Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       #25#
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       Karl Marx
       
       Über P.-J. Proudhon [27]
       [Brief an J.B. v. Schweizer]
       
       ["Der Social-Demokrat"  Nr. 16.  17 und  18 vom 1., 3. und 5. Fe-
       bruar 1865]
       London, 24. Januar 1865
       Sehr geehrter Herr!
       Ich erhielt  gestern einen  Brief, worin Sie von mir ausführliche
       Beurteilung Proudhons  verlangen. Zeitmangel  erlaubt mir  nicht,
       Ihren Wunsch  zu befriedigen.  Zudem habe  ich  k e i n e  seiner
       Schriften hier  zur Hand.  Um Ihnen jedoch meinen guten Willen zu
       zeigen, werfe  ich rasch  eine kurze  Skizze hin. Sie können dann
       nachholen, zusetzen,  auslassen, kurz  und gut, damit machen, was
       Ihnen gutdünkt. 1*)
       Proudhons erster  Versuche erinnere  ich mich  nicht mehr.  Seine
       Schularbeit über  die "Langue  universelle" [28] zeigt, wie unge-
       niert er sich an Probleme wagte, zu deren Lösung ihm noch die er-
       sten Vorkenntnisse fehlten.
       Sein erstes  Werk "Qu'est-ce que la propriété?" 2*) ist unbedingt
       sein bestes  Werk. Es  ist epochemachend,  wenn nicht durch neuen
       Inhalt, so  doch durch die neue und kecke Art, Altes zu sagen. In
       den Werken der ihm bekannten französischen Sozialisten und Kommu-
       nisten war  natürlich die "propriété" nicht nur mannigfach kriti-
       siert, sondern  auch utopistisch  "aufgehoben"  worden.  Proudhon
       verhält sich in jener Schrift zu Saint-Simon und Fourier ungefähr
       wie sich  Feuerbach zu  Hegel verhält.  Verglichen mit  Hegel ist
       Feuerbach durchaus  arm. Dennoch  war er  epochemachend   n a c h
       Hegel, weil  er den   T o n   legte auf gewisse, dem christlichen
       Bewußtsein  unangenehme   und  für  den  Fortschritt  der  Kritik
       wichtige Punkte,  die Hegel  in einem mystischen Clair-obscur ge-
       lassen hatte.
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       1*) Die Redaktion des "Social-Demokrat" setzte hier folgende Fuß-
       note: "Wir  hielten es  für das  beste, das Schreiben  u n v e r-
       ä n d e r t  zu geben." - 2*) "Was ist das Eigentum?"
       
       #26# Karl Marx
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       Wenn ich  mich so  ausdrücken darf,  herrscht  in  jener  Schrift
       Proudhons noch  starke Muskulatur  des Stils.  Und ich  halte den
       Stil derselben  für ihr Hauptverdienst. Man sieht, daß selbst da,
       wo nur  Altes reproduziert wird, Proudhon selbständig findet; daß
       das, was er sagt, ihm selbst neu war und als neu gilt. Herausfor-
       dernder Trotz,  der das  ökonomische  "Allerheiligste"  antastet,
       geistreiche Paradoxie,  womit der  gemeine Bürgerverstand gefoppt
       wird, zerreißendes  Urteil, bittre  Ironie, dann  und wann durch-
       schauend ein tiefes und wahres Gefühl der Empörung über die Infa-
       mie des Bestehenden, revolutionärer Ernst - durch alles das elek-
       trisierte "Qu'est-ce  que la propriété?" und gab einen großen An-
       stoß bei  seinem ersten Erscheinen. In einer streng wissenschaft-
       lichen Geschichte  der politischen Ökonomie wäre dieselbe Schrift
       kaum erwähnenswert.  Aber solche  Sensationalschriften spielen in
       den Wissenschaften  ebensogut ihre  Rolle wie in der Romanlitera-
       tur. Man  nehme z.B.  Malthus Schrift über "Population". In ihrer
       ersten Ausgabe  ist sie  nichts als  ein "sensational  Pamphlet",
       dazu   Plagiat von  Anfang zu  Ende. Und doch, wieviel Anstoß gab
       dies Pasquill auf das Menschengeschlecht!
       Läge Proudhons  Schrift vor  mir, so  wäre an  einigen Beispielen
       seine   e r s t e  M a n i e r  leicht nachzuweisen. In den Para-
       graphen, die  er selbst  für die wichtigsten hielt, ahmt er Kants
       Behandlung der Antinomien nach - es war dies der einzige deutsche
       Philosoph, den  er damals aus Übersetzungen kannte - und läßt den
       starken Eindruck  zurück, daß ihm, wie Kant, die Lösung der Anti-
       nomien für etwas gilt, das "jenseits" des menschlichen Verstandes
       fällt, d.h. worüber sein eigner Verstand im unklaren bleibt.
       Trotz aller scheinbaren Himmelsstürmerei findet man aber schon in
       "Qu'est-ce que  la propriété?"  den Widerspruch, daß Proudhon ei-
       nerseits die  Gesellschaft vom Standpunkt und mit den Augen eines
       französischen Parzellenbauern (später petit bourgeois 1*)) kriti-
       siert, andererseits  den von  den Sozialisten  ihm  überlieferten
       Maßstab anlegt.
       Das Ungenügende  der Schrift war schon in ihrem Titel angedeutet.
       Die Frage war so falsch gestellt, daß sie nicht richtig beantwor-
       tet werden  konnte. Die   a n t i k e n   "Eigentumsverhältnisse"
       waren untergegangen in den  f e u d a l e n,  die feudalen in den
       "bürgerlichen". Die Geschichte selbst hatte so ihre Kritik an den
       vergangnen    E i g e n t u m s v e r h ä l t n i s s e n    aus-
       geübt. Das,  worum es  sich für Proudhon eigentlich handelte, war
       das bestehende    m o d e r n b ü r g e r l i c h e    E i g e n-
       t u m.   Auf die  Frage, was  dies sei,  konnte  nur  geantwortet
       werden durch eine kritische Analyse der "politischen Ökonomie",
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       1*) Kleinbürgers
       
       #27# Über P.-J. Proudhon
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       die das  Ganze jener   E i g e n t u m s v e r h ä l t n i s s e,
       nicht in  ihrem   j u r i s t i s c h e n   Ausdruck als   W i l-
       l e n s v e r h ä l t n i s s e,   sondern in  ihrer  realen  Ge-
       stalt, d.h.  als Produktionsverhältnisse, umfaßte. Indem Proudhon
       aber die  Gesamtheit dieser ökonomischen Verhältnisse in die all-
       gemeine juristische  Vorstellung "das  Eigentum", "la propriété",
       verflocht, konnte  er auch  nicht über  die Antwort hinauskommen,
       die Brissot mit denselben Worten in einer ähnlichen Schrift schon
       vor 1789 gegeben hatte: "La propriété c'est le vol." 1*)
       Im besten  Fall kommt  dabei nur heraus, daß die bürgerlich-juri-
       stischen Vorstellungen  von "Diebstahl" auch auf des Bürgers eig-
       nen "redlichen"  Erwerb  passen.  Andererseits  verwickelte  sich
       Proudhon, da der "Diebstahl" als gewaltsame Verletzung des Eigen-
       tums  d a s  E i g e n t u m  v o r a u s s e t z t,  in allerlei
       ihm selbst  unklare Hirngespinste  über  d a s  W a h r e  b ü r-
       g e r l i c h e  E i g e n t u m.
       Während meines  Aufenthalts in  Paris, 1844, trat ich zu Proudhon
       in persönliche Beziehung. Ich erwähne das hier, weil ich zu einem
       gewissen Grad  mit schuld bin an seiner "Sophistication", wie die
       Engländer die  Fälschung eines  Handelsartikels  nennen.  Während
       langer, oft  übernächtiger Debatten  infizierte ich ihn zu seinem
       großen Schaden mit Hegelianismus, den er doch bei seiner Unkennt-
       nis der  deutschen Sprache nicht ordentlich studieren konnte. Was
       ich begann,  setzte nach  meiner Ausweisung  aus Paris  Herr Karl
       Grün fort.  Der hatte  als Lehrer  der deutschen Philosophie noch
       den Vorzug vor mir, daß er selbst nichts davon verstand.
       Kurz vor  Erscheinen seines  zweiten bedeutenden Werkes "Philoso-
       phie de  la misère  etc." kündigte  mir Proudhon dieses selbst in
       einem  sehr   ausführlichen  Brief   an,  worin  u.a.  die  Worte
       unterlaufen: "J'attends  votre férule  critique." 2*)  Indes fiel
       diese bald  in einer  Weise auf ihn (in meiner Schrift "Misère de
       la Philosophie  etc.", Paris 1847  3*)), die unserer Freundschaft
       für immer ein Ende machte.
       Aus dem  hier Gesagten ersehen Sie, daß Proudhons "Philosophie de
       la misère  ou Système  des contradictions économiques" eigentlich
       erst die  Antwort enthielt  auf die Frage: "Qu'est-ce que la pro-
       priété?" Er  hatte in  der Tat  erst nach  dem Erscheinen  dieser
       Schrift seine  ökonomischen Studien  begonnen; er hatte entdeckt,
       daß die  von ihm  aufgeworfene  Frage  nicht  beantwortet  werden
       konnte mit  einer   I n v e k t i v e,  sondern nur durch  A n a-
       l y s e   der modernen  "politischen Ökonomie".  Er versuchte zu-
       gleich, das  S y s t e m  der ökonomischen Kategorien dialektisch
       darzustellen. An die Stelle der unlösbaren
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       1*) "Eigentum ist  Diebstahl." -  2*) "Ich erwarte  Ihre  strenge
       Kritik." - 3*) siehe Band 4 unserer Ausgabe
       
       #28# Karl Marx
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       "Antinomien" Kants  sollte der  Hegelsche "Widerspruch"  als Ent-
       wicklungsmittel treten.
       Zur Beurteilung  seines zweibändigen, dickleibigen Werkes muß ich
       Sie auf  meine Gegenschrift verweisen. Ich zeigte darin u.a., wie
       wenig er in das Geheimnis der wissenschaftlichen Dialektik einge-
       drungen; wie er andererseits die Illusionen der spekulativen Phi-
       losophie teilt,  indem er  die  ö k o n o m i s c h e n  K a t e-
       g o r i e n ,   s t a t t  a l s  t h e o r e t i s c h e  A u s-
       d r ü c k e   h i s t o r i s c h e r,  e i n e r  b e s t i m m-
       t e n  E n t w i c k l u n g s s t u f e  d e r  m a t e r i e l-
       l e n   P r o d u k t i o n   e n t s p r e c h e n d e r  P r o-
       d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e   zu  begreifen,  sie  in
       präexistierende,  e w i g e  I d e e n  verfaselt, und wie er auf
       diesem Umwege wieder auf dem Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie
       ankommt. *)
       Ich zeige  weiter noch,  wie durchaus  mangelhaft  und  teilweise
       selbst schülerhaft  seine Bekanntschaft mit der "politischen Öko-
       nomie", deren  Kritik er  unternahm, und wie er mit den Utopisten
       auf eine  sogenannte "Wissenschaft" Jagd macht, wodurch eine For-
       mel für  die "Lösung  der sozialen  Frage" a priori herausspinti-
       siert werden  soll, statt die Wissenschaft aus der kritischen Er-
       kenntnis der  geschichtlichen Bewegung  zu schöpfen,  einer Bewe-
       gung, die  selbst die   m a t e r i e l l e n    B e d i n g u n-
       g e n   d e r   E m a n z i p a t i o n   produziere.  Namentlich
       aber wird  gezeigt, wie  Proudhon über  die Grundlage des Ganzen,
       den   T a u s c h w e r t,   im  unklaren,  falschen  und  halben
       bleibt,  ja   die  utopistische  Auslegung  der    R i c a r d o-
       s c h e n  Werttheorie für die Grundlage einer neuen Wissenschaft
       versieht. Über  seinen allgemeinen  Standpunkt urteile ich zusam-
       menfassend wie folgt:
       "Jedes ökonomische  Verhältnis hat  eine gute  und eine schlechte
       Seite; das ist der einzige Punkt, in dem Herr Proudhon sich nicht
       selbst ins  Gesicht schlägt. Die gute Seite sieht er von den Öko-
       nomen hervorgehoben, die schlechte von den Sozialisten angeklagt.
       Er entlehnt  den Ökonomen  die Notwendigkeit  der ewigen Verhält-
       nisse; er entlehnt den Sozialisten die Illusion, in dem Elend nur
       das Elend  zu erblicken  (statt darin  die revolutionäre, zerstö-
       rende Seite zu erblicken, welche die alte Gesellschaft umstürzen
       ---
       *) "Wenn die Ökonomen sagen, daß die gegenwärtigen Verhältnisse -
       die Verhältnisse  der bürgerlichen  Produktion -   n a t ü r l i-
       c h e  sind, so geben sie damit zu verstehen, daß es Verhältnisse
       sind, m denen die Erzeugung des Reichtums und die Entwicklung der
       Produktivkräfte sich  gemäß den  Naturgesetzen vollziehen.  Somit
       sind diese  Verhältnisse selbst  von dem  Einfluß der  Zeit unab-
       hängige  N a t u r g e s e t z e.  Es sind  e w i g e  G e s e t-
       z e,   welche stets die Gesellschaft zu regieren haben. Somit hat
       es eine  Geschichte gegeben,  aber es  gibt keine  mehr." (p. 113
       1*) meiner Schrift.) [29]
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       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 139
       
       #29# Über P.-J. Proudhon
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       wird) 1*). Er ist mit beiden einverstanden, wobei er sich auf die
       Autorität der Wissenschaft zu stützen sucht. Die Wissenschaft re-
       duziert sich  für ihn  auf den  zwerghaften Umfang  einer wissen-
       schaftlichen Formel;  er ist  der Mann auf der Jagd nach Formeln.
       Demgemäß schmeichelt  sich Herr  Proudhon, die  Kritik sowohl der
       politischen Ökonomie  als des  Kommunismus gegeben  zu haben - er
       steht tief  unter beiden.  Unter den Ökonomen, weil er als Philo-
       soph, der eine magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu
       können glaubt, in die rein ökonomischen Details einzugehen; unter
       den Sozialisten,  weil er  weder genügend  Mut noch genügend Ein-
       sicht besitzt,  sich, und  wäre es nur spekulativ, über den Bour-
       geois-horizont zu  erheben... Er  will als  Mann der Wissenschaft
       über Bourgeois  und Proletariern  schweben;   e r   i s t   n u r
       d e r  K l e i n b ü r g e r,  der beständig zwischen dem Kapital
       und der  Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie und dem Kommu-
       nismus hin- und hergeworfen wird." *)
       Hart, wie das vorstehende Urteil klingt, muß ich noch heute jedes
       Wort desselben unterschreiben. Zugleich aber bedenke man, daß zur
       Zeit, wo ich Proudhons Buch für den Kodex des Sozialismus des pe-
       tit bourgeois  erklärte und  dies theoretisch  nachwies, Proudhon
       noch als   U l t r a-Erzrevolutionär  von politischen Ökonomisten
       und von  Sozialisten zugleich  verketzert ward.  Deshalb habe ich
       später auch  nie eingestimmt  m das Geschrei über seinen "Verrat"
       an der Revolution. Es war nicht seine Schuld, wenn er, von ändern
       wie von  sich selbst  ursprünglich  mißverstanden,  unberechtigte
       Hoffnungen nicht erfüllt hat.
       In der "Philosophie de la misère" springen alle Mängel der Proud-
       honschen Darstellungsweise  im Kontrast  zu "Quest-ce que la pro-
       priété?" sehr ungünstig hervor. Der Stil ist oft, was die Franzo-
       sen   a m p o u l é  3*) nennen. Hochtrabend spekulatives Kauder-
       welsch, deutsch-philosophisch sein sollend, tritt regelrecht ein,
       wo ihm die gallische Verstandesschärfe ausgeht. Ein marktschreie-
       rischer, selbstlobhudelnder,  ein renommistischer Ton, namentlich
       das stets  so unerquickliche Gesalbader von und falsches Gepränge
       mit "Wissenschaft",  gellt einem  fortwährend ins  Ohr. Statt der
       wirklichen Wärme,  welche die  erste Schrift  durchleuchtet, wird
       sich hier  an gewissen  Stellen systematisch  in  eine  fliegende
       Hitze hineindeklamiert.  Dazu das  unbeholfen-widrige  Gelehrttun
       des Autodidakten, dessen naturwüchsiger
       ---
       *= l.c. p. 119, 120. 2*)
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       1*) Die in  Klammern gesetzten  Worte fügte  Marx im vorliegenden
       Artikel hinzu  - 2*) siehe  Band 4  unserer Ausgabe, S. 143/144 -
       3*) schwülstig
       
       #30# Karl Marx
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       Stolz auf  originelles Selbstdenken bereits gebrochen ist und der
       nun als  Parvenü der  Wissenschaft mit  dem, was er nicht ist und
       nicht hat,  sich spreizen zu müssen wähnt. Dann die Gesinnung des
       Kleinbürgers, der  etwa einen  Mann wie  Cabet, respektabel wegen
       seiner praktischen  Stellung zum  französischen Proletariat [30],
       unanständig brutal  - weder scharf noch tief, noch selbst richtig
       - angreift,  dagegen z.B.  einem Dunoyer (allerdings "Staatsrat")
       gegenüber artig  tut, obgleich  die ganze Bedeutung jenes Dunoyer
       in dem komischen Ernst bestand, womit er drei dicke, unerträglich
       langweilige Bände hindurch den Rigorismus predigte, den Helvetius
       so charakterisiert: "On veut que les malheureux soient parfaits."
       (Man verlangt, daß die Unglücklichen vollkommen sein sollen.)
       Die Februarrevolution  kam Proudhon in der Tat sehr ungelegen, da
       er just  einige Wochen  zuvor unwiderleglich  bewiesen hatte, daß
       "die Ära  der Revolutionen" für immer vorüber sei. Sein Auftreten
       in der  Nationalversammlung, sowenig  Einsicht m die vorliegenden
       Verhältnisse es  bewies, verdient  alles Lob.  [31]  N a c h  der
       Juni-Insurrektion war  es ein Akt großen Mutes. Es hatte außerdem
       die günstige  Folge, daß  Herr Thiers  in seiner  Gegenrede gegen
       Proudhons Vorschläge,  die dann  als besondere Schrift veröffent-
       licht ward,  ganz Europa bewies, auf welchem Kleinkinderkatechis-
       mus-Piedestal dieser  geistige Pfeiler  der  französischen  Bour-
       geoisie stand. Herrn Thiers gegenüber schwoll Proudhon in der Tat
       zu einem vorsündflutlichen Kolosse auf.
       Proudhons Entdeckung des "crédit gratuit" 1*) und die auf ihn ba-
       sierte "Volksbank"  (banque du peuple) waren seine letzten ökono-
       mischen "Taten".  In meiner  Schrift "Zur  Kritik der Politischen
       Oekonomie", Heft  1, Berlin  1859 (p.  59-64) 2*), findet man den
       Beweis, daß  die theoretische  Grundlage seiner Ansicht aus einer
       Verkennung der ersten Elemente der bürgerlichen "politischen Öko-
       nomie", nämlich  des Verhältnisses  der  W a r e n  zum  G e l d,
       entspringt, während  der praktische  Überbau  bloße  Reproduktion
       viel älterer  und weit  besser ausgearbeiteter Pläne war. Daß das
       Kreditwesen, ganz wie es z.B. im Anfang des 18. und später wieder
       des 19. Jahrhunderts in England dazu diente, das Vermögen von ei-
       ner Klasse  auf die andere zu übertragen, unter bestimmten ökono-
       mischen und  politischen Umständen zur Beschleunigung der Emanzi-
       pation der  arbeitenden Klasse  dienen kann, unterliegt nicht dem
       geringsten Zweifel,  ist selbstverständlich.  Aber das   z i n s-
       t r a g e n d e  K a p i t a l  als die  H a u p t f o r m  d e s
       K a p i t a l s   betrachten, aber  eine besondere  Anwendung des
       Kreditwesens, angebliche Abschaffung des
       -----
       1*) "zinslosen Kredits"  - 2*)  siehe Band 13 unserer Ausgabe, S.
       64-69
       
       #31# Über P.-J. Proudhon
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       Zinses, zur  Basis der  Gesellschaftsumgestaltung machen  wollen,
       ist eine  durchaus   s p i e ß b ü r g e r l i c h e   Phantasie.
       Man findet  diese Phantasie  daher in  der Tat  auch des weiteren
       ausgepatscht bereits  bei den   ö k o n o m i s c h e n  W o r t-
       f ü h r e r n  d e r  e n g l i s c h e n  K l e i n b ü r g e r-
       s c h a f t     d e s     s i e b z e h n t e n    J a h r h u n-
       d e r t s.   Proudhons Polemik  mit Bastiat (1850), bezüglich des
       zinstragenden Kapitals '3al, steht tief unter der "Philosophie de
       la misère". Er bringt es fertig, selbst von Bastiat geschlagen zu
       werden, und  bricht in burleskes Gepolter aus, wo sein Gegner ihm
       Gewalt antut.
       Vor wenigen Jahren schrieb Proudhon eine Preisschrift - ich glau-
       be von  der Lausanner  Regierung veranlaßt  - über die "Steuern".
       Hier erlischt  auch die  letzte Spur  von Genialität.  Es  bleibt
       nichts als der petit bourgeois tout pur 1*).
       Was Proudhons  politische und philosophische Schriften angeht, so
       zeigt sich  in allen  derselbe widerspruchsvolle, zwieschlächtige
       Charakter wie  in den  ökonomischen Arbeiten. Dabei haben sie nur
       lokal-französischen Wert.  Seine Angriffe  gegen Religion, Kirche
       usw. besitzen  jedoch ein großes lokales Verdienst zu einer Zeit,
       wo die  französischen Sozialisten es passend hielten, dem bürger-
       lichen Voltairianismus  des 18.  und der  deutschen Gottlosigkeit
       des 19.  Jahrhunderts durch  Religiosität überlegen zu sein. Wenn
       Peter der  Große die  russische Barbarei  durch Barbarei  nieder-
       schlug, so  tat Proudhon sein Bestes, das französische Phrasenwe-
       sen durch die Phrase niederzuwerfen.
       Als nicht  nur schlechte Schriften, sondern als Gemeinheiten, je-
       doch dem kleinbürgerlichen Standpunkt entsprechende Gemeinheiten,
       sind zu bezeichnen seine Schrift über den "Coup d'etat", worin er
       mit L. Bonaparte kokettiert, ihn in der Tat den französischen Ar-
       beitern mundgerecht  zu machen  strebt, und  seine letzte Schrift
       gegen Polen  [33], worin  er dem Zaren zur Ehre kretinartigen Zy-
       nismus treibt.
       Man  hat  Proudhon  oft  mit  Rousseau  verglichen.  Nichts  kann
       falscher sein.  Eher hat  er Ähnlichkeit  mit Nic[olas]  Linguet,
       dessen "Théorie des loix civiles" übrigens ein sehr geniales Buch
       ist.
       Proudhon neigte von Natur zur Dialektik. Da er aber nie die wirk-
       lich wissenschaftliche  Dialektik begriff,  brachte er es nur zur
       Sophistik. In  der Tat  hing  das  mit  seinem  kleinbürgerlichen
       Standpunkt zusammen.  Der Kleinbürger  ist  wie  der  Geschichts-
       schreiber Raumer  zusammengesetzt aus einerseits und andrerseits.
       So in  seinen ökonomischen  Interessen, und  d a h e r  in seiner
       Politik, seinen religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen
       -----
       1*) Kleinbürger reinsten Wassert
       
       #32# Karl Marx
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       Anschauungen. So  in seiner  Moral, so  in everything 1*). Er ist
       der lebendige  Widerspruch.  Ist  er  dabei,  wie  Proudhon,  ein
       geistreicher Mann,  so wird er bald mit seinen eigenen Widersprü-
       chen spielen  lernen und  sie je  nach Umständen zu auffallenden,
       geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal brillanten Parado-
       xen ausarbeiten.  Wissenschaftlicher Scharlatanismus  und politi-
       sche Akkommodation sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es
       bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die  E i t e l k e i t  des
       Subjekts, und  es fragt  sich, wie  bei allen Eiteln, nur noch um
       den Erfolg  des Augenblicks,  um das  Auf sehn  des Tages. So er-
       lischt notwendig  der einfache sittliche Takt, der einen Rousseau
       z.B. selbst  jedem Scheinkompromiß  mit den  bestehenden Gewalten
       stets fernhielt.
       Vielleicht wird  die Nachwelt die jüngste Phase des Franzosentums
       dadurch charakterisieren,  daß Louis  Bonaparte sein Napoleon war
       und Proudhon sein Rousseau-Voltaire.
       Sie müssen  nun selbst  die Verantwortlichkeit  dafür übernehmen,
       daß Sie,  so bald  nach dem  Tode des  Mannes, die  Rolle des To-
       tenrichters mir aufgebürdet.
       Ihr ganz ergebener
       Karl Marx
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       1*) in allem

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