Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


       zurück

       #393#
       -----
       Friedrich Engels
       
       Vorbemerkung [zum Zweiten Abdruck (1870)
       "Der deutsche Bauernkrieg"] [295]
       
       Die nachstehende  Arbeit wurde im Sommer 1850, noch unter dem un-
       mittelbaren Eindruck  der eben  vollendeten Kontrerevolution,  in
       London geschrieben;  sie erschien  im 5.  und 6.  Heft der "Neuen
       Rheinischen Zeitung.  Politisch-ökonomische Revue", redigiert von
       Karl Marx,  Hamburg 1850. - Meine politischen Freunde in Deutsch-
       land wünschen  ihren Wiederabdruck,  und ich  komme ihrem Wunsche
       nach, da sie, zu meinem Leidwesen, auch heute noch zeitgemäß ist.
       Sie macht  keinen Anspruch  darauf, selbständig erforschtes Mate-
       rial zu  liefern. Im  Gegenteil, der  gesamte auf  die Bauernauf-
       stände und  auf Thomas  Münzer sich beziehende Stoff ist aus Zim-
       mermann genommen.  Sein Buch,  obwohl hie  und da lückenhaft, ist
       immer noch  die beste  Zusammenstellung des  Tatsächlichen. Dabei
       hatte der  alte Zimmermann  Freude an seinem Gegenstand. Derselbe
       revolutionäre Instinkt,  der hier  überall für  die  unterdrückte
       Klasse auftritt,  machte ihn  später zu  einem der Besten auf der
       äußersten Linken in Frankfurt. 1*)
       Wenn dagegen der Zimmermannschen Darstellung der innere Zusammen-
       hang fehlt;  wenn es  ihr nicht gelingt, die religiös-politischen
       Kontroversen (Streitfragen)  jener Epoche als das Spiegelbild der
       gleichzeitigen Klassenkämpfe  nachzuweisen; wenn  sie  in  diesen
       Klassenkämpfen nur  Unterdrücker und  Unterdrückte, Böse und Gute
       und den  schließlichen Sieg der Bösen sieht; wenn ihre Einsicht m
       die gesellschaftlichen  Zustände, die sowohl den Ausbruch wie den
       Ausgang des Kampfes bedingten, höchst mangelhaft ist, so war dies
       der Fehler  der Zeit, in der das Buch entstand. Im Gegenteil, für
       seine Zeit  ist es,  eine rühmliche  Ausnahme unter den deutschen
       idealistischen Geschichtswerken, noch sehr realistisch gehalten.
       Meine Darstellung  versuchte,  den  geschichtlichen  Verlauf  des
       Kampfes nur in seinen Umrissen skizzierend, den Ursprung des Bau-
       ernkriegs, die
       -----
       1*) (1875) hinzugefügt:  Seitdem soll  er freilich etwas gealtert
       haben.
       
       #394# Friedrich Engels
       -----
       Stellung der verschiedenen darin auftretenden Parteien, die poli-
       tischen und  religiösen Theorien,  in denen  diese Parteien  über
       ihre Stellung  sich klarzuwerden suchen, endlich das Resultat des
       Kampfes selbst  mit Notwendigkeit aus den historisch vorliegenden
       gesellschaftlichen Lebensbedingungcn  dieser Klassen zu erklären;
       also die damalige politische Verfassung Deutschlands, die Aufleh-
       nungen gegen  sie, die  politischen und  religiösen Theorien  der
       Zeit nachzuweisen,  nicht als Ursachen, sondern als Resultate der
       Entwicklungsstufe, auf  der sich  damals in Deutschland Ackerbau,
       Industrie, Land-  und Wasserstraßen,  Waren- und  Geldhandel  be-
       fanden. Diese,  die einzig materialistische Geschichtsanschauung,
       geht nicht  von mir  aus, sondern  von Marx und findet sich eben-
       falls in  seinen Arbeiten  über die  französische Revolution  von
       1848/49 in  derselben "Revue"  [296] und im "Achtzehnten Brumaire
       des Louis Bonaparte" 1*).
       Die Parallele  zwischen der deutschen Revolution von 1525 und der
       von 1848/49  lag zu nahe, um damals ganz von der Hand gewiesen zu
       werden. Neben der Gleichförmigkeit des Verlaufs, wo immer ein und
       dasselbe fürstliche Heer verschiedene Lokalaufstände nacheinander
       niederschlug, neben  der oft lächerlichen Ähnlichkeit des Auftre-
       tens der Städtebürger in beiden Fällen, brach indes doch auch der
       Unterschied klar und deutlich hervor:
       "Wer profitierte  von der Revolution von 1525? Die Fürsten. - Wer
       profitierte von  der Revolution  von 1848?  Die  großen  Fürsten,
       Östreich und  Preußen. Hinter  den kleinen Fürsten von 1525 stan-
       den, sie  an sich kettend durch die Steuer, die kleinen Spießbür-
       ger, hinter  den großen  Fürsten von  1850, hinter  Östreich  und
       Preußen, sie rasch unterjochend durch die Staatsschuld, stehn die
       modernen großen  Bourgeois. Und hinter den großen Bourgeois stehn
       die Proletarier." 2*)
       Es tut  mir leid,  sagen zu  müssen, daß in diesem Satz der deut-
       schen Bourgeoisie  viel zuviel  Ehre erwiesen wurde. Die Gelegen-
       heit haben  sie gehabt,  sowohl in  Östreich wie  in Preußen, die
       Monarchie "rasch  durch die Staatsschuld zu unterjochen"; nie und
       nirgends ist diese Gelegenheit benutzt worden.
       Östreich ist  durch den  Krieg von  1866 der  Bourgeoisie als Ge-
       schenk in  den Schoß  gefallen. Aber  sie versteht nicht zu herr-
       schen, sie  ist ohnmächtig  und unfähig  zu allem.  Nur eins kann
       sie: gegen  die Arbeiter  wüten, sobald  diese  sich  regen.  Sie
       bleibt nur noch am Ruder, weil die Ungarn sie brauchen.
       -----
       1*) Siehe Band  8 unserer  Ausgabe, S. 111-207 - 2*) siehe Band 7
       unserer Ausgabe, S. 413
       
       #395# Vorbemerkung zum 2. Abdruck des "Deutschen Bauernkriegs"
       -----
       Und in  Preußen? Ja, die Staatsschuld hat sich allerdings reißend
       vermehrt, das  Defizit ist in Permanenz erklärt, die Staatsausga-
       ben wachsen  von Jahr  zu Jahr, die Bourgeois haben in der Kammer
       die Majorität, ohne sie können weder Steuern erhöht noch Anleihen
       aufgenommen werden  - aber wo ist ihre Macht über den Staat? Noch
       vor ein  paar Monaten,  als wieder ein Defizit vorlag, hatten sie
       die beste  Position. Sie konnten bei nur  e i n i g e r  Ausdauer
       hübsche Konzessionen  erzwingen. Was  tun sie?  Sie sehen  es als
       eine genügende  Konzession  an,  daß  die  Regierung    i h n e n
       e r l a u b t,   ihr an 9 Millionen, nicht für  e i n  Jahr, nein
       j ä h r l i c h  und für alle Folgezeit zu Füßen zu legen.
       Ich will  die armen "Nationalliberalen" [297] in der Kammer nicht
       mehr tadeln, als sie verdienen. Ich weiß, sie sind von denen, die
       hinter ihnen stehn, von der Masse der Bourgeoisie im Stich gelas-
       sen. Diese Masse  w i l l  nicht herrschen. Sie hat 1848 noch im-
       mer in den Knochen.
       Weshalb die  deutsche Bourgeoisie diese merkwürdige Feigheit ent-
       wickelt, darüber unten.
       Im übrigen  hat sich obiger Satz vollständig bestätigt. Seit 1850
       immer entschiedeneres Zurücktreten der Kleinstaaten, die nur noch
       als Hebel  für preußische oder östreichische Intrigen dienen, im-
       mer heftigere Kämpfe zwischen Östreich und Preußen um die Allein-
       herrschaft, endlich  die gewaltsame  Auseinandersetzung von 1866,
       wonach Östreich seine eignen Provinzen behält, Preußen den ganzen
       Norden direkt  oder indirekt unterwirft und die drei Südweststaa-
       ten vorläufig an die Luft gesetzt werden.
       Für die  deutsche Arbeiterklasse ist bei dieser ganzen Haupt- und
       Staatsaktion nur dies von Bedeutung:
       Erstens, daß  die Arbeiter  durch das  allgemeine Stimmrecht  die
       Macht erlangt  haben, in  der gesetzgebenden Versammlung sich di-
       rekt vertreten zu lassen.
       Zweitens, daß  Preußen mit  gutem Beispiel  vorangegangen ist und
       drei andre Kronen von Gottes Gnaden verschluckt hat. [298] Daß es
       n a c h  dieser Prozedur noch dieselbe unbefleckte Krone von Got-
       tes Gnaden  besitzt, die  es sich  vorher zuschrieb,  das glauben
       selbst die Nationalliberalen nicht.
       Drittens, daß  es in Deutschland nur noch  e i n e n  ernsthaften
       Gegner der Revolution gibt - die preußische Regierung.
       Und viertens,  daß die Deutsch-Östreicher sich Jetzt endlich ein-
       mal die Frage vorlegen müssen, was sie sein wollen: Deutsche oder
       Östreicher? Wozu  sie lieber  halten wollen - zu Deutschland oder
       zu ihren  außerdeutschen transleithanischen  Anhängseln? Daß  sie
       eins oder das andre aufgeben
       
       #396# Friedrich Engels
       -----
       müssen, war  schon lange  selbstredend, ist  aber immer  von  der
       kleinbürgerlichen Demokratie vertuscht worden.
       Was die sonstigen wichtigen Streitfragen von wegen 1866 betrifft,
       die seitdem bis zum Überdruß zwischen den "Nationalliberalen" ei-
       nerseits und  der "Volkspartei" [299] andrerseits verhandelt wer-
       den, so  dürfte die  Geschichte der  nächsten Jahre beweisen, daß
       diese beiden  Standpunkte sich  nur deshalb  so heftig  befehden,
       weil sie die entgegengesetzten Pole einer und derselben Borniert-
       heit sind.
       An den gesellschaftlichen Verhältnissen Deutschlands hat das Jahr
       1866 fast nichts geändert. Die paar bürgerlichen Reformen - glei-
       ches Maß  und Gewicht, Freizügigkeit, Gewerbefreiheit usw., alles
       in den  der Bürokratie  angemessenen Schranken  - erreichen  noch
       nicht einmal  das, was  die Bourgeoisie  andrer  westeuropäischer
       Länder längst besitzt, und lassen die Hauptschikane, das bürokra-
       tische Konzessionswesen [60], unberührt. Für das Proletariat wer-
       den ohnehin alle Freizügigkeits-, Indigenats-, Paßaufhebungs- und
       andre Gesetze  durch die  landläufige Polizeipraxis  ganz illuso-
       risch gemacht.
       Was viel  wichtiger ist als die Haupt- und Staatsaktion von 1866,
       das ist  die Hebung  der Industrie und des Handels, der Eisenbah-
       nen, Telegraphen  und ozeanischen  Dampfschiffahrt in Deutschland
       seit 1848. Soweit dieser Fortschritt auch hinter dem gleichzeitig
       in England,  selbst  in  Frankreich  gemachten  zurücksteht,  für
       Deutschland ist er unerhört und hat in zwanzig Jahren mehr gelei-
       stet, als  sonst ein ganzes Jahrhundert tat. Deutschland ist erst
       jetzt ernstlich  und unwiderruflich  in den   W e l t h a n d e l
       hineingezogen worden. Die Kapitalien der Industriellen haben sich
       rasch vermehrt,  die gesellschaftliche  Stellung der  Bourgeoisie
       hat sich dementsprechend gehoben. Das sicherste Kennzeichen indu-
       strieller Blüte,  der   S c h w i n d e l,   hat sich  in reichem
       Maße eingestellt  und Grafen  und Herzöge  an seinen Triumphwagen
       gekettet. Deutsches  Kapital baut  jetzt russische und rumänische
       Eisenbahnen -  möge ihm  die Erde  leicht sein! -, statt daß noch
       vor fünfzehn  Jahren deutsche  Bahnen bei englischen Unternehmern
       betteln . gingen. Wie ist es da möglich, daß die Bourgeoisie sich
       nicht auch  politisch die Herrschaft erobert hat, daß sie sich so
       feig gegen die Regierung benimmt?
       Die deutsche  Bourgeoisie hat das Unglück, daß sie nach beliebter
       deutscher Manier  zu spät kommt. Ihre Blütezeit fällt in eine Pe-
       riode, wo  die Bourgeoisie der ändern westeuropäischen Länder po-
       litisch schon  im Niedergang  begriffen ist.  In England  hat die
       Bourgeoisie ihren eigentlichen! Repräsentanten, Bright, nicht an-
       ders m die Regierung bringen können als durch eine Ausdehnung des
       Stimmrechts, die in ihren Folgen der ganzen
       
       #397# Vorbemerkung zum 2. Abdruck des "Deutschen Bauernkriegs"
       -----
       Bourgeoisherrschaft ein  Ende machen  muß. In  Frankreich, wo die
       Bourgeoisie als  solche, als  Gesamtklasse, nur  zwei Jahre, 1849
       und 1850,  unter der Republik geherrscht hat, konnte sie ihre so-
       ziale Existenz  nur fristen, indem sie ihre politische Herrschaft
       an Louis Bonaparte und die Armee abtrat. Und bei der so unendlich
       gesteigerten Wechselwirkung der drei fortgeschrittensten europäi-
       schen Länder  ist  es  heutzutage  nicht  mehr  möglich,  daß  in
       Deutschland die Bourgeoisie sich die politische Herrschaft gemüt-
       lich einrichtet,  wenn diese sich in England und Frankreich über-
       lebt hat.
       Es ist eine Eigentümlichkeit gerade der Bourgeoisie gegenüber al-
       len früheren  herrschenden Klassen:  in ihrer Entwicklung gibt es
       einen Wendepunkt, von dem an jede weitere Steigerung ihrer Macht-
       mittel, vorab  also ihrer  Kapitalien, nur dazu beiträgt, sie zur
       politischen Herrschaft  mehr und  mehr unfähig zu machen. "Hinter
       den großen  Bourgeois stehn  die Proletarier."  In demselben Maß,
       wie die  Bourgeoisie ihre  Industrie, ihren  Handel und ihre Ver-
       kehrsmittel entwickelt, in demselben Maß erzeugt sie Proletariat.
       Und an einem gewissen Punkt - der nicht überall gleichzeitig oder
       auf gleicher  Entwicklungsstufe einzutreten braucht - beginnt sie
       zu merken,  daß dieser  ihr proletarischer  Doppelgänger ihr über
       den Kopf wächst. Von dem Augenblick an verliert sie die Kraft zur
       ausschließlichen politischen  Herrschaft; sie  sieht sich um nach
       Bundesgenossen, mit denen sie, je nach Umständen, ihre Herrschaft
       teilt oder denen sie sie ganz abtritt.
       In Deutschland  ist dieser Wendepunkt für die Bourgeoisie bereits
       1848 eingetreten.  Und zwar erschrak die deutsche Bourgeoisie da-
       mals nicht  so sehr  vor dem  deutschen wie vor dem französischen
       Proletariat. Die Pariser Junischlacht 1848 zeigte ihr, was sie zu
       erwarten habe;  das deutsche Proletariat war gerade erregt genug,
       um ihr  zu beweisen,  daß auch  hier die  Saat für dieselbe Ernte
       schon im  Boden stecke;  und von  dem Tage an war der politischen
       Aktion der Bourgeoisie die Spitze abgebrochen. Sie suchte Bundes-
       genossen, sie  verhandelte sich  an sie  um jeden Preis - und sie
       ist auch heute noch keinen Schritt weiter.
       Diese Bundesgenossen sind sämtlich reaktionärer Natur. Da ist das
       Königtum mit seiner Armee und seiner Bürokratie, da ist der große
       Feudaladel, da  sind die  kleinen Krautjunker, da sind selbst die
       Pfaffen. Mit  allen diesen  hat die Bourgeoisie paktiert und ver-
       einbart, nur um ihre liebe Haut zu wahren, bis ihr endlich nichts
       mehr zu schachern blieb. Und je mehr das Proletariat sich entwic-
       kelte, je mehr es anfing sich als Klasse zu fühlen, als Klasse zu
       handeln, desto  schwachmütiger wurden die Bourgeois. Als die wun-
       derbar schlechte Strategie der Preußen bei Sadowa [134] über die,
       wunderbarerweise noch  schlechtere, der Östreicher siegte, da war
       es
       
       #398# Friedrich Engels
       -----
       schwer zu sagen, wer froher aufatmete - der preußische Bourgeois,
       der bei Sadowa mitgeschlagen war, oder der östreichische.
       Unsre großen Bürger handeln 1870 noch gradeso, wie die Mittelbür-
       ger von  1525 gehandelt haben. Was die Kleinbürger, Handwerksmei-
       ster und Krämer betrifft, so werden sie sich immer gleichbleiben.
       Sie hoffen  in  das  Großbürgertum  sich  emporzuschwindeln,  sie
       fürchten ins Proletariat hinabgestoßen zu werden. Zwischen Furcht
       und Hoffnung  werden sie während des Kampfes ihre werte Haut sal-
       vieren und  nach dem  Kampf sich  dem Sieger anschließen. Das ist
       ihre Natur.
       Mit dem  Aufschwung der  Industrie seit 1848 hat Schritt gehalten
       die soziale  und politische  Aktion des  Proletariats. Die Rolle,
       die die  deutschen Arbeiter heute in ihren Gewerkvereinen, Genos-
       senschaften, politischen Vereinen und Versammlungen, bei den Wah-
       len und  im sogenannten Reichstag spielen, beweist allein, welche
       Umwälzung Deutschland  in den  letzten zwanzig  Jahren unvermerkt
       erlitten hat.  Es gereicht  den deutschen  Arbeitern zur höchsten
       Ehre, daß   s i e   a l l e i n   es durchgesetzt haben, Arbeiter
       und Vertreter der Arbeiter ins Parlament zu schicken, während we-
       der Franzosen noch Engländer dies bis jetzt fertig brachten.
       Aber auch  das Proletariat  ist der Parallele mit 1525 noch nicht
       entwachsen. Die  ausschließlich und  lebenslänglich auf  den  Ar-
       beitslohn angewiesene  Klasse bildet  noch immer bei weitem nicht
       die Mehrzahl  des deutschen Volkes. Sie ist also auch auf Bundes-
       genossen angewiesen.  Und diese  können nur  gesucht werden unter
       den Kleinbürgern,  unter dem  Lumpenproletariat der Städte, unter
       den kleinen Bauern und den Ackerbautaglöhnern.
       Von den  K l e i n b ü r g e r n  haben wir schon gesprochen. Sie
       sind höchst unzuverlässig, ausgenommen wenn man gesiegt hat, dann
       ist ihr Geschrei in den Bierkneipen unermeßlich. Trotzdem gibt es
       unter ihnen sehr gute Elemente, die sich den Arbeitern von selbst
       anschließen.
       Das  L u m p e n p r o l e t a r i a t,  dieser Abhub der verkom-
       menen Subjekte  aller Klassen,  der  sein  Hauptquartier  in  den
       großen Städten aufschlägt, ist von allen möglichen Bundesgenossen
       der schlimmste.  Dies Gesindel  ist absolut  käuflich und absolut
       zudringlich. Wenn die französischen Arbeiter bei jeder Revolution
       an die  Häuser schrieben:  Mort aux  voleurs! Tod den Dieben! und
       auch manche erschossen, so geschah das nicht aus Begeisterung für
       das Eigentum,  sondern in  der richtigen Erkenntnis, daß man, vor
       allem sich  diese Bande vom Hals halten müsse. Jeder Arbeiterfüh-
       rer, der  diese Lumpen  als Garde  verwendet oder  sich  auf  sie
       stützt, beweist sich schon dadurch als Verräter an der Bewegung.
       
       #399# Vorbemerkung zum 2. Abdruck des "Deutschen Bauernkriegs"
       -----
       Die   k l e i n e n  B a u e r n  - denn die größeren gehören zur
       Bourgeoisie  -   sind  verschiedener   Art.  Entweder   sind  sie
       F e u d a l b a u e r n   und haben dem gnädigen Herrn noch Fron-
       dienste zu  leisten. Nachdem  die Bourgeoisie  versäumt hat,  was
       ihre Schuldigkeit  war, diese  Leute von  der Fronknechtschaft zu
       erlösen, wird  es nicht  schwer sein,  sie zu überzeugen, daß sie
       nur noch von der Arbeiterklasse Erlösung zu erwarten haben.
       Oder sie  sind   P ä c h t e r.   In diesem  Fall existiert meist
       dasselbe Verhältnis  wie in Irland. Die Pacht ist so hoch getrie-
       ben, daß  der Bauer  mit seiner Familie bei Mittelernten nur eben
       knapp leben  kann, bei  schlechten Ernten  fast  verhungert,  die
       Pacht nicht zahlen kann und dadurch ganz von der Gnade des Grund-
       besitzers abhängig wird. Für solche Leute tut die Bourgeoisie nur
       dann etwas, wenn sie dazu gezwungen wird. Von wem sollen sie Heil
       erwarten, außer von den Arbeitern?
       Bleiben die  Bauern, welche  ihren   e i g e n e n  k l e i n e n
       G r u n d b e s i t z  bewirtschaften. Diese sind meistens so mit
       Hypotheken belastet, daß sie vom Wucherer ebenso abhängen wie die
       Pächter vom  Grundherrn. Auch  ihnen bleibt  nur ein  knapper und
       noch dazu  wegen der guten und schlechten Jahre äußerst unsichrer
       Arbeitslohn. Sie können am allerwenigsten von der Bourgeoisie et-
       was erwarten, denn sie werden ja grade von den Bourgeois, den wu-
       chernden Kapitalisten  ausgesogen. Aber  sie hängen meist sehr an
       ihrem Eigentum,  obwohl es  in Wirklichkeit  nicht ihnen  gehört,
       sondern dem  Wucherer. Dennoch  wird ihnen beizubringen sein, daß
       sie nur  dann vom  Wucherer befreit  werden können, wenn eine vom
       Volk abhängige  Regierung die  sämtlichen  Hypothekenschulden  in
       eine Schuld  an den  Staat verwandelt und dadurch den Zinsfuß er-
       niedrigt. Und dies kann nur die Arbeiterklasse durchsetzen.
       Überall wo  mittlerer und großer Grundbesitz herrscht, machen die
       Ackerbautaglöhner die zahlreichste Klasse auf dem Lande aus. Dies
       ist in ganz Nord- und Ostdeutschland der Fall, und  h i e r  fin-
       den die  Industriearbeiter der  Städte ihre    z a h l r e i c h-
       s t e n  u n d  n a t ü r l i c h s t e n  B u n d e s g e n o s-
       s e n.   Wie der  Kapitalist dem industriellen Arbeiter, so steht
       der Grundbesitzer  oder Großpächter  dem Ackerbautaglöhner gegen-
       über. Dieselben  Maßregeln, die dem einen helfen, müssen auch dem
       ändern helfen.  Die industriellen  Arbeiter können  sich nur  be-
       freien, wenn sie das Kapital der Bourgeois, d.h. die Rohprodukte,
       Maschinen und  Werkzeuge und  Lebensmittel, welche zur Produktion
       erforderlich sind,  in das Eigentum der Gesellschaft, d.h. in ihr
       eignes, von  ihnen gemeinsam  benutztes verwandeln. Ebenso können
       die Landarbeiter  nur aus ihrem scheußlichen Elend erlöst werden,
       wenn vor  allem ihr  Hauptarbeitsgegenstand, das Land selbst, dem
       Privatbesitz der
       
       #400# Friedrich Engels
       -----
       großen Bauern  und noch größeren Feudalherren entzogen und in ge-
       sellschaftliches Eigentum verwandelt und von Genossenschaften von
       Landarbeitern für  ihre gemeinsame Rechnung bebaut wird. Und hier
       kommen wir auf den berühmten Beschluß des Baseler internationalen
       Arbeiterkongresses: daß  die Gesellschaft das Interesse habe, das
       Grundeigentum in  gemeinsames, nationales Eigentum zu verwandeln.
       [300] Dieser  Beschluß ist  gefaßt worden  hauptsächlich für  die
       Länder,  wo  großes  Grundeigentum  und,  damit  zusammenhängend,
       Bewirtschaftung großer Güter besteht und auf diesen großen Gütern
       ein Herr  und viele  Taglöhner. Dieser Zustand ist aber im ganzen
       und großen in Deutschland noch immer vorherrschend, und daher war
       der Beschluß,  nächst England,   g r a d e  f ü r  D e u t s c h-
       l a n d  h ö c h s t  z e i t g e m ä ß.  Das Ackerbauproletanat,
       die Landtaglöhner  - das  ist die Klasse, aus der sich die Armeen
       der Fürsten  der großen  Masse  nach  rekrutieren.  Das  ist  die
       Klasse, die  jetzt die  große Menge  der Feudalherren  und Junker
       kraft des  allgemeinen Stimmrechts ins Parlament schickt; das ist
       aber auch  die Klasse, die den industriellen Arbeitern der Städte
       am nächsten  steht, die  mit  ihnen  dieselben  Lebensbedingungen
       teilt, die  sogar noch  tiefer im  Elend steckt  als  sie.  Diese
       Klasse, die  ohnmächtig ist,  weil sie zersplittert und zerstreut
       ist, deren verborgene Macht Regierung und Adel so gut kennen, daß
       sie absichtlich  die Schulen  verkommen lassen,  damit sie nur ja
       unwissend bleibe,  diese Klasse  lebendig zu  machen und  in  die
       Bewegung hineinzuziehen, das ist die nächste, dringendste Aufgabe
       der deutschen Arbeiterbewegung. Von dem Tage an, wo die Masse der
       Landtaglöhner ihre  eigenen Interessen verstehen gelernt hat, von
       dem Tage  an ist  eine reaktionäre,  feudale, bürokratische  oder
       bürgerliche Regierung in Deutschland unmöglich.
       Geschrieben um den 11. Februar 1870.
       Nach: Friedrich Engels,
       "Der Deutsche Bauernkrieg",
       Zweiter Abdruck, Leipzig 1870.

       zurück