Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Friedrich Engels
Vorbemerkung [zum Zweiten Abdruck (1870)
"Der deutsche Bauernkrieg"] [295]
Die nachstehende Arbeit wurde im Sommer 1850, noch unter dem un-
mittelbaren Eindruck der eben vollendeten Kontrerevolution, in
London geschrieben; sie erschien im 5. und 6. Heft der "Neuen
Rheinischen Zeitung. Politisch-ökonomische Revue", redigiert von
Karl Marx, Hamburg 1850. - Meine politischen Freunde in Deutsch-
land wünschen ihren Wiederabdruck, und ich komme ihrem Wunsche
nach, da sie, zu meinem Leidwesen, auch heute noch zeitgemäß ist.
Sie macht keinen Anspruch darauf, selbständig erforschtes Mate-
rial zu liefern. Im Gegenteil, der gesamte auf die Bauernauf-
stände und auf Thomas Münzer sich beziehende Stoff ist aus Zim-
mermann genommen. Sein Buch, obwohl hie und da lückenhaft, ist
immer noch die beste Zusammenstellung des Tatsächlichen. Dabei
hatte der alte Zimmermann Freude an seinem Gegenstand. Derselbe
revolutionäre Instinkt, der hier überall für die unterdrückte
Klasse auftritt, machte ihn später zu einem der Besten auf der
äußersten Linken in Frankfurt. 1*)
Wenn dagegen der Zimmermannschen Darstellung der innere Zusammen-
hang fehlt; wenn es ihr nicht gelingt, die religiös-politischen
Kontroversen (Streitfragen) jener Epoche als das Spiegelbild der
gleichzeitigen Klassenkämpfe nachzuweisen; wenn sie in diesen
Klassenkämpfen nur Unterdrücker und Unterdrückte, Böse und Gute
und den schließlichen Sieg der Bösen sieht; wenn ihre Einsicht m
die gesellschaftlichen Zustände, die sowohl den Ausbruch wie den
Ausgang des Kampfes bedingten, höchst mangelhaft ist, so war dies
der Fehler der Zeit, in der das Buch entstand. Im Gegenteil, für
seine Zeit ist es, eine rühmliche Ausnahme unter den deutschen
idealistischen Geschichtswerken, noch sehr realistisch gehalten.
Meine Darstellung versuchte, den geschichtlichen Verlauf des
Kampfes nur in seinen Umrissen skizzierend, den Ursprung des Bau-
ernkriegs, die
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1*) (1875) hinzugefügt: Seitdem soll er freilich etwas gealtert
haben.
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Stellung der verschiedenen darin auftretenden Parteien, die poli-
tischen und religiösen Theorien, in denen diese Parteien über
ihre Stellung sich klarzuwerden suchen, endlich das Resultat des
Kampfes selbst mit Notwendigkeit aus den historisch vorliegenden
gesellschaftlichen Lebensbedingungcn dieser Klassen zu erklären;
also die damalige politische Verfassung Deutschlands, die Aufleh-
nungen gegen sie, die politischen und religiösen Theorien der
Zeit nachzuweisen, nicht als Ursachen, sondern als Resultate der
Entwicklungsstufe, auf der sich damals in Deutschland Ackerbau,
Industrie, Land- und Wasserstraßen, Waren- und Geldhandel be-
fanden. Diese, die einzig materialistische Geschichtsanschauung,
geht nicht von mir aus, sondern von Marx und findet sich eben-
falls in seinen Arbeiten über die französische Revolution von
1848/49 in derselben "Revue" [296] und im "Achtzehnten Brumaire
des Louis Bonaparte" 1*).
Die Parallele zwischen der deutschen Revolution von 1525 und der
von 1848/49 lag zu nahe, um damals ganz von der Hand gewiesen zu
werden. Neben der Gleichförmigkeit des Verlaufs, wo immer ein und
dasselbe fürstliche Heer verschiedene Lokalaufstände nacheinander
niederschlug, neben der oft lächerlichen Ähnlichkeit des Auftre-
tens der Städtebürger in beiden Fällen, brach indes doch auch der
Unterschied klar und deutlich hervor:
"Wer profitierte von der Revolution von 1525? Die Fürsten. - Wer
profitierte von der Revolution von 1848? Die großen Fürsten,
Östreich und Preußen. Hinter den kleinen Fürsten von 1525 stan-
den, sie an sich kettend durch die Steuer, die kleinen Spießbür-
ger, hinter den großen Fürsten von 1850, hinter Östreich und
Preußen, sie rasch unterjochend durch die Staatsschuld, stehn die
modernen großen Bourgeois. Und hinter den großen Bourgeois stehn
die Proletarier." 2*)
Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß in diesem Satz der deut-
schen Bourgeoisie viel zuviel Ehre erwiesen wurde. Die Gelegen-
heit haben sie gehabt, sowohl in Östreich wie in Preußen, die
Monarchie "rasch durch die Staatsschuld zu unterjochen"; nie und
nirgends ist diese Gelegenheit benutzt worden.
Östreich ist durch den Krieg von 1866 der Bourgeoisie als Ge-
schenk in den Schoß gefallen. Aber sie versteht nicht zu herr-
schen, sie ist ohnmächtig und unfähig zu allem. Nur eins kann
sie: gegen die Arbeiter wüten, sobald diese sich regen. Sie
bleibt nur noch am Ruder, weil die Ungarn sie brauchen.
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1*) Siehe Band 8 unserer Ausgabe, S. 111-207 - 2*) siehe Band 7
unserer Ausgabe, S. 413
#395# Vorbemerkung zum 2. Abdruck des "Deutschen Bauernkriegs"
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Und in Preußen? Ja, die Staatsschuld hat sich allerdings reißend
vermehrt, das Defizit ist in Permanenz erklärt, die Staatsausga-
ben wachsen von Jahr zu Jahr, die Bourgeois haben in der Kammer
die Majorität, ohne sie können weder Steuern erhöht noch Anleihen
aufgenommen werden - aber wo ist ihre Macht über den Staat? Noch
vor ein paar Monaten, als wieder ein Defizit vorlag, hatten sie
die beste Position. Sie konnten bei nur e i n i g e r Ausdauer
hübsche Konzessionen erzwingen. Was tun sie? Sie sehen es als
eine genügende Konzession an, daß die Regierung i h n e n
e r l a u b t, ihr an 9 Millionen, nicht für e i n Jahr, nein
j ä h r l i c h und für alle Folgezeit zu Füßen zu legen.
Ich will die armen "Nationalliberalen" [297] in der Kammer nicht
mehr tadeln, als sie verdienen. Ich weiß, sie sind von denen, die
hinter ihnen stehn, von der Masse der Bourgeoisie im Stich gelas-
sen. Diese Masse w i l l nicht herrschen. Sie hat 1848 noch im-
mer in den Knochen.
Weshalb die deutsche Bourgeoisie diese merkwürdige Feigheit ent-
wickelt, darüber unten.
Im übrigen hat sich obiger Satz vollständig bestätigt. Seit 1850
immer entschiedeneres Zurücktreten der Kleinstaaten, die nur noch
als Hebel für preußische oder östreichische Intrigen dienen, im-
mer heftigere Kämpfe zwischen Östreich und Preußen um die Allein-
herrschaft, endlich die gewaltsame Auseinandersetzung von 1866,
wonach Östreich seine eignen Provinzen behält, Preußen den ganzen
Norden direkt oder indirekt unterwirft und die drei Südweststaa-
ten vorläufig an die Luft gesetzt werden.
Für die deutsche Arbeiterklasse ist bei dieser ganzen Haupt- und
Staatsaktion nur dies von Bedeutung:
Erstens, daß die Arbeiter durch das allgemeine Stimmrecht die
Macht erlangt haben, in der gesetzgebenden Versammlung sich di-
rekt vertreten zu lassen.
Zweitens, daß Preußen mit gutem Beispiel vorangegangen ist und
drei andre Kronen von Gottes Gnaden verschluckt hat. [298] Daß es
n a c h dieser Prozedur noch dieselbe unbefleckte Krone von Got-
tes Gnaden besitzt, die es sich vorher zuschrieb, das glauben
selbst die Nationalliberalen nicht.
Drittens, daß es in Deutschland nur noch e i n e n ernsthaften
Gegner der Revolution gibt - die preußische Regierung.
Und viertens, daß die Deutsch-Östreicher sich Jetzt endlich ein-
mal die Frage vorlegen müssen, was sie sein wollen: Deutsche oder
Östreicher? Wozu sie lieber halten wollen - zu Deutschland oder
zu ihren außerdeutschen transleithanischen Anhängseln? Daß sie
eins oder das andre aufgeben
#396# Friedrich Engels
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müssen, war schon lange selbstredend, ist aber immer von der
kleinbürgerlichen Demokratie vertuscht worden.
Was die sonstigen wichtigen Streitfragen von wegen 1866 betrifft,
die seitdem bis zum Überdruß zwischen den "Nationalliberalen" ei-
nerseits und der "Volkspartei" [299] andrerseits verhandelt wer-
den, so dürfte die Geschichte der nächsten Jahre beweisen, daß
diese beiden Standpunkte sich nur deshalb so heftig befehden,
weil sie die entgegengesetzten Pole einer und derselben Borniert-
heit sind.
An den gesellschaftlichen Verhältnissen Deutschlands hat das Jahr
1866 fast nichts geändert. Die paar bürgerlichen Reformen - glei-
ches Maß und Gewicht, Freizügigkeit, Gewerbefreiheit usw., alles
in den der Bürokratie angemessenen Schranken - erreichen noch
nicht einmal das, was die Bourgeoisie andrer westeuropäischer
Länder längst besitzt, und lassen die Hauptschikane, das bürokra-
tische Konzessionswesen [60], unberührt. Für das Proletariat wer-
den ohnehin alle Freizügigkeits-, Indigenats-, Paßaufhebungs- und
andre Gesetze durch die landläufige Polizeipraxis ganz illuso-
risch gemacht.
Was viel wichtiger ist als die Haupt- und Staatsaktion von 1866,
das ist die Hebung der Industrie und des Handels, der Eisenbah-
nen, Telegraphen und ozeanischen Dampfschiffahrt in Deutschland
seit 1848. Soweit dieser Fortschritt auch hinter dem gleichzeitig
in England, selbst in Frankreich gemachten zurücksteht, für
Deutschland ist er unerhört und hat in zwanzig Jahren mehr gelei-
stet, als sonst ein ganzes Jahrhundert tat. Deutschland ist erst
jetzt ernstlich und unwiderruflich in den W e l t h a n d e l
hineingezogen worden. Die Kapitalien der Industriellen haben sich
rasch vermehrt, die gesellschaftliche Stellung der Bourgeoisie
hat sich dementsprechend gehoben. Das sicherste Kennzeichen indu-
strieller Blüte, der S c h w i n d e l, hat sich in reichem
Maße eingestellt und Grafen und Herzöge an seinen Triumphwagen
gekettet. Deutsches Kapital baut jetzt russische und rumänische
Eisenbahnen - möge ihm die Erde leicht sein! -, statt daß noch
vor fünfzehn Jahren deutsche Bahnen bei englischen Unternehmern
betteln . gingen. Wie ist es da möglich, daß die Bourgeoisie sich
nicht auch politisch die Herrschaft erobert hat, daß sie sich so
feig gegen die Regierung benimmt?
Die deutsche Bourgeoisie hat das Unglück, daß sie nach beliebter
deutscher Manier zu spät kommt. Ihre Blütezeit fällt in eine Pe-
riode, wo die Bourgeoisie der ändern westeuropäischen Länder po-
litisch schon im Niedergang begriffen ist. In England hat die
Bourgeoisie ihren eigentlichen! Repräsentanten, Bright, nicht an-
ders m die Regierung bringen können als durch eine Ausdehnung des
Stimmrechts, die in ihren Folgen der ganzen
#397# Vorbemerkung zum 2. Abdruck des "Deutschen Bauernkriegs"
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Bourgeoisherrschaft ein Ende machen muß. In Frankreich, wo die
Bourgeoisie als solche, als Gesamtklasse, nur zwei Jahre, 1849
und 1850, unter der Republik geherrscht hat, konnte sie ihre so-
ziale Existenz nur fristen, indem sie ihre politische Herrschaft
an Louis Bonaparte und die Armee abtrat. Und bei der so unendlich
gesteigerten Wechselwirkung der drei fortgeschrittensten europäi-
schen Länder ist es heutzutage nicht mehr möglich, daß in
Deutschland die Bourgeoisie sich die politische Herrschaft gemüt-
lich einrichtet, wenn diese sich in England und Frankreich über-
lebt hat.
Es ist eine Eigentümlichkeit gerade der Bourgeoisie gegenüber al-
len früheren herrschenden Klassen: in ihrer Entwicklung gibt es
einen Wendepunkt, von dem an jede weitere Steigerung ihrer Macht-
mittel, vorab also ihrer Kapitalien, nur dazu beiträgt, sie zur
politischen Herrschaft mehr und mehr unfähig zu machen. "Hinter
den großen Bourgeois stehn die Proletarier." In demselben Maß,
wie die Bourgeoisie ihre Industrie, ihren Handel und ihre Ver-
kehrsmittel entwickelt, in demselben Maß erzeugt sie Proletariat.
Und an einem gewissen Punkt - der nicht überall gleichzeitig oder
auf gleicher Entwicklungsstufe einzutreten braucht - beginnt sie
zu merken, daß dieser ihr proletarischer Doppelgänger ihr über
den Kopf wächst. Von dem Augenblick an verliert sie die Kraft zur
ausschließlichen politischen Herrschaft; sie sieht sich um nach
Bundesgenossen, mit denen sie, je nach Umständen, ihre Herrschaft
teilt oder denen sie sie ganz abtritt.
In Deutschland ist dieser Wendepunkt für die Bourgeoisie bereits
1848 eingetreten. Und zwar erschrak die deutsche Bourgeoisie da-
mals nicht so sehr vor dem deutschen wie vor dem französischen
Proletariat. Die Pariser Junischlacht 1848 zeigte ihr, was sie zu
erwarten habe; das deutsche Proletariat war gerade erregt genug,
um ihr zu beweisen, daß auch hier die Saat für dieselbe Ernte
schon im Boden stecke; und von dem Tage an war der politischen
Aktion der Bourgeoisie die Spitze abgebrochen. Sie suchte Bundes-
genossen, sie verhandelte sich an sie um jeden Preis - und sie
ist auch heute noch keinen Schritt weiter.
Diese Bundesgenossen sind sämtlich reaktionärer Natur. Da ist das
Königtum mit seiner Armee und seiner Bürokratie, da ist der große
Feudaladel, da sind die kleinen Krautjunker, da sind selbst die
Pfaffen. Mit allen diesen hat die Bourgeoisie paktiert und ver-
einbart, nur um ihre liebe Haut zu wahren, bis ihr endlich nichts
mehr zu schachern blieb. Und je mehr das Proletariat sich entwic-
kelte, je mehr es anfing sich als Klasse zu fühlen, als Klasse zu
handeln, desto schwachmütiger wurden die Bourgeois. Als die wun-
derbar schlechte Strategie der Preußen bei Sadowa [134] über die,
wunderbarerweise noch schlechtere, der Östreicher siegte, da war
es
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schwer zu sagen, wer froher aufatmete - der preußische Bourgeois,
der bei Sadowa mitgeschlagen war, oder der östreichische.
Unsre großen Bürger handeln 1870 noch gradeso, wie die Mittelbür-
ger von 1525 gehandelt haben. Was die Kleinbürger, Handwerksmei-
ster und Krämer betrifft, so werden sie sich immer gleichbleiben.
Sie hoffen in das Großbürgertum sich emporzuschwindeln, sie
fürchten ins Proletariat hinabgestoßen zu werden. Zwischen Furcht
und Hoffnung werden sie während des Kampfes ihre werte Haut sal-
vieren und nach dem Kampf sich dem Sieger anschließen. Das ist
ihre Natur.
Mit dem Aufschwung der Industrie seit 1848 hat Schritt gehalten
die soziale und politische Aktion des Proletariats. Die Rolle,
die die deutschen Arbeiter heute in ihren Gewerkvereinen, Genos-
senschaften, politischen Vereinen und Versammlungen, bei den Wah-
len und im sogenannten Reichstag spielen, beweist allein, welche
Umwälzung Deutschland in den letzten zwanzig Jahren unvermerkt
erlitten hat. Es gereicht den deutschen Arbeitern zur höchsten
Ehre, daß s i e a l l e i n es durchgesetzt haben, Arbeiter
und Vertreter der Arbeiter ins Parlament zu schicken, während we-
der Franzosen noch Engländer dies bis jetzt fertig brachten.
Aber auch das Proletariat ist der Parallele mit 1525 noch nicht
entwachsen. Die ausschließlich und lebenslänglich auf den Ar-
beitslohn angewiesene Klasse bildet noch immer bei weitem nicht
die Mehrzahl des deutschen Volkes. Sie ist also auch auf Bundes-
genossen angewiesen. Und diese können nur gesucht werden unter
den Kleinbürgern, unter dem Lumpenproletariat der Städte, unter
den kleinen Bauern und den Ackerbautaglöhnern.
Von den K l e i n b ü r g e r n haben wir schon gesprochen. Sie
sind höchst unzuverlässig, ausgenommen wenn man gesiegt hat, dann
ist ihr Geschrei in den Bierkneipen unermeßlich. Trotzdem gibt es
unter ihnen sehr gute Elemente, die sich den Arbeitern von selbst
anschließen.
Das L u m p e n p r o l e t a r i a t, dieser Abhub der verkom-
menen Subjekte aller Klassen, der sein Hauptquartier in den
großen Städten aufschlägt, ist von allen möglichen Bundesgenossen
der schlimmste. Dies Gesindel ist absolut käuflich und absolut
zudringlich. Wenn die französischen Arbeiter bei jeder Revolution
an die Häuser schrieben: Mort aux voleurs! Tod den Dieben! und
auch manche erschossen, so geschah das nicht aus Begeisterung für
das Eigentum, sondern in der richtigen Erkenntnis, daß man, vor
allem sich diese Bande vom Hals halten müsse. Jeder Arbeiterfüh-
rer, der diese Lumpen als Garde verwendet oder sich auf sie
stützt, beweist sich schon dadurch als Verräter an der Bewegung.
#399# Vorbemerkung zum 2. Abdruck des "Deutschen Bauernkriegs"
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Die k l e i n e n B a u e r n - denn die größeren gehören zur
Bourgeoisie - sind verschiedener Art. Entweder sind sie
F e u d a l b a u e r n und haben dem gnädigen Herrn noch Fron-
dienste zu leisten. Nachdem die Bourgeoisie versäumt hat, was
ihre Schuldigkeit war, diese Leute von der Fronknechtschaft zu
erlösen, wird es nicht schwer sein, sie zu überzeugen, daß sie
nur noch von der Arbeiterklasse Erlösung zu erwarten haben.
Oder sie sind P ä c h t e r. In diesem Fall existiert meist
dasselbe Verhältnis wie in Irland. Die Pacht ist so hoch getrie-
ben, daß der Bauer mit seiner Familie bei Mittelernten nur eben
knapp leben kann, bei schlechten Ernten fast verhungert, die
Pacht nicht zahlen kann und dadurch ganz von der Gnade des Grund-
besitzers abhängig wird. Für solche Leute tut die Bourgeoisie nur
dann etwas, wenn sie dazu gezwungen wird. Von wem sollen sie Heil
erwarten, außer von den Arbeitern?
Bleiben die Bauern, welche ihren e i g e n e n k l e i n e n
G r u n d b e s i t z bewirtschaften. Diese sind meistens so mit
Hypotheken belastet, daß sie vom Wucherer ebenso abhängen wie die
Pächter vom Grundherrn. Auch ihnen bleibt nur ein knapper und
noch dazu wegen der guten und schlechten Jahre äußerst unsichrer
Arbeitslohn. Sie können am allerwenigsten von der Bourgeoisie et-
was erwarten, denn sie werden ja grade von den Bourgeois, den wu-
chernden Kapitalisten ausgesogen. Aber sie hängen meist sehr an
ihrem Eigentum, obwohl es in Wirklichkeit nicht ihnen gehört,
sondern dem Wucherer. Dennoch wird ihnen beizubringen sein, daß
sie nur dann vom Wucherer befreit werden können, wenn eine vom
Volk abhängige Regierung die sämtlichen Hypothekenschulden in
eine Schuld an den Staat verwandelt und dadurch den Zinsfuß er-
niedrigt. Und dies kann nur die Arbeiterklasse durchsetzen.
Überall wo mittlerer und großer Grundbesitz herrscht, machen die
Ackerbautaglöhner die zahlreichste Klasse auf dem Lande aus. Dies
ist in ganz Nord- und Ostdeutschland der Fall, und h i e r fin-
den die Industriearbeiter der Städte ihre z a h l r e i c h-
s t e n u n d n a t ü r l i c h s t e n B u n d e s g e n o s-
s e n. Wie der Kapitalist dem industriellen Arbeiter, so steht
der Grundbesitzer oder Großpächter dem Ackerbautaglöhner gegen-
über. Dieselben Maßregeln, die dem einen helfen, müssen auch dem
ändern helfen. Die industriellen Arbeiter können sich nur be-
freien, wenn sie das Kapital der Bourgeois, d.h. die Rohprodukte,
Maschinen und Werkzeuge und Lebensmittel, welche zur Produktion
erforderlich sind, in das Eigentum der Gesellschaft, d.h. in ihr
eignes, von ihnen gemeinsam benutztes verwandeln. Ebenso können
die Landarbeiter nur aus ihrem scheußlichen Elend erlöst werden,
wenn vor allem ihr Hauptarbeitsgegenstand, das Land selbst, dem
Privatbesitz der
#400# Friedrich Engels
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großen Bauern und noch größeren Feudalherren entzogen und in ge-
sellschaftliches Eigentum verwandelt und von Genossenschaften von
Landarbeitern für ihre gemeinsame Rechnung bebaut wird. Und hier
kommen wir auf den berühmten Beschluß des Baseler internationalen
Arbeiterkongresses: daß die Gesellschaft das Interesse habe, das
Grundeigentum in gemeinsames, nationales Eigentum zu verwandeln.
[300] Dieser Beschluß ist gefaßt worden hauptsächlich für die
Länder, wo großes Grundeigentum und, damit zusammenhängend,
Bewirtschaftung großer Güter besteht und auf diesen großen Gütern
ein Herr und viele Taglöhner. Dieser Zustand ist aber im ganzen
und großen in Deutschland noch immer vorherrschend, und daher war
der Beschluß, nächst England, g r a d e f ü r D e u t s c h-
l a n d h ö c h s t z e i t g e m ä ß. Das Ackerbauproletanat,
die Landtaglöhner - das ist die Klasse, aus der sich die Armeen
der Fürsten der großen Masse nach rekrutieren. Das ist die
Klasse, die jetzt die große Menge der Feudalherren und Junker
kraft des allgemeinen Stimmrechts ins Parlament schickt; das ist
aber auch die Klasse, die den industriellen Arbeitern der Städte
am nächsten steht, die mit ihnen dieselben Lebensbedingungen
teilt, die sogar noch tiefer im Elend steckt als sie. Diese
Klasse, die ohnmächtig ist, weil sie zersplittert und zerstreut
ist, deren verborgene Macht Regierung und Adel so gut kennen, daß
sie absichtlich die Schulen verkommen lassen, damit sie nur ja
unwissend bleibe, diese Klasse lebendig zu machen und in die
Bewegung hineinzuziehen, das ist die nächste, dringendste Aufgabe
der deutschen Arbeiterbewegung. Von dem Tage an, wo die Masse der
Landtaglöhner ihre eigenen Interessen verstehen gelernt hat, von
dem Tage an ist eine reaktionäre, feudale, bürokratische oder
bürgerliche Regierung in Deutschland unmöglich.
Geschrieben um den 11. Februar 1870.
Nach: Friedrich Engels,
"Der Deutsche Bauernkrieg",
Zweiter Abdruck, Leipzig 1870.
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