Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


       zurück

       #190#
       -----
       Karl Marx
       
       Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats
       zu den einzelnen Fragen [136]
       
       ["The International Courier" Nr. 6-7 und 8-10 vom 20. Februar und
       13. März 1867]
       1. Organisation der Internationalen Assoziation
       
       Im ganzen  genommen empfiehlt  der Provisorische  Zentralrat  den
       P l a n   d e r  O r g a n i s a t i o n,  wie er in den Proviso-
       rischen Statuten  vorgezeichnet ist.  Zweijährige  Erfahrung  hat
       seine Richtigkeit  und die  Möglichkeit seiner  Anwendung auf die
       verschiedenen Länder,  ohne Schaden  für die  Einheit der Aktion,
       bewiesen. Für  nächstes Jahr  empfehlen wir  London als  Sitz des
       Zentralrats, da  die Lage  auf dem  Kontinent ungünstig für einen
       Wechsel ist.
       Die Mitglieder  des Zentralrats,  wie sich  von selbst  versteht,
       werden vom Kongreß gewählt (nach Art. 5 der Provisorischen Statu-
       ten); der  Zentralrat ist ermächtigt, sich neue Mitglieder beizu-
       fügen.
       Der    G e n e r a l s e k r e t ä r   soll vom  Kongreß auf  ein
       Jahr gewählt  werden und der einzige bezahlte Beamte der Assozia-
       tion sein.  Wir schlagen vor, ihm 2 Pfd. St. die Woche zu zahlen.
       1*)
       Der einheitliche   j ä h r l i c h e   B e i t r a g    soll  für
       j e d e s   e i n z e l n e  M i t g l i e d  d e r  A s s o z i-
       a t i o n   e i n e n   h a l b e n   P e n n y  (vielleicht auch
       einen Penny) betragen. Der Preis für die Mitgliedskarten (Bücher)
       ist extra zu entrichten.
       Während wir die Mitglieder der Assoziation aufrufen, Gesellschaf-
       ten der  gegenseitigen Hilfe  zu bilden  und eine  internationale
       Verbindung zwischen  ihnen herzustellen,  überlassen wir  die In-
       itiative in dieser Frage
       -----
       1*) Im "Courrier  international" ist hier folgender Absatz einge-
       fügt: "Das  Ständige Komitee,  das in  Wirklichkeit die Exekutive
       des Zentralrats darstellt, wird vom Kongreß gewählt; die Funktion
       jedes seiner Mitglieder wird jedoch vom Zentralrat bestimmt."
       
       #191# Instruktionen für die Delegierten des Zentralrats
       -----
       (etablissement des  sociétés de  secours mutuels. Appui inoral et
       matériel accordé  aux orphelins de l'association 1*)) den Schwei-
       zern, die  dies ursprünglich auf der Konferenz im September vori-
       gen Jahres vorschlugen.
       
       2. Internationale Vereinigung der Anstrengungen im Kampf
       zwischen Arbeit und Kapital mit Hilfe der Assoziation
       
       (a) Vom allgemeinen  Standpunkt umfaßt  diese Frage die ganze Tä-
       tigkeit der  Internationalen Assoziation,  deren Ziel es ist, die
       bisher zerstreuten  Anstrengungen der  Arbeiterklasse in den ver-
       schiedenen Ländern für die Emanzipation zu vereinigen und zu ver-
       allgemeinern.
       (b) Eine der  besonderen Funktionen,  die unsere  Assoziation bis
       jetzt mit  Erfolg ausgeübt  hat, ist der Widerstand gegen die In-
       trigen der  Kapitalisten, die  stets bereit sind, bei Arbeitsein-
       stellungen und  Aussperrungen die  Arbeiter  fremder  Länder  als
       Werkzeuge gegen die Arbeiter ihrer eigenen Länder zu mißbrauchen.
       Es ist  eine der  großen Aufgaben  der Assoziation, zu erreichen,
       daß die Arbeiter der verschiedenen Länder sich nicht nur als Brü-
       der und  Kameraden der  Emanzipationsarmee  f ü h l e n,  sondern
       auch als solche  h a n d e l n.
       (c) Ein großes  "internationales Werk",  das wir vorschlagen, ist
       die   s t a t i s t i s c h e    U n t e r s u c h u n g    d e r
       L a g e   d e r   a r b e i t e n d e n   K l a s s e   a l l e r
       L ä n d e r,   u n t e r n o m m e n   v o n   d e r   A r b e i-
       t e r k l a s s e   s e l b s t.   Um erfolgreich  zu wirken, muß
       man das  Material kennen,  worauf man wirken will. Durch die Ini-
       tiative eines  so großen  Werks beweisen  die Arbeiter zudem ihre
       Fähigkeit, ihr  Geschick in  die eigenen  Hände  zu  nehmen.  Wir
       schlagen daher vor:
       An jedem Ort, wo ein Zweig unserer Gesellschaft besteht, wird das
       Werk sofort  begonnen und  Material über die verschiedenen Punkte
       des angeführten Untersuchungsplanes gesammelt.
       Der Kongreß ladet alle Arbeiter Europas und der Vereinigten Staa-
       ten Amerikas ein, für die Zusammentragung der Elemente einer Sta-
       tistik der Arbeiterklasse mitzuwirken und ihre Berichte nebst Be-
       weismaterial dem  Zentralrat einzusenden.  Der Zentralrat hat sie
       in einen  Gesamtbericht zu verarbeiten, dem er das Beweismaterial
       als Anhang zufügt.
       Dieser Bericht nebst Anhang ist dem nächsten Jahreskongreß vorzu-
       legen und  nach dessen  Genehmigung auf Kosten der Assoziation zu
       drucken.
       -----
       1*) Gründung von  Gesellschaften der gegenseitigen Hilfe. Morali-
       sche und  materielle Unterstützung für Waisen von Mitgliedern der
       Assoziation
       
       #192# Karl Marx
       -----
       Allgemeines Untersuchungschema, welches, wie sich von selbst
       versteht, je nach Umständen zu verändern und zu ergänzen ist
       1. Gewerk, Name.
       2. Alter und Geschlecht der Arbeiter.
       3. Zahl der beschäftigten Arbeiter.
       4. Löhne:  (a) Lehrlinge  und Gehilfen;  (b) Tagelohn oder Stück-
       lohn; von  Zwischenunternehmern gezahlte Löhne. Wöchentlicher und
       jährlicher Durchschnitt.
       5. (a) Arbeitsstunden in Fabriken, (b) Arbeitsstunden bei kleinen
       Meistern und  in der Hausarbeit, falls das Gewerbe in diesen ver-
       schiedenen Weisen betrieben wird, (c) Nacht- und Tagesarbeit.
       6. Mahlzeitstunden und Behandlung.
       7. Beschaffenheit  der Werkstätten  und der  Arbeit: Überfüllung,
       mangelhafte Ventilation,  Mangel an  Tageslicht,  Gasbeleuchtung,
       Reinlichkeit etc.
       8. Art der Beschäftigung.
       9. Wirkung der Arbeit auf den Körperzustand.
       10. Moralitätszustand. Erziehung.
       11. Charakter  des Geschäfts:  ob mehr  oder weniger gleichförmig
       für das  ganze Jahr  oder an  gewisse Jahreszeiten  gebunden,  ob
       großen Schwankungen  ausgesetzt, ob  fremder Konkurrenz unterwor-
       fen, ob  hauptsächlich für den inneren oder auswärtigen Markt ar-
       beitend etc. [137]
       
       3. Beschränkung des Arbeitstages
       
       Wir erklären  die  B e s c h r ä n k u n g  d e s  A r b e i t s-
       t a g e s   für  eine  Vorbedingung,  ohne  welche  alle  anderen
       Bestrebungen nach Verbesserung und Emanzipation scheitern müssen.
       Sie ist  erheischt, um die Gesundheit und körperliche Energie der
       Arbeiterklasse, d.h. der großen Masse einer jeden Nation, wieder-
       herzustellen und  ihr die  Möglichkeit geistiger Entwicklung, ge-
       sellschaftlichen Verkehrs  und sozialer und politischer Tätigkeit
       zu sichern.
       Wir schlagen  8   A r b e i t s s t u n d e n   als  g e s e t z-
       l i c h e  S c h r a n k e  des Arbeitstages vor. Diese Beschrän-
       kung wird  bereits allgemein  verlangt von den Arbeitern der Ver-
       einigten Staaten  Amerikas [138], und der Beschluß des Kongresses
       wird  sie   zur  allgemeinen  Forderung  der  Arbeiterklasse  der
       gesamten Welt erheben.
       Zur Information der Mitglieder auf dem Kontinent, deren Erfahrun-
       gen auf  dem Gebiete  der Fabrikgesetzgebung relativ gering sind,
       fügen wir
       
       #193# Instruktionen für die Delegierten des Zentralrats
       -----
       hinzu, daß alle gesetzlichen Beschränkungen mißlingen und vom Ka-
       pital durchbrochen werden, wenn nicht die  T a g e s z e i t  be-
       stimmt wird,  in die  die 8  Arbeitsstunden zu  fallen haben. Die
       Länge dieser Zeit sollte bestimmt sein durch die 8 Arbeitsstunden
       und die  zusätzlichen Pausen für Mahl' Zeiten. Wenn z.B. die ver-
       schiedenen Unterbrechungen  für Mahlzeiten   e i n e  S t u n d e
       betragen, so muß die gesetzlich festgelegte Tageszeit auf 9 Stun-
       den festgesetzt  werden, sage  von 7 Uhr morgens bis 4 Uhr abends
       oder von  8 Uhr morgens bis 5 Uhr abends etc. Nachtarbeit ist nur
       ausnahmsweise zu  gestatten in  Gewerben oder Gewerbszweigen, die
       vom Gesetz  genau bezeichnet  sind. Die  Tendenz muß dahin gehen,
       jede Nachtarbeit abzuschaffen.
       Dieser Paragraph bezieht sich nur auf erwachsene Personen, Männer
       und Frauen;  letztere sind  jedoch aufs  strengste von  jeglicher
       N a c h t a r b e i t   auszuschließen, ebenso  von jeder Arbeit,
       die für  den empfindlicheren  weiblichen Organismus schädlich ist
       oder den  Körper giftigen  oder anderen  schädlichen Einwirkungen
       aussetzt. Unter  erwachsenen Personen verstehen wir alle, die das
       18. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben.
       
       4. Arbeit von Jugendlichen und Kindern (beiderlei Geschlechts)
       
       Wir betrachten die Tendenz der modernen Industrie, Kinder und Ju-
       gendliche beiderlei Geschlechts zur Mitwirkung an dem großen Werk
       der gesellschaftlichen  Produktion heranzuziehen,  als eine fort-
       schrittliche, gesunde  und berechtigte  Tendenz, obgleich die Art
       und Weise,  auf welche  diese Tendenz unter der Kapitalherrschaft
       verwirklicht wird,  eine abscheuliche  ist. In  einem rationellen
       Zustand der Gesellschaft sollte  j e d e s  K i n d  vom 9. Jahre
       an ein  produktiver Arbeiter werden, ebenso wie kein arbeitsfähi-
       ger Erwachsener  von dem allgemeinen Naturgesetz ausgenommen sein
       sollte, nämlich  zu arbeiten, um essen zu können, und zu arbeiten
       nicht bloß mit dem Hirn, sondern auch mit den Händen. Für den Au-
       genblick haben wir uns jedoch nur mit den Kindern und jungen Per-
       sonen der Arbeiterklasse zu befassen.
       Aus physischen  Gründen halten wir es für notwendig, daß die Kin-
       der und  jungen Personen beiderlei Geschlechts in  d r e i  Grup-
       pen eingeteilt  werden, die unterschiedlich behandelt werden müs-
       sen. Die  erste Gruppe  soll das Alter von 9 bis 12 Jahren umfas-
       sen, die  zweite das  von 13 bis 15 Jahren und die dritte das von
       16 und 17 Jahren. Wir schlagen vor, daß die Beschäftigung der er-
       sten Gruppe in irgendeiner Werkstätte oder mit häuslicher
       
       #194# Karl Marx
       -----
       Arbeit gesetzlich  auf  z w e i  Stunden beschränkt wird, die der
       zweiten auf   v i e r   und die der dritten auf  s e c h s  Stun-
       den. Für  die dritte Gruppe muß eine Unterbrechung von wenigstens
       einer Stunde für Mahlzeiten oder Erholung gegeben werden.
       Es wäre  wünschenswert, mit dem Elementarunterricht vor dem Alter
       von 9  Jahren zu beginnen; doch wir beschäftigen uns hier nur mit
       dem unerläßlichsten  Gegengift gegen  die Tendenzen eines gesell-
       schaftlichen Systems, das den Arbeiter herabwürdigt zu einem blo-
       ßen Instrument  für die  Akkumulation von  Kapital und die Eltern
       durch ihre  Not zu  Sklavenhaltern, zu  Verkäufern ihrer  eigenen
       Kinder macht. Das  R e c h t  der Kinder und Jugendlichen muß ge-
       schützt werden.  Sie sind nicht imstande, für sich selbst zu han-
       deln. Es ist deshalb die Pflicht der Gesellschaft, für sie einzu-
       treten.
       Wenn die  Bourgeoisie und  Aristokratie ihre  Pflichten gegenüber
       ihren Abkömmlingen vernachlässigen, so ist es ihre eigene Schuld.
       Das Kind,  das die  Vorrechte dieser  Klassen genießt, ist verur-
       teilt, auch unter ihren Vorurteilen zu leiden.
       Mit der  Arbeiterklasse steht es ganz anders. Der einzelne Arbei-
       ter ist  nicht frei in seinen Handlungen. In zu vielen Fällen ist
       er sogar  zu unwissend,  die wahren Interessen seines Kindes oder
       die normalen  Bedingungen der menschlichen Entwicklung zu verste-
       hen. Der  aufgeklärtere Teil  der Arbeiterklasse  begreift jedoch
       sehr gut, daß die Zukunft seiner Klasse und damit die Zukunft der
       Menschheit völlig von der Erziehung der heranwachsenden Arbeiter-
       generation abhängt.  Er weiß, daß vor allem ändern die Kinder und
       jugendlichen Arbeiter  vor den verderblichen Folgen des gegenwär-
       tigen Systems bewahrt werden müssen. Das kann nur erreicht werden
       durch  die   Verwandlung      g e s e l l s c h a f t l i c h e r
       E i n s i c h t   in    g e s e l l s c h a f t l i c h e    G e-
       w a l t,   und unter  den gegebenen  Umständen kann das nur durch
       a l l g e m e i n e  G e s e t z e  geschehen, durchgesetzt durch
       die Staatsgewalt. Bei der Durchsetzung solcher Gesetze stärkt die
       Arbeiterklasse keineswegs  die Macht der Regierung. Im Gegenteil,
       sie verwandelt jene Macht, die jetzt gegen sie gebraucht wird, in
       ihre  eigenen   Diener.  Sie  erreicht  durch  einen  allgemeinen
       Gesetzesakt, was sie durch eine Vielzahl isolierter individueller
       Anstrengungen vergeblich erstreben würde.
       Von diesem  Standpunkt ausgehend,  erklären wir, daß es weder El-
       tern noch Unternehmern gestattet werden darf, die Arbeit von jun-
       gen Personen  anzuwenden, es sei denn, sie ist mit Erziehung ver-
       bunden.
       Unter Erziehung verstehen wir drei Dinge:
       Erstens:  G e i s t i g e  E r z i e h u n g.
       
       #195# Instruktionen für die Delegierten des Zentralrats
       -----
       Zweitens:   K ö r p e r l i c h e  E r z i e h u n g,  wie sie in
       den gymnastischen  Schulen und durch militärische Übungen gegeben
       wird.
       Drittens:  P o l y t e c h n i s c h e  A u s b i l d u n g,  die
       die allgemeinen  Prinzipien aller  Produktionsprozesse vermittelt
       und gleichzeitig  das Kind  und die  junge Person einweiht in den
       praktischen Gebrauch  und die  Handhabung der elementaren Instru-
       mente aller Arbeitszweige.
       Der Einteilung  der jugendlichen  Arbeiter sollte ein stufenweise
       fortschreitender Kursus  der geistigen,  gymnastischen und  poly-
       technischen Ausbildung  angepaßt sein.  Die Kosten  für die poly-
       technischen Schulen  sollten teilweise  durch den  Verkauf  ihrer
       Produkte gedeckt werden.
       Die Verbindung von bezahlter produktiver Arbeit, geistiger Erzie-
       hung, körperlicher  Übung und polytechnischer Ausbildung wird die
       Arbeiterklasse weit  über das  Niveau der  Aristokratie und Bour-
       geoisie erheben.
       Es ist  selbstverständlich, daß  die Beschäftigung aller Personen
       vom 9. bis (einschließlich) 17. Jahre des Nachts und in allen ge-
       sundheitsschädlichen Gewerben  durch Gesetze streng verboten wer-
       den muß.
       
       5. Kooperativarbeit
       
       Es  ist  Aufgabe  der  Internationalen  Arbeiterassoziation,  die
       s p o n t a n e n   B e w e g u n g e n   der  Arbeiterklasse  zu
       vereinigen und  zu verallgemeinern,  doch nicht,  ihnen irgendein
       doktrinäres System  zu diktieren  oder aufzudrängen.  Der Kongreß
       sollte deshalb kein  b e s o n d e r e s  S y s t e m  der Koope-
       ration verkünden,  sondern sich  auf die Darlegung einiger allge-
       meiner Prinzipien beschränken.
       (a) Wir  anerkennen die  Kooperativbewegung als  eine der  Trieb-
       kräfte zur  Umwandlung der  gegenwärtigen Gesellschaft,  die  auf
       Klassengegensätzen beruht.  Ihr großes  Verdienst besteht  darin,
       praktisch zu  zeigen, daß  das bestehende  despotische und  Armut
       hervorbringende System  der  U n t e r j o c h u n g  d e r  A r-
       b e i t   unter das Kapital verdrängt werden kann durch das repu-
       blikanische und  segensreiche System  der   A s s o z i a t i o n
       v o n   f r e i e n   u n d   g l e i c h e n    P r o d u z e n-
       t e n.
       (b) Aber  das Kooperativsystem,  beschränkt auf  die  zwerghaften
       Formen, die  einzelne Lohnsklaven durch ihre privaten Anstrengun-
       gen entwickeln  können, ist niemals imstande, die kapitalistische
       Gesellschaft umzugestalten.  Um die  gesellschaftliche Produktion
       in ein  umfassendes und  harmonisches System freier Kooperativar-
       beit zu  verwandeln,  bedarf  es    a l l g e m e i n e r    g e-
       s e l l s c h a f t l i c h e r       V e r ä n d e r u n g e n ,
       V e r ä n d e r u n g e n   d e r   a l l g e m e i n e n    B e-
       d i n g u n g e n
       
       #196# Karl Marx
       -----
       d e r  G e s e l l s c h a f t,  die nur verwirklicht werden kön-
       nen durch den Übergang der organisierten Gewalt der Gesellschaft,
       d.h. der  Staatsmacht, aus den Händen der Kapitalisten und Grund-
       besitzer in die Hände der Produzenten selbst.
       (c) Wir empfehlen den Arbeitern, sich eher mit Produktivgenossen-
       schaften als  mit Konsumgenossenschaften zu befassen. Die letzte-
       ren berühren  nur die  Oberfläche des  heutigen ökonomischen  Sy-
       stems, die erstem greifen es in seinen Grundfesten an.
       (d) Wir  empfehlen  allen  Kooperativgesellschaften,  einen  Teil
       ihres Gesamteinkommens in einen Fonds zu verwandeln zur Propagie-
       rung ihrer  Prinzipien durch  Wort und  Tat, mit  anderen Worten,
       durch Förderung  der Errichtung von neuen Produktivgenossenschaf-
       ten sowie durch Verbreitung ihrer Lehren.
       (e) Um  zu verhindern,  daß Kooperativgesellschaften zu gewöhnli-
       chen bürgerlichen  Aktiengesellschaften  (sociétés  par  actions)
       entarten, sollten  alle Arbeiter,  die in ihnen beschäftigt sind,
       ob Aktieninhaber oder nicht, gleiche Anteile vom Gewinn erhalten.
       Wir sind  willens zuzugeben,  daß die  Aktieninhaber als eine nur
       zeitweilige Maßnahme Zinsen zu einem niedrigen Prozentsatz erhal-
       ten.
       
       6. Gewerksgenossenschaften. Ihre Vergangenheit,
       Gegenwart und Zukunft
       
       (a) Ihre Vergangenheit.
       Das Kapital  ist konzentrierte  gesellschaftliche Macht,  während
       der Arbeiter  nur über  seine Arbeitskraft  verfügt. Der   K o n-
       t r a k t   zwischen Kapital  und Arbeit kann deshalb niemals auf
       gerechten Bedingungen  beruhen, gerecht  nicht  einmal  im  Sinne
       einer Gesellschaft,  die das  Eigentum an den materiellen Mitteln
       des Lebens  und der  Arbeit der  lebendigen Produktivkraft gegen-
       überstellt. Die  einzige gesellschaftliche Macht der Arbeiter ist
       ihre Zahl.  Die Macht  der Zahl wird jedoch durch Uneinigkeit ge-
       brochen. Die  Uneinigkeit der  Arbeiter wird erzeugt und erhalten
       durch  ihre    u n v e r m e i d l i c h e    K o n k u r r e n z
       u n t e r e i n a n d e r.
       Gewerksgenossenschaften   entstanden   ursprünglich   durch   die
       s p o n t a n e n  Versuche der Arbeiter, diese Konkurrenz zu be-
       seitigen oder  wenigstens einzuschränken,  um Kontraktbedingungen
       zu erzwingen, die sie wenigstens über die Stellung bloßer Sklaven
       erheben würden. Das unmittelbare Ziel der Gewerksgenossenschaften
       beschränkte sich daher auf die Erfordernisse
       
       #197# Instruktionen für die Delegierten des Zentralrats
       -----
       des Tages, auf Mittel zur Abwehr der ständigen Übergriffe des Ka-
       pitals, mit einem Wort, auf Fragen des Lohns und der Arbeitszeit.
       Diese Tätigkeit  der Gewerksgenossenschaften ist nicht nur recht-
       mäßig, sie  ist notwendig. Man kann ihrer nicht entraten, solange
       die heutige  Produktionsweise besteht. Im Gegenteil, sie muß ver-
       allgemeinert werden  durch die  Gründung und  Zusammenfassung von
       Gewerksgenossenschaften in  allen Ländern.  Auf der anderen Seite
       sind die Gewerksgenossenschaften, ohne daß sie sich dessen bewußt
       wurden, zu   O r g a n i s a t i o n s z e n t r e n   der Arbei-
       terklasse geworden,  wie es die mittelalterlichen Munizipalitäten
       und Gemeinden  für das Bürgertum waren. Wenn die Gewerksgenossen-
       schaften notwendig  sind für  den Guerillakrieg  zwischen Kapital
       und Arbeit,  so sind  sie noch  weit wichtiger  als  o r g a n i-
       s i e r t e  K r a f t  z u r  B e s e i t i g u n g  d e s  S y-
       s t e m s   d e r   L o h n a r b e i t   u n d    K a p i t a l-
       h e r r s c h a f t  s e l b s t.
       (b) Ihre Gegenwart.
       Die Gewerksgenossenschaften  haben sich  bisher zu ausschließlich
       mit dem  lokalen und  unmittelbaren Kampf  gegen das  Kapital be-
       schäftigt und haben noch nicht völlig begriffen, welche Kraft sie
       im Kampf  gegen das  System der  Lohnsklaverei selbst darstellen.
       Sie haben sich deshalb zu fern von allgemeinen sozialen und poli-
       tischen Bewegungen  gehalten. In letzter Zeit scheinen sie jedoch
       zum Bewußtsein ihrer großen historischen Mission zu erwachen, wie
       man schließen kann z.B. aus ihrer Beteiligung an der jüngsten po-
       litischen Bewegung  in England  [139], aus der höheren Auffassung
       ihrer Funktion in den Vereinigten Staaten [140] und auch aus fol-
       gendem   B e s c h l u ß   d e r   g r o ß e n  K o n f e r e n z
       d e r   D e l e g i e r t e n   d e r    T r a d e - U n i o n s,
       die kürzlich in Sheffield stattfand:
       
       "Diese Konferenz  würdigt voll und ganz die Anstrengungen der In-
       ternationalen Assoziation, die Arbeiter aller Länder in einem ge-
       meinsamen Bruderbund  zu vereinen,  und empfiehlt  den  verschie-
       denen, hier vertretenen Gesellschaften eindringlich, in diese As-
       soziation einzutreten,  in der Überzeugung, daß sie notwendig ist
       für den  Fortschritt und das Gedeihen der ganzen Arbeiterschaft."
       [141]
       
       (c) Ihre Zukunft.
       Abgesehen von  ihren ursprünglichen Zwecken müssen sie jetzt ler-
       nen, bewußt als organisierende Zentren der Arbeiterklasse zu han-
       deln,  im   großen  Interesse  ihrer    v o l l s t ä n d i g e n
       E m a n z i p a t i o n.   Sie müssen jede soziale und politische
       Bewegung unterstützen,  die diese  Richtung einschlägt.  Wenn sie
       sich selbst  als Vorkämpfer  und Vertreter  der ganzen  Arbeiter-
       klasse betrachten  und danach handeln, muß es ihnen gelingen, die
       Außenstehenden in ihre Reihen zu ziehen. Sie müssen sich sorgfäl-
       tig um die Interessen der
       
       #198# Karl Marx
       -----
       am schlechtesten  bezahlten Gewerbe  kümmern, z.B. der Landarbei-
       ter, die durch besonders ungünstige Umstände ohnmächtig sind 1*).
       Sie müssen  die ganze  Welt zur Überzeugung bringen, daß ihre Be-
       strebungen, weit  entfernt, begrenzte und selbstsüchtige zu sein,
       auf die Emanzipation der unterdrückten Millionen gerichtet sind.
       
       7. Direkte und indirekte Steuern
       
       (a) Keine Änderung der Form der Besteuerung kann zu einer wesent-
       lichen Veränderung in den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital
       führen.
       (b) Wenn  man nichtsdestoweniger  zwischen zwei Steuersystemen zu
       wählen hat,  empfehlen wir  die   v ö l l i g e    A b s c h a f-
       f u n g   d e r   i n d i r e k t e n   S t e u e r n   und  ihre
       a l l g e m e i n e  E r s e t z u n g,  d u r c h  d i r e k t e
       S t e u e r n;
       weil indirekte  Steuern die  Warenpreise  erhöhen,  schlagen  die
       Händler auf  diese Preise  nicht nur  den Betrag  der  indirekten
       Steuer auf,  sondern auch  die Zinsen  und den Profit auf das von
       ihnen vorgeschossene Kapital;
       weil indirekte  Steuern dem  einzelnen verbergen,  was er  an den
       Staat zahlt,  während eine  direkte Steuer unverhüllt und einfach
       ist und  auch vom  Ungebildetsten verstanden werden kann. Die di-
       rekte Steuer  regt deshalb  jeden dazu  an, die Regierung zu kon-
       trollieren, während die indirekte Steuer jede Tendenz zur Selbst-
       verwaltung zerstört.
       
       8. Internationaler Kredit
       
       Die Initiative dazu soll man den Franzosen überlassen.
       
       9. Die polnische Frage 2*)
       
       (a) Warum  greifen die Arbeiter Europas diese Frage auf? Erstens,
       weil die Schreiber und Agitatoren der Bourgeoisie übereingekommen
       sind, sie  totzuschweigen, obgleich sie alle Arten von Nationali-
       täten auf  dem Kontinent  in Schutz  nehmen, selbst Irland. Woher
       dieses Stillschweigen? Weil
       -----
       1*) Im "Courrier  international": außerstande sind zu organisier-
       tem Widerstand  - 2*) im "Courrier international": Die Notwendig-
       keit der  Beseitigung des  russischen Einflusses  in Europa durch
       Verwirklichung des  Rechts der  Nationen auf Selbstbestimmung und
       die Wiederherstellung  Polens  auf  demokratischer  und  sozialer
       Grundlage.
       
       #199# Instruktionen für die Delegierten des Zentralrats
       -----
       sowohl Aristokraten  als auch  Bourgeois die  finstere asiatische
       Macht im  Hintergrund als  eine letzte  Zuflucht gegen  das  Vor-
       schreiten der  Arbeiterklasse betrachten.  Diese Macht  kann  nur
       wirklich gebrochen  werden durch die Wiederherstellung Polens auf
       demokratischer Grundlage.
       (b) Bei  der gegenwärtigen veränderten Lage in Mitteleuropa, ins-
       besondere in Deutschland, ist es mehr denn je nötig, ein demokra-
       tisches Polen  zu haben.  Ohne dieses wird Deutschland zum Vorpo-
       sten der Heiligen Allianz werden, mit ihm ein Verbündeter des re-
       publikanischen Frankreichs. Die Arbeiterbewegung wird ständig ge-
       stört, gehemmt und verzögert werden, solange diese große europäi-
       sche Frage ungelöst bleibt.
       (c) Es ist speziell die Pflicht der deutschen Arbeiterklasse, die
       Initiative in  dieser Frage  zu ergreifen,  weil Deutschland  ein
       Mitschuldiger an den Teilungen Polens ist.
       
       10. Die Armeen 1*)
       
       (a) Der  verderbliche Einfluß von großen stehenden Heeren auf die
       P r o d u k t i o n  ist auf bürgerlichen Kongressen aller Arten,
       auf Friedenskongressen,  ökonomischen  Kongressen,  statistischen
       Kongressen, philanthropischen  Kongressen und soziologischen Kon-
       gressen, zur  Genüge dargelegt  worden. Wir  halten es  daher für
       überflüssig, uns über diesen Punkt zu verbreiten.
       (b) Wir  schlagen allgemeine  Volksbewaffnung und allgemeine Aus-
       bildung im Waffengebrauch vor.
       (c) Wir stimmen, als einer vorübergehenden Notwendigkeit, kleinen
       stehenden Heeren zu, die als Schulen für Offiziere der Miliz die-
       nen; jeder  männliche Bürger soll auf kurze Zeit in diesen Armeen
       dienen.
       
       11. Die religiöse Frage 2*)
       
       Die Initiative dazu soll man den Franzosen überlassen.
       Geschrieben Ende August 1866.
       
       Aus dem Englischen.
       -----
       1*) Im "Courrier  international": Stehende  Heere und ihre Bezie-
       hungen zur  Produktion -  2*) "Courrier international": Religiöse
       Ideen; ihr  Einfluß auf die soziale, polnische und intellektuelle
       Entwicklung

       zurück