Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       #255#
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       ZWEITES KAPITEL
       
       Verwandlung von Geld in Kapital
       
       1. Allgemeine Formel des Kapitals 1*)
       
       Die Warenzirkulation  ist der  Ausgangspunkt des Kapitals, Waren-
       produktion, Warenzirkulation  und deren  Entwicklung, Handel sind
       daher überall  die historischen  Voraussetzungen, unter denen das
       Kapital entsteht.  Von der Schöpfung des modernen Welthandels und
       Weltmarktes im  16. Jahrhundert  datiert  die  moderne  Lebensge-
       schichte des Kapitals, p. 106.
       Nur die  ökonomischen Formen betrachtet, die die Warenzirkulation
       erzeugt, ist  ihr letztes  Produkt das  Geld, und  dies  ist  die
       e r s t e    E r s c h e i n u n g s f o r m    d e s    K a p i-
       t a l s.   Historisch tritt  das Kapital  dem Grundeigentum stets
       zuerst als   G e l d v e r m ö g e n   entgegen, Kaufmannskapital
       oder Wucherkapital, und noch jetzt betritt jedes neue Kapital die
       Bühne in der Gestalt von  G e l d,  das sich durch bestimmte Pro-
       zesse in Kapital verwandeln soll.
       Geld als  Geld und Geld als Kapital unterscheiden sich zuerst nur
       durch ihre  verschiedene  Z i r k u l a t i o n s t o r m.  Neben
       W-G-W kommt  auch die  Form G-W-G  vor, kaufen,  um zu verkaufen.
       Geld, das  in seiner  Bewegung diese Zirkulationsform beschreibt,
       wird Kapital, ist an sich (d.h. seiner Bestimmung nach) schon Ka-
       pital.
       Das Resultat von G-W-G ist G-G, indirekter Austausch von Geld ge-
       gen Geld.  Ich kaufe  für 100 Pfd. St. Baumwolle und verkaufe sie
       für 110 Pfd. St. und habe schließlich 100 Pfd. St. gegen 110 Pfd.
       St. ausgetauscht, Geld gegen Geld.
       Wenn dieser  Prozeß in seinem Resultat denselben Geldwert heraus-
       bringt, der  ursprünglich hineingeworfen,  100 Pfd.  St. aus  100
       Pfd. St.,  so wäre er absurd. Aber ob der Kaufmann aus seinen 100
       Pfd. St. 100 Pfd. St.,
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 161-170
       
       #256# Friedrich Engels
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       110, oder bloß 50 Pfd. St. realisiert, so hat sein Geld doch eine
       eigentümliche, von  der  der  Warenzirkulation  W-G-W  ganz  ver-
       schiedne Bewegung beschrieben. Aus der Betrachtung der Formunter-
       schiede dieser  Bewegung von W-G-W wird sich auch der inhaltliche
       Unterschied ergeben.
       Die beiden Phasen des Prozesses sind jede dieselbe wie bei W-G-W.
       Aber im Gesamtverlauf ist ein großer Unterschied. In W-G-W bildet
       das Geld den Vermittler, Ware Ausgang und Schluß; hier ist W Ver-
       mittler, G  Ausgang und  Schluß. In W-G-W wird das Geld definitiv
       ausgegeben, in  G-W-G nur   v o r g e s c h o s s e n,   es  soll
       wiedererlangt werden.  E s  f l i e ß t  z u  s e i n e m  A u s-
       g a n g s p u n k t   z u r ü c k  - also hier schon ein sinnlich
       wahrnehmbarer Unterschied  der Zirkulation  von Geld als Geld und
       der von Geld als Kapital.
       In W-G-W  kann das  Geld nur  durch die   W i e d e r h o l u n g
       d e s  G e s a m t p r o z e s s e s  zu seinem Ausgangspunkt zu-
       rückfließen, durch den Verkauf  f r i s c h e r  Waren; der Rück-
       fluß ist also vom Prozeß selbst unabhängig. Dagegen bei G-W-G ist
       er von vornherein bedingt durch die Anlage des Prozesses, der un-
       komplett ist, falls er nicht gelingt, p. 110.
       W-G-W hat  zum Endzweck  Gebrauchswert, G-W-G  den   T a u s c h-
       w e r t  s e l b s t.
       In W-G-W  haben beide  Extreme dieselbe ökonomische Formbestimmt-
       heit. Sie  sind beide    W a r e n    und  von    g l e i c h e r
       W e r t g r ö ß e.  Aber sie sind zugleich qualitativ verschiedne
       Gebrauchswerte, und  der Prozeß  hat zu seinem Inhalt den gesell-
       schaftlichen Stoffwechsel.  - Bei G-W-G scheint die Operation auf
       den ersten Blick tautologisch, inhaltslos. 100 Pfd. St. gegen 100
       Pfd. St.  austauschen und  noch auf  einem Umweg  scheint absurd.
       Eine  Geldsumme  kann  sich  von  einer  ändern  nur  durch  ihre
       G r ö ß e   unterscheiden; G-W-G  erhält seinen  Inhalt daher nur
       durch die  q u a n t i t a t i v e  V e r s c h i e d e n h e i t
       der Extreme.  Der Zirkulation wird mehr Geld entzogen, als man in
       sie geworfen  hatte. Die für 100 Pfd. St. gekaufte Baumwolle wird
       verkauft z.B. zu 100Pfd.St. + 10 Pfd. St., der Prozeß erhält also
       die Formel  G-W-G', wo  G'=G+ delta  G. Dies  delta G,    d i e s
       I n k r e m e n t  i s t  M e h r w e r t.  Der ursprünglich vor-
       geschoßne Wert   e r h ä l t   sich nicht nur in der Zirkulation,
       sondern er  setzt sich einen Mehrwert zu,  e r  v e r w e r t e t
       s i c h,   und   d i e s e   B e w e g u n g  v e r w a n d e l t
       G e l d  i n  K a p i t a l.
       Bei W-G-W kann zwar auch Wertverschiedenheit der Extreme bestehn,
       aber diese ist für diese Zirkulationsform rein zufällig, und W-G-
       W wird nicht absurd, wenn die Extreme wertgleich sind - im Gegen-
       teil, dies ist vielmehr Bedingung des normalen Verlaufs.
       
       #257# Konspekt über "Das Kapital"
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       Die Wiederholung von W-G-W findet Maß und Ziel an einem außer ihm
       liegenden Endzweck,  der Konsumtion,  der Befriedigung bestimmter
       Bedürfnisse. In  G - W - G dagegen sind Anfang und Ende dasselbe,
       Geld, und  dadurch schon  die Bewegung  endlos. Allerdings ist G+
       delta G  verschiedne Quantität  von G,  aber doch  auch bloß eine
       b e s c h r ä n k t e   Geldsumme; würde sie verausgabt, so hörte
       sie auf  Kapital zu  sein; würde sie der Zirkulation entzogen, so
       bliebe sie als Schatz stationär. Ist das Bedürfnis der Verwertung
       des Werts  einmal gegeben,  so existiert es so gut für G' wie für
       G, und  die Bewegung  des Kapitals  ist maßlos,  weil ihr Ziel am
       Ende des  Prozesses ebenso  unerreicht ist wie am Anfang, p. 111-
       113.  Als   Träger  dieses   Prozesses  wird   der   Geldbesitzer
       K a p i t a l i s t.
       Wenn der  Tauschwert in  der Warenzirkulation höchstens zur selb-
       ständigen Form  gegenüber dem  Gebrauchswert der Ware heranreift,
       so   s t e l l t  e r  s i c h  h i e r  p l ö t z l i c h  d a r
       a l s      e i n e      p r o z e s s i e r e n d e,      s i c h
       s e l b s t   b e w e g e n d e   S u b s t a n z,  f ü r  w e l-
       c h e   W a r e   u n d   G e l d   b l o ß e  F o r m e n.  J a,
       e r   u n t e r s c h e i d e t  s i c h  a l s  u r s p r ü n g-
       l i c h e r   W e r t    v o n    s i c h    s e l b s t    a l s
       M e h r w e r t.   Er wird  prozessierendes Geld  und als solches
       Kapital, p. 116.
       G-W-G' scheint  zwar nur  dem Kaufmannskapital  eigne Form.  Aber
       auch das  industrielle Kapital ist Geld, das sich in Ware verwan-
       delt und  durch deren  Verkauf in mehr Geld rückverwandelt. Akte,
       die   e t w a   z w i s c h e n   K a u f   u n d  V e r k a u f,
       a u ß e r h a l b    d e r    Z i r k u l a t i o n s s p h ä r e
       vorgehn, ändern  hieran nichts.  Im zinstragenden Kapital endlich
       stellt sich der Prozeß unvermittelt G-G' dar, Wert, der gleichsam
       größer ist als er selbst, p. 117.
       
       II. Widersprüche der allgemeinen Formel 1*)
       
       Die Zirkulationsform, wodurch Geld zum Kapital wird, widerspricht
       allen bisherigen Gesetzen über die Natur der Ware, des Werts, des
       Geldes und  der Zirkulation selbst. Kann der rein formelle Unter-
       schied der umgekehrten Reihenfolge dies bewirken?
       Noch mehr.  Diese Umkehrung  existiert nur für eine der drei han-
       delnden Personen.  Ich kaufe  als Kapitalist  Ware von A und ver-
       kaufe sie wieder an B, A und B treten nur als einfache Käufer und
       Verkäufer von  Waren auf. In jedem der zwei Fälle stehe ich ihnen
       nur als  einfacher Geldbesitzer oder Warenbesitzer gegenüber, dem
       einen als  Käufer oder  Geld, dem ändern als Verkäufer oder Ware,
       aber keinem gegenüber als Kapitalist, oder als
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 170-181
       
       #258# Friedrich Engels
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       Repräsentant von  etwas, das  mehr als  Geld oder Ware ist. Für A
       begann das  Geschäft mit  einem  V e r k a u f,  für B endigte es
       mit einem   K a u f,  also ganz wie in der Warenzirkulation. Auch
       könnte, wenn  ich das  Recht auf Mehrwert auf die umgekehrte Rei-
       henfolge stütze,  A an  B  d i r e k t  verkaufen, und die Chance
       des Mehrwerts fällt weg.
       Angenommen  A   und  B   kaufen  voneinander  Waren  direkt.  Was
        G e b r a u c h s w e r t   angeht, können  b e i d e  gewinnen,
       A kann  sogar mehr  von seiner Ware produzieren als B m derselben
       Zeit produzieren könnte und vice versa, wobei wieder beide gewin-
       nen. Aber  anders mit  dem   T a u s c h w e r t.    Hier  werden
       g l e i c h e   W e r t g r ö ß e n   gegeneinander ausgetauscht,
       auch wenn  das Geld  als Zirkulationsmittel  dazwischentritt,  p.
       119.
       Abstrakt betrachtet  geht in der einfachen Warenzirkulation außer
       dem Ersatz  eines Gebrauchswerts  durch  einen  ändern,  nur  ein
       F o r m w e c h s e l   der Ware  vor. Sofern sie nur einen Form-
       wechsel ihres Tauschwerts bedingt, bedingt sie, wenn das Phänomen
       r e i n   vorgeht,   A u s t a u s c h  v o n  Ä q u i v a l e n-
       t e n.   Waren können  zwar zu  Preisen verkauft  werden, die von
       ihren Werten abweichen, aber nur wenn das Gesetz des Warenaustau-
       sches verletzt  wird. In  seiner reinen  Gestalt ist  er ein Aus-
       tausch von  Äquivalenten, also kein Mittel sich zu bereichern, p.
       120.
       Daher der Irrtum aller Versuche, den Mehrwert aus der Warenzirku-
       lation abzuleiten. Condillac p. 121, Newman p. 122.
       Nehmen wir  aber an, daß der Austausch nicht rein vorgeht,  d a ß
       N i c h t - Ä q u i v a l e n t e         a u s g e t a u s c h t
       w e r d e n.   Nehmen wir an, daß jeder Verkäufer seine Waren 10%
       über dem  Wert verkauft.  Bleibt alles gleich, was jeder als Ver-
       käufer verdient,  verliert er  als Käufer wieder. Ganz als ob der
       Geldwert sich  um 10%  verändert hätte. - Ebenso wenn die  K ä u-
       f e r  alles 10%  u n t e r  dem Wert kauften, p. 123 (Torrens).
       Die Annahme,  daß der Mehrwert aus einem Aufschlag auf die Preise
       entsteht, setzt  voraus, daß  eine Klasse besteht, die  k a u f t
       o h n e   z u   v e r k a u f e n ,   d.h.    k o n s u m i e r t
       o h n e   z u    p r o d u z i e r e n,    der  beständig    u m-
       s o n s t   Geld zufließt.  Dieser Klasse die Waren über dem Wert
       verkaufen, heißt  nur, umsonst  weggegebenes Geld  sich zum  Teil
       zurückschwindeln.  (Kleinasien   und  Rom.)   Dabei  bleibt   der
       Verkäufer doch  stets geprellt  und kann dabei nicht reicher wer-
       den, Mehrwert bilden.
       Nehmen wir  den Fall  der  P r e l l e r e i  an. A verkauft an B
       Wein -  Wert 40  Pfd. St.  gegen Getreide  Wert 50. A hat 10 ver-
       dient. Aber  A+B haben  doch nur  zusammen 90, A hat 50 und B nur
       noch 40.  Wert ist  übertragen, aber  nicht  g e s c h a f f e n.
       Die Gesamtheit  der Kapitalistenklasse  eines  Landes  kann  sich
       nicht selbst übervorteilen, p. 126.
       
       #259# Konspekt über "Das Kapital"
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       Also: Werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert,
       und werden  Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein
       Mehrwert. Die Warenzirkulation schafft keinen neuen Wert.
       Daher bleiben  die ältesten  und populärsten Formen des Kapitals,
       Handels- und  Wucherkapital, hier unberücksichtigt. Soll die Ver-
       wertung des  Handelskapitals nicht  aus bloßer  P r e l l e r e i
       erklärt werden, so gehören dazu viele, hier noch fehlende Mittel-
       glieder. Noch  mehr bei Wucher- und zinstragendem Kapital. Später
       werden sich beide als abgeleitete Formen zeigen sowie auch, warum
       sie historisch  v o r  dem modernen Kapital auftreten.
       Der Mehrwert  kann also  nicht aus  der Zirkulation  entspringen.
       Aber außer  ihr? Außer ihr ist der Warenbesitzer einfacher Produ-
       zent seiner  Ware, deren  Wert von  der nach einem bestimmten ge-
       sellschaftlichen Gesetz gemessenen Größe seiner darin enthaltenen
       eignen Arbeit  abhängt; dieser  Wert wird  in  Rechengeld  ausge-
       drückt, z.B.  in einem  Preis von  10. Aber dieser Wert ist nicht
       zugleich ein  Wert von  11 Pfd.  St.; seine Arbeit schafft Werte,
       aber keine  sich verwertenden  Werte. Sie  kann vorhandenem  Wert
       mehr Wert  zusetzen, aber  dies geschieht  nur durch  Zusatz  von
       m e h r   A r b e i t.  Also kann der Warenproduzent,  a u ß e r-
       h a l b   d e r   Z i r k u l a t i o n s s p h ä r e,   ohne mit
       andren  Warenbesitzern  in  Berührung  zu  kommen,    k e i n e n
       M e h r w e r t  p r o d u z i e r e n.
       Kapital muß daher in der Warenzirkulation und zugleich  n i c h t
       in ihr entspringen, p. 128.
       Also: Die Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage der
       dem Warenaustausch  immanenten Gesetze  zu entwickeln, so daß der
       Austausch von Äquivalenten als Ausgangspunkt gilt. Unser nur noch
       als Kapitalistenraupe  vorhandner Geldbesitzer  muß die  Waren zu
       ihrem Wert  kaufen, zu  ihrem Wert  verkaufen und dennoch am Ende
       des Prozesses  mehr Wert  hinausziehen, als  er hineinwarf. Seine
       Schmetterlingsentfaltung muß  in der  Zirkulationssphäre und  muß
       nicht in ihr vorgehn. Dies sind die Bedingungen des Problems. Hie
       Rhodus, hic salta! [172] p. 129.
       
       III. Kauf und Verkauf der Arbeitskraft 1*)
       
       Die Wertveränderung  des Geldes,  das sich  in Kapital verwandeln
       soll, kann  nicht am  Geld selbst  vorgehn, da es im Kauf nur den
       Preis der  Ware realisiert,  und andrerseits, solange es  G e l d
       b l e i b t,  seine Wertgröße nicht
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe. S. 181-191
       
       #260# Friedrich Engels
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       ändert, und im Verkauf ebenfalls die Ware bloß aus ihrer Natural-
       form in  ihre Geldform  verwandelt. Die Veränderung muß also vor-
       gehn  an   der    W a r e    des  G-W-G;  aber  nicht  mit  ihrem
       T a u s c h w e r t,  da Äquivalente ausgetauscht werden, sondern
       sie kann  erst entspringen  aus ihrem   G e b r a u c h s w e r t
       a l s   s o l c h e m,   d.h. aus ihrem  V e r b r a u c h.  Dazu
       ist eine Ware erforderlich,  d e r e n  G e b r a u c h s w e r t
       d i e     E i g e n s c h a f t    h a t,    Q u e l l e    v o n
       T a u s c h w e r t   z u  s e i n  - und diese existiert:  d i e
       A r b e i t s k r a f t,  p. 130.
       Damit der  Geldbesitzer aber  die Arbeitskraft  als  W a r e  auf
       dem Markt  vorfinde, muß  sie von ihrem eignen Besitzer verkauft,
       also als freie Arbeitskraft sein. Da beide, Käufer und Verkäufer,
       als Kontrahenten   j u r i s t i s c h   g l e i c h e   Personen
       sind, muß  die Arbeitskraft  nur   z e i t w e i l i g   verkauft
       werden, da  bei Verkauf en bloc der Verkäufer kein Verkäufer mehr
       bleibt, sondern  selbst Ware  wird. Dann  aber muß  der Besitzer,
       statt  W a r e n  verkaufen zu können, in denen seine Arbeit ver-
       gegenständlicht ist,  vielmehr  in  der  Lage  sein,    s e i n e
       A r b e i t s k r a f t   s e l b s t   a l s  W a r e  verkaufen
       zu müssen, p. 131.
       Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den
       f r e i e n   Arbeiter auf  dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem
       Doppelsinn, daß  er als freie Person über seine Arbeitskraft ver-
       fügt als  s e i n e  Ware, und daß er andrerseits  a n d r e  Wa-
       ren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur
       Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen  S a c h e n,  p. 132.
       Beiläufig ist das Verhältnis von Geldbesitzer und Arbeitskraftbe-
       sitzer nicht  ein natürliches  oder allen  Zeiten gemeinsames ge-
       sellschaftliches, sondern  ein historisches,  das Produkt  vieler
       ökonomischer Umwälzungen.  So haben  auch die bisher betrachteten
       ökonomischen Kategorien ihren geschichtlichen Stempel. Um Ware zu
       werden, darf das Produkt nicht mehr als unmittelbares Subsistenz-
       mittel produziert  werden. Die  Masse der Produkte kann Warenform
       erst annehmen  i n n e r h a l b  e i n e r  b e s t i m m t e n,
       der     k a p i t a l i s t i s c h e n    P r o d u k t i o n s-
       w e i s e,   obwohl Warenproduktion  und Zirkulation schon statt-
       finden können,  wo die  Masse der  Produkte nie  Ware wird.  Geld
       ditto kann  zu allen  Perioden existieren,  die eine gewisse Höhe
       der Warenzirkulation  erreicht haben;  die besondren  Geldformen,
       vom bloßen Äquivalent zum Weltgeld, setzen verschiedne Stufen der
       Entwicklung voraus,  trotzdem kann  eine sehr schwach entwickelte
       Warenzirkulation sie  alle hervorbringen.  Dagegen  K a p i t a l
       entsteht nur  unter obiger  Bedingung, und  diese eine  Bedingung
       schließt eine Weltgeschichte ein. p. 133.
       Die Arbeitskraft  hat einen Tauschwert, der bestimmt wird wie der
       aller andren  Waren: durch die zu ihrer Produktion, also auch Re-
       produktion, nötige Arbeitszeit. Der Wert der Arbeitskraft ist der
       Wert der  zur Erhaltung ihres Besitzers nötigen Lebensmittel, und
       zwar zu seiner Erhaltung in
       
       #261# Konspekt über "Das Kapital"
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       normaler Arbeitsfähigkeit.  Diese richtet  sich nach   K l i m a,
       nach   N a t u r b e d i n g u n g e n   etc. wie nach dem histo-
       risch in jedem Land gegebenen standard of life 1*). Sie wechseln,
       sind aber  für ein  bestimmtes Land und für eine bestimmte Epoche
       g e g e b e n.   Ferner schließt  sie die  Lebensmittel der  E r-
       s a t z m ä n n e r,   d.h. der   K i n d e r,   ein,  so daß die
       Race dieser  eigentümlichen Warenbesitzer  sich verewigt. Ferner,
       bei geschickter Arbeit, die  B i l d u n g s kosten,  p. 135.
       Minimalgrenze des  Werts der  Arbeitskraft ist  der Wert    d e r
       p h y s i s c h     u n e n t b e h r l i c h e n    L e b e n s-
       m i t t e l.   Sinkt der Preis der Arbeitskraft auf dies Minimum,
       so sinkt  er unter ihren  W e r t,  da dieser n o r m a l e  Güte
       der Arbeitskraft, nicht verkümmerte, voraussetzt, p. 136.
       Die Natur  der Arbeit  schließt ein,  daß die  Arbeitskraft  erst
       n a c h   Abschluß des Kontrakts verbraucht wird, und da bei sol-
       chen Waren das Geld meist  Z a h l u n g s m i t t e l  ist, wird
       sie in  allen Ländern  kapitalistischer Produktionsweise erst ge-
       zahlt, nachdem  sie  g e l e i s t e t  ist. Überall also  k r e-
       d i t i e r t   d e r   A r b e i t e r   d e m  K a p i t a l i-
       s t e n,  p. 137, 138.
       Der  Konsumtionsprozeß  der  Arbeitskraft  ist  zugleich    d e r
       P r o d u k t i o n s p r o z e ß   v o n   W a r e  u n d  v o n
       M e h r w e r t,   und diese  Konsumtion geschieht  außerhalb der
       Sphäre der Zirkulation, p. 140.
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       1*) Lebensstandard

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