Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Karl Marx
Vierter jährlicher Bericht des Generalrats der Internationalen
Arbeiterassoziation [191]
Das Jahr 1867/1868 macht Epoche in der Internationalen Arbei-
terassoziation. Nach einer Periode ruhigen Fortschritts schwoll
ihr Wirkungskreis mächtig genug, um bittre Denunziation von Sei-
ten der herrschenden Klassen und Regierungsverfolgungen 1*) her-
vorzurufen. Sie trat in das Stadium des Kampfes.
Die französische Regierung ging natürlich voran in der Reaktion
gegen die Arbeiterklasse. Schon im vorigen Jahre hatten wir ein-
zelne feindliche Manöver derselben zu denunzieren - Unterschla-
gung von Briefen, Konfiskation unsrer Statuten, Abfangung der Do-
kumente des Genfer Kongresses an der französischen Grenze 2*).
Letztere, lange vergeblich zu Paris herausverlangt, wurden uns
endlich nur zurückerstattet unter dem offiziellen Druck von Lord
Stanley, dem englischen Minister des Auswärtigen.
In diesem Jahr jedoch hat das Kaisertum die Maske ganz weggewor-
fen. Es hat offen die Internationale Arbeiterassoziation durch
seine Polizei 3*) und seine Gerichte zu vernichten gesucht. Die
Dezemberdynastie schuldet ihre Existenz dem Klassenkampf, dessen
großartigste Erscheinung die Juni-Insurrektion von 1848 war. Sie
spielte daher notwendig abwechselnd die Rollen des Retters der
Bourgeoisie und des patriarchalischen Gönners des Proletariats.
Sobald die wachsende Macht der Internationalen Arbeiterassozia-
tion in den Strikes von Amiens, Roubaix, Paris, Genf usw. [192]
deutlich hervortrat, war der selbsternannte Arbeiterpatron auf
die Alternative beschränkt, sich unsrer Gesellschaft zu bemächti-
gen oder sie zu unterdrücken. Im Anfang verlangte man nicht viel.
Ein Manifest, welches die Pariser Abgeordneten auf dem Kongreß zu
Genf (1866) verlesen und im
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1*) In der "Times": und feindselige Schritte der Regierungen -
2*) siehe vorl. Band, S. 532 - 3*) in der "Times": durch polizei-
liche Überfälle
#319# Vierter jährlicher Bericht des Generalrats der I.A.A.
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folgenden Jahre zu Brüssel veröffentlicht hatten [193], war an
der französischen Grenze konfisziert worden. Auf Anfrage unsres
Pariser Komitees über die Gründe dieses Gewaltschritts lud der
Minister Rouher ein Komiteemitglied zu persönlicher Besprechung
ein. Während der darauffolgenden Zusammenkunft verlangte er
zunächst Milderung und Änderung einiger Stellen des Manifests.
Auf die abschlägige Antwort erwiderte er:
"Dennoch könnte man sich verständigen, wenn Sie nur einige Worte
des Danks an den Kaiser einfließen ließen, der so sehr viel für
die Arbeiterklasse getan hat." [194]
Dieser zarte Wink Rouhers, des Unterkaisers, fand nicht das er-
wartete Verständnis. Von diesem Augenblick lauerte das Dezember-
regime auf irgendeinen Vorwand zur gewaltsamen Beseitigung der
Assoziation. Sein Ärger wuchs infolge der antichauvinistischen
Agitation unsrer französischen Mitglieder nach dem Preußisch-
Östreichischen Krieg. Kurz darauf, als der fenische panic seinen
Höhepunkt in England erreicht, richtete der Generalrat der I.A.A.
eine Petition an die britische Regierung, worin die bevorstehende
Hinrichtung der drei Manchester Märtyrer als gerichtlicher Mord
bezeichnet war 1*). Gleichzeitig hielten wir öffentliche Meetings
in London zur Verteidigung der Rechte Irlands. Stets ängstlich um
Englands Gunst buhlend, hielt die französische Regierung jetzt
die Umstände reif zu einem Schlag gegen die I.A.A. auf beiden
Seiten des Kanals. Während der Nacht brach ihre Polizei in die
Wohnungen unsrer Pariser Komiteemitglieder ein, durchstöberte
ihre Privatbriefe und verkündete geräuschvoll in der englischen
Presse, man habe das Zentrum der fenischen Verschwörung endlich
entdeckt. Eins ihrer Hauptorgane sei die I.A.A. [195] Viel Lärm
um Nichts! Die gerichtliche Untersuchung fand trotz besten Wil-
lens nicht den Schatten eines Corpus delicti. 2*) Nachdem der
Versuch, die I.A.A. in eine geheime Verschwörungsgesellschaft zu
verwandeln, so schmählich gescheitert war, griff man zur nächsten
besten Ausflucht. Man verfolgte das Pariser Komitee als eine un-
autorisierte Gesellschaft von mehr als 20 Mitgliedern. [196] Die
französischen Richter, eingedrillt in die kaiserliche Disziplin,
erklärten natürlich ohne weiteres die Gesellschaft für aufgelöst
und verurteilten die Komiteemitglieder zu Geldstrafe und
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1*) In der "Times" lautet der letzte Teil des Satzes: "worin die
Milderung des Urteils über die drei Manchester Märtyrer gefordert
und ihre Verurteilung zum Tode durch den Strang als politischer
Racheakt bezeichnet war" (den Text der Petition siehe vorl. Band,
S. 219). - 2*) in der "Times" an Stelle dieses Satzes: "All ihre
mühseligen Untersuchungen führten jedoch zu nichts. Der öffentli-
che Ankläger selbst ließ seine Anklage voller Abscheu fallen."
#320# Karl Marx
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Gefängnis 1*). Jedoch beging das Gericht die Naivetät, in den Er-
wägungsgründen seines Urteilsspruchs zweierlei zu proklamieren,
einerseits die wachsende Macht der I.A.A., andrerseits die Unver-
träglichkeit des Dezemberreichs mit der Existenz einer Arbeiter-
gesellschaft, welche Wahrheit, Recht und Moral ernsthaft als lei-
tende Prinzipien behandeln. Die Folgen dieser Vorgänge machten
sich bald fühlbar in den Departements, wo kleinliche Präfektur-
hetzereien den Pariser Verurteilungen auf dem Fuß nachfolgten.
Statt jedoch vor diesen Regierungschikanen zu fallen, saugte die
I.A.A. nur neue Lebenskraft daraus. Nichts hat ihren Einfluß in
Frankreich mehr gefördert, als daß sie das Dezemberregime endlich
zum offenen Bruch mit der Arbeiterklasse zwang.
In Belgien rühmt sich unsere Gesellschaft großer Fortschritte.
Die Minenbesitzer im Becken von Charleroi trieben ihre Kohlenar-
beiter durch unausgesetzte Plackereien zur Erneute, um hinterher
die bewaffnete Gewalt auf die unbewaffnete Menge loszulassen. In
Mitte dieser hervorgerufenen Panik nahm der belgische Zweig der
I.A.A. die Sache der Kohlenarbeiter in die Hand, enthüllte durch
die Presse und auf öffentlichen Meetings ihre elende ökonomische
Lage, unterstützte die Familien der Gefallenen und Verwundeten
und verschaffte gerichtlichen Beistand für die Gefangenen. Sie
alle wurden schließlich durch die Jury freigesprochen. [197] Seit
den Ereignissen in Charleroi war unser Erfolg in Belgien gesi-
chert. Unterdes denunzierte der Justizminister Jules Bara in der
belgischen Deputiertenkammer die I.A. A. und machte ihre Existenz
zum Hauptvorwand für die Erneuerung des Fremdengesetzes. Er
drohte sogar mit Verbot des Brüßler Kongresses. Die belgische Re-
gierung sollte endlich einsehn, daß kleine Staaten nur noch den
einen Existenzgrund in Europa haben, die Asyle der Freiheit zu
sein.
In Italien ward die Assoziation gelähmt durch die Reaktion im Ge-
folge der Metzelei von Mentana [198]. Eine der nächsten Folgen
waren polizeiliche Beschränkungen des Vereins- und Versammlungs-
rechts. Dennoch beweist unsre ausgedehnte Korrespondenz, daß die
italienische Arbeiterklasse sich mehr und mehr eine von allen al-
ten Parteien unabhängige Individualität erringt.
In Preußen kann die I.A. A. nicht gesetzlich bestehn, weil ein
Gesetz [199] jeden Zusammenhang preußischer Arbeitervereine mit
auswärtigen Gesellschaften
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1*) In der "Times" lautet dieser Satz: "Die französischen Rich-
ter, eingedrillt in die kaiserliche Disziplin, beeilten sich na-
türlich, die Auflösung der Gesellschaft und die Verhaftung ihres
Pariser Komitees anzuordnen."
#321# Vierter jährlicher Bericht des Generalrats der I.A.A.
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untersagt. Zudem wiederholt die preußische] Regierung auf klein-
lichem Maßstab die bonapartistische Politik, z.B. in ihren Quen-
geleien mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Stets auf
dem Sprung, sich in die Haare zu fallen, sind die Militärregie-
rungen stets einig, wenn es einen Kreuzzug gegen ihren gemein-
schaftlichen Feind, die Arbeiterklasse, gilt.
Trotz allem gesetzlichen Hindernis jedoch haben sich seit langem
kleine, über ganz Deutschland zerstreute Zweige um unser Komitee
zu Genf gruppiert. [200]
Auf seinem letzten Kongreß zu Hamburg beschloß der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein, der besonders in Norddeutschland
verbreitet ist, im Einklang mit der I.A.A. zu handeln [201], wenn
auch gesetzlich außerstande, sich ihr offiziell anzuschließen.
Der bevorstehende Nürnberger Kongreß, Repräsentant von ungefähr
100 Arbeitervereinen, die namentlich Mittel- und Süddeutschland
angehören, hat den direkten Anschluß an die I.A.A. auf seine
Tagesordnung gesetzt. Auf den Wunsch seines leitenden Komitees
haben wir einen Delegierten nach Nürnberg geschickt. [202]
In Östreich gewinnt die Arbeiterbewegung einen mehr und mehr aus-
geprägten 1*) Charakter. Für Anfang September wurde von Wien aus
ein Kongreß anberaumt zur Verbrüderung der Arbeiter der verschie-
denen Völkerschaften des Kaiserreichs. Man veröffentlichte
zugleich ein Einladungsschreiben an Engländer und Franzosen,
worin die Prinzipien der I.A.A. proklamiert sind. Euer Generalrat
hatte bereits einen Delegierten für Wien ernannt [203], als das
gegenwärtige l i b e r a l e östreichische Kabinett, auf dem
Punkt, der Feudalreaktion zu erliegen, so hellsichtig war, auch
um die Feindschaft der Arbeiter durch das Verbot ihres Kongresses
zu werben.
In den Kämpfen der Bauarbeiter zu Genf handelte es sich gewisser-
maßen um die Existenz der I.A.A. in der Schweiz. Die Bauherrn
machten nämlich den Austritt der Arbeiter aus der I.A.A. zur vor-
läufigen Bedingung jeden Kompromisses. Die Arbeiter wiesen diese
Anmaßung entschieden zurück. Dank der Hülfe, die ihnen in der
Schweiz selbst ward, als auch vermittelst der I.A.A. von
Frankreich, England, Deutschland und Belgien, haben sie schließ-
lich eine Verkürzung des Arbeitstags 2*) und eine Erhöhung des
Arbeitslohns 3*) erobert. Bereits tief gewurzelt im Schweizerbo-
den, griff die I.A.A. nun rasch um sich. Unter anderem beschlos-
sen 50 deutsche
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1*) In der "Times": revolutionären - 2*) in der "Times" einge-
fügt: um eine Stunde -3*) in der "Times" eingefügt: um 10 Prozent
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Arbeiterbildungsvereine, vielleicht die ältesten in Europa, vori-
gen Herbst auf ihrem Kongreß zu Neuenburg einstimmig den Anschluß
an die I.A.A. [204]
In England hat die politische Bewegung 1*), die Auflösung der al-
ten Parteien und die Vorbereitung für den kommenden Wahlkampf
viele unsrer besten Kräfte in Anspruch genommen und unsre Propa-
ganda daher verlangsamt. Nichtsdestoweniger eröffneten wir eine
lebhafte Korrespondenz mit den provinzialen Trades Unions. Ein
Teil derselben hat bereits seinen Zutritt erklärt. Unter den neu-
gewonnenen Verzweigungen in London behaupten die Trades Unions
der Lederarbeiter und City-Schuhmacher, der Zahl ihrer Mitglieder
nach, den ersten Rang.
Euer Generalrat unterhielt eine beständige Verbindung mit der Na-
tionalen Arbeiterunion der Vereinigten Staaten. Auf ihrem letzten
Kongreß August 1867 hatte die amerikanische Union die Absendung
eines Vertreters zum diesjährigen Brüßler Kongreß votiert, ver-
säumte aus Zeitmangel jedoch, die nötigen Maßregeln zur Ausfüh-
rung des Beschlusses zu treffen. [205]
Die latente Macht der nordamerikanischen Arbeiterklasse leuchtet
hervor aus der gesetzlichen Einführung eines 8stündigen Arbeits-
tags in den öffentlichen Werkstätten der Föderalregierung und aus
der Erlassung eines allgemeinen 8-Stunden-Gesetzes in 8 bis 9
Einzelstaaten der Föderation. Dennoch untergeht die amerikanische
Arbeiterklasse augenblicklich, in New York z.B., einen verzwei-
felten Kampf gegen das rebellische Kapital, welches die Ausfüh-
rung des 8-Stunden-Gesetzes mit allen großen ihm/zu Gebot stehen-
den Mitteln zu vereiteln sucht. Diese Tatsache beweist, daß
selbst unter den günstigsten politischen Verhältnissen jeder
ernsthafte Erfolg der Arbeiterklasse von der Reife der Organisa-
tion abhängt, welche ihre Kräfte schult und konzentriert.
Und selbst ihre nationale Organisation scheitert leicht an dem
Mangel ihrer Organisation jenseits der Landesgrenzen, da alle
Länder auf dem Weltmarkt konkurrieren und einander daher wechsel-
seitig beeinflussen. Nur ein internationales Band der Arbeiter-
klasse kann ihren definitiven Sieg sichern. Es war dies Bedürf-
nis, welches die Internationale Arbeiterassoziation schuf. Sie
ist nicht die Treibhauspflanze einer Sekte oder einer Theorie.
Sie ist ein naturwüchsiges Gebild der proletarischen Bewegung,
die ihrerseits aus den normalen und unwiderstehlichen Tendenzen
der modernen Gesellschaft entspringt. Tief durchdrungen von der
Größe ihres Berufs,
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1*) In der "Times": die unsichere politische Lage
#323# Vierter jährlicher Bericht des Generalrats der I.A.A.
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läßt sich die I.A.A. weder einschüchtern noch mißleiten. Ihr Ge-
schick ist von nun an unzertrennbar verschlungen mit dem ge-
schichtlichen Fortschritt der Klasse, die in ihrem Schoß die Wie-
dergeburt der Menschheit birgt.
Für den Generalrat:
Robert Shaw, Vorsitzender
J. George Eccarius, Generalsekretär
London, 1. September 1868
Nach der handschriftlichen Kopie von Jenny Marx.
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