Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
[Rezension des Ersten Bandes "Das Kapital"
für die "Fortnightly Review" [176]]
Karl Marx über das Kapital *)
Herr Thomas Tooke weist in seinen Untersuchungen über Umlaufsmit-
tel auf die Tatsache hin, daß das Geld in seiner Funktion als Ka-
pital zu seinem Ausgangspunkt zurückfließt, während dies bei
Geld, das die Funktion bloßer Zirkulationsmittel ausübt, nicht
der Fall ist. Diese Unterscheidung (die jedoch lange zuvor von
Sir James Steuart getroffen wurde) dient Herrn Tooke bloß als ein
Glied in seiner Argumentation gegen die "Currency-Leute" [177]
und ihre Behauptungen über den Einfluß der Ausgabe von Papiergeld
auf die Warenpreise. Unser Verfasser dagegen macht diese Unter-
scheidung zum Ausgangspunkt für seine Untersuchung über die Natur
des Kapitals selbst und besonders für die Frage: Wie wird Geld,
diese selbständige Form des Wertes, in Kapital verwandelt?
Alle Sorten von Geschäftsleuten, sagt Turgot, haben das gemein,
daß sie k a u f e n, u m z u v e r k a u f e n; ihre Käufe
sind ein Vorschuß, der ihnen später wieder zurückfließt.
K a u f e n, u m z u v e r k a u f e n - dies ist in der Tat
die Transaktion, worin Geld als Kapital funktioniert und die sei-
nen Rückfluß zu seinem Ausgangspunkt bedingt, im Gegensatz zum
V e r k a u f e n, u m z u k a u f e n, worin Geld nur als
Umlaufsmittel zu funktionieren b r a u c h t. So wird ersicht-
lich, daß die verschiedene Reihenfolge, worin die Akte von Ver-
kauf und Kauf aufeinanderfolgen, dem Geld zwei verschiedene Zir-
kulationsbewegungen aufdrückt. Um diese beiden Prozesse zu veran-
schaulichen, gibt unser Verfasser folgende Formel:
Verkaufen, um zu kaufen: eine Ware W wird gegen Geld G getauscht,
das wieder gegen eine andere Ware W getauscht wird; oder W-G-W.
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*) Das Kapital. Von Karl Marx. Erster Band. Hamburg, Meißner,
1867.
#289# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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Kaufen, um zu verkaufen: Geld wird gegen eine Ware getauscht und
diese wieder gegen Geld: G-W-G.
Die Formel W-G-W stellt die einfache Warenzirkulation dar, in
welcher Geld als Zirkulationsmittel, als Geld funktioniert. Diese
Formel wird im ersten Kapitel dieses Buches analysiert [178], das
eine neue und sehr einfache Wert- und Geldtheorie enthält, die
wissenschaftlich äußerst interessant ist, welche wir jedoch hier
außer Betracht lassen, da sie im ganzen für das, was wir für das
Wesentliche in den Ansichten des Herrn Marx über Kapital halten,
nebensächlich ist.
Die Formel G-W-G andererseits stellt jene Form der Zirkulation
dar, in welcher sich Geld in Kapital verwandelt.
Der Prozeß des Kaufs für den Verkauf G-W-G kann offensichtlich in
G-G aufgelöst werden; er ist indirekter Austausch von Geld gegen
Geld. Angenommen, ich kaufe für 1000 Pfd. St. Baumwolle und ver-
kaufe sie für 1100 Pfd. St., so habe ich s c h l i e ß l i c h
1000 Pfd. St. gegen 1100 Pfd. St. ausgetauscht, Geld gegen Geld.
Wenn dieser Prozeß nun immer den Rückfluß der gleichen Summe
Geldes zur Folge hätte, die ich vorgeschossen habe, so wäre es
absurd. Aber, ob der Kaufmann, der 1000 Pfd. St. vorgeschossen
hat, 1100 Pfd. St., 1000 Pfd. St. oder gar nur 900 Pfd. St. re-
alisiert, sein Geld hat doch eine von der Formel W-G-W ganz ver-
schiedene Bewegung beschrieben; einer Formel, die bedeutet, ver-
kaufen, um zu kaufen, etwas verkaufen, was man nicht braucht, um
das kaufen zu können, was man braucht. Vergleichen wir die beiden
Formeln.
Jeder Prozeß besteht aus zwei Phasen oder Akten, und diese zwei
Akte sind in beiden Formeln die gleichen; doch zwischen den bei-
den Prozessen selbst besteht ein großer Unterschied. In W-G-W
bildet das Geld nur den Vermittler; die Ware, der Gebrauchswert,
den Ausgangs- und Schlußpunkt. In G-W-G bildet die Ware das Zwi-
schenglied, während Geld Anfang und Ende bildet. In W-G-W wird
das Geld definitiv ausgegeben; in G-W-G wird es nur vorgeschos-
sen, es soll wiedererlangt werden. Es fließt zu seinem Ausgangs-
punkt zurück, und hier haben wir den ersten sinnlich wahrnehmba-
ren Unterschied der Zirkulation von Geld als G e l d und der
von Geld als K a p i t a l.
Im Prozeß des Verkaufs für den Kauf W-G-W kann das Geld nur durch
die Wiederholung des Gesamtprozesses zu seinem Ausgangspunkt zu-
rückfließen, durch den Verkauf frischer Waren. Der Rückfluß ist
also vom Prozeß selbst unabhängig. In G - W - G dagegen ist die-
ser Rückfluß eine Notwendigkeit und von vornherein beabsichtigt;
wenn er nicht stattfindet,
#290# Friedrich Engels
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findet, ist irgendwo eine Stockung eingetreten, und der Prozeß
bleibt unvollständig.
Der Verkauf für den Kauf hat den Erwerb von G e b r a u c h s-
w e r t zum Ziel; der Kauf für den Verkauf den Erwerb von
T a u s c h w e r t.
In der Formel W-G-W sind die beiden Extreme, ökonomisch ausge-
drückt, identisch. Sie sind beide Waren; sie sind darüber hinaus
von gleicher Wertgröße, denn die ganze Werttheorie setzt voraus,
daß normalerweise nur Äquivalente ausgetauscht werden. Gleichzei-
tig sind diese zwei Extreme W-W qualitativ verschiedene Ge-
brauchswerte, und gerade deshalb werden sie getauscht. Im Prozeß
G-W-G scheint die ganze Operation auf den ersten Blick sinnlos.
100 Pfd. St. gegen 100 Pfd. St. austauschen, und noch auf einem
Umweg, scheint absurd. Eine Geldsumme kann sich von einer anderen
Geldsumme nur durch ihre Größe unterscheiden. G-W-G kann daher
nur durch die quantitative Verschiedenheit seiner Extreme einen
Sinn erhalten. Der Zirkulation muß mehr Geld entzogen werden, als
man in sie hineingeworfen hatte. Die für 1000 Pfd. St. gekaufte
Baumwolle wird verkauft zu 1100 Pfd. St. = 1000 Pfd. St. + 100
Pfd. St.; die diesen Prozeß darstellende Formel verwandelt sich
also in G-W-G', wo G'=G+ delta G, G plus einem Inkrement, ist.
Dieses delta G, dies Inkrement, nennt Herr Marx M e h r w e r t
*). Der ursprünglich vorgeschossene Wert erhält sich nicht nur,
sondern er setzt sich ein Inkrement zu, er v e r w e r t e t
s i c h, und d i e s e r P r o z e ß v e r w a n d e l t
G e l d i n K a p i t a l.
In der Zirkulationsform W-G-W k a n n zwar auch Wertverschie-
denheit der Extreme bestehen, doch solcher Umstand ist hier völ-
lig unwesentlich, die Formel wird nicht absurd, wenn beide Ex-
treme Äquivalente sind. Im Gegenteil, dies ist eine Bedingung
ihres normalen Charakters.
Die Wiederholung von W-G-W wird durch Umstände eingeschränkt, die
gänzlich außerhalb des Tauschprozesses liegen: durch die Bedürf-
nisse der Konsumtion. In G-W-G dagegen sind Anfang und Ende, qua-
litativ betrachtet, dasselbe, und eben dadurch ist oder kann die
Bewegung endlos sein. Zweifellos ist G+ delta G verschiedene
Quantität von G; aber doch auch bloß eine beschränkte Geldsumme.
Würde sie verausgabt, so hörte sie auf Kapital zu sein; würde sie
der Zirkulation entzogen, so bliebe sie als Schatz stationär. Ist
das Bedürfnis der Verwertung des Werts einmal gegeben, so exi-
stiert dieses Bedürfnis so gut für G' wie für G; die Bewegung des
Kapitals wird eine ständige und endlose, weil ihr Ziel am Ende
jedes einzelnen
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*) Wo "Wert" hier ohne nähere Bestimmung gebraucht wird, bedeutet
er immer Tauschwert.
#291# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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Prozesses ebenso unerreicht ist wie zuvor. Die Durchführung die-
ses endlosen Prozesses verwandelt den Geldbesitzer in einen
K a p i t a l i s t e n.
Die Formel G-W-G scheint nur auf das Kaufmannskapital anwendbar.
Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das gegen Waren ge-
tauscht und gegen mehr Geld wieder eingetauscht wird. Zweifellos
tritt in diesem Falle eine Anzahl von Operationen zwischen Kauf
und Verkauf, Operationen, die außerhalb der reinen Zirkulations-
sphäre liegen; doch sie ändern nichts am Wesen des Prozesses. An-
dererseits stellt sich der gleiche Prozeß im zinstragenden Kapi-
tal in seiner abgekürztesten Form dar. Hier schrumpft die Formel
auf G-G' zusammen, Wert, der gleichsam größer ist als er selbst.
Doch woher stammt dies Inkrernent von G, dieser Mehrwert? Unsere
vorangegangenen Untersuchungen über die Natur der Waren, des
Werts, des Geldes und der Zirkulation selbst lassen diese Frage
nicht nur ungeklärt, sondern scheinen sogar jede Zirkulationsform
auszuschließen, die im Ergebnis zu so etwas wie einem Mehrwert
führt. Der ganze Unterschied zwischen der Warenzirkulation (W-G-
W) und der Zirkulation von Geld als Kapital (G-W-G) scheint in
einer einfachen Umkehrung des Prozesses zu bestehen. Wie sollte
diese Umkehrung ein so seltsames Ergebnis bewirken können?
Noch mehr: Diese Umkehrung existiert nur für e i n e n der drei
an dem Prozeß Beteiligten. Als Kapitalist kaufe ich Ware von A
und verkaufe sie wieder an B. A und B treten nur als einfache
Verkäufer und Käufer von Waren auf. Ich selbst trete bei dem Kauf
von A nur als Geldbesitzer auf und bei dem Verkauf an B nur als
Warenbesitzer; doch in keiner dieser Transaktionen trete ich als
Kapitalist auf, als Repräsentant von etwas, das m e h r als
Geld oder Ware ist. Für A begann die Transaktion mit einem Ver-
kauf, für B mit einem Kauf. Wenn von meinem Standpunkt eine Um-
kehrung der Formel W-G-W eintritt, so ist dies von ihrem Stand-
punkt nicht der Fall. Überdies kann nichts A daran hindern, seine
Ware ohne meine Vermittlung an B zu verkaufen, und dann bestünde
keine Aussicht auf irgendeinen Mehrwert.
Angenommen, A und B kaufen das, was sie brauchen, direkt vonein-
ander. Was Gebrauchswert angeht, können beide gewinnen. A kann
sogar mehr von seiner speziellen Ware produzieren, als B in der-
selben Zeit produzieren könnte, und vice versa, wobei beide ge-
winnen würden. Doch mit dem Tauschwert ist das anders. In diesem
Falle werden gleiche Wertgrößen ausgetauscht, ob nun Geld als
Mittler dient oder nicht.
Abstrakt betrachtet, das heißt abgesehen von allen Umständen, die
nicht aus den immanenten Gesetzen der einfachen Warenzirkulation
abzuleiten
#292# Friedrich Engels
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sind, geht in dieser einfachen Zirkulation außer dem Ersatz eines
Gebrauchswerts durch einen anderen nur ein Formwechsel der Ware
vor sich. Derselbe Tauschwert, dasselbe Quantum vergegenständ-
lichter gesellschaftlicher Arbeit bleibt in der Hand des Warenbe-
sitzers, sei es in Gestalt dieser Ware selbst oder des Geldes,
wofür sie verkauft wird, oder in Gestalt der für das Geld gekauf-
ten zweiten Ware. Dieser Formwechsel schließt ebensowenig eine
Änderung der Wertgröße ein, wie das Auswechseln einer Fünfpfund-
note gegen fünf Sovereigns. Sofern es sich nur um einen Formwech-
sel des Tauschwerts handelt, müssen Äquivalente ausgetauscht wer-
den, zumindest wenn der Prozeß in seiner reinen Gestalt und unter
normalen Bedingungen vor sich geht. Waren k ö n n e n zu Prei-
sen verkauft werden, die über oder unter ihren Werten hegen, aber
nur, wenn das Gesetz des Warenaustausches verletzt wird. In sei-
ner reinen und normalen Gestalt ist der Warenaustausch daher kein
Mittel zur Bildung von Mehrwert. Daher entspringt der Irrtum al-
ler Ökonomen, die versuchen, den Mehrwert aus dem Warenaustausch
abzuleiten, wie z.B. Condillac.
Nehmen wir aber an, daß der Prozeß nicht unter normalen Bedingun-
gen vor sich geht und daß Nicht-Äquivalente ausgetauscht werden.
Nehmen wir an, daß z.B. jeder Verkäufer seine Ware zehn Prozent
über ihrem Wert verkauft. Ceteris paribus 1*) verliert jeder als
Käufer wieder, was er als Verkäufer gewonnen hat. Es wäre genau
das gleiche, als wenn der Geldwert um 10 Prozent gesunken wäre.
Das Gegenteil, doch mit dem gleichen Ergebnis, träte ein, wenn
alle Käufer ihre Waren 10 Prozent unter deren Wert kauften. Wir
kommen der Lösung um keinen Deut näher, wenn wir annehmen, daß
jeder Warenbesitzer als Produzent die Waren über ihrem Wert ver-
kauft und sie als Konsument über ihrem Wert kauft.
Die konsequenten Vertreter der Illusion, daß der Mehrwert aus ei-
nem nominellen Preiszuschlag auf die Waren entspringt, unterstel-
len immer die Existenz einer Klasse, die kauft, ohne je zu ver-
kaufen, die konsumiert, ohne zu produzieren. In diesem Stadium
unserer Untersuchung ist die Existenz einer solchen Klasse noch
unerklärlich. Doch nehmen wir an, es gibt sie. Woher erhält diese
Klasse das Geld, um beständig zu kaufen? Offensichtlich von den
Warenproduzenten auf Grund beliebiger Rechts- oder Gewaltstitel,
ohne Austausch. Einer solchen Klasse Waren über ihrem Wert ver-
kaufen, heißt nichts anderes, als umsonst weggegebenes Geld zum
Teil wieder zurückbekommen. Auf diese Weise haben die Städte
Kleinasiens, als sie an die Römer Tribut zahlten, einen Teil des
Geldes zurückbekommen
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1*) Unter sonst gleichen Umständen
#293# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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bekommen, indem sie die Römer beim Handel prellten; aber dennoch
waren diese Städte die Geprellten. Dies ist also keine Methode
der Bildung von Mehrwert.
Nehmen wir den Fall der Prellerei an. A verkauft an B Wein zum
Wert von 40 Pfd. St. gegen Getreide zum Wert von 50 Pfd. St. A
hat 10 Pfd. St. verdient und B hat 10 Pfd. St. verloren, doch ha-
ben beide zusammen nur 90 Pfd. St. wie vorher. Wert wurde über-
tragen, aber nicht geschaffen. Die ganze Kapitalistenklasse eines
Landes kann ihren gesamten Reichtum nicht vergrößern, indem sie
sich gegenseitig prellt.
Folglich: Werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehr-
wert, und werden Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht auch
kein Mehrwert. Die Warenzirkulation schafft keinen neuen Wert.
Das ist der Grund, weshalb die beiden ältesten und populärsten
Formen des Kapitals, Handelskapital und zinstragendes Kapital,
hier gänzlich unberücksichtigt bleiben. Um den durch diese beiden
Kapitalformen angeeigneten Mehrwert nicht als das Ergebnis bloßer
Prellerei zu erklären, bedarf es einer Anzahl Zwischenglieder,
die in diesem Stadium der Untersuchung noch fehlen. Später werden
wir sehen, daß beide nur abgeleitete Formen sind, und werden auch
feststellen, warum beide historisch lange vor dem modernen Kapi-
tal erscheinen.
Der Mehrwert kann also nicht aus der Warenzirkulation entsprin-
gen. Aber kann er außerhalb derselben entspringen? Außerhalb der
Warenzirkulation ist der Warenbesitzer einfacher Produzent dieser
Ware, deren Wert von der nach einem bestimmten gesellschaftlichen
Gesetz gemessenen Größe seiner darin enthaltenen eigenen Arbeit
bestimmt wird. Dieser Wert wird in Rechengeld ausgedrückt, sagen
wir, in einem Preis von 10 Pfd. St. Doch dieser Preis von 10 Pfd.
St. ist nicht zugleich ein Preis von 11 Pfd. St.; diese in der
Ware enthaltene Arbeit schafft Wert, doch keinen sich verwerten-
den Wert; sie kann vorhandenem Wert neuen Wert zusetzen, doch nur
durch Zusatz von neuer Arbeit. Wie sollte nun der Warenbesitzer
außerhalb der Zirkulationssphäre, ohne mit anderen Warenbesitzern
in Berührung zu kommen, wie sollte er imstande sein, Mehrwert zu
produzieren oder, mit anderen Worten, Ware oder Geld in Kapital
zu verwandeln?
"Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen, und es
kann ebensowenig aus der Zirkulation n i c h t entspringen. Es
muß zugleich in ihr und n i c h t in ihr entspringen... Die
Verwandlung des Geldes in Kapital ist auf Grundlage dem Warenaus-
tausch immanenter Gesetze zu entwickeln, so daß d e r A u s-
t a u s c h v o n Ä q u i v a l e n t e n a l s A u s-
g a n g s p u n k t g i l t. Unser
#294# Friedrich Engels
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nur noch als Kapitalistenraupe vorhandner Geldbesitzer muß die
Waren zu ihrem Wert kaufen, zu ihrem Wert verkaufen und dennoch
am Ende des Prozesses mehr Wert herausziehn als er hineinwarf.
Seine Schmetterlingsentfaltung muß in der Zirkulationssphäre und
muß n i c h t in der Zirkulationssphäre vorgehn. Dies sind die
Bedingungen des Problems. Hic Rhodus, hic salta!" [172]
Und nun zur Lösung:
"Die Wertveränderung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln
soll, kann nicht an diesem Geld selbst vorgehn, denn als Kaufmit-
tel und als Zahlungsmittel r e a l i s i e r t es nur den Preis
der Ware, die es kauft oder zahlt, während es, in seiner eignen
Form verharrend, zum Petrefakt von gleichbleibender Wertgröße er-
starrt. Ebensowenig kann die Veränderung aus dem zweiten Zirkula-
tionsakt, dem Wiederverkauf der Ware, entspringen, denn dieser
Akt verwandelt die Ware bloß aus der Naturalform zurück in die
Geldform. D i e V e r ä n d e r u n g m u ß s i c h a l s o
z u t r a g e n m i t d e r W a r e, die im ersten Akt G-W
gekauft wird, aber nicht mit ihrem Wert, denn es werden Äquiva-
lente ausgetauscht, die Ware wird zu ihrem Werte bezahlt. D i e
V e r ä n d e r u n g k a n n a l s o n u r e n t s p r i n-
g e n a u s i h r e m G e b r a u c h s w e r t a l s s o l-
c h e m, d.h. a u s i h r e m V e r b r a u c h. Um aus dem
Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer
so glücklich sein, innerhalb der Zirkulationssphäre, auf dem
Markte, eine Ware zu entdecken, d e r e n G e b r a u c h s-
w e r t s e l b s t d i e e i g e n t ü m l i c h e B e-
s c h a f f e n h e i t b e s ä ß e, Q u e l l e v o n
W e r t z u s e i n , d e r e n w i r k l i c h e r V e r-
b r a u c h a l s o s e l b s t V e r g e g e n s t ä n d-
l i c h u n g v o n A r b e i t w ä r e, d a h e r W e r t-
s c h ö p f u n g. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markte
eine solche spezifische Ware vor - das Arbeitsvermögen oder
d i e A r b e i t s k r a f t.
Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbe-
griff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leib-
lichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren
und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner
Art produziert.
Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Ware auf dem
Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der
Warenaustausch schließt an und für sich keine andren Abhängig-
keitsverhältnisse ein als die aus seiner eignen Natur entsprin-
genden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Ware
nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eig-
nen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware
feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware
verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigentümer
seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein. Er und der Geldbe-
sitzer begegnen
#295# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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sich auf dem Markt und treten in Verhältnis zueinander als eben-
bürtige Warenbesitzer, nur dadurch unterschieden, daß der eine
Käufer, der andre Verkäufer ist. Die Fortdauer dieses Verhältnis-
ses erheischt, daß der Eigentümer der Arbeitskraft sie stets nur
für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und
Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt
sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer
in eine Ware... Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geld-
besitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware vorfinde, ist
die, daß ihr Besitzer, statt Waren verkaufen zu können, worin
sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeits-
kraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit exi-
stiert, als Ware feilbieten muß.
Damit jemand von seiner Arbeitskraft unterschiedne Waren ver-
kaufe, muß er natürlich Produktionsmittel besitzen, z.B. Roh-
stoffe, Arbeitsinstrumente usw. Er kann keine Stiefel machen ohne
Leder. Er bedarf außerdem Lebensmittel. Niemand kann von Produk-
ten der Zukunft zehren, also auch nicht von Gebrauchswerten, de-
ren Produktion noch unfertig, und wie am ersten Tage seiner Er-
scheinung auf der Erdbühne, muß der Mensch noch jeden Tag konsu-
mieren, bevor und während er produziert. Werden die Produkte als
W a r e n produziert, so müssen sie verkauft werden, n a c h-
d e m sie produziert sind, und können die Bedürfnisse des Pro-
duzenten erst nach dem Verkauf befriedigen. Zur Produktionszeit
kommt die für den Verkauf nötige Zeit hinzu.
Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den
f r e i e n A r b e i t e r auf dem Warenmarkt vorfinden, frei
in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeits-
kraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren
nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur
Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.
Die Frage, warum dieser freie Arbeiter ihm in der Zirkulations-
sphäre gegenübertritt, interessiert den Geldbesitzer nicht, der
den Arbeitsmarkt als eine besondre Abteilung des Warenmarkts vor-
findet. Und einstweilen interessiert sie uns ebensowenig. Wir
halten theoretisch an der Tatsache fest, wie der Geldbesitzer
praktisch. Eins jedoch ist klar. Die Natur produziert nicht auf
der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der andren bloße
Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dies Verhältnis ist kein na-
turgeschichtliches und ebensowenig ein gesellschaftliches, das
allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das
Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das
Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer
ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produk-
tion.
#296# Friedrich Engels
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Auch die ökonomischen Kategorien, die wir früher betrachtet, tra-
gen ihre geschichtliche Spur. Im Dasein des Produkts als Ware
sind bestimmte historische Bedingungen eingehüllt. Um Ware zu
werden, darf das Produkt nicht als unmittelbares Subsistenzmittel
für den Produzenten selbst produziert werden. Hätten wir weiter
geforscht: unter welchen Umständen nehmen alle oder nimmt auch
nur die Mehrzahl der Produkte die Form der Ware an, so hätte sich
gefunden, daß dies nur auf Grundlage einer ganz spezifischen, der
k a p i t a l i s t i s c h e n Produktionsweise, geschieht.
Eine solche Untersuchung lag jedoch der Analyse der Ware fern.
Warenproduktion und Warenzirkulation können stattfinden, obgleich
die weit überwiegende Produktenmasse, unmittelbar auf den Selbst-
bedarf gerichtet, sich nicht in Ware verwandelt, der gesell-
schaftliche Produktionsprozeß also noch lange nicht in seiner
ganzen Breite und Tiefe vom Tauschwert beherrscht ist ... Oder
betrachten wir das Geld, so setzt es eine gewisse Höhe des Waren-
austausches voraus. Die besondren Geldformen, bloßes Warenäquiva-
lent, oder Zirkulationsmittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und
Weltgeld, deuten je nach dem verschiednen Umfang und dem relati-
ven Vorwiegen einer oder der andren Funktion auf sehr verschiedne
Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Dennoch ge-
nügt erfahrungsmäßig eine relativ schwach entwickelte Warenzirku-
lation zur Bildung aller dieser Formen. Anders mit dem Kapital.
Seine historischen Existenzbedingungen sind durchaus nicht da mit
der Waren- und Geldzirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer
von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Ver-
käufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese
eine historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte. Das
Kapital kündigt daher von vornherein eine neue Epoche des gesell-
schaftlichen Produktionsprozesses an." 1*)
Diese eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, ist nun zu untersu-
chen. Gleich allen anderen Waren besitzt sie einen Tauschwert;
dieser Wert wird bestimmt wie der aller anderen Waren: durch die
zu ihrer Produktion, also auch Reproduktion, notwendige Arbeits-
zeit. Der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung
ihres Besitzers in normaler Arbeitsfähigkeit nötigen Lebensmit-
tel. Diese Lebensmittel richten sich nach dem Klima und anderen
Naturbedingungen sowie nach einem historisch in jedem Land gege-
benen Stand der Lebenshaltung. Sie wechseln, sind aber für ein
bestimmtes Land und für eine bestimmte Epoche gegeben. Ferner
schließen sie die Lebensmittel für die Ersatzmänner der ver-
brauchten Arbeiter
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 180-184
#297# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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ein, d.h. für ihre Kinder, so daß diese eigentümliche Art von Wa-
renbesitzern sich verewigen kann. Sie schließen außerdem bei qua-
lifizierter Arbeit die Bildungskosten ein.
Die Minimalgrenze des Werts der Arbeitskraft ist der Wert der
physisch unentbehrlichen Lebensmittel. Sinkt ihr Preis auf dies
Minimum, so sinkt er unter ihren Wert, da letzterer eine normale
Güte der Arbeitskraft, nicht eine verkümmerte, voraussetzt.
Aus der Natur der Arbeit ergibt sich, daß die Arbeitskraft erst
n a c h Abschluß des Verkaufs verbraucht wird; und in allen Län-
dern kapitalistischer Produktionsweise wird die Arbeit bezahlt,
nachdem sie geleistet ist. Überall also kreditiert der Arbeiter
dem Kapitalisten. Zu den praktischen Folgen dieses durch den Ar-
beiter gewährten Kredits führt Herr Marx einige interessante Bei-
spiele aus Parlamentsdokumenten an; bezüglich dieser Beispiele
verweisen wir auf das Buch selbst.
Mit der Konsumtion von Arbeitskraft produziert ihr Käufer
zugleich Waren und Mehrwert; um dies zu untersuchen, müssen wir
die Sphäre der Zirkulation verlassen und uns in die Sphäre der
Produktion begeben.
Hier stellen wir sofort fest, daß der Arbeitsprozeß Doppelcharak-
ter besitzt. Einerseits ist er der einfache Prozeß zur Herstel-
lung von Gebrauchswert; als solcher kann und muß er allen histo-
rischen Formen der Existenz der Gesellschaft gemeinsam sein; an-
dererseits geht dieser Prozeß, wie bereits erwähnt, unter den
spezifischen Bedingungen der kapitalistischen Produktion vor
sich. Sie müssen wir jetzt untersuchen.
Der Arbeitsprozeß auf kapitalistischer Grundlage hat zwei Eigen-
tümlichkeiten. Erstens arbeitet der Arbeiter unter der Kontrolle
des Kapitalisten, der aufpaßt, daß nichts vergeudet wird und
nicht mehr als das gesellschaftlich notwendige Quantum Arbeit für
jedes einzelne Produkt aufgewandt wird. Zweitens ist das Produkt
Eigentum des Kapitalisten, da der Prozeß selbst zwischen zwei ihm
gehörigen Dingen vor sich geht: der Arbeitskraft und den Arbeits-
mitteln.
Den Kapitalisten interessiert der Gebrauchswert nur, insofern er
die Verkörperung von Tauschwert und vor allem von Mehrwert ist.
Sein Ziel besteht dann, eine Ware zu produzieren, deren Wert hö-
her ist als die in ihre Produktion investierte Wertsumme. Wie
kann das geschehen?
Nehmen wir eine beliebige Ware, z.B. Baumwollgarn, und analysie-
ren wir das dann vergegenständlichte Quantum Arbeit. Nehmen wir
an, daß zur Herstellung von 10 Pf und Garn 10 Pfund Baumwolle im
Wert von 10 sh. nötig sind (wobei wir den Abfall außer Betracht
lassen). Ferner sind bestimmte Arbeitsmittel erforderlich: eine
Dampfmaschine, Kammaschinen
#298# Friedrich Engels
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und andere Maschinerie, Kohle, Schmiermittel etc. Der Einfachheit
halber bezeichnen wir das alles als "Spindeln" und nehmen an, daß
der Verschleiß, Kohle etc., die nötig sind zur Verspinnung von 10
Pfund Garn, 2 sh. repräsentieren. So haben wir 10 sh. für Baum-
wolle und 2 sh. für Spindel = 12 sh. Wenn 12 sh. das Produkt von
24 Arbeitsstunden oder zwei Arbeitstagen repräsentieren, dann
vergegenständlichen Baumwolle und Spindel im Garn zwei Arbeits-
tage. Wieviel wird nun durch das Spinnen zugesetzt?
Nehmen wir an, daß der Wert der Arbeitskraft per diem 1*) 3 sh.
beträgt und daß diese 3 sh. die Arbeit von sechs Stunden reprä-
sentieren. Ferner, daß ein Arbeiter sechs Stunden benötigt, um 10
Pfund Garn zu spinnen. In diesem Falle sind dem Produkt durch Ar-
beit 3 sh. zugesetzt worden; der Wert der 10 Pfund Garn beträgt
15 sh. oder 1 sh. 6 d. per Pfund.
Dieser Prozeß ist sehr einfach, doch ihm entspringt kein Mehr-
wert. Das kann auch nicht sein, da in der kapitalistischen Pro-
duktion die Dinge nicht so einfach vor sich gehen.
"Sehn wir näher zu. Der Tageswert der Arbeitskraft betrug 3 sh.,
weil in ihr selbst ein halber Arbeitstag vergegenständlicht ist.
Daß ein h a l b e r Arbeitstag nötig, um ihn während 24 Stunden
am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs, einen
g a n z e n Tag zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre
Verwertung im Arbeitsprozeß sind also zwei verschiedne Größen.
Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Ar-
beitskraft kaufte. Ihre nützliche Eigenschaft, Garn oder Stiefel
zu machen, war nur eine Conditio sine qua non, weil Arbeit in
nützlicher Form verausgabt werden muß, um Wert zu bilden. Was
aber entschied, war der spezifische Gebrauchswert dieser Ware,
Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat.
Dies ist der spezifische Dienst, den der Kapitalist von ihr er-
wartet. Und er verfährt dabei den ewigen Gesetzen des Warenaus-
tausches gemäß. In der Tat, der Verkäufer der Arbeitskraft, wie
der Verkäufer jeder andren Ware, realisiert ihren Tauschwert und
veräußert ihren Gebrauchswert. Er kann den einen nicht erhalten,
ohne den andren wegzugeben. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft,
die Arbeit selbst, gehört ebensowenig ihrem Verkäufer, wie der
Gebrauchswert des verkauften Öls dem Ölhändler. Der Geldbesitzer
hat den Wert per diem der Arbeitskraft gezahlt; ihm gehört daher
ihr Gebrauch während des Tages, die tagelange Arbeit. Der Um-
stand, daß die tägliche Erhaltung der Arbeitskraft nur einen hal-
ben Arbeitstag kostet, obgleich die Arbeitskraft einen ganzen Tag
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1*) pro Tag
#299# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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wirken, arbeiten kann, daß daher der Wert, den ihr Gebrauch wäh-
rend eines Tags schafft, doppelt so groß ist als ihr eigner Ta-
geswert, ist ein besondres Glück für den Käufer, aber durchaus
kein Unrecht gegen den Verkäufer."
Der Arbeiter arbeitet also 12 Stunden, spinnt 20 Pfund Garn, das
20 sh. Baumwolle und 4 sh. Spindeln etc. repräsentiert, und seine
Arbeit kostet 3 sh., insgesamt 27 sh. Saugten 10 Pfund Baumwolle
6 Arbeitsstunden ein, so haben 20 Pfund Baumwolle 12 Arbeitsstun-
den eingesaugt, gleich 6 sh. - In den 20 Pfund Garn sind jetzt 5
Arbeitstage vergegenständlicht, 4 in der verzehrten Baumwoll- und
Spindelmasse, 1 von der Baumwolle eingesaugt während des Spinn-
prozesses. Der Goldausdruck von 5 Arbeitstagen ist aber 30 sh.
Dies also der Preis der 20 Pfund Garn. Das Pfund Garn kostet nach
wie vor 1 sh. 6 d. Aber die Wertsumme der in den Prozeß geworfe-
nen Waren betrug 27 sh. Der Wert des Produkts ist um 1/9 gewach-
sen über den zu seiner Produktion vorgeschoßnen Wert. So haben
sich 27 sh. in 30 sh. verwandelt. Sie haben einen Mehrwert von 3
sh. gesetzt. Das Kunststück ist endlich gelungen. Geld ist in Ka-
pital verwandelt.
Alle Bedingungen des Problems sind gelöst und die Gesetze des Wa-
renaustausches in keiner Weise verletzt. Äquivalent wurde gegen
Äquivalent ausgetauscht. Der Kapitalist zahlte als Käufer jede
Ware zu ihrem Wert, Baumwolle, Spindelmasse, Arbeitskraft. Er tat
dann, was jeder andre Käufer von Waren tut. Er konsumierte ihren
Gebrauchswert. Der Konsumtionsprozeß der Arbeitskraft, der
zugleich Produktionsprozeß der Ware, ergab ein Produkt von 20
Pfund Garn mit einem Wert von 30 sh. Der Kapitalist kehrt nun zum
Markt zurück und verkauft Ware, nachdem er Ware gekauft hat. Er
verkauft das Pfund Garn zu 1 sh. 6 d., keinen Deut über oder un-
ter seinem Wert. Und doch zieht er 3 sh. mehr aus der Zirkulation
heraus, als er ursprünglich in sie hineinwarf. Dieser ganze Ver-
lauf, die Verwandlung seines Geldes in Kapital, geht in der Zir-
kulationssphäre vor und geht n i c h t in ihr vor. Durch die
Vermittlung der Zirkulation, weil bedingt durch den Kauf der Ar-
beitskraft auf dem Warenmarkt. Nicht in der Zirkulation, denn sie
leitet nur den Verwertungsprozeß ein, der sich in der Produkti-
onssphäre zuträgt. Und so ist 'tout pour le mieux dans le meil-
leur des mondes possibles' [179]." 1*)
Von der Darlegung der Art und Weise der Produktion des Mehrwerts
geht Herr Marx über zu dessen Analyse. Aus dem Vorangegangenen
geht hervor, daß nur ein Teil des in einem produktiven Unterneh-
men angelegten
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 207-209
#300# Friedrich Engels
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Kapitals direkt zur Produktion von Mehrwert beiträgt, und das ist
das für den Ankauf von Arbeitskraft vorgeschossene Kapital. Nur
dieser Teil produziert n e u e n Wert; das in Maschinerie,
Rohmaterial, Kohle etc. angelegte Kapital erscheint zwar im Wert
des Produkts pro tanto 1*) wieder, es wird erhalten und reprodu-
ziert, doch es kann sich kein Mehrwert aus ihm bilden. Dies ver-
anlaßt Herrn Marx, eine neue Unterteilung des Kapitals vorzu-
schlagen: in k o n s t a n t e s Kapital, das nur reproduziert
wird - der in Maschinerie, Rohmaterial und allen anderen zum Ar-
beitsprozeß notwendigen Mitteln angelegte Teil; und in
v a r i a b l e s Kapital, das nicht bloß reproduziert wird,
sondern zugleich direkte Quelle von Mehrwert ist - der im Ankauf
von Arbeitskraft und in Löhnen angelegte Teil. Daraus wird klar,
daß das konstante Kapital nicht direkt zur Produktion von Mehr-
wert beiträgt, wie notwendig es auch dafür sein mag; und außerdem
hat die in einem Produktionszweig angelegte Masse konstanten Ka-
pitals nicht den geringsten Einfluß auf die in diesem Zweig pro-
duzierte Mehrwertmasse. *) Daher kann das konstante Kapital bei
der Bestimmung der R a t e des Mehrwerts nicht berücksichtigt
werden. Diese kann nur bestimmt werden durch den Vergleich der
Größe des Mehrwerts mit der Größe des Kapitals, das direkt zur
Bildung des Mehrwerts beiträgt, d.h. mit der Größe des
v a r i a b l e n Kapitals. Herr Marx bestimmt deshalb die Rate
des Mehrwerts als Verhältnis des Mehrwerts lediglich zum vari-
ablen Kapital: beträgt der tägliche Preis der Arbeit 3 sh. und
der täglich geschaffene Mehrwert ebenfalls 3 sh., so beträgt die
Rate des Mehrwerts 100 Prozent. Zu welchen Kuriosa es führen
kann, wenn man, wie das gewöhnlich getan wird, konstantes Kapital
als aktiven Faktor bei der Produktion von Mehrwert betrachtet,
kann man am Beispiel des Herrn N.W. Senior sehen, "als der wegen
seiner ökonomischen Wissenschaft und seines schönen Stils beru-
fene Professor von Oxford im Jahre 1836 nach Manchester zitiert
wurde, um hier politische Ökonomie zu lernen (von den Baumwoll-
spinnern), statt sie in Oxford zu lehren". 2*)
Die Arbeitszeit, während der der Arbeiter den Wert seiner Ar-
beitskraft reproduziert, nennt Herr Marx "notwendige Arbeit"; die
darüber hinaus gearbeitete Zeit, während der Mehrwert produziert
wird, nennt er "Mehrarbeit". Notwendige Arbeit und Mehrarbeit
bilden zusammen den "Arbeitstag"'.
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*) Wir müssen hier bemerken, daß M e h r w e r t keinesfalls
mit P r o f i t identisch ist.
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1*) als Ganzes - 2*) siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 237/238
#301# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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In einem Arbeitstag ist die notwendige Arbeitszeit gegeben; doch
die für die Mehrarbeit verwandte Zeit wird durch kein ökonomi-
sches Gesetz festgesetzt, sie kann innerhalb gewisser Schranken
länger oder kürzer sein. Sie kann nie gleich null sein, da dann
für den Kapitalisten der Anreiz wegfiele, Arbeit zu gebrauchen.
Gleichzeitig kann die Gesamtlänge des Arbeitstages aus physiolo-
gischen Gründen nie 24 Stunden erreichen. Zwischen einem Arbeits-
tag von sage 6 und einem von 24 Stunden gibt es jedoch viele Zwi-
schenstufen. Die Gesetze des Warenaustausches verlangen, daß der
Arbeitstag nicht länger sei, als mit dem normalen Verschleiß des
Arbeiters vereinbar ist. Doch was ist normaler Verschleiß? Wie-
viel Stunden täglicher Arbeit sind damit vereinbar? In diesem
Punkt gehen die Meinungen des Kapitalisten und des Arbeiters weit
auseinander, und da es keine höhere Autorität gibt, wird die
Frage durch G e w a l t entschieden. Die Geschichte der Normie-
rung des Arbeitstages ist die Geschichte eines Kampfes um dessen
Schranken - eines Kampfes zwischen dem Gesamtkapitalisten und dem
Gesamtarbeiter, zwischen der Klasse der Kapitalisten und der Ar-
beiterklasse.
"Das Kapital, wie bereits bemerkt, hat die Mehrarbeit nicht er-
funden. Überall, wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der
Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter, frei oder unfrei,
der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit überschüs-
sige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den Eigner der
Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer nun athe-
niensischer ????? ??????? 1*), etruskischer Theokrat, civis roma-
nus 2*), normannischer Baron, amerikanischer Sklavenhalter, wala-
chischer Bojar, moderner Landlord oder Kapitalist." 3*)
Indes ist klar, daß in jeder Gesellschaftsformation, in der der
Gebrauchswert des Produkts wichtiger als sein Tauschwert ist, die
Mehrarbeit durch einen engeren oder weiteren Kreis von gesell-
schaftlichen Bedürfnissen beschränkt ist; und daß unter diesen
Umständen nicht unbedingt der Wunsch nach Mehrarbeit um ihrer
selbst willen besteht. So stellen wir fest, daß im klassischen
Altertum Mehrarbeit in ihrer krassesten Form, das Zu-Tode-Arbei-
ten des Arbeiters, fast ausschließlich in Gold- und Silberberg-
werken existierte, wo der Tauschwert in seiner selbständigen
Form, als Geld produziert wurde.
"Sobald aber Völker, deren Produktion sich noch in den niedrigren
Formen der Sklavenarbeit, Fronarbeit usw. bewegt, hineingezogen
werden in einen durch die kapitalistische Produktionsweise be-
herrschten Weltmarkt,
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1*) Aristokrat - 2*) römischer Bürger - 3*) siehe Band 23 unserer
Ausgabe, S. 249/250
#302# Friedrich Engels
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der den Verkauf ihrer Produkte ins Ausland zum vorwiegenden In-
teresse entwickelt, wird den barbarischen Greueln der Sklaverei,
Leibeigenschaft usw. der zivilisierte Greuel der Überarbeit auf-
gepfropft. Daher bewahrte die Negerarbeit in den südlichen Staa-
ten der amerikanischen Union einen gemäßigt patriarchalischen
Charakter, solange die Produktion hauptsächlich auf den unmittel-
baren Selbstbedarf gerichtet war. In dem Grade aber wie der Baum-
wollexport zum Lebensinteresse jener Staaten, ward die Überarbei-
tung des Negers, hier und da die Konsumtion seines Lebens in sie-
ben Arbeitsjahren, Faktor eines berechneten und berechnenden Sy-
stems... Ähnlich mit der F r o n a r b e i t, z.B. in den Do-
naufürstentümern." 1*)
Hier wird der Vergleich mit der kapitalistischen Produktion be-
sonders interessant, weil die Mehrarbeit in der F r o n a r-
b e i t eine selbständige, sinnlich wahrnehmbare Form besitzt.
"Gesetzt der Arbeitstag zähle 6 Stunden notwendiger Arbeit und 6
Stunden Mehrarbeit. So liefert der freie Arbeiter dem Kapitali-
sten wöchentlich 36 Stunden Mehrarbeit. Es ist dasselbe, als ar-
beite er 3 Tage in der Woche für sich und 3 Tage in der Woche um-
sonst für den Kapitalisten. Aber dies ist nicht sichtbar. Mehrar-
beit und notwendige Arbeit verschwimmen ineinander. Ich kann da-
her dasselbe Verhältnis z.B. auch so ausdrücken, daß der Arbeiter
in jeder Minute 30 Sekunden für sich und 30 Sekunden für den Ka-
pitalisten arbeitet usw. Anders mit der F r o n a r b e i t.
Die notwendige Arbeit, die z. B. der walachische Bauer zu seiner
Selbsterhaltung verrichtet, ist räumlich getrennt von seiner
Mehrarbeit für den Bojaren. Die eine verrichtet er auf seinem
eignen Felde, die andre auf dem herrschaftlichen Gut. Beide Teile
der Arbeitszeit existieren daher selbständig nebeneinander. In
der Form der F r o n a r b e i t ist die Mehrarbeit genau abge-
schieden von der notwendigen Arbeit." 2*)
Wir müssen davon absehen, weitere interessante Beispiele der mo-
dernen Sozialgeschichte der Donaufürstentümer zu zitieren, durch
die Herr Marx beweist, daß die Bojaren, unterstützt durch die
russische Intervention, es ebensogut verstehen, Mehrarbeit auszu-
saugen, wie jeder kapitalistische Unternehmer. Doch was das Re-
glement organique [173], durch das der russische General Kisselew
den Bojaren fast unbeschränkte Macht über die Arbeit der Bauern
gab, positiv ausdrückt, drücken die englischen Fabrikgesetze ne-
gativ aus.
"Diese Gesetze zügeln den Drang des Kapitals nach maßloser Aus-
saugung
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 250 - 2*) vgl. ebenda, S.
251
#303# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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der Arbeitskraft durch gewaltsame Beschränkung des Arbeitstags
von Staats wegen, und zwar von seilen eines Staats, den Kapita-
list und Landlord beherrschen. Von einer täglich bedrohlicher an-
schwellenden Arbeiterbewegung abgesehn, war die Beschränkung der
Fabrikarbeit diktiert durch dieselbe Notwendigkeit, welche den
Guano auf die englischen Felder ausgoß. Dieselbe blinde Raubgier,
die in dem einen Fall die Erde erschöpft, hatte in dem andren die
Lebenskraft der Nation an der Wurzel ergriffen. Periodische Epi-
demien sprachen hier ebenso deutlich als das abnehmende Soldaten-
maß in Deutschland und Frankreich." 1*)
Um die Tendenz des Kapitals nach Verlängerung des Arbeitstages
über jedes vernünftige Maß hinaus zu beweisen, zitiert Herr Marx
ausführlich aus den Berichten der Fabrikinspektoren, der Kommis-
sion zur Untersuchung der Kinderarbeit, aus den Berichten über
öffentliche Gesundheit und anderen Parlamentsdokumenten und resü-
miert in folgenden Schlußfolgerungen:
"'Was ist ein Arbeitstag?' Wie groß ist die Zeit, wahrend deren
das Kapital die Arbeitskraft, deren Wert per diem es zahlt, kon-
sumieren darf? Wie weit kann der Arbeitstag verlängert werden
über die zur Reproduktion der Arbeitskraft selbst notwendige Ar-
beitszeit? Auf diese Fragen, man hat es gesehn, antwortet das Ka-
pital: Der Arbeitstag zählt täglich volle 24 Stunden nach Abzug
der wenigen Ruhestunden, ohne welche die Arbeitskraft ihren er-
neuerten Dienst absolut versagt. Es versteht sich zunächst von
selbst, daß der Arbeiter seinen ganzen Lebenstag durch nichts ist
außer Arbeitskraft, daß daher alle seine disponible Zeit von Na-
tur und Rechts wegen Arbeitszeit ist, also der Selbstverwertung
des Kapitals angehört... Aber in seinem maßlos blinden Trieb nach
Mehrarbeit überrennt das Kapital nicht nur die moralischen, son-
dern auch die rein physischen Maximalschranken des Arbeitstags...
Das Kapital fragt nicht nach der Lebensdauer der Arbeitskraft...
Die kapitalistische Produktion produziert die vorzeitige Erschöp-
fung und Abtötung der Arbeitskraft selbst. Sie verlängert die
Produktionszeit des Arbeiters während eines gegebenen Termins
durch Verkürzung seiner Lebenszeit." 2*)
Aber ist dies nicht selbst gegen das Interesse des Kapitals? Muß
das Kapital nicht im Laufe der Zeit die Kosten dieses unmäßigen
Verschleißes ersetzen? Das mag theoretisch der Fall sein. In der
Praxis hat der organisierte Sklavenhandel im Innern der Südstaa-
ten den Verschleiß der Arbeitskraft des Sklaven in sieben Jahren
zu einem anerkannten ökonomischen
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 253 - 2*) vgl. ebenda, S.
279-281
#304# Friedrich Engels
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Prinzip erhoben; in der Praxis verläßt sich der englische Kapita-
list auf die Zufuhr von Arbeitern aus den Landdistrikten.
"Was die Erfahrung dem Kapitalisten im allgemeinen zeigt, ist
eine beständige Übervölkerung, d.h. Übervölkerung im Verhältnis
zum augenblicklichen Verwertungsbedürfnis des Kapitals, obgleich
sie aus verkümmerten, schnell hinlebenden, sich rasch verdrängen-
den, sozusagen unreif gepflückten Menschengenerationen ihren
Strom bildet. Allerdings zeigt die Erfahrung dem verständigen Be-
obachter auf der andren Seite, wie rasch und tief die kapitali-
stische Produktion, die, geschichtlich gesprochen, kaum von ge-
stern datiert, die Volkskraft an der Lebenswurzel ergriffen hat,
wie die Degeneration der industriellen Bevölkrung nur durch be-
ständige Absorption naturwüchsiger Lebenselemente vom Lande ver-
langsamt wird, und wie selbst die ländlichen Arbeiter, trotz
freier Luft und des unter ihnen so allmächtig waltenden Prinzips
der natürlichen Auslese, das nur die kräftigsten Individuen auf-
kommen läßt, schon abzuleben beginnen. Das Kapital, das so 'gute
Gründe' hat, die Leiden der es umgebenden Arbeitergeneration zu
leugnen, wird in seiner praktischen Bewegung durch die Aussicht
auf zukünftige Verfaulung der Menschheit und schließlich doch un-
aufhaltsame Entvölkerung so wenig und so viel bestimmt als durch
den möglichen Fall der Erde in die Sonne. In jeder Aktienschwin-
delei weiß jeder, daß das Unwetter einmal einschlagen muß, aber
jeder hofft, daß es das Haupt seines Nächsten trifft, nachdem er
selbst den Goldregen aufgefangen und in Sicherheit gebracht hat.
Après moi le déluge! 1*) ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und
jeder Kapitalistennation. Das Kapital ist daher rücksichtslos ge-
gen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch
die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird. Im großen und gan-
zen hängt dies aber auch nicht vom guten oder bösen Willen des
einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die imma-
nenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Ka-
pitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend." 2*)
Die Festsetzung des normalen Arbeitstages ist das Resultat eines
vielhundertjährigen Kampfes zwischen Unternehmer und Arbeiter.
Und es ist interessant, die zwei entgegengesetzten Strömungen in
diesem Kampf zu beobachten. Anfangs haben die Gesetze zum Ziel,
die Arbeiter zu zwingen, länger zu arbeiten; vom ersten Arbeiter-
gesetz, im 23. Jahr der Regierung Edward III. (1349) erlassen,
bis zum 18.Jahrhundert gelang es den herrschenden Klassen nie-
mals, aus den Arbeitern das volle Quantum möglicher
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1*) Nach mir die Sündflut! - 2*) vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S.
284-286
#305# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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Arbeit herauszupressen. Doch mit der Einführung von Dampf- und
moderner Maschinerie wendete sich das Blatt. Die Einführung der
Frauen-und Kinderarbeit warf so schnell alle traditionellen
Schranken der Arbeitszeit um, daß das 19. Jahrhundert mit einem
System der Überarbeitung begann, das in der Weltgeschichte ohne
Beispiel dasteht und das bereits 1802 die Gesetzgebung zwang, Be-
schränkungen der Arbeitszeit festzulegen. Herr Marx gibt einen
umfassenden Bericht über die Geschichte der englischen Fabrikge-
setzgebung bis zum Fabrikgesetz von 1867 und gelangt zu diesen
Schlußfolgerungen:
1. Maschinerie und Dampf führen zu einer Überarbeitung zuerst in
den Industriezweigen, in denen sie angewandt werden, und gesetz-
liche Beschränkungen werden deshalb zuerst in diesen Zweigen ein-
geführt. In der Folgezeit stellen wir jedoch fest, daß dieses Sy-
stem der Überarbeitung sich auf fast alle Zweige ausgedehnt hat,
selbst auf jene, in denen keine Maschinerie angewandt wird oder
in denen die primitivsten Produktionsweisen fortbestehen
(s i e h e die Berichte der Kommission zur Untersuchung der Kin-
derarbeit).
2. Mit der Einführung der Frauen- und Kinderarbeit in den Fabri-
ken verliert der vereinzelte "freie" Arbeiter seine Widerstands-
kraft gegenüber den Übergriffen des Kapitals und muß sich bedin-
gungslos ergeben. Das zwingt ihn zum gemeinsamen Widerstand; der
Kampf Klasse gegen Klasse, Gesamtarbeiter gegen Gesamtkapitali-
sten beginnt.
Wenn wir jetzt zu dem Moment zurückkehren, wo wir annahmen, daß
unser "freier" und "gleicher" Arbeiter einen Kontrakt mit dem Ka-
pitalisten eingeht, stellen wir fest, daß sich im Produktionspro-
zeß vieles wesentlich geändert hat. Dieser Kontrakt ist seitens
des Arbeiters kein freier Kontrakt. Die tägliche Zeit, wofür es
ihm freisteht, seine Arbeitskraft zu verkaufen, ist die Zeit, wo-
für er gezwungen ist, sie zu verkaufen; und nur die Massenopposi-
tion der Arbeiter erzwingt die Einführung eines Staatsgesetzes,
um sie selbst zu verhindern, sich und ihre Kinder durch
"freiwilligen" Kontrakt in Tod und Sklaverei zu verkaufen. "An
die Stelle des prunkvollen Katalogs der 'unveräußerlichen Men-
schenrechte' tritt die bescheidne M a g n a C h a r t a [174]
eines gesetzlich beschränkten Arbeitstags." 1*)
Als nächstes haben wir die R a t e des Mehrwerts und ihr Ver-
hältnis zur M a s s e des produzierten Mehrwerts zu analysie-
ren. Wie bisher, unterstellen wir in dieser Untersuchung, daß der
Wert der Arbeitskraft eine gegebene, konstante Größe ist.
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 320
#306# Friedrich Engels
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Unter dieser Voraussetzung bestimmt die Rate zugleich die Masse
des Mehrwerts, die der einzelne Arbeiter in einer bestimmten Zeit
dem Kapitalisten liefert. Beträgt der Tageswert unserer Arbeits-
kraft 3 sh., die 6 Arbeitsstunden verkörpern, und die Rate des
Mehrwerts 100 Prozent, so produziert das variable Kapital von 3
sh. täglich einen Mehrwert von 3 sh., oder der Arbeiter liefert
täglich 6 Stunden Mehrarbeit.
Da das variable Kapital der Geldausdruck des Werts aller gleich-
zeitig von einem Kapitalisten verwandten Arbeitskräfte ist, so
erhält man die Masse des durch die Arbeitskräfte produzierten
Mehrwerts, indem man das variable Kapital mit der Rate des Mehr-
werts multipliziert; mit anderen Worten, sie wird bestimmt durch
das Verhältnis zwischen der Anzahl der gleichzeitig beschäftigten
Arbeitskräfte und dem Exploitationsgrad. Beide Faktoren können
sich verändern, so daß die Abnahme des einen durch Zunahme des
anderen ersetzt werden kann. Ein variables Kapital, das zur Ver-
wendung von 100 Arbeitern bei einer Rate des Mehrwerts von 50
Prozent (sage 3 Stunden täglicher Mehrarbeit) erforderlich ist,
wird keinen höheren Mehrwert produzieren als die Hälfte dieses
variablen Kapitals, das 50 Arbeiter bei einer Rate des Mehrwerts
von 100 Prozent (sage 6 Stunden täglicher Mehrarbeit) verwendet.
So kann unter gewissen Umständen und innerhalb gewisser Grenzen
die dem Kapital zur Verfügung stehende Zufuhr der Arbeit unabhän-
gig von der jeweiligen Arbeiterzufuhr werden.
Diese Steigerung des Mehrwerts durch Steigerung seiner Rate hat
jedoch ihre absoluten Schranken. Welches immer der Wert der Ar-
beitskraft sein mag, ob er nun zwei oder zehn Stunden notwendiger
Arbeitszeit verkörpern werde, der Gesamtwert, den ein Arbeiter
Tag für Tag produziert, kann nie den Wert erreichen, worin sich
24 Arbeitsstunden vergegenständlichen. Um eine gleiche Masse von
Mehrwert zu erhalten, kann das variable Kapital nur innerhalb
dieser Grenzen durch Verlängerung des Arbeitstages ersetzt wer-
den. Dies wird später wichtig sein, um verschiedene Erscheinungen
zu erklären, die aus den zwei widersprechenden Tendenzen des Ka-
pitals entstehen: 1. die beschäftigte Arbeiteranzahl zu reduzie-
ren, i.e. die Größe des variablen Kapitals, und 2. doch die
größtmögliche Masse Mehrarbeit zu produzieren.
Ferner: "Die von verschiednen Kapitalen produzierten Massen von
Wert und Mehrwert verhalten sich bei gegebnem Wert und gleich
großem Exploitationsgrad der Arbeitskraft direkt wie die Größen
der variablen Bestandteile dieser Kapitale. Dies Gesetz wider-
spricht offenbar aller auf den A u g e n s c h e i n gegrün-
deten Erfahrung. Jedermann weiß, daß ein Baumwollspinner, der
relativ viel konstantes und wenig variables Kapital anwendet,
#307# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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deswegen keinen kleinren Gewinn oder Mehrwert erbeutet als ein
Bäcker, der relativ viel variables und wenig konstantes Kapital
in Bewegung setzt. Zur Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs be-
darf es noch vieler Mittelglieder, wie es vom Standpunkt der ele-
mentaren Algebra vieler Mittelglieder bedarf, um zu verstehn, daß
0/0 eine wirkliche Größe darstellen kann," 1*)
Für ein gegebenes Land und eine gegebene Länge des Arbeitstages
kann der Mehrwert nur vermehrt werden durch Vermehrung der Arbei-
teranzahl, i.e. der Bevölkerung; diese Vermehrung bildet die ma-
thematische Grenze für die Produktion des Mehrwerts durch das Ge-
samtkapital dieses Landes. Wenn andererseits die Arbeiteranzahl
gegeben ist, wird diese Grenze gebildet durch die mögliche Ver-
längerung des Arbeitstages. Später wird man sehen, daß dieses Ge-
setz nur für die bisher analysierte Form des Mehrwerts gilt.
In diesem Stadium unserer Untersuchung stellen wir fest, daß
nicht jede Geldsumme in Kapital verwandelt werden kann; daß dafür
ein bestimmtes Minimum existiert; die Kosten einer einzigen Ar-
beitskraft und der Arbeitsmittel, die notwendig sind, um sie in
Bewegung zu setzen. Angenommen, die Rate des Mehrwerts betrage 50
Prozent, dann müßte unser werdender Kapitalist zwei Arbeiter be-
schäftigen, um selbst wie ein Arbeiter leben zu können. Dabei
könnte er Jedoch nichts sparen, aber Zweck der kapitalistischen
Produktion ist nicht nur Erhaltung, sondern auch und in erster
Linie Vermehrung des Reichtums.
"Damit er nur doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter
und die Hälfte des produzierten Mehrwerts in Kapital zurückver-
wandle, müßte er zugleich mit der Arbeiterzahl das Minimum des
vorgeschoßnen Kapitals um das Achtfache steigern. Allerdings kann
er selbst, gleich seinem Arbeiter, unmittelbar Hand im Produkti-
onsprozesse anlegen, aber ist dann auch nur ein Mittelding zwi-
schen Kapitalist und Arbeiter, ein 'kleiner Meister'. Ein gewis-
ser Höhegrad der kapitalistischen Produktion bedingt, daß der Ka-
pitalist die ganze Zeit, während deren er als Kapitalist, d.h.
als personifiziertes Kapital funktioniert, zur Aneignung und da-
her Kontrolle fremder Arbeit und zum Verkauf der Produkte dieser
Arbeit verwenden könne. Die Verwandlung des Handwerksmeisters in
den Kapitalisten suchte das Zunftwesen des Mittelalters dadurch
gewaltsam zu verhindern, daß es die Arbeiteranzahl, die ein ein-
zelner Meister beschäftigen durfte, auf ein sehr geringes Maximum
beschränkte. Der Geld- oder
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1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 325
#308# Friedrich Engels
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Warenbesitzer verwandelt sich erst wirklich in einen Kapitali-
sten, wo die für die Produktion vorgeschoßne Minimalsumme weit
über dem mittel-altrigen Maximum steht. Hier, wie in der Natur-
wissenschaft, bewährt sich die Richtigkeit des von Hegel in sei-
ner 'Logik' entdeckten Gesetzes, daß bloß quantitative Verändrun-
gen auf einem gewissen Punkt in qualitative Unterschiede umschla-
gen." 1*)
Das Minimum der Wertsumme, das erforderlich ist, um einen Geld-
oder Warenbesitzer in einen Kapitalisten zu verwandeln, wechselt
auf verschiedenen Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produk-
tion und bei einer gegebenen Entwicklungsstufe für verschiedene
Geschäftszweige.
Während des oben ausführlich behandelten Produktionsprozesses hat
sich das Verhältnis zwischen Kapitalist und Arbeiter wesentlich
verändert. In erster Linie hat sich das Kapital zum Kommando über
die Arbeit, i.e. über den Arbeiter selbst entwickelt. Das perso-
nifizierte Kapital, der Kapitalist, paßt auf, daß der Arbeiter
seine Arbeit regelmäßig, sorgfältig und mit dem gehörigen Grad
von Intensität verrichte.
"Das Kapital entwickelte sich ferner zu einem Zwangsverhältnis,
welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten, als
der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürfnisse vorschrieb. Und
als Produzent fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit
und Exploiteur von Arbeitskraft übergipfelt es an Energie, Maßlo-
sigkeit und Wirksamkeit alle frühern auf direkter Zwangsarbeit
beruhenden Produktionssysteme.
Das Kapital ordnet sich zunächst die Arbeit unter mit den techni-
schen Bedingungen, worin es sie historisch vorfindet. Es verän-
dert daher nicht unmittelbar die Produktionsweise. Die Produktion
von Mehrwert in der bisher betrachteten Form, durch einfache Ver-
längrung des Arbeitstags, erschien daher von jedem Wechsel der
Produktionsweise selbst unabhängig. Sie war in der altmodischen
Bäckerei nicht minder wirksam als in der modernen Baumwollspinne-
rei.
Betrachten wir den Produktionsprozeß unter dem Gesichtspunkt des
Arbeitsprozesses, so verhielt sich der Arbeiter zu den Produkti-
onsmitteln nicht als Kapital, sondern als bloßem Mittel und Mate-
rial seiner zweckmäßigen produktiven Tätigkeit. In einer Gerberei
z.B. behandelt er die Felle als seinen bloßen Arbeitsgegenstand.
Es ist nicht der Kapitalist, dem er das Fell gerbt. Anders, so-
bald wir den Produktionsprozeß unter dem Gesichtspunkt des Ver-
wertungsprozesses betrachteten. Die Produktionsmittel verwandel-
ten sich sofort in Mittel zur Einsaugung fremder Arbeit.
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 326/327
#309# Rezension des "Kapitals" für die "Fortnightly Review"
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Es ist nicht mehr der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwen-
det, sondern es sind die Produktionsmittel, die den Arbeiter an-
wenden. Statt v o n i h m als stoffliche Elemente seiner pro-
duktiven Tätigkeit verzehrt zu werden, v e r z e h r e n s i e
i h n als Ferment ihres eignen Lebensprozesses, und der Lebens-
prozeß des Kapitals besteht nur in seiner Bewegung als sich
selbst verwertender Wert. Schmelzöfen und Arbeitsgebäude, die des
Nachts ruhn und keine lebendige Arbeit einsaugen, sind 'reiner
Verlust' für den Kapitalisten. Darum konstituieren Schmelzöfen
und Arbeitsgebäude einen 'Anspruch auf die Nachtarbeit' der Ar-
beitskräfte." (Siehe "Berichte der Kommission zur Untersuchung
der Kinderarbeit." 4. Bericht, 1865, Seite 79 bis 85.) "Die bloße
Verwandlung des Geldes in Produktionsmittel verwandelt letztre in
Rechtstitel und Zwangstitel auf fremde Arbeit und Mehrarbeit."
1*) Es gibt jedoch noch eine andere Form des Mehrwerts. Wenn die
äußerste Grenze des Arbeitstages erreicht ist, bleibt dem Kapita-
listen noch ein anderes Mittel zur Erhöhung der Mehrarbeit: durch
Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, durch daraus folgende
Senkung des Werts der Arbeitskraft und Verkürzung der notwendigen
Arbeitszeit. Diese Form des Mehrwerts wird in einem zweiten Arti-
kel untersucht werden.
Geschrieben zwischen dem 22. Mai und 1. Juli 1868.
Nach der Handschrift.
Aus dem Englischen.
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1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 328/329
zurück