Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Karl Marx
[Brief an den Redakteur des "Beobachters" zu Stuttgart [20]]
["Nordstern" Nr. 287 vom 10. Dezember 1864]
An den Redakteur des "Beobachters" zu Stuttgart
Mein Herr!
Durch seinen Bradforder Strohmann, den Dr. Bronner, hat Herr Karl
Blind Ihnen einen Schreibebrief von, für und über Herrn Karl
Blind zugehen lassen, wo mitten zwischen andre Kuriositäten fol-
gende Stelle einschlüpft:
"Auf jenen alten", auf das Flugblatt "Zur Warnung" gegen Vogt be-
züglichen, "durch allseitige Erklärungen abgemachten Streit, den
die Redaktion wieder hervorgezogen hat, will ich dabei nicht zu-
rückkommen."
Er "will nicht zurückkommen"! Welche Großmut!
Zum Beweis, daß die wichtigtuende Eitelkeit des Herrn Karl Blind
dann und wann den Herrn Karl Blind über die Schranken der reinen
Komik hinaustreibt, erwähnen Sie m e i n e r S c h r i f t ge-
gen Vogt 1*). Aus der Blindschen Antwort müssen Sie und Ihre Le-
ser den Schluß ziehen, daß die in jener Schrift gegen Herrn Karl
Blind erhobenen Anklagen "durch allseitige Erklärungen" abgemacht
sind. In Wahrheit hat der sonst so schreibselige Herr Karl Blind
seit der Erscheinung meiner Schrift, also während vier Jahren,
n i e m a l s gewagt, mit einem einzigen Sterbenswort, viel we-
niger mit "allseitigen Erklärungen" auf den alten Streit zurück-
zukommen.
Herr Karl Blind hat sich vielmehr dabei beruhigt, als "infamer
Lügner" (s. pag. 66, 67 meiner Schrift 2*)) gebrandmarkt dazu-
stehn. Herr Karl Blind hatte öffentlich und wiederholt erklärt,
er w i s s e nicht, durch w e n das Flugblatt gegen Vogt in
die Welt geschleudert worden sei, e r h a b e g a r k e i-
n e n
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1*) Siehe Band 14 unserer Ausgabe - 2*) ebenda S. 485/486
#23# Brief an den Redakteur des "Beobachters"
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A n t e i l a n d e r S a c h e usw. Außerdem veröffentlichte
Herr Karl Blind ein Zeugnis des Buchdruckers Fidelio Hollinger,
flankiert durch ein anderes Zeugnis des Setzers Wiche, dahin lau-
tend, daß das Flugblatt weder in Hollingers Druckerei gedruckt
sei, noch von Herrn Karl Blind herrühre. In meiner Schrift gegen
Vogt findet man nun die A f f i d a v i t s (Aussagen an Eides-
statt) des Setzers Vögele und des Wiche selbst vor d e m P o-
l i z e i g e r i c h t i n B o w S t r e e t, L o n d o n,
durch welche bewiesen ist, daß derselbe Herr Karl Blind das
Manuskript des Flugblattes s c h r i e b, es bei Hollinger
d r u c k e n l i e ß, den Probebogen e i g e n h ä n d i g
k o r r i g i e r t e, zur Widerlegung dieser Tatsachen ein
f a l s c h e s Z e u g n i s s c h m i e d e t e, für dieses
falsche Zeugnis unter Vorhaltungen von Geldversprechungen auf
Seiten Hollingers, künftigen Dankes von seiner eigenen Seite die
U n t e r s c h r i f t d e s S e t z e r s W i e h e s i c h
e r s c h l i c h und endlich dies selbstgeschmiedete falsche
Schriftstück mit der von ihm selbst erschlichenen Unterschrift
als sittlich entrüsteten Beweis meiner "böslichen Erfindung" in
die Augsburger "Allgemeine" [21] und andere deutsche Zeitungen
expedierte.
Am Pranger so ausgestellt, schwieg Herr Karl Blind. Warum? Weil
er (siehe pag. 69 meiner Schrift 1*)) die von mir veröffentlich-
ten A f f i d a v i t s nur durch G e g e n a f f i d a-
v i t s entkräften konnte, sich jedoch "im bedenklichen Ge-
richtsbann von England befand", wo "m i t d e r F e l o n i e
n i c h t z u s p a ß e n ist".
In dem erwähnten Schreibebriefe an Ihr Blatt finden sich auch
abenteuerliche Mitteilungen über Herrn Karl Blinds amerikanische
Emsigkeit. Zur Aufklärung über diesen Punkt erlauben Sie mir
einen Auszug aus einem vor einigen Tagen hier eingetroffenen
Brief J. Weydemeyers mitzuteilen. J. Weydemeyer, wie Sie sich er-
innern werden, redigierte früher zusammen mit O. Lüning die
"N[eue] Deutsche Zeitung" [22] zu Frankfurt und war stets einer
der tüchtigsten Vorkämpfer der deutschen Arbeiterpartei. Kurz
nach Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs trat er in die Rei-
hen der Föderalisten. Von Frémont nach St. Louis beschieden,
diente er erst als Kapitän im dortigen Ingenieurkorps, dann als
Oberstleutenant in einem Artillerieregiment und erhält, als Mis-
souri jüngst aufs neue von feindlicher Invasion bedroht war,
plötzlich den Auftrag zur Organisierung des 417. Missouri-
Freiwilligenregiments, an dessen Spitze er jetzt als Oberst
steht. Weydemeyer schreibt von St. Louis, der Hauptstadt
Missouris, wo sein Regiment kantoniert ist, wie folgt:
"Beiliegend findest Du einen Ausschnitt aus einer hiesigen Zei-
tung, der 'Westlichen Post', worin der literarische Freibeuter
Karl Blind sich einmal wieder gewaltig
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1*) Siehe Band 14 unserer Ausgabe, S. 488/489
#24# Karl Marx
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spreizt auf Kosten deutscher Republikaner. Für hier ist es zwar
ziemlich gleichgültig, in welcher Weise er Lassalles Bestrebungen
und Agitationen entstellt; wer des Letzten Schriften gelesen,
weiß, was er von Blinds Harlekinaden zu halten; wer sich die Mühe
nicht gegeben, mit jener Agitation etwas bekannter zu werden, mag
gläubig die Weisheit und 'Gesinnungstüchtigkeit' des großen Ba-
densers, Verschwörers par excellence und des Mitglieds aller ge-
heimen Gesellschaften und zukünftigen provisorischen Regierungen
bewundern; an seinem Urteil ist nichts gelegen. A u c h h a-
b e n d i e L e u t e i m A u g e n b l i c k h i e r a n-
d e r e D i n g e z u t u n, a l s s i c h m i t
B l i n d s c h e n P r o t e s t e n z u b e f a s s e n.
Aber es wäre doch gewiß zweckmäßig, dem g e s p r e i z t e n
G e c k e n zu Hause einmal tüchtig auf die Finger zu klopfen,
und deshalb schicke ich Dir den Artikel, der nur ein Probestück-
chen ähnlicher früherer Leistungen ist."
Der von J. Weydemeyer übersandte Ausschnitt aus der "Westlichen
Post" [23] ist überschrieben: "Ein republikanischer Protest, Lon-
don, 17. Sept. 1864", und ist die amerikanische Ausgabe des
"Republikanischen Protestes", den derselbe unvermeidliche Herr
Karl Blind unter demselben Titel gleichzeitig in die "Neue Frank-
furter Zeitung" [24] und dann mit der gewohnten betriebsamen
Ameisenemsigkeit als Wiederabdruck aus der "N. Frankfurter Zei-
tung" in den Londoner "Hermann" [25] beförderte. Eine Verglei-
chung der beiden Ausgaben des Blindschen Machwerks würde zeigen,
wie derselbe Herr Karl Blind, der zu Frankfurt und London mit
biedermännisch-republikanisch-katonischer Leichenbittermiene pro-
testiert, gleichzeitig in dem abgelegenen St. Louis der bösartig-
sten Albernheit und gemeinsten Frechheit frei den Zügel schießen
läßt.
Eine Vergleichung der zwei Ausgaben des Protestes, wozu hier
nicht der Platz, würde außerdem einen neuen drolligen Beitrag ge-
währen zur Fabrikationsmethode der Schreibebriefe, Zirkulare,
Flugblätter, Proteste, Vorbehalte, Abwehren, Aufrufe, Zurufe und
andrer dergleichen kopfschüttelnd feierlicher Blindscher Staats-
rezepte, denen ebensowenig zu entlaufen ist als den Pillen des
Herrn Holloway oder dem Malzextrakt des Herrn Hoff.
Es liegt mir durchaus fern, einen Mann wie L a s s a l l e und
die wirkliche Tendenz seiner Agitation einem grotesken Clown 1*),
hinter dem nichts steht als sein eigener Schatten, verständlich
machen zu wollen. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Herr Karl
Blind nur seinen von Natur und Asop ihm auferlegten Beruf er-
füllt, wenn er nach dem toten Löwen tritt [26].
London, den 28. November 1864
Karl Marx
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1*) In der Handschrift: einem grotesken Mazzini-Scapin
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