsames Programm auszuarbeiten, wurde die
Befreiung und Einigung der unterdrückten und zerrissenen Nationen
ihre gemeinsame Losung. [117] So war es auch 1848, als die Zahl
der unterdrückten Nationen um eine Nation vermehrt wurde, nämlich
Ungarn. Es konnte wirklich nicht zwei Meinungen geben über das
Recht jeder der großen nationalen Gebilde Europas, in allen inne-
ren Angelegenheiten, unabhängig von ihren Nachbarn, selbst zu be-
stimmen, solange dies nicht die Freiheit der ändern beeinträch-
tigte. Dieses Recht war in der Tat eine der grundlegenden Bedin-
gungen der inneren Freiheit für alle. Wie könnte z.B. Deutschland
nach Freiheit und Einheit streben, wenn es zur selben Zeit Öster-
reich beistünde, Italien entweder direkt oder durch seine Vasal-
len in Knechtschaft zu halten? Ist doch die völlige Zerschlagung
der österreichischen Monarchie die erste Bedingung der Einigung
Deutschlands!
#157# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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Dieses Recht der großen nationalen Gebilde Europas auf politische
Unabhängigkeit, anerkannt von der europäischen Demokratie, mußte
natürlich die gleiche Anerkennung insbesondere von seilen der Ar-
beiterklasse finden. Das bedeutete in der Tat nichts anderes als
die Anerkennung des gleichen Rechts auf eigene nationale Existenz
für andere große, zweifellos lebensfähige Nationen, das die Ar-
beiter jedes einzelnen Landes für sich beanspruchten. Doch diese
Anerkennung und die Sympathie mit den nationalen Bestrebungen be-
schränkten sich auf die großen und genau definierten historischen
Nationen Europas; das waren Italien, Polen, Deutschland und Un-
garn. Frankreich, Spanien, England, Skandinavien, die weder ge-
teilt waren noch unter ausländischer Kontrolle standen, waren nur
indirekt an der Sache interessiert; und was Rußland betrifft, so
kann man seiner nur Erwähnung tun als dem Besitzer einer ungeheu-
ren Menge gestohlenen Eigentums, das es am Tag der Abrechnung
wieder herausrücken muß.
Nach dem Coup d'état von 1851 mußte Louis-Napoleon, der Kaiser
"von Gottes Gnaden und durch den Willen des Volkes" einen demo-
kratisierten und volkstümlich klingenden Namen für seine Außenpo-
litik finden. Was konnte besser sein, als auf sein Panier das
"Nationalitätsprinzip" zu schreiben? Jede Nationalität der
Schiedsrichter ihres eigenen Schicksals; jeder abgetrennte Teil
einer Nationalität berechtigt, sich seinem großen Mutterlande an-
zuschließen - was hätte liberaler sein können? Nur beachte man -
nicht von N a t i o n e n mehr war jetzt die Rede, sondern von
N a t i o n a l i t ä t e n.
Es gibt kein Land in Europa, in dem es nicht verschiedene Natio-
nalitäten unter einer Regierung gäbe. Die Hochland-Galen und die
Waliser unterscheiden sich zweifellos der Nationalität nach von
den Engländern, doch niemandem fiele ein, diese Reste längst ver-
schwundener Völker - oder gar die keltischen Bewohner der Breta-
gne in Frankreich - als Nationen zu bezeichnen. Überdies stimmt
keine Staatsgrenze mit der natürlichen Grenze der Nationalität,
mit der Sprachgrenze, überein. Es gibt viele Menschen außerhalb
Frankreichs, deren Muttersprache Französisch ist, ebenso wie es
außerhalb Deutschlands viele Menschen deutscher Zunge gibt; und
aller Wahrscheinlichkeit nach wird das auch immer so bleiben. Es
ist ein natürliches Resultat der verworrenen und allmählichen hi-
storischen Entwicklung Europas während der letzten tausend Jahre,
daß sich fast jede größere Nation von einigen Randteilen ihres
Körpers trennen mußte, die sich vom nationalen Leben losgelöst
haben und meistenteils dem nationalen Leben eines anderen Volkes
anschlössen; und dies so gründlich, daß sie
#158# Friedrich Engels
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kein Bedürfnis haben, sich ihrem Hauptstamm wieder anzuschließen.
Die Deutschen in der Schweiz und im Elsaß verlangen nicht danach,
mit Deutschland wiedervereint zu werden, und ebensowenig wünschen
die Franzosen in Belgien und in der Schweiz, Frankreich politisch
angegliedert zu werden. Und schließlich ist es von nicht geringem
Vorteil, daß die verschiedenen Nationen, wie sie sich politisch
konstituiert haben, zumeist einige fremdländische Elemente in
sich aufgenommen haben, die Verbindungsglieder zu ihren Nachbarn
bilden und Abwechslung in die sonst zu monotone Gleichartigkeit
des nationalen Charakters bringen.
Hier sehen wir nun den Unterschied zwischen dem "Nationalitäts-
prinzip" und dem alten Grundsatz der Demokratie und der Arbeiter-
klasse über das Recht der großen europäischen N a t i o n e n
auf selbständige und unabhängige Existenz. Das "Nationalitäts-
prinzip" läßt die große Frage des Rechts auf nationale Existenz
für die historischen Völker Europas völlig unberührt; und wenn es
sie berührt, so nur, um sie zu verwirren. Das Nationalitäts-
prinzip wirft zwei Arten von Fragen auf: erstens Fragen nach den
Grenzen zwischen diesen großen historischen Völkern und zweitens
Fragen des Rechts der zahlreichen kleinen Überbleibsel jener
Völker auf unabhängige nationale Existenz, die, nachdem sie
längere oder kürzere Zeit auf dem Schauplatz der Geschichte auf-
getreten sind, schließlich als Bestandteile in diese oder jene
mächtigere Nation eingingen, welche vermöge ihrer größeren
Lebenskraft imstande war, größere Hindernisse zu überwinden. Die
europäische Bedeutung eines Volkes, seine Lebenskraft bedeuten
nichts vom Standpunkt des Nationalitätsprinzips; für dieses Prin-
zip bedeuten die Rumänen in der Walachei, die niemals eine
Geschichte hatten noch die hierzu erforderliche Energie, ebenso-
viel wie die Italiener mit ihrer zweitausendjährigen Geschichte
und ungeschwächten nationalen Lebenskraft; die Waliser und die
Bewohner der Insel Man hätten, wenn sie es wünschten, das gleiche
Recht auf unabhängige politische Existenz wie die Engländer, so
absurd das auch erscheinen mag. [118] Das Ganze ist eine
Absurdität, in ein volkstümliches Gewand gekleidet, um einfälti-
gen Leuten Sand in die Augen zu streuen, die man als bequeme
Phrase benutzen oder beiseite werfen kann, wenn dies die Umstände
erfordern.
So einfältig diese Erfindung ist, bedurfte es doch eines klügeren
Kopfes als den Louis-Napoleons, um sie zu ersinnen. Das Nationa-
litätsprinzip ist nicht etwa eine bonapartistische Erfindung zur
Wiedergeburt Polens, sondern lediglich e i n e r u s s i-
s c h e E r f i n d u n g, d i e a u s g e h e c k t w u r-
d e, u m P o l e n z u v e r n i c h t e n. Rußland hat den
größeren Teil des alten Polens unter dem Vorwand des Nationali-
tätsprinzips verschluckt, wie wir noch sehen werden. Schon
#159# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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über hundert Jahre existiert diese Idee, deren sich Rußland jetzt
ständig bedient. Was anderes ist Panslawismus als die Anwendung
des Nationalitätsprinzips durch Rußland m russischem Interesse
auf die serbischen, kroatischen, ruthenischen [119], slowaki-
schen, tschechischen und anderen Überreste früherer Völker in der
Türkei, in Ungarn und Deutschland? Selbst im gegenwärtigen Augen-
blick läßt die russische Regierung Agenten unter den Lappen im
nördlichen Norwegen und in Schweden umherreisen, um unter diesen
nomadisierenden Wilden den Gedanken einer "großen finnischen Na-
tionalität" zu propagieren, die im äußersten Norden Europas,
selbstverständlich unter russischem Protektorat, wiederherge-
stellt werden soll. Der "Verzweiflungsschrei" der unterdrückten
Lappländer ertönt sehr laut in den russischen Zeitungen, doch
nicht diese unterdrückten Nomaden stoßen ihn aus, sondern die
russischen Agenten. Es ist wahrlich eine fürchterliche Unterdrüc-
kung, diese armen Lappländer zu zwingen, die zivilisierte norwe-
gische oder schwedische Sprache zu erlernen, statt sie auf ihre
eigene barbarische Halbeskimo-Mundart zu beschränken! Das Natio-
nalitätsprinzip konnte in der Tat nur in Osteuropa erfunden wer-
den, über das sich tausend Jahre hindurch wieder und wieder die
Flut der asiatischen Invasion ergoß, die am Ufer jene Häuflein
vermengter Trümmer von Nationen zurückließ, die selbst heute noch
der Ethnologe kaum entwirren kann, und wo der Türke, der finni-
sche Magyar, der Rumäne, der Jude und etwa ein Dutzend slawischer
Stämme in grenzenlosem Durcheinander vermengt sind. Das war der
Boden, auf dem man das Nationalitätsprinzip entwickeln konnte,
und wie es Rußland entwickelt hat, werden wir bald am Beispiel
Polens sehen.
III
["The Commonwealth" Nr. 165 vom 5. Mai 1866]
Die Anwendung der Nationalitätsdoktrin auf Polen
Polen wird, wie fast alle europäischen Länder, von Menschen ver-
schiedener Nationalitäten bewohnt. Die Masse der Bevölkerung, ih-
ren Kern, bilden zweifellos die eigentlichen Polen, die polnisch
sprechen. Doch seit 1390 schon war das eigentliche Polen mit dem
Großherzogtum Litauen vereinigt [120], das bis zur letzten
Teilung von 1794 einen integrierenden Teil der Polnischen Repu-
blik bildete. Dieses Großherzogtum Litauen war von den verschie-
densten Stämmen bewohnt. Die nördlichen baltischen Provinzen
#160# Friedrich Engels
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an der Ostsee waren im Besitz der eigentlichen L i t a u e r,
eines Volkes, das eine andere Sprache als seine slawischen Nach-
barn sprach. Diese Litauer waren zu einem großen Teil von deut-
schen Einwanderern unterworfen worden, die sich wiederum nur mit
Mühe gegen die litauischen Großherzöge verteidigten. Weiter süd-
lich und östlich des jetzigen Königreichs Polen saßen die
W e i ß r u s s e n, die eine Sprache sprechen, die ein Mittel-
ding zwischen Polnisch und Russisch ist, dabei aber dem letzteren
näher steht; und die südlichen Provinzen schließlich waren von
den sogenannten K l e i n r u s s e n bewohnt, von deren Spra-
che die meisten Autoritäten heute sagen, daß sie sich völlig vom
Großrussischen unterscheide (der Sprache, die wir gewöhnlich Rus-
sisch nennen). Leute, die da sagen, die Wiederherstellung Polens
fordern heiße, sich auf das Nationalitätsprinzip berufen, bewei-
sen daher nur, daß sie nicht wissen, was sie reden, denn die Wie-
derherstellung Polens bedeutet die Wiedererrichtung eines aus we-
nigstens vier verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzten
Staates.
Doch was war mit Rußland, als durch die Union mit Litauen der
alte polnische Staat gebildet wurde? Es wand sich unter dem Joch
des mongolischen Eroberers, den 150 Jahre zuvor die Polen und
Deutschen vereint nach Osten hinter den Dnepr zurückgejagt hat-
ten. Ein langer Kampf war nötig, bis die Großfürsten von Moskau
das mongolische Joch endlich abgeschüttelt hatten und darangin-
gen, die vielen verschiedenen Fürstentümer Großrußlands in einem
Staat zu vereinigen. Aber dieser Erfolg scheint ihren Ehrgeiz nur
angestachelt zu haben. Konstantinopel war kaum an die Türken ge-
fallen, als der Großfürst von Moskau den doppelköpfigen Adler der
byzantinischen Kaiser in sein Wappenschild einsetzte und damit
seine Ansprüche als deren Nachfolger und künftiger Rächer geltend
machte. Seitdem haben die Russen bekanntlich das Ziel verfolgt,
Zargrad, die Stadt des Zaren, wie sie Konstantinopel in ihrer
Sprache nennen, zu erobern. Dann reizten die reichen Ebenen
Kleinrußlands ihre Annexionslust; aber die Polen waren schon im-
mer ein tapferes und damals auch starkes Volk, das sich nicht nur
zu behaupten verstand, sondern auch Vergeltung zu üben wußte: An-
fang des siebzehnten Jahrhunderts hielten sie sogar Moskau einige
Jahre lang besetzt [121].
Die allmähliche Demoralisierung der herrschenden Aristokratie,
der Mangel an Kraft, eine Bourgeoisie zu entwickeln, und die
ständigen, das Land verwüstenden Kriege, brachen schließlich Po-
lens Macht. Ein Land, das beharrlich an der feudalen Gesell-
schaftsordnung festhielt, während alle seine Nachbarn vorwärts-
schritten, eine Bourgeoisie bildeten, Handel und Industrie ent-
wickelten und große Städte schufen - ein solches Land
#161# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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war zum Untergang verurteilt. Die Aristokratie führte Polen wahr-
lich in den Untergang, in den völligen Untergang; und nachdem die
Aristokraten dies getan hatten, hüben sie an, dies einander vor-
zuwerfen und sich und ihr Land an die Ausländer zu verkaufen. Die
polnische Geschichte von 1700-1772 ist nichts als eine Chronik
russischer Usurpation der Herrschaft in Polen, die durch die Be-
stechlichkeit des Adels ermöglicht wurde. Russische Soldaten
hielten das Land fast ständig besetzt, und die polnischen Könige
gerieten, wollten sie selbst auch keine Verräter sein, mehr und
mehr in die Gewalt des russischen Botschafters. Dieses Spiel ver-
lief so erfolgreich und wurde so lange fortgesetzt, daß nicht ein
einziger Protest in Europa laut wurde, als Polen schließlich ver-
nichtet war, und sich nur alles darob verwunderte, wie Rußland so
edelmütig sein konnte, Österreich und Preußen einen derart großen
Teil des Gebietes abzutreten.
Besonders interessant ist die Art und Weise, wie diese Teilung
vorgenommen wurde. Es gab zu jener Zeit bereits eine aufgeklärte
"öffentliche Meinung" in Europa. Wenn auch noch nicht die "Times"
[122] mit der Fabrikation dieses Artikels begonnen hatte, so gab
es doch jene Art der öffentlichen Meinung, die sich unter dem
gewaltigen Einfluß von Diderot, Voltaire, Rousseau und den
anderen französischen Schriftstellern des achtzehnten Jahrhun-
derts gebildet hatte. Rußland wußte stets, wie wichtig es ist,
die öffentliche Meinung möglichst auf seiner Seite zu haben, und
es verfehlte nicht, sich diese dienstbar zu machen. Der Hof Ka-
tharinas II. wurde zum Stabsquartier der aufgeklärten Männer je-
ner Tage, besonders der Franzosen; die Kaiserin und ihr Hof be-
kannten sich zu den höchsten Prinzipien der Aufklärung, und es
gelang ihr, die öffentliche Meinung so trefflich zu täuschen, daß
Voltaire und viele andere das Lob der "Semiramis des Nordens"
sangen und Rußland als das fortgeschrittenste Land der Welt prie-
sen, als die Heimat liberaler Prinzipien, den Verfechter religiö-
ser Toleranz.
Religiöse Toleranz - hier war das fehlende Wort, womit man Polen
den Garaus machen konnte. Polen ist in religiösen Dingen stets
äußerst liberal gewesen; davon zeugt, daß die Juden dort Asyl
fanden, als sie in allen anderen Teilen Europas verfolgt wurden.
Der größte Teil der Bevölkerung in den östlichen Provinzen ge-
hörte dem griechisch-orthodoxen Glauben an, während die eigentli-
chen Polen römisch-katholisch waren. Ein erheblicher Teil dieser
Griechisch-Orthodoxen war im sechzehnten Jahrhundert gezwungen
worden, das Supremat des Papstes anzuerkennen; man nannte sie
unierte Griechen; doch viele von ihnen hielten in jeder Beziehung
an ihrem alten griechisch-orthodoxen Glauben fest. In der Haupt-
sache waren
#162# Friedrich Engels
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das die Leibeigenen, während ihre adligen Herren fast alle rö-
misch-katholisch waren; der Nationalität nach waren die Leibeige-
nen Kleinrussen. Diese russische Regierung nun, die zu Hause
keine andere Religion als die griechisch-orthodoxe duldete und
Abtrünnigkeit als Verbrechen bestrafte; die fremde Nationen ero-
berte und links und rechts fremde Provinzen annektierte; die zu
jener Zeit dabei war, die Ketten des russischen Leibeigenen noch
fester anzuziehen ·- diese selbe russische Regierung fiel bald im
Namen der religiösen Toleranz über Polen her, weil angeblich Po-
len die Griechisch-Orthodoxen unterdrückte; im Namen des Nationa-
litätsprinzips, weil die Bewohner dieser östlichen Provinzen
K l e i n russen waren und daher G r o ß rußland einverleibt
werden mußten; und im Namen des Rechts der Revolution, indem sie
die Leibeigenen gegen ihre Herren bewaffnete. Rußland kennt keine
Skrupel bei der Wahl seiner Mittel. Man sagt, daß der Krieg
Klasse gegen Klasse etwas äußerst revolutionäres sei; Rußland
brach in Polen einen solchen Krieg schon vor ungefähr 100 Jahren
vom Zaun, und es war ein schönes Muster von Klassenkrieg, als
russische Soldaten und kleinrussische Leibeigene gemeinsam daran-
gingen, die Schlösser der polnischen Adligen niederzubrennen, nur
um die russische Annexion vorzubereiten; sobald diese vollbracht
war, führten dieselben russischen Soldaten die Leibeigenen unter
das Joch ihrer Herren zurück.
Das alles geschah im Namen der religiösen Toleranz, weil das Na-
tionalitätsprinzip damals in Westeuropa noch nicht in Mode war.
Doch es wurde den kleinrussischen Bauern schon damals vor Augen
geführt und hat seitdem in polnischen Angelegenheiten eine bedeu-
tende Rolle gespielt. Erstes und vorrangiges Bestreben Rußlands
ist die Einigung aller russischen Stämme unter dem Zaren, der
sich selbst Herrscher aller Reußen (Samodergetz vseckh Rossyis-
kikh) nennt, wobei es auch Weiß- und Kleinrußland einbezieht. Um
zu beweisen, daß seine Bestrebungen nicht darüber hinausgehen,
achtete es sehr genau darauf, während der drei Teilungen nur
weiß-und kleinrussische Provinzen zu annektieren, und überließ
seinen Komplizen das von den Polen bewohnte Gebiet, ja sogar
einen Teil Kleinrußlands (Ostgalizien). Doch wie stehen die Dinge
jetzt? Der größte Teil der 1793 und 1794 von Österreich und Preu-
ßen annektierten Provinzen befindet sich jetzt unter russischer
Herrschaft und trägt die Bezeichnung Königreich Polen, und von
Zeit zu Zeit erwachen unter den Polen Hoffnungen, daß sie sich
nur der russischen Oberhoheit zu unterwerfen und alle Ansprüche
auf die alten litauischen Provinzen aufzugeben hätten, um eine
Wiedervereinigung aller anderen polnischen Provinzen und eine
Wiederherstellung Polens mit dem russischen Kaiser als König er-
warten
#163# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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zu können. Und sollten Preußen und Österreich unter den jetzigen
kritischen Umständen ins Handgemenge geraten, so ist es mehr als
wahrscheinlich, daß dieser Krieg in letzter Instanz nicht um die
Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen oder Venedigs durch
Italien gehen wird, sondern eher um die Annexion eines österrei-
chischen Teils, doch mindestens eines Teils von Preußisch-Polen
durch Rußland.
Soviel zum Nationalitätsprinzip in polnischen Angelegenheiten.
Friedrich Engels
Geschrieben Ende Januar bis 6. April 1866.
Aus dem Englischen.
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