Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       #153#
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       Friedrich Engels
       
       Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun? [112]
       
       I
       
       ["The Commonwealth"] Nr. 159 vom 24. März 1866
       An den Redakteur der "Commonwealth"
       Sir,
       wo immer die Arbeiterklasse in politischen Bewegungen selbständig
       aufgetreten ist, läßt sich ihre Außenpolitik von Anfang an in den
       wenigen  Worten  ausdrücken:    W i e d e r h e r s t e l l u n g
       P o l e n s.   Das galt  für die Chartistenbewegung, so lange sie
       existierte; das  galt für  die französischen Arbeiter schon lange
       vor 1848  wie auch  im denkwürdigen Jahr 1848, als sie am 15. Mai
       zur Nationalversammlung  zogen mit  dem Ruf: "Vive la Pologne!" -
       Es lebe  Polen! [113] Das galt für Deutschland, als 1848 und 1849
       die Organe  der Arbeiterklasse  Krieg mit  Rußland forderten  zur
       Wiederherstellung Polens.  [114] Das gilt auch für heute; bis auf
       eine Ausnahme  - über die wir noch sprechen werden - proklamieren
       die Arbeiter  Europas einstimmig die Wiederherstellung Polens als
       einen wesentlichen  Bestandteil ihres  politischen Programms, als
       umfassendsten Ausdruck  ihrer Außenpolitik.  Auch die Bourgeoisie
       hat "Sympathien"  für Polen gehabt und hat sie noch; diese Sympa-
       thien haben  sie jedoch nicht gehindert, die Polen 1831, 1846 und
       1863 im  Stich zu  lassen, ja,  haben sie nicht einmal gehindert,
       während sie mit Worten für Polen eintraten, den ärgsten Feind Po-
       lens, Leuten  wie Lord  Palmerston, die  faktisch Rußland  unter-
       stützten, freie  Hand zu  lassen. Anders  die Arbeiterklasse. Sie
       will Einmischung  und keine  Nichteinmischung; sie will Krieg mit
       Rußland, solange  Rußland Polen  nicht in  Ruhe läßt; und sie hat
       das bewiesen,  sooft die Polen sich gegen ihre Unterdrücker erho-
       ben. Erst  kürzlich hat  die  Internationale  Arbeiterassoziation
       diesem allumfassenden  instinktiven Gefühl  der Klasse, als deren
       Repräsentant sie auftritt, noch stärkeren Ausdruck verliehen, in-
       dem sie auf ihr
       
       #154# Friedrich Engels
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       Banner schrieb: - Widerstand gegen russische Übergriffe in Europa
       - Wiederherstellung Polens!" [115]
       Dieses Programm der Außenpolitik der Arbeiter West- und Mitteleu-
       ropas hat die einmütige Zustimmung der Klasse gefunden, an die es
       gerichtet war, bis auf eine Ausnahme, wie wir schon sagten. Unter
       den Arbeitern  Frankreichs gibt es eine kleine Minderheit von An-
       hängern der  Schule des  seligen P.-J. Proudhon. Diese Schule un-
       terscheidet sich  in toto  von der Mehrzahl der fortgeschrittenen
       und denkenden  Arbeiter, sie  erklärt diese für unwissende Narren
       und vertritt  in den  meisten Fragen  Meinungen, die  den ihrigen
       völlig entgegengesetzt sind. Das bestätigt sich auch in ihrer Au-
       ßenpolitik. Die Proudhonisten, die über das unterdrückte Polen zu
       Gericht sitzen,  fällen dasselbe  Urteil über dieses Land wie die
       Stalybridge-Jury: "Geschieht  ihm recht."  Sie bewundern  Rußland
       als das große Land der Zukunft, als die fortschrittlichste Nation
       auf Erden,  neben dem  ein so armseliges Land wie die Vereinigten
       Staaten nicht  wert ist, genannt zu werden. Sie haben den Rat der
       Internationalen Arbeiterassoziation beschuldigt, er wende das bo-
       napartistische Nationalitätsprinzip an und erkläre das großmütige
       russische Volk  für außerhalb der Grenzen des zivilisierten Euro-
       pas stehend;  das sei eine schwere Sünde gegen die Prinzipien der
       allgemeinen Demokratie  und der Brüderlichkeit aller Nationen. So
       sehen ihre Anschuldigungen aus. [116] Wenn man von ihrer demokra-
       tischen Phraseologie  absieht, wird  sofort offenbar,  daß sie in
       Wort und  Schrift wiederholen, was die extremen Tories aller Län-
       der über  Polen und  Rußland zu sagen haben. Derartige Anschuldi-
       gungen verdienten  keine Widerlegung;  da sie aber von einem Teil
       der Arbeiterklasse  stammen, mag  dieser auch noch so klein sein,
       halten wir  es für angebracht, noch einmal die russisch-polnische
       Frage zu  untersuchen und  das zu  begründen, was hinfort als die
       Außenpolitik der  vereinigten Arbeiter  Europas bezeichnet werden
       kann.
       Doch warum nennen wir, wenn von Polen die Rede ist, Rußland immer
       allein? Haben nicht zwei deutsche Mächte, Österreich und Preußen,
       an dem  Raub teilgenommen? Halten sie nicht gleichfalls Teile von
       Polen in  Knechtschaft, und  trachten sie nicht im Bunde mit Ruß-
       land danach, jede nationale polnische Bewegung zu unterdrücken?
       Es ist nachgerade bekannt, wie sehr sich Österreich gewunden hat,
       um sich aus dem polnischen Geschäft herauszuhalten, und wie lange
       es sich den Teilungsplänen Rußlands und Preußens widersetzte. Po-
       len war  ein natürlicher  Verbündeter Österreichs  gegen Rußland.
       Als Rußland  dann zu einer furchtbaren Macht wurde, konnte nichts
       mehr im Interesse Österreichs liegen, als Polen zwischen sich und
       dem aufstrebenden Kaiserreich
       
       #155# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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       am Leben zu erhalten. Erst als Österreich sah, daß Polens Schick-
       sal besiegelt  war, daß  die anderen beiden Mächte, mit oder ohne
       Österreich, entschlossen  waren,  es  zu  vernichten,  erst  dann
       schloß Österreich  sich ihnen aus Gründen der Selbsterhaltung an,
       um bei  der Aufteilung  des Territoriums  nicht leer  auszugehen.
       Doch schon  1815 trat es für die Wiederherstellung eines unabhän-
       gigen Polen  ein; 1831 und 1863 war es bereit, für dieses Ziel in
       den Krieg zu ziehen und auf seinen Anteil an Polen zu verzichten,
       vorausgesetzt, daß  England und  Frankreich sich dazu verstünden,
       Österreich zu  unterstützen. Während  des Krimkriegs war es nicht
       anders. Dies  alles soll  nicht die allgemeine Politik der öster-
       reichischen Regierung rechtfertigen. Österreich hat oft genug be-
       wiesen, daß die Unterdrückung einer schwächeren Nation zu den Ge-
       wohnheiten seiner  Herrscher zählt.  Doch im Falle Polens war der
       Selbsterhaltungstrieb stärker  als die  Gier nach  neuen Gebieten
       oder die  Gewohnheiten der Regierung. Deshalb scheidet Österreich
       zunächst aus unseren Betrachtungen aus.
       Was Preußen  anbelangt, so  ist sein Anteil an Polen zu geringfü-
       gig, um  ins Gewicht  zu fallen. Sein Freund und Verbündeter Ruß-
       land hat es fertiggebracht, Preußen um neun Zehntel dessen zu er-
       leichtern, was  es bei den drei Teilungen erhalten hatte. Das we-
       nige aber,  was ihm  geblieben ist,  lastet auf  ihm wie ein Alp-
       druck. Es  hat Preußen vor den Triumphwagen Rußlands gespannt; es
       hat seine  Regierung in  den Stand  gesetzt, selbst 1863 und 1864
       unangefochten Gesetzesverletzungen,  Verstöße gegen die persönli-
       che Freiheit, das Versammlungsrecht und die Preßfreiheit in Preu-
       ßisch-Polen zu  praktizieren und bald darauf auch im ganzen übri-
       gen Lande;  es hat  die ganze  liberale Bewegung  der Bourgeoisie
       entstellt, die  aus Furcht,  ein paar  Quadratmeilen Land  an der
       Ostgrenze zu  riskieren, der Regierung erlaubte, die Polen außer-
       halb des  Gesetzes zu  stellen. Vor allen anderen Arbeitern haben
       die Arbeiter  nicht nur  Preußens, sondern  ganz Deutschlands ein
       besonderes Interesse an der Wiederherstellung Polens, und sie ha-
       ben in  jeder revolutionären Bewegung bewiesen, daß sie sich des-
       sen bewußt sind. Wiederherstellung Polens heißt für sie Befreiung
       ihres eigenen  Landes von  russischer Knechtschaft.  Und deshalb,
       meinen wir,  scheidet auch Preußen aus unseren Betrachtungen aus.
       Wenn die Arbeiterklasse Rußlands (vorausgesetzt, daß es in diesem
       Lande etwas  derartiges in  dem Sinne gibt, was man in Westeuropa
       darunter versteht)  ein politisches  Programm aufstellen wird und
       dieses Programm  die Befreiung  Polens enthält  - dann, aber erst
       dann, wird auch Rußland als Nation aus unseren Betrachtungen aus-
       scheiden, und  allein die zaristische Regierung wird weiter unter
       Anklage stehen.
       
       #156# Friedrich Engels
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       II
       
       ["The Commonwealth" Nr. 160 vom 31. März 1866]
       An den Redakteur der "Commonwealth"
       Sir,
       es wird  behauptet, die Unabhängigkeit Polens zu fordern bedeute,
       das "Nationalitätsprinzip"  anzuerkennen, und  das Nationalitäts-
       prinzip  sei  eine  bonapartistische  Erfindung,  die  ausgeheckt
       wurde, um  den napoleonischen  Despotismus in Frankreich zu stüt-
       zen. Was ist nun dieses "Nationalitätsprinzip"?
       Durch die  Verträge von 1815 wurden die Grenzen der verschiedenen
       europäischen Staaten  allein nach dem Belieben der Diplomatie ge-
       zogen und  hauptsächlich nach  dem Beheben  der damals  stärksten
       Kontinentalmacht -  Rußlands. Man trug weder den Wünschen und In-
       teressen noch  den nationalen Unterschieden der Bevölkerung Rech-
       nung. Auf  diese Weise  wurde Polen geteilt, Deutschland geteilt,
       Italien geteilt,  ganz zu  schweigen von den vielen kleineren Na-
       tionalitäten, die  Südosteuropa bewohnen  und von  denen zu jener
       Zeit nur  wenige  etwas  wußten.  Infolgedessen  war  für  Polen,
       Deutschland und  Italien der allererste Schritt jeder politischen
       Bewegung das  Streben nach  Wiederherstellung der nationalen Ein-
       heit, ohne  die nationales  Leben nur  ein Schatten  war. Und als
       nach der  Niederschlagung der  revolutionären Versuche in Italien
       und Spanien  1821-1823 und  wiederum nach  der Julirevolution von
       1830 in Frankreich die radikalen Politiker des größeren Teils des
       zivilisierten Europas  miteinander in  Verbindung traten und ver-
       suchten, eine  Art gemeinsames  Programm auszuarbeiten, wurde die
       Befreiung und Einigung der unterdrückten und zerrissenen Nationen
       ihre gemeinsame  Losung. [117]  So war es auch 1848, als die Zahl
       der unterdrückten Nationen um eine Nation vermehrt wurde, nämlich
       Ungarn. Es  konnte wirklich  nicht zwei  Meinungen geben über das
       Recht jeder der großen nationalen Gebilde Europas, in allen inne-
       ren Angelegenheiten, unabhängig von ihren Nachbarn, selbst zu be-
       stimmen, solange  dies nicht  die Freiheit der ändern beeinträch-
       tigte. Dieses  Recht war in der Tat eine der grundlegenden Bedin-
       gungen der inneren Freiheit für alle. Wie könnte z.B. Deutschland
       nach Freiheit und Einheit streben, wenn es zur selben Zeit Öster-
       reich beistünde,  Italien entweder direkt oder durch seine Vasal-
       len in  Knechtschaft zu halten? Ist doch die völlige Zerschlagung
       der österreichischen  Monarchie die  erste Bedingung der Einigung
       Deutschlands!
       
       #157# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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       Dieses Recht der großen nationalen Gebilde Europas auf politische
       Unabhängigkeit, anerkannt  von der europäischen Demokratie, mußte
       natürlich die gleiche Anerkennung insbesondere von seilen der Ar-
       beiterklasse finden.  Das bedeutete in der Tat nichts anderes als
       die Anerkennung des gleichen Rechts auf eigene nationale Existenz
       für andere  große, zweifellos  lebensfähige Nationen, das die Ar-
       beiter jedes  einzelnen Landes für sich beanspruchten. Doch diese
       Anerkennung und die Sympathie mit den nationalen Bestrebungen be-
       schränkten sich auf die großen und genau definierten historischen
       Nationen Europas;  das waren  Italien, Polen, Deutschland und Un-
       garn. Frankreich,  Spanien, England,  Skandinavien, die weder ge-
       teilt waren noch unter ausländischer Kontrolle standen, waren nur
       indirekt an  der Sache interessiert; und was Rußland betrifft, so
       kann man seiner nur Erwähnung tun als dem Besitzer einer ungeheu-
       ren Menge  gestohlenen Eigentums,  das es  am Tag  der Abrechnung
       wieder herausrücken muß.
       Nach dem  Coup d'état  von 1851  mußte Louis-Napoleon, der Kaiser
       "von Gottes  Gnaden und  durch den Willen des Volkes" einen demo-
       kratisierten und volkstümlich klingenden Namen für seine Außenpo-
       litik finden.  Was konnte  besser sein,  als auf  sein Panier das
       "Nationalitätsprinzip"  zu   schreiben?  Jede   Nationalität  der
       Schiedsrichter ihres  eigenen Schicksals;  jeder abgetrennte Teil
       einer Nationalität berechtigt, sich seinem großen Mutterlande an-
       zuschließen -  was hätte liberaler sein können? Nur beachte man -
       nicht von   N a t i o n e n  mehr war jetzt die Rede, sondern von
       N a t i o n a l i t ä t e n.
       Es gibt  kein Land in Europa, in dem es nicht verschiedene Natio-
       nalitäten unter  einer Regierung gäbe. Die Hochland-Galen und die
       Waliser unterscheiden  sich zweifellos  der Nationalität nach von
       den Engländern, doch niemandem fiele ein, diese Reste längst ver-
       schwundener Völker  - oder gar die keltischen Bewohner der Breta-
       gne in  Frankreich -  als Nationen zu bezeichnen. Überdies stimmt
       keine Staatsgrenze  mit der  natürlichen Grenze der Nationalität,
       mit der  Sprachgrenze, überein.  Es gibt viele Menschen außerhalb
       Frankreichs, deren  Muttersprache Französisch  ist, ebenso wie es
       außerhalb Deutschlands  viele Menschen  deutscher Zunge gibt; und
       aller Wahrscheinlichkeit  nach wird das auch immer so bleiben. Es
       ist ein natürliches Resultat der verworrenen und allmählichen hi-
       storischen Entwicklung Europas während der letzten tausend Jahre,
       daß sich  fast jede  größere Nation  von einigen Randteilen ihres
       Körpers trennen  mußte, die  sich vom  nationalen Leben losgelöst
       haben und  meistenteils dem nationalen Leben eines anderen Volkes
       anschlössen; und dies so gründlich, daß sie
       
       #158# Friedrich Engels
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       kein Bedürfnis haben, sich ihrem Hauptstamm wieder anzuschließen.
       Die Deutschen in der Schweiz und im Elsaß verlangen nicht danach,
       mit Deutschland wiedervereint zu werden, und ebensowenig wünschen
       die Franzosen in Belgien und in der Schweiz, Frankreich politisch
       angegliedert zu werden. Und schließlich ist es von nicht geringem
       Vorteil, daß  die verschiedenen  Nationen, wie sie sich politisch
       konstituiert haben,  zumeist einige  fremdländische  Elemente  in
       sich aufgenommen  haben, die Verbindungsglieder zu ihren Nachbarn
       bilden und  Abwechslung in  die sonst zu monotone Gleichartigkeit
       des nationalen Charakters bringen.
       Hier sehen  wir nun  den Unterschied zwischen dem "Nationalitäts-
       prinzip" und dem alten Grundsatz der Demokratie und der Arbeiter-
       klasse über  das Recht  der großen  europäischen  N a t i o n e n
       auf selbständige  und unabhängige  Existenz. Das  "Nationalitäts-
       prinzip" läßt  die große  Frage des Rechts auf nationale Existenz
       für die historischen Völker Europas völlig unberührt; und wenn es
       sie berührt,  so nur,  um sie  zu verwirren.  Das  Nationalitäts-
       prinzip wirft  zwei Arten von Fragen auf: erstens Fragen nach den
       Grenzen zwischen  diesen großen historischen Völkern und zweitens
       Fragen des  Rechts der  zahlreichen  kleinen  Überbleibsel  jener
       Völker auf  unabhängige  nationale  Existenz,  die,  nachdem  sie
       längere oder  kürzere Zeit auf dem Schauplatz der Geschichte auf-
       getreten sind,  schließlich als  Bestandteile in  diese oder jene
       mächtigere  Nation   eingingen,  welche  vermöge  ihrer  größeren
       Lebenskraft imstande  war, größere Hindernisse zu überwinden. Die
       europäische Bedeutung  eines Volkes,  seine Lebenskraft  bedeuten
       nichts vom Standpunkt des Nationalitätsprinzips; für dieses Prin-
       zip bedeuten  die Rumänen  in  der  Walachei,  die  niemals  eine
       Geschichte hatten  noch die hierzu erforderliche Energie, ebenso-
       viel wie  die Italiener  mit ihrer zweitausendjährigen Geschichte
       und ungeschwächten  nationalen Lebenskraft;  die Waliser  und die
       Bewohner der Insel Man hätten, wenn sie es wünschten, das gleiche
       Recht auf  unabhängige politische  Existenz wie die Engländer, so
       absurd  das  auch  erscheinen  mag.  [118]  Das  Ganze  ist  eine
       Absurdität, in  ein volkstümliches Gewand gekleidet, um einfälti-
       gen Leuten  Sand in  die Augen  zu streuen,  die man  als bequeme
       Phrase benutzen oder beiseite werfen kann, wenn dies die Umstände
       erfordern.
       So einfältig diese Erfindung ist, bedurfte es doch eines klügeren
       Kopfes als  den Louis-Napoleons, um sie zu ersinnen. Das Nationa-
       litätsprinzip ist  nicht etwa eine bonapartistische Erfindung zur
       Wiedergeburt Polens,  sondern  lediglich    e i n e    r u s s i-
       s c h e   E r f i n d u n g,   d i e  a u s g e h e c k t  w u r-
       d e,   u m  P o l e n  z u  v e r n i c h t e n.  Rußland hat den
       größeren Teil  des alten  Polens unter dem Vorwand des Nationali-
       tätsprinzips verschluckt, wie wir noch sehen werden. Schon
       
       #159# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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       über hundert Jahre existiert diese Idee, deren sich Rußland jetzt
       ständig bedient.  Was anderes  ist Panslawismus als die Anwendung
       des Nationalitätsprinzips  durch Rußland  m russischem  Interesse
       auf die  serbischen, kroatischen,  ruthenischen  [119],  slowaki-
       schen, tschechischen und anderen Überreste früherer Völker in der
       Türkei, in Ungarn und Deutschland? Selbst im gegenwärtigen Augen-
       blick läßt  die russische  Regierung Agenten  unter den Lappen im
       nördlichen Norwegen  und in Schweden umherreisen, um unter diesen
       nomadisierenden Wilden  den Gedanken einer "großen finnischen Na-
       tionalität" zu  propagieren, die  im  äußersten  Norden  Europas,
       selbstverständlich  unter  russischem  Protektorat,  wiederherge-
       stellt werden  soll. Der  "Verzweiflungsschrei" der unterdrückten
       Lappländer ertönt  sehr laut  in den  russischen Zeitungen,  doch
       nicht diese  unterdrückten Nomaden  stoßen ihn  aus, sondern  die
       russischen Agenten. Es ist wahrlich eine fürchterliche Unterdrüc-
       kung, diese  armen Lappländer zu zwingen, die zivilisierte norwe-
       gische oder  schwedische Sprache  zu erlernen, statt sie auf ihre
       eigene barbarische  Halbeskimo-Mundart zu beschränken! Das Natio-
       nalitätsprinzip konnte  in der Tat nur in Osteuropa erfunden wer-
       den, über  das sich  tausend Jahre hindurch wieder und wieder die
       Flut der  asiatischen Invasion  ergoß, die  am Ufer jene Häuflein
       vermengter Trümmer von Nationen zurückließ, die selbst heute noch
       der Ethnologe  kaum entwirren  kann, und wo der Türke, der finni-
       sche Magyar, der Rumäne, der Jude und etwa ein Dutzend slawischer
       Stämme in  grenzenlosem Durcheinander  vermengt sind. Das war der
       Boden, auf  dem man  das Nationalitätsprinzip  entwickeln konnte,
       und wie  es Rußland  entwickelt hat,  werden wir bald am Beispiel
       Polens sehen.
       
       III
       
       ["The Commonwealth" Nr. 165 vom 5. Mai 1866]
       Die Anwendung der Nationalitätsdoktrin auf Polen
       Polen wird,  wie fast alle europäischen Länder, von Menschen ver-
       schiedener Nationalitäten bewohnt. Die Masse der Bevölkerung, ih-
       ren Kern,  bilden zweifellos die eigentlichen Polen, die polnisch
       sprechen. Doch  seit 1390 schon war das eigentliche Polen mit dem
       Großherzogtum  Litauen  vereinigt  [120],  das  bis  zur  letzten
       Teilung von  1794 einen  integrierenden Teil der Polnischen Repu-
       blik bildete.  Dieses Großherzogtum Litauen war von den verschie-
       densten Stämmen bewohnt. Die nördlichen baltischen Provinzen
       
       #160# Friedrich Engels
       -----
       an der  Ostsee waren  im Besitz  der eigentlichen  L i t a u e r,
       eines Volkes,  das eine andere Sprache als seine slawischen Nach-
       barn sprach.  Diese Litauer  waren zu einem großen Teil von deut-
       schen Einwanderern  unterworfen worden, die sich wiederum nur mit
       Mühe gegen  die litauischen Großherzöge verteidigten. Weiter süd-
       lich  und  östlich  des  jetzigen  Königreichs  Polen  saßen  die
       W e i ß r u s s e n,   die eine Sprache sprechen, die ein Mittel-
       ding zwischen Polnisch und Russisch ist, dabei aber dem letzteren
       näher steht;  und die  südlichen Provinzen  schließlich waren von
       den sogenannten   K l e i n r u s s e n  bewohnt, von deren Spra-
       che die  meisten Autoritäten heute sagen, daß sie sich völlig vom
       Großrussischen unterscheide (der Sprache, die wir gewöhnlich Rus-
       sisch nennen).  Leute, die da sagen, die Wiederherstellung Polens
       fordern heiße,  sich auf das Nationalitätsprinzip berufen, bewei-
       sen daher nur, daß sie nicht wissen, was sie reden, denn die Wie-
       derherstellung Polens bedeutet die Wiedererrichtung eines aus we-
       nigstens  vier   verschiedenen  Nationalitäten  zusammengesetzten
       Staates.
       Doch was  war mit  Rußland, als  durch die  Union mit Litauen der
       alte polnische  Staat gebildet wurde? Es wand sich unter dem Joch
       des mongolischen  Eroberers, den  150 Jahre  zuvor die  Polen und
       Deutschen vereint  nach Osten  hinter den Dnepr zurückgejagt hat-
       ten. Ein  langer Kampf  war nötig, bis die Großfürsten von Moskau
       das mongolische  Joch endlich  abgeschüttelt hatten und darangin-
       gen, die  vielen verschiedenen Fürstentümer Großrußlands in einem
       Staat zu vereinigen. Aber dieser Erfolg scheint ihren Ehrgeiz nur
       angestachelt zu  haben. Konstantinopel war kaum an die Türken ge-
       fallen, als der Großfürst von Moskau den doppelköpfigen Adler der
       byzantinischen Kaiser  in sein  Wappenschild einsetzte  und damit
       seine Ansprüche als deren Nachfolger und künftiger Rächer geltend
       machte. Seitdem  haben die  Russen bekanntlich das Ziel verfolgt,
       Zargrad, die  Stadt des  Zaren, wie  sie Konstantinopel  in ihrer
       Sprache nennen,  zu erobern.  Dann  reizten  die  reichen  Ebenen
       Kleinrußlands ihre  Annexionslust; aber die Polen waren schon im-
       mer ein tapferes und damals auch starkes Volk, das sich nicht nur
       zu behaupten verstand, sondern auch Vergeltung zu üben wußte: An-
       fang des siebzehnten Jahrhunderts hielten sie sogar Moskau einige
       Jahre lang besetzt [121].
       Die allmähliche  Demoralisierung der  herrschenden  Aristokratie,
       der Mangel  an Kraft,  eine Bourgeoisie  zu entwickeln,  und  die
       ständigen, das  Land verwüstenden Kriege, brachen schließlich Po-
       lens Macht.  Ein Land,  das beharrlich  an der  feudalen  Gesell-
       schaftsordnung festhielt,  während alle  seine Nachbarn vorwärts-
       schritten, eine  Bourgeoisie bildeten,  Handel und Industrie ent-
       wickelten und große Städte schufen - ein solches Land
       
       #161# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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       war zum Untergang verurteilt. Die Aristokratie führte Polen wahr-
       lich in den Untergang, in den völligen Untergang; und nachdem die
       Aristokraten dies  getan hatten, hüben sie an, dies einander vor-
       zuwerfen und sich und ihr Land an die Ausländer zu verkaufen. Die
       polnische Geschichte  von 1700-1772  ist nichts  als eine Chronik
       russischer Usurpation  der Herrschaft in Polen, die durch die Be-
       stechlichkeit des  Adels  ermöglicht  wurde.  Russische  Soldaten
       hielten das  Land fast ständig besetzt, und die polnischen Könige
       gerieten, wollten  sie selbst  auch keine Verräter sein, mehr und
       mehr in die Gewalt des russischen Botschafters. Dieses Spiel ver-
       lief so erfolgreich und wurde so lange fortgesetzt, daß nicht ein
       einziger Protest in Europa laut wurde, als Polen schließlich ver-
       nichtet war, und sich nur alles darob verwunderte, wie Rußland so
       edelmütig sein konnte, Österreich und Preußen einen derart großen
       Teil des Gebietes abzutreten.
       Besonders interessant  ist die  Art und  Weise, wie diese Teilung
       vorgenommen wurde.  Es gab zu jener Zeit bereits eine aufgeklärte
       "öffentliche Meinung" in Europa. Wenn auch noch nicht die "Times"
       [122] mit  der Fabrikation dieses Artikels begonnen hatte, so gab
       es doch  jene Art  der öffentlichen  Meinung, die  sich unter dem
       gewaltigen  Einfluß  von  Diderot,  Voltaire,  Rousseau  und  den
       anderen französischen  Schriftstellern des  achtzehnten  Jahrhun-
       derts gebildet  hatte. Rußland  wußte stets,  wie wichtig es ist,
       die öffentliche  Meinung möglichst auf seiner Seite zu haben, und
       es verfehlte  nicht, sich  diese dienstbar zu machen. Der Hof Ka-
       tharinas II.  wurde zum Stabsquartier der aufgeklärten Männer je-
       ner Tage,  besonders der  Franzosen; die Kaiserin und ihr Hof be-
       kannten sich  zu den  höchsten Prinzipien  der Aufklärung, und es
       gelang ihr, die öffentliche Meinung so trefflich zu täuschen, daß
       Voltaire und  viele andere  das Lob  der "Semiramis  des Nordens"
       sangen und Rußland als das fortgeschrittenste Land der Welt prie-
       sen, als die Heimat liberaler Prinzipien, den Verfechter religiö-
       ser Toleranz.
       Religiöse Toleranz  - hier war das fehlende Wort, womit man Polen
       den Garaus  machen konnte.  Polen ist  in religiösen Dingen stets
       äußerst liberal  gewesen; davon  zeugt, daß  die Juden  dort Asyl
       fanden, als  sie in allen anderen Teilen Europas verfolgt wurden.
       Der größte  Teil der  Bevölkerung in  den östlichen Provinzen ge-
       hörte dem griechisch-orthodoxen Glauben an, während die eigentli-
       chen Polen  römisch-katholisch waren. Ein erheblicher Teil dieser
       Griechisch-Orthodoxen war  im sechzehnten  Jahrhundert  gezwungen
       worden, das  Supremat des  Papstes anzuerkennen;  man nannte  sie
       unierte Griechen; doch viele von ihnen hielten in jeder Beziehung
       an ihrem  alten griechisch-orthodoxen Glauben fest. In der Haupt-
       sache waren
       
       #162# Friedrich Engels
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       das die  Leibeigenen, während  ihre adligen  Herren fast alle rö-
       misch-katholisch waren; der Nationalität nach waren die Leibeige-
       nen Kleinrussen.  Diese russische  Regierung nun,  die  zu  Hause
       keine andere  Religion als  die griechisch-orthodoxe  duldete und
       Abtrünnigkeit als  Verbrechen bestrafte; die fremde Nationen ero-
       berte und  links und  rechts fremde Provinzen annektierte; die zu
       jener Zeit  dabei war, die Ketten des russischen Leibeigenen noch
       fester anzuziehen ·- diese selbe russische Regierung fiel bald im
       Namen der  religiösen Toleranz über Polen her, weil angeblich Po-
       len die Griechisch-Orthodoxen unterdrückte; im Namen des Nationa-
       litätsprinzips, weil  die  Bewohner  dieser  östlichen  Provinzen
       K l e i n russen   waren und  daher  G r o ß rußland  einverleibt
       werden mußten;  und im Namen des Rechts der Revolution, indem sie
       die Leibeigenen gegen ihre Herren bewaffnete. Rußland kennt keine
       Skrupel bei  der Wahl  seiner Mittel.  Man sagt,  daß  der  Krieg
       Klasse gegen  Klasse etwas  äußerst revolutionäres  sei;  Rußland
       brach in  Polen einen solchen Krieg schon vor ungefähr 100 Jahren
       vom Zaun,  und es  war ein  schönes Muster  von Klassenkrieg, als
       russische Soldaten und kleinrussische Leibeigene gemeinsam daran-
       gingen, die Schlösser der polnischen Adligen niederzubrennen, nur
       um die  russische Annexion vorzubereiten; sobald diese vollbracht
       war, führten  dieselben russischen Soldaten die Leibeigenen unter
       das Joch ihrer Herren zurück.
       Das alles  geschah im Namen der religiösen Toleranz, weil das Na-
       tionalitätsprinzip damals  in Westeuropa  noch nicht in Mode war.
       Doch es  wurde den  kleinrussischen Bauern schon damals vor Augen
       geführt und hat seitdem in polnischen Angelegenheiten eine bedeu-
       tende Rolle  gespielt. Erstes  und vorrangiges Bestreben Rußlands
       ist die  Einigung aller  russischen Stämme  unter dem  Zaren, der
       sich selbst  Herrscher aller  Reußen (Samodergetz vseckh Rossyis-
       kikh) nennt,  wobei es auch Weiß- und Kleinrußland einbezieht. Um
       zu beweisen,  daß seine  Bestrebungen nicht  darüber hinausgehen,
       achtete es  sehr genau  darauf, während  der drei  Teilungen  nur
       weiß-und kleinrussische  Provinzen zu  annektieren, und  überließ
       seinen Komplizen  das von  den Polen  bewohnte Gebiet,  ja  sogar
       einen Teil Kleinrußlands (Ostgalizien). Doch wie stehen die Dinge
       jetzt? Der größte Teil der 1793 und 1794 von Österreich und Preu-
       ßen annektierten  Provinzen befindet  sich jetzt unter russischer
       Herrschaft und  trägt die  Bezeichnung Königreich  Polen, und von
       Zeit zu  Zeit erwachen  unter den  Polen Hoffnungen, daß sie sich
       nur der  russischen Oberhoheit  zu unterwerfen und alle Ansprüche
       auf die  alten litauischen  Provinzen aufzugeben  hätten, um eine
       Wiedervereinigung aller  anderen polnischen  Provinzen  und  eine
       Wiederherstellung Polens  mit dem russischen Kaiser als König er-
       warten
       
       #163# Was hat die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?
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       zu können.  Und sollten Preußen und Österreich unter den jetzigen
       kritischen Umständen  ins Handgemenge geraten, so ist es mehr als
       wahrscheinlich, daß  dieser Krieg in letzter Instanz nicht um die
       Annexion Schleswig-Holsteins  durch Preußen  oder Venedigs  durch
       Italien gehen  wird, sondern eher um die Annexion eines österrei-
       chischen Teils,  doch mindestens  eines Teils von Preußisch-Polen
       durch Rußland.
       Soviel zum Nationalitätsprinzip in polnischen Angelegenheiten.
       Friedrich Engels
       Geschrieben Ende Januar bis 6. April 1866.
       
       Aus dem Englischen.

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