Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Karl Marx
Die belgischen Metzeleien [236]
An die Arbeiter von Europa und den Vereinigten Staaten
In England vergeht kaum eine Woche ohne Strikes - und Strikes von
einem großartigen Umfange. Ließe die Regierung bei solchen Gele-
genheiten ihre Soldaten gegen die Arbeiterklasse los, so würde
dieses Land der Strikes bald zum Land der Metzeleien werden -
aber nicht für lange. Nach einigen derartigen Probestücken physi-
scher Gewalt würde die derzeitige Macht verschwinden. In den Ver-
einigten Staaten nahmen während der letzten Jahre ebenfalls die
Strikes beständig an Zahl und Umfang zu und haben zuweilen sogar
den Charakter von Unruhen angenommen. Aber kein Blut ward vergos-
sen. In einigen der großen Militärstaaten des europäischen Konti-
nents kann die Ära der Strikes vom Ende des Amerikanischen Bür-
gerkriegs datiert werden. Aber auch hier ward kein Blut vergos-
sen. Es gibt nur ein Land in der zivilisierten Welt, wo jeder
Strike begierig und nur zu gern als Vorwand ergriffen wird, um
die Arbeiterklasse offiziell niederzumetzeln. Das so einzig
beglückte Land ist Belgien, der Musterstaat des kontinentalen
Konstitutionalismus, das behagliche, wohlumzäunte kleine Paradies
des Grundbesitzers, des Kapitalisten und des Pfaffen. Die Erde
vollendet ihre jährliche Umwälzung nicht sicherer, als die bel-
gische Regierung ihre jährliche Arbeitermetzelei. Die diesjährige
Metzelei unterscheidet sich von der vorjährigen [237] nur durch
die greulichere Anzahl der Schlachtopfer, die scheußlicheren
Greueltaten einer sonst lächerlichen Armee, das lärmendere Froh-
locken der Pfaffen- und Kapitalistenpresse und die unverschämtere
Nichtigkeit des Vorwands, den die Regierungsschlächter vor-
bringen.
Es ist jetzt erwiesen, selbst durch die unbedachtsamerweise ver-
öffentlichten Berichte der Kapitalistenpresse, daß der durchaus
rechtmäßige Strike der Puddler der Cockerillschen Eisenwerke zu
Seraing nur in eine Erneute verwandelt wurde durch eine starke
Abteilung Kavallerie und Gendarmerie, die plötzlich auf den Platz
geworfen wurde, um das Volk zu provozieren. Vom 9. bis zum 12.
April fielen diese mutigen Krieger nicht
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allein mit Säbeln und Bajonetten über wehrlose Arbeiter her - sie
töteten und verwundeten ohne Unterschied friedliche Fußgänger,
brachen gewaltsam in Privathäuser ein und belustigten sich sogar
damit, wiederholt rasende Angriffe auf die in der Serainger Bahn-
station eingesperrten Reisenden zu machen. Als diese Schreckens-
tage vorüber waren, verbreitete sich das Gerücht, daß Herr Kamp,
der Bürgermeister von Seraing, ein Agent der Cockerillschen Akti-
engesellschaft war, daß der belgische Minister des Innern, ein
gewisser Herr Pirmez, der größte Aktionär einer benachbarten Koh-
lenmine ist, die ebenfalls im Strike stand, und daß Seine König-
liche Hoheit der Prinz von Flandern [238] 1 500 000 Francs in den
Cockerillschen Werken angelegt hat. Daher der wahrhaft befrem-
dende Schluß, die Metzelei von Seraing sei eine Art von Coup
d'état der Aktiengesellschaften, im stillen ausgeheckt zwischen
der Firma Cockerill und dem belgischen Minister des Innern zu dem
einfachen Zwecke, ihre unzufriedenen Untergebenen mit Schrecken
zu erfüllen. Diese Verleumdung ward indessen bald schlagend wi-
derlegt durch die später sich ereignenden Vorfälle in der Bori-
nage, einem Kohlendistrikt, wo der belgische Minister des Innern,
besagter Herr Pirmez, nicht führender Kapitalist zu sein scheint.
Als in diesem Distrikt ein Strike fast alle Knappen erfaßte, wur-
den zahlreiche Truppen zusammengezogen, die zu Frameries ihren
Feldzug mit einem Gewehrfeuer eröffneten, das neun Knappen tötete
und zwanzig schwer verwundete. Nach diesem kleinen heldenmütigen
Vorspiel ward das Aufruhrgesetz, komischerweise französisch "les
sommations préalables" [239] genannt, verkündet und dann mit der
Metzelei fortgefahren.
Verschiedene Politiker schreiben diese unglaublichen Tatsachen
den Motiven eines hohen Patriotismus zu. Sie sagen, während die
belgische Regierung mit dem französischen Nachbar über gewisse
heikle Fragen unterhandelt habe [240], sei es die Pflicht der Re-
gierung gewesen, den Heldenmut ihrer Armee zu demonstrieren. Da-
her jene pfiffige Verteilung der Streitkräfte, die zuerst das un-
widerstehlich ungestüme Vordringen der belgischen Kavallerie zu
Seraing und dann die unerschütterliche Stärke der belgischen In-
fanterie zu Frameries demonstrierte. Dem Fremden Furcht einzuflö-
ßen , welch Mittel unfehlbarer als solche heimischen Schlachten,
die man unmöglich verlieren kann, und solche häuslichen Schlacht-
felder, auf denen die Hunderte von erschlagenen, verstümmelten
und gefangengenommenen Arbeiter einen so glorreichen Schein auf
diese unverletzlichen Krieger werfen, die bis auf den letzten
Mann mit heiler Haut davonkommen.
Andere Politiker dagegen haben die belgischen Minister im Ver-
dacht, an die Tuilerien verkauft zu sein, und daß sie periodisch
diese schrecklichen
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Schauspiele eines Spottbürgerkriegs aufführen, um Louis Bonaparte
einen Vorwand zu geben, in Belgien die Gesellschaft zu retten, so
wie er sie in Frankreich rettete. Aber hat man den Exgouverneur
Eyre je angeklagt, die Negermetzelei auf Jamaika organisiert zu
haben, um England jene Insel zu entreißen und sie in die Hände
der Vereinigten Staaten zu spielen? [241] Ohne Zweifel sind die
belgischen Minister vortreffliche Patrioten nach Eyres Muster.
Wie er das gewissenlose Werkzeug der westindischen Pflanzer, so
sind sie die gewissenlosen Werkzeuge der belgischen Kapitalisten.
Der belgische Kapitalist hat sich einen guten Ruf in der Welt er-
worben durch seine exzentrische Leidenschaft für das, was er die
Freiheit der Arbeit (la liberté du travail) nennt. Er ist so ein-
genommen für die Freiheit seiner Arbeiter, ohne Unterschied von
Alter und Geschlecht, alle Stunden ihres Lebens für ihn zu arbei-
ten, daß er stets jedes Fabrikgesetz, das diese Freiheit beein-
trächtigt, mit der größten Entrüstung zurückgewiesen hat. Schon
die Idee, daß ein gemeiner Arbeiter so verrucht sein sollte, ein
höheres Ziel zu erstreben, als das, seinen Herrn und Meister, den
natürlichen Vorgesetzten, zu bereichern, macht ihn schaudern. Er
will nicht allein, daß sein Arbeiter ein elender Knecht bleibt,
überarbeitet und unterbezahlt, sondern wie jeder Sklavenhalter
will er, daß sein Arbeiter ein kriechender, untertäniger, mora-
lisch geknechteter, religiös demütiger Knecht ist mit zerknirsch-
tem Herzen. Daher seine wahnwitzige Wut gegen die Strikes. Ein
Strike ist ihm eine Gotteslästerung, eine Sklavenrevolte, das Si-
gnal einer sozialen Sündflut. Bekleidet nun solche Menschen - die
aus Feigheit grausam sind - mit der ungeteilten, unkontrollier-
ten, also absoluten Staatsgewalt, wie es tatsächlich in Belgien
der Fall ist, und ihr braucht euch nicht mehr zu wundern, daß m
einem solchen Lande der Säbel, das Bajonett und der Schießprügel
als rechtmäßige und normale Instrumente angewandt werden, um den
Lohn hinab- und die Profite hinaufzuschrauben. Aber welch anderen
Zwecken könnte die belgische Armee wirklich dienen? Als auf das
Geheiß des offiziellen Europas Belgien für ein neutrales Land er-
klärt wurde [242], hätte man diesem selbstverständlich auch den
kostspieligen Luxus einer Armee untersagen sollen, ausgenommen
vielleicht eine Handvoll dem königlichen Marionettenspiel unent-
behrliche Paradesoldaten. Dennoch birgt Belgien innerhalb seiner
536 Quadratmeilen Erdoberfläche ein größeres stehendes Heer als
das Vereinigte Königreich oder die Vereinigten Staaten. Der Feld-
dienst dieser neutralisierten Armee wird fatalerweise nach ihren
Razzien auf die Arbeiterklasse berechnet.
Es ist leicht begreiflich, daß die Internationale Arbeiterasso-
ziation kein willkommener Gast in Belgien war. Von der Priester-
schaft exkommuniziert,
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von der ehrbaren Presse verleumdet, geriet sie bald in Streit mit
der Regierung. Diese bot alles auf, um sie loszuwerden, indem man
sie verantwortlich zu machen suchte für die Strikes in den Koh-
lenbergwerken von Charleroi 1867 bis 1868, Strikes, die nach der
unveränderlichen belgischen Regel mit offiziellen Metzeleien und
gerichtlicher Verfolgung der Opfer endeten. Nicht allein ward
diese Kabale der Regierung vereitelt, sondern durch die tätigen
Schritte der Assoziation wurden sämtliche angeklagten Arbeiter
von Charleroi für unschuldig und mithin die belgische Regierung
für schuldig befunden. Ergrimmt über diese Niederlage machten die
belgischen Minister ihren beklommenen Herzen Luft durch heftige
Denunziationen von der Tribüne der Deputiertenkammer gegen die
Internationale Arbeiterassoziation und erklärten hochtrabend, daß
sie es nimmer zugeben würden, daß sich der allgemeine Kongreß der
Internationale in Brüssel versammle. Der Kongreß ward trotz die-
ser Drohung in Brüssel abgehalten. Aber endlich soll die Interna-
tionale doch der belgischen Allmacht von 536 Quadratmeilen unter-
liegen. Ihre straffällige Mitschuld an den jüngsten Ereignissen
liegt klar zutage. Die Emissäre des Brüsseler Zentralkomitees für
Belgien und andere lokale Ausschüsse sind verschiedener abscheu-
licher Taten überführt worden. Sie haben versucht, die strikenden
Arbeiter zu beschwichtigen und sie vor den Regierungsschlingen zu
warnen. In einigen Lokalitäten ist es ihnen sogar gelungen,
Blutvergießen zu verhüten. Endlich haben die übel verheißen den
Emissäre an Ort und Stelle Beobachtungen angestellt, sie durch
Augenzeugen beglaubigen lassen, sorgfältig protokolliert und die
blutdürstigen Grillen der Verteidiger der Ordnung öffentlich de-
nunziert. Durch das einfache Verfahren der Einkerkerung wurden
die Emissäre aus Anklägern m Angeklagte verwandelt. Sodann wurden
die Wohnungen der Mitglieder des Brüsseler Komitees auf brutale
Weise überfallen, ihre Papiere in Beschlag genommen und einige
von ihnen auf die Anschuldigung festgesetzt, einer Gesellschaft
anzugehören, "die zu dem Zwecke gegründet worden sei, Anschläge
auf das Leben und Eigentum von Personen zu machen". Mit anderen
Worten: Sie wurden angeschuldigt, einer Gesellschaft von Thugs
[243], benannt Internationale Arbeiterassoziation, anzugehören.
Gehetzt durch die Kapuzinaden der Klerikalen und das wilde Geheul
der Kapitalistenpresse, ist diese großprahlerische Zwergregierung
ängstlich bemüht, nachdem sie sich in einem Blutbad gewälzt, in
einem Meer von Lächerlichkeiten zu ersaufen.
Das belgische Zentralkomitee zu Brüssel hat bereits seine Absicht
angezeigt, eine vollständige Untersuchung der Metzeleien zu Se-
raing und m der Bonnage einzuleiten und das Resultat zu veröf-
fentlichen. Wir wollen
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seine Enthüllungen in verschiedenen Sprachen über die ganze Welt
verbreiten, um der Welt die Augen zu öffnen über die Lieblings-
aufschneiderei des belgischen Kapitalisten: La liberté, pour
faire le tour du monde, n'a pas besoin de passer par ici (la Bel-
gique) [244].
Die belgische Regierung, die nach den Revolutionen von 1848/49
eine Lebensfrist erlangte dadurch, daß sie zum politischen Poh-
zeiagenten der reaktionären Regierungen des Kontinents geworden,
schmeichelt sich vielleicht, daß sie heute die drohende Gefahr
wiederum abwenden kann, indem sie auffällig den Gendarmen des Ka-
pitals gegen die Arbeit spielt. Dieses ist jedoch ein großer Irr-
tum. Anstatt die Katastrophe aufzuhalten, wird sie diese nur be-
schleunigen. Dadurch, daß sie Belgien bei den Volksmassen der ge-
samten Welt zum Stichwort und Spottbild macht, verschwindet das
letzte Hindernis, welches den Gelüsten der Despoten, die seinen
Namen von der Karte Europas verwischen möchten, noch entgegen-
steht.
Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation ruft die
Arbeiter von Europa und den Vereinigten Staaten auf, Geldsammlun-
gen zu veranstalten, um die Leiden der Witwen, Weiber und Kinder
der belgischen Opfer zu lindern, die Verteidigungskosten der an-
geklagten Arbeiter zu bestreiten und die vom Brüsseler Komitee
beabsichtigte Untersuchung zu fördern.
Im Auftrag des Generalrats der Internationalen Arbeiterassozia-
tion:
R. Applegarth, Vorsitzender
R. Shaw, Sekretär für Amerika
Bernard, Sekretär für Belgien
Eugène Dupont, Sekretär für Frankreich
Karl Marx, Sekretär für Deutschland,
Jules Johannard, Sekretär für Italien
A. Zabicki, Sekretär für Polen
H. Jung, Sekretär für die Schweiz
Cowell Stepney, Kassierer
J.G. Eccarius, Sekretär des Generalrats
London, den 4. Mai 1869
Alle Spenden für die Opfer der belgischen Metzeleien sind an das
Büro des Generalrats zu senden: 256, High Holborn, London, W.C.
Nach dem Flugblatt.
Aus dem Englischen.
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