Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Karl Marx
       
       Bericht des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Assoziation
       an den IV. allgemeinen Kongreß in Basel [262]
       
       Die Delegierten  der verschiedenen Sektionen werden Euch ausführ-
       liche Berichte abstatten über den Fortschritt unserer Assoziation
       in ihren  resp. Ländern.  Der Bericht  Eures Generalrates bezieht
       sich hauptsächlich  auf die Guerillagefechte zwischen Kapital und
       Arbeit, wir  meinen die  Strikes, welche im vergangenen Jahre den
       Kontinent von  Europa beunruhigt  haben und  von  denen  man  be-
       hauptet, sie seien weder aus dem Elend des Arbeiters entsprungen,
       noch aus dem Despotismus des Kapitalisten, sondern aus den gehei-
       men Intrigen unserer Assoziation.
       Einige Wochen nach Abhaltung unseres letzten Kongresses brach un-
       ter den  Bandwebern und  Seidenfärbern in  Basel ein denkwürdiger
       Strike aus.  Basel ist  ein Platz,  der bis  auf unsre Tage viele
       Züge  einer  mittelalterlichen  Stadt  mit  ihren  lokalen  Über-
       lieferungen, ihren  engen Vorurteilen, ihren börsenstolzen Patri-
       ziern und ihrem patriarchalischen Verhältnis zwischen Arbeitgeber
       und Arbeiter  bewahrt hat.  Noch vor  wenigen Jahren  prahlte ein
       Basler  Fabrikant   gegenüber  einem  englischen  Gesandtschafts-
       sekretär,
       
       daß "die  wechselseitige Stellung von Meister und Leuten hier un-
       gleich günstiger  sei als in England", daß "m der Schweiz ein Ar-
       beiter, der  einen guten  Meister für bessere Löhne verließe, von
       seinen eigenen  Mitarbeitern  verachtet  werden  würde"  und  daß
       "unser Vorteil  England gegenüber hauptsächlich in der langen Ar-
       beitszeit und den mäßigen Löhnen besteht".
       
       Man sieht,  das patriarchalische  Regime in  seiner durch moderne
       Einflüsse veränderten  Gestalt kommt  darauf hinaus, daß der Mei-
       ster gut  und sein Arbeitslohn schlecht ist, daß der Arbeiter wie
       ein  mittelalterlicher   Vasall  fühlt   und  wie   ein  moderner
       Lohnsklave schanzt.
       Diesen Patriarchalismus mag man ferner beurteilen aus einer offi-
       ziellen schweizerischen  Untersuchung über den Kinderverbrauch in
       den Fabriken
       
       #371# Bericht des Generalrats an den IV. Kongreß der I.A.A.
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       und den  Zustand der  öffentlichen Elementarschulen.  Es  stellte
       sich heraus, daß
       
       "die Basler  Schulatmosphäre die  schlechteste in  der Welt  ist,
       daß, während  in freier  Luft die  Kohlensäure 4 Teile auf 10 000
       bildet und  in geschlossenen  Räumen 10 Teile nicht überschreiten
       sollte, sie  in den  Basler gewöhnlichen  Schulen auf 20-81 Teile
       des Vormittags und auf 53-94 Teile des Nachmittags steigt".
       
       Hierauf bemerkte ein Mitglied des Basler Großen Rates, Herr Thur-
       neysen, sehr kühl:
       
       "Laßt Euch nicht schrecken. Die Eltern haben in ebenso schlechten
       Schulräumen gesessen  als jetzt  die Kinder, und dennoch sind sie
       mit heiler Haut davongekommen."
       
       Man wird  nun sofort verstehen, daß eine ökonomische Revolte sei-
       tens der  Basler Arbeiter  Epoche in  der sozialen Geschichte der
       Schweiz macht.  Nichts ist  charakteristischer als  der Ausgangs-
       punkt dieser Bewegung! In Basel haben die Arbeiter nach altem Ge-
       brauch am  letzten Tage  der Spätjahrmesse  1/4 Tag Feierstunden.
       Als nun  am 9.  November 1868  die Arbeiter der Bandfabrik Debary
       und Söhne  denselben wie gewohnt in Anspruch nahmen, erklärte ih-
       nen einer der Fabrikherren in barschem Ton und mit gebieterischer
       Miene:
       
       "Wer weggehe  und nicht  fortarbeite, sei  sogleich und für immer
       entlassen."
       
       Nach einigen  vergeblichen Protestationen  verließen 104  von 172
       Webern sofort  die Fabrik. Sie glaubten jedoch nicht an die defi-
       nitive Entlassung,  weil  gegenseitige  vierzehntägige  Aufkündi-
       gungsfrist durch  schriftlichen Vertrag  bedingt war.  Bei  ihrer
       Rückkehr am nächsten Morgen fanden sie die Fabriken mit Gendarmen
       umstellt, welche  die Rebellen ausschlössen. Auch die Weber, wel-
       che den  1/4 Tag  nicht gefeiert  hatten, wollten  nun  ebenfalls
       nicht eintreten.  Das allgemeine Losungswort war: "Alle oder kei-
       ner."
       So plötzlich arbeitslos gemacht, wurden die Weber mit ihren Fami-
       lien zugleich  aus den  Wohnungen herausgeworfen,  welche sie von
       ihren Fabrikanten gemietet. Letztere sandten zugleich Rundschrei-
       ben an Metzger, Bäcker, Krämer, den Aufständigen allen Kredit für
       Lebensmittel abzuschneiden.  Der so eröffnete Kampf währte vom 9.
       November 1868 bis Frühling 1869. Die Grenzen unseres Berichts er-
       lauben uns  nicht, auf weitere Details einzugehen. Genug, die Be-
       wegung entsprang aus einem frivol-gehässigen Akt kapitalistischer
       Despotie, aus  einem grausamen  Lockout, mündete  in Strikes, von
       Zeit zu  Zeit unterbrochen  durch Kompromisse,  wieder und wieder
       verletzt durch die Meister, und gipfelte in dem vergeblichen Ver-
       such des hochmächtigen Basler Großen Rates, die Arbeiter
       
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       durch militärische  Maßregeln und eine Art von Belagerungszustand
       einzuschüchtern.
       Während dieses  Aufstands wurden  die Arbeiter  unterstützt durch
       die Internationale Arbeiter-Assoziation. Diese Gesellschaft hatte
       nach der Meinung der Meister den modernen Rebellengeist zuerst in
       die gute  alte Reichsstadt  Basel eingeschmuggelt. Diesen frechen
       Eindringling wieder  aus Basel herauszuwerfen, wurde nun das Ziel
       ihres Strebens. Sie versuchten, den Austritt aus der Gesellschaft
       ihren Untertanen als Friedensbedingung aufzuherrschen. Jedoch um-
       sonst. Als sie überhaupt in dem Krieg mit der Internationalen den
       kürzeren zogen,  machten sie  ihrer übeln  Laune in possierlichen
       Sprüngen Luft. Diese Republikaner, welche größere Fabriken in dem
       Basel nahegelegenen badischen Grenzorte Lörrach besitzen, bewogen
       den dortigen Amtmann 1*), unsere dortige Sektion aufzulösen, eine
       Maßregel, die  jedoch bald wieder von der badischen Regierung zu-
       rückgenommen wurde.  Als die Augsburger "Allgemeine Zeitung" sich
       herausnahm, unparteiisch über die Basler Ereignisse zu berichten,
       drohte die "Ehrbarkeit" in närrischen Briefen mit Abonnementskün-
       digung. Nach  London sandten sie einen Emissär mit dem phantasti-
       schen Auftrag, die Dimensionen der internationalen Generalgeldki-
       ste auszumessen.  Hätten diese  guten orthodoxen  Christen in den
       ersten Zeiten  des Christentums  gelebt, sie hätten vor allem des
       Apostels Paulus Bankkredit zu Rom nachgespäht.
       Ihr unbeholfen  barbarisches Verfahren zog ihnen einige ironische
       Vorlesungen über  Weltweisheit von Seiten der Genfer Kapitalisten
       zu. Einige Monate später hatten die Basler Pfahlbürger die Genug-
       tuung, mit Wucherzins den Genfer Weltmännern zurückzahlen zu kön-
       nen.
       Im Monat März brachen in Genf 2 Strikes aus, auf Seite der Bauar-
       beiter und  der Setzer,  deren beide Gesellschaften Sektionen der
       Internationalen bilden.  Der Strike  der Bauarbeiter wurde provo-
       ziert durch die Meister, welche den das vorige Jahr mit ihren Ar-
       beitern feierlich  abgeschlossenen Vertrag  brachen. Der  Setzer-
       strike war  das letzte Wort eines 10jährigen Streits, den die Ar-
       beiter vergeblich  durch 5  aufeinanderfolgende  Kommissionen  zu
       schlichten versucht hatten. Wie in Basel verwandelten die Meister
       sofort ihre  Privatfehde mit  den Arbeitern  m einen Kreuzzug der
       Staatsgewalt gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation.
       Der Genfer  Staatsrat verwandte  Polizeidiener, um  aus der Ferne
       durch die  Meister importierte  Arbeiter an  der Eisenbahnstation
       abzuholen und
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       1*) Im englischen Text: großherzoglichen Beamten
       
       #373# Bericht des Generalrats an den IV. Kongreß der I.A.A.
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       von aller  Berührung mit  den Strikers abzuschließen. Er erlaubte
       der Genfer  Jeunesse dorée  1*), mit Revolvern bewaffnet Arbeiter
       und Arbeiterinnen  auf den Straßen und anderen öffentlichen Plät-
       zen zu  überfallen. Er  schleuderte seine  eignen Polizeihalunken
       bei verschiedenen  Gelegenheiten auf  die Arbeiter und namentlich
       am 24.  Mai, wo  zu Genf,  auf kleiner  Stufenleiter, die Pariser
       Szenen aufgeführt  wurden, welche  Raspail gebrandmarkt  hat  als
       "les orgies infernales des casse-têtes" [264]. Als die Genfer Ar-
       beiter in  öffentlicher Versammlung eine Adresse an den Staatsrat
       beschlossen, worin  eine Untersuchung über diese infernalen Poli-
       zeiorgien verlangt  wird, wies  der Staatsrat  ihr Gesuch schnöde
       zurück. Man  beabsichtigte offenbar, die Genfer Arbeiter zu einer
       Erneute aufzustacheln,  die Erneute  gewaltsam  niederzustampfen,
       die Internationalen vom Schweizer Boden wegzufegen und die Prole-
       tarier einem  Dezemberregime zu unterwerfen. Der Plan ward verei-
       telt durch  die energischen  Maßregeln und den mäßigenden Einfluß
       unseres Schweizer  Föderalkomitees.  [2654]  Die  Meister  hatten
       schließlich nachzugeben.
       Hört nun  einige der Invektiven der Genfer Kapitalisten und ihrer
       Preßbande gegen  die   I n t e r n a t i o n a l e n!  In öffent-
       licher Versammlung  erließen sie  eine Adresse  an den Staatsrat,
       worin es unter anderm heißt:
       
       "Man ruiniert den Kanton Genf durch Dekrete von London und Paris,
       man will hier alle Arbeit und alle Industrie unterdrücken."
       
       Und ein  Schweizer Blatt  druckte, die Leiter der Internationalen
       seien
       
       "Geheimagenten des  Kaisers Napoleon, die im gelegenen Augenblick
       als öffentliche  Ankläger gegen  unsre kleine  Schweiz  auftreten
       werden".
       
       Und dies  von Seite  derselben Herren, die sich ebenso eifrig ge-
       zeigt, das Dezemberregime auf den Schweizer Boden zu verpflanzen;
       von seilen jener Finanzenagenten, welche Genf wie andre Schweizer
       Städte beherrschen  und von  denen ganz Europa weiß, daß sie sich
       seit lange  aus Bürgern der Schweizer Republik in Lohnsträger des
       Crédit mobilier  [266] und anderer internationaler Schwindelasso-
       ziationen verwandelt haben!
       Die Metzeleien,  wodurch die  belgische Regierung  im Monat April
       auf die  Strikes der Puddlers zu Seraing und der Kohlengräber der
       Borinage  antwortete,  wurden  ausführlich  bloßgelegt  in  einer
       Adresse des Generalrats an die Arbeiter Europas und der Vereinig-
       ten Staaten 2*). Wir betrachteten eine solche Adresse um so drin-
       gender, als in diesem konstitutionellen
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       1*) Im englischen Text eingefügt: den hoffnungsvollen Nichtstuern
       der Jeune Suisse [263] - 2*) siehe vorl. Band, S. 350-354
       
       #374# Karl Marx
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       Musterstaat ein Arbeitermassakre kein Zufall, sondern eine Insti-
       tution ist. Dem abscheulichen Militärdrama folgte auf dem Fuß die
       gerichtliche Farce.  In seinen  Untersuchungen gegen unser belgi-
       sches General-Komitee zu Brüssel, dessen Wohnungen brutal von der
       Polizei überfallen und dessen Mitglieder teilweise arretiert wur-
       den, fand der Untersuchungsrichter den Brief eines Arbeiters, der
       "500 Internationale"  verschreibt. Er  schließt sofort,  man ver-
       lange 500  Klopffechter nach dem Kampfplatz. Die "500 Internatio-
       nalen' waren 500 Exemplare der "Internationale", des Wochenorgans
       des Brüsseler Komitees. Er stiebert dann ein Telegramm nach Paris
       auf, worin eine gewisse Quantität Pulver verlangt wird. Nach lan-
       ger Haussuchung  wird die  gefährliche Substanz  in Brüssel  ent-
       deckt. Es war Rattenpulver. Schließlich schmeichelt sich die bel-
       gische Polizei,  das Schatzgespenst  gepackt zu haben, welches im
       Hirn der  kontinentalen Kapitalisten  spukt, dessen Hauptstock in
       London lagert und wovon Ableger beständig über die See nach allen
       Zentralsitzen unserer Gesellschaft spediert werden. Der belgische
       offizielle Forscher wähnt es versteckt in einer eisernen Kiste in
       einem finstern  Winkel. Seine Schergen stürzen auf die Kiste los,
       erbrechen sie gewaltsam und finden - ein paar Stücke Kohle. Viel-
       leicht, berührt von Polizeihand, verwandelt sich das reine inter-
       nationale Gold sofort in Kohle.
       Von den  Strikes, die  im Dezember  1868 verschiedene  Sitze  der
       französischen Baumwollenindustrie heimsuchten, war der wichtigste
       der in Sotteville-lès-Rouen. Die Fabrikanten des Departements der
       Somme hatten  nicht lange vorher eine Zusammenkunft zu Amiens, um
       zu beraten,  wie sie  ihre englischen  Rivalen auf dem englischen
       Markt selbst unterkaufen (undersell) könnten. Man war darüber ei-
       nig, daß  neben den  Zöllen die  verhältnismäßige Niedrigkeit des
       Arbeitslohns Frankreich hauptsächlich gegen englische Baumwollwa-
       ren geschützt  habe. Man  schloß natürlich, daß eine noch größere
       Senkung des  Arbeitslohns erlauben  würde, England  mit französi-
       schen Baumwollwaren  zu überfallen.  Man zweifelte  keinen Augen-
       blick, daß  die französischen  Baumwollarbeiter stolz darauf sein
       würden, die Kosten eines Eroberungskriegs zu bestreiten, den ihre
       patriotischen Meister  auf der  ändern Seite des Kanals zu führen
       beschlossen. Kurz  nachher verlautete,  daß die  Fabrikanten  von
       Rouen und Umgegend in geheimem Konklave ein ähnliches Übereinkom-
       men getroffen.  Bald darauf  fand plötzlich eine bedeutende Lohn-
       herabsetzung statt  in Sotteville-lès-Rouen, und nun erhoben sich
       die normannischen  Weber zum  ersten Mal gegen die Übergriffe des
       Kapitals. Sie  handelten in  der Aufregung  des Augenblicks.  Sie
       hatten weder vorher Trade-Unions
       
       #375# Bericht des Generalrats an den IV. Kongreß der I.A.A.
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       gebildet, noch  für Widerstandsmittel irgendeiner Art gesorgt. In
       ihrer Verlegenheit  appellierten sie an das International-Komitee
       zu Rouen, welches ihnen die erste notwendige Hülfe von den Arbei-
       tern Rouens,  der Nachbarorte  und von  Paris verschaffte.  Gegen
       Ende Dezember  wandte sich das Rouener Komitee an den Generalrat,
       in einem  Augenblick äußerster  Not in  den englischen Sitzen der
       Baumwollindustrie, beispiellosen Elends in London und allgemeinen
       Drucks in  allen Produktionszweigen. Dieser Zustand dauert bis zu
       diesem Augenblick  in England fort. Trotz so durchaus ungünstiger
       Umstände glaubte  der Generalrat, daß der eigentümliche Charakter
       des Rouener  Konflikts die  englischen Arbeiter  zu besondern An-
       strengungen aufstacheln  würde. Es  war dies  eine große Gelegen-
       heit, den Kapitalisten zu beweisen, daß ihr internationaler Indu-
       striekrieg, geführt  durch Niederschrauben  des Arbeitslohns bald
       in diesem Lande, bald in jenem, sich endlich brechen werde an der
       internationalen Vereinigung  der Arbeiterklassen.  Die englischen
       Arbeiter antworteten unserm Aufruf sofort durch einen ersten Bei-
       trag für  Rouen, und der Londoner Generalrat der Trade-Unions be-
       schloß, mit uns zusammen ein Monstremeeting zugunsten der norman-
       nischen Brüder zu berufen. Die Nachricht vom plötzlichen Aufhören
       des Sotteville-Strikes verhinderte weiteres Vorgehen.
       Für den  materiellen Fehlschlag  dieser ökonomischen Revolte ent-
       schädigten große moralische Resultate. Sie warb die normannischen
       Baumwollarbeiter für  die revolutionäre Armee der Arbeit, gab den
       Anstoß zur  Stiftung von  Trade-Unions zu Rouen, Elbeuf, Darnetal
       usw. und  besiegelte von neuem den Bruderbund zwischen englischen
       und französischen  Arbeiterklassen. Während des Winters und Früh-
       lings 1869 blieb unsre Propaganda in Frankreich gelähmt durch die
       1868 erfolgte  Unterdrückung unsres  Pariser Komitees,  die Poli-
       zeischikanen in den Departements und das überwältigende Interesse
       der allgemeinen Wahlen.
       Die Wahlen  waren kaum vorüber, als zahlreiche Strikes ausbrachen
       in den  Minendistrikten der  Loire, zu  Lyon und an vielen ändern
       Plätzen. Die  starkgefärbten Phantasiegemälde von der Prosperität
       der Arbeiter  unter dem  Zweiten Kaiserreich verschwammen wie Ne-
       belbilder vor  den ökonomischen  Tatsachen, welche  diese  Kämpfe
       zwischen den  Kapitalisten und  Arbeitern ans Licht brachten. Die
       Forderungen der  Arbeiter waren so bescheiden und so unabweisbar,
       daß sie  nach einigen  oft schamlosen  Versuchen des  Widerstands
       alle eingeräumt  werden mußten. Es war durchaus nichts Auffallen-
       des an  diesen Strikes  außer ihrer  plötzlichen  Explosion  nach
       scheinbarer Windstille  und der Geschwindigkeit, womit sie Schlag
       auf Schlag  einander folgten. Dennoch war die Ursache davon hand-
       greiflich
       
       #376# Karl Marx
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       einfach. Während  den Wahlen  hatten die Arbeiter sich mit Erfolg
       aufgelehnt wider  ihren öffentlichen  Despoten. Was  natürlicher,
       als sich nach den Wahlen aufzulehnen gegen ihre Privat-Despoten?
       Die Wahlen  hatten die Geister in Bewegung gesetzt. Es ist in der
       Ordnung, daß  die Regierungspresse,  bezahlt wie sie ist für Ver-
       fälschung der  Tatsachen, den Schlüssel fand in den geheimen Kom-
       mandoworten des  Londoner Generalrats, der seine Emissäre von Ort
       zu Ort  schicke, um  den vorher  ganz und gar zufriedengestellten
       französischen Arbeitern  das Geheimnis zu offenbaren, daß ein bö-
       ses Ding  ist, überarbeitet,  unterzahlt und  brutal behandelt zu
       werden. Ein  französisches Polizeiorgan,  welches in  London  er-
       scheint, "L'International"  [267], enthüllt  der Welt  in  seiner
       Nummer vom  3. August  die geheime  Triebfeder  unsrer  heillosen
       Tätigkeit.
       
       "Das Sonderbarste",  sagt es,  "ist, daß  den  Strikes  verordnet
       wurde, in  solchen Ländern  auszubrechen, wo  das Elend noch weit
       davon entfernt  ist, sich  fühlbar zu  machen. Diese unerwarteten
       Explosionen kamen  so außerordentlich  gelegen für einen gewissen
       Nachbar Frankreichs,  der gerade  Krieg zu  befürchten hatte, daß
       viele Leute  sich fragen,  ob diese  Strikes nicht  vorfielen auf
       Verlangen eines  auswärtigen Machiavelli, der sich die Gunst die-
       ser allmächtigen Gesellschaft zu erringen wußte".
       
       Zur selben  Zeit, wo  dieser französische  Polizeiwisch  uns  an-
       klagte, die  französische Regierung  zu Haus mit Strikes zu belä-
       stigen, um  dem Grafen Bismarck die Last eines auswärtigen Kriegs
       abzuwälzen, deutete ein rheinpreußisches Fabrikantenblatt an, wir
       erschütterten den  Norddeutschen Bund  [268] mit  Strikes, um die
       deutsche Industrie zum Vorteil fremder Fabrikanten lahmzulegen.
       Die Verhältnisse der Internationalen zu den französischen Strikes
       werden wir nun beleuchten an zwei Fällen von einem typischen Cha-
       rakter. In  dem einen  Fall, dem Strike von Saint-Étienne und dem
       folgenden Massakre bei Ricamarie, wird die französische Regierung
       selbst nicht mehr wagen, irgendeine Einmischung der Internationa-
       len zu behaupten.
       In den  Ereignissen zu Lyon war es nicht die Internationale, wel-
       che die  Arbeiter in Strikes warf, sondern umgekehrt die Strikes,
       welche die Arbeiter in die Arme der Internationalen warfen. '
       Die Kohlenarbeiter  von Samt-Etienne,  Rive-de-Gier  und  Finniny
       hatten ruhig,  aber fest  von den  Direktoren der Minen-Kompanien
       eine Revision des Lohntarifs und eine Beschränkung des Arbeitsta-
       ges verlangt,  der 12 volle Stunden harter, unterirdischer Arbeit
       zählte. Erfolglos  in ihrem  Versuch eines  gütlichen Vergleichs,
       erklärten sie  einen Strike am 11. Juni. Es war für sie natürlich
       eine Lebensfrage, die Kooperation ihrer Kameraden zu sichern, die
       noch fortarbeiteten. Um dies zu verhindern,
       
       #377# Bericht des Generalrats an den IV. Kongreß der I.A.A.
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       verlangten und  erhielten die  Direktoren vom Präfekten der Loire
       einen Wald  von Bajonetten.  Am 12.  Juni fanden die Strikers die
       Kohlengruben unter  starker, militärischer Besetzung. Um sich des
       Eifers der  Soldaten, welche die Regierung ihnen so lieh, zu ver-
       sichern, zahlten die Minen-Kompanien jedem Soldaten täglich einen
       Franken per Kopf. Die Soldaten zahlten den Kompanien zurück durch
       Einfangung von ungefähr 60 Kohlengräbern, welche zu ihren Kamera-
       den in  den Gruben  vorzudringen suchten. Diese Gefangenen wurden
       am Nachmittag  desselben Tags nach Saint-Etienne eskortiert durch
       150 Mann vom vierten Linienregiment. Vor dem Aufbruch der tapfern
       Krieger verteilte ein Ingenieur der Kompanie, Dorian, 60 Flaschen
       Kognak unter  sie und  legte ihnen  eindringlich  ans  Herz,  ein
       scharfes Auge  auf die Gefangenen zu haben. Diese Bergleute seien
       Wilde, Barbaren, entlassene Galeerensträflinge. Durch den Brannt-
       wein und  die Predigt war eine blutige Kollision eingeleitet. Auf
       ihrem Marsch,  gefolgt von einem Haufen Kohlenarbeiter mit Frauen
       und Kindern,  umringt von denselben in einem Engpaß auf den Höhen
       des Moncel, Quartier Ricamarie, angegangen, die Gefangenen auszu-
       liefern, auf  ihre Weigerung  mit einem  Steinhagel  angegriffen,
       feuerten die  Soldaten ohne vorläufige Warnung mitten in den eng-
       gedrängten Haufen,  töteten 15  Personen, darunter  2 Weiber  und
       einen Säugling,  und verwundeten  eine große  Menge. Die Torturen
       der Verwundeten  waren furchtbar, unter ihnen befand sich ein ar-
       mes Mädchen von 12 Jahren, Jenny Petit, deren Name unsterblich in
       der Martyrologie der Arbeiterklasse leben wird. Sie ward von hin-
       ten getroffen  von zwei  Kugeln, wovon die eine in der Lende fest
       sitzen blieb,  die andre  den Rücken  durchflog, den Arm zerbrach
       und durch die rechte Schulter herausfuhr. "Les chassepots avaient
       encore fait merveille." [269]
       Diesmal fand jedoch die Regierung bald aus, daß sie nicht nur ein
       Verbrechen, sondern  einen Fehler  begangen. Sie  wurde nicht von
       der Mittelklasse  als Gesellschaftsretter begrüßt. Der Munizipal-
       rat von  Saint-Etienne gab seine Entlassung in Masse in einem Do-
       kument, worin er die Soldateska der Unmenschlichkeit zieh und die
       Verlegung des  Regiments von der Stadt forderte. Die französische
       Presse brach  in einen  Schrei des  Entsetzens aus. Selbst solche
       konservativen Blätter  wie der "Moniteur universel" [270] sammel-
       ten für die Opfer. Die Regierung hatte das gehässige Regiment von
       Saint-Étienne zu entfernen.
       Unter diesen  schwierigen Umständen  war es  ein lichter Einfall,
       einen Sündenbock auf dem Altar der öffentlichen Entrüstung zu op-
       fern - die Internationale Arbeiter-Assoziation. Bei den Gerichts-
       verhandlungen gegen  die angeblichen  Aufrührer teilte der Ankla-
       geakt sie in 10 Kategorien, die
       
       #378# Karl Marx
       -----
       Grade  ihrer  Schuld  sehr  kunstreich  schattierend.  Die  erste
       Klasse, die  dunkelste, bestand  aus 5  Arbeitern, besonders  des
       Verdachts verdächtig, ihr geheimes Losungswort von außen, von der
       Internationalen erhalten  zu haben.  Die Beweise  waren natürlich
       überwältigend, wie  der folgende  Auszug aus  einer französischen
       Gerichtszeitung zeigt:
       
       "Das Zeugenverhör  hat nicht  erlaubt, die Teilnahme der Interna-
       tionalen Assoziation  genau festzusetzen.  Die Zeugen  versichern
       nur, daß  sich an  der Spitze der Banden Unbekannte befanden, mit
       weißen Kitteln und Mützen. Aber ferner dieser Unbekannten ist ar-
       retiert worden,  und keiner  sitzt auf  der Anklagebank.  Auf die
       Frage: Glauben  Sie an  die Einmischung der Internationalen Asso-
       ziation? antwortete  ein Zeuge:  Ich glaube  daran, aber ich habe
       durchaus keine Beweise."
       
       Kurz nach  dem Ricamarie-Massakre  ward der Tanz der ökonomischen
       Revolten zu  Lyon eröffnet durch die Seidenhaspler, meist weibli-
       chen Geschlechts.  In ihrer  Not appellierten sie an die Interna-
       tionale, die  namentlich durch  ihre Mitglieder in Frankreich und
       der Schweiz  zum Sieg verhalf. Trotz aller Einschüchterungsversu-
       che der  Polizei erklärten sie öffentlich ihren Anschluß an unsre
       Gesellschaft und  traten ihr formell bei durch Zahlung der statu-
       tenmäßigen Beiträge  an den  Generalrat. Zu  Lyon wie  vorher  zu
       Rouen spielten  die Arbeiterinnen  eine hochherzige und hervorra-
       gende Rolle.
       Andre Geschäftszweige von Lyon folgten den Seidenhasplern auf dem
       Fuß nach. So gewann unsre Gesellschaft in wenigen Wochen mehr als
       10 000 neue Anhänger in dieser heroischen Bevölkerung, welche vor
       mehr als  30 Jahren das Losungswort des modernen Proletariats auf
       ihr Banner  schrieb: "Vivre  en travaillant  ou mourir en combat-
       tant!" (Arbeitend leben oder kämpfend sterben!) [271]
       Unterdes fuhr  die französische Regierung fort mit ihren kleinli-
       chen Quengeleien gegen die  I n t e r n a t i o n a l e.  Zu Mar-
       seille verbot sie unsern Mitgliedern zusammenzukommen zu der Wahl
       eines Delegierten  für den  Basler Kongreß. Derselbe Streich ward
       in ändern  Städten wiederholt,  aber die Arbeiter des Kontinents,
       wie anderswo, beginnen endlich einzusehen, daß man seine natürli-
       chen Rechte  am sichersten  erwirbt, wenn  man sie ohne Erlaubnis
       ausübt, jeder auf seine persönliche Gefahr.
       Die Arbeiter  Östreichs, besonders Wiens, nehmen bereits den Vor-
       dergrund ein,  obgleich sie  erst nach  den Ereignissen  von 1866
       [272] in  die Bewegung eintraten. Sie sammelten sich sofort unter
       der Fahne  des Sozialismus und der Internationalen, in welche sie
       massenhaft durch  ihre Delegierten  an dem  neulichen  Eisenacher
       Kongreß [273]  eintraten. Wenn irgendwo, hat die liberale Mittel-
       klasse in Östreich ihre selbstischen Instinkte, ihre geistige In-
       feriorität und ihren kleinlichen Groll gegen die Arbeiterklasse
       
       #379# Bericht des Generalrats an den IV. Kongreß der I.A.A.
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       zur Schau  gestellt. Ihr Ministerium, welches das Reich zerrissen
       und bedroht  sieht durch den Racen- und Nationalitätenkampf, ver-
       folgt die  Arbeiter, welche  allein die  Verbrüderung aller Racen
       und Nationalitäten  proklamieren. Die Mittelklasse selbst, welche
       ihre neue  Stellung nicht  ihrem eigenen  Heroismus, sondern aus-
       schließlich den  Unglücksfällen der östreichischen Armee verdankt
       [274], welche  kaum imstande ist, wie sie selbst weiß, ihre neuen
       Errungenschaften wider  die Angriffe der Dynastie, der Aristokra-
       tie und  des Klerus  zu verteidigen, diese Mittelklasse vergeudet
       nichtsdestoweniger ihre Kräfte in dem elenden Versuch, die Arbei-
       terklasse auszuschließen  vom Recht  der Koalition, der öffentli-
       chen Meetings und der Presse.
       In Östreich,  wie in  allen ändern kontinentalen Staaten, hat die
       Internationale das  weiland rote  Gespenst verdrängt.  Als am 13.
       Juli ein Arbeitermassakre auf kleinem Maßstab zu Brunn, der Baum-
       wollhauptstadt Mährens, aufgeführt wurde, erklärte man das Ereig-
       nis durch  die geheimen  Aufhetzungen der  Internationalen, deren
       Agenten jedoch  im Besitz der Nebelkappe sind, die sie unsichtbar
       macht. Als  einige Wiener Volksführer vor Gericht standen, brand-
       markte der öffentliche Ankläger sie als Agenten des Auslands. Zum
       Beweis seiner  tiefen Sachkenntnis beging er nur den kleinen Irr-
       tum, die  bürgerliche Freiheits-  und Friedensligue  von Bern mit
       der proletarischen Internationalen zu verwechseln.
       Wird die  Arbeiterbewegung so  in dem  zisleithanischen  Östreich
       [275] verfolgt, so wird sie offen und schamlos gehetzt in Ungarn.
       Über diesen  Punkt liegen  dem Generalrat die zuverlässigsten Be-
       richte von Pest und Preßburg vor. Ein Beispiel der Behandlung der
       ungarischen Arbeiter seitens der Behörden genüge.
       Herr von  Wenckheim, königlicher  Minister des  Innern in Ungarn,
       befand sich  gerade bei  der ungarischen  Delegation in Wien. Die
       P r e ß b u r g e r  Arbeiter, welche seit Monaten keine Versamm-
       lungen mehr  abhalten dürfen und denen sogar untersagt wurde, ein
       Fest zu  veranstalten, dessen Reinertrag dem Gründungsfonds einer
       Krankenkasse zufallen  sollte, sandten  vor einigen Tagen mehrere
       Arbeiter, darunter den bekannten Agitator Niemtzik, nach Wien, um
       bei dem  Herrn Minister  des Innern  Beschwerde zu führen. Es ko-
       stete Mühe,  Zutritt zu dem hohen Herrn zu erhalten, und als sich
       endlich das ministerielle Zimmer öffnete, wurden die Arbeiter von
       dem Minister  in  einer  allem  Anstände  widersprechenden  Weise
       empfangen:
       
       "Sind Sie  Arbeiter? Arbeiten  Sie fleißig?" fragte der Minister,
       indem er die dampfende Zigarre im Mund herumdrehte. - Nun, weiter
       haben Sie  sich um  nichts zu  bekümmern, Sie brauchen keine Ver-
       eine, und  wenn Sie Politik treiben, so werden wir Mittel dagegen
       wissen. Ich  werde gar nichts für Sie tun. Mögen die Arbeiter im-
       merhin murren!"
       
       #380# Karl Marx
       -----
       Auf die  Frage, ob also alles der Willkür der Behörden überlassen
       bleibe, antwortete der Minister:
       
       "Ja, unter meiner Verantwortung."
       
       Nach langen  vergeblichen Auseinandersetzungen  verließen die Ar-
       beiter endlich den Minister mit der Erklärung:
       
       "Da die  staatlichen Verhältnisse die Lage der Arbeiter bedingen,
       so nässen  sich die  Arbeiter mit  Politik beschäftigen,  und sie
       Werden es tun."
       
       In Preußen und dem übrigen Deutschland zeichnete sich das vergan-
       gene Jahr  aus durch  die Bildung von Trade-Unions über das ganze
       Land. Auf  dem neulichen  Kongreß zu Eisenach stifteten die Dele-
       gierten von  mehr als 150 000 Arbeitern vom eigentlichen Deutsch-
       land, Östreich und der Schweiz eine neue Sozialdemokratische Par-
       tei mit einem Programm, dem die leitenden Prinzipien unserer Sta-
       tuten wörtlich  einverleibt sind.  Durch das  Gesetz  verhindert,
       förmliche Sektionen  unserer Assoziation  zu bilden,  beschlossen
       sie, individuelle Mitgliedschaftskarten vom Generalrat zu nehmen.
       1*)
       Neue Zweige  der Assoziation  haben sich  in Neapel,  Spanien und
       Holland gebildet.  In Barcelona und Amsterdam werden Wochenorgane
       ausgegeben. [277]
       Die  Lorbeeren  der  belgischen  Regierung  auf  den  glorreichen
       Schlachtfeldern von Seraing und Frameries scheinen den Schlaf un-
       serer Großmächte  zu stören.  Kein Wunder  denn, daß auch England
       dieses Jahr sich seines Arbeitermassakres zu rühmen hat. Den wel-
       schen Kohlengräbern  bei dem  Leeswood Great  Pit in der Nähe von
       Mold in  Denbighshire wurde  plötzlich Notiz einer Lohnverkürzung
       gegeben durch  den Verwalter  des Bergwerks, der ihnen seit lange
       als ein  kleiner und  unverbesserlicher Tyrann  verhaßt war.  Sie
       sammelten Leute  von den  benachbarten Werken,  verjagten ihn aus
       seinem Hause, schleppten alle seine Möbel zur nächsten Eisenbahn-
       station. Diese  Unglücklichen wähnten  in ihrer kindischen Unwis-
       senheit, auf  diese Weise  ihn für  immer loszuwerden. 2*) Am 28.
       Mai wurden 2 Führer zum Gericht nach Mold von der Polizei und un-
       ter der  Eskorte einer Abteilung des 4. Infanterieregiments, "the
       Kings Own" 3*),
       -----
       1*) Im englischen  Text ist  hier folgender  Satz eingefügt: "Der
       Allgemeine Deutsche Arbeiterverein versicherte auf seinem Kongreß
       zu Barmen  [276] ebenfalls sein Einverständnis mit den Prinzipien
       unserer Assoziation,  erklärte aber gleichzeitig, daß das preußi-
       sche Gesetz  ihm verbiete, sich uns anzuschließen." - 2*) im eng-
       lischen Text  ist hier  folgender Satz eingefügt: "Gegen die Auf-
       rührer wurden  natürlich gerichtliche Untersuchungen eingeleitet;
       einer von  ihnen wurde jedoch von einer tausendköpfigen Menge be-
       freit und  aus der  Stadt geleitet." - 3*) "des Leibregiments des
       Königs"
       
       #381# Bericht des Generalrats an den IV. Kongreß der I.A.A.
       -----
       transportiert. Unterwegs  suchte ein Haufen von Kohlengräbern sie
       zu befreien.  Auf den Widerstand der Polizei und der Soldaten ha-
       gelte es  Steine auf  sie. Ohne vorläufige Warnung erwiderten die
       Soldaten den  Steinhagel mit einem Kugelhagel von ihren Hinterla-
       dern 1*).  Fünf Personen, darunter zwei Frauen und ein Kind, wur-
       den getötet  und eine große Menge verwundet. Bis hierin existiert
       große Analogie zwischen den Massakres von Mold und Ricamarie, von
       da hört  sie auf. In Frankreich waren die Soldaten nur ihren Kom-
       mandanten verantwortlich,  in England  hatten sie  durch das Feg-
       feuer einer Coroner's Jury 2*) zu passieren, aber der Coroner war
       ein tauber,  halb versimpelter alter Mann, dem die Zeugenaussagen
       durch eine  Ohren-trompete eingetrichtert  werden mußten, und die
       welsche Jury  war eine engherzig vorurteilsvolle Klassenjury. Sie
       erklärten den  Mord für "erlaubten Totschlag". In Frankreich wur-
       den die Aufrührer zu Gefängnisstrafe von 3 bis zu 18 Monaten ver-
       urteilt und  bald darauf  amnestiert, in England wurden sie zu 10
       Jahren Zwangsarbeit mit Eisen verurteilt.
       In der  ganzen französischen  Presse   e i n  Wutschrei gegen die
       Truppen. In  England hatte die Presse nur Schmunzeln für die Sol-
       daten und  nur Runzeln  für ihre  Opfer. Dennoch haben die engli-
       schen Arbeiter  viel gewonnen  durch den Verlust einer großen und
       gefährlichen Illusion. Bis jetzt glaubten sie sich mehr oder min-
       der beschützt  durch die  Formalität der  Riot Acts [278] und die
       Unterordnung des  Militärs unter  die Zivilbehörde.  Sie sind nun
       eines Bessern  belehrt. Herr Bruce, der liberale Minister des In-
       nern, erklärte  im Hause der Gemeinen, jeder Magistrat, der erste
       beste Fuchsjäger  oder Pfaffe, könne ohne vorherige Verlesung der
       Riot Acts  auf ihm aufrührerisch scheinende Haufen feuern lassen.
       Zweitens aber  könnten die  Soldaten auch auf eigene Faust feuern
       unter dem  Vorwande der Selbstverteidigung. Der liberale Minister
       vergaß hinzuzufügen,  daß unter  so bewandten Umständen jedermann
       auf Staatskosten  mit einem Hinterlader bewaffnet werden müßte zu
       seiner Selbstverteidigung gegen die Soldaten.
       Der folgende  Beschluß wurde  am 30.  August auf  dem allgemeinen
       Kongreß der Trade-Unions zu Birmingham verfaßt:
       
       "In Anbetracht,  daß die lokale Organisation der Arbeit fast ver-
       schwunden ist  vor einer  Organisation mit  nationalem Charakter;
       daß die  Ausdehnung des Prinzips des Freihandels eine solche Kon-
       kurrenz der  Kapitalisten hervorruft, daß in dieser internationa-
       len Hetzjagd das Interesse des Arbeiters aus dem Gesicht verloren
       und aufgeopfert  wird; daß  die Arbeiterorganisation  noch weiter
       ausgedehnt und  international gemacht  werden muß;  in Anbetracht
       ferner, daß  die Internationale  Arbeiter-Assoziation die gemein-
       same Vertretung der Arbeitennteressen bezweckt und daß die Inter-
       essen
       -----
       1*) Im englischen  Text eingefügt:  (Snider-Flinten) - 2*) Toten-
       schau-Jury
       
       #382# Karl Marx
       -----
       der Arbeiterklassen  überall   i d e n t i s c h  sind, empfiehlt
       dieser Kongreß  jene Assoziation  herzlich der  Unterstützung der
       Arbeiter des  Vereinigten Königreichs  und namentlich den organi-
       sierten Arbeiterkörpern  und geht  sie aufs  dringendste an, sich
       mit jener  Assoziation zu  affiliieren. Der  Kongreß ist zugleich
       überzeugt, daß  die Verwirklichung der Prinzipien der Internatio-
       nalen zum  dauernden Frieden  unter den  Nationen der Erde führen
       wird." [279]
       
       Letzten Mai  drohte Krieg  zwischen den  Vereinigten Staaten  und
       England. Euer  Generalrat sandte daher eine Adresse an Herrn Syl-
       vis, den  Präsidenten der  amerikanischen  National  Labor  Union
       [205], worin  er die amerikanische Arbeiterklasse aufrief, gegen-
       über  dem  Kriegsgeschrei  der  herrschenden  Klasse  Frieden  zu
       kommandieren. 1*)
       Der plötzliche  Tod des  Herrn Sylvis, dieses tapfern Vorkämpfers
       unsrer Sache,  berechtigt, zur  Erinnerung an  ihn unsern Bericht
       mit seinem Antwortschreiben zu schließen:
       
       "Philadelphia, 26. Mai 1869
       Ihre Adresse vom 12. Mai habe ich gestern empfangen. Ich bin sehr
       glücklich, solche  herzliche Worte  von  unsern  Arbeitergenossen
       jenseits des  Ozeans zu  erhalten. Unsere  Sache ist eine gemein-
       schaftliche: Es  ist der  Krieg zwischen  Armut und Reichtum. Die
       Arbeit nimmt  überall dieselbe niedrige Stellung ein, und das Ka-
       pital ist  derselbe Tyrann  in allen  Teilen der Welt. Darum sage
       ich: Unsere  Sache ist  eine gemeinsame. Ich reiche Euch im Namen
       der Arbeiterklassen der Vereinigten Staaten die Hand der Kamerad-
       schaft. Ich  reiche sie durch Euch allen denen, die Ihr repräsen-
       tiert, und  allen niedergetretenen  und unterdrückten  Söhnen und
       Töchtern der  Mühsal in Europa. Seht voran in dem guten Werk, das
       Ihr unternommen  habt, bis  der glorreichste Erfolg Eure Anstren-
       gungen krönt.  Das ist  auch unser Entschluß. Unser letzter Krieg
       hat resultiert  in dem  Aufbau der infamsten Geldaristokratie auf
       dem Antlitz  der Erde.  Diese Geldmacht zehrt das Mark des Volkes
       aus. Wir  haben ihr  den Krieg  erklärt und fühlen uns des Sieges
       gewiß. Wenn  möglich, wollen  wir durch  Stimmzettel siegen, wenn
       nicht, müssen  wir zu ernstern Mitteln greifen. Ein kleiner Ader-
       laß ist manchmal notwendig in verzweifelten Fällen."
       
       Im Auftrag des Generalrats:
       Robert Applegarth, Vorsitzender
       Cowell Stepney, Kassierer
       J. George Eccarius, Generalsekretär
       London, den 1. September 1869
       Office: 256, High Holborn, W.C.
       
       Nach der Ausgabe in deutscher Sprache.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 355-357

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