Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Friedrich Engels
       
       [Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
       für die "Düsseldorfer Zeitung" [160]]
       
       ["Düsseldorfer Zeitung" Nr. 316 vom 16. November 1867]
       Karl Marx. Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.
       Erster Band. Hamburg, Meißner, 1867
       Dies Buch  wird manchen  Leser sehr enttäuschen. Seit Jahren ist,
       von gewisser  Seite, auf sein Erscheinen hingewiesen worden. Hier
       sollte die  wahre sozialistische  Geheimlehre und Panazee endlich
       enthüllt werden,  und mancher  mag sich vorgestellt haben, als er
       es endlich  angekündigt sah,  daß er hier nun erfahren werde, wie
       es denn  eigentlich im kommunistischen Tausendjährigen Reich aus-
       sehen werde.  Wer sich  auf dies  Vergnügen gespitzt hat, der hat
       sich gründlich  geirrt. Er erfährt hier allerdings, wie die Dinge
       nicht sein  sollen, und zwar wird ihm dies mit einer sehr deutli-
       chen Derbheit  und auf 784 Seiten auseinandergesetzt, und wer Au-
       gen hat zu sehen, der sieht hier die Forderung einer sozialen Re-
       volution klar  genug gestellt.  Hier handelt es sich nicht um Ar-
       beiterassoziationen mit  Staatskapital wie  bei weiland Lassalle,
       hier handelt  es  sich  um  die    A b s c h a f f u n g    d e s
       K a p i t a l s  überhaupt.
       Marx ist  und bleibt derselbe Revolutionär, der er immer gewesen,
       und in  einer wissenschaftlichen  Schrift war er wohl der Letzte,
       der seine  Ansichten in dieser Beziehung verhüllt hätte. Aber was
       dann nach  der sozialen  Umwälzung werden  soll - darüber gibt er
       uns nur  s e h r  dunkle Andeutungen. Wir erfahren, daß die große
       Industrie "die Widersprüche und Antagonismen der kapitalistischen
       Form des Produktionsprozesses, daher gleichzeitig die Bildungsmo-
       mente einer  neuen und  die Umwälzungsmomente  der alten  Gesell-
       schaft reift", und ferner, daß die Aufhebung der kapitalistischen
       
       #217# Rezension des "Kapitals" für die "Düsseldorfer Zeitung"
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       Form der  Produktion "das  individuelle Eigentum wiederherstellt,
       aber auf  Grundlage der  Errungenschaft der kapitalistischen Ära,
       der Kooperation  freier Arbeiter  und ihrem Gemeineigentum an der
       Erde und an den durch die Arbeit selbst produzierten Produktions-
       mitteln" [161].
       Hiermit müssen  wir uns  begnügen, und  nach dem  Vorliegenden zu
       schließen wird  auch wohl  der zweite  und dritte in Aussicht ge-
       stellte Band  dieses Werks  uns wenig  über diesen  interessanten
       Punkt bieten. Für diesmal werden wir uns eben mit der "Kritik der
       politischen Oekonomie"  begnügen müssen,  und da  geraten wir auf
       ein allerdings  sehr weitläufiges Feld. Wir können hier natürlich
       nicht auf  die wissenschaftliche  Erwägung der  in diesem volumi-
       nösen Buche  angestellten ausführlichen Deduktionen eingehen, wir
       können nicht  einmal die darin aufgestellten Hauptsätze in kurzem
       wiedergeben. Die  mehr oder weniger bekannten Grundlehren der so-
       zialistischen Theorie reduzieren sich alle darauf, daß der Arbei-
       ter in der heutigen Gesellschaft nicht den vollen Wert seines Ar-
       beitsprodukts vergütet  erhält. Dieser Satz bildet auch den roten
       Faden des  vorliegenden Werks,  nur daß  er weit  schärfer präzi-
       siert, konsequenter  in allen seinen Folgerungen verfolgt und en-
       ger mit den Hauptsätzen der Nationalökonomie verwoben oder direk-
       ter in  Gegensatz zu  ihnen gestellt  ist als bisher. Dieser Teil
       der Schrift unterscheidet sich durch seinen Versuch strenger Wis-
       senschaftlichkeit sehr vorteilhaft von allen uns bekannten frühe-
       ren derartigen  Schriften, und  man sieht,  daß es  dem Verfasser
       nicht nur  mit seiner  Theorie, sondern auch mit der Wissenschaft
       überhaupt Ernst ist.
       Was uns  in diesem  Buch besonders aufgefallen, ist dies: daß der
       Verfasser die  Sätze der  Nationalökonomie nicht,  wie gewöhnlich
       geschieht, als ewig gültige Wahrheiten, sondern als Resultate be-
       stimmter geschichtlicher  Entwicklungen auffaßt.  Während  selbst
       die Naturwissenschaft  sich mehr  und mehr in eine geschichtliche
       Wissenschaft verwandelt  - man  vergleiche Laplaces astronomische
       Theorie, die  gesamte Geologie  und die  Schriften Darwins -, war
       die Nationalökonomie  bisher eine ebenso abstrakte, allgemeingül-
       tige Wissenschaft  wie die Mathematik. Was auch das Schicksal der
       sonstigen Behauptungen  dieses Buchs  sein mag, wir halten es für
       ein bleibendes  Verdienst von Marx, daß er dieser bornierten Vor-
       stellung ein  Ende gemacht hat. Es wird nach dieser Schrift nicht
       mehr möglich sein, z.B. Sklavenarbeit, Fronarbeit und freie Lohn-
       arbeit ökonomisch über einen Kamm zu scheren oder Gesetze, welche
       für die heutige, durch freie Konkurrenz bestimmte große Industrie
       gültig sind,  ohne weiteres  auf die  Zustände des Altertums oder
       die Zünfte  des Mittelalters anzuwenden oder, wenn diese modernen
       Gesetze auf alte Zustände nicht passen, dann
       
       #218# Friedrich Engels
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       einfach die  alten Zustände für ketzerisch zu erklären. Von allen
       Nationen haben die Deutschen den meisten, ja fast allein histori-
       schen Sinn,  und so ist es ganz in der Ordnung, daß es wieder ein
       Deutscher ist,  der auch  im Bereich der Nationalökonomie die hi-
       storischen Zusammenhänge nachweist.
       Geschrieben zwischen dem 3.und 8. November 1867.

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