Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
zurück
#207#
-----
Friedrich Engels
[Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
für die "Zukunft" [151]]
K. Marx. Das Kapital. Erster Band. Hamburg, Meißner, 1867. 784
Seiten, 8°
Es ist eine für jeden Deutschen betrübende Tatsache, daß wir, das
Volk der Denker, auf dem Gebiete der politischen Ökonomie bisher
so wenig geleistet haben. Unsre Berühmtheiten auf diesem Fach
sind günstigstenfalls Kompilatoren wie Rau und Röscher, und wo
etwas Originelles geliefert wird, da haben wir Schutzzöllner wie
List (der übrigens einen Franzosen abgeschrieben haben soll
[152]) oder Sozialisten wie Rodbertus und Marx. Unsre korrekte
politische Ökonomie scheint es sich wirklich zur Aufgabe gestellt
zu haben, jeden, der es mit der ökonomischen Wissenschaft ernst-
lich meint, dem Sozialismus in die Arme zu treiben. Haben wir es
doch erlebt, daß die ganze offizielle Ökonomie es gewagt hat, ei-
nem Lassalle gegenüber das altbekannte und anerkannte Gesetz über
die Bestimmung des Arbeitslohnes zu verleugnen, und daß es einem
Lassalle überlassen blieb, Leute wie Ricardo gegen Schulze-De-
litzsch u.a. in Schutz zu nehmen! Es ist leider wahr, nicht ein-
mal mit Lassalle konnten sie wissenschaftlich fertig werden und
mußten - welche Anerkennung auch immer ihre praktischen Bestre-
bungen verdienen mochten - den Vorwurf auf sich sitzen lassen,
ihre ganze Wissenschaft bestehe in der Verwässerung der alle Ge-
gensätze und Schwierigkeiten vertuschenden Harmonien eines Ba-
stiat. Bastiat als Autorität und Ricardo verleugnet - das ist un-
sre offizielle Ökonomie heutzutage in Deutschland! Aber freilich,
wie soll es anders sein? Die Ökonomie ist leider bei uns ein
Feld, für das sich niemand wissenschaftlich interessiert, sie ist
entweder ein Stück Brotstudium fürs kameralistische Examen oder
ein möglichst oberflächlich zu erlernendes Hilfsmittel für die
politische Agitation. Ob unsre staatliche Zersplitterung, unsre
leider noch so wenig entwickelte Industrie oder unsre, in dieser
Branche der Wissenschaft herkömmliche Abhängigkeit vom Ausland
daran schuld sind?
#208# Friedrich Engels
-----
Unter diesen Umständen ist es immer erfreulich, ein Buch in die
Hand zu bekommen wie das obige, worin der Verfasser, während er
die jetzt kursierende verwässerte oder, wie er sie recht treffend
nennt, "Vulgärökonomie" mit Entrüstung auf ihre klassischen Vor-
bilder bis Ricardo und Sismondi zurückverweist, sich auch den
Klassikern gegenüber zwar kritisch verhält, aber doch stets den
Gang streng wissenschaftlicher Untersuchung beizubehalten strebt.
Die früheren Schriften von Marx, namentlich die im Jahre 1859 bei
Duncker in Berlin erschienene über das Geldwesen [153], zeichne-
ten sich schon durch einen streng wissenschaftlichen Geist eben-
sosehr aus wie durch rücksichtslose Kritik, und unsres Wissens
hat unsre ganze offizielle Ökonomie bisher nichts dagegen vorge-
bracht. Wenn sie aber schon mit der damaligen Schrift nicht fer-
tig wurde, wie wird es ihr jetzt bei diesen 49 Bogen über das Ka-
pital ergehen? Man verstehe uns recht. Wir sagen nicht, daß sich
gegen die Deduktionen dieses Buches nichts einwenden ließe, daß
Marx seine Beweise vollständig erbracht habe; wir sagen bloß: Wir
glauben nicht, daß sich unter unsern sämtlichen Ökonomen einer
finden werde, der imstande ist, sie zu widerlegen. Die Untersu-
chungen, die in diesem Buche geführt werden, sind von der
höchsten wissenschaftlichen Feinheit. Wir berufen uns vor allem
auf die künstlerische, dialektische Anlage des Ganzen, auf die
Weise, wie in dem Begriff der Ware bereits das Geld als an sich
existierend dargestellt, wie aus dem Geld das Kapital entwickelt
wird. Wir bekennen, daß wir die neu eingeführte Kategorie des
M e h r w e r t s für einen Fortschritt halten; daß wir nicht
einsehen, was sich dagegen sagen läßt, wenn behauptet wird, nicht
die A r b e i t, sondern die Arbeits k r a f t erscheine als
Ware auf dem Markte; daß wir die Berichtigung zum Ricardoschen
Gesetz über die Rate des Profits (daß statt Profit gesetzt werden
müsse: Mehrwert) für ganz in der Ordnung ansehen. Wir müssen ge-
stehen, daß der historische Sinn, der durch das ganze Buch geht
und der es dem Verfasser verbietet, die ökonomischen Gesetze für
ewige Wahrheiten, für etwas anderes anzusehen als die Formulie-
rung der Existenzbedingungen gewisser vorübergehender Gesell-
schaftszustände, uns sehr angesprochen hat; daß die Gelehrsamkeit
und der Scharfsinn, mit dem hierbei die verschiedenen geschicht-
lichen Gesellschaftszustände und ihre Existenzbedingungen darge-
stellt sind, auf seiten unsrer offiziellen Ökonomen leider verge-
bens gesucht werden dürften. Untersuchungen wie die über die öko-
nomischen Bedingungen und Gesetze der Sklaverei, der verschie-
denen Formen der Leibeigenschaft und Hörigkeit und über die Ent-
stehung der freien Arbeiter sind unsern Fachökonomen bisher ganz
fremd geblieben. Wir möchten ebenfalls gerne die Meinung dieser
Herren über
#209# Rezension des "Kapitals" für die "Zukunft"
-----
die uns hier gegebenen Entwicklungen über Kooperation, Teilung
der Arbeit und Manufaktur, Maschinerie und große Industrie in ih-
ren historischen und ökonomischen Zusammenhängen und Wirkungen
hören, sie können hier jedenfalls manches Neue lernen. Und was
werden sie namentlich zu der allen hergebrachten Theorien der
freien Konkurrenz ins Gesicht schlagenden und nichtsdestoweniger
hier aus offiziellem Material nachgewiesenen Tatsache sagen, daß
in England, im Vaterland der freien Konkurrenz, jetzt fast kein
Arbeitszweig mehr besteht, dem nicht durch Staatseingriffe die
tägliche Arbeitszeit streng vorgeschrieben ist und dem nicht der
Fabrikinspektor aufpaßt? Und daß dennoch, im Maß wie die Arbeits-
zeit beschränkt wird, nicht nur die einzelnen Industriezweige
sich heben, sondern auch der einzelne Arbeiter in der kürzeren
Zeit mehr Produkt liefert als früher in der längeren?
Es ist leider nicht zu leugnen, daß der besonders herbe Ton, den
der Verfasser gegen die offiziellen d e u t s c h e n Ökonomen
anschlägt, nicht ungerechtfertigt ist. Sie alle gehören mehr oder
weniger zur "Vulgärökonomie", sie haben der Popularität des Tages
zuliebe ihre Wissenschaft prostituiert und deren klassische Kory-
phäen verleugnet. Sie sprechen von "Harmonien" und treiben sich
in den banalsten Widersprüchen herum. Möge die harte Lektion, die
ihnen dies Buch erteilt, dazu dienen, sie aus ihrer Lethargie zu
wecken, ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Ökonomie nicht
bloß eine nährende Kuh ist, die uns mit Butter versorgt, sondern
eine Wissenschaft, die einen ernsten und eifrigen Kultus ver-
langt.
Geschrieben am 12. Oktober 1867.
Nach der Handschrift.
zurück