Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
Karl Marx [251]
["Die Zukunft" Nr. 185 vom 11. August 1869]
Man hat sich in Deutschland daran gewöhnt, in Ferdinand Lassalle
den Urheber der deutschen Arbeiterbewegung zu sehen. Und doch ist
nichts unrichtiger. Wenn ihm vor sechs, sieben Jahren in allen
Fabrikdistrikten, in allen großen Städten, den Zentren der arbei-
tenden Bevölkerung, das Proletariat in Massen zuströmte, wenn
seine Reisen Triumphzüge waren, um die ihn die Landesfürsten be-
neiden konnten - war da der Boden nicht vorher etwa schon im
stillen gedüngt worden, der so rasch aufschießende Frucht trug?
Wenn die Arbeiter seinen Lehren Beifall zujauchzten, geschah
dies, weil diese Lehren ihnen neu oder weil sie den Denkenden un-
ter ihnen schon längst mehr oder weniger bekannt waren?
Die heutige Generation lebt rasch und vergißt rasch. Die Bewegung
der vierziger Jahre, die m der Revolution von 1848 gipfelte und
in der Reaktion von 1849 bis 1852 ihren Abschluß fand, ist be-
reits verschollen mitsamt ihrer politischen und sozialistischen
Literatur. Es muß daher daran erinnert werden, daß vor und wäh-
rend der Revolution von 1848 unter den Arbeitern namentlich West-
deutschlands eine wohlorganisierte sozialistische Partei bestand
[252], welche zwar nach dem Kölner Kommunistenprozeß ausein-
anderfiel, deren einzelne Mitglieder aber im stillen fortfuhren,
den Boden vorzubereiten, dessen Lassalle sich nachher bemäch-
tigte. Es muß ferner daran erinnert werden, daß ein Mann exi-
stierte, der, neben der Organisation dieser Partei, das wissen-
schaftliche Studium der sog. sozialen Frage, d.h. die Kritik der
politischen Ökonomie, zu seiner Lebensaufgabe gemacht und bereits
vor 1860 bedeutende Resultate seiner Forschungen veröffentlicht
hatte [253]. Lassalle war ein höchst talentvoller, vielseitig ge-
bildeter Kopf, ein Mann von großer Energie und fast unbegrenzter
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Versatilität; er war ganz dazu gemacht, unter allen Umständen
eine politische Rolle zu spielen. Aber weder war er der ursprüng-
liche Initiator der deutschen Arbeiterbewegung, noch war er ein
origineller Denker. Der ganze Inhalt seiner Schriften war ent-
lehnt, selbst nicht ohne Mißverständnisse entlehnt, er hatte
einen Vorgänger und einen intellektuellen Vorgesetzten, dessen
Dasein er freilich verschwieg, während er seine Schriften vulga-
risierte, und dieser intellektuelle Vorgesetzte heißt Karl Marx.
Karl Marx ist geboren am 5. Mai 1818 zu Trier, wo er seine Gymna-
sialbildung erhielt. Er studierte Rechtswissenschaften in Bonn
und später in Berlin, wo ihn indes die Beschäftigung mit der Phi-
losophie dem Jus bald abwendig machte. Nach fünfjährigem Aufent-
halt in der "Metropole der Intelligenz" kehrte er 1841 nach Bonn
zurück mit der Absicht, sich dort zu habilitieren. Damals
herrschte in Preußen die erste "Neue Ära". [254] Friedrich Wil-
helm IV. hatte erklärt, er liebe eine gesinnungstüchtige Opposi-
tion, und an verschiedenen Stellen wurde der Versuch gemacht,
eine solche zu organisieren. So wurde in Köln die "Rheinische
Zeitung" gestiftet; Marx kritisierte in ihr mit damals unerhörter
Kühnheit die Verhandlungen des rheinischen Provinziallandtages in
Artikeln, die großes Aufsehen machten. [255] Ende 1842 übernahm
er selbst die Redaktion und machte der Zensur so viel zu schaf-
fen, daß man ihm die Ehre antat, für die "Rhein. Ztg." einen Spe-
zialzensor von Berlin zu schicken. Als auch dies nicht half,
mußte die Zeitung doppelte Zensur durchmachen, indem jede Nummer
außer der gewöhnlichen noch in zweiter Instanz der Zensur des
Kölner Regierungspräsidenten unterworfen wurde. Aber auch dies
Mittel half nichts gegen die "verhärtete Böswilligkeit" der
"Rhein. Zeitung"; und Anfang 1843 erließ das Ministerium ein De-
kret, wonach die "Rhein. Zeitung" Ende des ersten Quartals aufhö-
ren mußte. Marx trat sofort ab, da die Aktionäre einen Vermitt-
lungsversuch machen wollten, aber auch dieser schlug fehl, und
die Zeitung hörte auf zu erscheinen.
Die Kritik der Verhandlungen des rheinischen Landtags nötigte
Marx, Fragen des materiellen Interesses zu studieren. Hier traten
ihm neue Gesichtspunkte entgegen, Gesichtspunkte, die weder die
Juristerei noch die Philosophie vorgesehen hatten. Anknüpfend an
Hegels Rechtsphilosophie, kam Marx zu der Einsicht, daß nicht der
von Hegel als "Krönung des Gebäudes" dargestellte Staat, sondern
vielmehr die von ihm so stiefmütterlich behandelte "bürgerliche
Gesellschaft" diejenige Sphäre sei, in der der Schlüssel zum Ver-
ständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses der Menschheit
zu suchen sei. Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft
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aber ist die politische Ökonomie, und d i e s e Wissenschaft
konnte nicht in Deutschland, sie konnte nur in England oder
Frankreich gründlich studiert werden.
Nach seiner Verheiratung mit der Tochter des Geh. Regierungsrats
v. Westphalen in Trier (Schwester des späteren preußischen Mini-
sters des Innern v. Westphalen) siedelte Marx daher im Sommer
1843 nach Paris über, wo er sich hauptsächlich dem Studium der
Nationalökonomie und der Geschichte der großen französischen Re-
volution widmete. Zugleich gab er mit Ruge die "Deutsch-Französi-
schen Jahrbücher" [256] heraus, von denen indes nur ein Band er-
schien. 1845 von Guizot aus Frankreich ausgewiesen, ging er nach
Brüssel und blieb dort, mit gleichen Studien beschäftigt, bis
Ausbruch der Februarrevolution. Wie wenig er mit dem, selbst in
seiner gelehrttuendsten Form, landläufigen Sozialismus einver-
standen war, bewies seine Kritik des großen Proudhonschen Werks
"Philosophie de la misère", welche 1847 unter dem Titel "Misère
de la philosophie" 1*), Brüssel und Paris, erschien. In dieser
Schrift finden sich bereits viele wesentliche Punkte seiner jetzt
ausführlich dargelegten Theorie. Auch das "Manifest der Kommuni-
stischen Partei" 2*), London 1848, vor der Februarrevolution ge-
schrieben und von einem Arbeiterkongreß in London adoptiert, ist
wesentlich sein Werk.
Von der belgischen Regierung unter dem Einfluß der Panik der Fe-
bruarrevolution wieder ausgewiesen, kam Marx auf Aufforderung der
französischen provisorischen Regierung nach Paris zurück. Die
Sturmflut der Revolution drängte alle wissenschaftlichen Beschäf-
tigungen in den Hintergrund; es hieß jetzt eingreifen in die Be-
wegung. Nachdem Marx während der ersten aufgeregten Tage dem Un-
sinn der Agitatoren entgegengearbeitet hatte, welche deutsche Ar-
beiter von Frankreich aus als Freischaren zur Republikanisierung
Deutschlands organisieren wollten, ging er mit seinen Freunden
nach Köln und gründete dort die "Neue Rheinische Zeitung", die
bis zum Juni 1849 bestand und am Rhein noch in gutem Gedächtnis
ist. Die Preßfreiheit von 1848 ist wohl nirgends so erfolgreich
ausgebeutet worden als damals, mitten in einer preußischen Fe-
stung, von jener Zeitung. Nachdem die Regierung vergeblich ver-
sucht hatte, die Zeitung durch gerichtliche Verfolgung totzuma-
chen - Marx stand zweimal vor den Assisen wegen Preßvergehen und
wegen Aufforderung zur Steuerverweigerung und wurde beide Male
freigesprochen -, wurde sie zur Zeit der Maiaufstände 1849 da-
durch zum Fall gebracht, daß Marx unter dem
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe. S. 63-182 - 2 ebenda, S. 459-
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Vorwande, seine preußische Untertanenschaft verloren zu haben,
und die übrigen Redakteure unter ähnlichen Vorwänden ausgewiesen
wurden. Marx mußte daher wieder nach Paris, von wo er abermals
ausgewiesen wurde und noch im Sommer 1849 nach seinem jetzigen
Wohnsitz, London, ging.
In London fand sich damals die ganze fine fleur 1*) der kontinen-
talen Flüchtlingsschaft aller Nationen zusammen. Es wurden Revo-
lutionskomitees aller Art gebildet, Kombinationen, provisorische
Regierungen in partibus infidelium [82], es gab Streitigkeiten
und Zänkereien aller Art, und die dabei beteiligt gewesenen Her-
ren blicken jetzt sicher auf diese Periode als auf die mißlungen-
ste ihres Lebens zurück. Marx hielt sich von allen diesen Umtrie-
ben fern. Eine Zeitlang setzte er seine "Neue Rhein. Ztg." in der
Form einer Monatsrevue fort (Hamburg 1850) [257], nachher zog er
sich ins British Museum zurück und durchforschte die dortige un-
geheure, großenteils noch ungekannte Bibliothek nach ihrer natio-
nalökonomischen Seite hin. Gleichzeitig schrieb er regelmäßig in
die "New-York Tribune" [258], er war sozusagen der Redakteur die-
ses ersten englisch-amerikanischen Blattes für europäische Poli-
tik bis zum Ausbruche des Amerikanischen Bürgerkrieges.
Der Staatsstreich des 2. Dezember veranlaßte ihn zu einer Bro-
schüre "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte", New York
1852, welche jetzt eben in neuem Abdruck (Hamburg bei Meißner)
erscheint und zum Verständnis der haltlosen Lage, in die derselbe
Bonaparte gerade jetzt geraten ist, nicht wenig beitragen wird.
Der Held des Staatsstreiches wird hier eben in seiner nackten
Wirklichkeit dargestellt, wie er erscheint ohne die Glorie, mit
der der momentane Erfolg ihn umgeben hat. Der Philister, der sei-
nen Napoleon III. für den größten Mann des Jahrhunderts hält und
sich nun nicht erklären kann, wie dieses Wundergenie jetzt plötz-
lich Böcke über Böcke schießt und einen politischen Fehler über
den anderen begeht - besagter Philister kann sich aus der erwähn-
ten Marxschen Arbeit Rats erholen.
Sowenig Marx sich während seines ganzen Londoner Aufenthalts vor-
drängte, so zwang ihn doch Karl Vogt nach der italienischen Kam-
pagne 1859 zu einer Polemik, die in Marx' "Herr Vogt" 2*), London
1860, ihren Abschluß fand. Um dieselbe Zeit erschien die erste
Frucht seiner nationalökonomischen Studien: "Zur Kritik der Poli-
tischen Oekonomie" 3*), Berlin 1859, Erstes Heft. Dies Heft ent-
hält bloß die Geldtheorie, welche von ganz neuen Gesichtspunkten
dargestellt ist; die Fortsetzung ließ auf sich
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1*) Blüte - 2*) siehe Band 14 unserer Ausgabe, - 3*) siehe Band
13 unserer Ausgabe
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warten, da der Verfasser inzwischen so viel neues Material ent-
deckte, daß er neue Studien für nötig hielt.
1867 endlich erschien in Hamburg: "Das Kapital. Kritik der poli-
tischen Oekonomie", Erster Band. Dies Werk enthält die Resultate
des Studiums eines ganzen Lebens. Es ist die politische Ökonomie
der arbeitenden Klasse, auf ihren wissenschaftlichen Ausdruck re-
duziert. Hier handelt es sich 1*) nicht um agitatorische Phrasen,
sondern um streng wissenschaftliche Deduktionen. Mag man sich zum
Sozialismus verhalten, wie man will, man wird immerhin anerkennen
müssen, daß hier derselbe zuerst wissenschaftlich dargestellt ist
und daß es eben Deutschland vorbehalten war, diese Leistung auch
auf diesem Gebiet zu verwirklichen. Wer jetzt noch den Sozialis-
mus bekämpfen will, wird mit Marx fertig werden müssen, gelingt
ihm dies, dann braucht er freilich die dei minorum gentium 2*)
nicht zu erwähnen.
Das Marxsche Buch hat aber auch noch nach anderer Seite hin ein
Interesse. Es ist die erste Schrift, in der die tatsächlichen
Verhältnisse, die zwischen Kapital und Arbeit bestehen, in ihrer
klassischen Form, wie sie solche in England erlangt haben, voll-
ständig und übersichtlich geschildert werden. Die parlamentari-
schen Untersuchungen lieferten hierzu ein reichliches, einen
Zeitraum von fast vierzig Jahren umfassendes und selbst in Eng-
land so gut wie ungekanntes Material über die Verhältnisse der
Arbeiter in fast allen Industriezweigen, über die Arbeit von Wei-
bern und Kindern, über Nachtarbeit usw. [259]; dies alles ist
hier zum erstenmal zugänglich gemacht. Daran reiht sich die
Geschichte der Fabrikgesetzgebung in England, welche, von den
bescheidenen Anfängen der ersten Akte von 1802 an, jetzt dahin
gekommen ist, die Arbeitszeit in fast allen fabrikmäßig oder
häuslich betriebenen Geschäftszweigen für Weiber und junge Leute
unter 18 Jahren auf 60 Stunden wöchentlich, für Kinder unter 13
Jahren auf 39 Stunden wöchentlich zu beschränken. Nach dieser
Seite hin ist das Buch von höchstem Interesse für jeden
Industriellen.
Marx ist lange Jahre unbedingt der "bestverleumdete" deutsche
Schriftsteller gewesen, wogegen ihm niemand das Zeugnis verwehren
wird, daß er dafür auch tapfer um sich gehauen hat und daß seine
Hiebe alle scharf saßen. Aber die Polemik, in der er doch soviel
"gemacht" hat, war im Grunde doch nur Sache der Notwehr bei ihm.
Sein eigentliches Interesse war schließlich doch immer bei seiner
Wissenschaft, die er fünfundzwanzig Jahre mit einer Gewissenhaf-
tigkeit studiert und durchdacht hat,
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1*) In der Handschrift eingefügt: nicht um politische Propaganda,
- 2*) Götter aus geringeren Geschlechtern; sinngemäß: zweitrangi-
gen Größen
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die ihresgleichen sucht, einer Gewissenhaftigkeit, die ihn ver-
hindert hat, seine Schlußfolgerungen in systematischer Form vor
das Publikum zu bringen, ehe sie ihm nach Form und Inhalt selbst
genügten, ehe er darüber mit sich klar war, daß er kein Buch un-
gelesen, keinen Einwurf unerwogen gelassen, daß er jeden Punkt
vollständig erschöpft habe. Originelle Denker sind in dieser Zeit
der Epigonen sehr rar; wenn aber ein Mann nicht nur ein originel-
ler Denker, sondern auch im Besitz einer in seinem Fache uner-
reichten Gelehrsamkeit ist, so verdient er doppelte Anerkennung.
Außer seinen Studien beschäftigt sich Marx, wie nicht anders zu
erwarten, mit der Arbeiterbewegung; er ist einer der Gründer der
Internationalen Arbeiter-Assoziation, welche in letzter Zeit so-
viel von sich reden machte und bereits an mehr als einem Ort Eu-
ropas bewiesen hat, daß sie eine Macht ist. Wir glauben nicht zu
irren, wenn wir sagen, daß auch in dieser jedenfalls in der Ar-
beiterbewegung epochemachenden Gesellschaft das deutsche Element
- dank namentlich Marx - die ihm gebührende einflußreiche Stel-
lung einnimmt.
Geschrieben um den 28. Juli 1869.
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