Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Friedrich Engels
       
       [Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
       für den "Staats-Anzeiger für Württemberg" [166]]
       
       ["Staats-Anzeiger für Württemberg" Nr. 306 vom 27.Dezember 1867]
       Karl Marx.  Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster
       Band. Hamburg, Meißner, 1867
       Wenn wir auf das obige Werk Rücksicht nehmen, so geschieht es si-
       cher nicht  wegen der spezifisch sozialistischen Tendenz, die der
       Verfasser schon in der Vorrede offen zur Schau trägt.
       Es geschieht,  weil dasselbe,  abgesehen von der Tendenz, wissen-
       schaftliche Entwicklungen  und  tatsächliches  Material  enthält,
       welche alle  Beachtung verdienen. Wir werden auch auf den wissen-
       schaftlichen Teil  hier nicht  eingehen, da  dies unsern  Zwecken
       ferner hegt, und beschränken uns daher lediglich auf das Tatsäch-
       liche.
       Wir glauben  nicht, daß  irgendein Werk  - in  deutscher oder  in
       fremder Sprache  - existiert,  in dem  die analytischen Grundzüge
       der neueren  Industriegeschichte vom Mittelalter bis auf den heu-
       tigen Tag  in so klarer und vollständiger Zusammenfassung gegeben
       sind, wie  auf pag.  302-495   1*) des  vorliegenden Buchs in den
       drei Kapiteln:  Kooperation, Manufaktur und große Industrie. Jede
       einzelne Seite  des industriellen  Fortschritts ist hier an ihrer
       Stelle nach  Verdienst hervorgehoben,  und wenn auch die spezifi-
       sche Tendenz  hier und  da durchbricht,  so muß man dem Verfasser
       doch die  Gerechtigkeit widerfahren  lassen, daß er die Tatsachen
       nirgends nach  seiner Theorie  modelt, sondern im Gegenteil seine
       Theorie als Resultat der Tatsachen darzustellen sucht. Diese Tat-
       sachen hat  er stets  aus den  besten und, was den neuesten Stand
       betrifft, aus  Quellen entnommen,  die ebenso  authentisch wie in
       Deutschland zur Zeit unbekannt sind: den englischen
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 341-530
       
       #230# Friedrich Engels
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       Parlamentsberichten. Deutsche  Geschäftsleute, welche  ihre Indu-
       strie nicht  bloß vom  alltäglichen Erwerbsstandpunkt betrachten,
       sondern sie  als ein  wesentliches Glied in der ganzen großen mo-
       dernen Industrieentwicklung  aller Länder  ansehen und sich daher
       auch für  das interessieren, was nicht unmittelbar zu ihrer Bran-
       che gehört,  werden hier  eine reiche Quelle der Belehrung finden
       und uns  dafür danken,  sie hierauf  aufmerksam gemacht zu haben.
       Hat die  Zeit ja  doch längst  aufgehört, wo jeder Geschäftszweig
       einzeln und  still für  sich bestand,  und hängen  sie doch jetzt
       alle voneinander  und von den Fortschritten ab, die in entfernten
       Ländern wie  in nächster  Nähe gemacht  werden, und von den wech-
       selnden Konjunkturen des Weltmarkts. Und wenn, wie dies wohl mög-
       lich, die  neuen Zollvereinsverträge  [187]  demnächst  eine  Be-
       schränkung des  bisherigen Zollschutzes im Gefolge haben dürften,
       so tritt  die Forderung  allen unsern  Fabrikanten nahe, sich mit
       der Geschichte  der neuen  Industrie im  allgemeinen bekanntzuma-
       chen, damit  sie aus ihr im voraus lernen, wie sie sich am besten
       bei solchen Veränderungen zu verhalten haben. Die höhere Bildung,
       welche uns Deutsche bisher, trotz der politischen Zersplitterung,
       immer wieder  gerettet hat,  würde auch in diesem Falle die beste
       Waffe sein,  welche wir gegen den grobmateriellen Engländer anzu-
       wenden hätten.
       Dies führt uns auf einen ändern Punkt. Bei der neuen Zollvereins-
       gesetzgebung dürfte  der Augenblick bald eintreten, wo eine glei-
       che Regelung  der Arbeitszeit  in den  vereinsländischen Fabriken
       von den  Fabrikanten selbst  gefordert wird. Es wäre augenschein-
       lich unbillig,  wenn in  einem Staat  die Arbeitszeit, namentlich
       von Kindern  und Frauen, ganz im Belieben des Fabrikanten stände,
       während sie  in einem  ändern Staate  wesentlichen Beschränkungen
       unterliegt. Eine  Verständigung über  gemeinsame Bestimmungen  in
       dieser Beziehung wird schwerlich zu umgehen sein, und um so weni-
       ger, wenn wirklich Erniedrigungen der Schutzzölle eintreten soll-
       ten. In  dieser Hinsicht aber haben wir in Deutschland nur höchst
       ungenügende, ja sozusagen gar keine Erfahrungen und sind ganz auf
       die Lehren  angewiesen, die wir aus der Gesetzgebung anderer Län-
       der, namentlich  Englands, und  aus deren Früchten ziehen können.
       Und hier  hat der Verfasser der deutschen Industrie dadurch einen
       großen Dienst geleistet, daß er die Geschichte der englischen Fa-
       brikgesetzgebung und ihrer Resultate in der ausführlichsten Weise
       nach den offiziellen Dokumenten gegeben hat. (Vergl. pag. 207-281
       und 399-4961 und später stellenweise.) Diese ganze Seite der eng-
       lischen Industriegeschichte  ist in  Deutschland so gut wie unbe-
       kannt,
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 254-320 und 431-530
       
       #231# Rezension d. "Kapitals" für den "Staatsanz. f. Württemberg"
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       und man  wird sich  wundern, zu erfahren, daß, nachdem ein Parla-
       mentsakt vom laufenden Jahre nicht weniger als 1 1/2 Mill. Arbei-
       ter unter  Regierungskontrolle gestellt hat, jetzt nicht nur fast
       alle industrielle, sondern auch die meiste häusliche und ein Teil
       der Ackerbauarbeit  in England der Aufsicht der Beamten und einer
       direkten oder  indirekten Zeitbeschränkung  unterworfen ist.  Wir
       fordern unsere  Fabrikanten auf, sich durch die Tendenz des Buchs
       nicht abhalten  zu lassen  und namentlich  diesen Teil  desselben
       ernsthaft zu  studieren; dieselbe Frage wird auch ihnen über kurz
       oder lang sicher einmal gestellt werden!
       
       Geschrieben am 12./13. Dezember 1867.

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