Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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FRIEDRICH ENGELS
Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei [39]
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Geschrieben Ende Januar bis 11. Februar 1865.
Nach der Erstausgabe von 1865
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Titelblatt der Erstausgabe von Friedrich Engels' Broschüre
"Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei"
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Die Debatte über die Militärfrage ist bisher lediglich zwischen
der Regierung und Feudalpartei auf der einen und der liberalen
und radikalen Bourgeoisie auf der anderen Seite geführt worden.
Jetzt, wo die Krisis herannaht, ist es an der Zeit, daß auch die
Arbeiterpartei sich ausspricht.
In der Kritik der militärischen Tatsachen, um die es sich han-
delt, können wir nur von den vorliegenden tatsächlichen Verhält-
nissen ausgehen. Wir können der preußischen Regierung nicht zumu-
ten, anders zu handeln als vom preußischen Standpunkt aus, so-
lange die jetzigen Verhältnisse in Deutschland und Europa beste-
hen. Ebensowenig muten wir der Bourgeoisopposition zu, von einem
ändern als von dem Standpunkt ihrer eigenen Bourgeoisinteressen
auszugehen.
Die Partei der Arbeiter, die in allen Fragen zwischen Reaktion
und Bürgertum außerhalb des eigentlichen Konflikts steht, hat den
Vorteil, solche Fragen ganz kaltblütig und unparteiisch behandeln
zu können. Sie allein kann sie wissenschaftlich behandeln, histo-
risch, als ob sie schon vergangen, anatomisch, als ob sie schon
Kadaver wären.
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Wie es mit der preußischen Armee nach dem früheren System aussah,
darüber können nach den Mobilmachungsversuchen von 1850 und 1859
[40] keine zwei Meinungen sein. Die absolute Monarchie war seit
1815 durch die öffentliche Zusage gebunden: keine neuen Steuern
zu erheben und keine Anleihen auszuschreiben ohne vorherige Ge-
nehmigung der künftigen Landesvertretung. Diese Zusage zu bre-
chen, war unmöglich; keine Anleihe ohne solche Genehmigung ver-
sprach den geringsten Erfolg. Die Steuern waren aber im ganzen so
eingerichtet, daß bei steigendem Landesreichtum ihr Ertrag kei-
neswegs in demselben Verhältnis stieg. Der Absolutismus war arm,
sehr arm, und die außerordentlichen Ausgaben infolge der Stürme
von 1830 [41] waren hinreichend, ihn zur äußersten Sparsamkeit zu
nötigen. Daher die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, daher
ein Ersparnissystem in allen Zweigen der Armeeverwaltung, das die
für eine Mobilmachung bereitzuhaltenden Ausrüstungsgegenstände
nach Quantität und Qualität auf das allerniedrigste Niveau redu-
zierte. Trotzdem sollte Preußens Stellung als Großmacht behauptet
werden; hierzu bedurfte man, für den Beginn eines Kriegs, einer
möglichst starken ersten Feldarmee und schlug daher die Landwehr
[42] ersten Aufgebots dazu. Man sorgte also dafür, daß gleich
beim ersten drohenden Kriegsfall eine Mobilmachung nötig wurde
und daß mit dieser das ganze Gebäude zusammenbrach. Der Fall trat
1850 ein und endete mit dem vollständigsten Fiasko Preußens.
1850 kam man bloß dahin, die materiellen Mängel des Systems ken-
nenzulernen; die ganze Sache war vorüber, ehe die moralischen
Blößen hervortreten konnten. Die von den Kammern bewilligten
Fonds wurden benutzt, um den materiellen Mängeln soweit möglich
abzuhelfen. Soweit möglich; denn es wird unter allen Umständen
unmöglich sein, das Material derart
#43# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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bereitzuhalten, daß in 14 Tagen die eingezogenen Reserven und
nach 14 Tagen das ganze erste Aufgebot der Landwehr schlagfertig
ausgerüstet sein kann. Man vergesse nicht, daß die Linie
höchstens 3 Jahrgänge, Reserve und erstes Aufgebot aber zusammen
9 Jahrgänge zählten, also für 3 schlagfertige Liniensoldaten in 4
Wochen mindestens 7 Eingezogene auszurüsten waren. Nun kam der
italienische Krieg von 1859 und damit eine neue allgemeine Mobil-
machung. Auch hier traten noch materielle Mängel genug hervor,
sie traten aber weit zurück gegen die moralischen Blößen des Sy-
stems, welche jetzt erst, bei der längeren Dauer des mobilen
Standes, aufgedeckt wurden. Die Landwehr war vernachlässigt wor-
den, das ist unleugbar; die Cadres ihrer Bataillone existierten
großenteils nicht und mußten erst geschaffen werden; unter den
bestehenden Offizieren waren viele für den Felddienst untauglich.
Aber selbst wenn dies alles anders gewesen wäre, so blieb doch
immer die Tatsache, daß die Offiziere ihren Leuten nicht anders
als ganz fremd sein konnten, fremd namentlich nach der Seite ih-
rer militärischen Befähigung, und daß diese militärische Befähi-
gung bei den meisten zu gering war, als daß Bataillone mit sol-
chen Offizieren mit Vertrauen gegen erprobte Truppen gesandt
werden konnten. Wenn die Landwehroffiziere sich im dänischen
Krieg [43] sehr gut geschlagen haben, so vergesse man nicht, daß
es ein großer Unterschied ist, ob ein Bataillon 4/5 Linien- und
1/5 Landwehroffiziere besitzt oder umgekehrt. Dazu kam aber ein
entscheidender Punkt. Es stellte sich sofort heraus, was man
hätte vorher wissen können: daß man mit der Landwehr zwar schla-
gen, namentlich zur Verteidigung des eignen Landes schlagen, aber
unter keinen Umständen demonstrieren kann. Die Landwehr ist eine
so defensive Institution, daß mit ihr eine Offensive selbst erst
infolge einer zurückgeschlagenen Invasion möglich ist, wie 1814
und 1815. Ein aus meist verheirateten Leuten von 26 bis 32 Jahren
bestehendes Aufgebot läßt sich nicht monatelang an den Grenzen
müßig aufstellen, während täglich die Briefe von Hause einlaufen,
daß Frau und Kinder darben; denn auch die Unterstützungen für die
Familien der Einberufenen zeigten sich als über alle Begriffe un-
genügend. Dazu kam noch, daß die Leute nicht wußten, gegen wen
sie sich schlagen sollten, gegen Franzosen oder Östreicher - und
keiner von beiden hatte damals Preußen etwas zuleide getan. Und
mit solchen durch monatelanges Müßigstehen demoralisierten Trup-
pen sollte man festorganisierte und kriegsgewohnte Armeen angrei-
fen?
Daß eine Änderung eintreten mußte, ist klar. Preußen mußte unter
den gegebenen Verhältnissen eine festere Organisation der ersten
Feldarmee haben. Wie ist diese hergestellt worden?
#44# Friedrich Engels
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Man ließ die einberufenen 36 Landwehrregimenter der Infanterie
einstweilen bestehen und verwandelte sie allmählich in neue Lini-
enregimenter. Nach und nach wurde auch die Kavallerie und Artil-
lerie so weit vermehrt, daß sie diesem stärkeren Stand der Fuß-
truppen entsprachen, und endlich wurde die Festungsartillerie von
der Feldartillerie getrennt, welches letztere jedenfalls eine
Verbesserung war, namentlich für Preußen. Mit einem Wort, die In-
fanterie wurde verdoppelt, die Kavallerie und Artillerie ungefähr
um die Hälfte erhöht. - Um diesen verstärkten Armeebestand auf-
rechtzuerhalten, wurde vorgeschlagen, die Dienstzeit in der Linie
von 5 auf 7 Jahre auszudehnen - 3 Jahre bei den Fahnen (bei der
Infanterie), 4 in der Reserve -, dagegen die Verpflichtung zum
zweiten Aufgebot der Landwehr um 4 Jahre abzukürzen und endlich
die jährliche Rekrutierung von der bisherigen Zahl von 40 000 auf
63 000 zu erhöhen. Die Landwehr wurde inzwischen ganz vernachläs-
sigt.
Die Vermehrung der Bataillone, Schwadronen und Batterien, wie sie
hiermit festgesetzt war, entsprach fast genau der Vermehrung der
Bevölkerung Preußens von 10 Millionen 1815 auf 18 Millionen 1861;
da Preußens Reichtum inzwischen rascher gewachsen ist als seine
Bevölkerung, und da die ändern europäischen Großstaaten ihre
Heere seit 1815 in weit größerem Maße verstärkt haben, so war
eine solche Vermehrung der Cadres sicher nicht zu hoch gegriffen.
Dabei erschwerte der Vorschlag von allen Lasten des Dienstpflich-
tigen nur die der jüngsten Altersklassen, die Reservepflicht, er-
leichterte dagegen die Landwehrpflicht in den ältesten Jahres-
klassen im doppelten Verhältnis und hob tatsächlich das zweite
Aufgebot fast ganz auf, indem nun das erste Aufgebot so ziemlich
die früher dem zweiten angewiesene Stellung erhielt.
Dagegen ließ sich wider den Entwurf einwenden:
Die allgemeine Wehrpflicht - beiläufig die einzige demokratische
Institution, welche in Preußen, wenn auch nur auf dem Papier, be-
steht - ist ein so enormer Fortschritt gegen alle bisherigen mi-
litärischen Einrichtungen, daß, wo sie einmal, wenn auch nur m
unvollkommener Durchführung, bestanden hat, sie auf die Dauer
nicht wieder abgeschafft werden kann. Es gibt nur zwei klar be-
stimmte Grundlagen für unsere heutigen Heere: entweder Werbung -
und diese ist veraltet und nur in Ausnahmsfällen wie England mög-
lich - oder allgemeine Wehrpflicht. Alle Konskriptionen und Aus-
losungen [44] sind eben nur sehr unvollkommene Formen der letzte-
ren. Der Grundgedanke des preußischen Gesetzes von 1814: daß je-
der Staatsbürger, der körperlich dazu fähig, auch verpflichtet
ist, während seiner waffenfähigen Jahre persönlich die Waffen zur
Verteidigung des Landes zu
#45# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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führen - dieser Grundgedanke steht hoch über dem Prinzip des
Stellvertreterkaufs aller Konsknptionsländer und wird nach fünf-
zigjährigem Bestehen sicher nicht den sehnsüchtigen Wünschen der
Bourgeoisie nach Einführung des "Menschenfleisch-Handels", wie
die Franzosen sagen, zum Opfer fallen.
Ist aber die preußische Wehrverfassung einmal auf allgemeine
Dienstpflicht, ohne Stellvertretung, begründet, so kann sie nur
dadurch in ihrem eignen Geist und wohltätig fortgebildet werden,
daß ihr Grundprinzip immer mehr verwirklicht wird. Sehen wir, wie
es damit steht.
1815 auf 10 Millionen Einwohner 40 000 Ausgehobene, macht 4 aufs
Tausend. 1861 auf 18 Millionen 63 000 Ausgehobene, macht 3 1/2
aufs Tausend. Also ein Rückschritt, wenn auch ein Fortschritt ge-
genüber dem Stand der Dinge bis 1859, wo bloß 2 2/9 aufs Tausend
ausgehoben wurden. Um nur den Prozentsatz von 1815 wieder zu er-
reichen, müßten 72 000 Mann ausgehoben werden. (Wir werden sehen,
daß allerdings jedes Jahr ungefähr diese Zahl oder mehr in das
Heer eintritt.) Aber ist die kriegerische Stärke des preußischen
Volkes mit einer jährlichen Rekrutierung von 4 aufs Tausend der
Bevölkerung erschöpft?
Die Darmstädter "Allgemeine Militär-Zeitung" [45] hat wiederholte
Male aus den Statistiken der deutschen Mittelstaaten nachgewie-
sen, daß in Deutschland v o l l k o m m e n d i e H ä l f t e
der zur Rekrutierung kommenden jungen Leute diensttauglich ist.
Nun betrug die Anzahl der im Jahre 1861 zur Rekrutierung kommen-
den jungen Männer, nach der "Zeitschrift des preuß. statistischen
Bureaus" [46] (März 1864) - 227 005. Dies gäbe jährlich 113 500
diensttaugliche Rekruten. Wir wollen von diesen 6500 als unab-
kömmlich oder moralisch unfähig streichen, so bleiben immer noch
107000 übrig. Warum dienen von diesen nur 63 000 oder höchstens
72 000 bis 75 000 Mann?
Der Kriegsminister von Roon teilte in der Session 1863 der Mili-
tärkommission des Abgeordnetenhauses folgende Aufstellung mit
über die Aushebung von 1861:
Gesamtzahl der Bevölkerung (Zählung von 1858) 17 758 823
Zwanzigjährige Militärpflichtige, Klasse 1861 217 438
Aus früheren Jahren übernommene Militärpflichtige,
über die noch nicht endgültig entschieden 384 364 565 802
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Davon sind:
1. Unermittelt geblieben 33 770
2. In andere Kreise gezogen und dort gestellungs-
pflichtig geworden 82 216
#46# Friedrich Engels
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3. Ohne Entschuldigung ausgeblieben 10 960
4. Als dreijährige Freiwillige eingetreten 5 025
5. Zum einjährigen Freiwilligendienst berechtigt 14 811
6. Als Theologen zurückgestellt oder befreit 1 638
7. Seedienstpflichtig 299
8. Als moralisch unfähig gestrichen 596
9. Augenfällig unbrauchbar von der Bezirkskommis-
sion entlassen 2 489
10. Dauernd unbrauchbar von der Bezirkskommission
entlassen 15 238
11. Zur Ersatzreserve übergetreten:
a) Unter 5 Fuß nach dreimaliger
Konkurrenz 8 998
b) Unter 5 Fuß 1 Zoll 3 Linien nach
dreimaliger Konkurrenz 9 553
c) Zeitig unbrauchbar nach dreimaliger
Konkurrenz 46 761
d) Wegen häusl. Verhältn. nach
dreimaliger Konkurrenz 4 213
e) Disponibel nach fünfmaliger Konkurrenz 291 69 816
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12. Zum Train designiert, außer den zum
Train Ausgehobenen 6 774
13. Auf ein Jahr zurückgestellt:
a) Zeitig unbrauchbar 219 136
b) Wegen häusl. Verhältnisse 10 013
c) Wegen Ehrenstrafen und Untersuchung 1 087 230 236 495 868
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Bleiben zur Aushebung............................ 69 934
Wirklich ausgehoben 59 459
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Bleiben disponibel 10 475
So unvollkommen diese Statistik ist, so unklar sie alles dadurch
macht, daß in jeder Position von l bis 13 die Leute der Al-
tersklasse 1861 mit den aus den beiden früheren Altersklassen
verfügbar gebliebenen Leuten zusammengeworfen werden, so enthält
sie doch einige sehr kostbare Eingeständnisse.
Es wurden eingestellt als Rekruten 59 459 Mann. Als dreijährige
Freiwillige traten ein 5025. Zum einjährigen Dienst waren berech-
tigt 14 811; da man es bekanntlich mit der Tauglichkeit der ein-
jährigen Freiwilligen gar
#47# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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nicht so genau nimmt, weil sie nichts kosten, so dürfen wir an-
nehmen, daß mindestens die Hälfte, also 7400, wirklich eintraten.
Dies ist sehr gering gerechnet; die Klasse von Leuten, die zum
einjährigen Dienst qualifizieren, besteht ohnehin meistens aus
tauglichen Leuten; solche, die von vornherein unbrauchbar sind,
geben sich gar nicht erst die Mühe zu qualifizieren. Doch nehmen
wir 7400 an. Danach traten in die Armee ein im Jahre 1861 zusam-
men 71 884 Mann.
Sehen wir weiter. Als Theologen wurden zurückgestellt oder be-
freit 1638 Mann. Warum die Herren Theologen nicht dienen sollen,
ist nicht abzusehen. Im Gegenteil, ein Jahr Armeedienst, Leben in
der freien Luft und Berührung mit der Außenwelt kann ihnen nur
nutzen. Stellen wir sie also flott ein; 1/3 der Gesamtzahl aufs
laufende Jahr, davon 3/4 untauglich, macht immer 139 Mann, welche
mitzunehmen sind.
Es wurden entlassen 18 551 Mann, weil sie das Maß nicht hatten.
Wohlgemerkt, nicht des Dienstes überhaupt, sondern "zur Reserve
entlassen". Im Kriegsfall sollen sie also doch Dienst tun. Nur
der Paradedienst des Friedens soll ihnen erlassen bleiben, dazu
sind sie nicht ansehnlich genug. Man gesteht also zu, daß diese
kleinen Leute ganz gut zum Dienst brauchbar sind, und will sie
selbst für den Notfall benutzen. D a ß diese kleinen Leute ganz
gute Soldaten sein können, beweist die französische Armee, in der
Leute bis zu 4 Fuß 8 Zoll herab dienen. Wir schlagen sie also un-
bedingt zu den militärischen Ressourcen des Landes. Die obige
Zahl schließt bloß diejenigen ein, welche definitiv nach dreima-
liger Konkurrenz wegen Körperkürze zurückgewiesen wurden; es ist
also eine Zahl, die sich jährlich wiederholt. Wir streichen die
Hälfte als aus ändern Rücksichten unbrauchbar, es bleiben uns
also 9275 kleine Kerle, welche ein gewandter Offizier sicher bald
in prächtige Soldaten umarbeiten würde.
Ferner finden wir zum Train designiert, a u ß e r den zum Train
ausgehobenen Leuten, 6774. Der Train gehört aber auch zur Armee,
und es ist nicht abzusehen, weswegen diese Leute nicht die kurze
sechsmonatliche Dienstzeit beim Train mitmachen sollen, was
sowohl für sie wie für den Train besser wäre.
Wir haben also:
Wirklich in Dienst getretene Leute 71 884
Theologen 139
Taugliche Leute, die das Maß nicht haben 9 275
Zum Train designierte Leute 6 774
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Zusammen 88 072 Mann,
#48# Friedrich Engels
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welche nach dem e i g e n e n E i n g e s t ä n d n i s der
von Roonschen Statistik jedes Jahr in die Armee eintreten könn-
ten, wenn man mit der allgemeinen Wehrpflicht Ernst machte.
Nehmen wir nun die Unbrauchbaren vor.
Es werden auf ein Jahr zurückgestellt
als zeitig unbrauchbar 219 136 Mann
Nach dreimaliger Konkurrenz als ditto
in die Reserve verwiesen 46 761 "
Als dauernd unbrauchbar gestrichen nur. 17 727 "
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Zusammen 283 624 Mann,
so daß die wegen w i r k l i c h e r körperlicher Gebrechen
d a u e r n d untauglichen Leute noch nicht 7% der sämtlichen,
wegen Untauglichkeit vom Dienst ausgeschlossenen Mannschaft, noch
nicht 4% der gesamten, jährlich vor die Ersatzkommissionen kom-
menden Leute bilden. Beinahe 17% der zeitig Untauglichen werden
jährlich, nach dreimaliger Konkurrenz, in die Reserve verwiesen.
Es sind also 23jähnge Leute, Leute in einem Alter, wo die Körper-
konstitution bereits anfängt, sich zu setzen. Wir werden sicher
nicht zu hoch greifen, wenn wir annehmen, daß von diesen ein
Drittel nach erreichtem 25. Lebensjahre zum Dienst ganz brauchbar
ist, macht 15 587 Mann. Das Mindeste, was man von diesen Leuten
erwarten kann, ist, daß sie zwei Jahre lang jedes Jahr bei der
Infanterie drei Monate Dienst tun, um wenigstens die Rekruten-
schule durchzumachen. Dies käme gleich einer Vermehrung der Frie-
densarmee um 3897 Mann.
Nun ist aber das ganze medizinische Prüfungswesen der Rekruten in
Preußen in eine eigentümliche Bahn gelenkt worden. Man hatte im-
mer mehr Rekruten, als man einstellen konnte, und man wollte doch
den Schein der allgemeinen Wehrpflicht beibehalten. Was war be-
quemer, als sich die besten Leute in der gewünschten Zahl auszu-
suchen und den Rest unter irgendwelchem Verwände für untauglich
zu erklären? Unter diesen Verhältnissen, welche, wohlgemerkt,
seit 1815 in Preußen bestanden haben und noch bestehen, hat der
Begriff der Untauglichkeit dort eine ganz abnorme Ausdehnung er-
halten, wie dies am besten bewiesen ist durch die Vergleichung
mit den deutschen Mittelstaaten. In diesen, wo die Konskription
und Auslosung besteht, lag kein Grund vor, mehr Leute für untaug-
lich zu erklären, als wirklich untauglich waren. Die Verhältnisse
sind dieselben wie in Preußen; in einzelnen Staaten, Sachsen
z.B., noch schlechter, weil dort der Prozentsatz der industriel-
len Bevölkerung größer ist. Nun ist wie gesagt
#49# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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in der "Allg. Mil.-Ztg." aber und abermals nachgewiesen worden,
daß in den Mittelstaaten eine v o l l e H ä l f t e der zur
Gestellung kommenden Leute brauchbar ist, und das muß in Preußen
auch der Fall sein. Sobald ein ernsthafter Krieg ausbricht, wird
die Vorstellung von der Diensttauglichkeit in Preußen eine plötz-
liche Revolution erleben, und man wird dann, zu seinem Schaden zu
spät, erfahren, wie viel brauchbare Kräfte man sich hat entgehen
lassen.
Nun aber kommt das Wunderbarste. Unter den 565 802 Dienstpflich-
tigen, über die zu entscheiden ist, sind:
Unermittelt geblieben 55 770 Mann
In andere Kreise gezogen oder dort
gestellungspflichtig geworden 82 216 "
Ohne Entschuldigung ausgeblieben 10 960 "
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Zusammen 148 946 Mann.
Also trotz der gerühmten preußischen Kontrolle - und wer je in
Preußen militärpflichtig war, weiß, was es damit zu sagen hat -
verschwinden volle 27% der Dienstpflichtigen in jedem Jahr? Wie
ist das möglich? Und wo bleiben die 82 216 Mann, welche aus der
Liste gestrichen werden, weil sie "in andere Kreise gezogen oder
dort gestellungspflichtig geworden" sind? Braucht man heutzutage
bloß von Berlin nach Potsdam zu ziehen, um von der Dienstpflicht
freizukommen? Wir wollen annehmen, daß hier - Homer schlummert ja
bisweilen - die Herren Beamten in ihrer Statistik einfach einen
Bock geschossen haben, nämlich daß diese 82 216 Mann unter der
Gesamtsumme von 565 802 z w e i m a l figurieren: erstens in
ihrem Heimatkreise und zweitens in dem Kreise, wohin sie ausge-
wandert sind. Es wäre sehr zu wünschen, daß dies festgestellt
würde, wozu die Militärkommission der Kammer die beste Gelegen-
heit hat, denn eine Reduktion der wirklichen Militärpflichtigen
auf 483 586 würde alle Prozentsätze bedeutend ändern. Nehmen wir
indes an, daß dem so ist, so bleiben immer noch 66 730 Mann, wel-
che jährlich verschwinden und verdunsten, ohne daß die preußische
Kontrolle und Polizei sie unter den Helm bringen kann. Das sind
beinahe 14% der Dienstpflichtigen. Hieraus folgt, daß die ganze
Erschwerung der Freizügigkeit, welche unter dem Vorwand der Mili-
tärpflichtskontrolle in Preußen herrscht, v o l l s t ä n d i g
ü b e r f l ü s s i g ist. Die wirkliche Auswanderung aus Preu-
ßen ist notorisch s e h r g e r i n g und steht in gar keinem
Verhältnis zu der Zahl der verdunsteten Rekruten. Diese beinahe
67 000 Mann wandern auch gar nicht alle aus. Der größte Teil
bleibt entweder ganz im Inlande oder geht nur auf kurze Zeit ins
Ausland. Überhaupt sind alle
#50# Friedrich Engels
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Präventivmaßregeln gegen Entziehung von der Militärpflicht unnütz
und treiben höchstens zur Auswanderung an. Die Masse der jungen
Leute kann ohnehin nicht auswandern. Man lasse nur die Leute
richtig und ohne Gnade nachdienen, die sich der Einstellung ent-
zogen haben, so braucht man den ganzen Plunder von Plackerei und
Schreiberei nicht und bekommt mehr Rekruten als vorher.
Wir wollen übrigens, um ganz sicher zu gehen, nur dasjenige als
erwiesen annehmen, was aus Herrn von Roons eigner Statistik her-
vorgeht: nämlich daß, die einjährigen Freiwilligen ungerechnet,
85 000 junge Leute jährlich eingestellt werden können. Nun ist
der Stand der jetzigen Friedensarmee ungefähr 210 000 Mann. Bei
zweijähriger Dienstzeit geben 85 000 Mann jährlich zusammen
170 000 Mann, wozu Offiziere, Unteroffiziere und Kapitulanten,
25 000 bis 35 000 Mann, kommen, macht zusammen 195 000 bis
205 000 Mann, mit den einjährigen Freiwilligen 202 000 bis
212 000 Mann. Mit zweijähriger Dienstzeit der Infanterie und Fuß-
artillerie (von der Kavallerie sprechen wir später) können also
selbst nach der eigenen Statistik der Regierung sämtliche Cadres
der reorganisierten Armee auf den vollen Friedensstand gebracht
werden. Bei w i r k l i c h e r Durchführung der allgemeinen
Wehrpflicht würde man, bei zweijähriger Dienstzeit, höchstwahr-
scheinlich 30 000 Mann mehr haben; man könnte also, um doch die
Zahl von 200 000 bis 210 000 Mann nicht zu überschreiten, einen
Teil der Leute schon nach 1 bis 1 1/2 Jahr entlassen. Eine solche
frühere Entlassung als Prämie für Diensteifer würde der ganzen
Armee mehr nützen als sechs Monate längere Dienstzeit.
Der Kriegsfuß würde sich wie folgt stellen:
4 Jahrgänge des Reorganisationsplans ergeben à 63 000 Mann
252 000 Reservisten. 3 Jahrgänge à 85 000 ergeben 255 000 Reser-
visten. Also sicher ebenso günstig wie der Reorganisationsplan.
(Da es sich hier nur um das V e r h ä l t n i s handelt, macht
es nichts aus, daß wir von den Abgängen der Reservealtersklassen
hier ganz absehen.)
Hier liegt der schwache Punkt des Reorganisationsplans. Unter dem
Schein, auf die ursprüngliche allgemeine Wehrpflicht zurückzu-
greifen, welche allerdings ohne eine Landwehr als große Armee-
reserve nicht bestehen kann, macht er vielmehr eine Schwenkung
nach dem französisch-östreichischen Cadresystem [47] hin und
bringt dadurch eine Unsicherheit in die preußische Wehrverfas-
sung, die von den schlimmsten Folgen sein muß. Man kann nicht
beide Systeme vermischen, man kann nicht die Vorteile beider
zugleich haben. Es ist unleugbar und nie bestritten worden, daß
ein Cadresystem mit langer Dienst- und Präsenzzeit der Armee für
den
#51# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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Anfang des Kriegs große Vorteile gewährt. Die Leute kennen sich
besser; selbst die Beurlaubten, denen der Urlaub meist nur auf
kürzere Zeit auf einmal zugemessen wird, sehen sich während der
ganzen Urlaubszeit als Soldaten an und sind stets auf dem
Sprunge, zu den Fahnen einberufen zu werden - was die preußischen
Reservisten sicher nicht sind; die Bataillone haben dadurch unbe-
dingt mehr Halt, wenn sie zum ersten Mal ins Feuer kommen.
Dagegen ist einzuwenden, daß, wenn man hierauf am meisten sieht,
man ebensogut das englische System der zehnjährigen Dienstzeit
bei den Fahnen annehmen kann; daß den Franzosen ihre algerischen
Feldzüge, die Kriege in der Krim und in Italien [48] sicher weit
mehr genützt haben als die lange Dienstzeit; und daß man endlich,
bei diesem System, nur einen Teil des waffenfähigen Materials
ausbilden kann, also lange nicht alle Kräfte der Nation in Tätig-
keit bringt. Außerdem gewöhnt sich der deutsche Soldat erfah-
rungsmäßig sehr leicht ans Feuer, und drei tüchtige, mit minde-
stens wechselndem Glück durchgeführte Gefechte bringen ein sonst
gutes Bataillon schon so weit, wie ein ganzes Jahr Extradienst-
zeit. Für einen Staat wie Preußen ist das Cadresystem eine Unmög-
lichkeit. Mit dem Cadresystem brächte Preußen es auf eine Armee
von h ö c h s t e n s 300 000 bis 400 000 Mann, bei einem Frie-
densstande von 200 000 Mann. Soviel aber hat es, um als Großmacht
sich zu halten, schon für die erste Feldarmee zum Ausrücken nö-
tig, d.h. es bedarf, mit Festungsbesatzungen, Ersatzmannschaften
usw., für jeden ernsthaften Krieg 500 000 bis 600 000 Mann. Wenn
die 18 Millionen Preußen im Krieg ein annähernd ebenso zahlrei-
ches Heer aufstellen sollen wie die 35 Millionen Franzosen, 34
Millionen Östreicher und 60 Millionen Russen, so kann das nur
durch allgemeine Dienstpflicht, kurze, aber angestrengte Dienst-
zeit und verhältnismäßig lange Landwehrverpflichtung geschehen.
Man wird bei diesem System immer von der Schlagfertigkeit und
selbst von der Schlagtüchtigkeit der Truppe im ersten Augenblicke
des Kriegs etwas zu opfern haben; Staat und Politik werden einen
neutralen, defensiven Charakter erhalten; man wird sich aber auch
erinnern dürfen, daß die übermütige Offensive des Cadresystems
von Jena nach Tilsit und die bescheidne Defensive des Landwehrsy-
stems mit allgemeiner Dienstpflicht von der Katzbach nach Paris
[49] geführt hat. Also: Entweder Konskription und Stellvertretung
mit 7- bis 8jähriger Dienstzeit, wovon etwa die Hälfte bei den
Fahnen, und dann keine spätere Landwehrverpflichtung; oder aber
allgemeine Dienstpflicht 5-, höchstens 6jähriger Dienstzeit, wo-
von 2 bei den Fahnen, und dann Landwehrverpflichtung in preußi-
scher oder schweizerischer Art [50]. Aber daß die Masse des Volks
erst die Last des Konskriptionssystems und nachher noch die des
Landwehrsystems
#52# Friedrich Engels
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tragen soll, das kann keine europäische Nation mitmachen, nicht
einmal die Türken, die doch in ihrer kriegerischen Barbarei im
Ertragen noch das meiste leisten. Viele ausgebildete Leute bei
kurzer Dienstzeit und langer Verpflichtung, oder wenige bei lan-
ger Dienstzeit und kurzer Verpflichtung - das ist die Frage; aber
man muß entweder das eine oder das andre wählen.
William Napier, der den englischen Soldaten natürlich für den er-
sten der Welt erklärt, sagt in seiner "Geschichte des Halbinsel-
kriegs", daß der englische Infanterist nach dreijähriger Dienst-
zeit nach allen Seiten vollständig ausgebildet sei. Nun muß man
wissen, daß die Elemente, aus denen sich die englische Armee zu
Anfang dieses Jahrhunderts zusammensetzte, die niedrigsten waren,
aus denen überhaupt ein Heer gebildet werden kann. Die heutige
englische Armee ist aus viel bessern Elementen gebildet, und auch
diese sind noch unendlich schlechter in moralischer und intellek-
tueller Beziehung als die Elemente der preußischen Armee. Und was
die englischen Offiziere mit jenem Lumpengesindel in drei Jahren
fertigbrachten, das sollte man in Preußen mit dem so äußerst
bildsamen, teilweise schon so gebildeten, von vornherein mora-
lisch geschulten Rekrutenrohstoff nicht in 2 Jahren machen kön-
nen?
Allerdings muß der Soldat jetzt mehr lernen. Aber das ist nie
ernstlich gegen die zweijährige Dienstzeit eingewandt worden. Man
hat sich stets auf die Anerziehung des w a h r e n S o l d a-
t e n g e i s t e s gestützt, der erst im dritten Dienstjahr
herauskomme. Dies ist, wenn die Herren ehrlich heraussprechen und
wenn wir von der oben zugegebenen größeren Tüchtigkeit der
Bataillone absehn wollen, weit mehr ein politisches als ein
militärisches Motiv. Der wahre Soldatengeist soll sich am inneren
Düppel [51] mehr bewähren als am äußeren. Wir haben nie gesehen,
daß der einzelne preußische Soldat im dritten Dienst jähre etwas
mehr gelernt hat als sich langweilen, den Rekruten Schnäpse
auspressen und über seine Vorgesetzten schlechte Witze reißen.
Wenn die meisten unsrer Offiziere nur ein Jahr als Gemeine oder
Unteroffiziere gedient hätten, so könnte ihnen dies unmöglich
entgangen sein. - Der "wahre Soldatengeist", soweit er politi-
scher Natur ist, geht erfahrungsmäßig und sehr rasch zum Teufel,
und zwar auf Nimmerwiederkehren. Der militärische bleibt, auch
nach 2 Dienstjahren.
Zwei Jahre Dienstzeit reichen also bei unsern Soldaten vollstän-
dig hin, sie für den Infanteriedienst auszubilden. Seitdem die
Feldartillerie von der Festungsartillerie getrennt ist, gilt von
der Fußartillerie dasselbe; einzelne Schwierigkeiten, welche sich
hier zeigen mögen, werden sich heben lassen, sei es durch noch
größere Teilung der Arbeit, sei es durch die ohnehin
#53# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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wünschenswerte Vereinfachung des Feldartillerie-Materials. Eine
größere Einstellung von Kapitulanten würde ebenfalls keine
Schwierigkeiten finden; aber diese Klasse von Leuten ist ja grade
in der preußischen Armee gar nicht gern gesehen, sofern sie sich
nicht zu Unteroffizieren eignen - welch ein Zeugnis g e g e n
die lange Dienstzeit! Nur bei der Festungsartillerie und mit ih-
rem so sehr mannigfaltigen Material und beim Genie mit seinen
vielseitigen Arbeitszweigen, die doch nie ganz getrennt werden
können, werden intelligente Kapitulanten wertvoll, aber auch sel-
ten sein. Die reitende Artillerie wird die Dienstzeit der Kaval-
lerie nötig haben.
Was die Kavallerie betrifft, so braucht eine geborene Reiterei
nur kurze, eine erzogene dagegen unbedingt lange Dienstzeit. Wir
haben wenig geborene Reiterei und brauchen daher die vierjährige
Dienstzeit des Reorganisationsplanes sicher. Die Reiterei hat zu
ihrer einzigen wahren Kampfform den geschlossenen Angriff mit der
blanken Waffe, zu dessen Durchführung der höchste Mut und das
vollste Vertrauen der Leute aufeinander gehört. Die Leute müssen
also wissen, daß sie sich aufeinander und auf ihre Führer verlas-
sen können. Dazu gehört lange Dienstzeit. Aber ohne Vertrauen des
Reiters auf sein Pferd taugt die Kavallerie auch nichts; der Mann
muß eben reiten können, und um diese Sicherheit in der Beherr-
schung des Pferdes - d.h. so ziemlich jedes Pferdes, das ihm zu-
geteilt wird - erlangen zu können, dazu gehört auch lange Dienst-
zeit. In dieser Waffe sind Kapitulanten unbedingt wünschenswert,
je echtere Landsknechte, desto besser, solange sie nur Spaß am
Handwerk haben. Man wird uns von oppositioneller Seite vorwerfen,
das heiße eine Reiterei von lauter Mietlingen schaffen, die zu
jedem Staatsstreich die Hand bieten würde. Wir antworten: mag
sein. Aber die Kavallerie wird unter bestehenden Verhältnissen
immer reaktionär sein (man vergleiche die badischen Dragoner 1849
[52]), grade wie die Artillerie immer liberal sein wird. Das
liegt in der Natur der Sache. Ein paar Kapitulanten mehr oder we-
niger ändern daran nichts. Und beim Barrikadenkampf ist Kavalle-
rie doch nicht zu gebrauchen; der Barrikadenkampf in großen Städ-
ten, namentlich die Haltung der Infanterie und Artillerie dabei,
entscheidet aber heutzutage das Schicksal aller Staatsstreiche.
Nun gibt es aber, außer der Vermehrung der Kapitulanten, noch an-
dere Mittel, die Schlagfähigkeit und den inneren Zusammenhang ei-
ner Armee mit kurzer Dienstzeit zu heben. Hierzu gehören u.a.
Übungslager, wie der Kriegsminister von Roon sie selbst als ein
Ausgleichungsmittel der kürzeren Dienstzeit bezeichnet hat. Fer-
ner ein rationeller Betrieb der Ausbildung, und in dieser Bezie-
hung ist in Preußen noch sehr viel zu tun. Der ganze
#54# Friedrich Engels
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Aberglaube, daß bei kurzer Dienstzeit die übertriebene Präzision
des Parademarsches, das "stramme" Exerzieren und das lächerlich
hohe Aufheben der Beine - "frei aus dem Hüftgelenk" ein Loch in
die Natur stoßen - nötig seien, um die kurze Dienstzeit aufzuwie-
gen, dieser ganze Aberglaube beruht auf lauter Übertreibung. Man
hat sich das in der preußischen Armee so lange vorgeredet, bis es
zuletzt zu einem unzweifelbaren Axiom geworden ist. Was hat es
für einen Vorteil, wenn die Leute bei den Gewehrgriffen das Ge-
wehr mit einer Vehemenz gegen die Schulter schlagen, daß sie
beinahe umfallen, und doch ein höchst unmilitärisches Schüttern
durch die ganze Front geht, wie man es bei keiner ändern Armee
sieht? Endlich ist als ein Äquivalent der verkürzten Dienstzeit -
und als das wesentlichste - anzusehn eine bessere körperliche Er-
ziehung der Jugend. Nur muß man dann auch zusehen, daß wirklich
etwas geschieht. Man hat zwar in allen Dorfschulen Barren und
Reck aufgestellt, aber damit können unsere armen Schullehrer noch
wenig anfangen. Man setze in jeden Kreis mindestens einen ausge-
dienten Unteroffizier hin, der sich zum Turnlehrer qualifiziert,
und gebe ihm die Leitung des Unterrichts im Turnen; man sorge da-
für, daß mit der Zeit der Schuljugend das Marschieren in Reih und
Glied, die Bewegungen eines Zugs und einer Kompanie, die Ver-
trautheit mit den betreffenden Kommandos beigebracht werden. In 6
bis 8 Jahren wird man reichlich dafür bezahlt werden und - mehr
und stärkere Rekruten haben.
Bei der obigen Kritik des Reorganisationsplans haben wir uns, wie
gesagt, lediglich an die tatsächlich vorliegenden politischen und
militärischen Verhältnisse gehalten. Zu diesen gehört die Voraus-
setzung, daß unter den jetzigen Umständen die gesetzliche Fest-
stellung der zweijährigen Dienstzeit für die Infanterie und Fuß-
artillerie die höchste zu erreichende Verkürzung der Dienstzeit
war. Wir sind sogar der Meinung, daß ein Staat wie Preußen den
größten Bock begehen würde - sei an der Regierung welche Partei
da wolle -, wenn er die normale Dienstzeit augenblicklich noch
mehr verkürzte. Solange man die französische Armee auf der einen,
die russische auf der ändern Seite hat und die Möglichkeit eines
kombinierten Angriffs beider zu gleicher Zeit, braucht man Trup-
pen, die die ersten Elemente der Kriegsschule nicht erst vor dem
Feind zu lernen haben. Wir nehmen daher keinerlei Rücksicht auf
die Phantasien von einem Milizheer mit sozusagen gar keiner
Dienstzeit; wie man sich die Sache vorstellt, ist sie heute für
ein Land von 18 Millionen Einwohnern und sehr exponierten Grenzen
unmöglich und selbst für andere Verhältnisse nicht in dieser
Weise möglich.
#55# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arheilerpartei
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Nach allem Vorhergegangenen: Waren die Grundzüge des Reorganisa-
tionsplans für ein Abgeordnetenhaus annehmbar, das sich auf den
preußischen Standpunkt stellt? Wir sagen, aus militärischen und
politischen Gründen: Die Vermehrung der Gadres in der durchge-
führten Weise, die Verstärkung der Friedensarmee auf 180 000 bis
200 000 Mann, die Zurückschiebung der Landwehr ersten Aufgebots
in die große Armeereserve oder zweite Feldarmee resp. Festungsbe-
satzung, war annehmbar auf die Bedingung hin, d a ß d i e
a l l g e m e i n e D i e n s t p f l i c h t s t r e n g
d u r c h g e f ü h r t , d a ß d i e D i e n s t z e i t
a u f z w e i J a h r e b e i d e r F a h n e, d r e i i n
d e r R e s e r v e u n d b i s z u m 3 6. J a h r i n
d e r L a n d w e h r g e s e t z l i c h f e s t g e-
s e t z t und endlich, daß d i e C a d r e s d e r L a n d-
w e h r ersten Aufgebots wiederhergestellt wurden. Waren diese
Bedingungen zu erlangen? Nur wenige, die den Debatten gefolgt
sind, werden leugnen, daß dies unter der "Neuen Ära" [53] und
selbst vielleicht noch später möglich war.
Wie benahm sich nun die bürgerliche Opposition?
#56#
-----
II
Die preußische Bourgeoisie, die als der entwickeltste Teil der
ganzen deutschen Bourgeoisie hier ein Recht hat, diese mit zu re-
präsentieren, fristet ihre politische Existenz durch einen Mangel
an Mut, der in der Geschichte, selbst dieser wenig couragierten
Klasse, seinesgleichen nicht findet und nur durch die gleichzei-
tigen auswärtigen Ereignisse einigermaßen entschuldigt wird. Im
März und April 1848 hatte sie das Heft in der Hand; aber kaum be-
gannen die ersten selbständigen Regungen der Arbeiterklasse, als
die Bourgeoisie sofort Angst bekam und sich unter den Schutz der-
selben Bürokratie und desselben Feudaladels zurückflüchtete, die
sie eben noch mit Hülfe der Arbeiter besiegt hatte. Die Periode
Manteuffel [54] war die unvermeidliche Folge. Endlich kam - ohne
Zutun der bürgerlichen Opposition - die "Neue Ära". Der unver-
hoffte Glücksfall verdrehte den Bürgern die Köpfe. Sie vergaßen
ganz die Stellung, die sie sich durch ihre wiederholten Verfas-
sungsrevisionen, ihre Unterwerfung unter die Bürokratie und die
Feudalen (bis zur Wiederherstellung der feudalen Provinzial- und
Kreisstände [55]), ihr fortwährendes Zurückweichen von Position
zu Position selbst gemacht hatten. Sie glaubten jetzt, wieder das
Heft in der Hand zu haben, und vergaßen ganz, daß sie selbst alle
die ihnen feindlichen Mächte wiederhergestellt hatten, die, seit-
dem erstarkt, ganz wie vor 1848 die wirkliche Staatsgewalt in Be-
sitz hielten. Da kam die Armeereorganisation wie eine brennende
Bombe zwischen sie gefahren.
Die Bourgeoisie hat nur zwei Wege, sich politische Macht zu ver-
schaffen. Da sie eine Armee von Offizieren ohne Soldaten ist und
sich diese Soldaten nur aus den Arbeitern schaffen kann, so muß
sie entweder sich die Allianz der Arbeiter sicherstellen oder sie
muß den ihr nach oben gegenüberstehenden Mächten, namentlich dem
Königtum, die politische Macht stückweise abkaufen. Die Ge-
schichte der englischen und französischen Bourgeoisie zeigt, daß
kein anderer Weg existiert.
#57# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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Nun hatte die preußische Bourgeoisie - und zwar ohne allen Grund
- alle Lust verloren, eine aufrichtige Allianz mit den Arbeitern
zu schließen. Im Jahre 1848 war die, damals noch in den Anfängen
der Entwickelung und Organisation begriffene, deutsche Arbeiter-
partei bereit, für sehr billige Bedingungen die Arbeit für die
Bourgeoisie zu tun, aber diese fürchtete die geringste selbstän-
dige Regung des Proletariats mehr als den Feudaladel und die Bü-
rokratie. Die um den Preis der Knechtschaft erkaufte Ruhe schien
ihr wünschenswerter als selbst die bloße A u s s i c h t des
Kampfes mit der Freiheit. [56] Seitdem war dieser heilige Schrec-
ken vor den Arbeitern bei den Bürgern traditionell geworden, bis
endlich Herr Schulze-Delitzsch seine Sparbüchsenagitation begann
[57]. Sie sollte den Arbeitern beweisen, daß sie kein größeres
Glück haben könnten, als zeitlebens, und selbst in ihren Nachkom-
men, von der Bourgeoisie industriell ausgebeutet zu werden; ja
daß sie selbst zu dieser Ausbeutung beitragen müßten, indem sie
durch allerhand industrielle Vereine sich selbst einen Nebenver-
dienst und damit den Kapitalisten die Möglichkeit zur Herabset-
zung des Arbeitslohns verschafften. Obwohl nun die industrielle
Bourgeoisie sicher neben den Kavallenelieutenants die ungebil-
detste Klasse deutscher Nation ist, so war doch bei einem geistig
so entwickelten Volk wie dem deutschen eine solche Agitation von
vornherein ohne alle Aussicht auf dauernden Erfolg. Die einsich-
tigeren Köpfe der Bourgeoisie selbst mußten begreifen, daß daraus
nichts werden konnte, und die Allianz mit den Arbeitern fiel
abermals durch.
Blieb das Feilschen mit der Regierung um politische Macht, wofür
bares Geld - aus der Volkstasche natürlich - bezahlt wurde. Die
w i r k l i c h e Macht der Bourgeoisie im Staate bestand nur in
dem, noch dazu sehr verklausulierten - Steuerbewilligungsrecht.
Hier also mußte der Hebel angesetzt werden, und eine Klasse, die
sich so vortrefflich aufs Abdingen verstand, mußte hier sicher im
Vorteil sein.
Aber nein. Die preußische bürgerliche Opposition - ganz im Gegen-
satz namentlich zu dem klassischen Bürgertum Englands im 17. und
18. Jahrhundert - verstand die Sache dahin: daß sie Macht erfeil-
sche, o h n e Geld dafür zu zahlen.
Vom rein bürgerlichen Standpunkt aus und unter voller Berücksich-
tigung der Verhältnisse, unter denen die Armeereorganisation vor-
gebracht wurde, was war da die richtige Politik der bürgerlichen
Opposition? Sie mußte es wissen, wenn sie ihre Kräfte kannte, daß
sie, die eben noch aus der Manteuffelschen Erniedrigung - und
wahrlich ohne ihr eigenes Zutun - emporgehoben worden war, sicher
nicht die Macht hatte, die f a k t i s c h e Durchführung des
Planes zu hindern, die ja auch ins Werk gesetzt wurde.
#58# Friedrich Engels
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Sie mußte wissen, daß mit jeder fruchtlos hingegangenen Session
die neue, faktisch bestehende Einrichtung schwerer zu beseitigen
war; daß also die Regierung von Jahr zu Jahr weniger bieten
würde, um die Zustimmung der Kammer zu erlangen. Sie mußte wis-
sen, daß sie noch lange nicht soweit war, Minister ein- und ab-
setzen zu können, daß also, je länger der Konflikt dauerte, je
weniger zu Kompromissen geneigte Minister sie sich gegenüber ha-
ben würde. Sie mußte endlich wissen, daß es vor allem ihr eignes
Interesse war, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Denn
ein ernstlicher Konflikt mit der Regierung mußte, bei dem Ent-
wicklungsstande der deutschen Arbeiter, notwendig eine unabhän-
gige Arbeiterbewegung ins Leben rufen und ihr damit wieder für
den äußersten Fall das Dilemma vorführen: entweder eine Allianz
mit den Arbeitern, aber diesmal unter weit ungünstigeren Bedin-
gungen als 1848, oder aber auf die Knie vor der Regierung und:
pater, peccavi!
Die liberale und fortschrittliche Bourgeoisie [58] mußte demnach
die Armeereorganisation mitsamt der davon unzertrennlichen Erhö-
hung des Friedensstandes einer unbefangenen sachlichen Prüfung
unterwerfen, wobei sie wahrscheinlich zu ungefähr denselben Re-
sultaten gekommen wäre wie wir. Sie durfte dabei nicht vergessen,
daß sie die vorläufige Einführung der Neuerung doch nicht hindern
und ihre schließliche Feststellung nur verzögern konnte, solange
der Plan so viel richtige und brauchbare Elemente enthielt. Sie
mußte also vor allen Dingen sich hüten, von vornherein in eine
direkt feindliche Stellung gegen die Reorganisation zu kommen;
sie mußte im Gegenteil diese Reorganisation und die dafür zu be-
willigenden Gelder benutzen, um sich dafür von der "Neuen Ära"
möglichst viel Äquivalente zu kaufen, um die 9 oder 10 Millionen
neue Steuern in möglichst viel politische Gewalt für sich selbst
umzusetzen.
Und was war da nicht alles noch zu tun! Da war die ganze Manteuf-
felsche Gesetzgebung über die Presse und das Vereinsrecht; da war
die ganze, aus der absoluten Monarchie unverändert übernommene
Polizei- und Beamtengewalt; die Beseitigung der Gerichte durch
Kompetenzkonflikte; die Provinzial- und Kreisstände; vor allem
die unter Manteuffel herrschende Auslegung der Verfassung, gegen-
über welcher eine neue konstitutionelle Praxis festzustellen war;
die Verkümmerung der städtischen Selbstregierung durch die Büro-
kratie; und noch hundert andere Dinge, die jede andere Bour-
geoisie in gleicher Lage gern mit einer Steuervermehrung von 1/2
Taler pro Kopf erkauft hätte und die alle zu haben waren, wenn
man einigermaßen geschickt verfuhr. Aber die bürgerliche Opposi-
tion dachte anders. Was die Preß-, Vereins- und Versammlungsfrei-
heit anging, so hatten Manteuffels
#59# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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Gesetze gerade dasjenige Maß festgestellt, worin die Bürger sich
behaglich fühlten. Sie konnten ungehindert gelind gegen die Re-
gierung demonstrieren; jede Vermehrung der Freiheit brachte ihnen
weniger Vorteil als den Arbeitern, und ehe die Bourgeoisie den
Arbeitern Freiheit zu einer selbständigen Bewegung gab, ließ sie
sich lieber etwas mehr Zwang von seiten der Regierung antun.
Ebenso war es mit der Beschränkung der Polizei- und Beamtenge-
walt. Die Bourgeoisie glaubte, durch das Ministerium der "Neuen
Ära" die Bürokratie sich schon unterworfen zu haben, und sah es
gern, daß diese Bürokratie freie Hand gegen die Arbeiter behielt.
Sie vergaß ganz, daß die Bürokratie weit stärker und lebenskräf-
tiger war als irgendein bürgerfreundliches Ministerium. Und dann
bildete sie sich ein, daß mit dem Fall Manteuffels das Tausend-
jährige Reich der Bürger eingetreten sei und daß es sich nur noch
darum handle, die reife Ernte der bürgerlichen Alleinherrschaft
einzuheimsen, ohne einen Pfennig dafür zu zahlen.
Aber die vielen zu bewilligenden Gelder, nachdem schon die paar
Jahre seit 1848 soviel Geld gekostet, die Staatsschuld so ver-
mehrt und die Steuern so erhöht hatten! - Meine Herren, Sie sind
die Deputierten des jüngsten konstitutionellen Staats der Welt,
und Sie wissen nicht, daß der Konstitutionalismus die teuerste
Regierungsform der Welt ist? fast noch teurer als der Bonapartis-
mus, der - après moi le déluge 1*) - die alten Schulden durch im-
mer neue deckt und so in zehn Jahren die Ressourcen eines Jahr-
hunderts diskontiert? Die goldenen Zeiten des gefesselten Absolu-
tismus, die Ihnen noch immer vorschweben, kommen nie wieder.
Aber die Verfassungsklauseln wegen Forterhebung einmal bewillig-
ter Steuern? - Jedermann weiß, wie verschämt die "Neue Ära" im
Geldfordern war. Dadurch daß man, für wohlverbriefte Gegenkonzes-
sionen, die Ausgaben für die Reorganisation ins Ordinarium
setzte, dadurch war noch wenig vergeben. Es handelte sich um die
Bewilligung neuer Steuern, wodurch diese Ausgaben zu decken
waren. Hier konnte man knausern, und dazu konnte man sich kein
besseres Ministerium wünschen als das der Neuen Ära. Man behielt
doch das Heft noch in der Hand, soweit man es vorher besaß, und
man hatte sich neue Machtmittel auf ändern Gebieten erobert.
Aber die Stärkung der Reaktion, wenn man ihr Hauptwerkzeug, die
Armee, verdoppelte? - Dies ist ein Gebiet, wo die Fortschritts-
bürger mit sich selbst in die unauflöslichsten Konflikte geraten.
Sie verlangen von Preußen, es soll die Rolle des deutschen Pie-
mont spielen. Dazu gehört eine starke schlagfertige Armee. Sie
haben ein Ministerium der Neuen Ära, das
-----
1*) nach mir die Sündflut
#60# Friedrich Engels
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im stillen dieselben Ansichten hegt, das beste Ministerium, das
sie, unter den Umständen, haben können. Sie v e r w e i g e r n
diesem Ministerium die verstärkte Armee. - Sie führen tagtäglich,
von Morgen bis Abend, Preußens Ruhm, Preußens Größe, Preußens
Machtentwickelung auf der Zunge; aber sie v e r w e i g e r n
Preußen eine Armeeverstärkung, die nur im richtigen Verhältnis zu
derjenigen steht, welche die übrigen Großmächte seit 1814 bei
sich eingeführt haben. - Weshalb das alles? Weil sie fürchten,
diese Verstärkung werde nur der Reaktion zugute kommen, werde den
heruntergekommenen Offiziersadel heben und überhaupt der feudalen
und bürokratisch-absolutistischen Partei die Macht geben, mit ei-
nem Staatsstreich den ganzen Konstitutionalismus zu begraben.
Zugegeben, daß die Fortschrittsbürger recht hatten, die Reaktion
nicht zu stärken, und daß die Armee der sicherste Hinterhalt der
Reaktion war. Aber gab es denn je eine bessere Gelegenheit, die
Armee unter die Kontrolle der Kammer zu bringen, als grade diese
Reorganisation, vorgeschlagen von dem bürgerfreundlichsten Mini-
sterium, das Preußen in ruhigen Zeiten je erlebt hatte? Sobald
man sich bereit erklärte, die Armeeverstärkung unter gewissen Be-
dingungen zu bewilligen, war es da nicht grade möglich, über die
Kadettenhäuser, die Adelsbevorzugung und alle anderen Klagepunkte
ins reine zu kommen und Garantien zu erlangen, welche dem Offi-
zierkorps einen mehr bürgerlichen Charakter gaben? Die "Neue Ära"
war sich nur über eins klar: daß die Armeeverstärkung durchge-
setzt werden müsse. Die Umwege, auf denen sie die Reorganisation
ins Leben schmuggelte, bewiesen am besten ihr böses Gewissen und
ihre Furcht vor den Abgeordneten. Hier mußte mit beiden Händen
zugegriffen werden; eine solche Chance für die Bourgeoisie war in
hundert Jahren nicht wieder zu erwarten. Was ließ sich nicht al-
les im Detail aus diesem Ministerium herausschlagen, wenn die
Fortschrittsbürger die Sache nicht knauserig, sondern als große
Spekulanten auffaßten!
Und nun gar die praktischen Folgen der Reorganisation auf das Of-
fizierkorps selbst! Es mußten Offiziere für die doppelte Anzahl
Bataillone gefunden werden. Die Kadettenhäuser reichten bei
weitem nicht mehr aus. Man war so liberal wie noch nie vorher in
Friedenszeiten; man offerierte die Lieutenantsstellen gradezu als
Prämien an Studenten, Auskultatoren und alle gebildeten jungen
Leute. Wer die preußische Armee nach der Reorganisation wieder-
sah, kannte das Offizierkorps nicht mehr. Wir sprechen nicht von
Hörensagen, sondern von eigener Anschauung. Der spezifische Lieu-
tenantsdialekt war m den Hintergrund gedrängt, die jüngeren Offi-
ziere sprachen ihre natürliche Muttersprache, sie gehörten kei-
neswegs einer
#61# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
-----
geschlossenen Kaste an, sondern repräsentierten mehr als je seit
1815 alle gebildeten Klassen und alle Provinzen des Staats. Hier
war also die Position durch die Notwendigkeit der Ereignisse
schon gewonnen; es handelte sich nur noch darum, sie, zu behaup-
ten und auszunutzen. Statt dessen wurde alles das von den Fort-
schrittsbürgern ignoriert und fortgeredet, als ob alle diese Of-
fiziere adlige Kadetten seien. Und doch waren seit 1815 nie mehr
bürgerliche Offiziere in Preußen als grade jetzt.
Beiläufig gesagt, schreiben wir das flotte Auftreten der preußi-
schen Offiziere vor dem Feind im schleswig-holsteinischen Kriege
hauptsächlich dieser Infusion frischen Blutes zu. Die alte Klasse
Subalternoffiziere allein hätte nicht gewagt, so oft auf eigene
Verantwortung zu handeln. In dieser Beziehung hat die Regierung
recht, wenn sie der Reorganisation einen wesentlichen Einfluß auf
die "Eleganz" der Erfolge zuschreibt; in welcher anderen Hinsicht
die Reorganisation den Dänen furchtbar war, ist für uns nicht er-
sichtlich.
Endlich der Hauptpunkt: die Erleichterung eines Staatsstreichs
durch die Verstärkung der Friedensarmee? - Es ist ganz richtig,
daß Armeen die Werkzeuge sind, womit man Staatsstreiche macht,
und daß also jede Armeeverstärkung auch die Durchführbarkeit ei-
nes Staatsstreichs vermehrt. Aber die für einen Großstaat erfor-
derliche Armeestärke richtet sich nicht nach der größeren oder
geringeren Aussicht auf Staatsstreiche, sondern nach der Größe
der Armeen der anderen Großstaaten. Hat man A gesagt, so muß man
auch B sagen. Nimmt man ein Mandat als preußischer Abgeordneter
an, schreibt man Preußens Größe und europäische Machtstellung auf
seine Fahne, so muß man auch zustimmen, daß die Mittel herge-
stellt werden, ohne welche von Preußens Größe und Machtstellung
keine Rede sein kann. Können diese Mittel nicht hergestellt wer-
den, ohne Staatsstreiche zu erleichtern, desto schlimmer für die
Herren Fortschrittsmänner. Hätten sie sich nicht 1848 so lächer-
lich feig und ungeschickt benommen, die Periode der Staatsstrei-
che wäre wahrscheinlich längst vorbei. Unter den obwaltenden Um-
ständen aber bleibt ihnen nichts übrig, als die Armeeverstärkung
in der einen oder ändern Form schließlich doch anzuerkennen und
ihre Bedenken wegen Staatsstreichen für sich zu behalten.
Indes hat die Sache doch noch andere Seiten. Erstens war es immer
geratener, mit einem Ministerium der "Neuen Ära" über die Bewil-
ligung dieses Staatsstreichinstruments zu verhandeln als mit ei-
nem Ministerium Bismarck. Zweitens macht selbstredend jeder wei-
tere Schritt zur wirklichen Durchführung der allgemeinen Wehr-
pflicht die preußische Armee ungeschickter zum Werkzeug für
Staatsstreiche. Sobald unter der ganzen
#62# Friedrich Engels
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Volksmasse das Verlangen nach Selbstregierung und die Notwendig-
keit des Kampfes gegen alle widerstrebenden Elemente einmal
durchgedrungen war, mußten auch die 20- und 21 jährigen jungen
Leute von der Bewegung erfaßt sein, und selbst unter feudalen und
absolutistischen Offizieren mußte ein Staatsstreich immer schwe-
rer mit ihnen durchzuführen sein. Je weiter die politische Bil-
dung im Lande fortschreitet, je mißliebiger wird die Stimmung der
eingestellten Rekruten werden. Selbst der jetzige Kampf zwischen
Regierung und Bourgeoisie muß davon bereits Beweise geliefert ha-
ben.
Drittens ist die zweijährige Dienstzeit ein hinreichendes Gegen-
gewicht gegen die Vermehrung der Armee. In demselben Maße wie die
Armeeverstärkung für die Regierung die materiellen Mittel zu Ge-
waltstreichen vermehrt, in demselben Maß verringert die zweijäh-
rige Dienstzeit die moralischen Mittel dazu. Im dritten Dienst-
jahr mag das ewige Einpauken absolutistischer Lehren und die Ge-
wohnheit des Gehorchens momentan und für die Dauer des Dienstes
bei den Soldaten etwas fruchten. Im dritten Dienstjahr, wo der
einzelne Soldat fast nichts Militärisches mehr zu lernen hat, nä-
hert sich unser allgemeiner Wehrpflichtiger schon einigermaßen
dem auf lange Jahre eingestellten Soldaten des französisch-
östreichischen Systems. Er bekommt etwas vom Berufssoldaten und
ist als solcher in allen Fällen weit leichter zu verwenden als
der jüngere Soldat. Die Entfernung der Leute im dritten Dienst-
jahre würde die Einstellung von 60 000 bis 80 000 Mann mehr si-
cher aufwiegen, wenn man vom Staatsstreichgesichtspunkte ausgeht.
Nun aber kommt noch ein anderer und der entscheidende Punkt dazu.
Wir wollen nicht leugnen, daß Verhältnisse eintreten könnten -
dazu kennen wir unsere Bourgeoisie zu gut -, unter denen selbst
ohne Mobilisierung, mit dem einfachen Friedensstand der Armee,
ein Staatsstreich dennoch möglich wäre. Das ist aber nicht wahr-
scheinlich. Um einen großen Coup zu machen, wird man fast immer
mobilmachen müssen. Und da tritt die Wendung ein. Die preußische
Friedensarmee mag unter Umständen ein reines Werkzeug in den Hän-
den der Regierung zur Verwendung im Innern werden; die preußische
Kriegsarmee sicher nie. Wer je Gelegenheit hatte, ein Bataillon
erst auf Friedensfuß und dann auf Kriegsfuß zu sehen, kennt den
ungeheuren Unterschied in der ganzen Haltung der Leute, im Cha-
rakter der ganzen Masse. Die Leute, die als halbe Knaben in die
Armee eingetreten waren, kommen jetzt als Männer wieder zu ihr
zurück; sie bringen einen Vorrat von Selbstachtung, Selbstver-
trauen, Sicherheit und Charakter mit, der dem ganzen Bataillon
zugute kommt. Das Verhältnis der Leute zu den Offizieren, der Of-
fiziere zu den Leuten wird gleich ein anderes. Das
#63# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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Bataillon gewinnt militärisch ganz bedeutend, aber politisch wird
es - für absolutistische Zwecke - völlig unzuverlässig. Das
konnte man noch beim Einmarsch in Schleswig sehen, wo zum großen
Erstaunen der englischen Zeitungskorrespondenten die preußischen
Soldaten überall an den politischen Demonstrationen offen teil-
nahmen und ihre durchaus nicht orthodoxen Gesinnungen ungescheut
aussprachen. Und dies Resultat - die politische Verderbnis der
mobilen Armee für absolutistische Zwecke - verdanken wir haupt-
sächlich der Manteuffelschen Zeit und der "neuesten" Ära. Im
Jahre 1848 war es noch ganz anders.
Das ist eben eine der besten Seiten an der preußischen Wehrver-
fassung, vor wie nach der Reorganisation: daß mit d i e s e r
Wehr Verfassung Preußen weder einen unpopulären Krieg führen noch
einen Staatsstreich machen kann, der Dauer verspricht. Denn
selbst wenn die Friedensarmee sich zu einem kleinen Staatsstreich
gebrauchen ließe, so würde doch die erste Mobilmachung und die
erste Kriegsgefahr genügen, um die ganzen "Errungenschaften" wie-
der in Frage zu stellen. Ohne die Ratifikation der Kriegsarmee
wären die Heldentaten der Friedensarmee beim "innern Düppel" von
nur kurzer Bedeutung; und diese Ratifikation wird je länger, je
schwerer zu erlangen sein. Reaktionäre Blätter haben gegenüber
den Kammern die "Armee" für die wahre Volksvertretung erklärt.
Sie meinten damit natürlich nur die Offiziere. Wenn es je dahin
käme, daß die Herren von der "Kreuz-Zeitung" [59] einen Staats-
streich machten, wozu sie die m o b i l e Armee nötig haben,
sie würden ihr blaues Wunder erleben an dieser Volksvertretung,
darauf können sie sich verlassen.
Darin aber liegt am Ende auch nicht die Hauptgarantie gegen den
Staatsstreich. Die hegt dann: daß keine Regierung durch einen
Staatsstreich eine Kammer zusammenbringen kann, die ihr neue
Steuern und Anleihen bewilligt; und daß, selbst wenn sie eine
dazu willige Kammer fertigbrächte, kein Bankier m Europa ihr auf
solche Kammerbeschlüsse hin Kredit geben würde. In den meisten
europäischen Staaten wäre das anders. Aber Preußen steht nun ein-
mal seit den Versprechungen von 1815 und den vielen vergeblichen
Manövern bis 1848, Geld zu bekommen, in dem Rufe, daß man ihm
ohne rechtsgültigen und unantastbaren Kammerbeschluß keinen Pfen-
nig borgen darf. Selbst Herr Raphael von Erlanger, der doch den
amerikanischen Konföderierten [17] geborgt hat, würde einer preu-
ßischen Staatsstreichregierung schwerlich bares Geld anvertrauen.
Das hat Preußen einzig und allein der Borniertheit des Absolutis-
mus zu verdanken.
Hierin liegt die Stärke der Bourgeoisie: daß die Regierung, wenn
sie in Geldnot kommt - und das muß sie früher oder später sicher
-, genötigt ist,
#64# Friedrich Engels
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s e l b s t s i c h a n d i e B o u r g e o i s i e u m
G e l d z u w e n d e n, und diesmal nicht an die politische
Repräsentation der Bourgeoisie, die am Ende weiß, daß sie zum Be-
zahlen da ist, sondern an die hohe Finanz, die an der Regierung
ein gutes Geschäft machen will, die die Kreditfähigkeit einer Re-
gierung an demselben Maßstabe mißt wie die jedes Privatmannes und
der es total gleichgültig ist, ob der preußische Staat viel oder
wenig Soldaten braucht. Diese Herren diskontieren nur Wechsel mit
drei Unterschriften, und wenn neben der Regierung nur das Herren-
haus, ohne das Abgeordnetenhaus, darauf unterschrieben hat oder
ein Abgeordnetenhaus von Strohmännern, so sehen sie das für Wech-
selreiterei an und danken für das Geschäft.
Hier hört die Militärfrage auf, und die Verfassungsfrage fängt
an. Einerlei durch welche Fehler und Verwickelungen, die bürger-
liche Opposition ist jetzt einmal in die Stellung gedrängt: Sie
muß die Militärfrage durchfechten, oder sie verliert den Rest von
politischer Macht, den sie noch besitzt. Die Regierung hat be-
reits ihr ganzes Budgetbewilligungsrecht in Frage gestellt. Wenn
nun die Regierung früher oder später doch ihren Frieden mit der
Kammer machen m u ß, ist es da nicht die beste Politik, einfach
auszuharren, bis dieser Zeitpunkt eintritt?
Nachdem der Konflikt einmal so weit getrieben - unbedingt ja. Ob
mit dieser Regierung auf annehmbaren Grundlagen ein Abkommen zu
schließen, ist mehr als zweifelhaft. Die Bourgeoisie hat sich
durch Überschätzung ihrer eigenen Kräfte in die Lage versetzt,
daß sie an dieser Militärfrage erproben muß, ob sie im Staate das
entscheidende Moment oder gar nichts ist. Siegt sie, so erobert
sie zugleich die Macht, Minister ab- und einzusetzen, wie das
englische Unterhaus sie besitzt. Unterliegt sie, so kommt sie auf
verfassungsmäßigem Wege nie mehr zu irgendwelcher Bedeutung.
Aber der kennt unsre deutschen Bürger schlecht, der der Ansicht
wäre, daß eine solche Ausdauer zu erwarten steht. Die Courage der
Bourgeoisie in politischen Dingen steht immer in genauem Verhält-
nis zu der Wichtigkeit, die sie in dem gegebenen Land in der bür-
gerlichen Gesellschaft einnimmt. In Deutschland ist die soziale
Macht der Bourgeoisie weit geringer als in England und selbst in
Frankreich; sie hat sich weder mit der alten Aristokratie alli-
iert wie in England, noch diese mit Hülfe der Bauern und Arbeiter
vernichtet wie in Frankreich. Die Feudalaristokratie ist in
Deutschland noch immer eine Macht, eine der Bourgeoisie feindli-
che und obendrein mit den Regierungen verbündete Macht. Die Fa-
brikindustrie, die Basis aller sozialen Macht der modernen Bour-
geoisie, ist in Deutschland weit weniger entwickelt als in
Frankreich und England, so enorm auch ihre Fortschritte seit 1848
sind. Die kolossalen Kapitalansammlungen in einzelnen
#65# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
-----
Ständen, die in England und selbst Frankreich häufig vorkommen,
sind in Deutschland seltener. Daher kommt der kleinbürgerliche
Charakter unserer ganzen Bourgeoisie. Die Verhältnisse, in denen
sie lebt, die Gesichtskreise, die sie sich bilden kann, sind
kleinlicher Art; was Wunder, daß ihre ganze Denkweise ebenso
kleinlich ist! Woher soll da der Mut kommen, eine Sache bis aufs
Äußerste durchzufechten? Die preußische Bourgeoisie weiß sehr
gut, in welcher Abhängigkeit sie, für ihre eigene industrielle
Tätigkeit, von der Regierung steht. Konzessionen [60] und Verwal-
tungskontrolle drücken wie ein Alp auf sie. Bei jeder neuen Un-
ternehmung kann die Regierung ihr Schwierigkeiten in den Weg le-
gen. Und nun gar auf dem politischen Gebiet! Während des Kon-
flikts über die Militärfrage kann die Bourgeoiskammer nur vernei-
nend auftreten, sie ist rein auf die Defensive verwiesen; indes-
sen geht die Regierung angreifend vor, interpretiert die Verfas-
sung auf ihre Weise, maßregelt die liberalen Beamten, annulliert
die liberalen städtischen Wahlen, setzt alle Hebel der bürokrati-
schen Gewalt in Bewegung, um den Bürgern ihren Untertanenstand-
punkt klarzumachen, nimmt tatsächlich eine Position nach der än-
dern und erobert sich so eine Stellung, wie sie selbst Manteuffel
nicht hatte. Inzwischen geht das budgetlose Geldausgeben und
Steuererheben seinen ruhigen Gang, und die Armeereorganisation
gewinnt mit jedem Jahr ihres Bestehens neue Stärke. Kurz, der in
Aussicht stehende endliche Sieg der Bourgeoisie erhält von Jahr
zu Jahr einen revolutionäreren Charakter, und die täglich sich
mehrenden Detailsiege der Regierung auf allen Gebieten erhalten
mehr und mehr die Gestalt vollendeter Tatsachen. Dazu kommt eine
von Bourgeoisie wie Regierung vollständig unabhängige Arbeiterbe-
wegung, die die Bourgeoisie zwingt, entweder den Arbeitern sehr
fatale Konzessionen zu machen oder gefaßt zu sein, im entschei-
denden Augenblick ohne die Arbeiter agieren zu müssen. Sollte die
preußische Bourgeoisie unter diesen Umständen den Mut haben,
auszuharren bis aufs Äußerste? Sie müßte sich seit 1848 wunderbar
verbessert haben - in ihrem eignen Sinn -, und die Kompromißsehn-
sucht, die sich in der Fortschrittspartei seit Eröffnung dieser
Session tagtäglich ausseufzt, spricht nicht dafür. Wir fürchten,
die Bourgeoisie wird auch diesmal keinen Anstand nehmen, sich
selbst zu verraten.
#66#
-----
III
"Welches ist nun die Stellung der Arbeiterpartei zu dieser Armee-
reorganisation und zu dem daraus entstandenen Konflikt zwischen
Regierung und bürgerlicher Opposition?"
Die arbeitende Klasse gebraucht zur vollen Entfaltung ihrer poli-
tischen Tätigkeit ein weit größeres Feld, als es die Einzelstaa-
ten des heutigen zersplitterten Deutschlands darbieten. Die Viel-
staaterei wird für das Proletariat ein Bewegungshindernis sein,
aber nie eine berechtigte Existenz, ein Gegenstand des ernsthaf-
ten Denkens. Das deutsche Proletariat wird nie sich mit Reichs
Verfassungen, preußischen Spitzen, Trias [61] und dergleichen be-
fassen, außer um damit aufzuräumen; die Frage, wieviel Soldaten
der preußische Staat braucht, um als Großmacht fortzuvegetieren,
ist ihm gleichgültig. Ob die Militärlast durch die Reorganisation
sich etwas vermehrt oder nicht, wird der Arbeiterklasse, a l s
K l a s s e, wenig ausmachen. Dagegen ist es ihr durchaus nicht
gleichgültig, ob die allgemeine Wehrpflicht vollständig durchge-
führt wird oder nicht. Je mehr Arbeiter in den Waffen geübt wer-
den, desto besser. Die allgemeine Wehrpflicht ist die notwendige
und natürliche Ergänzung des allgemeinen Stimmrechts; sie setzt
die Stimmenden in den Stand, ihre Beschlüsse gegen alle Staats-
streichversuche mit den Waffen in der Hand durchzusetzen.
Die mehr und mehr konsequente Durchführung der allgemeinen Wehr-
pflicht ist der einzige Punkt, der die Arbeiterklasse Deutsch-
lands an der preußischen Armeereorganisation interessiert.
Wichtiger ist die Frage: Wie sich die Arbeiterpartei zu stellen
hat bei dem daraus entstandenen Konflikt zwischen Regierung und
Kammer?
Der moderne Arbeiter, der Proletarier, ist ein Produkt der großen
industriellen Revolution, welche namentlich in den letzten hun-
dert Jahren in allen zivilisierten Ländern die ganze Produktions-
weise, zuerst der Industrie und nachher auch des Ackerbaus, total
umgewälzt hat und infolge deren
#67# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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an der Produktion nur noch zwei Klassen beteiligt sind: die der
Kapitalisten, welche sich im Besitz der Arbeitshülfsmittel, der
Rohmaterialien und der Lebensmittel befinden, und die der Arbei-
ter, welche weder Arbeitshülfsmittel noch Rohmaterialien, noch
Lebensmittel besitzen, sondern sich diese letzteren mit ihrer Ar-
beit von den Kapitalisten erst kaufen müssen. Der moderne Prole-
tarier hat also direkt nur mit e i n e r Gesellschaftsklasse zu
tun, die ihm feindlich gegenübersteht, ihn ausbeutet: mit der
Klasse der Kapitalisten, der Bourgeois. In Ländern, wo diese in-
dustrielle Revolution vollständig durchgeführt ist, wie in Eng-
land, hat der Arbeiter wirklich auch nur mit Kapitalisten zu tun,
denn auch auf dem Lande ist der große Gutspächter nichts als ein
Kapitalist; der Aristokrat, der nur die Grundrente seiner Besit-
zungen verzehrt, hat mit dem Arbeiter absolut keine gesellschaft-
lichen Berührungspunkte.
Anders in Ländern, wo diese industrielle Revolution erst in der
Durchführung begriffen ist, wie in Deutschland. Hier sind aus den
früheren feudalen und nachfeudalen Zuständen noch eine Menge ge-
sellschaftlicher Elemente haftengeblieben, welche, um uns so aus-
zudrücken, das gesellschaftliche Mittel (medium) trüben, dem so-
zialen Zustand Deutschlands jenen einfachen, klaren, klassischen
Charakter nehmen, der den Entwicklungsstand Englands auszeichnet.
Wir finden hier in einer sich täglich mehr modernisierenden Atmo-
sphäre und unter ganz modernen Kapitalisten und Arbeitern die
wunderbarsten vorsündflutlichen Fossilien lebendig umherwandeln:
Feudalherren, Patrimonialgerichte, Krautjunker, Stockprügel, Re-
gierungsräte, Landräte, Innungen, Kompetenzkonflikte, Verwal-
tungsstrafmacht usw. Und wir finden, daß im Kampf um die politi-
sche Macht alle diese lebenden Fossilien sich zusammenscharen ge-
gen die Bourgeoisie, die, durch ihren Besitz die mächtigste
Klasse der neuen Epoche, im Namen der neuen Epoche ihnen die po-
litische Herrschaft abverlangt.
Außer der Bourgeoisie und dem Proletariat produziert die moderne
große Industrie noch eine Art Zwischenklasse zwischen beiden, das
Kleinbürgertum. Dies besteht teils aus den Resten des früheren
halbmittelalterlichen Pfahlbürgertums, teils aus etwas empor-
gekommenen Arbeitern. Es findet seine Stellung weniger in der
Produktion als in der Verteilung der Waren; der Detailhandel ist
sein Hauptfach. Während das alte Pfahlbürgertum die stabilste,
ist das moderne Kleinbürgertum die am meisten wechselnde Klasse
der Gesellschaft; der Bankerott ist bei ihm eine Institution
geworden. Es nimmt teil durch seinen kleinen Kapitalbesitz an der
Lebenslage der Bourgeoisie, durch die Unsicherheit seiner
Existenz an der des Proletariats. Widerspruchsvoll wie sein
gesellschaftliches Dasein ist seine
#68# Friedrich Engels
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politische Stellung; im allgemeinen jedoch ist die "reine Demo-
kratie" sein korrektester Ausdruck. Sein politischer Beruf ist
der, die Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen die Reste der alten Ge-
sellschaft und namentlich gegen ihre eigene Schwäche und Feigheit
voranzutreiben und diejenigen Freiheiten erkämpfen zu helfen -
Preßfreiheit, Vereins- und Versammlungsfreiheit, allgemeines
Wahlrecht, lokale Selbstregierung -, ohne welche, trotz ihrer
bürgerlichen Natur, eine schüchterne Bourgeoisie wohl fertig wer-
den kann, ohne welche die Arbeiter aber nie ihre Emanzipation er-
obern können.
Im Laufe des Kampfes zwischen den Resten der alten, vorsündflut-
lichen Gesellschaft und der Bourgeoisie kommt überall irgendein-
mal der Moment, wo beide Kämpfenden sich an das Proletariat wen-
den und seine Unterstützung nachsuchen. Dieser Moment fällt ge-
wöhnlich mit demjenigen zusammen, in dem die Arbeiterklasse
selbst anfängt, sich zu regen. Die feudalen und bürokratischen
Repräsentanten der untergehenden Gesellschaft rufen den Arbeitern
zu, mit ihnen auf die Aussauger, die Kapitalisten, die einzigen
Feinde des Arbeiters, loszuschlagen; die Bourgeois weisen die Ar-
beiter darauf hin, daß sie beide zusammen die neue Gesell-
schaftsepoche repräsentieren und daher jedenfalls der unter-
gehenden a l t e n Gesellschaftsform gegenüber gleiches Inte-
resse haben. Um diese Zeit kommt dann die Arbeiterklasse allmäh-
lich zum Bewußtsein, daß sie eine eigene Klasse mit eigenen In-
teressen und mit einer eigenen unabhängigen Zukunft ist; und
damit kommt die Frage, die nacheinander in England, in Frankreich
und in Deutschland sich aufgedrängt hat: Wie hat sich die
Arbeiterpartei gegenüber den Kämpfenden zu stellen?
Dies wird vor allem davon abhängen, was die Arbeiterpartei, d.h.
derjenige Teil der arbeitenden Klasse, welcher zum Bewußtsein der
gemeinsamen Interessen der Klasse gekommen ist, im Interesse der
Klasse für Ziele erstrebt?
Soweit bekannt, stellen die avanciertesten Arbeiter in Deutsch-
land die Forderung: Emanzipation der Arbeiter von den Kapitali-
sten durch Übertragung von Staatskapital an assoziierte Arbeiter,
zum Betrieb der Produktion für gemeinsame Rechnung und ohne Kapi-
talisten; und als Mittel zur Durchsetzung dieses Zwecks: Erobe-
rung der politischen Macht durch das allgemeine, direkte Wahl-
recht. [62]
Soviel ist nun klar: Weder die feudal-bürokratische Partei, die
man kurzweg die R e a k t i o n zu nennen pflegt, noch die li-
beral-radikale Bourgeoispartei wird geneigt sein, diese Forderun-
gen freiwillig zuzugestehen. Nun wird aber das Proletariat eine
Macht von dem Augenblick an, wo sich eine
#69# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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selbständige Arbeiterpartei bildet, und mit einer Macht muß man
rechnen. Beide feindliche Parteien wissen das und werden also im
gegebenen Augenblicke geneigt sein, den Arbeitern scheinbare oder
wirkliche Konzessionen zu machen. Auf welcher Seite können die
Arbeiter die größten Zugeständnisse erwirken?
Der reaktionären Partei ist bereits die Existenz von Bourgeois
und Proletariern ein Dorn im Auge. Ihre Macht beruht darauf, daß
die moderne gesellschaftliche Entwickelung wieder totgemacht oder
wenigstens gehemmt werde. Sonst verwandeln sich allmählich alle
besitzenden Klassen in Kapitalisten, alle unterdrückten Klassen
in Proletarier, und damit verschwindet die reaktionäre Partei von
selbst. Die Reaktion will, wenn sie konsequent ist, allerdings
das Proletariat aufheben, aber nicht dadurch, daß sie zur Asso-
ziation fortschreitet, sondern indem sie die modernen Proletarier
wieder in Zunftgesellen und ganz oder halb leibeigene bäuerliche
Hintersassen zurückverwandelt. Ist unsern Proletariern mit einer
solchen Verwandlung gedient? Wünschen sie sich wieder unter die
väterliche Zucht des Zunftmeisters und des "gnädigen Herrn" zu-
rück, wenn so etwas möglich wäre? Sicherlich nicht. Es ist ja ge-
rade erst die Lostrennung der arbeitenden Klasse von all dem frü-
heren Scheinbesitz und den Schein-Privilegien, die Herstellung
des nackten Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit, die über-
haupt die Existenz einer einzigen großen Arbeiterklasse mit ge-
meinsamen Interessen, einer Arbeiterbewegung, einer Arbeiterpar-
tei möglich gemacht hat. Und dazu ist eine solche Zurückschrau-
bung der Geschichte eine reine Unmöglichkeit. Die Dampfmaschinen,
die mechanischen Spinn- und Webstühle, die Dampfpflüge und
Dreschmaschinen, die Eisenbahnen und elektrischen Telegraphen und
die Dampf pressen der Gegenwart lassen keinen solchen absurden
Rückschritt zu, im Gegenteil, sie vernichten allmählich und uner-
bittlich alle Reste feudaler und zünftiger Zustände und lösen
alle von früher überkommenen kleinen gesellschaftlichen Gegen-
sätze auf in den einen weltgeschichtlichen Gegensatz von Kapital
und Arbeit.
Dagegen hat die Bourgeoisie gar keine" andere geschichtliche
Stellung, als die erwähnten riesenhaften Produktivkräfte und Ver-
kehrsmittel der modernen Gesellschaft nach allen Seiten hin zu
vermehren und aufs höchste zu steigern, durch ihre Kreditassozia-
tionen auch die Produktionsmittel, welche aus früheren Zeiten mit
überliefert sind, namentlich den Grundbesitz, sich in die Hände
zu spielen, alle Produktionszweige mit modernen Hülfsmitteln zu
betreiben, alle Reste feudaler Produktionen und feudaler Verhält-
nisse zu vernichten und so die ganze Gesellschaft zurückzuführen
#70# Friedrich Engels
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auf den einfachen Gegensatz einer Klasse von Kapitalisten und ei-
ner Klasse von besitzlosen Arbeitern. In demselben Maße, wie
diese Vereinfachung der gesellschaftlichen Klassengegensätze
stattfindet, wächst die Macht der Bourgeoisie, aber in noch grö-
ßerem Maße wächst auch die Macht, das Klassenbewußtsein, die Sie-
gesfähigkeit des Proletariats; nur durch diese Machtvergrößerung
der Bourgeoisie bringt es das Proletariat allmählich dahin, die
Majorität, die überwiegende Majorität im Staate zu werden, wie es
dies in England bereits ist, aber noch keineswegs in Deutschland,
wo Bauern aller Art auf dem Lande und kleine Meister, Kleinkrämer
usw. in den Städten ihm noch die Stange halten.
Also: Jeder Sieg der Reaktion hemmt die gesellschaftliche Entwic-
kelung, entfernt unfehlbar den Zeitpunkt, wo die Arbeiter siegen
können. Jeder Sieg der Bourgeoisie über die Reaktion dagegen ist
nach einer Seite hin zugleich ein Sieg der Arbeiter, trägt zum
endlichen Sturz der Kapitalistenherrschaft bei, rückt den Zeit-
punkt näher heran, wo die Arbeiter über die Bourgeoisie siegen
werden.
Man nehme die Stellung der deutschen Arbeiterpartei 1848 und
jetzt. Es gibt in Deutschland noch Veteranen genug, die an den
ersten Anfängen der Gründung einer deutschen Arbeiterpartei vor
1848 mitgewirkt, die nach der Revolution an ihrem Ausbau halfen,
solange die Zeitverhältnisse es erlaubten. Sie alle wissen, wel-
che Mühe es kostete, selbst in jenen aufgeregten Zeiten eine Ar-
beiterbewegung zustande zu bringen, sie im Gange zu halten, reak-
tionär-zunftmäßige Elemente zu entfernen, und wie die ganze Sache
nach ein paar Jahren wieder einschlief. Wenn jetzt eine Arbeiter-
bewegung sozusagen von selbst entstanden ist, woher kommt das?
Daher, weil seit 1848 die große Bourgeoisindustrie in Deutschland
unerhörte Fortschritte gemacht, weil sie eine Masse kleiner Mei-
ster und sonstiger Zwischenleute zwischen dem Arbeiter und dem
Kapitalisten vernichtet, eine Masse Arbeiter in direkten Gegen-
satz zum Kapitalisten gestellt, kurz, ein bedeutendes Proletariat
da geschaffen hat, wo es früher nicht oder nur in geringem Maße
bestand. Eine Arbeiterpartei und Arbeiterbewegung ist durch diese
industrielle Entwickelung eine Notwendigkeit geworden.
Damit ist nicht gesagt, daß nicht Momente eintreten können, wo es
der Reaktion geraten erscheint, den Arbeitern Konzessionen zu ma-
chen. Aber diese Konzessionen sind stets ganz eigener Art. Sie
sind nie politischer Natur. Die feudal-bürokratische Reaktion
wird weder das Stimmrecht ausdehnen noch die Presse, das Vereins-
und Versammlungsrecht befreien, noch die Macht der Bürokratie be-
schränken. Die Konzessionen, die sie macht, sind stets direkt ge-
gen die Bourgeoisie gerichtet und derart, daß
#71# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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sie die politische Macht der Arbeiter durchaus nicht vermehren.
So wurde in England das Zehnstundengesetz für die Fabrikarbeiter
gegen den Willen der Fabrikanten durchgeführt. So wäre von der
Regierung in Preußen die genaue Einhaltung der Vorschriften über
die Arbeitszeit in den Fabriken - welche jetzt nur auf dem Papier
bestehen -, ferner das Koalitionsrecht der Arbeiter [63] usw. zu
fordern und möglicherweise zu erlangen. Aber es ist bei allen
diesen Konzessionen von selten der Reaktion [feststehend, daß sie
erlangt werden ohne irgendeinen Gegendienst von seilen der Arbei-
ter, und mit Recht, denn indem die Reaktion den Bourgeois das Le-
ben sauer macht, hat sie schon ihren Zweck erreicht, und die Ar-
beiter sind ihr keinen Dank schuldig, danken ihr auch nie.
Nun gibt es noch eine Art von Reaktion, welche in letzter Zeit
großen Erfolg gehabt hat und bei gewissen Leuten sehr in Mode
kommt; es ist die Art, welche man heutzutage Bonapartismus nennt.
Der Bonapartismus ist die notwendige Staatsform in einem Lande,
wo die Arbeiterklasse, auf einer hohen Stufe ihrer Entwickelung
in den Städten, aber an Zahl überwogen von den kleinen Bauern auf
dem Lande, in einem großen revolutionären Kampf von der Kapitali-
stenklasse, dem Kleinbürgertum und der Armee besiegt worden ist.
Als in Frankreich in dem Riesenkampfe vom Juni 1848 die Pariser
Arbeiter besiegt waren, hatte sich zugleich die Bourgeoisie an
diesem Siege vollständig erschöpft. Sie war sich bewußt, keinen
zweiten solchen Sieg ertragen zu können. Sie herrschte noch dem
Namen nach, aber sie war zu schwach zur Herrschaft. An die Spitze
trat die Armee, der eigentliche Sieger, gestützt auf die Klasse,
aus der sie sich vorzugsweise rekrutierte, die kleinen Bauern,
welche Ruhe haben wollten vor den Städtekrawallern. Die Form die-
ser Herrschaft war selbstredend der militärische Despotismus, ihr
natürlicher Chef der angestammte Erbe desselben, Louis Bonaparte.
Gegenüber den Arbeitern wie den Kapitalisten zeichnet sich der
Bonapartismus dadurch aus, daß er sie verhindert, aufeinander
loszuschlagen. Das heißt, er schützt die Bourgeoisie vor gewalt-
samen Angriffen der Arbeiter, begünstigt ein kleines friedliches
Plänkelgefecht zwischen beiden Klassen und entzieht im übrigen
den einen wie den ändern jede Spur politischer Macht. Kein Ver-
einsrecht, kein Versammlungsrecht, keine Preßfreiheit; ein allge-
meines Wahlrecht unter solchem bürokratischen Druck, daß Opposi-
tionswahlen fast unmöglich sind; eine Polizeiwirtschaft, wie sie
selbst in dem polizierten Frankreich bisher unerhört war. Daneben
wird ein Teil der Bourgeoisie wie der Arbeiter direkt
g e k a u f t; der eine durch kolossale Kreditschwindeleien, wo-
durch das Geld der kleinen Kapitalisten in
#72# Friedrich Engels
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die Tasche der großen gelockt wird; der andere durch kolossale
Staatsbauten, die neben dem natürlichen, selbständigen Proleta-
riat ein künstliches, imperialistisches, von der Regierung abhän-
giges Proletariat in den großen Städten konzentrieren. Endlich
wird dem Nationalstolz geschmeichelt durch scheinbar heroische
Kriege, die aber stets mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis Euro-
pas gegen den jeweiligen allgemeinen Sündenbock geführt werden
und nur unter solchen Bedingungen, daß der Sieg von vornherein
gesichert ist.
Das Höchste, was unter einer solchen Regierung für die Arbeiter
wie für die Bourgeoisie herauskommt, ist, daß sie sich vom Kampfe
ausruhen, daß die Industrie sich - unter sonst günstigen Umstän-
den - stark entwickelt, daß also die Elemente eines neuen und
heftigeren Kampfes sich ausbilden und daß dieser Kampf ausbricht,
sobald das Bedürfnis eines solchen Ruhepunktes nicht mehr exi-
stiert. Es wäre die höchste Höhe der Torheit, mehr zu erwarten
für die Arbeiter von einer Regierung, die gerade bloß dazu exi-
stiert, die Arbeiter gegenüber der Bourgeoisie im Zaume zu hal-
ten.
Kommen wir nun auf den uns speziell vorliegenden Fall. Was kann
die Reaktion in Preußen der Arbeiterpartei bieten?
Kann diese Reaktion der Arbeiterklasse einen wirklichen Anteil an
der politischen Macht bieten? - Unbedingt nein. Erstens ist es in
der neueren Geschichte, weder Englands noch Frankreichs, je vor-
gekommen, daß eine reaktionäre Regierung dies getan hätte. Zwei-
tens handelt es sich in dem gegenwärtigen Kampf in Preußen ja ge-
rade darum, ob die Regierung alle wirkliche Macht in sich verei-
nigen oder sie mit dem Parlament teilen soll. Und die Regierung
wird wahrlich nicht alle Mittel aufbieten, der Bourgeoisie die
Macht zu entreißen, bloß um diese Macht nachher dem Proletariat
zu schenken!
Die Feudalaristokratie und die Bürokratie können ihre wirkliche
Macht in Preußen behalten auch ohne parlamentarische Vertretung.
Ihre traditionelle Stellung am Hof, in der Armee, im Beamtentum
garantiert ihnen diese Macht. Sie dürfen sogar keine besondere
Vertretung wünschen, denn Adels- und Beamtenkammern, wie Manteuf-
fel sie hatte, sind heutzutage auf die Dauer in Preußen doch un-
möglich. Sie wünschen daher auch die ganze Kammerwirtschaft zum
Teufel.
Dagegen können Bourgeoisie und Arbeiter eine wirkliche geregelte
politische Macht nur durch parlamentarische Vertretung ausüben;
und diese parlamentarische Vertretung ist nur dann etwas wert,
wenn sie mitzureden und mitzubeschheßen hat, mit ändern Worten,
wenn sie "den Knopf auf dem Beutel" halten kann. Das ist ja aber
gerade, was Bismarck
#73# Die preußische Militärfragc und die deutsche Arbeiterpartei
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eingestandenermaßen verhindern will. Wir fragen: Ist es das In-
teresse der Arbeiter, daß dies Parlament aller Macht beraubt
werde, dies Parlament, in das sie selbst durch Erringung des all-
gemeinen, direkten Wahlrechts einzutreten und worin sie einst die
Majorität zu bilden hoffen? Ist es ihr Interesse, alle Hebel der
Agitation in Bewegung zu setzen, um in eine Versammlung zu kom-
men, die schließlich doch nichts zu sagen hat? Sicherlich nicht.
Wenn nun aber die Regierung das bestehende Wahlgesetz umstieße
und das allgemeine, direkte Wahlrecht oktroyierte? Ja, w e n n!
W e n n die Regierung einen solchen bonapartistischen Streich
machte und die Arbeiter gingen darauf ein, so hätten sie ja damit
schon von vornherein der Regierung das Recht zuerkannt, durch
eine neue Oktroyierung, sobald es ihr beliebte, das allgemeine,
direkte Wahlrecht auch wieder aufzuheben, und was wäre da das
ganze allgemeine, direkte Wahlrecht wert?
W e n n die Regierung das allgemeine, direkte Wahlrecht ok-
troyierte, so würde sie es von vornherein so verklausulieren, daß
es eben kein allgemeines, direktes Wahlrecht mehr wäre.
Und was selbst das allgemeine, direkte Wahlrecht angeht, so
braucht man nur nach Frankreich zu gehen, um sich zu überzeugen,
welche zahmen Wahlen man damit zustande bringen kann, sobald man
eine zahlreiche stupide Landbevölkerung, eine wohlorganisierte
Bürokratie, eine gut gemaßregelte Presse, durch Polizei hinrei-
chend niedergehaltene Vereine und gar keine politischen Versamm-
lungen hat. Wieviel Vertreter der Arbeiter bringt denn das allge-
meine, direkte Stimmrecht in die französische Kammer? Und doch
hat das französische Proletariat vor dem deutschen eine weit grö-
ßere Konzentration und eine längere Erfahrung im Kampf und in der
Organisation voraus.
Dies bringt uns noch auf einen ändern Punkt. In Deutschland ist
die Landbevölkerung doppelt so stark wie die Städtebevölkerung,
d.h. es leben 2/3 vom Ackerbau, 1/3 von der Industrie. Und da der
große Grundbesitz in Deutschland die Regel und der kleine Parzel-
lenbauer die Ausnahme ist, so heißt das mit ändern Worten: daß,
wenn 1/3 der Arbeiter unter dem Kommando des Kapitalisten stehn,
so stehn 2/3 u n t e r d e m K o m m a n d o d e s F e u-
d a l h e r r n. Die Leute, welche in einem fort über die
Kapitalisten herfallen, aber gegen die Feudalen kein Wörtchen des
Zorns haben, mögen sich dies zu Gemüte führen. Die Feudalen beu-
ten in Deutschland doppelt soviel Arbeiter aus wie die Bourgeois;
sie sind in Deutschland ganz ebenso direkte Gegner der Arbeiter
wie die Kapitalisten. Das ist aber noch lange nicht alles. Die
patriarchalische Wirtschaft auf den alten Feudalgütern
#74# Friedrich Engels
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bringt eine angestammte Abhängigkeit des ländlichen Tagelöhners
oder Häuslers von seinem "gnädigen Herrn" zuwege, die dem Acker-
bauproletarier den Eintritt in die Bewegung der städtischen Ar-
beiter sehr erschwert. Die Pfaffen, die systematische Verdummung
auf dem Lande, der schlechte Schulunterricht, die Abgeschlossen-
heit der Leute von aller Welt tun den Rest. Das Ackerbauproleta-
riat ist derjenige Teil der Arbeiterklasse, dem seine eignen In-
teressen, seine eigne gesellschaftliche Stellung am schwersten
und am letzten klarwerden, mit ändern Worten, derjenige Teil, der
am längsten ein bewußtloses Werkzeug in der Hand der ihn ausbeu-
tenden, bevorzugten Klasse bleibt. Und welche Klasse ist dies? In
Deutschland nicht die Bourgeoisie, sondern der F e u d a l-
a d e l. Nun hat selbst in Frankreich, wo doch fast nur freie
grundbesitzende Bauern existieren, wo der Feudaladel aller
politischen Macht längst beraubt ist, das allgemeine Stimmrecht
die Arbeiter nicht in die Kammer gebracht, sondern sie fast ganz
davon ausgeschlossen. Was würde das Resultat des allgemeinen
Stimmrechts in Deutschland sein, wo der Feudaladel noch eine
wirkliche soziale und politische Macht ist und wo zwei Ackerbau-
tagelöhner auf einen industriellen Arbeiter kommen? Die Bekämp-
fung der feudalen und bürokratischen Reaktion - denn beide sind
bei uns jetzt untrennbar - ist in Deutschland gleichbedeutend mit
dem Kampf für geistige und politische Emanzipation des Landprole-
tariats - und solange das Landproletariat nicht in die Bewegung
mit hineingerissen wird, solange kann und wird das städtische
Proletariat in Deutschland nicht das geringste ausrichten, so-
lange ist das allgemeine, direkte Wahlrecht für das Proletariat
keine Waffe, sondern ein F a l l s t r i c k.
Vielleicht wird diese sehr offenherzige, aber nötige Auseinander-
setzung die Feudalen ermutigen, für das allgemeine, direkte Wahl-
recht aufzutreten. Um so besser.
Oder sollte die Regierung nur deswegen die Presse, das Vereins-
recht, das Versammlungsrecht der bürgerlichen Opposition gegen-
über verkümmern (wenn überhaupt an den jetzigen Zuständen noch
viel zu verkümmern ist), um den Arbeitern ein Geschenk mit einer
freien Presse, freiem Vereins- und Versammlungsrecht zu machen?
In der Tat, geht nicht die Arbeiterbewegung ruhig und ungestört
ihren Gang?
Da liegt ja gerade der Hase im Pfeffer. Die Regierung w e i ß,
und die Bourgeoisie weiß auch, daß die ganze jetzige deutsche Ar-
beiterbewegung nur g e d u l d e t ist, nur so lange lebt, wie
es der Regierung b e l i e b t. Solange der Regierung damit ge-
dient ist, daß diese Bewegung besteht, daß der bürgerlichen Oppo-
sition neue, unabhängige Gegner erwachsen, solange wird sie
#75# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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diese Bewegung dulden. Von dem Augenblick an, wo diese Bewegung
die Arbeiter zu einer selbständigen Macht entwickelt, wo sie da-
durch der Regierung gefährlich wird, hört die Sache sofort auf.
Die Art und Weise, wie den Fortschrittlern die Agitation in
Presse, Vereinen und Versammlungen gelegt worden ist, möge den
Arbeitern zur Warnung dienen. Dieselben Gesetze, Verordnungen und
Maßregeln, welche da in Anwendung gebracht worden sind, können
jeden Tag gegen sie angewandt werden und ihrer Agitation den
Garaus machen; sie werden es, sobald diese Agitation gefährlich
wird. Es ist von der höchsten Wichtigkeit, daß die Arbeiter in
diesem Punkte klarsehen, daß sie nicht derselben Täuschung ver-
fallen wie die Bourgeoisie unter der Neuen Ära, wo sie ebenfalls
nur g e d u l d e t war, aber bereits im Sattel zu sein
glaubte. Und wenn jemand sich einbilden sollte, die jetzige Re-
gierung würde die Presse, das Vereinsrecht und Versammlungsrecht
von den jetzigen Fesseln befreien, so gehörte er eben zu den Leu-
ten, mit denen nicht mehr zu sprechen ist. Und ohne Preßfreiheit,
Vereins- und Versammlungsrecht ist keine Arbeiterbewegung mög-
lich.
Die bestehende Regierung in Preußen ist nicht so einfältig, daß
sie sich selbst den Hals abschneiden sollte. Und wenn es dahin
käme, daß die Reaktion dem deutschen Proletariat einige politi-
sche Scheinkonzessionen hinwerfen sollte, um es damit zu ködern -
dann wird hoffentlich das deutsche Proletariat antworten mit den
stolzen Worten des alten Hildebrandsliedes [64]:
"Mit gêrû scal man geba infâhan, ort widar orte."
Mit dem Speere soll man Gabe empfangen. Spitze gegen Spitze.
Was die s o z i a l e n Konzessionen betrifft, die die Reaktion
den Arbeitern machen könnte - Verkürzung der Arbeitszeit in den
Fabriken, bessere Handhabung der Fabrikgesetze, Koalitionsrecht
usw. -, so beweist die Erfahrung aller Länder, daß die Reaktion
solche Anträge stellt, ohne daß die Arbeiter ihr das geringste
als Entgelt zu bieten haben. Die Reaktion hat die Arbeiter nötig,
die Arbeiter aber nicht die Reaktion. Solange die Arbeiter also
in ihrer eignen selbständigen Agitation auf diesen Punkten beste-
hen, so können sie darauf rechnen, daß der Moment eintreten wird,
wo reaktionäre Elemente dieselben Forderungen aufstellen, bloß um
die Bourgeoisie zu schikanieren; und damit gewinnen die Arbeiter
Erfolge gegenüber der Bourgeoisie, ohne der Reaktion irgendwel-
chen Dank schuldig zu sein.
Wenn aber die Arbeiterpartei von der Reaktion nichts zu erwarten
hat als kleine Konzessionen, die ihr ohnehin zufließen, ohne daß
sie darum betteln zu gehen braucht - was hat sie dann von der
bürgerlichen Opposition zu erwarten?
#76# Friedrich Engels
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Wir haben gesehen, daß Bourgeoisie und Proletariat beides Kinder
einer neuen Epoche sind, daß sie beide in ihrer gesellschaftli-
chen Tätigkeit darauf hinarbeiten, die Reste des aus früherer
Zeit überkommenen Gerumpels zu beseitigen. Sie haben zwar unter
sich einen sehr ernsten Kampf auszumachen, aber dieser Kampf kann
erst ausgefochten werden, wenn sie einander allein gegenüberste-
hen. Erst dadurch, daß der alte Plunder über Bord fliegt, wird
"klar Schiff zum Gefecht" gemacht - nur daß diesmal das Gefecht
nicht zwischen zwei Schiffen, sondern am Bord des einen Schiris
zwischen Offizieren und Mannschaft geschlagen wird.
Die Bourgeoisie kann ihre politische Herrschaft nicht erkämpfen,
diese politische Herrschaft nicht in einer Verfassung und in Ge-
setzen ausdrücken, ohne gleichzeitig dem Proletariat Warfen in
die Hand zu geben. Gegenüber den alten, durch Geburt unterschie-
denen Ständen muß sie die Menschenrechte, gegenüber dem Zunftwe-
sen die Handels- und Gewerbefreiheit, gegenüber der bürokra-
tischen Bevormundung die Freiheit und die Selbstregierung auf
ihre Fahne schreiben. Konsequenterweise muß sie also das all-
gemeine, direkte Wahlrecht, Preß-, Vereins- und Versammlungsfrei-
heit und Aufhebung aller Ausnahmsgesetze gegen einzelne Klassen
der Bevölkerung verlangen. Dies ist aber auch alles, was das
Proletariat von ihr zu verlangen braucht. Es kann nicht fordern,
daß die Bourgeoisie aufhöre, Bourgeoisie zu sein, aber wohl, daß
sie ihre eigenen Prinzipien konsequent durchführe. Damit bekommt
das Proletariat aber auch alle die Waffen in die Hand, deren es
zu seinem endlichen Siege bedarf. Mit der Preßfreiheit, dem
Versammlungs- und Vereinsrechte erobert es sich das allgemeine
Stimmrecht, mit dem allgemeinen, direkten Stimmrecht, in Vereini-
gung mit den obigen Agitationsmitteln, alles übrige.
Es ist also das Interesse der Arbeiter, die Bourgeoisie in ihrem
Kampfe gegen alle reaktionären Elemente zu unterstützen, s o-
l a n g e s i e s i c h s e l b s t t r e u b l e i b t.
Jede Eroberung, die die Bourgeoisie der Reaktion abzwingt, kommt,
unter dieser Bedingung, der Arbeiterklasse schließlich zugut.
Diesen richtigen Instinkt haben die deutschen Arbeiter auch ge-
habt. Sie haben, mit vollem Recht, in allen deutschen Staaten
überall für die radikalsten Kandidaten gestimmt, die Aussicht zum
Durchkommen hatten.
Aber wenn nun die Bourgeoisie sich selbst untreu wird, ihre eige-
nen Klasseninteressen und die daraus folgenden Prinzipien verrät?
Dann bleiben den Arbeitern zwei Wege übrig!
Entweder die Bourgeoisie gegen ihren Willen voranzutreiben, sie
soweit möglich zu zwingen, das Wahlrecht auszudehnen, die Presse,
die Vereine und Versammlungen zu befreien und damit dem Proleta-
riat ein Gebiet zu
#77# Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei
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schaffen, auf dem es sich frei bewegen und sich organisieren
kann. Dies haben die englischen Arbeiter seit der Reformbill von
1832, die französischen Arbeiter seit der Julirevolution 1830 ge-
tan und gerade durch und mit dieser Bewegung, deren nächste Ziele
rein bürgerlicher Natur waren, ihre eigene Entwicklung und Orga-
nisation mehr als durch irgendein anderes Mittel gefördert. Die-
ser Fall wird immer eintreten, denn die Bourgeoisie, bei ihrem
Mangel an politischem Mut, wird sich von Zeit zu Zeit überall un-
treu.
Oder aber, die Arbeiter ziehen sich ganz von der bürgerlichen Be-
wegung zurück und überlassen die Bourgeoisie ihrem Schicksale.
Dieser Fall trat m England, Frankreich und Deutschland nach dem
Scheitern der europäischen Arbeiterbewegung von 1848 bis 1850
ein. Er ist nur möglich nach gewaltsamen und momentanen fruchtlo-
sen Anstrengungen, nach denen die Klasse Ruhe bedarf. Im gesunden
Zustand der Arbeiterklasse ist er unmöglich; er käme ja einer
vollständigen politischen Abdankung gleich, und deren ist eine
ihrer Natur nach mutige Klasse, eine Klasse, die nichts zu ver-
lieren und alles zu gewinnen hat, auf die Dauer unfähig.
Selbst in dem äußersten Fall, daß die Bourgeoisie, aus Furcht vor
den Arbeitern, sich unter der Schürze der Reaktion verkriechen
und an die Macht der ihr feindlichen Elemente um Schutz gegen die
Arbeiter appellieren sollte - selbst dann wird der Arbeiterpartei
nichts übrigbleiben, als die von den Bürgern verratene Agitation
für bürgerliche Freiheit, Preßfreiheit, Versammlungs- und Ver-
einsrecht trotz der Bürger fortzuführen. Ohne diese Freiheiten
kann sie selbst sich nicht frei bewegen; sie kämpft in diesem
Kampf für ihr eigenes Lebenselement, für die Luft, die sie zum
Atmen nötig hat.
Es versteht sich von selbst, daß in allen diesen Fällen die Ar-
beiterpartei nicht als der bloße Schwanz der Bourgeoisie, sondern
als eine durchaus von ihr unterschiedene, selbständige Partei
auftreten wird. Sie wird der Bourgeoisie bei jeder Gelegenheit
ins Gedächtnis rufen, daß die Klasseninteressen der Arbeiter
denen der Kapitalisten direkt entgegengesetzt und daß die Arbei-
ter sich dessen bewußt sind. Sie wird ihre eigene Organisation
gegenüber der Parteiorganisation der Bourgeoisie festhalten und
fortbilden und mit der letzteren nur unterhandeln wie eine Macht
mit der ändern. Auf diese Weise wird sie sich eine achtunggebie-
tende Stellung sichern, die einzelnen Arbeiter über ihre Klassen-
interessen aufklären und bei dem nächsten revolutionären Sturm -
und diese Stürme sind ja jetzt von so regelmäßiger Wiederkehr wie
die Handelskrisen und Äquinoktialstürme - zum Handeln bereit
sein.
#78# Friedrich Engels
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Daraus folgt die Politik der Arbeiterpartei in dem preußischen
Verfassungskonflikt von selbst:
die Arbeiterpartei vor allem organisiert erhalten, soweit es die
jetzigen Zustände zulassen;
die Fortschrittspartei vorantreiben zum w i r k l i c h e n
Fortschreiten, soweit das möglich; sie nötigen, ihr eigenes Pro-
gramm radikaler zu machen und daran zu halten; jede ihrer Inkon-
sequenzen und Schwächen unnachsichtlich züchtigen und lächerlich
machen;
die eigentliche Militärfrage gehen lassen, wie sie geht, in dem
Bewußtsein, daß die Arbeiterpartei auch einmal ihre e i g e n e,
d e u t s c h e "Armeereorganisation" machen wird;
der Reaktion aber auf ihre heuchlerischen Lockungen antworten:
"Mit dem Speere soll man Gabe empfangen, Spitze gegen Spitze."
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