Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Karl Marx
       
       Vorwort [zur zweiten Ausgabe (1869)
       "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte"] [247]
       
       Mein zu  früh verstorbener  Freund Joseph Weydemeyer *) beabsich-
       tigte, vom 1. Januar 1852 an eine politische Wochenschrift in New
       York herauszugeben.  Er forderte  mich auf,  für dieselbe die Ge-
       schichte des  Coup d'etat  zu liefern.  Ich schrieb ihm daher wö-
       chentlich bis  Mitte Februar  Artikel unter dem Titel: "Der acht-
       zehnte Brumaire  des Louis  Bonaparte". Unterdes  war Weydemeyers
       ursprünglicher Plan  gescheitert. Dagegen  veröffentlichte er  im
       Frühling 1852  eine Monatsschrift: "Die Revolution", deren erstes
       Heft aus  meinem "Achtzehnten Brumaire" besteht.[248) Einige hun-
       dert Exemplare davon fanden damals den Weg nach Deutschland, ohne
       jedoch m den eigentlichen Buchhandel zu kommen. Ein äußerst radi-
       kal tuender  deutscher Buchhändler,  dem ich  den Vertrieb anbot,
       antwortete  mit   wahrhaft  sittlichem   Entsetzen   über   solch
       "zeitwidrige Zumutung".
       Man ersieht aus diesen Angaben, daß die vorliegende Schrift unter
       dem unmittelbaren  Druck der Ereignisse entstand und ihr histori-
       sches Material  nicht über den Monat Februar (1852) hinausreicht.
       Ihre jetzige Wiedetv Veröffentlichung ist teils buchhändlerischer
       Nachfrage, teils  dem Andringen meiner Freunde in Deutschland ge-
       schuldet.
       Von den  Schriften, welche ungefähr  g l e i c h z e i t i g  mit
       der meinigen  denselben Gegenstand behandelten, sind nur zwei be-
       merkenswert: Victor Hugos "Napoleon le petit" und Proudhons "Coup
       d'état".
       Victor Hugo beschränkt sich auf bittere und geistreiche Invektive
       gegen den  verantwortlichen Herausgeber  des Staatsstreichs.  Das
       Ereignis selbst erscheint bei ihm wie ein Blitz aus heitrer Luft.
       Er sieht darin nur die
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       *) Während des  amerikanischen Bürgerkriegs Militärkommandant des
       Distrikts von St. Louis.
       
       #359# Vorwort zur 2. Ausgabe "Der achtzehnte Brumaire"
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       Gewalttat eines  einzelnen Individuums.  Er merkt  nicht, daß  er
       dies Individuum groß statt klein macht, indem er ihm eine persön-
       liche Gewalt der Initiative zuschreibt, wie sie beispiellos m der
       Weltgeschichte dastehen  würde. Proudhon  seinerseits  sucht  den
       Staatsstreich als Resultat einer vorhergegangenen geschichtlichen
       Entwicklung darzustellen.  Unter der Hand verwandelt sich ihm je-
       doch die  geschichtliche Konstruktion  des Staatsstreichs in eine
       geschichtliche Apologie  des Staatsstreichshelden. Er verfällt so
       in den  Fehler unserer  sogenannten    o b j e k t i v e n    Ge-
       schichtsschreiber. Ich  weise dagegen  nach, wie  der    K l a s-
       s e n k a m p f   in Frankreich  Umstände und Verhältnisse schuf,
       welche einer  mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der
       Heldenrolle ermöglichten.
       Eine Umarbeitung  der vorliegenden Schrift hätte sie ihrer eigen-
       tümlichen Färbung  beraubt. Ich habe mich daher auf bloße Korrek-
       tur von Druckfehlern beschränkt und auf Wegstreichung jetzt nicht
       mehr verständlicher Anspielungen.
       Der Schlußsatz  meiner Schrift:  "Aber wenn der Kaisermantel end-
       lich auf  die Schultern  Louis Bonapartes  fällt, wird das eherne
       Standbild Napoleons  von der  Höhe der Vendôme-Säule [249] herab-
       stürzen" 1*), hat sich bereits erfüllt.
       Oberst Charras  eröffnete den  Angriff auf den Napoleon-Kultus in
       seinem Werke  über den  Feldzug von 1815. Seitdem, und namentlich
       in den  letzten Jahren,  hat die  französische Literatur  mit den
       Waffen der  Geschichtsforschung, der  Kritik, der  Satire und des
       Witzes  der   Napoleon-Legende  den   Garaus  gemacht.  Außerhalb
       Frankreichs ward  dieser gewaltsame  Bruch mit dem traditionellen
       Volksglauben, diese ungeheure geistige Revolution, wenig beachtet
       und noch weniger begriffen.
       Schließlich hoffe  ich, daß  meine Schrift  zur  Beseitigung  der
       jetzt namentlich  in Deutschland landläufigen Schulphrase vom so-
       genannten   C ä s a r i s m u s  beitragen wird. Bei dieser ober-
       flächlichen geschichtlichen  Analogie vergißt man die Hauptsache,
       daß nämlich  im alten  Rom der  Klassenkampf nur  innerhalb einer
       privilegierten Minorität spielte, zwischen den freien Reichen und
       den freien Armen, während die große produktive Masse der Bevölke-
       rung, die  Sklaven, das  bloß passive  Piedestal für jene Kämpfer
       bildete. Man  vergißt   S i s m o n d i s  bedeutenden Ausspruch:
       Das römische  Proletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft, wäh-
       rend  die   moderne  Gesellschaft  auf  Kosten  des  Proletariats
       lebt.'2501 Bei so gänzlicher Verschiedenheit zwischen den materi-
       ellen, ökonomischen Bedingungen
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       1*) Siehe Band 8 unserer Ausgabe, S. 207
       
       #360# Karl Marx
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       des antiken  und des modernen Klassenkampfs können auch seine po-
       litischen Ausgeburten nicht mehr miteinander gemein haben als der
       Erzbischof von Canterbury mit dem Hohenpriester Samuel.
       Karl Marx
       London, 23. Juni 1869
       Nach: Karl Marx,
       "Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte",
       Zweite Ausgabe, Hamburg 1869

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