Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
Zur Auflösung des Lassalleanischen Arbeitervereins [208]
["Demokratisches Wochenblatt" Nr. 40 vom 3. Oktober 1868]
"Die Regierung w e i ß, und die Bourgeoisie weiß auch, daß die
ganze jetzige deutsche Arbeiterbewegung nur g e d u l d e t
ist, nur so lange lebt, wie es der Regierung b e l i e b t. So-
lange der Regierung damit gedient ist, daß diese Bewegung be-
steht, daß der bürgerlichen Opposition neue, unabhängige Gegner
erwachsen, solange wird sie diese Bewegung dulden. Von dem Augen-
blick an, wo diese Bewegung die Arbeiter zu einer selbständigen
Macht entwickelt, wo sie dadurch der Regierung gefährlich wird,
hört die Sache sofort auf. Die Art und Weise, wie den Fort-
schrittlern die Agitation in Presse, Vereinen und Versammlungen
gelegt worden ist, möge den Arbeitern zur Warnung dienen. Diesel-
ben Gesetze, Verordnungen und Maßregeln, welche da in Anwendung
gebracht worden sind, können jeden Tag gegen s i e angewendet
werden und ihrer Agitation den Garaus machen; s i e w e r d e n
e s, s o b a l d d i e s e A g i t a t i o n g e f ä h r-
l i c h w i r d. Es ist von der höchsten Wichtigkeit, daß die
Arbeiter in diesem Punkte klarsehen, daß sie nicht derselben
Täuschung verfallen wie die Bourgeoisie unter der Neuen Ära, wo
sie ebenfalls nur g e d u l d e t war, aber bereits im Sattel
zu sein glaubte. Und wenn jemand sich einbilden sollte, die
jetzige Regierung würde die Presse, das Vereins- und Versamm-
lungsrecht von den jetzigen Fesseln befreien, so gehört er eben
zu den Leuten, mit denen nicht mehr zu sprechen ist. Und ohne
Preßfreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht ist keine Arbeiter-
bewegung möglich."
Diese Worte stehen auf S. 50 und 51 einer Broschüre: "Die preußi-
sche Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei", von Friedrich
Engels, Hamburg 1865.1 Damals wurde der Versuch gemacht, den All-
gemeinen Deutschen
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1*) Siehe vorl. Band, S. 74/75
#327# Zur Auflösung des Lassalleanischen Arbeitervereins
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Arbeiterverein - seinerzeit die einzige organisierte Vereinigung
sozialdemokratischer Arbeiter in Deutschland - unter die Fittiche
des Ministeriums Bismarck zu bringen, indem man den Arbeitern
Aussicht machte, die Regierung werde das allgemeine Stimmrecht
bewilligen. Das "allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht" war ja
von Lassalle als das einzige und unfehlbare Mittel zur Eroberung
der politischen Macht durch die Arbeiterklasse gepredigt worden;
was Wunder, daß da auf so untergeordnete Dinge wie Preßfreiheit,
Vereins- und Versammlungsrecht, für die ja auch die Bourgeoisie
einstand oder wenigstens einzustehen behauptete, herabgesehen
wurde? Wenn sich die Bourgeoisie dafür interessierte, war das
nicht gerade ein Grund für die Arbeiter, sich von der Agitation
für solche Dinge fernzuhalten? Gegen diese Auffassung wandte sich
das genannte Schriftchen. Die Leiter des Allgem. Deutschen Arbei-
tervereins wußten das besser, und der Verfasser hatte nur die Sa-
tisfaktion, daß die Lassalleaner seiner Vaterstadt Barmen ihn und
seine Freunde in Acht und Bann erklärten.
Und wie stehen die Sachen heute? Das "allgemeine, direkte, glei-
che Wahlrecht" existiert seit zwei Jahren. Zwei Reichstage sind
bereits durchgewählt. Die Arbeiter, statt am Staatsruder zu sit-
zen und "Staatshilfe" nach Lassalles Vorschrift zu dekretieren,
bringen mit Ach und Krach ein halbes Dutzend Abgeordnete in den
Reichstag. Bismarck ist Bundeskanzler, und der Allgem. Deutsche
Arbeiterverein ist aufgelöst.
Warum aber das allgemeine Wahlrecht den Arbeitern nicht das ver-
sprochene Tausendjährige Reich gebracht hat, darüber konnten sie
sich auch bereits bei Engels Rats erholen. Es heißt in obiger
Broschüre, S. 48:
"Und was selbst das allgemeine, direkte Wahlrecht angeht, so
braucht man nur nach Frankreich zu gehen, um sich zu überzeugen,
welche zahme Wahlen man damit zustande bringen kann, sobald man
eine zahlreiche stupide Landbevölkerung, eine wohlorganisierte
Bürokratie, eine gut gemaßregelte Presse, durch Polizei hinrei-
chend niedergehaltene Vereine und gar keine politischen Versamm-
lungen hat. Wieviel Vertreter der Arbeiter bringt denn das allge-
meine Stimmrecht in die französische Kammer? Und doch hat das
französische Proletariat vor dem deutschen eine viel größere Kon-
zentration und eine längere Erfahrung im Kampf und in der Organi-
sation voraus.
Dies bringt uns noch auf einen ändern Punkt. In Deutschland ist
die Landbevölkerung doppelt so stark wie die Städtebevölkerung,
d.h. es leben 2/3 vom Ackerbau, 1/3 von der Industrie. Und da der
große Grundbesitz in Deutschland die Regel, der kleine Parzellen-
bauer die Ausnahme ist, so heißt das mit andern Worten: wenn 1/3
der Arbeiter unter dem Kommando
#328# Friedrich Engels
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der Kapitalisten steht, s o s t e h e n 2 / 3 u n t e r
d e m K o m m a n d o d e r F e u d a l h e r r e n. Die
Leute, welche in einem fort über die Kapitalisten herhacken, aber
gegen die Feudalen kein Wörtchen des Zorns haben, mögen sich das
zu Gemüte führen. Die Feudalen beuten in Deutschland doppelt so-
viel Arbeiter aus wie die Bourgeois. Das ist aber noch lange
nicht alles. Die patriarchalische Wirtschaft auf den alten Feu-
dalgütern bringt eine angestammte Abhängigkeit des ländlichen
Taglöhners oder Häuslers von seinem 'gnädigen Herrn' zuwege, die
dem Ackerbauproletarier den Eintritt in die Bewegung der städti-
schen Arbeiter sehr erschwert. Die Pfaffen, die systematische
Verdummung auf dem Lande, der schlechte Schulunterricht, die Ab-
geschlossenheit der Leute von aller Welt tun den Rest. Das Acker-
bauproletariat ist derjenige Teil der Arbeiterklasse, dem seine
eignen Interessen, seine eigne gesellschaftliche Stellung am
schwersten und am letzten klarwerden, mit ändern Worten, derje-
nige Teil, der am längsten ein bewußtloses Werkzeug in der Hand
der ihn ausbeutenden, bevorzugten Klasse bleibt. Und welche
Klasse ist dies? In Deutschland n i c h t d i e B o u r g e-
o i s i e, s o n d e r n d e r F e u d a l a d e l. Nun hat
selbst in Frankreich, wo doch fast nur freie grundbesitzende
Bauern existieren, wo der Feudaladel aller politischen Macht
längst beraubt ist, das allgemeine Stimrnrecht die Arbeiter nicht
in die Kammer gebracht, sondern sie fast ganz davon ausgeschlos-
sen. Was würde das Resultat des allgemeinen Stimmrechts in
Deutschland sein, wo der Feudaladel noch eine wirkliche soziale
und politische Macht ist und wo z w e i ländliche Tagelöhner
auf einen industriellen Arbeiter kommen? Die Bekämpfung der
feudalen und bürokratischen Reaktion - denn beide sind bei uns
jetzt unzertrennbar - ist in Deutschland gleichbedeutend mit dem
Kampf für geistige und politische Emanzipation des Landprole-
tariats - und solange das Landproletariat nicht in die Bewegung
mit hineingerissen wird, solange kann und wird das städtische
Proletariat in Deutschland nicht das geringste ausrichten, so-
lange ist das allgemeine Wahlrecht für das Proletariat nicht eine
Waffe, sondern ein F a l l s t r i c k.
Vielleicht wird diese sehr offenherzige, aber nötige Auseinander-
setzung die Feudalen ermutigen, für das allgemeine, direkte Wahl-
recht aufzutreten. Um so besser." 1*)
Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist aufgelöst worden nicht
nur unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts, sondern
auch gerade w e i l das allgemeine Stimmrecht herrscht. Engels
hatte ihm vorhergesagt, er werde unterdrückt werden, sobald er
g e f ä h r l i c h werde. In seiner
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1*) Siehe vorl. Band, S. 73/74
#329# Zur Auflösung des Lassalleanischen Arbeitervereins
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letzten Generalversammlung [209] hatte der Verein beschlossen: 1.
für die Eroberung v o l l e r p o l i t i s c h e r F r e i-
h e i t einzutreten und 2. mit der Internationalen Arbeiterasso-
ziation zusammenzuwirken. Diese beiden Beschlüsse fassen einen
vollständigen Bruch mit der ganzen Vergangenheit des Vereins in
sich. Mit ihnen trat der Verein aus seiner bisherigen Sekten-
stellung heraus auf das breite Gebiet der großen Arbeiter-
bewegung. Aber höheren Orts scheint man sich eingebildet zu ha-
ben, dies sei gewissermaßen gegen die Absprache. Zu ändern Zeiten
hätte das soviel nicht verschlagen; aber seit der Einführung des
allgemeinen Stimmrechts, wo man sein ländliches und kleinstädti-
sches Proletariat vor solchen Urnsturzbestrebungen sorgsam zu hü-
ten hat! Das allgemeine Stimmrecht war der letzte Nagel am Sarge
des Allgem. Deutschen Arbeitervereins.
Es gereicht dem Verein zur Ehre, daß er gerade an diesem Bruch
mit dem bornierten Lassalleanismus zugrunde gegangen ist. Was
auch an seine Stelle treten möge, wird demzufolge auf einer weit
allgemeineren, prinzipiellen Grundlage erbaut sein, als die paar
ewig wiederholten Lassalleschen Redensarten von Staatshülfe bie-
ten konnten. Von dem Augenblicke, wo die Mitglieder des aufgelö-
sten Vereines anfingen zu denken, statt zu glauben, schwand das
letzte Hindernis, das einer Verschmelzung aller deutschen sozial-
demokratischen Arbeiter zu einer großen Partei im Wege stand.
Geschrieben Ende September 1868.
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