Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
[Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
für die "Neue Badische Landeszeitung" [168]]
["Neue Badische Landeszeitung" Nr. 20 vom 21. Januar 1868]
Karl Marx. Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.
Erster Band. Hamburg, Meißner, 1867
Wir müssen es ändern überlassen, sich mit dem theoretischen und
streng wissenschaftlichen Teil dieses Werkes zu befassen und die
neue Anschauung, die der Verfasser von der Entstehung des Kapi-
tals gibt, zu kritisieren. Wir können aber nicht umhin, darauf
aufmerksam zu machen, daß derselbe uns hier gleichzeitig eine
große Masse des schätzbarsten geschichtlichen und statistischen
Materials bietet, welches fast ohne Ausnahme aus den offiziellen,
dem englischen Parlament vorgelegten Kommissionsberichten ge-
schöpft ist. Nicht mit Unrecht betont er die Wichtigkeit solcher
Untersuchskommissionen zur Erforschung der innern sozialen Zu-
stände eines Landes. Sie sind - wenn anders die richtigen Leute
gefunden werden - das beste Mittel für ein Volk, sich selbst ken-
nenzulernen; und Herr Marx mag wohl nicht unrecht haben, wenn er
sagt, daß ähnliche Untersuchungen, in Deutschland angestellt, zu
Resultaten führen würden, über die wir selbst erschrecken müßten.
Wußte doch vor denselben kein Engländer, wie es unter der ärmeren
Klasse seines Landes aussah!
Es versteht sich übrigens, daß ohne solche Untersuchungen alle
Sozialgesetzgebung, wie man jetzt in Bayern sagt, mit halber
Sachkenntnis und oft ganz im Dunkeln abgemacht werden wird. Die
sog. "Erhebungen" und "Ermittlungen" deutscher Behörden haben
nicht entfernt denselben Wert. Wir kennen die bürokratische Scha-
blone zu gut: man schickt Formulare herum und ist froh, wenn sie
irgendwie ausgefüllt zurückkommen, die Information, auf welche
hin die Ausfüllung geschieht, wird nur zu oft gerade
#233# Rezension des "Kapitals" für d. "N. Badische Landeszeitung"
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bei denen gesucht, deren Interesse es ist, daß die Wahrheit ver-
tuscht werde. Man halte dagegen die Untersuchungen englischer
Kommissionen, z.B. über die Arbeitsverhältnisse in einzelnen Ge-
schäftszweigen. Da werden nicht nur die Fabrikanten und Meister,
sondern auch die Arbeiter bis zu den kleinen Mädchen herab, nicht
nur diese, sondern auch Ärzte, Friedensrichter, Geistliche,
Schullehrer und jeder überhaupt vernommen, der in irgendeiner
Weise über den Gegenstand Auskunft geben kann. Da wird jede Frage
und jede Antwort stenographiert und wörtlich abgedruckt und dem
ganzen Material der darauf begründete Kommissionsbericht mit sei-
nen Schlußfolgerungen und Anträgen beigegeben. Der Bericht und
sein Material weist also gleichzeitig im einzelnen nach, ob und
wie die Kommissäre ihre Pflicht erfüllt haben, und erschwert jede
Parteilichkeit einzelner bedeutend. Das Nähere sowie eine unzäh-
lige Menge von Beispielen kann man im obigen Buche selbst nachle-
sen. Wir wollen hier nur den einen Punkt hervorheben, daß in Eng-
land mit der Ausdehnung der Handels- und Gewerbefreiheit gleichen
Schritt hält die Ausdehnung der gesetzlichen Beschränkung der Ar-
beitszeit für Kinder und Frauen und damit die Stellung fast aller
Industrien unter die Aufsicht der Regierung. Herr Marx gibt uns
eine ausführliche geschichtliche Darstellung dieser Entwicklung,
wie zuerst die Spinnereien und Webereien seit 1833 in dieser
Weise auf 12 Stunden tägliche Arbeitszeit beschränkt wurden; wie
nach einem langen Kampf zwischen Fabrikanten und Arbeitern end-
lich die Arbeitszeit auf 10 1/2 Stunden - 6 1/2 Stunden für Kin-
der - festgesetzt und nun von 1850 an ein Industriezweig nach dem
ändern diesem Fabrikgesetz unterworfen wurde. Zuerst die Kattun-
druckereien (1845 schon), dann 1860 die Färbereien und Bleiche-
reien, 1861 die Spitzen- und Strumpfwarenfabriken, 1863 die Töp-
fereien, Tapetenfabriken usw. und endlich 1867 fast alle übrigen
irgend bedeutenden Industriezweige. Von der Bedeutung dieses
letzten Aktes von 1867 mag man sich eine Vorstellung machen, wenn
man erfährt, daß derselbe die Arbeit von nicht minder als
a n d e r t h a l b M i l l i o n e n Weibern und Kindern unter
den Schutz und die Kontrolle des Gesetzes stellt. Wir haben die-
sen Punkt besonders hervorgehoben, weil es in dieser Beziehung
bei uns in Deutschland im ganzen leider schlecht genug bestellt
ist, und wir müssen es dem Verfasser Dank wissen, daß er ihn so
ausführlich behandelt und zum ersten Mal dem deutschen Publikum
zugänglich gemacht hat. Dieser Ansicht wird jeder Menschenfreund
sein, was er auch von den theoretischen Sätzen des Herrn Marx
halten mag.
Auf anderweitiges schätzbares Material aus der Geschichte der In-
dustrie und des Ackerbaues einzugehen, erlaubt uns der Raum
nicht, wir sind
#234# Friedrich Engels
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aber der Ansicht, daß jeder, der sich für Nationalökonomie, Indu-
strie, Arbeiterverhältnisse, Kulturgeschichte und Sozialgesetzge-
bung interessiert, welchen Standpunkt er auch einnehmen mag, dies
Buch nicht ungelesen lassen darf.
Geschrieben in der ersten Januarhälfte 1868.
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