Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Karl Marx
[Rede auf dem Polenmeeting in London am 22. Januar 1867 [142]
["Glos Wolny" Nr.130 vom 10. Februar 1867]
Meine Damen und Herren! 1*)
Vor mehr als dreißig Jahren brach in Frankreich eine Revolution
aus. Das war ein von der St. Petersburger Vorsehung nicht voraus-
gesehenes Ereignis, hatte diese doch kurz zuvor erst einen Ge-
heimvertrag mit Karl X. abgeschlossen, um die Verwaltung und geo-
graphische Ordnung Europas zu verbessern. Nach Eingang dieser
Nachricht, die alle Pläne durchkreuzte, rief Zar Nikolaus die Of-
fiziere seiner Garde zusammen und hielt eine kurze kriegerische
Ansprache an sie, die mit den Worten endete: Zu Pferd, meine Her-
ren! Das war keine leere Drohung. Paskewitsch wurde nach Berlin
geschickt, um dort den Plan für den Einfall in Frankreich vorzu-
bereiten. Innerhalb weniger Monate war alles bereit. Die Preußen
sollten sich am Rhein konzentrieren, die polnische Armee sollte
in Preußen einmarschieren, und die Moskowiter [143] sollten ihnen
folgen. Aber dann "wandte sich die Vorhut gegen die Hauptarmee",
wie Lafayette in der französischen Deputiertenkammer sagte. Der
Aufstand in Warschau rettete Europa vor einem zweiten Antijakobi-
nerkrieg.
Achtzehn Jahre später erfolgte ein neuer revolutionärer Vul-
kanausbruch oder vielmehr ein Erdbeben, das den ganzen Kontinent
erschütterte. Selbst Deutschland begann sich zu rühren, obwohl es
von Rußland seit dem sogenannten Unabhängigkeitskriege ständig an
der mütterlichen Leine gehalten wurde. Noch erstaunlicher aber
ist, daß von allen deutschen Städten Wien als erste den Versuch
unternahm, Barrikaden zu errichten, und das
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1*) "Glos Wolny" schickt der Rede von Marx folgende Worte voraus:
"Zu Beginn unterbreitete Dr. Marx, ein Deutscher, eine kurze,
doch äußerst bedeutungsvolle Resolution: 'Ohne Unabhängigkeit Po-
lens kann keine Freiheit in Europa etabliert werden.'"
#201# Rede auf dem Polenmeeting in London
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mit Erfolg. Diesmal, und wohl zum erstenmal in der Geschichte,
verlor Rußland die Fassung. Zar Nikolaus wandte sich nicht mehr
an die Garde, sondern veröffentlichte ein Manifest an sein Volk,
worin er beklagte, daß die französische Pest sogar Deutschland
angesteckt habe, daß sie sich den Grenzen des Kaiserreichs nähere
und daß die Revolution in ihrem Wahnsinn ihre Fieberblicke auf
die Heilige Rus richte. Kein Wunder! rief er. Ist doch dieses
gleiche Deutschland seit Jahren der Hort des Unglaubens. Das
Krebsgeschwür einer schändlichen Philosophie hat die lebenskräf-
tigen Teile dieses dem Scheine nach so gesunden Volkes befallen.
Und er beendete seinen Aufruf mit folgendem Appell an die Deut-
schen:
"Gott ist mit uns! Bedenkt das wohl, ihr Heiden, und unterwerft
euch, denn Gott ist mit uns!"
Kurz darauf ließ er durch seinen treuen Diener Nesselrode den
Deutschen eine weitere Botschaft zukommen, die von Zärtlichkeit
für dieses heidnische Volk triefte. [144] Weshalb diese Wendung?
Nun, die Berliner hatten nicht allein eine Revolution gemacht,
sondern auch die Wiederherstellung Polens proklamiert, und die
preußischen Polen, von der Begeisterung des Volkes geblendet, be-
gannen, in Posen Militärlager zu errichten. Daher die Schmeiche-
leien des Zaren. Wieder war es das polnische Volk, der unsterbli-
che Ritter Europas, das den Mongolen zum Rückzug gezwungen hatte!
Erst nach dem Verrat der Deutschen, besonders der Frankfurter Na-
tionalversammlung, an den Polen, kam Rußland wieder zu Atem und
sammelte genügend Kraft, um der Revolution von 1848 in ihrem
letzten Zufluchtsort, in Ungarn, einen Schlag zu versetzen. Und
selbst dort war der letzte Ritter, der sich ihm entgegenstellte,
ein Pole - General Bern.
Es gibt heute noch genügend naive Menschen, die glauben, daß sich
alles geändert habe, daß Polen aufgehört habe, "eine notwendige
Nation" zu sein, wie es ein französischer Schriftsteller aus-
drückte, ja, daß Polen nur noch eine sentimentale Erinnerung sei.
Sie wissen aber, daß weder Gefühle noch Erinnerungen an der Börse
gehandelt werden. Als in England die letzten russischen Ukase
über die Aufhebung des Königreichs Polen bekannt wurden, riet das
Organ der führenden Geldsäcke den Polen, Moskowiter zu werden
[145]. Warum sollten sie auch nicht, und sei es nur, um die Aus-
zahlung der Zinsen für die sechs Millionen Pfd. St. zu sichern,
die die englischen Kapitalisten dem Zaren gerade erst bewilligt
hatten! Soll Rußland schlimmstenfalls doch Konstantinopel nehmen,
schrieb die "Times", wenn es England nur erlaubt, sich Ägyptens
zu bemächtigen und den Weg
#202# Karl Marx
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zu seinem großen indischen Markt zu sichern! Mit anderen Worten:
Möge England Rußland doch Konstantinopel überlassen, wenn es nur
von Rußland die Erlaubnis erhalte, Frankreich Ägypten streitig zu
machen. Der Moskowit, schreibt die "Times", nimmt gern Anleihen
bei England auf und zahlt gut. Er liebt englisches Geld. Er liebt
es in der Tat. Wie sehr er jedoch die Engländer selbst liebt,
schildert Ihnen am besten die "Gazette de Moscou" [146] vom De-
zember 1851:
"Nein, das perfide Albion muß endlich an die Reihe kommen, und in
einiger Zeit werden wir mit diesem Volk einen Vertrag nur noch in
Kalkutta abschließen."
Ich frage Sie, was hat sich geändert? Ist die Gefahr von seiten
Rußlands geringer geworden? Nein. Nur die Verblendung der herr-
schenden Klassen in Europa hat den Gipfel erreicht. Vor allem hat
sich in Rußlands Politik, wie sein offizieller Historiker Karam-
sin eingesteht, nichts geändert. Ihre Methoden, ihre Taktik, ihre
Manöver können sich ändern, doch der Leitstern dieser Politik -
die Weltherrschaft - ist unveränderlich. Nur eine durchtriebene
Regierung, die über eine Masse von Barbaren herrscht, kann in der
heutigen Zeit einen solchen Plan aushecken. Pozzo di Borgo, der
größte russische Diplomat der Neuzeit, schrieb Alexander I. wäh-
rend des Wiener Kongresses, Polen sei das wichtigste Werkzeug zur
Ausführung der russischen Absichten auf die Weltherrschaft; es
ist aber zugleich ein unüberwindliches Hindernis, solange der
Pole nicht, ermüdet von dem nicht endenden Verrat Europas, zu ei-
ner furchtbaren Peitsche in der Hand des Moskowiters wird. Nun,
ohne von der Stimmung des polnischen Volkes zu sprechen, frage
ich: Ist etwas geschehen, das Rußlands Pläne durchkreuzt oder
seine Handlungen paralysiert hätte?
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß seine Eroberungen in Asien
ständig Fortschritte machen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen,
daß der sogenannte englisch-französische Krieg gegen Rußland die-
sem die Bergfestungen des Kaukasus ausgeliefert hat, ihm die
Herrschaft über das Schwarze Meer und die Seerechte gebracht hat,
die Katharina II., Paul und Alexander I. England vergeblich zu
entreißen versucht hatten. Eisenbahnen vereinigen und konzentrie-
ren seine über ein weites Gebiet zerstreuten Kräfte. Seine mate-
riellen Ressourcen in Kongreßpolen [147], das sein befestigtes
Lager in Europa bildet, haben sich kolossal vermehrt. Die Festun-
gen Warschau, Modlin, Iwangorod, von Napoleon I. ausgewählte
Punkte, beherrschen den ganzen Lauf der Weichsel und bilden eine
furchtbare Angriffsbasis gegen Norden, Westen und Süden. Die pan-
slawistische Propaganda macht in dem gleichen Maße Fortschritte,
wie Österreich und
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die Türkei geschwächt werden. Und was die panslawistische Propa-
ganda bedeutet, konnten Sie 1848/49 sehen, als Ungarn überfallen,
Wien verheert und Italien zermalmt wurde von den Slawen, die un-
ter den Fahnen von Jellachich, Windischgrätz und Radetzky kämpf-
ten. Und damit nicht genug, haben Englands Verbrechen an Irland
Rußland einen neuen mächtigen Verbündeten jenseits des Atlantik
geschaffen.
Peter I. sagte einmal, daß, um die Welt zu erobern, den Moskowi-
tern nichts fehle als Seelen. 1*) Den belebenden Geist, den Mos-
kau braucht, wird es erst nach dem Verschlingen der Polen empfan-
gen. Was werden dann Sie in die Waagschale zu werfen haben? Auf
diese Frage antwortet man von verschiedenen Gesichtspunkten aus.
Die einen sagen, daß Rußland durch die Bauernbefreiung nun zur
Familie der zivilisierten Völker gehöre. Die deutsche Macht,
kürzlich in den Händen der Preußen konzentriert, könne, so be-
haupten die anderen, allen asiatischen Angriffen trotzen. Einige
andere, Radikalere, setzen ihre Hoffnung auf die inneren sozialen
Umgestaltungen Westeuropas. 2*)
Was nun das erstere betrifft, d.h. die Befreiung der leibeigenen
Bauern in Rußland, so hat diese die oberste Regierungsgewalt von
den Hindernissen befreit, die der Adel ihrer zentralisierenden
Tätigkeit in den Weg legen konnte. Sie schuf ein weites Feld für
die Rekrutierung ihrer Armee, löste das Gemeineigentum der russi-
schen Bauern auf, trennte sie und festigte ihren Glauben an Vä-
terchen Zar. Sie hat sie nicht von der asiatischen Barbarei frei
gemacht, denn Zivilisation bildet sich in Jahrhunderten heraus.
Jeder Versuch, das moralische Niveau der Bauern zu heben, gilt
als Verbrechen und wird bestraft. Ich erinnere Sie nur an die of-
fiziellen Verfolgungen der Mäßigkeitsvereine, die den Moskowiter
von dem zu erretten trachteten, was Feuerbach die materielle Sub-
stanz seiner Religion nennt, d.h. vom Branntwein. Was immer man
von der Bauernbefreiung für die
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1*) In "Le Socialisme" lautet dieser Satz: "Der Plan der russi-
schen Politik bleibt unveränderlich; ihre Aktionsmittel sind seit
1848 beträchtlich gewachsen, nur eines blieb bis jetzt außerhalb
ihrer Reichweite, und Peter der Große berührte diesen schwachen
Punkt, als er sagte, daß, um die Welt zu erobern, den Moskowitern
nichts fehle als Seelen." - 2*) in "Le Socialisme" lautet der
Schluß dieses Absatzes: "Ein kontinentaler Europäer wird mir
vielleicht antworten, daß Rußland durch die Befreiung der Leibei-
genen nun zur Familie der zivilisierten Völker gehöre, daß die
deutsche Macht, kürzlich in den Händen der Preußen konzentriert,
allen asiatischen Angriffen trotzen könne und daß schließlich die
soziale Revolution in Westeuropa der Gefahr 'internationaler Kon-
flikte' ein Ende bereiten werde. Ein Engländer aber, der nur die
'Times' liest, könnte mir erwidern, daß im schlimmsten Falle,
wenn Rußland Konstantinopel erobere, England Ägypten annektieren
und sich so den Weg zu seinem großen indischen Markt sichern
werde."
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Zukunft erwarten mag, vorläufig ist jedenfalls deutlich, daß sie
die verfügbaren Kräfte des Zaren vergrößert hat.
Kommen wir zu Preußen. Einst Vasall Polens, ist es unter dem
Schutz Rußlands und durch die Teilung Polens zu einer Macht er-
sten Ranges geworden. Verlöre es morgen seine polnische Beute, so
würde es in Deutschland aufgehen, statt dieses zu verschlucken.
Um sich als gesonderte Macht in Deutschland behaupten zu können,
muß es sich auf den Moskowiter stützen. Die jüngste Ausdehnung
seiner Herrschaft hat diese Bande nicht etwa gelockert, sondern
unlösbar gemacht und den Antagonismus gegen Frankreich und Öster-
reich verstärkt. Gleichzeitig ist Rußland der Pfeiler, auf dem
die unumschränkte Herrschaft der Hohenzollerndynastie und ihrer
feudalen Vasallen ruht. Es ist ihr Schild gegen den Unwillen des
Volkes. Preußen ist also kein Wall gegen Rußland, sondern dessen
Werkzeug, das bestimmt ist für den Einfall in Frankreich und für
die Eroberung Deutschlands.
Und die soziale Revolution - was bedeutet sie anderes als Klas-
senkampf? Es ist möglich, daß der Kampf zwischen den Arbeitern
und Kapitalisten weniger grausam und blutig sein wird als einst
der Kampf zwischen den Feudalherren und den Kapitalisten in Eng-
land und Frankreich. Wir wollen es hoffen. Jedenfalls aber wird
eine solche soziale Krise, wenngleich sie die Energien der Völker
des Westens steigern kann, wie jeder innere Konflikt auch eine
Aggression von außen hervorrufen. Sie wird Rußland erneut jene
Rolle spielen lassen, die es während des Antijakobinerkrieges und
seit der Heiligen Allianz gespielt hat - die Rolle eines von der
Vorsehung auserwählten Retters der Ordnung. Es wird alle privile-
gierten Klassen Europas für seine Reihen anwerben. Bereits wäh-
rend der Februarrevolution war es nicht allein der Graf Montalem-
bert, der sein Ohr an die Erde legte, um zu hören, ob sich der
Huf schlag der Kosakenpferde nähere [148]. Nicht allein die preu-
ßischen Krautjunker in den repräsentativen Körperschaften
Deutschlands proklamierten den Zaren zum "Vater und Beschützer".
An allen europäischen Börsen stiegen die Kurse bei jedem russi-
schen Sieg und fielen bei jeder russischen Niederlage.
So steht vor Europa nur eine Alternative: Entweder wird die asia-
tische Barbarei unter Führung der Moskowiter wie eine Lawine über
Europa hereinbrechen, oder Europa muß Polen wiederherstellen und
schützt sich so durch einen Wall von zwanzig Millionen Helden vor
Asien, um Zeit zu gewinnen für die Vollendung seiner sozialen Um-
gestaltung.
Geschrieben um den 22.Januar 1867.
Aus dem Polnischen.
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