Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Karl Marx
Über P.-J. Proudhon [27]
[Brief an J.B. v. Schweizer]
["Der Social-Demokrat" Nr. 16. 17 und 18 vom 1., 3. und 5. Fe-
bruar 1865]
London, 24. Januar 1865
Sehr geehrter Herr!
Ich erhielt gestern einen Brief, worin Sie von mir ausführliche
Beurteilung Proudhons verlangen. Zeitmangel erlaubt mir nicht,
Ihren Wunsch zu befriedigen. Zudem habe ich k e i n e seiner
Schriften hier zur Hand. Um Ihnen jedoch meinen guten Willen zu
zeigen, werfe ich rasch eine kurze Skizze hin. Sie können dann
nachholen, zusetzen, auslassen, kurz und gut, damit machen, was
Ihnen gutdünkt. 1*)
Proudhons erster Versuche erinnere ich mich nicht mehr. Seine
Schularbeit über die "Langue universelle" [28] zeigt, wie unge-
niert er sich an Probleme wagte, zu deren Lösung ihm noch die er-
sten Vorkenntnisse fehlten.
Sein erstes Werk "Qu'est-ce que la propriété?" 2*) ist unbedingt
sein bestes Werk. Es ist epochemachend, wenn nicht durch neuen
Inhalt, so doch durch die neue und kecke Art, Altes zu sagen. In
den Werken der ihm bekannten französischen Sozialisten und Kommu-
nisten war natürlich die "propriété" nicht nur mannigfach kriti-
siert, sondern auch utopistisch "aufgehoben" worden. Proudhon
verhält sich in jener Schrift zu Saint-Simon und Fourier ungefähr
wie sich Feuerbach zu Hegel verhält. Verglichen mit Hegel ist
Feuerbach durchaus arm. Dennoch war er epochemachend n a c h
Hegel, weil er den T o n legte auf gewisse, dem christlichen
Bewußtsein unangenehme und für den Fortschritt der Kritik
wichtige Punkte, die Hegel in einem mystischen Clair-obscur ge-
lassen hatte.
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1*) Die Redaktion des "Social-Demokrat" setzte hier folgende Fuß-
note: "Wir hielten es für das beste, das Schreiben u n v e r-
ä n d e r t zu geben." - 2*) "Was ist das Eigentum?"
#26# Karl Marx
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Wenn ich mich so ausdrücken darf, herrscht in jener Schrift
Proudhons noch starke Muskulatur des Stils. Und ich halte den
Stil derselben für ihr Hauptverdienst. Man sieht, daß selbst da,
wo nur Altes reproduziert wird, Proudhon selbständig findet; daß
das, was er sagt, ihm selbst neu war und als neu gilt. Herausfor-
dernder Trotz, der das ökonomische "Allerheiligste" antastet,
geistreiche Paradoxie, womit der gemeine Bürgerverstand gefoppt
wird, zerreißendes Urteil, bittre Ironie, dann und wann durch-
schauend ein tiefes und wahres Gefühl der Empörung über die Infa-
mie des Bestehenden, revolutionärer Ernst - durch alles das elek-
trisierte "Qu'est-ce que la propriété?" und gab einen großen An-
stoß bei seinem ersten Erscheinen. In einer streng wissenschaft-
lichen Geschichte der politischen Ökonomie wäre dieselbe Schrift
kaum erwähnenswert. Aber solche Sensationalschriften spielen in
den Wissenschaften ebensogut ihre Rolle wie in der Romanlitera-
tur. Man nehme z.B. Malthus Schrift über "Population". In ihrer
ersten Ausgabe ist sie nichts als ein "sensational Pamphlet",
dazu Plagiat von Anfang zu Ende. Und doch, wieviel Anstoß gab
dies Pasquill auf das Menschengeschlecht!
Läge Proudhons Schrift vor mir, so wäre an einigen Beispielen
seine e r s t e M a n i e r leicht nachzuweisen. In den Para-
graphen, die er selbst für die wichtigsten hielt, ahmt er Kants
Behandlung der Antinomien nach - es war dies der einzige deutsche
Philosoph, den er damals aus Übersetzungen kannte - und läßt den
starken Eindruck zurück, daß ihm, wie Kant, die Lösung der Anti-
nomien für etwas gilt, das "jenseits" des menschlichen Verstandes
fällt, d.h. worüber sein eigner Verstand im unklaren bleibt.
Trotz aller scheinbaren Himmelsstürmerei findet man aber schon in
"Qu'est-ce que la propriété?" den Widerspruch, daß Proudhon ei-
nerseits die Gesellschaft vom Standpunkt und mit den Augen eines
französischen Parzellenbauern (später petit bourgeois 1*)) kriti-
siert, andererseits den von den Sozialisten ihm überlieferten
Maßstab anlegt.
Das Ungenügende der Schrift war schon in ihrem Titel angedeutet.
Die Frage war so falsch gestellt, daß sie nicht richtig beantwor-
tet werden konnte. Die a n t i k e n "Eigentumsverhältnisse"
waren untergegangen in den f e u d a l e n, die feudalen in den
"bürgerlichen". Die Geschichte selbst hatte so ihre Kritik an den
vergangnen E i g e n t u m s v e r h ä l t n i s s e n aus-
geübt. Das, worum es sich für Proudhon eigentlich handelte, war
das bestehende m o d e r n b ü r g e r l i c h e E i g e n-
t u m. Auf die Frage, was dies sei, konnte nur geantwortet
werden durch eine kritische Analyse der "politischen Ökonomie",
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1*) Kleinbürgers
#27# Über P.-J. Proudhon
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die das Ganze jener E i g e n t u m s v e r h ä l t n i s s e,
nicht in ihrem j u r i s t i s c h e n Ausdruck als W i l-
l e n s v e r h ä l t n i s s e, sondern in ihrer realen Ge-
stalt, d.h. als Produktionsverhältnisse, umfaßte. Indem Proudhon
aber die Gesamtheit dieser ökonomischen Verhältnisse in die all-
gemeine juristische Vorstellung "das Eigentum", "la propriété",
verflocht, konnte er auch nicht über die Antwort hinauskommen,
die Brissot mit denselben Worten in einer ähnlichen Schrift schon
vor 1789 gegeben hatte: "La propriété c'est le vol." 1*)
Im besten Fall kommt dabei nur heraus, daß die bürgerlich-juri-
stischen Vorstellungen von "Diebstahl" auch auf des Bürgers eig-
nen "redlichen" Erwerb passen. Andererseits verwickelte sich
Proudhon, da der "Diebstahl" als gewaltsame Verletzung des Eigen-
tums d a s E i g e n t u m v o r a u s s e t z t, in allerlei
ihm selbst unklare Hirngespinste über d a s W a h r e b ü r-
g e r l i c h e E i g e n t u m.
Während meines Aufenthalts in Paris, 1844, trat ich zu Proudhon
in persönliche Beziehung. Ich erwähne das hier, weil ich zu einem
gewissen Grad mit schuld bin an seiner "Sophistication", wie die
Engländer die Fälschung eines Handelsartikels nennen. Während
langer, oft übernächtiger Debatten infizierte ich ihn zu seinem
großen Schaden mit Hegelianismus, den er doch bei seiner Unkennt-
nis der deutschen Sprache nicht ordentlich studieren konnte. Was
ich begann, setzte nach meiner Ausweisung aus Paris Herr Karl
Grün fort. Der hatte als Lehrer der deutschen Philosophie noch
den Vorzug vor mir, daß er selbst nichts davon verstand.
Kurz vor Erscheinen seines zweiten bedeutenden Werkes "Philoso-
phie de la misère etc." kündigte mir Proudhon dieses selbst in
einem sehr ausführlichen Brief an, worin u.a. die Worte
unterlaufen: "J'attends votre férule critique." 2*) Indes fiel
diese bald in einer Weise auf ihn (in meiner Schrift "Misère de
la Philosophie etc.", Paris 1847 3*)), die unserer Freundschaft
für immer ein Ende machte.
Aus dem hier Gesagten ersehen Sie, daß Proudhons "Philosophie de
la misère ou Système des contradictions économiques" eigentlich
erst die Antwort enthielt auf die Frage: "Qu'est-ce que la pro-
priété?" Er hatte in der Tat erst nach dem Erscheinen dieser
Schrift seine ökonomischen Studien begonnen; er hatte entdeckt,
daß die von ihm aufgeworfene Frage nicht beantwortet werden
konnte mit einer I n v e k t i v e, sondern nur durch A n a-
l y s e der modernen "politischen Ökonomie". Er versuchte zu-
gleich, das S y s t e m der ökonomischen Kategorien dialektisch
darzustellen. An die Stelle der unlösbaren
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1*) "Eigentum ist Diebstahl." - 2*) "Ich erwarte Ihre strenge
Kritik." - 3*) siehe Band 4 unserer Ausgabe
#28# Karl Marx
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"Antinomien" Kants sollte der Hegelsche "Widerspruch" als Ent-
wicklungsmittel treten.
Zur Beurteilung seines zweibändigen, dickleibigen Werkes muß ich
Sie auf meine Gegenschrift verweisen. Ich zeigte darin u.a., wie
wenig er in das Geheimnis der wissenschaftlichen Dialektik einge-
drungen; wie er andererseits die Illusionen der spekulativen Phi-
losophie teilt, indem er die ö k o n o m i s c h e n K a t e-
g o r i e n , s t a t t a l s t h e o r e t i s c h e A u s-
d r ü c k e h i s t o r i s c h e r, e i n e r b e s t i m m-
t e n E n t w i c k l u n g s s t u f e d e r m a t e r i e l-
l e n P r o d u k t i o n e n t s p r e c h e n d e r P r o-
d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e zu begreifen, sie in
präexistierende, e w i g e I d e e n verfaselt, und wie er auf
diesem Umwege wieder auf dem Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie
ankommt. *)
Ich zeige weiter noch, wie durchaus mangelhaft und teilweise
selbst schülerhaft seine Bekanntschaft mit der "politischen Öko-
nomie", deren Kritik er unternahm, und wie er mit den Utopisten
auf eine sogenannte "Wissenschaft" Jagd macht, wodurch eine For-
mel für die "Lösung der sozialen Frage" a priori herausspinti-
siert werden soll, statt die Wissenschaft aus der kritischen Er-
kenntnis der geschichtlichen Bewegung zu schöpfen, einer Bewe-
gung, die selbst die m a t e r i e l l e n B e d i n g u n-
g e n d e r E m a n z i p a t i o n produziere. Namentlich
aber wird gezeigt, wie Proudhon über die Grundlage des Ganzen,
den T a u s c h w e r t, im unklaren, falschen und halben
bleibt, ja die utopistische Auslegung der R i c a r d o-
s c h e n Werttheorie für die Grundlage einer neuen Wissenschaft
versieht. Über seinen allgemeinen Standpunkt urteile ich zusam-
menfassend wie folgt:
"Jedes ökonomische Verhältnis hat eine gute und eine schlechte
Seite; das ist der einzige Punkt, in dem Herr Proudhon sich nicht
selbst ins Gesicht schlägt. Die gute Seite sieht er von den Öko-
nomen hervorgehoben, die schlechte von den Sozialisten angeklagt.
Er entlehnt den Ökonomen die Notwendigkeit der ewigen Verhält-
nisse; er entlehnt den Sozialisten die Illusion, in dem Elend nur
das Elend zu erblicken (statt darin die revolutionäre, zerstö-
rende Seite zu erblicken, welche die alte Gesellschaft umstürzen
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*) "Wenn die Ökonomen sagen, daß die gegenwärtigen Verhältnisse -
die Verhältnisse der bürgerlichen Produktion - n a t ü r l i-
c h e sind, so geben sie damit zu verstehen, daß es Verhältnisse
sind, m denen die Erzeugung des Reichtums und die Entwicklung der
Produktivkräfte sich gemäß den Naturgesetzen vollziehen. Somit
sind diese Verhältnisse selbst von dem Einfluß der Zeit unab-
hängige N a t u r g e s e t z e. Es sind e w i g e G e s e t-
z e, welche stets die Gesellschaft zu regieren haben. Somit hat
es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr." (p. 113
1*) meiner Schrift.) [29]
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 139
#29# Über P.-J. Proudhon
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wird) 1*). Er ist mit beiden einverstanden, wobei er sich auf die
Autorität der Wissenschaft zu stützen sucht. Die Wissenschaft re-
duziert sich für ihn auf den zwerghaften Umfang einer wissen-
schaftlichen Formel; er ist der Mann auf der Jagd nach Formeln.
Demgemäß schmeichelt sich Herr Proudhon, die Kritik sowohl der
politischen Ökonomie als des Kommunismus gegeben zu haben - er
steht tief unter beiden. Unter den Ökonomen, weil er als Philo-
soph, der eine magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu
können glaubt, in die rein ökonomischen Details einzugehen; unter
den Sozialisten, weil er weder genügend Mut noch genügend Ein-
sicht besitzt, sich, und wäre es nur spekulativ, über den Bour-
geois-horizont zu erheben... Er will als Mann der Wissenschaft
über Bourgeois und Proletariern schweben; e r i s t n u r
d e r K l e i n b ü r g e r, der beständig zwischen dem Kapital
und der Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie und dem Kommu-
nismus hin- und hergeworfen wird." *)
Hart, wie das vorstehende Urteil klingt, muß ich noch heute jedes
Wort desselben unterschreiben. Zugleich aber bedenke man, daß zur
Zeit, wo ich Proudhons Buch für den Kodex des Sozialismus des pe-
tit bourgeois erklärte und dies theoretisch nachwies, Proudhon
noch als U l t r a-Erzrevolutionär von politischen Ökonomisten
und von Sozialisten zugleich verketzert ward. Deshalb habe ich
später auch nie eingestimmt m das Geschrei über seinen "Verrat"
an der Revolution. Es war nicht seine Schuld, wenn er, von ändern
wie von sich selbst ursprünglich mißverstanden, unberechtigte
Hoffnungen nicht erfüllt hat.
In der "Philosophie de la misère" springen alle Mängel der Proud-
honschen Darstellungsweise im Kontrast zu "Quest-ce que la pro-
priété?" sehr ungünstig hervor. Der Stil ist oft, was die Franzo-
sen a m p o u l é 3*) nennen. Hochtrabend spekulatives Kauder-
welsch, deutsch-philosophisch sein sollend, tritt regelrecht ein,
wo ihm die gallische Verstandesschärfe ausgeht. Ein marktschreie-
rischer, selbstlobhudelnder, ein renommistischer Ton, namentlich
das stets so unerquickliche Gesalbader von und falsches Gepränge
mit "Wissenschaft", gellt einem fortwährend ins Ohr. Statt der
wirklichen Wärme, welche die erste Schrift durchleuchtet, wird
sich hier an gewissen Stellen systematisch in eine fliegende
Hitze hineindeklamiert. Dazu das unbeholfen-widrige Gelehrttun
des Autodidakten, dessen naturwüchsiger
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*= l.c. p. 119, 120. 2*)
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1*) Die in Klammern gesetzten Worte fügte Marx im vorliegenden
Artikel hinzu - 2*) siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 143/144 -
3*) schwülstig
#30# Karl Marx
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Stolz auf originelles Selbstdenken bereits gebrochen ist und der
nun als Parvenü der Wissenschaft mit dem, was er nicht ist und
nicht hat, sich spreizen zu müssen wähnt. Dann die Gesinnung des
Kleinbürgers, der etwa einen Mann wie Cabet, respektabel wegen
seiner praktischen Stellung zum französischen Proletariat [30],
unanständig brutal - weder scharf noch tief, noch selbst richtig
- angreift, dagegen z.B. einem Dunoyer (allerdings "Staatsrat")
gegenüber artig tut, obgleich die ganze Bedeutung jenes Dunoyer
in dem komischen Ernst bestand, womit er drei dicke, unerträglich
langweilige Bände hindurch den Rigorismus predigte, den Helvetius
so charakterisiert: "On veut que les malheureux soient parfaits."
(Man verlangt, daß die Unglücklichen vollkommen sein sollen.)
Die Februarrevolution kam Proudhon in der Tat sehr ungelegen, da
er just einige Wochen zuvor unwiderleglich bewiesen hatte, daß
"die Ära der Revolutionen" für immer vorüber sei. Sein Auftreten
in der Nationalversammlung, sowenig Einsicht m die vorliegenden
Verhältnisse es bewies, verdient alles Lob. [31] N a c h der
Juni-Insurrektion war es ein Akt großen Mutes. Es hatte außerdem
die günstige Folge, daß Herr Thiers in seiner Gegenrede gegen
Proudhons Vorschläge, die dann als besondere Schrift veröffent-
licht ward, ganz Europa bewies, auf welchem Kleinkinderkatechis-
mus-Piedestal dieser geistige Pfeiler der französischen Bour-
geoisie stand. Herrn Thiers gegenüber schwoll Proudhon in der Tat
zu einem vorsündflutlichen Kolosse auf.
Proudhons Entdeckung des "crédit gratuit" 1*) und die auf ihn ba-
sierte "Volksbank" (banque du peuple) waren seine letzten ökono-
mischen "Taten". In meiner Schrift "Zur Kritik der Politischen
Oekonomie", Heft 1, Berlin 1859 (p. 59-64) 2*), findet man den
Beweis, daß die theoretische Grundlage seiner Ansicht aus einer
Verkennung der ersten Elemente der bürgerlichen "politischen Öko-
nomie", nämlich des Verhältnisses der W a r e n zum G e l d,
entspringt, während der praktische Überbau bloße Reproduktion
viel älterer und weit besser ausgearbeiteter Pläne war. Daß das
Kreditwesen, ganz wie es z.B. im Anfang des 18. und später wieder
des 19. Jahrhunderts in England dazu diente, das Vermögen von ei-
ner Klasse auf die andere zu übertragen, unter bestimmten ökono-
mischen und politischen Umständen zur Beschleunigung der Emanzi-
pation der arbeitenden Klasse dienen kann, unterliegt nicht dem
geringsten Zweifel, ist selbstverständlich. Aber das z i n s-
t r a g e n d e K a p i t a l als die H a u p t f o r m d e s
K a p i t a l s betrachten, aber eine besondere Anwendung des
Kreditwesens, angebliche Abschaffung des
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1*) "zinslosen Kredits" - 2*) siehe Band 13 unserer Ausgabe, S.
64-69
#31# Über P.-J. Proudhon
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Zinses, zur Basis der Gesellschaftsumgestaltung machen wollen,
ist eine durchaus s p i e ß b ü r g e r l i c h e Phantasie.
Man findet diese Phantasie daher in der Tat auch des weiteren
ausgepatscht bereits bei den ö k o n o m i s c h e n W o r t-
f ü h r e r n d e r e n g l i s c h e n K l e i n b ü r g e r-
s c h a f t d e s s i e b z e h n t e n J a h r h u n-
d e r t s. Proudhons Polemik mit Bastiat (1850), bezüglich des
zinstragenden Kapitals '3al, steht tief unter der "Philosophie de
la misère". Er bringt es fertig, selbst von Bastiat geschlagen zu
werden, und bricht in burleskes Gepolter aus, wo sein Gegner ihm
Gewalt antut.
Vor wenigen Jahren schrieb Proudhon eine Preisschrift - ich glau-
be von der Lausanner Regierung veranlaßt - über die "Steuern".
Hier erlischt auch die letzte Spur von Genialität. Es bleibt
nichts als der petit bourgeois tout pur 1*).
Was Proudhons politische und philosophische Schriften angeht, so
zeigt sich in allen derselbe widerspruchsvolle, zwieschlächtige
Charakter wie in den ökonomischen Arbeiten. Dabei haben sie nur
lokal-französischen Wert. Seine Angriffe gegen Religion, Kirche
usw. besitzen jedoch ein großes lokales Verdienst zu einer Zeit,
wo die französischen Sozialisten es passend hielten, dem bürger-
lichen Voltairianismus des 18. und der deutschen Gottlosigkeit
des 19. Jahrhunderts durch Religiosität überlegen zu sein. Wenn
Peter der Große die russische Barbarei durch Barbarei nieder-
schlug, so tat Proudhon sein Bestes, das französische Phrasenwe-
sen durch die Phrase niederzuwerfen.
Als nicht nur schlechte Schriften, sondern als Gemeinheiten, je-
doch dem kleinbürgerlichen Standpunkt entsprechende Gemeinheiten,
sind zu bezeichnen seine Schrift über den "Coup d'etat", worin er
mit L. Bonaparte kokettiert, ihn in der Tat den französischen Ar-
beitern mundgerecht zu machen strebt, und seine letzte Schrift
gegen Polen [33], worin er dem Zaren zur Ehre kretinartigen Zy-
nismus treibt.
Man hat Proudhon oft mit Rousseau verglichen. Nichts kann
falscher sein. Eher hat er Ähnlichkeit mit Nic[olas] Linguet,
dessen "Théorie des loix civiles" übrigens ein sehr geniales Buch
ist.
Proudhon neigte von Natur zur Dialektik. Da er aber nie die wirk-
lich wissenschaftliche Dialektik begriff, brachte er es nur zur
Sophistik. In der Tat hing das mit seinem kleinbürgerlichen
Standpunkt zusammen. Der Kleinbürger ist wie der Geschichts-
schreiber Raumer zusammengesetzt aus einerseits und andrerseits.
So in seinen ökonomischen Interessen, und d a h e r in seiner
Politik, seinen religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen
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1*) Kleinbürger reinsten Wassert
#32# Karl Marx
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Anschauungen. So in seiner Moral, so in everything 1*). Er ist
der lebendige Widerspruch. Ist er dabei, wie Proudhon, ein
geistreicher Mann, so wird er bald mit seinen eigenen Widersprü-
chen spielen lernen und sie je nach Umständen zu auffallenden,
geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal brillanten Parado-
xen ausarbeiten. Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politi-
sche Akkommodation sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es
bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die E i t e l k e i t des
Subjekts, und es fragt sich, wie bei allen Eiteln, nur noch um
den Erfolg des Augenblicks, um das Auf sehn des Tages. So er-
lischt notwendig der einfache sittliche Takt, der einen Rousseau
z.B. selbst jedem Scheinkompromiß mit den bestehenden Gewalten
stets fernhielt.
Vielleicht wird die Nachwelt die jüngste Phase des Franzosentums
dadurch charakterisieren, daß Louis Bonaparte sein Napoleon war
und Proudhon sein Rousseau-Voltaire.
Sie müssen nun selbst die Verantwortlichkeit dafür übernehmen,
daß Sie, so bald nach dem Tode des Mannes, die Rolle des To-
tenrichters mir aufgebürdet.
Ihr ganz ergebener
Karl Marx
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1*) in allem
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