Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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FRIEDRICH ENGELS
Betrachtungen über den Krieg in Deutschland [126]
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Geschrieben zwischen dem 19. Juni und 5. Juli 1866.
Die Artikel erschienen in "The Manchester Guardian":
I in Nr. 6190 vom 20. Juni 1866
II in Nr. 6194 vom 25. Juni 1866
III in Nr. 6197 vom 28. Juni 1866
IV in Nr. 6201 vom 3. Juli 1866
V in Nr. 6204 vom 6.Juli 1866
Aus dem Englischen.
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I
Die nachfolgenden Betrachtungen haben das Ziel, die gegenwärtigen
Kriegsereignisse unparteilich und vom rein militärischen Stand-
punkt einzuschätzen und, soweit dies möglich, ihren vermutlichen
Einfluß auf die weiteren Operationen zu untersuchen.
Der Raum, in dem die ersten entscheidenden Schläge geführt werden
müssen, ist das Grenzgebiet zwischen Sachsen und Böhmen. Der
Krieg in Italien kann kaum zu entscheidenden Ergebnissen führen,
solange das Festungsviereck [127] nicht genommen ist, und das
dürfte eine ziemlich langwierige Operation werden. Es ist mög-
lich, daß sich ein nicht geringer Teil der Kriegshandlungen in
Westdeutschland abspielen wird, aber nach der Stärke der dort
eingesetzten Kräfte zu urteilen, werden die Ergebnisse dieser
Operationen im Vergleich zu den Ereignissen an der böhmischen
Grenze nur untergeordnete Bedeutung haben. Wir werden deshalb un-
sere Aufmerksamkeit zunächst ausschließlich auf dieses Gebiet
richten.
Um die Stärke der kämpfenden Armeen zu beurteilen, genügt es für
unsere Zwecke, wenn wir nur die Infanterie in Betracht ziehen,
wobei wir aber berücksichtigen, daß die österreichische Kavalle-
rie sich zahlenmäßig zur preußischen wie drei zu zwei verhält.
Das Verhältnis der Artillerie zur Infanterie ist bei beiden Ar-
meen annähernd das gleiche - es kommen etwa 3 Geschütze auf 1000
Mann.
Die preußische Infanterie besteht aus 253 Linienbataillonen,
83 1/2 Ersatzbataillonen und 116 Bataillonen der Landwehr 1*)
(ersten Aufgebots, das die Männer von 27 bis 32 Jahren umfaßt)
[42]. Die Ersatzbataillone und die Landwehr bilden hierbei die
Festungsgarnisonen und sind außerdem für den Einsatz gegen die
deutschen Kleinstaaten vorgesehen, während die Linientruppen in
und um Sachsen konzentriert sind zum Kampf gegen die
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1*) Landwehr: im "Manchester Guardian" hier und auch weiterhin
deutsch
#170# Friedrich Engels
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österreichische Nordarmee. Nach Abzug von etwa 15 Bataillonen,
die Schleswig-Holstein besetzt halten, und weiteren 15 Bataillo-
nen, die bisher die Garnisonen von Rastatt, Mainz und Frankfurt
bildeten und jetzt bei Wetzlar konzentriert sind, bleiben etwa
220 Bataillone für die Hauptarmee. Zusammen mit der Kavallerie
und Artillerie und den Teilen der Landwehr, die aus den umliegen-
den Festungen abgezogen werden können, wird diese Armee etwa
300 000 Mann stark sein, die in neun Armeekorps formiert sind.
Die österreichische Nordarmee umfaßt sieben Armeekorps, von denen
jedes wesentlich stärker als ein preußisches Korps ist. Wir wis-
sen im Augenblick sehr wenig über ihre Zusammensetzung und Orga-
nisation, doch wir haben allen Grund anzunehmen, daß sie eine Ar-
mee von 320 000 bis 350 000 Mann aufstellen. Die zahlenmäßige
Überlegenheit scheint daher den Österreichern gesichert zu sein.
Die preußische Armee wird unter dem Oberbefehl des Königs 1*)
stehen, d.h. eines Paradesoldaten von bestenfalls sehr
mittelmäßigen Fähigkeiten und schwachem, aber oft halsstarrigem
Charakter. Er wird erstens umgeben sein vom Generalstab der Armee
unter General Moltke, einem ausgezeichneten Offizier; zweitens
von seinem "Geheimen Mihtärkabinett", das aus Günstlingen des
Königs besteht, und drittens von anderen Generalen zur
Disposition, die er in seine Suite berufen kann. Man kann kein
besseres System erfinden, um die Niederlage einer Armee bereits m
der Organisation ihres Hauptquartiers zu beschließen. Hier kommt
es von vornherein zur natürlichen Rivalität zwischen Armeestab
und königlichem Kabinett; beide kämpfen um den vorherrschenden
Einfluß und werden ihren eigenen Operationsplan zusammenbrauen
und verfechten. Schon das allein würde jede Einheitlichkeit des
Ziels und ein konsequentes Handeln nahezu unmöglich machen. Aber
dann kommen die endlosen Kriegsräte, die unter solchen Umständen
unvermeidlich sind und in neun von zehn Fällen mit der Annahme
einer halben Maßnahme enden - dem Schlimmsten, was es im Krieg
geben kann. In solchen Fällen widersprechen gewöhnlich die
Befehle von heute denen von gestern, und wenn sich die Lage
kompliziert oder wenn etwas schief zu gehen droht, so werden
überhaupt keine Befehle gegeben,und die Dinge nehmen ihren Lauf.
"Ordre, contre-ordre, désordre" 2*) - pflegte Napoleon zu sagen.
Niemand ist verantwortlich, weil der unverantwortliche König alle
Verantwortung auf sich nimmt, und deshalb tut niemand etwas ohne
ausdrücklichen Befehl. Der Feldzug von 1806 wurde in
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1*) Wilhelm I. - 2*) "Befehl, Gegenbefehl. Verwirrung"
#171# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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ähnlicher Weise vom Vater des jetzigen Königs 1*) geführt; das
Ergebnis waren die Niederlagen von Jena und Auerstedt und die
Vernichtung der gesamten preußischen Armee innerhalb von drei Wo-
chen [49]. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß der jetzige Kö-
nig mehr Courage hat als sein Vater; und wenn er in Graf Bismarck
einen Mann gefunden hat, dem er in politischer Hinsicht ohne Be-
denken folgen kann, so gibt es in der Armee keinen Mann in ent-
sprechend gehobener Stellung, der in ähnlicher Weise die aus-
schließliche Führung auf militärischem Gebiet übernehmen könnte.
Die österreichische Armee steht unter dem alleinigen Befehl von
General Benedek, einem erfahrenen Offizier, der zumindest weiß,
was er will. Die Überlegenheit der obersten Führung ist entschie-
den auf Seiten der Österreicher.
Die preußischen Truppen sind in zwei "Armeen" aufgeteilt: die er-
ste, unter Prinz Friedrich Karl, besteht aus dem 1., 2., 3., 4.,
7. und 8. Korps; die zweite, unter dem Kronprinzen 2*), besteht
aus dem 5., und 6. Korps. Die Garde, die die allgemeine Reserve
bildet, wird wahrscheinlich der ersten Armee angegliedert werden.
Nun verletzt diese Teilung nicht allein die Einheit des Komman-
dos, sondern führt auch sehr oft dazu, daß die beiden Armeen auf
zwei verschiedenen Linien operieren, daß sie ihre Bewegungen ko-
ordinieren müssen und ihre beiderseitigen Berührungspunkte in
Reichweite des Feindes legen; mit anderen Worten, sie hält die
Armeen getrennt, während diese sich soviel wie möglich zusammen-
halten müßten. Genauso und unter sehr ähnlichen Umständen handel-
ten die Preußen 1806 und die Österreicher 1859 [128]; beide wur-
den geschlagen. Was die beiden Befehlshaber anbelangt, so ist der
Kronprinz als Soldat eine unbekannte Größe, und Prinz Friedrich
Karl erwies sich im dänischen Krieg [43] zweifellos nicht als
großer Feldherr.
Die österreichische Armee kennt keine solche Unterteilung; die
Befehlshaber der Armeekorps unterstehen unmittelbar General Bene-
dek. Die Österreicher sind daher ihren Gegnern auch im Hinblick
auf die Organisation der Armee überlegen.
Die preußischen Soldaten, besonders die Reservisten und die Land-
wehrmänner, mit denen man die Lücken in den Linientruppen auffül-
len mußte (und solche Lücken gibt es viele), ziehen gegen ihren
Willen in den Krieg; die Österreicher dagegen haben schon lange
einen Krieg gegen Preußen herbeigewünscht und erwarten mit Unge-
duld den Marschbefehl. Deshalb sind ihre Truppen auch in
m o r a l i s c h e r Hinsicht überlegen.
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1*) Friedrich Wilhelm III. - 2*) Friedrich Wilhelm
#172# Friedrich Engels
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Preußen hat seit fünfzig Jahren keinen großen Krieg geführt;
seine Armee ist alles in allem eine Friedensarmee mit der Pedan-
terie und Schablonenmäßigkeit, die allen Friedensarmeen eigen
sind. Zweifellos ist in der letzten Zeit, besonders seit 1859,
viel getan worden, um davon loszukommen; doch die seit vierzig
Jahren herrschenden Gewohnheiten sind nicht so leicht auszurot-
ten, und gerade auf den wichtigsten Posten - unter den Stabsoffi-
zieren - gibt es noch viele unfähige und pedantische Leute. Die
Österreicher sind von diesem Übel durch den Krieg von 1859 gründ-
lich kuriert worden und haben sich ihre teuer erkaufte Erfahrung
bestens zunutze gemacht. Zweifellos sind die Österreicher den
Preußen auch in den organisatorischen Details, an militärischem
Wissen und an Kampferfahrung überlegen.
Abgesehen von den Russen sind die preußischen Truppen die einzi-
gen, deren übliche Kampfformation die tiefe geschlossene Kolonne
ist. Man stelle sich die acht Kompanien eines englischen Batail-
lons in einer Vierteldistanz-Kolonne vor, deren Front nicht von
einer, sondern von zwei Kompanien gebildet wird, so daß vier Rei-
hen zu je zwei Kompanien die Kolonne bilden - und man hat die
"preußische Angriffskolonne". Ein besseres Ziel für gezogene Feu-
erwaffen kann man sich nicht vorstellen, und da gezogene Ge-
schütze eine Granate in diese Kolonne auf 2000 Yard Entfernung
schießen können, ist es für eine solche Formation nahezu unmög-
lich, den Feind überhaupt zu erreichen. Man lasse nur eine ein-
zige Granate inmitten dieser Masse explodieren und sehe dann, ob
dieses Bataillon an dem Tage noch zu irgend etwas fähig ist.
Die Österreicher haben die lose offene Kolonne der Franzosen
übernommen, die kaum noch als Kolonne bezeichnet werden kann; sie
gleicht eher zwei oder drei Linien, die in einem Abstand von 20
oder 30 Yard aufeinander folgen, und ist dem Artilleriefeuer kaum
mehr ausgesetzt als eine deployierte Linie. Der Vorteil der tak-
tischen Formation ist also ebenfalls auf seiten der Österreicher.
Allen diesen Vorteilen haben die Preußen nur zwei Dinge entgegen-
zusetzen. Ihre Intendantur ist entschieden besser, und deshalb
werden ihre Truppen besser verpflegt werden. Die österreichische
Intendantur ist, wie die gesamte österreichische Administration,
ein einziges Nest von Korruption und Unterschlagung und kaum bes-
ser als die russische Intendantur. Wir hören, daß sogar jetzt die
Truppen schlecht und unregelmäßig verpflegt werden; im Felde und
in den Festungen wird es noch schlimmer sein. So kann die öster-
reichische Administration den Festungen des Festungsvierecks ge-
fährlicher werden als die italienische Artillerie.
#173# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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Der zweite Vorteil der Preußen ist ihre überlegene Bewaffnung.
Aber obgleich ihre gezogene Artillerie entschieden besser ist als
die der Österreicher, wird das im offenen Felde keine große Rolle
spielen. Die Reichweite, Flugbahn und Genauigkeit der preußischen
und österreichischen Gewehre werden annähernd gleich sein, doch
die Preußen haben Hinterlader und können ein stetiges, gutgeziel-
tes Feuer aus ihren Reihen mindestens viermal in der Minute abge-
ben. Die große Überlegenheit dieser Waffe hat sich im dänischen
Krieg gezeigt, und zweifellos werden die Österreicher das noch
weitaus stärker zu spüren bekommen. Wenn sie, wie ihnen Benedek
befohlen haben soll, nicht viel Zeit mit Feuern verlieren, son-
dern sofort zum Bajonettangriff übergehen, werden sie ungeheure
Verluste haben. Im dänischen Krieg betrugen die Verluste der
Preußen nie mehr als ein Viertel, manchmal nur ein Zehntel der
Verluste der Dänen; und wie ein Militär-korrespondent der "Times"
kürzlich sehr richtig bemerkte, wurden die Dänen auf dem Kampf-
feld fast überall von einem zahlenmäßig unterlegenen Gegner ge-
schlagen.
Doch trotz des Zündnadelgewehrs ist die Überlegenheit nicht auf
seilen der Preußen. Und wenn sie nicht in der ersten großen
Schlacht durch die überlegene Führung, Organisation, taktische
Gliederung und M o r a l der Österreicher und nicht zuletzt
durch ihre eigenen Befehlshaber geschlagen werden wollen, dann
müssen sie allerdings aus anderem Holz geschnitzt sein als eine
Armee, die 50 Jahre im Frieden gelebt hat.
II
Die Öffentlichkeit wird allmählich ungeduldig wegen der offenkun-
digen Untätigkeit der beiden großen Armeen an der böhmischen
Grenze. Für diese Verzögerung gibt es jedoch viele Ursachen.
Sowohl die Österreicher als auch die Preußen sind sich völlig im
klaren über die Bedeutung des bevorstehenden Zusammenstoßes, der
den Ausgang des ganzen Feldzuges entscheiden kann. Beide werfen
eilig alle irgendwie verfügbaren Truppen an die Front; die Öster-
reicher setzen ihre neuen Formationen ein (die vierten und fünf-
ten Bataillone der Infanterieregimenter), die Preußen die Teile
der Landwehr, die ursprünglich nur für den Besatzungsdienst vor-
gesehen waren.
Gleichzeitig scheint man auf beiden Seiten zu versuchen, die
feindliche Armee auszumanövrieren und den Feldzug unter den gün-
stigsten strategischen Bedingungen zu beginnen. Um das zu verste-
hen, müssen wir einen
#174# Friedrich Engels
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Blick auf die Karte werfen und das Gebiet, in dem diese Armeen
stehen, näher betrachten.
In Anbetracht dessen, daß Berlin und Wien die normalen Rückzugs-
punkte der beiden Armeen sind und deshalb die Österreicher Berlin
und die Preußen Wien zu erobern suchen werden, gibt es drei
Marschlinien, auf denen diese operieren können. Eine große Armee
braucht ein beträchtliches Gebiet wegen der Ressourcen, von denen
sie auf dem Marsch leben muß; und um schnell vorwärts zu kommen,
muß sie in mehreren Kolonnen auf entsprechend vielen Parallel-
straßen marschieren; die Breite ihrer Front wird sich daher ver-
größern und kann, sagen wir, zwischen 60 und 16 [engl.] Meilen
schwanken, je nach der Nähe des Feindes und der Entfernung zwi-
schen den Straßen. Das muß mit in Rechnung gestellt werden.
Die erste Marschlinie würde am linken Ufer der Elbe und Moldau
über Leipzig und Prag führen. Es ist klar, daß auf dieser
Marschlinie beide kriegführende Seiten den Fluß zweimal über-
schreiten müßten, das zweite Mal unmittelbar vor dem Feind. Ver-
suchte eine der beiden Armeen, auf dieser Linie den Feind an der
Flanke zu umgehen, so könnte dieser, wenn er auf dem kürzeren,
weil direkteren Weg marschiert, den Umgehungskräften immer noch
an der Flußlinie zuvorkommen; gelänge es ihr, diese Kräfte
zurückzuschlagen, so könnte sie direkt auf die feindliche
Hauptstadt marschieren. Diese Marschlinie ist für beide Seiten
gleichermaßen unvorteilhaft und kommt deshalb nicht in Betracht.
Die zweite Marschlinie verläuft am rechten Ufer der Elbe zwischen
der Elbe und den Sudeten, die Schlesien von Böhmen und Mähren
trennen. Sie führt fast in gerader Linie von Berlin nach Wien;
durch das Gebiet, das jetzt zwischen beiden Armeen liegt, ver-
läuft die Eisenbahnlinie von Löbau nach Pardubitz. Diese Eisen-
bahnlinie führt durch den Teil Böhmens, der im Süden und Westen
durch die Elbe und im Nordosten durch die Berge begrenzt wird. In
diesem Gebiet gibt es viele gute Straßen, und wenn die beiden Ar-
meen direkt aufeinander losmarschierten, würde der Zusammenstoß
hier erfolgen.
Die dritte Marschlinie führt über Breslau und von dort über die
Sudeten. Dieser Gebirgszug hat an der mährischen Grenze nur ge-
ringe Höhe und wird dort von verschiedenen guten Straßen durch-
schnitten; er wird aber im Riesengebirge, der Grenze Böhmens, hö-
her und steiler. Hier gibt es nur wenige Gebirgsstraßen; tatsäch-
lich wird der ganze Nordostteil des Gebirgszugs zwischen Trau-
tenau und Reichenberg, d.h. auf einer Strecke von 40 Meilen, von
keiner einzigen Straße durchquert, die militärisch von Bedeutung
ist. Die einzige Straße, die es dort gibt, führt von Hirschberg
in
#175# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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das Isertal und endet an der österreichischen Grenze. Daraus
folgt, daß diese ganze Barriere von vierzig Meilen Länge unpas-
sierbar ist, zumindest für eine große Armee mit ihrem zahllosen
Troß, und daß bei einem Vormarsch auf oder über Breslau die Berge
im Südwesten des Riesengebirges überschritten werden müssen.
Wie steht es nun mit den beiden Armeen hinsichtlich ihrer Kommu-
nikationen, wenn es auf dieser Marschlinie zu Kampfhandlungen
kommt?
Wenn die Preußen von Breslau aus genau m südlicher Richtung vor-
gehen, entblößen sie ihre Kommunikationen mit Berlin. Wenn die
Österreicher so stark sind, daß ihnen ihr Sieg als fast absolut
sicher erscheint, könnten sie die Preußen bis zu dem befestigten
Lager von Olmütz vorrücken lassen, das diese aufhalten würde,
während sie selbst auf Berlin marschieren könnten, da sie gewiß
sein können, jede vorübergehend unterbrochene Kommunikation durch
einen entscheidenden Sieg wiederherzustellen; oder sie könnten
die einzelnen preußischen Kolonnen angreifen, wenn sie von den
Bergen herabsteigen, und diese bei erfolgreichem Verlauf des
Kampfes auf Glogau und Posen zurückwerfen, wodurch sich Berlin
und der größere Teil der preußischen Gebiete in ihrer Gewalt be-
fänden. Folglich wäre ein Vormarsch über Breslau für die Preußen
nur bei großer zahlenmäßiger Überlegenheit ratsam.
Die Österreicher befinden sich in einer völlig anderen Lage. Sie
haben den Vorteil, daß der größere Teil der Monarchie südöstlich
Breslaus hegt, das heißt auf der d i r e k t e n V e r l ä n-
g e r u n g einer Linie, die von Berlin nach Breslau führt. Da
sie das Nordufer der Donau bei Wien befestigt haben, um die
Hauptstadt vor einem Überraschungsangriff zu schützen, können sie
vorübergehend und selbst für längere Zeit ihre direkten Kom-
munikationen mit Wien opfern und Verstärkung an Mannschaften so-
wie Vorräte aus Ungarn erhalten. Deshalb können sie gleichermaßen
gefahrlos in Richtung Löbau und in Richtung Breslau operieren,
nördlich oder südlich der Berge; sie haben eine weit größere Ma-
növrierfreiheit als ihr Gegner.
Für die Preußen gibt es aber noch andere Gründe, vorsichtig zu
sein. Die Entfernung von der Nordgrenze Böhmens nach Berlin be-
trägt nicht viel mehr als die Hälfte der Entfernung von dieser
Grenze nach Wien; Berlin ist dadurch viel stärker exponiert. Wien
ist durch die Donau geschützt, hinter der eine geschlagene Armee
Schutz finden kann, außerdem durch die Befestigungen, die nörd-
lich von diesem Fluß errichtet sind, und durch das befestigte La-
ger von Olmütz, das die Preußen nicht unbemerkt und ungestraft
passieren könnten, wenn die Hauptkräfte der österreichischen Ar-
mee nach einer Niederlage dort Stellung bezögen. Berlin besitzt
keinerlei
#176# Friedrich Engels
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Schutz außer der Feldarmee. Es ist klar, daß die Preußen unter
diesen und den in unserem ersten Artikel ausführlich dargelegten
Umständen nur eine defensive Rolle spielen können.
Österreich wiederum zwingen geradezu dieselben Umstände und au-
ßerdem eine dringende politische Notwendigkeit, offensiv zu ope-
rieren. Ein einziger Sieg kann ihm große Erfolge bringen, während
eine Niederlage seine Widerstandskraft nicht brechen würde.
Der strategische Plan des Feldzugs ist in seinen Grundzügen not-
wendigerweise sehr einfach. Welcher von beiden auch immer zuerst
angreift, er hat nur diese Alternative: entweder ein Scheinan-
griff n o r d w e s t l i c h des Riesengebirges und der rich-
tige Angriff südöstlich davon oder umgekehrt. Die vierzig Meilen
lange Barriere ist der entscheidende Teil des Kriegsschauplatzes;
um ihn herum müssen die Armeen operieren. Wir werden bald von
Kämpfen an ihren beiden äußersten Punkten hören, und nach einigen
Tagen wird die Richtung des tatsächlichen Angriffs klarwerden und
damit vermutlich auch das Schicksal des ersten Feldzuges. Wir
neigen jedoch zu der Ansicht, daß für zwei derart schwer bewegli-
che Armeen, die hier einander gegenüberstehen, der direkteste Weg
auch der sicherste ist und daß die Schwierigkeit und Gefährlich-
keit, so große Truppenkörper in getrennten Kolonnen auf verschie-
denen Straßen durch schwieriges bergiges Gelände zu führen, die
beiden feindlichen Armeen fast mit Sicherheit auf die Linie Lö-
bau-Pardubitz führen werden.
Bis jetzt haben folgende Truppenbewegungen stattgefunden: Die
Preußen zogen in der ersten Juniwoche ihre sächsische Armee ent-
lang der sächsischen Grenze von Zeitz bis Görlitz und ihre schle-
sische Armee von Hirschberg bis zur Neiße zusammen. Bis zum 10.
Juni näherten sich diese Armeen einander; ihr rechter Flügel
stand an der Elbe bei Torgau und ihr äußerster linker Flügel bei
Waldenburg. Vom 12. bis zum 16. Juni dehnte die schlesische Ar-
mee, die jetzt aus dem 1., 5. und 6.Korps und der Garde besteht,
erneut ihre Front nach Osten aus, diesmal bis nach Ratibor, d.h.
bis in die äußerste südöstliche Ecke Schlesiens. Das sieht nach
einem Täuschungsmanöver aus, besonders die Schaustellung der
Garde, die gewöhnlich bei der Hauptarmee bleibt. Wenn es aber
mehr als ein Täuschungsmanöver sein sollte, und wenn keine Maß-
nahmen ergriffen worden sind, um diese vier Korps sofort und
schnellstmöglich nach Görlitz zurückzuführen, dann ist diese Kon-
zentration von mehr als 120 000 Mann in einem entlegenen Winkel
ein offensichtlicher Fehler," sie können von allen Rückzugswegen
abgeschnitten werden und zweifellos jede Verbindung mit dem übri-
gen Teil der Armee verlieren.
#177# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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Von den Österreichern wissen wir nicht viel mehr als die Tatsa-
che, daß sie um Olmütz konzentriert wurden. Der Korrespondent der
"Times", der sich in ihrem Lager befindet, teilt mit, daß ihr
sechstes Korps in Stärke von 40 000 Mann am 19. Juni von Weißkir-
chen in Olmütz ankam, was von einem Vorrücken nach Westen zeugt.
Er fügt hinzu, daß das Hauptquartier am 21. Juni nach Trübau an
der Grenze zwischen Mähren und Böhmen verlegt werden sollte.
Diese Verlegung würde in dieselbe Richtung weisen, sähe sie nicht
sehr nach einer Ente aus, die nach London geschickt wurde, damit
sie dem preußischen Hauptquartier von dort telegraphisch mitge-
teilt werde, um es irrezuführen. Ein General, der wie Benedek mit
solcher Verschwiegenheit zu Werke geht und eine derartige Abnei-
gung gegen Zeitungskorrespondenten hat, wird ihnen wahrscheinlich
nicht am 19. Juni mitteilen, wo sich sein Hauptquartier am 21.
Juni befinden wird, wenn er nicht seine Gründe dafür hat.
Zum Schluß sei es uns gestattet, noch einen Blick auf die Opera-
tionen in Nordwestdeutschland zu werfen. Die Preußen hatten hier
mehr Truppen als ursprünglich bekannt war. Sie verfügten über 15
Bataillone in Holstein, 12 in Minden und 18 in Wetzlar. Durch
schnelle konzentrische Bewegungen, bei denen die Truppen eine
ganz unerwartete Fähigkeit für Eilmärsche bewiesen, besetzten sie
innerhalb von zwei Tagen das ganze Gebiet nördlich der Linie von
Koblenz nach Eisenach und alle Kommunikationslinien zwischen den
Ost- und Westprovinzen des Königreiches. Die etwa 7000 Mann star-
ken hessischen Truppen konnten entkommen, den 10 000 oder 12 000
Hannoveranern aber wurde die direkte Rückzugslinie nach Frankfurt
abgeschnitten, und bereits am 17. Juni erreichte der Rest des 7.
preußischen Armeekorps, 12 Bataillone, zusammen mit den beiden
Coburger Bataillonen Eisenach von der Elbe her. Folglich scheinen
die Hannoveraner von allen Seiten eingeschlossen zu sein und
könnten nur durch ein Wunder an Dummheit seitens der Preußen ent-
kommen. Sobald sich ihr Schicksal entschieden hat, wird eine
Streitmacht von 50 preußischen Bataillonen gegen die Bundesarmee
zur Verfügung stehen, welche Prinz Alexander von Darmstadt bei
Frankfurt aufstellt. Die Bundesarmee wird aus etwa 23 000 Würt-
tembergern, 10 000 Darmstädtern, 6000 Nassauern, 13 000 Badensern
(die jetzt erst mobilisiert werden) und 7000 Hessen sowie aus
12 000 Österreichern bestehen, die jetzt von Salzburg her im An-
marsch sind; das ergibt insgesamt etwa 65 000 Mann, die mögli-
cherweise noch durch 10000 bis 20000 Bayern verstärkt wenden. Es
wird berichtet, daß etwa 60 000 Mann bei Frankfurt schon zusam-
mengezogen sind; Prinz Alexander soll einen Vorstoß gewagt und am
22. Juni Hessen wieder
#178# Friedrich Engels
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besetzt haben. Das hat jedoch keine weitere Bedeutung. Die Preu-
ßen werden nicht eher gegen ihn vorgehen, bis sie genügend Kräfte
konzentriert haben; und wenn sie erst über 70 000 Mann aller Waf-
fengattungen und eine überlegene Bewaffnung verfügen, sollten sie
mit dieser zusammengewürfelten Armee kurzen Prozeß machen.
III
Die erste große Schlacht ist nicht in Böhmen geschlagen worden,
sondern in Italien, und das Festungsviereck hat den Italienern
aufs neue eine Lektion in Strategie erteilt. Die Stärke dieser
berühmten Stellung liegt wie bei allen befestigten Stellungen,
die einigermaßen bedeutend sind, nicht so sehr in der großen De-
fensivkraft ihrer vier Festungen, sondern vielmehr darin, daß de-
ren Position in einem Gebiet, welches militärisch gesehen spezi-
fische Merkmale besitzt, den Angreifer fast immer verleitet und
oft auch zwingt, seine Kräfte zu teilen und an zwei verschiedenen
Punkten anzugreifen, während der Verteidiger seine vereinten
Kräfte gegen einen dieser Angreifer werfen, ihn mit zahlenmäßig
überlegenen Kräften vernichten und sich dann gegen den anderen
wenden kann. Die italienische Armee hat diesen Fehler begangen.
Während der König mit elf Divisionen am Mincio stand, befand sich
Cialdini mit fünf Divisionen am unteren Po bei Ponte Lagoscuro
und Polesella. Eine italienische Division besteht aus 17 Batail-
lonen zu je 700 Mann; folglich hätte Viktor Emanuel mit Kavalle-
rie und Artillerie mindestens 120 000 bis 125 000 Mann und Cial-
dini ungefähr halb soviel. Während der König am 23. Juni den Min-
cio überquerte, sollte Cialdini den unteren Po überschreiten und
im Rücken der Österreicher operieren; doch bis jetzt sind noch
keine zuverlässigen Nachrichten eingegangen, ob das letztere Ma-
növer durchgeführt worden ist. Auf jeden Fall werden die 60 000
Mann, deren Gegenwart letzten Sonntag bei Custozza den Ausschlag
hätte geben können und wahrscheinlich auch gegeben hätte [129],
kaum einen Vorteil erzielt haben, der die Niederlage in einer
großen Schlacht aufwiegen könnte.
Der Gardasee liegt zwischen zwei Ausläufern der Alpen, die süd-
lich von ihm zwei Höhenzüge bilden, zwischen denen sich der Min-
cio seinen Weg zu den Lagunen von Mantua bahnt. Beide Höhenzüge
bilden starke militärische Positionen; von ihren südlichen Abhän-
gen kann man die Lombardische Ebene übersehen und in Reichweite
der Geschütze beherrschen. Diese Höhenzüge sind in der Kriegsge-
schichte wohlbekannt. Der westliche Höhenzug zwischen Peschiera
und Lonato war der Schauplatz der
#179# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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Schlachten von Castiglione und Lonato im Jahre 1796 und der
Schlacht bei Solferino im Jahre 1859 [130]; der östliche zwischen
Peschiera und Verona war 1848 drei Tage lang umkämpft [131], und
auch die Schlacht am vergangenen Sonntag entwickelte sich um das
gleiche Gebiet.
Der östliche Höhenzug fällt auf der einen Seite zum Mincio ab und
geht bei Valeggio in die Ebene über; die andere Seite fällt in
einem langen Bogen nach Südosten zur Etsch ab, die sie bei Busso-
lengo erreicht. Sie wird von Norden nach Süden durch eine tiefe
Schlucht in zwei annähernd gleiche Abschnitte geteilt, durch die
das Flüßchen Tione fließt. Eine vom Mincio heranrückende Streit-
macht muß also zuerst den Übergang über den Fluß erzwingen und
wird gleich darauf durch diese Schlucht von neuem aufgehalten
werden. Am Rande des Abhangs zur Ebene und östlich der Schlucht
liegen folgende Dörfer: am weitesten südlich Custozza, weiter
nördlich Sommacampagna, Sona und Santa Giustina. Die Eisenbahnli-
nie von Peschiera nach Verona verläuft zwischen den Bergen bei
Sommacampagna und kreuzt die Straße bei Sona.
Nachdem die Piemontesen 1848 Peschiera genommen hatten, schlössen
sie Mantua ein und dehnten die Frontlinie ihrer Armee von dort
bis nach Rivoli am Gardasee aus, wobei deren Zentrum die erwähn-
ten Berge besetzte. Am 23. Juli rückte Radetzky von Verona aus
mit sieben Brigaden vor, durchbrach diese übermäßig ausgedehnte
Linie im Zentrum und besetzte nun seinerseits die Berge. Am 24.
und 25. versuchten die Piemontesen die Position zurückzuerobern,
wurden jedoch am 25. entscheidend geschlagen und zogen sich so-
fort über Mailand hinter den Tessin zurück. Diese erste Schlacht
von Custozza entschied den Feldzug von 1848.
Die Telegramme des italienischen Hauptquartiers über die Schlacht
vom vergangenen Sonntag sind ziemlich widersprüchlich; doch wenn
wir die Telegramme der anderen Seite noch zu Rate ziehen, erhal-
ten wir eine ziemlich klare Vorstellung von den Umständen, unter
denen die Schlacht geschlagen wurde. Viktor Emanuel wollte sein
1. Korps (General Durando, vier Divisionen oder 68 Bataillone)
eine Position zwischen Peschiera und Verona beziehen lassen, um
eine eventuelle Belagerung von Peschiera zu decken. Diese Posi-
tion mußte natürlich Sona und Sommacampagna sein. Das 2. Korps
(General Cucchiari, drei Divisionen oder 51 Bataillone) und das
3. Korps (General Della Rocca, in gleicher Stärke wie das zweite)
sollten beide gleichzeitig den Mincio überschreiten, um die Ope-
rationen des 1. Korps zu decken. Das 1. Korps muß den Fluß in der
Nähe oder südlich von Salionze überschritten haben und sofort in
Richtung auf die Berge
#180# Friedrich Engels
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vorgegangen sein; das 2. scheint bei Valeggio und das 3. bei
Goito den Fluß überquert zu haben und in der Ebene vorgerückt zu
sein. Das geschah am Sonnabend, dem 23. Juli. Die österreichische
Brigade Pulz, die die Vorhut am Mincio bildete, zog sich langsam
auf Verona zurück; doch am Sonntag, dem Jahrestag von Solferino,
debouchierte die gesamte österreichische Armee aus Verona und
rückte gegen den Feind. Sie scheint noch rechtzeitig eingetroffen
zu sein, um die Berge von Sona und Sommacampagna sowie den
Ostrand der Tioneschlucht vor den Italienern zu besetzen. Der
Kampf dürfte dann hauptsächlich um den Durchgang durch die
Schlucht entbrannt sein. Die beiden Korps in der Ebene, die am
südlichsten Ende vorrückten, konnten gemeinsam mit dem l. italie-
nischen Korps operieren, das die Berge besetzt hatte, und so fiel
Custozza in ihre Hände. Allmählich rückten die Italiener in der
Ebene immer weiter auf Verona vor, um die Österreicher an der
Flanke und im Rücken anzugreifen; diese schickten ihnen Truppen
entgegen. Folglich haben sich die Frontlinien der beiden Armeen,
die ursprünglich nach Osten bzw. nach Westen gerichtet waren, um
einen Viertelkreis gedreht; die Österreicher stehen jetzt mit der
Front nach Süden gerichtet und die Italiener nach Norden. Doch da
die Berge von Custozza aus nach Nordosten zurücktreten, konnte
sich diese Flankenbewegung des 2. und 3.Korps der Italiener nicht
sofort auf die Position ihres 1. Korps auf den Höhen auswirken,
weil sie nicht ohne Gefahr für die flankierenden Truppen selbst
weit genug ausgedehnt werden konnte. Deshalb scheinen die Öster-
reicher gegen das 2. und 3. Korps nur so viele Truppen eingesetzt
zu haben, um ihren ersten Ansturm brechen zu können, während sie
jeden verfügbaren Mann gegen das l. Korps warfen und dieses dank
zahlenmäßiger Überlegenheit zerschlugen. Sie hatten vollen Er-
folg; das 1. Korps wurde nach erbittertem Kampf zurückgeworfen,
und schließlich erstürmten die Österreicher Custozza. Dadurch muß
der rechte Flügel der Italiener, der ost- und nordostwärts über
Custozza hinaus vorrückte, ernsthaft gefährdet gewesen sein; so
kam es zu einem neuen Kampf um das Dorf, bei dem anscheinend die
verlorene Verbindung wiederhergestellt und der österreichische
Vormarsch von Custozza her aufgehalten worden ist. Doch der Ort
blieb in ihren Händen, und die Italiener mußten sich noch in der-
selben Nacht über den Mincio zurückziehen.
Diese Skizze der Schlacht soll keine historische Schilderung
sein, für die uns bisher noch viele nötige Einzelheiten fehlen;
sie ist lediglich ein Versuch, an Hand der Karte und mit etwas
militärischem Verständnis die verschiedenen Telegramme über die
Schlacht miteinander in Einklang zu
#181# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
-----
bringen. Und waren die Telegramme nur einigermaßen richtig und
vollständig, dann sind wir dessen gewiß, daß sich das allgemeine
Bild der Schlacht nicht sehr von dem unterscheiden wird, das wir
gezeichnet haben.
Die Österreicher verloren etwa 600 Gefangene, die Italiener etwa
2000 und einige Geschütze. Das zeigt, daß die Schlacht eine Nie-
derlage, aber keine Katastrophe gewesen ist. Die Kräfte müssen
einander ziemlich ebenbürtig gewesen sein, obgleich die Öster-
reicher sehr wahrscheinlich weniger Truppen auf dem Kampfplatz
hatten als ihre Gegner. Die Italiener haben allen Grund sich zu
gratulieren, daß sie nicht in den Mincio getrieben wurden. Die
Position des 1. Korps, das zwischen diesem Fluß und der Schlucht
auf einem Landstreifen von zwei bis vier Meilen Breite lag und
einen überlegenen Feind vor sich hatte, war erheblich gefährdet.
Es war zweifellos ein Fehler, die Hauptkräfte in die Ebene zu
schicken, während die beherrschenden Höhen, die entscheidenden
Punkte, vernachlässigt wurden. Den größten Fehler aber beging
man, wie oben bereits erwähnt, als man die Armee teilte, Cialdini
mit 60 000 Mann am unteren Po ließ und nur mit dem Rest angriff.
Cialdini hätte zu einem Sieg vor Verona beitragen und dann nach
dem Rückmarsch zum unteren Po viel leichter über den Fluß setzen
können, wenn es wirklich notwendig war, dieses kombinierte Manö-
ver um jeden Preis durchzuführen. Im Augenblick scheint er noch
auf dem gleichen Fleck zu stehen wie schon am ersten Tage und
wird nun wohl auf stärkere Kräfte treffen als bisher. Die Italie-
ner sollten mittlerweile erkannt haben, daß ihnen ein äußerst
hartnäckiger Gegner gegenübersteht. Bei Solferino hielt Benedek
mit 26 000 Österreichern die gesamte, doppelt so starke piemon-
tesische Armee einen ganzen Tag lang in Schach, bis er infolge
der Niederlage, welche das andere Korps gegen die Franzosen er-
litten hatte, den Befehl zum Rückzug erhielt. Die damalige pie-
montesische Armee war bedeutend besser als die jetzige italieni-
sche Armee; sie war besser ausgebildet, war homogener und ver-
fügte über bessere Offiziere. Die jetzige Armee wurde erst vor
kurzem aufgestellt und leidet natürlich an all den Mängeln, mit
denen eine solche Armee behaftet ist. Die jetzige österreichische
Armee hingegen übertrifft bei weitem die Armee von 1859. Natio-
nale Begeisterung ist eine vortreffliche und fördernde Sache,
doch wenn sie nicht mit Disziplin und Organisiertheit gepaart
ist, kann niemand eine Schlacht damit gewinnen. Selbst Garibaldis
"Tausend" waren nicht einfach ein Haufe von Enthusiasten; es wa-
ren ausgebildete Leute, welche 1859 gelernt hatten, Befehlen zu
gehorchen und dem Feuer standzuhalten. Es bleibt zu hoffen, daß
der Stab der italienischen Armee in seinem eigenen
#182# Friedrich Engels
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Interesse sich unüberlegter Operationen enthalten wird gegen eine
Armee, die, wenn auch zahlenmäßig unterlegen, der italienischen
Armee im wesentlichen überlegen ist und außerdem eine der stärk-
sten Positionen in Europa behauptet.
IV
Gesetzt, einem jungen preußischen Fähnrich oder Kornett würde bei
der Leutnantsprüfung die Frage gestellt, was der sicherste Plan
für den Einfall einer preußischen Armee in Böhmen wäre? Gesetzt,
unser junger Offizier würde antworten: "Das beste wäre, die Trup-
pen in zwei etwa gleich starke Armeen zu teilen und die eine nach
Osten um das Riesengebirge, die andere nach Westen zu schicken,
so daß sie sich in Gitschin vereinigten." Was würde der prüfende
Offizier dazu sagen? Er würde den jungen Herrn informieren, daß
dieser Plan gegen die beiden wichtigsten Gesetze der Strategie
verstoße: erstens, seine Truppen nie so zu teilen, daß sie einan-
der nicht unterstützen können, sondern sie näher beisammenzuhal-
ten; und zweitens, im Falle eines Vormarsches auf verschiedenen
Straßen die Vereinigung der verschiedenen Kolonnen an einem Punkt
zu vollziehen, der nicht in Reichweite des Feindes liegt; daß
deshalb der vorgeschlagene Plan der denkbar schlechteste sei; daß
er überhaupt nur dann in Betracht gezogen werden könnte, wenn
Böhmen von feindlichen Truppen völlig frei sei; und daß somit ein
Offizier, der einen solchen Feldzugsplan vorschlägt, nicht einmal
ein Leutnantspatent verdiene.
Doch gerade das ist der Plan, den der weise und gelehrte Stab der
preußischen Armee angenommen hat. Es ist last unglaublich, aber
es ist wahr. Den Fehler, den die Italiener bei Custozza büßen
mußten, haben nun die Preußen erneut begangen, und dies unter Um-
ständen, die ihn zehnmal schlimmer machen. Die Italiener wußten
wenigstens, daß sie mit zehn Divisionen dem Feind zahlenmäßig
überlegen sein würden. Die Preußen mußten wissen, daß ihre neun
Korps, wenn sie zusammengehalten werden, Benedeks acht Korps zah-
lenmäßig bestenfalls gleichkommen könnten und daß sie durch Tei-
lung ihrer Truppen die beiden Armeen dem fast sicheren Schicksal
aussetzten, durch zahlenmäßig überlegene Kräfte nacheinander ge-
schlagen zu werden. Wäre König Wilhelm nicht selbst Oberbefehls-
haber, so wäre es völlig unerklärlich, wie ein derartiger Plan
von einem Stab unzweifelhaft fähiger Offiziere, aus denen sich
der preußische Generalstab zusammensetzt, jemals erwogen, ge-
schweige denn beschlossen werden konnte. Doch niemand konnte auch
nur vermuten, daß sich die verhängnisvollen
#183# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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Folgen einer Situation, in der Könige und Prinzen den Oberbefehl
haben, so schnell und so nachdrücklich einstellen würden. Die
Preußen führen jetzt in Böhmen einen Kampf auf Leben und Tod.
Wenn die Vereinigung der beiden Armeen in oder bei Gitschin ver-
hindert wird, wenn jede der beiden geschlagen ist, sich aus Böh-
men zurückziehen und sich beim Rückzug noch weiter von der ande-
ren entfernen muß, dann kann man den Feldzug im wesentlichen als
beendet ansehen. Benedek kann dann die Armee des Kronprinzen wäh-
rend ihres Rückzugs auf Breslau unbeachtet lassen und mit allen
seinen Streitkräften die Armee Prinz Friedrich Karls verfolgen,
die kaum ihrer völligen Vernichtung entgehen dürfte.
Die Frage ist, ob es gelang, diese Vereinigung zu verhindern. Bis
jetzt haben wir keine Nachrichten über Ereignisse, die nach Frei-
tagabend, dem 29. Juni, stattfanden. Die Preußen, die am 28. Juni
von General Edelsheim aus Gitschin (der Ort heißt in Böhmen Ji-
cin) hinausgeworfen wurden, behaupten, die Stadt am 29. wieder
erstürmt zu haben, und das ist die letzte Information, die wir
besitzen. Die Vereinigung war noch nicht erfolgt; zu diesem Zeit-
punkt waren mindestens vier österreichische und ein Teil des
sächsischen Armeekorps gegen ungefähr fünf oder sechs preußische
Korps eingesetzt.
Die Österreicher traten den einzelnen Kolonnen der Armee des
Kronprinzen, als diese auf der böhmischen Seite der Höhen ins Tal
hinabstiegen, an für sie günstigen Punkten entgegen, wo sich das
Tal erweitert und sie dadurch den preußischen Kolonnen in breite-
rer Front gegenübertreten und versuchen konnten, diese daran zu
hindern, zu deployieren, während die Preußen dort, wo dies mög-
lich, Truppen durch die Seitentäler schickten, um ihre Gegner in
Flanke und Rücken zu fassen. Das ist im Gebirgskrieg gewöhnlich
so und erklärt die große Zahl von Gefangenen, die unter solchen
Umständen stets gemacht werden. Unterdessen scheinen die Armeen
Prinz Friedrich Karls und Herwarth von Bittenfelds die Pässe fast
ohne feindlichen Widerstand passiert zu haben; die ersten Zusam-
menstöße fanden an der Iserlinie statt, d.h. fast auf halbem Wege
zwischen den Ausgangspunkten der beiden Armeen. Es wäre ein hoff-
nungsloser Versuch, die äußerst widersprüchlichen und oft völlig
unglaubwürdigen Telegramme, die in den letzten drei oder vier Ta-
gen eingegangen sind, zu entwirren oder in Einklang miteinander
zu bringen.
Der Kampf verlief für beide Seiten mit wechselndem Erfolg; je
nachdem neue Kräfte anrückten, neigte sich der Sieg der einen
oder der anderen Seite zu. Bis Freitag jedoch scheint das Ergeb-
nis des Kampfes im ganzen
#184# Friedrich Engels
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zugunsten der Preußen ausgefallen zu sein. Haben sie sich in Git-
schin behauptet, so ist zweifellos die Vereinigung am Sonnabend
oder Sonntag vollzogen worden, und dann wäre für sie die größte
Gefahr vorbei. Der entscheidende Kampf um die Vereinigung wurde
wahrscheinlich mit konzentrierten Truppenmassen von beiden Seiten
ausgefochten und wird den weiteren Verlauf des Feldzugs zumindest
für die nächste Zeit entschieden haben. Haben die Preußen ge-
siegt, so sind sie mit einem Male aus all ihren selbst verschul-
deten Schwierigkeiten heraus; sie hätten aber dieselben, ja noch
größere Vorteile erreichen können, ohne sich solchen unnötigen
Gefahren auszusetzen.
Der Kampf scheint sehr heftig gewesen zu sein. Die "schwarz-
gelbe" Brigade, die in Schleswig den Königsberg bei Oberselk
einen Tag vor der Räumung des Danewerks erstürmte, eröffnete den
Kampf gegen die Preußen. Sie wird nach den Aufschlägen und Kragen
der beiden Regimenter, aus denen sie besteht, schwarz-gelbe ge-
nannt und galt seit jeher als eine der besten Brigaden im Heer.
Sie wurde jedoch vom Zündnadelgewehr geschlagen, und über 500
Mann vom Regiment Martini wurden nach fünfmaligem, vergeblichem
Angriff auf die preußischen Linien gefangengenommen. Bei einem
folgenden Engagement wurde die Fahne des 3. Bataillons des Regi-
ments Deutschmeister erobert. Dieses Regiment, das ausschließlich
in Wien rekrutiert worden war, gilt als das beste der ganzen Ar-
mee. Die besten Truppen sind demnach bereits eingesetzt worden.
Die Preußen müssen sich für eine langjährige Friedensarmee glän-
zend geschlagen haben. Vom Augenblick der tatsächlichen Kriegser-
klärung an zog ein völlig anderer Geist in die Armee ein, der
hauptsächlich der Verjagung der kleinen Potentaten im Nordwesten
Deutschlands [132] geschuldet war. Das ließ die Truppen glauben -
gleichgültig, ob zu Recht oder Unrecht, wir konstatieren nur die
Tatsache -, daß sie diesmal für die Einigung Deutschlands in den
Kampf ziehen sollten, und die bis dahin mürrischen und verdrieß-
lichen Männer der Reserve und der Landwehr überschritten nun die
österreichische Grenze mit lautem Hurra. Darauf ist es hauptsäch-
lich zurückzuführen, daß sie so gut kämpften; den größten Teil
aller ihrer Erfolge muß man jedoch ihren Hinterladern zuschrei-
ben; und wenn sie überhaupt aus den Schwierigkeiten herauskommen,
in die ihre Generale sie so leichtfertig gebracht haben, so wer-
den sie das dem Zündnadelgewehr zu verdanken haben. Die Berichte
von der gewaltigen Überlegenheit dieser Waffe gegenüber den Vor-
derladern sind wiederum einmütig. Ein gefangener Sergeant vom Re-
giment Martini sagte zu dem Korrespondenten der "Kölnischen Zei-
tung" [133]
#185# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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"Zwar was man nur von braven Soldaten verlangen kann, haben wir
gewiß getan, aber gegen dieses Schnellfeuer kann keiner ankom-
men."
Wenn die Österreicher geschlagen wurden, so wird für das Ergebnis
nicht so sehr General Benedek oder General Ramming wie General
"Ramrod" 1*) zu tadeln sein.
Im Nordwesten haben sich die Hannoveraner ergeben, nachdem ihnen
durch einen scharfen Angriff der Vorhut General Manteuffels unter
General Flies ihre Lage bewußt geworden war. Dadurch werden 59
preußische Bataillone für den Einsatz gegen die Bundestruppen
frei. Es war übrigens höchste Zeit, daß das geschah, ehe Bayern
seine Kriegsrüstung abgeschlossen hatte, da sonst weit stärkere
Kräfte zur Niederwerfung Südwestdeutschlands erforderlich wären.
Bayern ist bekanntlich immer langsam und im Rückstand mit seinen
militärischen Vorkehrungen, doch wenn es sie abgeschlossen hat,
kann es 60 000 bis 80 000 gute Soldaten ins Feld führen. Wir wer-
den nun vielleicht bald von einer schnellen Konzentration der
Preußen am Main und aktiven Operationen gegen Prinz Alexander von
Hessen-Darmstadt und seine Armee hören.
V
Der Feldzug, den die Preußen mit einem groben strategischen
Schnitzer begannen, ist von ihnen seitdem mit so gewaltiger tak-
tischer Energie fortgesetzt worden, daß er in genau acht Tagen
zum siegreichen Ende geführt wurde.
Wir schrieben in unserem letzten Artikel, daß der preußische Plan
eines Einfalls in Böhmen mit zwei durch das Riesengebirge ge-
trennten Armeen nur dann gerechtfertigt werden könnte, wenn Böh-
men von feindlichen Truppen frei sei. General Benedeks geheimnis-
voller Plan scheint hauptsächlich darin bestanden zu haben, ge-
rade solch eine Lage zu schaffen. Es scheinen nur zwei österrei-
chische Armeekorps - das 1. (Clam-Gallas) und das 6. (Ramming) -
in der Nordwestecke Böhmens gestanden zu haben, wo - wie wir dies
von Anfang an erwarteten - die entscheidenden Aktionen erfolgen
mußten. Wenn damit beabsichtigt war, die Preußen in eine Falle zu
locken, dann ist das Benedek so gut gelungen, daß er selbst in
die Falle ging. Dennoch, der preußische Vormarsch in zwei Kolon-
nen, die durch etwa vierzig bis fünfzig Meilen unpassierbaren Ge-
ländes getrennt sind,
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1*) "Ladestock" (bei Vorderladern)
#186# Friedrich Engels
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zu einem Vereinigungspunkt, der zwei volle Tagemärsche von den
Ausgangspunkten entfernt und im Bereich der feindlichen Linien
liegt - dieser Vormarsch bleibt auf jeden Fall und unter allen
Umständen ein höchst gefährliches Manöver, das mit einer voll-
ständigen Niederlage hätte enden können, wären nicht Benedeks
sonderbare Langsamkeit, die unerwartete Stoßkraft der preußischen
Truppen und die Hinterlader gewesen.
Der Vormarsch Prinz Friedrich Karls erfolgte mit drei Korps (dem
3., 4. und 2., das letzte als Reserve) über Reichenberg, nördlich
einer schwer passierbaren Bergkette, an deren Südseite General
Herwarth mit eineinhalb Korps (dem 8. und einer Division des 7.)
vorrückte. Zur gleichen Zeit stand der Kronprinz mit dem 1., 5.
und 6. Korps und der Garde in den Bergen bei Glatz. Die Armee war
also in drei Heersäulen geteilt - 45 000 Mann auf dem rechten
Flügel, 90 000 Mann im Zentrum und 120 000 Mann auf dem linken
Flügel -, wobei keine dieser Heersäulen die anderen unterstützen
konnte, zumindest nicht für einige Tage. Wenn überhaupt jemals,
so bot sich hier einem General, der über mindestens die gleiche
Zahl Soldaten verfügte, die Gelegenheit, seinen Gegner einzeln zu
schlagen. Aber man scheint nichts dergleichen unternommen zu ha-
ben. Am 26. Juni hatte Prinz Friedrich Karl den ersten ernsten
Zusammenstoß bei Turnau mit einer Brigade des 1. Korps, durch den
er die Verbindung mit Herwarth herstellte; am 27. nahm der letz-
tere Münchengrätz, während die erste Kolonne der Armee des Kron-
prinzen, das 5. Korps, über Nachod hinaus vorrückte und das 6.
österreichische Korps (Ramming) entscheidend schlug; am 28., dem
einzigen etwas unglücklichen Tag für die Preußen, nahm die Vorhut
Prinz Friedrich Karls Gitschin, wurde jedoch durch die Kavallerie
General Edelsheims wieder hinausgeworfen, während das 1. Korps
der Armee des Kronprinzen bei Trautenau durch das 10. österrei-
chische Korps unter Gablenz aufgehalten wurde und dabei einige
Verluste erlitt; es wurde erst durch den Vormarsch der Garde in
Richtung Eipel, auf einer zwischen dem 1. und 5. preußischen
Korps liegenden Straße, entsetzt. Am 29. stürmte Prinz Friedrich
Karl Gitschin, und die Armee des Kronprinzen vernichtete das 6.,
8. und 10. österreichische Korps vollständig. Am 30. wurde ein
neuer Versuch Benedeks, mit dem 1. Korps und der sächsischen Ar-
mee Gitschin wiederzuerobern, glänzend zurückgeschlagen, wonach
die beiden preußischen Armeen die Vereinigung vollzogen. Die
Österreicher erlitten Verluste in einer Stärke von mindestens
eineinhalb Korps, während die der Preußen weniger als ein Viertel
davon betragen.
Wir sehen also, daß die Österreicher am 27. Juni nur über zwei
Armeekorps zu je etwa 33 000 Mann verfügten, am 28. über drei, am
29. über vier
#187# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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und, wenn die Angaben eines preußischen Telegramms stimmen, über
den Teil eines fünften Korps (des 4. Korps); und erst am 30.
konnte das sächsische Armeekorps zur Unterstützung anrücken. So
fehlten denn während dieser ganzen Zeit zwei, wenn nicht drei
Korps auf dem Kampffeld, während die Preußen in Böhmen ihre ge-
samten Kräfte konzentrierten. Bis zum Abend des 29. Juni war
tatsächlich die Masse der österreichischen Truppen auf dem
Kriegsschauplatz zahlenmäßig kaum stärker als jede der beiden
preußischen Armeen, und da sie nacheinander in den Kampf geführt
wurden und die Verstärkungen erst nach der Niederlage der bereits
eingesetzten Truppen eintrafen, war das Ergebnis verheerend.
Das 3. Armeekorps (Erzherzog Ernst), das bei Custozza kämpfte,
soll unmittelbar nach jener Schlacht mit der Eisenbahn nach Nor-
den geschickt worden sein und wird in einigen Berichten mit bei
den Truppen erwähnt, die unter dem Befehl Benedeks operierten.
Aber dieses Korps, mit dem die Armee einschließlich der Sachsen
auf insgesamt neun Korps anwachsen würde, konnte nicht mehr
rechtzeitig anrücken, um noch in die Kämpfe der letzten Junitage
einzugreifen.
Was für Fehler auch im Operationsplan der Preußen gelegen haben
mögen, durch ihre Schnelligkeit und entschiedenen Aktionen haben
sie diese wieder wettgemacht. Man kann an den Operationen keiner
ihrer beiden Armeen etwas aussetzen. Kurz, scharf und entschieden
waren alle ihre Schläge und hatten vollen Erfolg. Diese Energie
erschlaffte auch nach der Vereinigung der beiden Armeen nicht;
sie marschierten weiter vorwärts, und bereits am 3. Juli traf die
gesamte preußische Armee auf Benedeks vereinigte Kräfte und ver-
setzte diesen einen letzten vernichtenden Schlag. [134]
Es ist kaum anzunehmen, daß Benedek diese Schlacht aus eigenem
Willen annahm. Zweifellos zwang ihn die schnelle Verfolgung durch
die Preußen, sich mit seiner ganzen Armee in einer starken Posi-
tion zu halten, um seine Truppen neu zu formieren und dem Train
seiner zurückgehenden Armee einen Tag Vorsprung zu geben, wobei
er nicht erwartete, daß er tagsüber mit ganzer Kraft angegriffen
werde, und darauf hoffte, sich während der Nacht zurückziehen zu
können. Ein Mann in seiner Lage mit vier vollständig geschlagenen
Korps und nach solch ungeheuren Verlusten würde niemals eine so-
fortige Entscheidungsschlacht anstreben, wenn er die Möglichkeit
eines sicheren Rückzuges hatte. Doch die Preußen scheinen ihn zum
Kampf gezwungen zu haben; das Ergebnis war die vollständige Nie-
derlage der Österreicher, die jetzt, falls der Waffenstillstand
noch nicht abgeschlossen ist, versuchen werden, unter äußerst un-
günstigen Bedingungen auf Olmütz oder Wien zurückzugehen, denn
die geringste Bewegung
#188# Friedrich Engels
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der Preußen zur Umgehung des österreichischen rechten Flügels
müßte zahlreiche österreichische Abteilungen von der direkten
Marschlinie abschneiden und in die Glatzer Berge treiben, wo sie
gefangengenommen würden. Die "Nordarmee", noch vor zehn Tagen in
Europa ein ausgezeichnetes Heer, hat aufgehört zu bestehen.
Zweifellos hat daran das Zündnadelgewehr mit seinem Schnellfeuer
einen großen Anteil gehabt. Ohne dieses Gewehr wäre es wohl kaum
zur Vereinigung der beiden preußischen Armeen gekommen; und ganz
gewiß konnte dieser gewaltige und schnelle Erfolg nicht ohne
solch eine überlegene Feuerkraft erzielt werden, neigt doch die
österreichische Armee im allgemeinen weniger z u r Panik als
die meisten europäischen Armeen. Doch, für den Erfolg waren noch
andere Umstände ausschlaggebend. Wir haben bereits die ausge-
zeichnete Verfassung und die entschiedenen Aktionen der beiden
preußischen Armeen vom Augenblick ihres Einmarsches in Böhmen an
erwähnt. Wir können hinzufügen, daß sie in diesem Feldzug auch
vom System der Kolonne abgingen und ihre Truppen hauptsächlich in
deployierter Linie vorrücken ließen, um so jedes Gewehr einsetzen
und die Soldaten vor dem Artilleriefeuer schützen zu können. Man
muß anerkennen, daß die Bewegungen auf dem Marsch wie auch vor
dem Feinde mit einer Ordnung und Genauigkeit ausgeführt wurden,
die niemand hätte erwarten können von einer Armee und Führung, an
denen der Rost von fünfzig Friedensjahren saß. Und schließlich
mußte die ganze Welt über das entschlossene Vorgehen dieser jun-
gen Truppen bei ausnahmslos jedem Gefecht überrascht sein. Es ist
leicht gesagt, daß es die Hinterlader taten, doch sie gehen nicht
von selbst los, es bedarf tapferer Herzen und starker Arme, um
sie zu führen. Die Preußen fochten sehr oft gegen eine Übermacht
und waren fast überall der angreifende Teil. Die Österreicher
hatten daher die Wahl des Terrains. Und beim Angriff auf starke
Stellungen und befestigte Städte schwinden die Vorteile der Hin-
terlader beinahe völlig; da hat das Bajonett die Arbeit zu ver-
richten, und davon gab es eine ganze Menge zu tun. Die Kavallerie
ging überdies mit derselben Entschlossenheit vor, und bei ihr
sind kalter Stahl und Schnelligkeit der Pferde die einzigen Waf-
fen beim Angriff. Die französischen Zeitungsenten, wonach die
preußische Kavallerie ihre Gegner zuerst mit Karabinerfeuer (aus
Hinterladern oder anderen Waffen) überschüttete und sich erst
dann mit dem Säbel auf sie stürzte, konnten nur dort entstehen,
wo die Kavallerie sehr oft zu diesem Trick Zuflucht genommen hat
und dafür stets bestraft worden ist, indem sie durch den überle-
gensn Ansturm des Angreifers niedergeworfen wurde. Es ist nicht
verfehlt zu sagen, daß die preußische Armee in einer einzigen
#189# Betrachtungen über den Krieg in Deutschland
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Woche die beste Position eroberte, die sie je innehatte. Sie kann
sich jetzt sicher fühlen, jedem anderen Gegner überlegen zu sein.
Es gibt in der Geschichte keinen Feldzug, wo ein gleichermaßen
hervorragender Erfolg in ebenso kurzer Zeit und ohne irgendeine
bemerkenswerte Schlappe erzielt worden ist, außer der Schlacht
bei Jena, in der die gesamte damalige preußische Armee vernichtet
wurde, und der Schlacht bei Waterloo, wenn wir hierbei von der
Niederlage bei Ligny absehen. [135]
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