Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       #167#
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       FRIEDRICH ENGELS
       
       Betrachtungen über den Krieg in Deutschland [126]
       
       #168#
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       Geschrieben zwischen dem 19. Juni und 5. Juli 1866.
       Die Artikel erschienen in "The Manchester Guardian":
       I in Nr. 6190 vom 20. Juni 1866
       II in Nr. 6194 vom 25. Juni 1866
       III in Nr. 6197 vom 28. Juni 1866
       IV in Nr. 6201 vom 3. Juli 1866
       V in Nr. 6204 vom 6.Juli 1866
       
       Aus dem Englischen.
       
       #169#
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       I
       
       Die nachfolgenden Betrachtungen haben das Ziel, die gegenwärtigen
       Kriegsereignisse unparteilich  und vom  rein militärischen Stand-
       punkt einzuschätzen  und, soweit dies möglich, ihren vermutlichen
       Einfluß auf die weiteren Operationen zu untersuchen.
       Der Raum, in dem die ersten entscheidenden Schläge geführt werden
       müssen, ist  das Grenzgebiet  zwischen Sachsen  und  Böhmen.  Der
       Krieg in  Italien kann kaum zu entscheidenden Ergebnissen führen,
       solange das  Festungsviereck [127]  nicht genommen  ist, und  das
       dürfte eine  ziemlich langwierige  Operation werden.  Es ist mög-
       lich, daß  sich ein  nicht geringer  Teil der Kriegshandlungen in
       Westdeutschland abspielen  wird, aber  nach der  Stärke der  dort
       eingesetzten Kräfte  zu urteilen,  werden die  Ergebnisse  dieser
       Operationen im  Vergleich zu  den Ereignissen  an der  böhmischen
       Grenze nur untergeordnete Bedeutung haben. Wir werden deshalb un-
       sere Aufmerksamkeit  zunächst ausschließlich  auf  dieses  Gebiet
       richten.
       Um die  Stärke der kämpfenden Armeen zu beurteilen, genügt es für
       unsere Zwecke,  wenn wir  nur die  Infanterie in Betracht ziehen,
       wobei wir  aber berücksichtigen, daß die österreichische Kavalle-
       rie sich  zahlenmäßig zur  preußischen wie  drei zu zwei verhält.
       Das Verhältnis  der Artillerie  zur Infanterie ist bei beiden Ar-
       meen annähernd  das gleiche - es kommen etwa 3 Geschütze auf 1000
       Mann.
       Die preußische  Infanterie  besteht  aus  253  Linienbataillonen,
       83 1/2 Ersatzbataillonen  und 116  Bataillonen der  Landwehr  1*)
       (ersten Aufgebots,  das die  Männer von  27 bis 32 Jahren umfaßt)
       [42]. Die  Ersatzbataillone und  die Landwehr  bilden hierbei die
       Festungsgarnisonen und  sind außerdem  für den  Einsatz gegen die
       deutschen Kleinstaaten  vorgesehen, während  die Linientruppen in
       und um Sachsen konzentriert sind zum Kampf gegen die
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       1*) Landwehr: im  "Manchester Guardian"  hier und  auch weiterhin
       deutsch
       
       #170# Friedrich Engels
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       österreichische Nordarmee.  Nach Abzug  von etwa  15 Bataillonen,
       die Schleswig-Holstein  besetzt halten, und weiteren 15 Bataillo-
       nen, die  bisher die  Garnisonen von Rastatt, Mainz und Frankfurt
       bildeten und  jetzt bei  Wetzlar konzentriert  sind, bleiben etwa
       220 Bataillone  für die  Hauptarmee. Zusammen  mit der Kavallerie
       und Artillerie und den Teilen der Landwehr, die aus den umliegen-
       den Festungen  abgezogen werden  können, wird  diese  Armee  etwa
       300 000 Mann stark sein, die in neun Armeekorps formiert sind.
       Die österreichische Nordarmee umfaßt sieben Armeekorps, von denen
       jedes wesentlich  stärker als ein preußisches Korps ist. Wir wis-
       sen im  Augenblick sehr wenig über ihre Zusammensetzung und Orga-
       nisation, doch wir haben allen Grund anzunehmen, daß sie eine Ar-
       mee von  320 000  bis 350  000 Mann  aufstellen. Die zahlenmäßige
       Überlegenheit scheint daher den Österreichern gesichert zu sein.
       Die preußische  Armee wird  unter dem  Oberbefehl des  Königs 1*)
       stehen,  d.h.   eines   Paradesoldaten   von   bestenfalls   sehr
       mittelmäßigen Fähigkeiten  und schwachem,  aber oft halsstarrigem
       Charakter. Er wird erstens umgeben sein vom Generalstab der Armee
       unter General  Moltke, einem  ausgezeichneten Offizier;  zweitens
       von seinem  "Geheimen Mihtärkabinett",  das aus  Günstlingen  des
       Königs  besteht,   und  drittens   von  anderen   Generalen   zur
       Disposition, die  er in  seine Suite  berufen kann. Man kann kein
       besseres System erfinden, um die Niederlage einer Armee bereits m
       der Organisation  ihres Hauptquartiers zu beschließen. Hier kommt
       es von  vornherein zur  natürlichen Rivalität  zwischen Armeestab
       und königlichem  Kabinett; beide  kämpfen um  den vorherrschenden
       Einfluß und  werden ihren  eigenen Operationsplan  zusammenbrauen
       und verfechten.  Schon das  allein würde jede Einheitlichkeit des
       Ziels und  ein konsequentes Handeln nahezu unmöglich machen. Aber
       dann kommen  die endlosen Kriegsräte, die unter solchen Umständen
       unvermeidlich sind  und in  neun von  zehn Fällen mit der Annahme
       einer halben  Maßnahme enden  - dem  Schlimmsten, was es im Krieg
       geben  kann.  In  solchen  Fällen  widersprechen  gewöhnlich  die
       Befehle von  heute denen  von gestern,  und wenn  sich  die  Lage
       kompliziert oder  wenn etwas  schief zu  gehen droht,  so  werden
       überhaupt keine  Befehle gegeben,und die Dinge nehmen ihren Lauf.
       "Ordre, contre-ordre,  désordre" 2*) - pflegte Napoleon zu sagen.
       Niemand ist verantwortlich, weil der unverantwortliche König alle
       Verantwortung auf  sich nimmt, und deshalb tut niemand etwas ohne
       ausdrücklichen Befehl. Der Feldzug von 1806 wurde in
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       1*) Wilhelm I. - 2*) "Befehl, Gegenbefehl. Verwirrung"
       
       #171# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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       ähnlicher Weise  vom Vater  des jetzigen  Königs 1*) geführt; das
       Ergebnis waren  die Niederlagen  von Jena  und Auerstedt  und die
       Vernichtung der gesamten preußischen Armee innerhalb von drei Wo-
       chen [49].  Es besteht kein Grund anzunehmen, daß der jetzige Kö-
       nig mehr Courage hat als sein Vater; und wenn er in Graf Bismarck
       einen Mann  gefunden hat, dem er in politischer Hinsicht ohne Be-
       denken folgen  kann, so  gibt es in der Armee keinen Mann in ent-
       sprechend gehobener  Stellung, der  in ähnlicher  Weise die  aus-
       schließliche Führung auf militärischem Gebiet übernehmen könnte.
       Die österreichische  Armee steht  unter dem alleinigen Befehl von
       General Benedek,  einem erfahrenen  Offizier, der zumindest weiß,
       was er will. Die Überlegenheit der obersten Führung ist entschie-
       den auf Seiten der Österreicher.
       Die preußischen Truppen sind in zwei "Armeen" aufgeteilt: die er-
       ste, unter  Prinz Friedrich Karl, besteht aus dem 1., 2., 3., 4.,
       7. und  8. Korps;  die zweite, unter dem Kronprinzen 2*), besteht
       aus dem  5., und  6. Korps. Die Garde, die die allgemeine Reserve
       bildet, wird wahrscheinlich der ersten Armee angegliedert werden.
       Nun verletzt  diese Teilung  nicht allein die Einheit des Komman-
       dos, sondern  führt auch sehr oft dazu, daß die beiden Armeen auf
       zwei verschiedenen  Linien operieren, daß sie ihre Bewegungen ko-
       ordinieren müssen  und ihre  beiderseitigen  Berührungspunkte  in
       Reichweite des  Feindes legen;  mit anderen  Worten, sie hält die
       Armeen getrennt,  während diese sich soviel wie möglich zusammen-
       halten müßten. Genauso und unter sehr ähnlichen Umständen handel-
       ten die  Preußen 1806 und die Österreicher 1859 [128]; beide wur-
       den geschlagen. Was die beiden Befehlshaber anbelangt, so ist der
       Kronprinz als  Soldat eine  unbekannte Größe, und Prinz Friedrich
       Karl erwies  sich im  dänischen Krieg  [43] zweifellos  nicht als
       großer Feldherr.
       Die österreichische  Armee kennt  keine solche  Unterteilung; die
       Befehlshaber der Armeekorps unterstehen unmittelbar General Bene-
       dek. Die  Österreicher sind  daher ihren Gegnern auch im Hinblick
       auf die Organisation der Armee überlegen.
       Die preußischen Soldaten, besonders die Reservisten und die Land-
       wehrmänner, mit denen man die Lücken in den Linientruppen auffül-
       len mußte  (und solche  Lücken gibt es viele), ziehen gegen ihren
       Willen in  den Krieg;  die Österreicher dagegen haben schon lange
       einen Krieg  gegen Preußen herbeigewünscht und erwarten mit Unge-
       duld  den   Marschbefehl.  Deshalb  sind  ihre  Truppen  auch  in
       m o r a l i s c h e r  Hinsicht überlegen.
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       1*) Friedrich Wilhelm III. - 2*) Friedrich Wilhelm
       
       #172# Friedrich Engels
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       Preußen hat  seit fünfzig  Jahren keinen  großen  Krieg  geführt;
       seine Armee  ist alles in allem eine Friedensarmee mit der Pedan-
       terie und  Schablonenmäßigkeit, die  allen  Friedensarmeen  eigen
       sind. Zweifellos  ist in  der letzten  Zeit, besonders seit 1859,
       viel getan  worden, um  davon loszukommen;  doch die seit vierzig
       Jahren herrschenden  Gewohnheiten sind  nicht so leicht auszurot-
       ten, und gerade auf den wichtigsten Posten - unter den Stabsoffi-
       zieren -  gibt es  noch viele unfähige und pedantische Leute. Die
       Österreicher sind von diesem Übel durch den Krieg von 1859 gründ-
       lich kuriert  worden und haben sich ihre teuer erkaufte Erfahrung
       bestens zunutze  gemacht. Zweifellos  sind die  Österreicher  den
       Preußen auch  in den  organisatorischen Details, an militärischem
       Wissen und an Kampferfahrung überlegen.
       Abgesehen von  den Russen sind die preußischen Truppen die einzi-
       gen, deren  übliche Kampfformation die tiefe geschlossene Kolonne
       ist. Man  stelle sich die acht Kompanien eines englischen Batail-
       lons in  einer Vierteldistanz-Kolonne  vor, deren Front nicht von
       einer, sondern von zwei Kompanien gebildet wird, so daß vier Rei-
       hen zu  je zwei  Kompanien die  Kolonne bilden  - und man hat die
       "preußische Angriffskolonne". Ein besseres Ziel für gezogene Feu-
       erwaffen kann  man sich  nicht vorstellen,  und da  gezogene  Ge-
       schütze eine  Granate in  diese Kolonne  auf 2000 Yard Entfernung
       schießen können,  ist es  für eine solche Formation nahezu unmög-
       lich, den  Feind überhaupt  zu erreichen. Man lasse nur eine ein-
       zige Granate  inmitten dieser Masse explodieren und sehe dann, ob
       dieses Bataillon an dem Tage noch zu irgend etwas fähig ist.
       Die Österreicher  haben die  lose offene  Kolonne  der  Franzosen
       übernommen, die kaum noch als Kolonne bezeichnet werden kann; sie
       gleicht eher  zwei oder  drei Linien, die in einem Abstand von 20
       oder 30 Yard aufeinander folgen, und ist dem Artilleriefeuer kaum
       mehr ausgesetzt  als eine deployierte Linie. Der Vorteil der tak-
       tischen Formation ist also ebenfalls auf seiten der Österreicher.
       Allen diesen Vorteilen haben die Preußen nur zwei Dinge entgegen-
       zusetzen. Ihre  Intendantur ist  entschieden besser,  und deshalb
       werden ihre  Truppen besser verpflegt werden. Die österreichische
       Intendantur ist,  wie die gesamte österreichische Administration,
       ein einziges Nest von Korruption und Unterschlagung und kaum bes-
       ser als die russische Intendantur. Wir hören, daß sogar jetzt die
       Truppen schlecht  und unregelmäßig verpflegt werden; im Felde und
       in den  Festungen wird es noch schlimmer sein. So kann die öster-
       reichische Administration  den Festungen des Festungsvierecks ge-
       fährlicher werden als die italienische Artillerie.
       
       #173# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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       Der zweite  Vorteil der  Preußen ist  ihre überlegene Bewaffnung.
       Aber obgleich ihre gezogene Artillerie entschieden besser ist als
       die der Österreicher, wird das im offenen Felde keine große Rolle
       spielen. Die Reichweite, Flugbahn und Genauigkeit der preußischen
       und österreichischen  Gewehre werden  annähernd gleich sein, doch
       die Preußen haben Hinterlader und können ein stetiges, gutgeziel-
       tes Feuer aus ihren Reihen mindestens viermal in der Minute abge-
       ben. Die  große Überlegenheit  dieser Waffe hat sich im dänischen
       Krieg gezeigt,  und zweifellos  werden die  Österreicher das noch
       weitaus stärker  zu spüren  bekommen. Wenn sie, wie ihnen Benedek
       befohlen haben  soll, nicht  viel Zeit mit Feuern verlieren, son-
       dern sofort  zum Bajonettangriff  übergehen, werden sie ungeheure
       Verluste haben.  Im dänischen  Krieg betrugen  die  Verluste  der
       Preußen nie  mehr als  ein Viertel,  manchmal nur ein Zehntel der
       Verluste der Dänen; und wie ein Militär-korrespondent der "Times"
       kürzlich sehr  richtig bemerkte,  wurden die Dänen auf dem Kampf-
       feld fast  überall von  einem zahlenmäßig unterlegenen Gegner ge-
       schlagen.
       Doch trotz  des Zündnadelgewehrs  ist die Überlegenheit nicht auf
       seilen der  Preußen. Und  wenn sie  nicht in  der  ersten  großen
       Schlacht durch  die überlegene  Führung, Organisation,  taktische
       Gliederung und   M o r a l   der  Österreicher und  nicht zuletzt
       durch ihre  eigenen Befehlshaber  geschlagen werden  wollen, dann
       müssen sie  allerdings aus  anderem Holz geschnitzt sein als eine
       Armee, die 50 Jahre im Frieden gelebt hat.
       
       II
       
       Die Öffentlichkeit wird allmählich ungeduldig wegen der offenkun-
       digen Untätigkeit  der beiden  großen Armeen  an  der  böhmischen
       Grenze. Für  diese Verzögerung  gibt es  jedoch  viele  Ursachen.
       Sowohl die  Österreicher als auch die Preußen sind sich völlig im
       klaren über  die Bedeutung des bevorstehenden Zusammenstoßes, der
       den Ausgang  des ganzen  Feldzuges entscheiden kann. Beide werfen
       eilig alle irgendwie verfügbaren Truppen an die Front; die Öster-
       reicher setzen  ihre neuen Formationen ein (die vierten und fünf-
       ten Bataillone  der Infanterieregimenter),  die Preußen die Teile
       der Landwehr,  die ursprünglich nur für den Besatzungsdienst vor-
       gesehen waren.
       Gleichzeitig scheint  man auf  beiden Seiten  zu  versuchen,  die
       feindliche Armee  auszumanövrieren und den Feldzug unter den gün-
       stigsten strategischen Bedingungen zu beginnen. Um das zu verste-
       hen, müssen wir einen
       
       #174# Friedrich Engels
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       Blick auf  die Karte  werfen und  das Gebiet, in dem diese Armeen
       stehen, näher betrachten.
       In Anbetracht  dessen, daß Berlin und Wien die normalen Rückzugs-
       punkte der beiden Armeen sind und deshalb die Österreicher Berlin
       und die  Preußen Wien  zu erobern  suchen werden,  gibt  es  drei
       Marschlinien, auf  denen diese operieren können. Eine große Armee
       braucht ein beträchtliches Gebiet wegen der Ressourcen, von denen
       sie auf  dem Marsch leben muß; und um schnell vorwärts zu kommen,
       muß sie  in mehreren  Kolonnen auf  entsprechend vielen Parallel-
       straßen marschieren;  die Breite ihrer Front wird sich daher ver-
       größern und  kann, sagen  wir, zwischen  60 und 16 [engl.] Meilen
       schwanken, je  nach der  Nähe des Feindes und der Entfernung zwi-
       schen den Straßen. Das muß mit in Rechnung gestellt werden.
       Die erste  Marschlinie würde  am linken  Ufer der Elbe und Moldau
       über Leipzig  und Prag  führen.  Es  ist  klar,  daß  auf  dieser
       Marschlinie beide  kriegführende Seiten  den Fluß  zweimal  über-
       schreiten müßten,  das zweite Mal unmittelbar vor dem Feind. Ver-
       suchte eine  der beiden Armeen, auf dieser Linie den Feind an der
       Flanke zu  umgehen, so  könnte dieser,  wenn er auf dem kürzeren,
       weil direkteren  Weg marschiert,  den Umgehungskräften immer noch
       an der  Flußlinie  zuvorkommen;  gelänge  es  ihr,  diese  Kräfte
       zurückzuschlagen,  so   könnte  sie  direkt  auf  die  feindliche
       Hauptstadt marschieren.  Diese Marschlinie  ist für  beide Seiten
       gleichermaßen unvorteilhaft und kommt deshalb nicht in Betracht.
       Die zweite Marschlinie verläuft am rechten Ufer der Elbe zwischen
       der Elbe  und den  Sudeten, die  Schlesien von  Böhmen und Mähren
       trennen. Sie  führt fast  in gerader  Linie von Berlin nach Wien;
       durch das  Gebiet, das  jetzt zwischen  beiden Armeen liegt, ver-
       läuft die  Eisenbahnlinie von  Löbau nach Pardubitz. Diese Eisen-
       bahnlinie führt  durch den  Teil Böhmens, der im Süden und Westen
       durch die Elbe und im Nordosten durch die Berge begrenzt wird. In
       diesem Gebiet gibt es viele gute Straßen, und wenn die beiden Ar-
       meen direkt  aufeinander losmarschierten,  würde der Zusammenstoß
       hier erfolgen.
       Die dritte  Marschlinie führt  über Breslau und von dort über die
       Sudeten. Dieser  Gebirgszug hat  an der mährischen Grenze nur ge-
       ringe Höhe  und wird  dort von verschiedenen guten Straßen durch-
       schnitten; er wird aber im Riesengebirge, der Grenze Böhmens, hö-
       her und steiler. Hier gibt es nur wenige Gebirgsstraßen; tatsäch-
       lich wird  der ganze  Nordostteil des  Gebirgszugs zwischen Trau-
       tenau und  Reichenberg, d.h. auf einer Strecke von 40 Meilen, von
       keiner einzigen  Straße durchquert, die militärisch von Bedeutung
       ist. Die  einzige Straße,  die es dort gibt, führt von Hirschberg
       in
       
       #175# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       das Isertal  und endet  an der  österreichischen  Grenze.  Daraus
       folgt, daß  diese ganze  Barriere von vierzig Meilen Länge unpas-
       sierbar ist,  zumindest für  eine große Armee mit ihrem zahllosen
       Troß, und daß bei einem Vormarsch auf oder über Breslau die Berge
       im Südwesten des Riesengebirges überschritten werden müssen.
       Wie steht  es nun mit den beiden Armeen hinsichtlich ihrer Kommu-
       nikationen, wenn  es auf  dieser Marschlinie  zu  Kampfhandlungen
       kommt?
       Wenn die  Preußen von Breslau aus genau m südlicher Richtung vor-
       gehen, entblößen  sie ihre  Kommunikationen mit  Berlin. Wenn die
       Österreicher so  stark sind,  daß ihnen ihr Sieg als fast absolut
       sicher erscheint,  könnten sie die Preußen bis zu dem befestigten
       Lager von  Olmütz vorrücken  lassen, das  diese aufhalten  würde,
       während sie  selbst auf  Berlin marschieren könnten, da sie gewiß
       sein können, jede vorübergehend unterbrochene Kommunikation durch
       einen entscheidenden  Sieg wiederherzustellen;  oder sie  könnten
       die einzelnen  preußischen Kolonnen  angreifen, wenn  sie von den
       Bergen herabsteigen,  und diese  bei  erfolgreichem  Verlauf  des
       Kampfes auf  Glogau und  Posen zurückwerfen,  wodurch sich Berlin
       und der  größere Teil der preußischen Gebiete in ihrer Gewalt be-
       fänden. Folglich  wäre ein Vormarsch über Breslau für die Preußen
       nur bei großer zahlenmäßiger Überlegenheit ratsam.
       Die Österreicher  befinden sich in einer völlig anderen Lage. Sie
       haben den  Vorteil, daß der größere Teil der Monarchie südöstlich
       Breslaus hegt,  das heißt  auf der  d i r e k t e n  V e r l ä n-
       g e r u n g   einer Linie,  die von Berlin nach Breslau führt. Da
       sie das  Nordufer der  Donau bei  Wien befestigt  haben,  um  die
       Hauptstadt vor einem Überraschungsangriff zu schützen, können sie
       vorübergehend und  selbst für  längere Zeit  ihre  direkten  Kom-
       munikationen mit  Wien opfern und Verstärkung an Mannschaften so-
       wie Vorräte aus Ungarn erhalten. Deshalb können sie gleichermaßen
       gefahrlos in  Richtung Löbau  und in  Richtung Breslau operieren,
       nördlich oder  südlich der Berge; sie haben eine weit größere Ma-
       növrierfreiheit als ihr Gegner.
       Für die  Preußen gibt  es aber  noch andere Gründe, vorsichtig zu
       sein. Die  Entfernung von  der Nordgrenze Böhmens nach Berlin be-
       trägt nicht  viel mehr  als die  Hälfte der Entfernung von dieser
       Grenze nach Wien; Berlin ist dadurch viel stärker exponiert. Wien
       ist durch  die Donau geschützt, hinter der eine geschlagene Armee
       Schutz finden  kann, außerdem  durch die Befestigungen, die nörd-
       lich von diesem Fluß errichtet sind, und durch das befestigte La-
       ger von  Olmütz, das  die Preußen  nicht unbemerkt und ungestraft
       passieren könnten,  wenn die Hauptkräfte der österreichischen Ar-
       mee nach  einer Niederlage  dort Stellung bezögen. Berlin besitzt
       keinerlei
       
       #176# Friedrich Engels
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       Schutz außer  der Feldarmee.  Es ist  klar, daß die Preußen unter
       diesen und  den in unserem ersten Artikel ausführlich dargelegten
       Umständen nur eine defensive Rolle spielen können.
       Österreich wiederum  zwingen geradezu  dieselben Umstände und au-
       ßerdem eine  dringende politische Notwendigkeit, offensiv zu ope-
       rieren. Ein einziger Sieg kann ihm große Erfolge bringen, während
       eine Niederlage seine Widerstandskraft nicht brechen würde.
       Der strategische  Plan des Feldzugs ist in seinen Grundzügen not-
       wendigerweise sehr  einfach. Welcher von beiden auch immer zuerst
       angreift, er  hat nur  diese Alternative:  entweder ein Scheinan-
       griff   n o r d w e s t l i c h  des Riesengebirges und der rich-
       tige Angriff  südöstlich davon oder umgekehrt. Die vierzig Meilen
       lange Barriere ist der entscheidende Teil des Kriegsschauplatzes;
       um ihn  herum müssen  die Armeen  operieren. Wir  werden bald von
       Kämpfen an ihren beiden äußersten Punkten hören, und nach einigen
       Tagen wird die Richtung des tatsächlichen Angriffs klarwerden und
       damit vermutlich  auch das  Schicksal des  ersten Feldzuges.  Wir
       neigen jedoch zu der Ansicht, daß für zwei derart schwer bewegli-
       che Armeen, die hier einander gegenüberstehen, der direkteste Weg
       auch der  sicherste ist und daß die Schwierigkeit und Gefährlich-
       keit, so große Truppenkörper in getrennten Kolonnen auf verschie-
       denen Straßen  durch schwieriges  bergiges Gelände zu führen, die
       beiden feindlichen  Armeen fast  mit Sicherheit auf die Linie Lö-
       bau-Pardubitz führen werden.
       Bis jetzt  haben folgende  Truppenbewegungen  stattgefunden:  Die
       Preußen zogen  in der ersten Juniwoche ihre sächsische Armee ent-
       lang der sächsischen Grenze von Zeitz bis Görlitz und ihre schle-
       sische Armee  von Hirschberg  bis zur Neiße zusammen. Bis zum 10.
       Juni näherten  sich diese  Armeen einander;  ihr  rechter  Flügel
       stand an  der Elbe bei Torgau und ihr äußerster linker Flügel bei
       Waldenburg. Vom  12. bis  zum 16. Juni dehnte die schlesische Ar-
       mee, die  jetzt aus dem 1., 5. und 6.Korps und der Garde besteht,
       erneut ihre  Front nach Osten aus, diesmal bis nach Ratibor, d.h.
       bis in  die äußerste  südöstliche Ecke Schlesiens. Das sieht nach
       einem Täuschungsmanöver  aus,  besonders  die  Schaustellung  der
       Garde, die  gewöhnlich bei  der Hauptarmee  bleibt. Wenn  es aber
       mehr als  ein Täuschungsmanöver  sein sollte, und wenn keine Maß-
       nahmen ergriffen  worden sind,  um diese  vier Korps  sofort  und
       schnellstmöglich nach Görlitz zurückzuführen, dann ist diese Kon-
       zentration von  mehr als  120 000 Mann in einem entlegenen Winkel
       ein offensichtlicher  Fehler," sie können von allen Rückzugswegen
       abgeschnitten werden und zweifellos jede Verbindung mit dem übri-
       gen Teil der Armee verlieren.
       
       #177# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       Von den  Österreichern wissen  wir nicht viel mehr als die Tatsa-
       che, daß sie um Olmütz konzentriert wurden. Der Korrespondent der
       "Times", der  sich in  ihrem Lager  befindet, teilt  mit, daß ihr
       sechstes Korps in Stärke von 40 000 Mann am 19. Juni von Weißkir-
       chen in  Olmütz ankam, was von einem Vorrücken nach Westen zeugt.
       Er fügt  hinzu, daß  das Hauptquartier am 21. Juni nach Trübau an
       der Grenze  zwischen Mähren  und Böhmen  verlegt  werden  sollte.
       Diese Verlegung würde in dieselbe Richtung weisen, sähe sie nicht
       sehr nach  einer Ente aus, die nach London geschickt wurde, damit
       sie dem  preußischen Hauptquartier  von dort telegraphisch mitge-
       teilt werde, um es irrezuführen. Ein General, der wie Benedek mit
       solcher Verschwiegenheit  zu Werke geht und eine derartige Abnei-
       gung gegen Zeitungskorrespondenten hat, wird ihnen wahrscheinlich
       nicht am  19. Juni  mitteilen, wo  sich sein Hauptquartier am 21.
       Juni befinden wird, wenn er nicht seine Gründe dafür hat.
       Zum Schluß  sei es uns gestattet, noch einen Blick auf die Opera-
       tionen in  Nordwestdeutschland zu werfen. Die Preußen hatten hier
       mehr Truppen  als ursprünglich bekannt war. Sie verfügten über 15
       Bataillone in  Holstein, 12  in Minden  und 18  in Wetzlar. Durch
       schnelle konzentrische  Bewegungen, bei  denen die  Truppen  eine
       ganz unerwartete Fähigkeit für Eilmärsche bewiesen, besetzten sie
       innerhalb von  zwei Tagen das ganze Gebiet nördlich der Linie von
       Koblenz nach  Eisenach und alle Kommunikationslinien zwischen den
       Ost- und Westprovinzen des Königreiches. Die etwa 7000 Mann star-
       ken hessischen  Truppen konnten entkommen, den 10 000 oder 12 000
       Hannoveranern aber wurde die direkte Rückzugslinie nach Frankfurt
       abgeschnitten, und  bereits am 17. Juni erreichte der Rest des 7.
       preußischen Armeekorps,  12 Bataillone,  zusammen mit  den beiden
       Coburger Bataillonen Eisenach von der Elbe her. Folglich scheinen
       die Hannoveraner  von allen  Seiten eingeschlossen  zu  sein  und
       könnten nur durch ein Wunder an Dummheit seitens der Preußen ent-
       kommen. Sobald  sich ihr  Schicksal entschieden  hat,  wird  eine
       Streitmacht von  50 preußischen Bataillonen gegen die Bundesarmee
       zur Verfügung  stehen, welche  Prinz Alexander  von Darmstadt bei
       Frankfurt aufstellt.  Die Bundesarmee  wird aus etwa 23 000 Würt-
       tembergern, 10 000 Darmstädtern, 6000 Nassauern, 13 000 Badensern
       (die jetzt  erst mobilisiert  werden) und  7000 Hessen  sowie aus
       12 000 Österreichern  bestehen, die jetzt von Salzburg her im An-
       marsch sind;  das ergibt  insgesamt etwa  65 000 Mann, die mögli-
       cherweise noch  durch 10000 bis 20000 Bayern verstärkt wenden. Es
       wird berichtet,  daß etwa  60 000 Mann bei Frankfurt schon zusam-
       mengezogen sind; Prinz Alexander soll einen Vorstoß gewagt und am
       22. Juni Hessen wieder
       
       #178# Friedrich Engels
       -----
       besetzt haben.  Das hat jedoch keine weitere Bedeutung. Die Preu-
       ßen werden nicht eher gegen ihn vorgehen, bis sie genügend Kräfte
       konzentriert haben; und wenn sie erst über 70 000 Mann aller Waf-
       fengattungen und eine überlegene Bewaffnung verfügen, sollten sie
       mit dieser zusammengewürfelten Armee kurzen Prozeß machen.
       
       III
       
       Die erste  große Schlacht  ist nicht in Böhmen geschlagen worden,
       sondern in  Italien, und  das Festungsviereck  hat den Italienern
       aufs neue  eine Lektion  in Strategie  erteilt. Die Stärke dieser
       berühmten Stellung  liegt wie  bei allen  befestigten Stellungen,
       die einigermaßen  bedeutend sind, nicht so sehr in der großen De-
       fensivkraft ihrer vier Festungen, sondern vielmehr darin, daß de-
       ren Position  in einem Gebiet, welches militärisch gesehen spezi-
       fische Merkmale  besitzt, den  Angreifer fast immer verleitet und
       oft auch zwingt, seine Kräfte zu teilen und an zwei verschiedenen
       Punkten anzugreifen,  während  der  Verteidiger  seine  vereinten
       Kräfte gegen  einen dieser  Angreifer werfen, ihn mit zahlenmäßig
       überlegenen Kräften  vernichten und  sich dann  gegen den anderen
       wenden kann.  Die italienische  Armee hat diesen Fehler begangen.
       Während der König mit elf Divisionen am Mincio stand, befand sich
       Cialdini mit  fünf Divisionen  am unteren  Po bei Ponte Lagoscuro
       und Polesella.  Eine italienische Division besteht aus 17 Batail-
       lonen zu  je 700 Mann; folglich hätte Viktor Emanuel mit Kavalle-
       rie und  Artillerie mindestens 120 000 bis 125 000 Mann und Cial-
       dini ungefähr halb soviel. Während der König am 23. Juni den Min-
       cio überquerte,  sollte Cialdini den unteren Po überschreiten und
       im Rücken  der Österreicher  operieren; doch  bis jetzt sind noch
       keine zuverlässigen  Nachrichten eingegangen, ob das letztere Ma-
       növer durchgeführt  worden ist.  Auf jeden Fall werden die 60 000
       Mann, deren  Gegenwart letzten Sonntag bei Custozza den Ausschlag
       hätte geben  können und  wahrscheinlich auch gegeben hätte [129],
       kaum einen  Vorteil erzielt  haben, der  die Niederlage  in einer
       großen Schlacht aufwiegen könnte.
       Der Gardasee  liegt zwischen  zwei Ausläufern der Alpen, die süd-
       lich von  ihm zwei Höhenzüge bilden, zwischen denen sich der Min-
       cio seinen  Weg zu  den Lagunen von Mantua bahnt. Beide Höhenzüge
       bilden starke militärische Positionen; von ihren südlichen Abhän-
       gen kann  man die  Lombardische Ebene übersehen und in Reichweite
       der Geschütze  beherrschen. Diese Höhenzüge sind in der Kriegsge-
       schichte wohlbekannt.  Der westliche  Höhenzug zwischen Peschiera
       und Lonato war der Schauplatz der
       
       #179# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       Schlachten von  Castiglione und  Lonato im  Jahre  1796  und  der
       Schlacht bei Solferino im Jahre 1859 [130]; der östliche zwischen
       Peschiera und  Verona war 1848 drei Tage lang umkämpft [131], und
       auch die  Schlacht am vergangenen Sonntag entwickelte sich um das
       gleiche Gebiet.
       Der östliche Höhenzug fällt auf der einen Seite zum Mincio ab und
       geht bei  Valeggio in  die Ebene  über; die andere Seite fällt in
       einem langen Bogen nach Südosten zur Etsch ab, die sie bei Busso-
       lengo erreicht.  Sie wird  von Norden nach Süden durch eine tiefe
       Schlucht in  zwei annähernd gleiche Abschnitte geteilt, durch die
       das Flüßchen  Tione fließt. Eine vom Mincio heranrückende Streit-
       macht muß  also zuerst  den Übergang  über den Fluß erzwingen und
       wird gleich  darauf durch  diese Schlucht  von neuem  aufgehalten
       werden. Am  Rande des  Abhangs zur Ebene und östlich der Schlucht
       liegen folgende  Dörfer: am  weitesten südlich  Custozza,  weiter
       nördlich Sommacampagna, Sona und Santa Giustina. Die Eisenbahnli-
       nie von  Peschiera nach  Verona verläuft  zwischen den Bergen bei
       Sommacampagna und kreuzt die Straße bei Sona.
       Nachdem die Piemontesen 1848 Peschiera genommen hatten, schlössen
       sie Mantua  ein und  dehnten die  Frontlinie ihrer Armee von dort
       bis nach  Rivoli am Gardasee aus, wobei deren Zentrum die erwähn-
       ten Berge  besetzte. Am  23. Juli  rückte Radetzky von Verona aus
       mit sieben  Brigaden vor,  durchbrach diese übermäßig ausgedehnte
       Linie im  Zentrum und  besetzte nun seinerseits die Berge. Am 24.
       und 25.  versuchten die Piemontesen die Position zurückzuerobern,
       wurden jedoch  am 25.  entscheidend geschlagen und zogen sich so-
       fort über  Mailand hinter den Tessin zurück. Diese erste Schlacht
       von Custozza entschied den Feldzug von 1848.
       Die Telegramme des italienischen Hauptquartiers über die Schlacht
       vom vergangenen  Sonntag sind ziemlich widersprüchlich; doch wenn
       wir die  Telegramme der anderen Seite noch zu Rate ziehen, erhal-
       ten wir  eine ziemlich klare Vorstellung von den Umständen, unter
       denen die  Schlacht geschlagen  wurde. Viktor Emanuel wollte sein
       1. Korps  (General Durando,  vier Divisionen  oder 68 Bataillone)
       eine Position  zwischen Peschiera  und Verona beziehen lassen, um
       eine eventuelle  Belagerung von  Peschiera zu decken. Diese Posi-
       tion mußte  natürlich Sona  und Sommacampagna  sein. Das 2. Korps
       (General Cucchiari,  drei Divisionen  oder 51 Bataillone) und das
       3. Korps (General Della Rocca, in gleicher Stärke wie das zweite)
       sollten beide  gleichzeitig den Mincio überschreiten, um die Ope-
       rationen des 1. Korps zu decken. Das 1. Korps muß den Fluß in der
       Nähe oder  südlich von Salionze überschritten haben und sofort in
       Richtung auf die Berge
       
       #180# Friedrich Engels
       -----
       vorgegangen sein;  das 2.  scheint bei  Valeggio und  das 3.  bei
       Goito den  Fluß überquert zu haben und in der Ebene vorgerückt zu
       sein. Das geschah am Sonnabend, dem 23. Juli. Die österreichische
       Brigade Pulz,  die die Vorhut am Mincio bildete, zog sich langsam
       auf Verona  zurück; doch am Sonntag, dem Jahrestag von Solferino,
       debouchierte die  gesamte österreichische  Armee aus  Verona  und
       rückte gegen den Feind. Sie scheint noch rechtzeitig eingetroffen
       zu sein,  um die  Berge von  Sona  und  Sommacampagna  sowie  den
       Ostrand der  Tioneschlucht vor  den Italienern  zu besetzen.  Der
       Kampf dürfte  dann  hauptsächlich  um  den  Durchgang  durch  die
       Schlucht entbrannt  sein. Die  beiden Korps  in der Ebene, die am
       südlichsten Ende vorrückten, konnten gemeinsam mit dem l. italie-
       nischen Korps operieren, das die Berge besetzt hatte, und so fiel
       Custozza in  ihre Hände.  Allmählich rückten die Italiener in der
       Ebene immer  weiter auf  Verona vor,  um die  Österreicher an der
       Flanke und  im Rücken  anzugreifen; diese schickten ihnen Truppen
       entgegen. Folglich  haben sich die Frontlinien der beiden Armeen,
       die ursprünglich  nach Osten bzw. nach Westen gerichtet waren, um
       einen Viertelkreis gedreht; die Österreicher stehen jetzt mit der
       Front nach Süden gerichtet und die Italiener nach Norden. Doch da
       die Berge  von Custozza  aus nach  Nordosten zurücktreten, konnte
       sich diese Flankenbewegung des 2. und 3.Korps der Italiener nicht
       sofort auf  die Position  ihres 1. Korps auf den Höhen auswirken,
       weil sie  nicht ohne  Gefahr für die flankierenden Truppen selbst
       weit genug  ausgedehnt werden konnte. Deshalb scheinen die Öster-
       reicher gegen das 2. und 3. Korps nur so viele Truppen eingesetzt
       zu haben,  um ihren ersten Ansturm brechen zu können, während sie
       jeden verfügbaren  Mann gegen das l. Korps warfen und dieses dank
       zahlenmäßiger Überlegenheit  zerschlugen. Sie  hatten vollen  Er-
       folg; das  1. Korps  wurde nach erbittertem Kampf zurückgeworfen,
       und schließlich erstürmten die Österreicher Custozza. Dadurch muß
       der rechte  Flügel der  Italiener, der ost- und nordostwärts über
       Custozza hinaus  vorrückte, ernsthaft  gefährdet gewesen sein; so
       kam es  zu einem neuen Kampf um das Dorf, bei dem anscheinend die
       verlorene Verbindung  wiederhergestellt und  der  österreichische
       Vormarsch von  Custozza her  aufgehalten worden ist. Doch der Ort
       blieb in ihren Händen, und die Italiener mußten sich noch in der-
       selben Nacht über den Mincio zurückziehen.
       Diese Skizze  der Schlacht  soll  keine  historische  Schilderung
       sein, für  die uns  bisher noch viele nötige Einzelheiten fehlen;
       sie ist  lediglich ein  Versuch, an  Hand der Karte und mit etwas
       militärischem Verständnis  die verschiedenen  Telegramme über die
       Schlacht miteinander in Einklang zu
       
       #181# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       bringen. Und  waren die  Telegramme nur  einigermaßen richtig und
       vollständig, dann  sind wir dessen gewiß, daß sich das allgemeine
       Bild der  Schlacht nicht sehr von dem unterscheiden wird, das wir
       gezeichnet haben.
       Die Österreicher  verloren etwa 600 Gefangene, die Italiener etwa
       2000 und  einige Geschütze. Das zeigt, daß die Schlacht eine Nie-
       derlage, aber  keine Katastrophe  gewesen ist.  Die Kräfte müssen
       einander ziemlich  ebenbürtig gewesen  sein, obgleich  die Öster-
       reicher sehr  wahrscheinlich weniger  Truppen auf  dem Kampfplatz
       hatten als  ihre Gegner.  Die Italiener haben allen Grund sich zu
       gratulieren, daß  sie nicht  in den  Mincio getrieben wurden. Die
       Position des  1. Korps, das zwischen diesem Fluß und der Schlucht
       auf einem  Landstreifen von  zwei bis  vier Meilen Breite lag und
       einen überlegenen  Feind vor sich hatte, war erheblich gefährdet.
       Es war  zweifellos ein  Fehler, die  Hauptkräfte in  die Ebene zu
       schicken, während  die beherrschenden  Höhen, die  entscheidenden
       Punkte, vernachlässigt  wurden. Den  größten Fehler  aber  beging
       man, wie oben bereits erwähnt, als man die Armee teilte, Cialdini
       mit 60 000  Mann am unteren Po ließ und nur mit dem Rest angriff.
       Cialdini hätte  zu einem  Sieg vor Verona beitragen und dann nach
       dem Rückmarsch  zum unteren Po viel leichter über den Fluß setzen
       können, wenn  es wirklich notwendig war, dieses kombinierte Manö-
       ver um  jeden Preis  durchzuführen. Im Augenblick scheint er noch
       auf dem  gleichen Fleck  zu stehen  wie schon  am ersten Tage und
       wird nun wohl auf stärkere Kräfte treffen als bisher. Die Italie-
       ner sollten  mittlerweile erkannt  haben, daß  ihnen ein  äußerst
       hartnäckiger Gegner  gegenübersteht. Bei  Solferino hielt Benedek
       mit 26  000 Österreichern  die gesamte, doppelt so starke piemon-
       tesische Armee  einen ganzen  Tag lang  in Schach, bis er infolge
       der Niederlage,  welche das  andere Korps gegen die Franzosen er-
       litten hatte,  den Befehl  zum Rückzug erhielt. Die damalige pie-
       montesische Armee  war bedeutend besser als die jetzige italieni-
       sche Armee;  sie war  besser ausgebildet,  war homogener und ver-
       fügte über  bessere Offiziere.  Die jetzige  Armee wurde erst vor
       kurzem aufgestellt  und leidet  natürlich an all den Mängeln, mit
       denen eine solche Armee behaftet ist. Die jetzige österreichische
       Armee hingegen  übertrifft bei  weitem die Armee von 1859. Natio-
       nale Begeisterung  ist eine  vortreffliche und  fördernde  Sache,
       doch wenn  sie nicht  mit Disziplin  und Organisiertheit  gepaart
       ist, kann niemand eine Schlacht damit gewinnen. Selbst Garibaldis
       "Tausend" waren  nicht einfach ein Haufe von Enthusiasten; es wa-
       ren ausgebildete  Leute, welche  1859 gelernt hatten, Befehlen zu
       gehorchen und  dem Feuer  standzuhalten. Es bleibt zu hoffen, daß
       der Stab der italienischen Armee in seinem eigenen
       
       #182# Friedrich Engels
       -----
       Interesse sich unüberlegter Operationen enthalten wird gegen eine
       Armee, die,  wenn auch  zahlenmäßig unterlegen, der italienischen
       Armee im  wesentlichen überlegen ist und außerdem eine der stärk-
       sten Positionen in Europa behauptet.
       
       IV
       
       Gesetzt, einem jungen preußischen Fähnrich oder Kornett würde bei
       der Leutnantsprüfung  die Frage  gestellt, was der sicherste Plan
       für den  Einfall einer preußischen Armee in Böhmen wäre? Gesetzt,
       unser junger Offizier würde antworten: "Das beste wäre, die Trup-
       pen in zwei etwa gleich starke Armeen zu teilen und die eine nach
       Osten um  das Riesengebirge,  die andere nach Westen zu schicken,
       so daß  sie sich in Gitschin vereinigten." Was würde der prüfende
       Offizier dazu  sagen? Er  würde den jungen Herrn informieren, daß
       dieser Plan  gegen die  beiden wichtigsten  Gesetze der Strategie
       verstoße: erstens, seine Truppen nie so zu teilen, daß sie einan-
       der nicht  unterstützen können, sondern sie näher beisammenzuhal-
       ten; und  zweitens, im  Falle eines Vormarsches auf verschiedenen
       Straßen die Vereinigung der verschiedenen Kolonnen an einem Punkt
       zu vollziehen,  der nicht  in Reichweite  des Feindes  liegt; daß
       deshalb der vorgeschlagene Plan der denkbar schlechteste sei; daß
       er überhaupt  nur dann  in Betracht  gezogen werden  könnte, wenn
       Böhmen von feindlichen Truppen völlig frei sei; und daß somit ein
       Offizier, der einen solchen Feldzugsplan vorschlägt, nicht einmal
       ein Leutnantspatent verdiene.
       Doch gerade das ist der Plan, den der weise und gelehrte Stab der
       preußischen Armee  angenommen hat.  Es ist last unglaublich, aber
       es ist  wahr. Den  Fehler, den  die Italiener  bei Custozza büßen
       mußten, haben nun die Preußen erneut begangen, und dies unter Um-
       ständen, die  ihn zehnmal  schlimmer machen. Die Italiener wußten
       wenigstens, daß  sie mit  zehn Divisionen  dem Feind  zahlenmäßig
       überlegen sein  würden. Die  Preußen mußten wissen, daß ihre neun
       Korps, wenn sie zusammengehalten werden, Benedeks acht Korps zah-
       lenmäßig bestenfalls  gleichkommen könnten und daß sie durch Tei-
       lung ihrer  Truppen die beiden Armeen dem fast sicheren Schicksal
       aussetzten, durch  zahlenmäßig überlegene Kräfte nacheinander ge-
       schlagen zu  werden. Wäre König Wilhelm nicht selbst Oberbefehls-
       haber, so  wäre es  völlig unerklärlich,  wie ein derartiger Plan
       von einem  Stab unzweifelhaft  fähiger Offiziere,  aus denen sich
       der preußische  Generalstab zusammensetzt,  jemals  erwogen,  ge-
       schweige denn beschlossen werden konnte. Doch niemand konnte auch
       nur vermuten, daß sich die verhängnisvollen
       
       #183# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       Folgen einer  Situation, in der Könige und Prinzen den Oberbefehl
       haben, so  schnell und  so nachdrücklich  einstellen würden.  Die
       Preußen führen  jetzt in  Böhmen einen  Kampf auf  Leben und Tod.
       Wenn die  Vereinigung der beiden Armeen in oder bei Gitschin ver-
       hindert wird,  wenn jede der beiden geschlagen ist, sich aus Böh-
       men zurückziehen  und sich beim Rückzug noch weiter von der ande-
       ren entfernen  muß, dann kann man den Feldzug im wesentlichen als
       beendet ansehen. Benedek kann dann die Armee des Kronprinzen wäh-
       rend ihres  Rückzugs auf  Breslau unbeachtet lassen und mit allen
       seinen Streitkräften  die Armee  Prinz Friedrich Karls verfolgen,
       die kaum ihrer völligen Vernichtung entgehen dürfte.
       Die Frage ist, ob es gelang, diese Vereinigung zu verhindern. Bis
       jetzt haben wir keine Nachrichten über Ereignisse, die nach Frei-
       tagabend, dem 29. Juni, stattfanden. Die Preußen, die am 28. Juni
       von General  Edelsheim aus  Gitschin (der Ort heißt in Böhmen Ji-
       cin) hinausgeworfen  wurden, behaupten,  die Stadt  am 29. wieder
       erstürmt zu  haben, und  das ist  die letzte Information, die wir
       besitzen. Die Vereinigung war noch nicht erfolgt; zu diesem Zeit-
       punkt waren  mindestens vier  österreichische und  ein  Teil  des
       sächsischen Armeekorps  gegen ungefähr fünf oder sechs preußische
       Korps eingesetzt.
       Die Österreicher  traten den  einzelnen Kolonnen  der  Armee  des
       Kronprinzen, als diese auf der böhmischen Seite der Höhen ins Tal
       hinabstiegen, an  für sie günstigen Punkten entgegen, wo sich das
       Tal erweitert und sie dadurch den preußischen Kolonnen in breite-
       rer Front  gegenübertreten und  versuchen konnten, diese daran zu
       hindern, zu  deployieren, während  die Preußen dort, wo dies mög-
       lich, Truppen  durch die Seitentäler schickten, um ihre Gegner in
       Flanke und  Rücken zu  fassen. Das ist im Gebirgskrieg gewöhnlich
       so und  erklärt die  große Zahl von Gefangenen, die unter solchen
       Umständen stets  gemacht werden.  Unterdessen scheinen die Armeen
       Prinz Friedrich Karls und Herwarth von Bittenfelds die Pässe fast
       ohne feindlichen  Widerstand passiert zu haben; die ersten Zusam-
       menstöße fanden an der Iserlinie statt, d.h. fast auf halbem Wege
       zwischen den Ausgangspunkten der beiden Armeen. Es wäre ein hoff-
       nungsloser Versuch,  die äußerst widersprüchlichen und oft völlig
       unglaubwürdigen Telegramme, die in den letzten drei oder vier Ta-
       gen eingegangen  sind, zu  entwirren oder in Einklang miteinander
       zu bringen.
       Der Kampf  verlief für  beide Seiten  mit wechselndem  Erfolg; je
       nachdem neue  Kräfte anrückten,  neigte sich  der Sieg  der einen
       oder der  anderen Seite zu. Bis Freitag jedoch scheint das Ergeb-
       nis des Kampfes im ganzen
       
       #184# Friedrich Engels
       -----
       zugunsten der Preußen ausgefallen zu sein. Haben sie sich in Git-
       schin behauptet,  so ist  zweifellos die Vereinigung am Sonnabend
       oder Sonntag  vollzogen worden,  und dann wäre für sie die größte
       Gefahr vorbei.  Der entscheidende  Kampf um die Vereinigung wurde
       wahrscheinlich mit konzentrierten Truppenmassen von beiden Seiten
       ausgefochten und wird den weiteren Verlauf des Feldzugs zumindest
       für die  nächste Zeit  entschieden haben.  Haben die  Preußen ge-
       siegt, so  sind sie mit einem Male aus all ihren selbst verschul-
       deten Schwierigkeiten  heraus; sie hätten aber dieselben, ja noch
       größere Vorteile  erreichen können,  ohne sich  solchen unnötigen
       Gefahren auszusetzen.
       Der Kampf  scheint sehr  heftig gewesen  zu sein.  Die  "schwarz-
       gelbe" Brigade,  die in  Schleswig den  Königsberg  bei  Oberselk
       einen Tag  vor der Räumung des Danewerks erstürmte, eröffnete den
       Kampf gegen die Preußen. Sie wird nach den Aufschlägen und Kragen
       der beiden  Regimenter, aus  denen sie besteht, schwarz-gelbe ge-
       nannt und  galt seit  jeher als eine der besten Brigaden im Heer.
       Sie wurde  jedoch vom  Zündnadelgewehr geschlagen,  und über  500
       Mann vom  Regiment Martini  wurden nach fünfmaligem, vergeblichem
       Angriff auf  die preußischen  Linien gefangengenommen.  Bei einem
       folgenden Engagement  wurde die Fahne des 3. Bataillons des Regi-
       ments Deutschmeister erobert. Dieses Regiment, das ausschließlich
       in Wien  rekrutiert worden war, gilt als das beste der ganzen Ar-
       mee. Die  besten Truppen  sind demnach bereits eingesetzt worden.
       Die Preußen  müssen sich für eine langjährige Friedensarmee glän-
       zend geschlagen haben. Vom Augenblick der tatsächlichen Kriegser-
       klärung an  zog ein  völlig anderer  Geist in  die Armee ein, der
       hauptsächlich der  Verjagung der kleinen Potentaten im Nordwesten
       Deutschlands [132] geschuldet war. Das ließ die Truppen glauben -
       gleichgültig, ob  zu Recht oder Unrecht, wir konstatieren nur die
       Tatsache -,  daß sie diesmal für die Einigung Deutschlands in den
       Kampf ziehen  sollten, und die bis dahin mürrischen und verdrieß-
       lichen Männer  der Reserve und der Landwehr überschritten nun die
       österreichische Grenze mit lautem Hurra. Darauf ist es hauptsäch-
       lich zurückzuführen,  daß sie  so gut  kämpften; den größten Teil
       aller ihrer  Erfolge muß  man jedoch ihren Hinterladern zuschrei-
       ben; und wenn sie überhaupt aus den Schwierigkeiten herauskommen,
       in die  ihre Generale sie so leichtfertig gebracht haben, so wer-
       den sie  das dem Zündnadelgewehr zu verdanken haben. Die Berichte
       von der  gewaltigen Überlegenheit dieser Waffe gegenüber den Vor-
       derladern sind wiederum einmütig. Ein gefangener Sergeant vom Re-
       giment Martini  sagte zu dem Korrespondenten der "Kölnischen Zei-
       tung" [133]
       
       #185# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       "Zwar was  man nur  von braven Soldaten verlangen kann, haben wir
       gewiß getan,  aber gegen  dieses Schnellfeuer  kann keiner ankom-
       men."
       
       Wenn die Österreicher geschlagen wurden, so wird für das Ergebnis
       nicht so  sehr General  Benedek oder  General Ramming wie General
       "Ramrod" 1*) zu tadeln sein.
       Im Nordwesten  haben sich die Hannoveraner ergeben, nachdem ihnen
       durch einen scharfen Angriff der Vorhut General Manteuffels unter
       General Flies  ihre Lage  bewußt geworden  war. Dadurch werden 59
       preußische Bataillone  für den  Einsatz gegen  die  Bundestruppen
       frei. Es  war übrigens  höchste Zeit, daß das geschah, ehe Bayern
       seine Kriegsrüstung  abgeschlossen hatte,  da sonst weit stärkere
       Kräfte zur  Niederwerfung Südwestdeutschlands erforderlich wären.
       Bayern ist  bekanntlich immer langsam und im Rückstand mit seinen
       militärischen Vorkehrungen,  doch wenn  es sie abgeschlossen hat,
       kann es 60 000 bis 80 000 gute Soldaten ins Feld führen. Wir wer-
       den nun  vielleicht bald  von einer  schnellen Konzentration  der
       Preußen am Main und aktiven Operationen gegen Prinz Alexander von
       Hessen-Darmstadt und seine Armee hören.
       
       V
       
       Der Feldzug,  den die  Preußen  mit  einem  groben  strategischen
       Schnitzer begannen,  ist von ihnen seitdem mit so gewaltiger tak-
       tischer Energie  fortgesetzt worden,  daß er  in genau acht Tagen
       zum siegreichen Ende geführt wurde.
       Wir schrieben in unserem letzten Artikel, daß der preußische Plan
       eines Einfalls  in Böhmen  mit zwei  durch das  Riesengebirge ge-
       trennten Armeen  nur dann gerechtfertigt werden könnte, wenn Böh-
       men von feindlichen Truppen frei sei. General Benedeks geheimnis-
       voller Plan  scheint hauptsächlich  darin bestanden zu haben, ge-
       rade solch  eine Lage zu schaffen. Es scheinen nur zwei österrei-
       chische Armeekorps  - das 1. (Clam-Gallas) und das 6. (Ramming) -
       in der Nordwestecke Böhmens gestanden zu haben, wo - wie wir dies
       von Anfang  an erwarteten  - die entscheidenden Aktionen erfolgen
       mußten. Wenn damit beabsichtigt war, die Preußen in eine Falle zu
       locken, dann  ist das  Benedek so  gut gelungen, daß er selbst in
       die Falle  ging. Dennoch, der preußische Vormarsch in zwei Kolon-
       nen, die durch etwa vierzig bis fünfzig Meilen unpassierbaren Ge-
       ländes getrennt sind,
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       1*) "Ladestock" (bei Vorderladern)
       
       #186# Friedrich Engels
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       zu einem  Vereinigungspunkt, der  zwei volle  Tagemärsche von den
       Ausgangspunkten entfernt  und im  Bereich der  feindlichen Linien
       liegt -  dieser Vormarsch  bleibt auf  jeden Fall und unter allen
       Umständen ein  höchst gefährliches  Manöver, das  mit einer voll-
       ständigen Niederlage  hätte enden  können, wären  nicht  Benedeks
       sonderbare Langsamkeit, die unerwartete Stoßkraft der preußischen
       Truppen und die Hinterlader gewesen.
       Der Vormarsch  Prinz Friedrich Karls erfolgte mit drei Korps (dem
       3., 4. und 2., das letzte als Reserve) über Reichenberg, nördlich
       einer schwer  passierbaren Bergkette,  an deren  Südseite General
       Herwarth mit  eineinhalb Korps (dem 8. und einer Division des 7.)
       vorrückte. Zur  gleichen Zeit  stand der Kronprinz mit dem 1., 5.
       und 6. Korps und der Garde in den Bergen bei Glatz. Die Armee war
       also in  drei Heersäulen  geteilt -  45 000 Mann  auf dem rechten
       Flügel, 90 000  Mann im  Zentrum und  120 000 Mann auf dem linken
       Flügel -,  wobei keine dieser Heersäulen die anderen unterstützen
       konnte, zumindest  nicht für  einige Tage. Wenn überhaupt jemals,
       so bot  sich hier  einem General, der über mindestens die gleiche
       Zahl Soldaten verfügte, die Gelegenheit, seinen Gegner einzeln zu
       schlagen. Aber  man scheint nichts dergleichen unternommen zu ha-
       ben. Am  26. Juni  hatte Prinz  Friedrich Karl den ersten ernsten
       Zusammenstoß bei Turnau mit einer Brigade des 1. Korps, durch den
       er die  Verbindung mit Herwarth herstellte; am 27. nahm der letz-
       tere Münchengrätz,  während die erste Kolonne der Armee des Kron-
       prinzen, das  5. Korps,  über Nachod  hinaus vorrückte und das 6.
       österreichische Korps  (Ramming) entscheidend schlug; am 28., dem
       einzigen etwas unglücklichen Tag für die Preußen, nahm die Vorhut
       Prinz Friedrich Karls Gitschin, wurde jedoch durch die Kavallerie
       General Edelsheims  wieder hinausgeworfen,  während das  1. Korps
       der Armee  des Kronprinzen  bei Trautenau durch das 10. österrei-
       chische Korps  unter Gablenz  aufgehalten wurde  und dabei einige
       Verluste erlitt;  es wurde  erst durch den Vormarsch der Garde in
       Richtung Eipel,  auf einer  zwischen dem  1. und  5.  preußischen
       Korps liegenden  Straße, entsetzt. Am 29. stürmte Prinz Friedrich
       Karl Gitschin,  und die Armee des Kronprinzen vernichtete das 6.,
       8. und  10. österreichische  Korps vollständig.  Am 30. wurde ein
       neuer Versuch  Benedeks, mit dem 1. Korps und der sächsischen Ar-
       mee Gitschin  wiederzuerobern, glänzend  zurückgeschlagen, wonach
       die beiden  preußischen Armeen  die  Vereinigung  vollzogen.  Die
       Österreicher erlitten  Verluste in  einer Stärke  von  mindestens
       eineinhalb Korps, während die der Preußen weniger als ein Viertel
       davon betragen.
       Wir sehen  also, daß  die Österreicher  am 27. Juni nur über zwei
       Armeekorps zu je etwa 33 000 Mann verfügten, am 28. über drei, am
       29. über vier
       
       #187# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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       und, wenn  die Angaben eines preußischen Telegramms stimmen, über
       den Teil  eines fünften  Korps (des  4. Korps);  und erst  am 30.
       konnte das  sächsische Armeekorps  zur Unterstützung anrücken. So
       fehlten denn  während dieser  ganzen Zeit  zwei, wenn  nicht drei
       Korps auf  dem Kampffeld,  während die Preußen in Böhmen ihre ge-
       samten Kräfte  konzentrierten. Bis  zum Abend  des 29.  Juni  war
       tatsächlich  die  Masse  der  österreichischen  Truppen  auf  dem
       Kriegsschauplatz zahlenmäßig  kaum stärker  als jede  der  beiden
       preußischen Armeen,  und da sie nacheinander in den Kampf geführt
       wurden und die Verstärkungen erst nach der Niederlage der bereits
       eingesetzten Truppen eintrafen, war das Ergebnis verheerend.
       Das 3.  Armeekorps (Erzherzog  Ernst), das  bei Custozza kämpfte,
       soll unmittelbar  nach jener Schlacht mit der Eisenbahn nach Nor-
       den geschickt  worden sein  und wird in einigen Berichten mit bei
       den Truppen  erwähnt, die  unter dem  Befehl Benedeks operierten.
       Aber dieses  Korps, mit  dem die Armee einschließlich der Sachsen
       auf insgesamt  neun Korps  anwachsen  würde,  konnte  nicht  mehr
       rechtzeitig anrücken,  um noch in die Kämpfe der letzten Junitage
       einzugreifen.
       Was für  Fehler auch  im Operationsplan der Preußen gelegen haben
       mögen, durch  ihre Schnelligkeit und entschiedenen Aktionen haben
       sie diese  wieder wettgemacht. Man kann an den Operationen keiner
       ihrer beiden Armeen etwas aussetzen. Kurz, scharf und entschieden
       waren alle  ihre Schläge  und hatten vollen Erfolg. Diese Energie
       erschlaffte auch  nach der  Vereinigung der  beiden Armeen nicht;
       sie marschierten weiter vorwärts, und bereits am 3. Juli traf die
       gesamte preußische  Armee auf Benedeks vereinigte Kräfte und ver-
       setzte diesen einen letzten vernichtenden Schlag. [134]
       Es ist  kaum anzunehmen,  daß Benedek  diese Schlacht aus eigenem
       Willen annahm. Zweifellos zwang ihn die schnelle Verfolgung durch
       die Preußen,  sich mit seiner ganzen Armee in einer starken Posi-
       tion zu  halten, um  seine Truppen neu zu formieren und dem Train
       seiner zurückgehenden  Armee einen  Tag Vorsprung zu geben, wobei
       er nicht  erwartete, daß er tagsüber mit ganzer Kraft angegriffen
       werde, und  darauf hoffte, sich während der Nacht zurückziehen zu
       können. Ein Mann in seiner Lage mit vier vollständig geschlagenen
       Korps und  nach solch ungeheuren Verlusten würde niemals eine so-
       fortige Entscheidungsschlacht  anstreben, wenn er die Möglichkeit
       eines sicheren Rückzuges hatte. Doch die Preußen scheinen ihn zum
       Kampf gezwungen  zu haben; das Ergebnis war die vollständige Nie-
       derlage der  Österreicher, die  jetzt, falls der Waffenstillstand
       noch nicht abgeschlossen ist, versuchen werden, unter äußerst un-
       günstigen Bedingungen  auf Olmütz  oder Wien  zurückzugehen, denn
       die geringste Bewegung
       
       #188# Friedrich Engels
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       der Preußen  zur Umgehung  des österreichischen  rechten  Flügels
       müßte zahlreiche  österreichische Abteilungen  von  der  direkten
       Marschlinie abschneiden  und in die Glatzer Berge treiben, wo sie
       gefangengenommen würden.  Die "Nordarmee", noch vor zehn Tagen in
       Europa ein ausgezeichnetes Heer, hat aufgehört zu bestehen.
       Zweifellos hat  daran das Zündnadelgewehr mit seinem Schnellfeuer
       einen großen  Anteil gehabt. Ohne dieses Gewehr wäre es wohl kaum
       zur Vereinigung  der beiden preußischen Armeen gekommen; und ganz
       gewiß konnte  dieser gewaltige  und schnelle  Erfolg  nicht  ohne
       solch eine  überlegene Feuerkraft  erzielt werden, neigt doch die
       österreichische Armee  im allgemeinen  weniger   z u r  Panik als
       die meisten  europäischen Armeen. Doch, für den Erfolg waren noch
       andere Umstände  ausschlaggebend. Wir  haben bereits  die  ausge-
       zeichnete Verfassung  und die  entschiedenen Aktionen  der beiden
       preußischen Armeen  vom Augenblick ihres Einmarsches in Böhmen an
       erwähnt. Wir  können hinzufügen,  daß sie  in diesem Feldzug auch
       vom System der Kolonne abgingen und ihre Truppen hauptsächlich in
       deployierter Linie vorrücken ließen, um so jedes Gewehr einsetzen
       und die  Soldaten vor dem Artilleriefeuer schützen zu können. Man
       muß anerkennen,  daß die  Bewegungen auf  dem Marsch wie auch vor
       dem Feinde  mit einer  Ordnung und Genauigkeit ausgeführt wurden,
       die niemand hätte erwarten können von einer Armee und Führung, an
       denen der  Rost von  fünfzig Friedensjahren  saß. Und schließlich
       mußte die  ganze Welt über das entschlossene Vorgehen dieser jun-
       gen Truppen bei ausnahmslos jedem Gefecht überrascht sein. Es ist
       leicht gesagt, daß es die Hinterlader taten, doch sie gehen nicht
       von selbst  los, es  bedarf tapferer  Herzen und starker Arme, um
       sie zu  führen. Die Preußen fochten sehr oft gegen eine Übermacht
       und waren  fast überall  der angreifende  Teil. Die  Österreicher
       hatten daher  die Wahl  des Terrains. Und beim Angriff auf starke
       Stellungen und  befestigte Städte schwinden die Vorteile der Hin-
       terlader beinahe  völlig; da  hat das Bajonett die Arbeit zu ver-
       richten, und davon gab es eine ganze Menge zu tun. Die Kavallerie
       ging überdies  mit derselben  Entschlossenheit vor,  und bei  ihr
       sind kalter  Stahl und Schnelligkeit der Pferde die einzigen Waf-
       fen beim  Angriff. Die  französischen Zeitungsenten,  wonach  die
       preußische Kavallerie  ihre Gegner zuerst mit Karabinerfeuer (aus
       Hinterladern oder  anderen Waffen)  überschüttete und  sich  erst
       dann mit  dem Säbel  auf sie stürzte, konnten nur dort entstehen,
       wo die  Kavallerie sehr oft zu diesem Trick Zuflucht genommen hat
       und dafür  stets bestraft worden ist, indem sie durch den überle-
       gensn Ansturm  des Angreifers  niedergeworfen wurde. Es ist nicht
       verfehlt zu sagen, daß die preußische Armee in einer einzigen
       
       #189# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
       -----
       Woche die beste Position eroberte, die sie je innehatte. Sie kann
       sich jetzt sicher fühlen, jedem anderen Gegner überlegen zu sein.
       Es gibt  in der  Geschichte keinen  Feldzug, wo ein gleichermaßen
       hervorragender Erfolg  in ebenso  kurzer Zeit und ohne irgendeine
       bemerkenswerte Schlappe  erzielt worden  ist, außer  der Schlacht
       bei Jena, in der die gesamte damalige preußische Armee vernichtet
       wurde, und  der Schlacht  bei Waterloo,  wenn wir hierbei von der
       Niederlage bei Ligny absehen. [135]
       
                                   ---

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