Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
[Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
für das "Demokratische Wochenblatt" [169]]
["Demokratisches Wochenblatt" Nr. 12 vom 21. März 1868]
"Das Kapital" von Marx *)
I
Solange es Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein
Buch erschienen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit
wäre, wie das vorliegende. Das Verhältnis von Kapital und Arbeit,
die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem
dreht, ist hier zum ersten Mal wissenschaftlich entwickelt, und
das mit einer Gründlichkeit und Schärfe, wie sie nur einem Deut-
schen möglich war. Wertvoll wie die Schriften eines Owen, Saint-
Simon, Fourier sind und bleiben werden - erst einem Deutschen war
es vorbehalten, die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Ge-
biet der modernen sozialen Verhältnisse klar und übersichtlich
daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der
auf der höchsten Kuppe steht.
Die bisherige politische Ökonomie lehrt uns, daß die Arbeit die
Quelle alles Reichtums und das Maß aller Werte ist, so daß zwei
Gegenstände, deren Erzeugung dieselbe Arbeitszeit gekostet hat,
auch denselben Wert besitzen und, da durchschnittlich nur gleiche
Werte unter sich austauschbar sind, auch gegeneinander ausge-
tauscht werden müssen. Gleichzeitig lehrt sie aber, daß eine Art
aufgespeicherter Arbeit existiert, welche sie Kapital nennt; daß
dies Kapital durch die in ihm enthaltenen Hülfsquellen
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*) Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Von Karl Marx.
Erster Band: Der Produktionsprozeß des Kapitals. Hamburg, O.
Meißner, 1867.
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die Produktivität der lebendigen Arbeit ins Hundert- und Tausend-
fache steigert und dafür eine gewisse Vergütung in Anspruch
nimmt, welche man Profit oder Gewinn nennt. Wie wir alle wissen,
stellt sich dies in der Wirklichkeit so, daß die Profite der auf-
gespeicherten, toten Arbeit immer massenhafter, die Kapitalien
der Kapitalisten immer kolossaler werden, während der Lohn der
lebendigen Arbeit immer geringer, die Masse der bloß von Arbeits-
lohn lebenden Arbeiter immer zahlreicher und ärmer wird. Wie ist
dieser Widerspruch zu lösen? Wie kann ein Profit für den Kapita-
listen übrigbleiben, wenn der Arbeiter den vollen Wert der Arbeit
ersetzt erhält, den er seinem Produkt zusetzt? Und da nur gleiche
Werte ausgetauscht werden, so sollte dies doch der Fall sein. An-
dererseits, wie können gleiche Werte ausgetauscht werden, wie
kann der Arbeiter den vollen Wert seines Produkts erhalten, wenn,
wie von vielen Ökonomen zugegeben wird, dieses Produkt zwischen
ihm und dem Kapitalisten geteilt wird? Die bisherige Ökonomie
steht vor diesem Widerspruch ratlos da, schreibt oder stottert
verlegene, nichtssagende Redensarten. Selbst die bisherigen so-
zialistischen Kritiker der Ökonomie sind nicht imstande gewesen,
mehr zu tun, als den Widerspruch hervorzuheben; gelöst hat ihn
keiner, bis Marx jetzt endlich den Entstehungsprozeß dieses Pro-
fits bis auf seine Geburtsstätte verfolgt und damit alles klarge-
macht hat.
Bei der Entwickelung des Kapitals geht Marx von der einfachen,
notorisch vorliegenden Tatsache aus, daß die Kapitalisten ihr Ka-
pital durch Austausch verwerten: Sie kaufen Ware für ihr Geld und
verkaufen sie nachher für mehr Geld, als sie ihnen gekostet hat.
Zum Beispiel ein Kapitalist kauft Baumwolle für 1000 Taler und
verkauft sie wieder zu 1100 Taler, "verdient" also 100 Taler.
Diesen Überschuß von 100 Talern über das ursprüngliche Kapital
nennt Marx M e h r w e r t. Woraus entsteht dieser Mehrwert?
Nach der Annahme der Ökonomen werden nur gleiche Werte ausge-
tauscht, und dies ist auf dem Gebiet der abstrakten Theorie auch
richtig. Der Einkauf von Baumwolle und ihr Wiederverkauf kann
also ebensowenig einen Mehrwert liefern wie der Austausch von ei-
nem Silbertaler gegen dreißig Silbergroschen und der Wiederein-
tausch der Scheidemünze gegen den Silbertaler, wobei man nicht
reicher und nicht ärmer wird. Der Mehrwert kann aber ebensowenig
daraus entstehen, daß die Verkäufer die Waren über ihren Wert
verkaufen oder die Käufer sie unter ihrem Wert kaufen, weil jeder
der Reihe nach bald Käufer, bald Verkäufer ist und sich dies also
wieder ausgliche. Ebensowenig kann es daher kommen, daß die Käu-
fer und Verkäufer sich gegenseitig übervorteilen, denn dies würde
keinen
#237# Rezension des "Kapitals" für d. "Demokratische Wochenblatt"
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neuen oder Mehrwert schaffen, sondern nur das vorhandene Kapital
anders zwischen den Kapitalisten verteilen. Trotzdem daß der Ka-
pitalist die Waren zu ihrem Wert kauft und zu ihrem Wert ver-
kauft, zieht er mehr Wert heraus, als er hineinwarf. Wie geht
dies zu?
Der Kapitalist findet unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen
Verhältnissen auf dem Warenmarkt e i n e W a r e, welche die
eigentümliche Beschaffenheit hat, daß i h r V e r b r a u c h
e i n e Q u e l l e v o n n e u e m W e r t, S c h ö p-
f u n g n e u e n W e r t e s i s t, und diese Ware ist -
d i e A r b e i t s k r a f t.
Was ist der Wert der Arbeitskraft? Der Wert jeder Ware wird ge-
messen durch die zu ihrer Herstellung erforderliche Arbeit. Die
Arbeitskraft existiert in der Gestalt des lebendigen Arbeiters,
der zu seiner Existenz sowie zur Erhaltung seiner Familie, welche
die Fortdauer der Arbeitskraft auch nach seinem Tode sichert, ei-
ner bestimmten Summe von Lebensmitteln bedarf. Die zur Hervor-
bringung dieser Lebensmittel nötige Arbeitszeit stellt also den
Wert der Arbeitskraft dar. Der Kapitalist zahlt ihn wöchentlich
und kauft dafür den Gebrauch der Wochenarbeit des Arbeiters. So-
weit werden die Herren Ökonomen so ziemlich mit uns über den Wert
der Arbeitskraft einverstanden sein.
Der Kapitalist stellt seinen Arbeiter nun an die Arbeit. In einer
bestimmten Zeit wird der Arbeiter soviel Arbeit geliefert haben,
als in seinem Wochenlohn repräsentiert war. Gesetzt, der Wochen-
lohn eines Arbeiters repräsentiere drei Arbeitstage, so hat der
Arbeiter, der montags anfängt, am Mittwochabend dem Kapitalisten
den v o l l e n W e r t d e s g e z a h l t e n L o h n e s
e r s e t z t. Hört er dann aber auf zu arbeiten? Keineswegs.
Der Kapitalist hat seine Wochenarbeit gekauft, und der Arbeiter
muß die drei letzten Wochentage auch noch arbeiten. Diese
M e h r a r b e i t des Arbeiters, über die zur Ersetzung seines
Lohnes nötige Zeit hinaus, ist die Q u e l l e d e s M e h r-
w e r t s, des Profits, der stets wachsenden Anschwellung des
Kapitals.
Man sage nicht, es sei eine willkürliche Annahme, daß der Arbei-
ter in drei Tagen den Lohn wieder herausarbeite, den er erhalten
hat, und die übrigen drei Tage für den Kapitalisten arbeite. Ob
er gerade drei Tage braucht, um den Lohn zu ersetzen, oder zwei
oder vier, ist allerdings hier ganz gleichgültig und wechselt
auch nach den Umständen; aber die Hauptsache ist die, daß der Ka-
pitalist neben der Arbeit, die er bezahlt, auch noch Arbeit her-
ausschlägt, die er n i c h t b e z a h l t, und das ist keine
willkürliche Annahme, denn an dem Tage, wo der Kapitalist auf die
Dauer nur noch soviel Arbeit aus dem Arbeiter herausbekäme, wie
er ihm im Lohn bezahlt, an dem Tage würde er seine Werkstatt zu-
schließen, da ihm eben sein ganzer Profit in die Brüche ginge.
#238# Friedrich Engels
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Hier haben wir die Lösung aller jener Widersprüche. Die Entste-
hung des Mehrwerts (wovon der Profit des Kapitalisten einen be-
deutenden Teil bildet) ist nun ganz klar und natürlich. Der Wert
der Arbeitskraft wird gezahlt, aber dieser Wert ist weit geringer
als derjenige, welchen der Kapitalist aus der Arbeitskraft her-
auszuschlagen versteht, und die Differenz, die u n b e z a h l-
t e A r b e i t, macht gerade den Anteil des Kapitalisten,
oder, genauer gesprochen, der Kapitalistenklasse aus. Denn selbst
der Profit, den im obigen Beispiel der Baumwollhändler aus seiner
Baumwolle herausschlug, muß, wenn die Baumwollpreise nicht ge-
stiegen waren, aus unbezahlter Arbeit bestehen. Der Händler muß
an einen Baumwollfabrikanten verkauft haben, der außer jenen 100
Talern noch einen Gewinn für sich aus seinem Fabrikat heraus-
schlagen kann, der also die eingesteckte unbezahlte Arbeit mit
ihm teilt. Diese unbezahlte Arbeit ist es überhaupt, welche alle
nichtarbeitenden Mitglieder der Gesellschaft erhält. Aus ihr
werden die Staats- und Gemeindesteuern, soweit sie die Kapitali-
stenklasse treffen, die Grundrenten der Grundbesitzer usw. ge-
zahlt. Auf ihr beruht der ganze bestehende gesellschaftliche Zu-
stand.
Andererseits wäre es abgeschmackt, anzunehmen, daß die unbezahlte
Arbeit erst entstanden sei unter gegenwärtigen Verhältnissen, wo
die Produktion von Kapitalisten einerseits und von Lohnarbeitern
andererseits betrieben wird. Im Gegenteil. Die unterdrückte
Klasse hat zu allen Zeiten unbezahlte Arbeit leisten müssen. Wäh-
rend der ganzen langen Zeit, wo die Sklaverei die herrschende
Form der Arbeitsorganisation war, haben die Sklaven weit mehr ar-
beiten müssen, als ihnen in der Form von Lebensmitteln ersetzt
wurde. Unter der Herrschaft der Leibeigenschaft und bis zur Ab-
schaffung der bäuerlichen Fronarbeiter war dasselbe der Fall;
hier tritt sogar der Unterschied handgreiflich zutage zwischen
der Zeit, die der Bauer arbeitet für seinen eignen Lebensunter-
halt und der Mehrarbeit für den Gutsherrn, weil eben die letztere
von der ersteren getrennt vollzogen wird. Die Form ist jetzt ver-
ändert, aber die Sache ist geblieben, und solange "ein Teil der
Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der
Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung nötigen
Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmit-
tel für die Eigner der Produktionsmittel zu produzieren" (Marx,
S. 202) 1*).
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 249
#239# Rezension des "Kapitals" für d. "Demokratische Wochenblatt"
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["Demokratisches Wochenblatt" Nr. 13 vom 28.März 1868]
II
Im vorigen Artikel sahen wir, daß jeder Arbeiter, der vom Kapita-
listen beschäftigt wird, zweifache Arbeit verrichtet. Während ei-
nes Teils seiner Arbeitszeit ersetzt er den ihm vom Kapitalisten
vorgeschossenen Lohn, und diesen Teil der Arbeit nennt Marx die
n o t w e n d i g e A r b e i t. Nachher aber hat er noch wei-
ter fortzuarbeiten und produziert während dieser Zeit den
M e h r w e r t für den Kapitalisten, wovon der Profit einen be-
deutenden Teil ausmacht. Dieser Teil der Arbeit heißt die Mehrar-
beit.
Wir nehmen an, der Arbeiter arbeite drei Tage der Woche zur Er-
setzung seines Lohns und drei Tage zur Produktion von Mehrwert
für den Kapitalisten. Anders ausgedrückt heißt dies, er arbeitet,
bei täglich zwölfstündiger Arbeit, sechs Stunden täglich für sei-
nen Lohn und sechs Stunden zur Erzeugung von Mehrwert. Aus der
Woche kann man nur sechs, selbst mit Hinzuziehung des Sonntags
nur sieben Tage schlagen, aber aus jedem einzelnen Tage kann man
sechs, acht, zehn, zwölf, fünfzehn und selbst mehr Arbeitsstunden
schlagen. Der Arbeiter hat dem Kapitalisten für seinen Taglohn
einen Arbeitstag verkauft. Aber, w a s i s t e i n A r-
b e i t s t a g? Acht Stunden oder achtzehn?
Der Kapitalist hat ein Interesse daran, daß der Arbeitstag so
lang wie möglich gemacht werde. Je länger er ist, desto mehr
Mehrwert erzeugt er. Der Arbeiter hat das richtige Gefühl, daß
jede Stunde Arbeit, die er über die Ersetzung des Arbeitslohns
hinaus arbeitet, ihm unrechtmäßig entzogen wird; er hat an seinem
eignen Körper durchzumachen, was es heißt, überlange Zeit zu ar-
beiten. Der Kapitalist kämpft für seinen Profit, der Arbeiter für
seine Gesundheit, für ein paar Stunden täglicher Ruhe, um außer
Arbeiten, Schlafen und Essen sich auch noch sonst als Mensch be-
tätigen zu können. Beiläufig bemerkt, hängt es gar nicht vom
guten Willen der einzelnen Kapitalisten ab, ob sie sich in diesen
Kampf einlassen wollen oder nicht, da die Konkurrenz selbst den
p h i l a n t h r o p i s c h s t e n unter ihnen zwingt, sich
seinen Kollegen anzuschließen und so lange Arbeitszeit zur Regel
zu machen wie diese.
Der Kampf um die Feststellung des Arbeitstags dauert vom ersten
geschichtlichen Auftreten freier Arbeiter bis auf den heutigen
Tag. In verschiedenen Gewerben herrschen verschiedene herkömmli-
che Arbeitstage; aber in der Wirklichkeit werden sie selten ein-
gehalten. Nur da, wo das Gesetz den Arbeitstag feststellt und
seine Einhaltung überwacht, nur da kann
#240# Friedrich Engels
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man wirklich sagen, daß ein Normalarbeitstag besteht. Und dies
ist bis jetzt fast nur der Fall in den Fabrikdistrikten Englands.
Hier ist der zehnstündige Arbeitstag (10V2 Stunden an fünf Tagen,
7 1/2 am Samstag) für alle Frauen und für Knaben von 13 bis 18
Jahren festgestellt, und da die Männer nicht ohne jene arbeiten
können, so fallen auch sie unter den zehnstündigen Arbeitstag.
Dies Gesetz haben die englischen Fabrikarbeiter durch jahrelange
Ausdauer, durch den zähesten, hartnäckigsten Kampf mit den Fabri-
kanten, durch die Preßfreiheit, das Koalitions- und Versammlungs-
recht sowie durch geschickte Benutzung der Spaltungen in der
herrschenden Klasse selbst erobert. Es ist das Palladium der Ar-
beiter Englands geworden, es ist nach und nach auf alle großen
Industriezweige und im vorigen Jahre fast a u f a l l e
G e w e r b e ausgedehnt worden, wenigstens auf alle, in denen
Frauen und Kinder beschäftigt werden. Über die Geschichte dieser
gesetzlichen Regelung des Arbeitstags in England enthält das vor-
liegende Werk ein höchst ausführliches Material. Der nächste
"Norddeutsche Reichstag" wird auch eine Gewerbeordnung zu beraten
haben und damit die Regelung der Fabrikarbeit. Wir erwarten, daß
keiner der Abgeordneten, die von deutschen Arbeitern durchgesetzt
worden sind, an die Beratung dieses Gesetzes geht, ohne sich vor-
her mit dem Manschen Buch vollkommen vertraut gemacht zu haben.
E s i s t d a v i e l e s d u r c h z u s e t z e n. Die
Spaltungen in den herrschenden Klassen sind den Arbeitern günsti-
ger, als sie je in England waren, weil d a s a l l g e m e i-
n e S t i m m r e c h t d i e h e r r s c h e n d e n
K l a s s e n z w i n g t, u m d i e G u n s t d e r A r-
b e i t e r z u b u h l e n. Vier oder fünf Vertreter des Pro-
letariats sind unter diesen Umständen e i n e M a c h t, wenn
sie ihre Stellung zu benutzen wissen, wenn sie vor allen Dingen
wissen, um was es sich handelt, was die Bürger nicht wissen. Und
dazu gibt ihnen Marx' Buch alles Material fertig an die Hand.
Wir übergehen eine Reihe weiterer sehr schöner Untersuchungen von
mehr theoretischem Interesse und kommen nur noch auf das Schluß-
kapitel, das von der Akkumulation oder Anhäufung des Kapitals
handelt. Hier wird zuerst nachgewiesen, daß die kapitalistische,
d.h. durch Kapitalisten einerseits und Lohnarbeiter andererseits
bewirkte Produktionsmethode nicht nur dem Kapitalisten sein Kapi-
tal stets neu produziert, sondern daß sie auch gleichzeitig die
Armut der Arbeiter immer wieder produziert; so daß dafür gesorgt
ist, daß stets aufs neue auf der einen Seite Kapitalisten beste-
hen, welche die Eigentümer aller Lebensmittel, aller Rohprodukte
und aller Arbeitsinstrumente sind, und auf der ändern Seite die
große Masse der Arbeiter, welche gezwungen ist, ihre Arbeitskraft
diesen Kapitalisten für ein Quantum Lebensmittel zu verkaufen,
das im besten Falle eben hinreicht,
#241# Rezension des "Kapitals" für d. "Demokratische Wochenblatt"
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sie in arbeitsfähigem Zustande zu erhalten und ein neues Ge-
schlecht arbeitsfähiger Proletarier heranzuziehen. Das Kapital
aber reproduziert sich nicht bloß: es wird fortwährend vermehrt
und vergrößert - damit seine Macht über die eigentumslose Klasse
von Arbeitern. Und wie es selbst in stets größerem Maßstabe re-
produziert wird, so reproduziert die moderne kapitalistische Pro-
duktionsweise ebenfalls in stets größerem Maßstabe, in stets
wachsender Zahl die Klasse besitzloser Arbeiter. "Die Akkumula-
tion des Kapitals reproduziert das Kapitalverhältnis auf erwei-
terter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten
auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem... A k k u m u l a-
t i o n d e s K a p i t a l s i s t a l s o V e r m e h-
r u n g d e s P r o l e t a r i a t s." (p. 600.) 1*) Da aber
durch den Fortschritt der Maschinerie, durch verbesserten Acker-
bau etc. stets weniger Arbeiter benötigt werden, um ein gleiches
Quantum Produkte hervorzubringen, da diese Vervollkommnung, d.h.
diese Uberzähligmachung von Arbeitern rascher wächst als selbst
das wachsende Kapital, was wird aus dieser stets zunehmenden Zahl
von Arbeitern? Sie bilden eine industrielle Reservearmee, welche
während schlechter oder mittelmäßiger Geschäftszeiten u n t e r
dem Wert ihrer Arbeit bezahlt und unregelmäßig beschäftigt wird
oder der öffentlichen Armenpflege anheimfällt, die aber der Kapi-
talistenklasse zu Zeiten besonders lebhaften Geschäfts unentbehr-
lich ist, wie dies in England handgreiflich vorliegt, - die aber
u n t e r a l l e n U m s t ä n d e n dazu dient, die Wider-
standskraft der regelmäßig beschäftigten Arbeiter zu brechen und
ihre Löhne niedrig zu halten. "Je größer der gesellschaftliche
Reichtum.... desto größer die relative Surpluspopulation" (über-
zählige Bevölkerung) "oder industrielle Reservearmee. Je größer
aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven" (regelmäßig
beschäftigten) "Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsoli-
dierte" (ständige) "Surpluspopulation oder die Arbeiterschichten,
deren Elend im umgekehrten Verhältnis steht zu ihrer Arbeitsqual.
Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die
industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperis-
mus. D i e s i s t d a s a b s o l u t e , a l l g e m e i-
n e G e s e t z d e r k a p i t a l i s t i s c h e n A k-
k u m u l a t i o n." (p. 631.) 2*)
Dies sind, streng wissenschaftlich nachgewiesen - und die offi-
ziellen Ökonomen hüten sich wohl, auch nur den Versuch einer Wi-
derlegung zu machen -, einige der Hauptgesetze des modernen, ka-
pitalistischen gesellschaftlichen Systems. Aber ist damit alles
gesagt? Keineswegs. Ebenso scharf wie Marx die schlimmen Seiten
der kapitalistischen Produktion hervorhebt, ebenso klar weist er
nach, daß diese gesellschaftliche Form notwendig
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe. S. 642 - 2*) ebenda, S. 674
#242# Friedrich Engels
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war, um die Produktivkräfte der Gesellschaft auf einen Höhegrad
zu entwickeln, der eine gleiche menschenwürdige Entwicklung für
a l l e Glieder der Gesellschaft möglich machen wird. Dazu waren
alle früheren Gesellschaftsformen zu arm. Erst die kapitalisti-
sche Produktion schafft die Reichtümer und die Produktionskräfte,
welche dazu nötig sind, aber sie schafft auch gleichzeitig in den
massenhaften und unterdrückten Arbeitern die Gesellschaftsklasse,
die mehr und mehr gezwungen wird, die Benutzung dieser Reichtümer
und Produktivkräfte für die ganze Gesellschaft - statt wie heute
für eine monopolistische Klasse - in Anspruch zu nehmen.
Geschrieben zwischen dem 2. und 13. März 1868.
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