Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Karl Marx
       
       Die Aussperrung der Bauarbeiter in Genf [325]
       
       Der Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation
       an die Arbeiter und Arbeiterinnen in Europa
       und den Vereinigten Staaten
       Mitarbeiter!
       Die Genfer  Baumeister sind  nach reiflicher  Überlegung bei  der
       Konklusion angelangt, daß "die unbeschränkte Freiheit der Arbeit"
       am besten  geeignet ist, das Glück der arbeitenden Bevölkerung zu
       befördern. Ihren  Arbeitern diese Segnung zu sichern, beschlossen
       sie am  11. Juni  einen englischen  Streich auszuführen,  nämlich
       sämtliche Arbeiter,  die bis dahin bei ihnen in Arbeit gestanden,
       auszusperren.
       Da das  Gewerksvereinswesen erst  in neuerer  Zeit in der Schweiz
       Wurzel faßte,  so pflegten die Genfer Baumeister dasselbe mit der
       größten Entrüstung als eine englische Importation zu denunzieren.
       Vor zwei  Jahren verhöhnten  sie ihre Arbeiter wegen ihrem Mangel
       an Patriotismus,  weil sie  versuchten, ein  so ausländisches Ge-
       wächs wie  die Beschränkung der Arbeitszeit und die Fixierung des
       Arbeitslohnes auf  den Schweizer Boden zu verpflanzen. Sie hegten
       nicht den geringsten Zweifel, daß schlaue Unheilstifter ihre Hand
       im Spiel  haben mußten, da ihre eingeborenen Arbeiter aus eigenem
       Antrieb nichts natürlicher und angenehmer finden würden, als sich
       von 12-14 Stunden des Tags abzurackern, für was immer der Meister
       in seinem  Herzen für  gut finden möchte, als Bezahlung zu gewäh-
       ren. Sie  behaupteten öffentlich,  daß die  verblendeten Arbeiter
       nur nach  Vorschriften von  London und  Paris handelten, etwa wie
       die Schweizer  Diplomaten gewohnt  sind, den Geheißen von St. Pe-
       tersburg, Berlin und Paris Folge zu leisten. Indessen ließen sich
       die Arbeiter  weder durch  Schmeicheleien, Verhöhnungen oder Dro-
       hungen bereden,  daß die  Beschränkung der  Arbeitszeit auf  zehn
       Stunden den Tag und die Fixierung des Arbeitslohns
       
       #432# Karl Marx
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       pro Stunde die Würde eines Schweizer Bürgers verletze, noch konn-
       ten sie  durch Provokation  in Freveltaten verwickelt werden, die
       den Baumeistern  einen plausiblen  Vorwand geliefert  hätten, öf-
       fentliche Repressivmaßregeln gegen die Vereine durchzusetzen.
       Endlich, im Mai 1868 brachte Herr Camperio, der damalige Minister
       der Justiz und der Polizei, eine Übereinkunft zustande, nach wel-
       cher die  täglichen Arbeitsstunden auf 9 im Winter und 11 im Som-
       mer beschränkt  werden sollten,  mit einer Abstufung des Arbeits-
       lohns von  45-50 Centimes  die Stunde. Jene Übereinkunft wurde im
       Beisein des  Ministers von  den Baumeistern  und Arbeitern unter-
       zeichnet. Im  Frühling 1869  weigerten sich  mehrere  Baumeister,
       mehr für  die 11  Stunden Arbeit des Sommers zu bezahlen, als sie
       für 9 Stunden Winterarbeit bezahlt hatten. Es kam abermals zu ei-
       nem Vergleich:  45 Centimes  die Stunde  ward für alle Zweige 1*)
       festgesetzt. Obgleich die Gipser und Anstreicher offenbar in die-
       sen Verträgen einbegriffen waren, mußten sie unter Vor-1868er-Be-
       dingungen fortarbeiten,  weil sie  nicht hinreichend  organisiert
       waren, die neuen zu erzwingen.
       Am 15.  Mai d.J.  beanspruchten sie,  den anderen Geschäften ver-
       tragsgemäß gleichgestellt zu werden, und da ihnen das schlechthin
       abgeschlagen wurde, legten sie die folgende Woche die Arbeit nie-
       der. Am  4. Juni beschlossen die Baumeister, "wenn die Gipser und
       Anstreicher nicht  bis zum  9.Juni ohne  Vorbehalt an ihre Arbeit
       zurückkehren, so  werden am 11. Juni sämtliche Bauarbeiter ausge-
       sperrt". Diese  Drohung wurde pünktlich ausgeführt. Nicht zufrie-
       den mit  der Aussperrung  der Arbeiter, verlangten die Baumeister
       durch öffentliche  Plakate von der Bundesregierung die gewaltsame
       Auflösung der  Internationalen Union  2*) und die Vertreibung der
       Fremden aus der Schweiz. [326] Ihr wohlwollender und wahrhaft li-
       beraler Versuch,  "die unbeschränkte Freiheit der Arbeit" wieder-
       herzustellen, scheiterte  an einer  Massenversammlung  und  einem
       Protest der eingeborenen Nicht-Bauarbeiter.
       Die nicht bei der Bauarbeit beteiligten Genfer Gewerkschaften ha-
       ben einen  Ausschuß ernannt,  der die  Angelegenheiten der Ausge-
       sperrten verwaltet.  Verschiedene, die  mit den  Baumeistern Kon-
       trakte für  Neubauten abgeschlossen hatten, hielten ihre Verbind-
       lichkeit durch  die Unterbrechung  für beendigt  und schlugen den
       Arbeitern vor,  auf ihr  Risiko fortzuarbeiten.  Diese Vorschläge
       wurden ohne  Bedenken angenommen. Die ledigen Leute reisen ab, so
       schnell sie können. Dennoch bleiben gegen 2000 Familien
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       1*) Im englischen  Text: Bauarbeiter - 2*) im französischen Text:
       Assoziation
       
       #433# Die Aussperrung der Bauarbeiter in Genf
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       ihrer gewöhnlichen Existenzmittel beraubt. Der Generalrat fordert
       daher die  Arbeiter und Arbeiterinnen der zivilisierten Welt auf,
       den Genfer  Bauarbeitern sowohl  durch moralische  als materielle
       Mittel in ihrem Kampf gegen den kapitalistischen Despotismus Bei-
       stand zu leisten.
       Im Auftrag  des Generalrats  der Internationalen Arbeiterassozia-
       tion:
       B. Lucraft, Vorsitzender
       John Westen, Kassierer
       J. George Eccarim, Generalsekretär
       Hermann Jung, Sekretär für die Schweiz
       256, High Holborn,
       London, W.C., den 5. Juli 1870
       
       Nach dem Flugblatt in deutscher Sprache.

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