Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Karl Marx
Wie der Brief des Herrn Gladstone von 1866 an die Bank von
England Rußland eine Anleihe von sechs Millionen verschaffte
[220]
["The Diplomatie Review" vom 2. Dezember 1868]
Herrn Gladstones Brief vom 11. Mai 1866 suspendierte den Bankakt
von 1844 unter folgenden Bedingungen:
1. Der Mindestdiskontsatz sollte auf 10 Prozent erhöht werden.
2. Wenn die Bank die gesetzlich festgelegte Beschränkung ihrer
Notenemission überschreitet, sollte der Gewinn aus einer solchen
Mehremission von der Bank an die Regierung überwiesen werden.
[221]
Demzufolge erhöhte die Bank ihren Mindestdiskontsatz auf 10 Pro-
zent (d.h. auf 15 bis 20 Prozent für die gewöhnlichen Kaufleute
und Fabrikanten) und verletzte n i c h t den B u c h s t a-
b e n des Gesetzes von 1844, soweit es die N o t e n e m i s-
s i o n anbelangt. Abends wurden Noten von ihren Gönnern und
anderen Kunden in der City eingesammelt, die am nächsten Morgen
wieder ausgegeben wurden. Verletzt wurde jedoch der Geist des
Gesetzes, indem man entsprechend dem Brief der Regierung zuließ,
daß ihre R e s e r v e auf den Nullpunkt zurückging, nach den
Absichten des Gesetzes von 1844 bildet d i e s e R e s e r v e
jedoch die einzigen disponiblen Aktiva der Bank gegenüber den
Passiva ihres Banking-Departments.
Herrn Gladstones Brief suspendierte daher den Peelschen Bankakt
in solcher Weise, daß dessen schlimmste Folgen beibehalten, ja
sogar künstlich verstärkt wurden. Ähnliches kann man weder dem
Brief von Sir G.G. Lewis aus dem Jahre 1857 noch dem Brief Lord
John Russells von 1847 nachsagen. [222]
Die Bank hielt den Mindestdiskontsatz von 10 Prozent mehr als 3
Monate aufrecht. In Europa betrachtete man diesen Satz als ein
gefährliches Anzeichen.
Nachdem Herr Gladstone auf diese Weise eine höchst ungesunde At-
mosphäre des Mißtrauens gegenüber der englischen Zahlungsfähig-
keit
#335# Wie Gladstones Brief Rußland eine Anleihe verschaffte
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geschaffen hat, tritt Lord Clarendon, der Held des Pariser Kon-
gresses [223], auf den Plan und veröffentlicht in der "Times"
einen erläuternden Brief an die englischen Botschaften auf dem
Kontinent. Er teilte dem Kontinent mit sehr vielen Worten mit,
daß n i c h t die B a n k v o n E n g l a n d b a n k-
r o t t sei (obwohl nach dem Gesetz von 1844 in Wirklichkeit
gerade das der Fall war), wohl aber bis zu einem gewissen Grade
E n g l a n d s Industrie und Handel. Die unmittelbare Wirkung
seines Briefes war nicht ein "Run" der Cockneys auf die Bank,
sondern ein "Run" (nach Geld), den E u r o p a a u f E n g-
l a n d unternahm. (Diesen Ausdruck gebrauchte seinerzeit Herr
Watkin im Unterhaus.) So etwas hatte es in der Geschichte des
englischen Handels noch nicht gegeben. Gold wurde von London nach
Frankreich transportiert, während gleichzeitig der offizielle
Mindestdiskontsatz i n L o n d o n 1 0 P r o z e n t u n d
i n P a r i s 3 1 / 2 b i s 3 P r o z e n t betrug. Das
beweist, daß der Goldabfluß keine normale kommerzielle Trans-
aktion war. Er war ausschließlich das Ergebnis des Briefes von
Lord Clarendon.
Nachdem also der Mindestdiskontsatz von 10 Prozent mehr als drei
Monate gehalten worden war, folgte die unvermeidliche Reaktion.
Von 10 Prozent ging der Mindestsatz rapide auf 2 Prozent zurück,
und dies ist auch vor wenigen Tagen noch der offizielle Banksatz
gewesen. Unterdes waren alle e n g l i s c h e n Wertpapiere,
Eisenbahnaktien, Bankaktien, Bergwerksaktien, alle Arten inländi-
scher Investments außerordentlich im Wert gesunken und wurden
sorgsam gemieden. Sogar die Konsols fielen. (Einmal, während der
Panik, v e r w e i g e r t e die Bank die Zahlung von Darlehen
auf Konsols.) Da war die Stunde für A u s l a n d s i n-
v e s t m e n t s gekommen. Auf dem Londoner Markt wurden aus-
ländische Regierungsanleihen zu den günstigsten Bedingungen
abgeschlossen. An erster Stelle stand e i n e r u s s i s c h e
A n l e i h e v o n 6 M i l l i o n e n P f u n d S t e r-
l i n g. Diese russische Anleihe, die einige Monate zuvor an der
Pariser Börse jämmerlich gescheitert war, wurde jetzt an der
Londoner Börse als Gottesgabe begrüßt. Vergangene Woche erst hat
Rußland eine neue Anleihe von 4 Millionen Pfund Sterling auf-
gelegt. Im Jahre 1866 brach Rußland, genau wie jetzt (9. November
1868), fast unter der Last finanzieller Schwierigkeiten zusammen,
die infolge der Agrarrevolution, welche es jetzt durchmacht,
einen höchst erschreckenden Charakter angenommen haben.
Daß Rußland auf dem englischen Geldmarkt Tür und Tor geöffnet
werden, ist noch das wenigste, was der Peelsche Bankakt für Ruß-
land tut. Dieses Gesetz liefert England, das reichste Land der
Welt, b u c h s t ä b l i c h d e r G n a d e d e r M o s-
k o w i t e r R e g i e r u n g aus, der zahlungsunfähigsten
Regierung Europas.
#336# Karl Marx
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Gesetzt, die russische Regierung hätte Anfang Mai 1866 im Namen
einer privaten deutschen oder griechischen Firma ein bis andert-
halb Millionen Pfund Sterling im Banking-Department der Bank von
England deponiert. Durch den plötzlichen und unerwarteten Abzug
dieser Summe hätte sie das Banking-Department zwingen können, die
Zahlungen sofort einzustellen, auch wenn mehr als dreizehn Mil-
lionen Pfund Sterling an Gold im Emissions-Department gelegen
hätten. Der Bankrott der Bank von England hätte folglich durch
ein Telegramm aus St. Petersburg erzwungen werden können.
Worauf Rußland 1866 nicht vorbereitet war, dazu wird es viel-
leicht 1876 in der Lage sein, falls der Peelsche Bankakt nicht
aufgehoben wird.
Geschrieben am 9. November 1868.
Aus dem Englischen.
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