Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Friedrich Engels
       
       [Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
       für die "Rheinische Zeitung" [154]]
       
       Karl Marx. Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.
       I. Band. Der Produktionsprozeß des Kapitals.
       Hamburg, 0. Meißner, 1867
       Das allgemeine Stimmrecht hat unsern bisherigen parlamentarischen
       Parteien eine  neue, die   s o z i a l d e m o k r a t i s c h e,
       hinzugefügt. Bei  den letzten  Wahlen zum Norddeutschen Reichstag
       hat sie  in den  meisten großen  Städten, in allen Fabrikbezirken
       ihre eignen  Kandidaten aufgestellt  und sechs oder acht Abgeord-
       nete durchgesetzt.  Verglichen mit  den vorletzten Wahlen hat sie
       bedeutend größere Stärke entwickelt, und man darf daher annehmen,
       daß sie, vorderhand wenigstens noch, im Wachsen ist. Es wäre Tor-
       heit, wollte  man die  Existenz, die  Tätigkeit und die Doktrinen
       einer solchen Partei noch länger mit vornehmem Stillschweigen be-
       handeln in  einem Lande,  wo das allgemeine Stimmrecht die letzte
       Entscheidung in  die Hände  der zahlreichsten und ärmsten Klassen
       gelegt hat.
       So sehr  nun auch  die sozialdemokratischen  wenigen Parlamentler
       unter sich  zerfallen und  zerfahren sein  mögen, so ist doch mit
       Sicherheit anzunehmen, daß alle Fraktionen dieser Partei das vor-
       liegende Buch  als ihre  t h e o r e t i s c h e  B i b e l,  als
       die Rüstkammer  begrüßen werden,  woraus sie  ihre wesentlichsten
       Argumente schöpfen.  Schon aus diesem Grunde verdient es besondre
       Aufmerksamkeit. Aber  auch seinem  eignen Inhalte nach ist es ge-
       eignet, Aufsehen  zu erregen. Wenn Lassalles Hauptargumentation -
       und Lassalle  war in der politischen Ökonomie nur ein Schüler von
       Marx - sich darauf beschränkte, das sogenannte Ricardosche Gesetz
       über den  Arbeitslohn immer  und immer  zu wiederholen - so haben
       wir hier  ein Werk vor uns, welches mit unleugbar seltner Gelehr-
       samkeit das ganze Verhältnis von Kapital und Arbeit in seinem Zu-
       sammenhange mit  der ganzen  ökonomischen Wissenschaft behandelt,
       welches sich  zum letzten Endzweck setzt,  "d a s  ö k o n o m i-
       s c h e  B e w e g u n g s g e s e t z  der modernen Gesellschaft
       zu enthüllen",  und dabei,  nach offenbar  aufrichtigen  und  mit
       unverkennbarer Sachkenntnis
       
       #211# Rezension des "Kapitals" für die "Rheinische Zeitung"
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       geführten Untersuchungen,  zu dem  Resultat kommt,  daß die ganze
       "kapitalistische Produktionsweise"  aufgehoben  werden  muß.  Wir
       möchten aber ferner noch besonders darauf aufmerksam machen, daß,
       abgesehen von  den Schlußfolgerungen  des Werks, der Verfasser im
       Verlauf desselben  eine ganze Reihe von Hauptpunkten der Ökonomie
       in einem  ganz neuen  Lichte darstellt  und hier, in rein wissen-
       schaftlichen Fragen, zu Resultaten kommt, welche von der bisheri-
       gen gangbaren  Ökonomie sehr abweichen und welche die Schulökono-
       men ernstlich  werden kritisieren und wissenschaftlich widerlegen
       müssen, wenn  sie nicht  ihre bisherige  Doktrin scheitern  sehen
       wollen. Im  Interesse der  Wissenschaft ist zu wünschen, daß sich
       die Polemik  grade über  diese Punkte  in den Fachschriften recht
       bald entspinne.
       Marx beginnt  mit der  Darstellung des Verhältnisses von Ware und
       Geld, woraus  das Wesentlichste  schon vor längerer Zeit in einer
       besondern Schrift veröffentlicht ward [155]. Er geht dann zum Ka-
       pital über, und hier kommen wir alsbald zum springenden Punkt des
       ganzen Werks. Was ist Kapital? Geld, welches sich in Ware verwan-
       delt, um  sich aus  der Ware in mehr Geld zurückzuverwandeln, als
       die ursprüngliche Summe betrug. Indem ich für 100 Taler Baumwolle
       kaufe und diese für 110 Taler verkaufe, bewähre ich meine 100 Ta-
       ler als  Kapital, sich selbst verwertenden Wert. Nun entsteht die
       Frage, woher  kommen die 10 Taler, die ich bei diesem Prozeß ver-
       diene, wie  geht es zu, daß aus 100 Talern durch zweimaligen ein-
       fachen Austausch  110 Taler  werden? Die  Ökonomie setzt  nämlich
       voraus, daß  bei allen  Austauschen gleicher  Wert gegen gleichen
       Wert ausgetauscht  wird. Marx geht nun alle möglichen Fälle durch
       (Preisschwankungen der Waren usw.), um zu beweisen, daß unter den
       von der Ökonomie gegebenen Voraussetzungen die Bildung von 10 Ta-
       lern   M e h r w e r t  aus 100 ursprünglichen Talern  u n m ö g-
       l i c h  ist. Dennoch findet dieser Prozeß täglich statt, und die
       Ökonomen sind  uns die  Erklärung dafür schuldig geblieben. Diese
       Erklärung gibt  Marx wie folgt: Das Rätsel ist nur zu lösen, wenn
       wir eine  Ware ganz  eigner Art auf dem Markte finden, eine Ware,
       deren Gebrauchswert  darin besteht, Tauschwert zu erzeugen. Diese
       Ware existiert  - sie  ist die    A r b e i t s k r a f t.    Der
       Kapitalist kauft  die Arbeitskraft auf dem Markt und läßt sie für
       sich arbeiten, um ihr Produkt wieder zu verkaufen. Wir haben also
       vor allen Dingen die Arbeitskraft zu untersuchen.
       Was ist der Wert der Arbeitskraft? Nach dem bekannten Gesetz: der
       Wert derjenigen Lebensmittel, welche notwendig sind, den Arbeiter
       in der  in einem gegebenen Lande und einer gegebnen Epoche histo-
       risch festgestellten  Weise zu  erhalten und  fortzupflanzen. Wir
       nehmen an,  der Arbeiter  bekommt  seine  Arbeitskraft  zu  ihrem
       vollen Wert bezahlt. Wir nehmen
       
       #212# Friedrich Engels
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       ferner an,  dieser Wert  repräsentiere sich  in einer  Arbeit von
       s e c h s   Stunden täglich oder einem  h a l b e n  Arbeitstage.
       Der  Kapitalist   aber  behauptet,  die  Arbeitskraft  für  einen
       g a n z e n   Arbeitstag gekauft  zu haben, und läßt den Arbeiter
       12 oder  mehr Stunden  arbeiten. Er  hat also bei zwölf stündiger
       Arbeit das Produkt von sechs Arbeitsstunden erworben, ohne es be-
       zahlt zu  haben. Daraus folgert Marx:  A l l e r  M e h r w e r t
       - wie  er sich auch verteile, als Gewinn des Kapitalisten, Grund-
       rente, Steuer etc. - ist  u n b e z a h l t e  A r b e i t.
       Aus dem  Interesse des Fabrikanten, möglichst viel unbezahlte Ar-
       beit an jedem Tage herauszuschlagen und aus dem entgegengesetzten
       Interesse des  Arbeiters entsteht  der Kampf um die Länge des Ar-
       beitstags. In  einer sehr lesenswerten Illustration, die ungefähr
       hundert Seiten füllt, schildert Marx den Hergang dieses Kampfs in
       der englischen  großen Industrie, welcher trotz des Protestes der
       freihändlerischen Fabrikanten  im letzten Frühjahr damit geendigt
       hat, daß  nicht nur  alle  Fabrikindustrie,  sondern  auch  aller
       Kleinbetrieb  und  selbst  alle  häusliche  Industrie  unter  die
       Schranken des Fabrikgesetzes gestellt worden ist, wonach die täg-
       liche Arbeitszeit  von Frauen  und Kindern  unter 18 Jahren - und
       damit indirekt  auch die  der Männer - in den bedeutendsten Indu-
       striezweigen auf  höchstens 10 1/2 Stunden festgesetzt ist [156].
       Er erklärt auch zugleich, warum die englische Industrie hierdurch
       nicht gelitten,  sondern im Gegenteil gewonnen hat: indem die Ar-
       beit jedes  einzelnen an Intensität mehr gewann, als sie an Zeit-
       dauer verkürzt wurde.
       Der Mehrwert kann aber auch noch auf eine andre Weise erhöht wer-
       den als  durch die  Verlängerung der Arbeitszeit über die zur Er-
       zeugung der notwendigen Lebensmittel oder ihres Werts erforderli-
       che Zeit  hinaus. In einem gegebnen Arbeitstage, sagen wir von 12
       Stunden, stecken  nach vorheriger  Annahme 6  Stunden notwendiger
       und 6  Stunden zur Produktion von Mehrwert verwandter Arbeit. Ge-
       lingt es  nun, durch  irgendein Mittel die notwendige Arbeitszeit
       auf 5 Stunden herabzudrücken, so bleiben 7 Stunden, während deren
       Mehrwert produziert wird. Dies kann erreicht werden durch Verkür-
       zung der  für die  Produktion der notwendigen Lebensmittel erfor-
       derlichen Arbeitszeit,  mit ändern Worten, durch Verwohlfeilerung
       der Lebensmittel, und dies wieder nur durch Verbesserungen in der
       Produktion. Marx  gibt bei diesem Punkte wieder eine ausführliche
       Illustration, indem  er  die  drei  Haupthebel  untersucht  resp.
       schildert, wodurch diese Verbesserungen zustande gebracht werden:
       1. die  K o o p e r a t i o n,  oder die Vervielfachung der Kräf-
       te, welche  aus dem gleichzeitigen und planmäßigen Zusammenwirken
       vieler entsteht,  2. die  T e i l u n g  d e r  A r b e i t,  wie
       sie in  der Periode  der eigentlichen  Manufaktur (also  bis etwa
       1770) zur
       
       #213# Rezension des "Kapitals" für die "Rheinische Zeitung"
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       Ausbildung kam, endlich 3. die  M a s c h i n e r i e,  mit deren
       Hilfe seit  Jener Zeit die große Industrie sich entwickelte. Auch
       diese Schilderungen sind von großem Interesse und zeigen eine er-
       staunliche Sachkenntnis  bis ins  technologische Detail hinein...
       1*)
       Wir können nicht auf die weiteren Einzelheiten der Untersuchungen
       über Mehrwert und Arbeitslohn eingehen, wir bemerken nur zur Ver-
       meidung von Mißverständnissen, daß, wie Marx durch eine Menge von
       Zitaten beweist,  auch der Schulökonomie die Tatsache nicht fremd
       ist, daß  der Arbeitslohn  geringer ist als das ganze Produkt der
       Arbeit. Es ist zu hoffen, daß dies Buch den Herren von der Schule
       Gelegenheit bieten wird, uns über diesen allerdings befremdlichen
       Punkt nähere  Aufklärung zu  geben. Sehr  zu rühmen ist, daß alle
       tatsächlichen Belege,  die Marx  anführt, aus den besten Quellen,
       meist offiziellen  Parlamentsberichten, genommen sind. Bei dieser
       Gelegenheit unterstützen  wir den in der Vorrede indirekt gemach-
       ten Antrag  des Verfassers: auch in Deutschland durch Regierungs-
       kommissäre - die aber keine voreingenommenen Bürokraten sein dür-
       fen -  die Arbeiterverhältnisse  in den  verschiednen  Industrien
       gründlich untersuchen  zu lassen  und die  Berichte dem Reichstag
       und dem Publikum vorzulegen.
       Der erste  Band schließt  mit der Abhandlung der Akkumulation des
       Kapitals. Über  diesen Punkt  ist schon öfter geschrieben worden,
       obwohl wir  gestehen müssen,  daß auch  hier manches Neue gegeben
       und das  Alte von neuen Seiten beleuchtet wird. Das eigentümlich-
       ste ist  der versuchte  Nachweis, daß neben der Konzentration und
       Akkumulation des Kapitals und Schritt haltend mit ihr die Akkumu-
       lation einer  überzähligen Arbeiterbevölkerung  vor sich geht und
       daß beide  zuletzt eine  soziale Umwälzung  einerseits notwendig,
       andrerseits möglich machen.
       Was der  Leser auch von den sozialistischen Ansichten des Verfas-
       sers halten  mag, so glauben wir ihm doch im Vorstehenden gezeigt
       zu haben,  daß er  es hier  mit einer  Schrift zu tun hat, welche
       hoch über  der landläufigen  sozialdemokratischen  Tagesliteratur
       steht. Wir fügen hinzu, daß, die etwas stark dialektischen Sachen
       auf den  ersten 40  Seiten ausgenommen, das Buch trotz aller wis-
       senschaftlichen Strenge dennoch sehr leicht faßlich und durch die
       sarkastische, nach keiner Seite hin schonende Schreibart des Ver-
       fassers selbst interessant abgefaßt ist.
       Geschrieben am 12. Oktober 1867.
       
       Nach der Handschrift.
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       1*) Hier schließt  die Seite  der Handschrift  ab;  die  folgende
       Seite, auf  der offenbar Mehrwert und Arbeitslohn analysiert wur-
       dest fehlt.

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