Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Friedrich Engels
       
       [Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
       für den "Beobachter" [165]]
       
       Karl Marx. Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.
       Erster Band. Hamburg, Meißner, 1867
       Was man  auch von der Tendenz des vorliegenden Buchs denken möge,
       so glauben  wir sagen  zu dürfen, daß es zu denjenigen Leistungen
       gehört, welche  dem deutschen  Geist Ehre machen. Es ist bezeich-
       nend, daß  der Verfasser  zwar ein  Preuße ist,  aber ein  Rhein-
       preuße, welche noch bis vor kurzem sich gern als "Mußpreußen" be-
       zeichneten, und ferner ein Preuße, welcher die letzten Jahrzehnte
       fern von  Preußen, im  Exil zugebracht  hat. Preußen  selbst  hat
       längst aufgehört,  das Land  irgendwelcher wissenschaftlichen In-
       itiative zu  sein, speziell im historischen, politischen oder so-
       zialen Fach  wäre eine  solche dort  unmöglich. Man  kann von ihm
       vielmehr sagen,  daß es den russischen, nicht den deutschen Geist
       repräsentiert.
       Was nun  das Buch selbst angeht, so muß man sehr wohl unterschei-
       den zwischen  zwei sehr disparaten Teilen darin: zwischen erstens
       den gediegenen positiven Entwicklungen dann und zweitens den ten-
       denziellen Schlußfolgerungen, die der Verfasser daraus zieht. Die
       ersteren sind  großenteils eine  direkte Bereicherung der Wissen-
       schaft. Der  Verfasser behandelt  darin die ökonomischen Verhält-
       nisse in  einer ganz  neuen, materialistischen, naturhistorischen
       Methode. So  die Darstellung des Geldwesens und der ausführliche,
       sehr sachkundige Nachweis, wie die verschiedenen sukzessiven For-
       men der  industriellen Produktion, hier die Kooperation, die Tei-
       lung der  Arbeit und mit ihr die Manufaktur im engeren Sinne, und
       endlich die Maschinerie, die große Industrie und die ihr entspre-
       chenden gesellschaftlichen  Kombinationen und  Verhältnisse  sich
       auseinander naturwüchsig entwickeln.
       Was nun  die Tendenz  des Verfassers  angeht, so  können wir auch
       darin wieder eine doppelte Richtung unterscheiden. Soweit er sich
       bemüht nachzuweisen, daß die jetzige Gesellschaft, ökonomisch be-
       trachtet, mit einer
       
       #227# Rezension des "Kapitals" für den "Beobachter"
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       andern, höheren  Gesellschaftsform schwanger  gehe, insoweit  be-
       strebter sich,  nur denselben  allmählichen Umwälzungsprozeß  auf
       dem sozialen  Gebiet als Gesetz hinzustellen, den Darwin naturge-
       schichtlich nachgewiesen hat. Eine solche allmähliche Veränderung
       hat ja  auch bisher  in den  gesellschaftlichen Verhältnissen vom
       Altertum durch  das Mittelalter  bis jetzt  stattgefunden, und es
       ist unsres  Wissens noch nie von irgendwelcher wissenschaftlichen
       Seite ernsthaft  behauptet worden,  daß Adam Smith und Ricardo in
       Beziehung auf die künftige Weiterentwicklung der heutigen Gesell-
       schaft das  letzte Wort gesagt hätten. Im Gegenteil, die liberale
       Lehre vom  Fortschritt schließt auch den Fortschritt auf sozialem
       Gebiet ein,  und es  gehört zu den anmaßlichen Paradoxen der sog.
       Sozialisten, zu  tun, als  wenn sie  den gesellschaftlichen Fort-
       schritt allein gepachtet hätten. Den gewöhnlichen Sozialisten ge-
       genüber ist  es als  Verdienst von Marx anzuerkennen, daß er auch
       da einen Fortschritt nachweist, wo die extrem einseitige Entwick-
       lung der  gegenwärtigen Zustände  von unmittelbar  abschreckenden
       Folgen begleitet ist. So überall bei der Darstellung der sich aus
       dem Fabriksystem  im Großen  ergebenden Extreme  von Reichtum und
       Armut usw. Gerade durch diese kritische Auffassung des Gegenstan-
       des hat  der Verfasser  - sicher gegen seinen Willen - die stärk-
       sten Argumente gegen allen Sozialismus vom Fach geliefert.
       Ganz anders  ist es  mit der Tendenz, mit den subjektiven Schluß-
       folgerungen des Verfassers beschaffen, mit der Art und Weise, wie
       er sich und ändern das Endresultat des jetzigen sozialen Entwick-
       lungsprozesses darstellt.  Diese haben mit dem, was wir den posi-
       tiven Teil des Buchs nennen, gar nichts zu scharfen; ja, wenn der
       Raum es  erlaubte, darauf einzugehn, so könnte vielleicht gezeigt
       werden, daß  diese seine   s u b j e k t i v e n   Grillen  durch
       seine eigene   o b j e k t i v e   Entwicklung  selbst  widerlegt
       werden.
       Wenn Lassalles ganzer Sozialismus dann bestand, auf die Kapitali-
       sten zu  schimpfen und  den preußischen  Krautjunkern zu  schmei-
       cheln, so  finden wir  hier das  grade Gegenteil. Herr Marx weist
       die geschichtliche  Notwendigkeit der  kapitalistischen Produkti-
       onsweise, wie  er die  jetzige soziale  Phase nennt, ausdrücklich
       nach und  ebensosehr die  Überflüssigkeit des bloß konsumierenden
       grundbesitzenden Junkertums.  Wenn Lassalle große Rosinen im Kopf
       hatte von  dem Beruf Bismarcks zur Einführung des sozialistischen
       Tausendjährigen Reichs,  so desavouiert Herr Marx seinen mißrate-
       nen Schüler  laut genug.  Nicht nur,  daß er ausdrücklich erklärt
       hat, er  habe mit  allem "königl. preußischen Regierungssozialis-
       mus" nichts  zu schaffen, er sagt auch Seite 762 ff. gradezu, das
       jetzt in  Frankreich und Preußen herrschende System werde in kur-
       zer Frist die Herrschaft der
       
       #228# Friedrich Engels
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       russischen Knute  über Europa  zur Folge haben, wenn ihm nicht in
       Zeiten Einhalt getan werde.
       Wir bemerken schließlich, daß wir in obigem nur auf die Hauptzüge
       des starken  Bandes Rücksicht nehmen konnten; beim einzelnen wäre
       noch manches  zu bemerken,  was wir  aber hier  übergehen müssen.
       Dazu sind  ja auch  Fachzeitschriften genug  da, die  sicher  auf
       diese jedenfalls sehr bemerkenswerte Erscheinung eingehen werden.
       Geschrieben am 12./13. Dezember 1867.
       
       Nach der Handschrift.

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