Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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FRIEDRICH ENGELS
[Die Geschichte Irlands [353]]
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Geschrieben von Mai bis Mitte Juli 1870.
Nach der Handschrift.
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Naturbedingungen
An der Nordwestecke Europas liegt das Land, dessen Geschichte uns
beschäftigen wird, eine Insel von 1530 deutschen oder 32 500 eng-
lischen Quadratmeilen. Aber zwischen Irland und das übrige Europa
legte sich quer die dreimal so große Insel, die wir der Kürze
halber gewöhnlich England nennen; sie umfaßt Irland von Nord, Ost
und Südost her vollständig und läßt ihm nur in der Richtung nach
Spanien, Westfrankreich und Amerika freien Ausblick.
Der Kanal zwischen beiden Inseln, an den schmälsten Stellen im
Süden 50-70, an einer Stelle im Norden 13, an einer ändern 22
engl. Meilen breit, erlaubte im Norden schon vor dem 5. Jahrhun-
dert den irischen Skoten die Einwanderung in die Nebeninsel und
die Begründung des schottischen Reichs. Im Süden war er zu breit
für die Boote der Iren und Briten und ein ernsthaftes Hindernis
selbst für die flachbodigen Küstenfahrzeuge der Römer. Als aber
Friesen, Angeln und Sachsen und nach ihnen Skandinavier mit ihren
Kielfahrzeugen sich aufs hohe Meer, außer Sicht des Landes, wagen
durften, war dieser Kanal kein Hindernis mehr; Irland verfiel den
Raubzügen der Skandinavier und lag den Engländern als offene
Beute da. Sobald die Normannen in England eine kräftige, einheit-
liche Regierung hergestellt, machte sich der Einfluß der größeren
Nachbarinsel geltend - in damaliger Zeit hieß dies Eroberungs-
krieg. [354]
Folgte dann im Verlauf des Kriegs eine Periode, wo England die
Herrschaft auf dem Meer errang, so war dadurch die Möglichkeit
erfolgreicher fremder Einmischung ausgeschlossen.
Wurde endlich die ganze größere Insel zu einem Staat vereinigt,
so mußte dieser danach streben, auch Irland sich vollständig zu
assimilieren.
Gelang diese Assimilation, so gehört der ganze Verlauf der Ge-
schichte an. Er verfällt ihrem Urteil, aber rückgängig zu machen
ist er nicht mehr. Gelang aber die Assimilation nach siebenhun-
dert Jahren des Kampfs nicht.
#462# Friedrich Engels
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wurde vielmehr jede neue Welle von Eindringlingen, die Irland
eine nach der ändern überschwemmte, von Irland assimiliert; sind
die Irländer auch heute noch ebensowenig zu Engländern,
"Westbriten", wie mans nennt, geworden, wie die Polen nach nur
hundertjähriger Unterdrückung zu Westrussen; ist der Kampf noch
immer nicht ausgekämpft und keine Aussicht da, daß er ausgekämpft
werde anders als durch die Ausrottung der unterdrückten Race - so
werden alle geographischen Vorwände in der Welt nicht hinreichen,
den Beruf Englands zur Eroberung Irlands zu beweisen.
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Um die Bodenbeschaffenheit des heutigen Irlands zu verstehen,
müssen wir weit zurückgreifen, nämlich bis auf die Epoche, wo die
sogenannte Kohlenformation gebildet wurde. *)
Die Mitte von Irland, nördl. und südlich von der Linie Dublin -
Galway, bildet eine weite Ebene von der Meereshöhe von durch-
schnittlich 100 bis 300 Fuß. Diese Ebene, sozusagen der Grundplan
von ganz Irland, wird gebildet durch die massenhafte Kalkstein-
schicht, die die mittlere Lage der Kohlenformation bildet
(Kohlenkalk, carboniferous limestone) und welcher die kohlenhal-
tigen Schichten (das eigentliche Kohlengebirge, coal measures) in
England und anderswo unmittelbar aufliegen.
Im Süden wie im Norden wird diese Ebene umringt von einem Ge-
birgskranz, der sich meist der Küste anschließt und fast aus-
nahmslos aus älteren Gebirgsformationen besteht, die den Kalk-
stein durchbrochen haben: Granit, Glimmerschiefer, kambrische,
kambro-silurische, obere silurische, devonische und der untersten
Schicht der Kohlenformation angehörige Tonschiefer und Sand-
steine, reich an Kupfer und Blei; außerdem etwas Gold, Silber,
Zinn, Zink, Eisen, Kobalt, Spießglanz und Mangan enthaltend.
Nur an wenigen Stellen erhebt sich der Kalkstein selbst zu Ber-
gen: mitten in der Ebene, in Queen's County, bis zu 600 Fuß und
im Westen, an der Südküste der Bucht von Galway, bis zu etwas
über 1000 Fuß (Burren Hills).
An mehreren Stellen in der südlichen Hälfte der Kalksteinebene
finden sich vereinzelte Gebirge von 700-1000 Fuß [über der] Mee-
reshöhe und beträchtlichem Umfang, die von den kohlenhaltigen
Schichten gebildet
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*) Wo nicht anders angegeben, sind die hier angeführten geologi-
schen Daten genommen aus: J. Beete Jukes, "The Student's Manual
of Geology". New Edition. Edinburgh 1862. Jukes war Lokalvorstand
der geologischen Aufnahme Irlands und ist daher für dies Terrain,
das er auch besonders ausführlich behandelt, erste Autorität.
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Erste Seite von Friedrich Engels' Handschrift "Die Geschichte Ir-
lands"
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#465# Die Geschichte Irlands
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werden. Sie liegen in Mulden der Kalksteinfläche, aus der sie
sich als Plateau mit ziemlich steilen Rändern erheben.
"Die Abfälle dieser weit voneinander entfernten Striche Kohlenge-
birge sind sich so ähnlich und die Schichten, aus denen sie be-
stehen, so vollständig identisch, daß man absolut nicht umhin
kann anzunehmen, daß sie früher in zusammenhängenden Lagen über
das ganze Zwischenland verbreitet waren, obwohl sie jetzt 60-80
Meilen voneinander entfernt sind. Diese Ansicht wird noch beson-
ders dadurch bestärkt, daß zwischen den noch übrigen Kohlen-
feldern sich hier und da kleine, vereinzelte Hügel finden, deren
Spitze ebenfalls aus Kohlengebirge besteht, und daß überall, wo
die Kalksteinebene sich unter das Niveau der gegenwärtigen Ober-
fläche senkt, die Vertiefung ausgefüllt ist durch die niedrigsten
Schichten des Kohlengebirgs." (Jukes, p. 286.)
Noch andre Umstände, die für uns hier zu sehr ins Detail gehn und
die man bei Jukes, p. 286-289, nachlesen kann, machen zur Gewiß-
heit, daß, wie Jukes sagt, die ganze irische Zentralebene durch
Denudation entstanden ist; so daß, nachdem das Kohlengebirge und
die oberen Kalksteinablagerungen - eine Durchschnittsdicke von
mindestens 2000-3000, vielleicht 5000-6000 Fuß Gestein - wegge-
spült, nun hauptsächlich die unteren Schichten des Kalks zutage
treten. Selbst auf dem höchsten Grat der Burren Hills, Grafschaft
Clare, die aus purem Kalkstein bestehen und 1000 Fuß hoch sind,
fand Jukes (p. 513) noch einen kleinen Aufwurf von Kohlengebirge.
Es bleiben demnach im Süden Irlands immer noch einige nicht unbe-
deutende Striche, welche dem Kohlengebirge angehören; darunter
aber findet sich nur an einzelnen kleinen Stellen Kohle in hin-
reichender Dicke, um den Bergbau zu lohnen. Zudem ist die Kohle
selbst anthrazitisch, d.h. sie enthält wenig Wasserstoff und ist
ohne Zusatz nicht zu allen industriellen Zwecken verwendbar.
Im Norden Irlands kommen auch mehrere nicht sehr ausgedehnte Koh-
lenfelder vor, deren Kohle bituminös, d.h. wasserstoffreiche, ge-
wöhnliche Steinkohle ist und deren Lagerung nicht ganz mit der
der südlicheren Kohlenbezirke stimmt. Daß aber auch hier dieselbe
Wegspülung des Kohlengebirgs stattgefunden, geht daraus hervor,
daß große Stücke Kohle, begleitet von derselben Schichtenordnung
angehörigem Sandstein und blauem Lehm, auf der Oberfläche des
südöstlich eines solchen Kohlenfelds nach Belturbet und Mohill zu
gelegenen Kalksteintale gefunden werden. Häufig ist man beim
Brunnengraben im Drift in dieser Gegend auf große Blöcke Kohle
gestoßen; und in einigen Fällen waren die Kohlenmassen so bedeu-
tend, daß man glaubte, tieferes Ausschachten müsse auf ein Koh-
lenlager führen. (Kane, "Industrial Resources of Ireland", 2.
Ausgabe, Dublin 1845, p. 265.)
#466# Friedrich Engels
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Man sieht, das Pech Irlands ist uralt; es hebt an unmittelbar
nach Ablagerung des Kohlengebirgs. Ein Land, dessen Kohlenlager
weggespült sind, dicht neben einem größeren kohlenreichen Land
gelegen, war gleichsam schon durch Naturbeschluß diesem, dem
künftigen Industrieland, gegenüber auf lange Zeit hinaus zur
Rolle des Bauernlands verurteilt. Das Urteil, vor Millionen Jah-
ren gefällt, wurde vollstreckt erst in diesem Jahrhundert. Wir
werden übrigens später sehn, wie die Engländer der Natur unter
die Arme griffen und fast jeden Keim irischer Industrie sofort
gewaltsam zertreten haben.
Jüngere, sekundäre und tertiäre Ablagerungen [355] kommen fast
nur im Nordosten vor; uns interessieren dabei hauptsächlich die
Keuperschichten in der Gegend von Belfast, die bis zu 200 Fuß
Dicke mehr oder weniger reines Steinsalz enthalten (Jukes, p.
554), und die Kreide, die die ganze Grafschaft Antrim bedeckt,
selbst aber wieder von einer Basaltlage überdeckt wird. Im ganzen
und großen ist die geologische Entwicklungsgeschichte Irlands
unterbrochen vom Ende der Kohlenforrnation an bis auf die
Eiszeit.
Man weiß, daß nach dem Ende der tertiären Epoche eine Zeit ein-
trat, wo die Flachlande der mittleren Breiten Europas unter die
Meeresfläche versunken waren und wo eine so kalte Temperatur in
Europa herrschte, daß die Täler der noch hervorragenden Bergin-
seln bis an den Meeresspiegel hinab von Gletschern ausgefüllt wa-
ren. Die von diesen Gletschern abgelösten Eisberge trugen große
und kleine, von den Bergen abgelöste Steinblöcke ins Meer hinaus,
bis das Eis schmolz und die Blöcke und was sonst Erdiges vom Eise
mitgenommen war, zu Boden fielen, ein Prozeß, der an den Küsten
der Polarregionen noch täglich vorgeht.
Zur Eiszeit war auch Irland, mit Ausnahme der Bergkuppen, unter
den Meeresspiegel versenkt. Das Maximum der Senkung mag nicht
überall gleich gewesen sein, doch darf man es im Durchschnitt auf
1000 Fuß unter die jetzige Höhe annehmen; die Granitgebirge süd-
lich von Dublin müssen bis über 1200 Fuß gesunken sein.
Eine Senkung von nur 500 Fuß ließe von Irland nur die Gebirge üb-
rig, welche dann als Inseln in zwei halbkreisförmigen Gruppen um
einen breiten, von Dublin nach Galway laufenden Sund herumliegen
würden. Eine noch tiefere Senkung würde die Inseln nur verklei-
nern und ihre Zahl vermindern, bis bei 2000 Fuß Senkung nur noch
die äußersten Bergkuppen aus dem Wasser ragen würden. *)
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*) Von den 32 509 engl. Quadratmeilen Irlands liegen zwischen dem
Meeresspiegel und 250 Fuß Meereshöhe 13 243; von 251-500 Fuß:
11 797; 501-1000 Fuß: 5798; 1001-2000 Fuß: 1589; 2001 Fuß und
darüber: 82 Quadratmeilen.
#467# Die Geschichte Irlands
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Während die Senkung langsam vor sich ging, müssen die Kalk-
steinebene wie die Bergflanken noch von manchem darüberliegenden
älteren Gestein reingefegt worden sein; dann folgte die Ablage-
rung des der Eiszeit eigentümlichen "Drift" auf dem ganzen, vom
Wasser bedeckten Gebiet. Die Produkte der Verwitterung der
Berginseln sowie die feinzerrissenen Gesteinteilchen, welche bei
der Ausschürfung der Täler durch die in ihnen sich langsam, aber
wuchtig fortschiebenden Gletscher abfielen - Erde, Sand, Kies,
Steine, glattgeschliffene Blöcke im Eise selbst, scharfkantige
auf seiner Oberfläche -, alles das wurde von den am Strand sich
loslösenden Eisbergen hinausgetragen ins Meer und fiel dort nach
und nach zu Boden. Die hierdurch gebildete Schicht besteht je
nach Umständen aus Lehm (von Tonschiefer herrührend), Sand (von
Quarz und Granit herrührend), Kalkkies (vom Kalkgebirge gelie-
fert), Mergel (wo fein zerkleinerter Kalk dem Lehm beigemengt)
oder aus Mischungen aller dieser Bestandteile; in allen Fällen
aber enthält sie eine Menge größerer oder kleinerer, bald abge-
rundeter, bald scharfkantiger Steine bis zu jenen kolossalen er-
ratischen Blöcken hinauf, die in Irland noch häufiger vorkommen
als in der Norddeutschen Ebene oder zwischen Alpen und Jura.
Bei der nachher erfolgten Wiedererhebung des Bodens aus dem Meer
erhielt diese neugebildete Oberfläche, im rauhen wenigstens, ihre
heutige Gestaltung. In Irland scheint dabei nur wenig Wegspülung
stattgefunden zu haben; mit wenig Ausnahmen bedeckt der Drift in
dickerer oder dünnerer Lage das ganze ebne Land, zieht sich in
den Gebirgen alle Täler hinan und findet sich auch noch häufig
hoch an den Bergflanken hinauf. Die dann vorkommenden Steine sind
meistens Kalk, weshalb die ganze Schicht hier gewöhnlich den Na-
men Kalksteinkies (limestone gravel) trägt. Auch große Blöcke
Kalkstein sind über das ganze niedere Land massenhaft zerstreut,
fast in jedem Felde einer oder mehrere; in der Nähe der Berge
finden sich selbstredend neben dem Kalkstein auch die von ihnen
herrührenden Lokalgesteine, namentlich der Granit, in großer
Menge. Der Granit von der nördlichen Seite der Bucht von Galway
kommt in der Ebene nach Südosten bis an die Galton-Berge hin häu-
fig, bis nach Mallow (Gfsch. Cork) vereinzelt vor.
Der Norden des Landes ist bis zur gleichen Meereshöhe ebenso mit
Drift bedeckt wie die Zentralebene; der Süden hat, zwischen den
verschiedenen mehr oder weniger parallelen Gebirgsreihen, die ihn
durchziehen, eine ähnliche, von Lokalgesteinen meist silurischer
Formation herrührende Ablagerung aufzuweisen, die namentlich im
Tal des Flesk und Laune bei Killarney massenhaft auftritt.
#468# Friedrich Engels
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Die Gletscherspuren an den Berghängen und auf den Talsohlen Ir-
lands sind namentlich im Südwesten sehr häufig und unverkennbar.
Schärfer ausgeprägte Eisspuren aller Art als bei Killarney (im
Black Valley und im Gap of Dunloe) erinnere ich mich nur im Ober-
hasli und hie und da in Schweden gesehen zu haben.
Die Erhebung des Bodens während oder nach der Eiszeit scheint so
stark gewesen zu sein, daß Britannien eine Zeitlang nicht nur mit
dem Kontinent, sondern auch mit Irland durch trocknes Land ver-
bunden war. Wenigstens nur so scheint die Gleichheit der Fauna
dieser Länder zu erklären. Von großen ausgestorbenen Säugetieren
hat Irland mit dem Kontinent gemein: das Mammut, den irischen
Riesenhirsch, den Höhlenbären, eine Rentierart usw. In der Tat
würde eine Erhebung von weniger als 240 Fuß über das gegenwärtige
Niveau hinreichen, um Irland und Schottland, und eine von weniger
als 360 Fuß, um Irland und Wales durch breite Landrücken zu ver-
binden. *) Daß seit der Eiszeit Irland einmal ein höheres Niveau
eingenommen als jetzt, wird bewiesen durch die an der ganzen Kü-
ste vorkommenden unterseeischen Torfmoore mit aufrechtstehenden
Baumstümpfen und Wurzeln, die in jeder Beziehung identisch sind
mit den untersten Schichten der benachbarten binnenländischen
Torfmoore.
Der Boden Irlands, soweit er für den Ackerbau in Betracht kommt,
wird demnach fast ausschließlich gebildet vom "Drift" der Eispe-
riode, der hier, dank seiner Herkunft von Schiefer und Kalkge-
stein, nicht jener öde Sand ist, mit dem die schottischen, skan-
dinavischen und finnländischen Granite einen so großen Teil Nord-
deutschlands zugedeckt haben, sondern ein äußerst fruchtbarer,
leichter Lehmboden. Die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die ihren
Abfall an diesen Boden abgegeben haben und noch abgeben, ver-
sorgte ihn mit einer entsprechenden Mannigfaltigkeit der für die
Vegetation erforderlichen mineralischen Bestandteile; und wenn
einer derselben, der Kalk, in der Ackerkrume selbst häufig abwe-
send ist, so finden sich doch überall kleinere und größere Kalk-
blöcke in Menge - vom unterliegenden Kalkfels abgesehn -, so daß
er mit Leichtigkeit zugesetzt werden kann.
Als der bekannte englische Agronom Arthur Young in den siebziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts Irland bereiste, wußte er nicht,
worüber er mehr erstaunen sollte: über die natürliche Fruchtbar-
keit des Bodens oder über dessen barbarische Behandlung durch die
Bauern. "Ein leichter, trockner,
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*) Siehe Karte 15a, Stielers Handatlas, 1868. Diese Karte, sowie
Nr. 15d für Irland speziell, gibt eine sehr anschauliche Darstel-
lung der Terraingestaltung.
#469# Die Geschichte Irlands
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weicher, sandiger Lehmboden" herrscht vor, wo das Land überhaupt
gut ist. Im "goldnen Tal" von Tipperary und auch anderswo fand er
"denselben sandigen, rötlichen Lehm, den ich schon beschrieben
habe, unvergleichliches Land für den Ackerbau". Von da in der
Richtung auf Clonmel "den ganzen Weg, durch denselben üppigen
Strich roten sandigen Lehms, den ich so oft erwähnt habe; ich un-
tersuchte ihn in verschiedenen Feldern und fand, daß er von au-
ßerordentlicher Fruchtbarkeit war und so schönes Rübenland, wie
ich je gesehen."
Ferner:
"Das reichtragende Land erstreckt sich von Charleville am Fuß der
Berge bis Tipperary" (Stadt) "über Kilfenann, eine Linie von 25
Meilen Länge, und in der Breite von Ardpatrick bis 4 Meilen vor
Limerick - 16 Meilen." - "Der üppigste Boden ist in den
'Corcasses' am Flusse Maigue, bei Adare, ein Strich 5 Meilen lang
und 2 Meilen breit bis an den Shannon hinunter ... Wenn dies Land
umgepflügt wird, so säet man zuerst Hafer und erhält 20 Fässer"
(zu 14 stone = 196 Pf und das Faß) "oder 40 gewöhnliche Fässer
per Acre, und dies gilt für keine besonders reichliche Ernte; man
fährt fort mit Hafer 10-12 Jahre ohne Unterbrechung, bis die Ern-
ten magerer werden; dann säet man einmal Bohnen, und dadurch wird
der Boden so aufgefrischt, daß man wieder zehn Ernten Hafer hin-
tereinander aus ihm herausschlagen kann; die Bohnen ertragen sehr
gut. Hat man je von solchen Barbaren gehört?"
Ferner bei Castle Oliver, Grafschaft Limerick:
"Der beste Boden hierzulande ist am Fuß der Gebirge; es ist ein
üppiger, weicher, krümelnder, fauliger, sandiger Lehm, anderthalb
bis drei Fuß dick, von rötlichbrauner Farbe. Es ist trocknes Land
und würde sich vortrefflich eignen für Rüben, gelbe Rüben, Kohl,
in einem Wort für irgend etwas. Alles in allem halte ich ihn für
den fruchtbarsten Boden, den ich je gesehn; er ist für jeden er-
denklichen Zweck brauchbar. Man kann den größten Ochsen darauf
mästen, aber dieser Boden ist auch ebenso gut für Schafe, für den
Ackerbau, für Rüben, für Weizen, für Bohnen, für irgend etwas.
Man muß den Boden selbst untersuchen, ehe man glauben kann, daß
ein Land von so bettelhaftem Aussehn so reich und fruchtbar sein
kann."
Am Blackwater-Fluß bei Mallow
"sind flache Striche, bis zu 1/4 Meile breit, wo das Gras überall
ausgezeichnet schön steht. Es ist der prächtigste Sandboden, den
ich je gesehn, rotbräunlich, und wenn umgepflügt, würde er die
reichlichsten Ernten in der Welt geben. Er ist fünf Fuß dick, und
obwohl man ihn in gute Ziegel umbrennen kann, ist es doch voll-
kommener Sand. Die Ufer dieses Flusses, von der Quelle bis zum
Meer, sind gleich merkwürdig wegen ihrer landschaftlichen Schön-
heit wie wegen ihrer Fruchtbarkeit." - "Krümelnder, sandiger
Lehm, trocken aber fruchtbar, ist sehr häufig und macht den be-
sten Boden im Lande aus für Ackerbau wie für Schafe. Tipperary
und Roscommon sind besonders reich daran. Am fruchtbarsten von
allen sind die Ochsentriften von Limerick und am
#470# Friedrich Engels
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Ufer des Shannon, in Clare, die sogenannten Corcasses ... Sand,
so häufig in England und noch häufiger durch ganz Spanien,
Frankreich, Deutschland und Polen - durchweg von Gibraltar bis
Petersburg - findet sich in Irland nirgends außer an schmalen Dü-
nenstreifen an der Küste. Auch habe ich nirgendwo von Kreideboden
je etwas gesehen oder gehört." *)
Youngs Urteil über den Boden Irlands faßt sich in folgenden Sät-
zen zusammen:
"Wenn ich die Kennzeichen eines ausgezeichneten Bodens angeben
sollte, so würde ich sagen: der Boden, auf dem man einen Ochsen
mästen und ebensogut eine gute Rübenernte erzielen kann. Nebenbei
gesagt, fällt mir wenig oder gar kein solches Land in England
ein, in Irland dagegen ist es nicht ungewöhnlich." (II, p. 271.)
- "Die natürliche Fruchtbarkeit, Acre gegen Acre gerechnet, ist
entschieden zugunsten Irlands." (II, 2. Abteilung, p. 3.) -
"Soweit ich über den Boden der beiden Königreiche urteilen kann,
verdient der von Irland bei weitem den Vorrang." (II, 2. Abtei-
lung, p. 12.)
1808-1810 bereiste Edward Wakefield, ein ebenfalls mit der Agro-
nomie vertrauter Engländer, Irland und legte die Resultate seiner
Beobachtungen in einem sehr wertvollen Werk nieder.**) Seine Be-
merkungen sind besser geordnet, übersichtlicher und vollständiger
als die in Youngs Reisewerk; im ganzen aber stimmen beide.
Wakefield findet in der Bodenbeschaffenheit Irlands im ganzen we-
nig Verschiedenheit. Sand kommt nur an der Küste vor (er ist so
selten im Innern, daß große Mengen Seesand ins Innere verfahren
werden, um den Torf und Lehmboden damit zu verbessern), Kreidebo-
den ist unbekannt (die Kreide in Antrim ist, wie schon erwähnt,
mit einer Basaltschicht bedeckt, deren Verwitterungsprodukte eine
äußerst fruchtbare Ackerkrume abgeben - Kreide liefert in England
den schlechtesten Boden), "und zähen Kleiboden, wie man ihn in
Oxfordshire, in einigen Teilen von Essex und im ganzen oberen
Suffolk findet, habe ich in Irland nie finden können". Die Iren
nennen jeden lehmigen Boden Klei (clay); es möge wohl den richti-
gen Klei auch in Irland geben, aber jedenfalls nicht an der Ober-
fläche wie in einigen Teilen Englands. Kalkstein oder Kalkgeröll
finde sich fast überall; "Kalkstein ist ein nützlicher Artikel
und läßt sich in eine Quelle des Reichtums verwandeln, die immer
mit Vorteil anzuwenden ist." Berge und Torfmoore reduzieren frei-
lich die fruchtbare Oberfläche bedeutend. Im Norden
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*) "A Tour in Ireland" by Arthur Young. 3 vols. London 177 [...]
Obige Stellen finden sich Band II, pp. 28, 135, 143, 154, 165 und
II. Abteilung, p. 4.
**) "An Account of Ireland, Statistical and Political." By Edward
Wakefield. London 1812, 2 vols. in 4°.
#471# Die Geschichte Irlands
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sei wenig fruchtbares Land; doch auch hier finden sich in jeder
Grafschaft äußerst üppige Täler, und selbst im äußersten Donegal,
unter den wildesten Bergen, traf W. unerwartet einen sehr reicht-
ragenden Strich. Der starke Flachsbau im Norden allein sei schon
ein genügendes Anzeichen von Fruchtbarkeit, da diese Pflanze in
armem Boden nie gedeiht.
"Ein großer Teil des Bodens in Irland trägt einen üppigen Gras-
wuchs, der ziemlich dicht auf dem Kalkfelsen aufsitzt. Ich habe
Ochsen von vierzehn Zentnern gesehen, die sich rasch mästeten auf
einem Boden, der nur wenige Zoll tief war und auf dem selbst in
der nassesten Jahreszeit ein Pferdehuf keinen Eindruck zurück-
ließ. Dies ist eine Seite des reichen Bodens von Irland, er fin-
det sich in ganz Roscommon, in einigen Teilen von Galway, Clare
pp. Andre Gegenden wieder weisen den reichsten Lehmboden auf, den
ich je durch einen Pflug umgestürzt sah; dies ist der Fall beson-
ders in ganz Meath. Wo solcher Boden vorkommt, da ist seine
Fruchtbarkeit so augenscheinlich, daß es einem dünkt, die Natur
habe vorgehabt, die Einwohner für ihr plumpes Kultursystem zu
entschädigen. - An den Ufern des Shannon und Fergus ist das Land
wieder von andrer Art, aber gleich ergiebig, obwohl die Oberflä-
che fast wie ein Sumpf aussieht. Diese Gegenden heißen die
'Caucasses'" (so schreibt W. im Gegensatz zu Young); "der Unter-
boden ist ein feiner blauer, von der See abgelagerter Lehm, der
gleiche Eigenschaften mit der Ackerkrume zu haben scheint; denn
dieser Boden ist durch kein noch so tiefes Pflügen zu ruinieren.
- In den Grafschaften Limerick und Tipperary kommt wieder eine
andre Art reichen Bodens vor: ein dunkler, krümelnder, trockner,
sandiger Lehm, der mehrere Jahre hintereinander Korn tragen
würde, hielte man ihn nur rein von Unkraut. Er eignet sich gleich
gut für Ackerland oder Viehtrift, und, wie ich zu behaupten wage,
selten wird ihm ein Jahr zu naß oder ein Sommer zu trocken sein.
Die Ergiebigkeit dieses Bodens erklärt sich zum Teil daraus, daß
der Regen Bodenteile von den Höhen abreißt und im Tal ablagert.
Der Unterboden ist kalkig, so daß der allerbeste Dünger bereits
von unten dem ganzen Strich einverleibt ist, ohne den Bauern ir-
gendwelche Arbeit zu machen." (I, p. 79, 80.)
Wenn ein zäherer Lehm, in nicht sehr dicker Lage, dem Kalkfels
unmittelbar aufliegt, so taugt das Land zum Ackerbau nicht und
trägt nur elende Ernten Korn; aber es gibt vortreffliche Schaf-
weiden ab, die es immer mehr verbessern, ein dichtes Gras, ver-
mischt mit weißem Klee und... 1*) erzeugen. (I, p. 80.)
Im Westen, namentlich in Mayo, kommen nach Dr. Beaufort *) viele
turloughs vor - größere oder kleinere flache Stellen, die, ohne
sichtbare Verbindung mit Bächen oder Flüssen, im Winter sich mit
Wasser bedecken,
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*) aufort, Revd. Dr., "Memoir of a Map of Ireland", 1792, p. 75,
76. Zitiert bei Wakefield I, p. 36.
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1*) In der Handschrift Auslassung, bei Wakefield wilder Biber-
nelle
#472# Friedrich Engels
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das im Sommer durch unterirdische Spalten der Kalkfelsen abfließt
und einen üppigen, festen Weideboden hinterläßt.
"Außer den Caucasses", fährt Wakefield fort, "findet sich der be-
ste Boden in Irland in den Grafschaften Tipperary, Limerick, Ros-
common, Longford und Meath. In Longford gibt es ein Pachtgut
(Granard Kill), das acht Kartoffelernten nacheinander ohne Dünger
hervorgebracht hat. Einige Teile von Cork sind ungewöhnlich
fruchtbar, und im ganzen kann man sagen, daß Irland Boden von
ausgezeichneter Qualität besitzt, obgleich ich nicht so weit ge-
hen kann wie manche Schriftsteller, die der Ansicht sind, daß er,
Acre gegen Acre gerechnet, entschieden besser sei als der von
England." (I, p. 81.)
Letztere Bemerkung, die gegen Young gerichtet ist, beruht auf ei-
nem Mißverständnis des oben zitierten Youngschen Ausspruchs.
Young sagt nicht, daß der Boden Irlands ergiebiger sei als der
Englands, beide genommen in ihrem jetzigen Kulturstande, der na-
türlich in England weit höher ist; Young sagt nur, daß die natür-
liche Fruchtbarkeit des Bodens in Irland größer sei als in Eng-
land, und dies bestreitet Wakefield nicht geradezu.
Ein schottischer Agronom, Herr Caird, wurde nach der letzten Hun-
gersnot [356] 1849 von Sir 1*) Robert Peel nach Irland geschickt,
um über Mittel zur Hebung des dortigen Ackerbaus zu berichten. In
seiner bald darauf veröffentlichten Schrift über den Westen von
Irland - nächst dem äußersten Nordwesten der schlechteste Teil
des Landes - heißt es:
"Ich war sehr erstaunt, einen so großen Strich schönes, fruchtba-
res Land vorzufinden. Das Innere des Landes ist sehr eben und im
allgemeinen steinig und trocken; der Boden trocken und krümelnd.
Die Feuchtigkeit des Klimas erzeugt eine sehr beständige Vegeta-
tion, die ihre Vorteile und Nachteile hat. Sie ist vorteilhaft
für Gras und Grünbau *), bedingt aber auch bedeutende und anhal-
tende Anstrengung, um das Unkraut niederzuhalten. Der Überfluß an
Kalk allerorts, sowohl im Felsen selbst, wie in der Gestalt von
Sand und Geröll unter der Oberfläche, ist von größtem Wert."
Caird bestätigt ebenfalls, daß die ganze Grafschaft West Meath
aus dem schönsten Weideland besteht. Von der Gegend nördlich von
Lough Corrib (Grafschaft Mayo) heißt es:
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*) Grünbau (green crops) umfaßt alle künstlichen Futterkräuter,
Rüben aller Art und Kartoffeln; alles, was nicht Korn, nicht Gras
und nicht Gartenbau ist.
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1*) An dieser Stelle ist in der Handschrift über dem Wort "Sir"
noch "Ministerium" zu lesen
#473# Die Geschichte Irlands
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"Der größte Teil" (einer Farm von 500 Acres) "ist das schönste
Mastland für Schafe und Rindvieh, trocknes, krümelndes, wellen-
förmiges Land, alles auf dem Kalkfelsen. Die Felder, üppiges,
altgewurzeltes Gras, sind besser als irgend etwas, was wir,
kleine Fleckchen ausgenommen, in irgendeinem Teil von Schottland
haben, soviel ich mich wenigstens erinnere. Die besten Stellen
dieses Bodens sind zu gut für den Pflug, doch könnte ungefähr die
Hälfte mit Vorteil als Ackerland verwandt werden ... Die Schnel-
ligkeit, womit der Boden auf diesem Untergrund von Kalkfels sich
erholt und von selbst, ohne daß irgend etwas gesäet wird, sich
wieder in Weideland verwandelt, ist sehr merkwürdig." *)
Hören wir schließlich noch eine französische Autorität **):
"Von den beiden Abteilungen Irlands umfaßt die eine, der Nordwe-
sten, den vierten Teil der Insel, nämlich ganz Connaught mit den
angrenzenden Grafschaften Donegal, Clare und Kerry. Sie gleicht
Wales und selbst in ihren schlimmsten Strichen den schottischen
Hochlanden. Hier sind wieder 2 Millionen Hektaren wilden Landes,
deren schauerlicher Anblick die irische Redensart erzeugt hat:
Geh zur Hölle oder nach Connaught! ***) Die andre, südöstliche
und weit größere Abteilung umfaßt Lemster, Ulster und Münster
oder ungefähr 6 Millionen Hektaren. Sie ist dem eigentlichen Eng-
land an natürlicher Fruchtbarkeit mindestens gleich. Doch ist der
Boden sich nicht überall gleich, die feuchten Niederschläge sind
dort noch größer als in England. Große Torfmoore bedecken etwa
1/10 der Oberfläche; mehr als ein anderes Zehntel besteht aus
Seen und Bergen. Aus den 8 Millionen Hektaren in Irland sind nur
fünf Millionen angebaut." (p. 9, 10.) - "Selbst die Engländer ge-
ben zu, daß Irland, was den Boden betrifft, England überlegen
ist. Von den obigen 8 Mill. Hektaren nehmen Felsgebirg, Seen und
Torfmoor ungefähr 2 Mill. ein; 2 Mill. mehr sind ziemlich
schlechtes Land. Der Rest, also etwa die Hälfte des ganzen Lan-
des, ist prächtiges Land mit kalkigem Untergrund - was will man
sich Besseres wünschen?" (p. 343.)
Man sieht, alle Autoritäten stimmen dahin ein, daß der Boden Ir-
lands sowohl nach seinen chemischen Bestandteilen wie nach seiner
mechanischen Zusammensetzung alle Elemente der Fruchtbarkeit in
ungewöhnlichem Maße vereinigt. Die Extreme - zäher, undurchdring-
licher Klei, der kein Wasser durchläßt, und loser Sand, der es
keine Stunde behält - fehlen
---
*) Caird, "The Plantation Scheine, or the West of Ireland as a
field for Investment", Edinburgh 1850. Herr Caird schrieb 1850-
1851 in die "Times" Reiseberichte über den Zustand des Ackerbaus
in den Hauptgrafschaften Englands. Obige Stellen finden sich pp.
6, 17-18, 121.
**) Léonce de Lavergne, "Rural Economy of England, Scotland and
Ireland". Translated from the French. Edinburgh 1855.
***) Die Redensart, wie sich zeigen wird, verdankt ihren Ursprung
nicht den dunklen Bergen von Connaught, sondern der dunkelsten
Periode der ganzen irischen Geschichte. [357]
#474# Friedrich Engels
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ganz. Dagegen hat Irland einen ändern Nachteil. Während die Berge
meist an der Küste liegen, sind die Wasserscheiden zwischen den
verschiedenen Flußbecken im Innern meist sehr niedrig. Die Flüsse
sind nicht imstande, das sämtliche Regenwasser zum Meer abzufüh-
ren, und so entstehen im Innern, besonders an den Wasserscheiden,
ausgedehnte Torfmoore. In der Ebene allein sind 1 576 000 Acres
mit Torfmoor bedeckt. Es sind meist Einsenkungen oder Mulden des
Terrains, großenteils frühere flache Seebecken, die allmählich
mit Moos und Sumpfpflanzen bewachsen und von deren abgestorbenen
Resten ausgefüllt worden sind. Sie dienen, wie unsre norddeut-
schen Moore, nur zum Torf stechen. Die Kultur kann sich unter dem
jetzigen Ackerbausystem nur langsam ihrer Ränder bemächtigen. Der
Boden dieser alten Seebecken ist überall Mergel, der seinen Kalk-
gehalt (von 5-90% schwankend) von den Schalen der Süßwassermu-
scheln des Sees empfangen hat. Jedes dieser Torfmoore enthält
also das Material zu seiner Urbarmachung in seinem eignen Schoß.
Außerdem sind die meisten derselben reich an Eisenstein. Neben
diesen Mooren der Ebene finden sich noch 1 254 000 Acres Berg-
moor, eine Frucht der Entwaldung in einem feuchten Klima und eine
eigentümliche Schönheit der britischen Inseln. Überall, wo hier
flache oder schwachgewölbte Kuppen entwaldet worden - was im 17.
und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts massenweise geschah,
um die Eisenwerke mit Holzkohle zu versorgen -, bildete sich un-
ter dem Einfluß des Regens und der Nebel ein Überzug von Torf,
der später, wo die Verhältnisse günstig waren, an den Hängen sich
fortsetzte. Der ganze Rücken der Gebirgskette, die Nordengland
von Nord nach Süd bis gegen Derby hin durchschneidet, ist mit
solchen Mooren bedeckt; und wo auf der Karte von Irland größere
Gebirgsgruppen verzeichnet sind, da findet sich auch Bergmoor im
Überfluß. Die Torfmoore Irlands sind aber an sich keineswegs für
den Ackerbau hoffnungslos verloren; wir werden vielmehr seiner-
zeit sehn, welch reiche Früchte ein Teil sowohl von ihnen wie die
von Lavergne verächtlich behandelten 2 Mill. Hektaren (= 5 Mill.
Acres) "ziemlich schlechten Landes" bei geeigneter Behandlung zu
tragen imstande sind.
---
Das Klima Irlands wird bestimmt durch seine Lage. Der Golfstrom
und die vorherrschenden Südwestwinde führen ihm Wärme zu und be-
dingen milde Winter und frische Sommer. Im Südwesten dauert der
Sommer bis tief in den Oktober hinein, der hier nach Wakefield
(I, p. 221) vorzugsweise als Monat des Seebades gilt. Frost ist
selten und von kurzer
#475# Die Geschichte Irlands
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Dauer, Schnee bleibt in der Ebene fast nie liegen. An den nach
Südwesten offenen, nach Norden geschützten Buchten von Kerry und
Cork herrscht den ganzen Winter durch Frühlingswetter; dort und
an manchen andern Stellen gedeiht die Myrte im Freien (Wakefield
führt ein Beispiel an, wo sie auf einem Landsitz zu Bäumen von 16
Fuß Höhe heranwuchs und zu Stallbesen verwandt wurde, I, p.55),
und Lorbeer, Arbutus und andre immergrüne Pflanzen wachsen zu ho-
hen Bäumen empor. Noch zu Wakefields Zeiten ließen im Süden die
Bauern ihre Kartoffeln den ganzen Winter durch im Freien, ohne
daß sie ihnen seit 1740 je verfroren wären. Dagegen erleidet Ir-
land auch den ersten heftigen Niederschlag der schweren atlanti-
schen Regenwolken. Die durchschnittliche Regenmenge von Irland
beträgt mindestens 35 Zoll, bedeutend mehr als der Durchschnitt
von England, doch sicher weniger als der Durchschnitt von Lan-
cashire und Cheshire und kaum mehr als der von ganz Westengland.
Trotzdem ist das Klima Irlands entschieden angenehmer als das
englische. Der bleierne Himmel, der in England so oft tagelang
ununterbrochen forttröpfelt, wird dort meist ersetzt durch einen
kontinentalen Aprilhimmel; die frischen Seewinde treiben die Wol-
ken rasch und unerwartet herbei, aber auch ebenso rasch wieder
vorüber, wenn sie nicht sofort in scharfen Schauern herabkommen.
Und selbst tagelanger Regen, wie er im Spätherbst vorkommt, hat
nicht den chronischen Anstrich wie in England. Das Wetter, wie
die Bewohner, hat einen akuteren Charakter, es bewegt sich in
schärferen, unvermittelteren Gegensätzen; der Himmel ist wie ein
irisches Frauengesicht, Regen und Sonnenschein folgen sich auch
da plötzlich und unerwartet, aber für die graue englische Lang-
weile ist kein Platz.
Den ältesten Bericht über das irische Klima gibt uns der Römer
Pomponius Mela ("De situ orbis") im ersten Jahrhundert unsrer
Zeitrechnung wie folgt:
"Jenseits Britanniens liegt Juverna, ihm an Ausdehnung beinahe
gleich, aber sonst ihm ähnlich; von länglicher Gestalt, von einem
dem Reifen der Saaten ungünstigen Himmel; dafür aber strotzt es
von üppigem und süßem Gras, so daß ein gar kleiner Teil des Tages
genügt, damit das Vieh sich sättige, und wenn man es nicht von
der Weide fortnimmt, so birst es vom übermäßigen Fressen."
"Coeli ad maturanda semina iniqui, verum adeo luxuriosa herbis
non laetis modo sed etiam dulcibus!" In modernes Englisch über-
setzt, finden wir diese Stelle unter ändern bei Herrn Goldwin
Smith, Professor der Geschichte weiland in Oxford und jetzt in
Cornell University, Amerika. Er erzählt uns, es sei schwer, in
einem großen Teil von Irland eine Weizenernte einzuheimsen, und
fährt fort:
#476# Friedrich Engels
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"Irlands natürlicher Weg zu kommerzieller Prosperität scheint der
zu sein, mit den Produkten seiner Weiden, mit Vieh, Butter usw.,
die Bevölkerung Englands zu versorgen." *)
Von Mela bis auf Goldwin Smith und bis heute, wie oft ist die Be-
hauptung wiederholt worden - seit 1846 [358] namentlich von dem
lärmenden Chor der irischen Grundbesitzer -, daß Irland durch
sein Klima verurteilt sei, nicht Irländer mit Brot, sondern Eng-
länder mit Fleisch und Butter zu versorgen, und daß deshalb die
Bestimmung des irischen Volks sei, über den Ozean gebracht zu
werden, damit Raum werde in Irland für Kühe und Schafe!
Man sieht, die Feststellung des Tatbestands über das irische
Klima ist die Lösung einer politischen Tagesfrage. Und zwar geht
uns hier das Klima nur insofern an, als es für den Ackerbau von
Bedeutung ist. Die Beobachtungen regenmessender Naturforscher
sind bei dem jetzigen lückenhaften Stand der Beobachtungen für
unsern Zweck nur von sekundärem Wert; es kommt nicht sowohl dar-
auf an, wieviel Regen fällt, sondern weit mehr, wie und wann er
fällt. Die Urteile der Agronomen fallen hier vor allem ins Ge-
wicht.
Arthur Young hält Irland für entschieden feuchter als England;
daher komme die erstaunliche Neigung des Bodens, Gras zu produ-
zieren. Er spricht von Fällen, wo Rüben- und Stoppelland, unge-
pflügt gelassen, den nächsten Sommer eine reichliche Heuernte
gab, Dinge, wovon in England kein Beispiel vorkommt. Er erwähnt
ferner, daß der irische Weizen viel leichter ist als der trockne-
rer Länder; die Felder sind voll Gras und Unkraut selbst unter
der besten Kultur, und die Ernten sind so naß und so mühsam ein-
zubringen, daß der Ertrag sehr darunter leidet (Young, "Tour",
II, p. 100).
Gleichzeitig aber macht er darauf aufmerksam, daß der Boden in
Irland dieser Feuchtigkeit des Klimas entgegenwirkt. Der Boden
ist überall steinig und läßt daher Wasser leichter durch.
"Zäher, steiniger, fester Lehm (loam), schwer zu bearbeiten, ist
in Irland nicht ungewöhnlich, aber er ist ganz verschieden vom
englischen Klei (clay). Wenn so viel Regen fiele auf den Klei
Englands (eine Bodenart, die in Irland selten und nie ohne viel
Steine vorkommt) wie auf die Felsen der Schwesterinsel, so könn-
ten diese Striche
---
*) Goldwin Smith, "Irish History and Irish Character", Oxford and
London 1861. - Man weiß nicht, was man an dieser, die englische
Politik gegenüber Irland unter der Maske der "Objektivität"
rechtfertigenden Schrift mehr bewundern soll, die Unwissenheit
des Professors der Geschichte oder die Heuchelei des liberalen
Bourgeois. Wir treffen beide noch wieder.
#477# Die Geschichte Irlands
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nicht bebaut werden. Hier aber sind die Felsen mit Grün beklei-
det, und wo sie aus Kalk bestehen, tragen sie auf einer nur dün-
nen Schicht Humus den weichsten und schönsten Rasen der Welt."
(II, 2. Abt., p. 3, 4.)
Der Kalkfels ist bekanntlich überall voller Risse und Spalten,
die das überflüssige Wasser rasch durchlassen.
Wakefield widmet dem Klima ein sehr ausführliches Kapitel, worin
er alle früheren Beobachtungen bis auf seine Zeit herab zusammen-
stellt. Dr. Boate ("Natural History of Ireland", 1645) beschreibt
die Winter als mild, 3-4 Fröste jährlich, die selten mehr als 2-3
Tage anhalten, der Liffey bei Dublin friere in 10-12 Jahren kaum
einmal zu. Der März sei meist trocken und schön, darauf aber
falle viel Regen; selten gäbe es im Sommer 2-3 ganz trockne Tage
hintereinander; im Spätherbst sei es dann wieder schön. Sehr
trockne Sommer seien selten, die Teurung werde nie durch Dürre,
sondern meist durch Nässe veranlaßt. In der Ebene gäbe es wenig
Schnee, so daß das Vieh das ganze Jahr im Freien bleibe. Doch zu-
weilen komme auch ein Schneejahr vor wie 1635, wo dann die Leute
Mühe hätten, ihr Vieh unterzubringen. (Wakef., I, p. 216 ff.)
Im Anfange des vorigen Jahrhunderts machte Dr. Rutty ("Natural
History of the County of Dublin") genaue meteorologische Beobach-
tungen, die sich über die fünfzig Jahre von 1716 bis 1765 er-
strecken. Während dieser ganzen Zeit verhielten sich die Süd- und
Westwinde zu den Nord- und Ostwinden wie 73:37, (10 878 S und W
gegen 6329 N und O). Herrschende Winde waren West und Südwest,
nach ihnen kam Nordwest und Südost, am seltensten Nordost und
Ost. Im Sommer, Herbst und Winter herrschen West und Südwest vor;
Ost ist am häufigsten im Frühjahr und Sommer, wo er doppelt sooft
vorkommt wie im Herbst und Winter; Nordost kommt meist im Früh-
jahr vor, ebenfalls doppelt so häufig wie im Herbst und Winter.
Infolgedessen sei die Temperatur gleichmäßiger, [seien] die Win-
ter milder, die Sommer kühler als in London, dagegen die Luft
feuchter. Selbst im Sommer saugen Salz, Zucker, Mehl usw. Feuch-
tigkeit aus der Luft ein, und das Korn müsse in Backöfen getrock-
net werden, was in einigen Teilen von England nicht vorkomme.
(Wakef., I, p. 172-81.)
Rutty konnte damals das irische Klima nur mit dem von London ver-
gleichen, das, wie in ganz Ostengland, allerdings trockener ist.
Hätte ihm aber Material über West- und besonders Nordwestengland
zur Verfügung gestanden, so würde er gefunden haben, daß seine
Beschreibung des irischen Klimas, die Verteilung der Winde über
das Jahr, die nassen Sommer, in denen Zucker, Salz pp. in unge-
heizten Räumen zerfallen, ganz auf diesen Landstrich paßt, nur
daß dieser im Winter kälter ist.
#478# Friedrich Engels
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Über den meteorologischen Charakter der Jahreszeiten hat Rutty
ebenfalls Listen geführt. In den erwähnten 50 Jahren gab es 16
kalte, späte oder zu trockne Frühjahre; etwas mehr als in London.
Ferner 22 heiße und trockne, 24 nasse, 4 veränderliche Sommer;
etwas feuchter als in London, wo die Zahl der trocknen oder der
nassen Sommer gleichkommt; ferner 16 schöne, 12 nasse, 22 verän-
derliche Herbste, wieder etwas feuchter und veränderlicher als in
London; und 13 frostige, 14 nasse und 23 milde Winter, was bedeu-
tend feuchter und milder ist als in London.
Nach den Regenmessungen im botanischen Garten in Dublin während
der zehn Jahre 1802-1811 kam in dieser Zeit auf jeden Monat fol-
gende Gesamtregenmenge in Zöllen: Dezember 27,31; Juli 24,15; No-
vember 23,49; August 22,47; September 22,27; Januar 21,67; Ok-
tober 20,12; Mai 19,50; März 14,69; April 13,54; Februar 12,32;
Juni 12,07; Durchschnitt per Jahr 23,36. (Wakf,, I, p. 191,)
Diese zehn Jahre sind ausnahmsweise trocken; Kane ("Ind. Res.",
p. 73) gibt den Durchschnitt von 6 Jahren in Dublin auf 30,87
Zoll und Symons ("English Rain Fall") den von 1860-1862 auf 29,79
Zoll an. Wie wenig aber bei den rasch vorübergehenden, bloß loka-
len Regenschauern Irlands dergleichen Messungen bedeuten, wenn
sie sich nicht über eine lange Reihe von Jahren erstrecken und an
sehr vielen Stationen vorgenommen werden, beweist u.a. die Tatsa-
che, daß von drei Stationen in Dublin selbst die eine 24,63, die
andre 28,04, die dritte 30,18 Zoll als Regenmenge für 1862 er-
hielt. Die Durchschnittsregenmenge von 12 Stationen in allen Tei-
len Irlands (von 25,45 auf 51,44 Zoll variierend) betrug nach Sy-
mons in den Jahren 1860-1862 nicht ganz 39 Zoll.
Dr. Patterson sagt in seinem Buch über das Klima Irlands:
"Die Häufigkeit unsrer Regenschauer, nicht aber die Regenmenge
selbst hat die beliebte Vorstellung von der Nässe unsres Klimas
erzeugt ... Zuweilen wird im Frühjahr die Aussaat etwas durch
nasses Wetter verzögert, aber unsre Frühjahre sind so oft kalt
und spät, daß frühe Aussaat hierzulande nicht immer rätlich ist.
Wenn im Sommer und Herbst häufige Schauer unsre Heu- und Kornern-
ten riskant machen, so würden Wachsamkeit und Fleiß in solchen
Notfällen ebenso erfolgreich sein, wie sie es in England bei den
dortigen 'schleunigen' Ernten (catching harvests) sind, und ver-
besserte Kultur würde dafür sorgen, daß die Aussaat die Bemühun-
gen des Landmanns unterstützte." *)
In Londonderry wechselte die Zahl der regenfreien Tage in den 10
Jahren 1791-1802 von 113 auf 148 im Jahr; Durchschnitt über 126.
In Belfast stellte sich derselbe Durchschnitt heraus. In Dublin
variierte die Zahl von 168 auf 205, Durchschnitt 179. (Patterson,
ibid.)
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*) Dr. W. Patterson, "An Essay on the Climate of Ireland", Dublin
1804, p. 164.
#479# Die Geschichte Irlands
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Nach Wakefields Angabe fallen die Ernten in Irland wie folgt:
Weizen meist im September, seltener im August, selten im Oktober;
Gerste meist etwas später als Weizen und Hafer ungefähr eine Wo-
che später als Gerste, also schon öfter im Oktober. Wakefield,
der nach langen Untersuchungen zu dem Resultat kommt, daß das Ma-
terial für eine wissenschaftliche Schilderung des irischen Klimas
noch lange nicht genüge, äußert sich nirgends dahin, daß es dem
Kornbau ernstliche Schwierigkeiten in den Weg lege. Er findet
vielmehr, wie sich zeigen wird, daß die Verluste bei nassen Ern-
tezeiten durch ganz andere Ursachen bedingt werden, und sagt aus-
drücklich:
"Der Boden Irlands ist so fruchtbar, das Klima so günstig, daß
unter einem geeigneten Ackerbausystem die Insel nicht nur hinrei-
chend Korn zu ihrem eignen Gebrauch hervorbringen wird, sondern
auch noch einen reichlichen Überschuß, der zu allen Zeiten, wo es
not tut, für die Bedürfnisse Englands dienen könnte." (II, p.
61.)
Damals freilich - 1812 - lag England im Krieg mit aller Welt in
Europa und Amerika [359], und die Korneinfuhr war sehr erschwert;
Korn war erstes Bedürfnis. Jetzt liefern Amerika, Rumänien, Ruß-
land und Deutschland Korn genug, und es handelt sich vielmehr um
wohlfeiles Fleisch. Und daher taugt jetzt das Klima in Irland
nicht mehr zum Ackerbau.
Der Anbau von Korn ist in Irland uralt. In den ältesten irischen
Gesetzen, die lange vor Ankunft der Engländer niedergeschrieben
wurden, ist der "Sack Weizen" bereits ein bestimmtes Wertmaß; in
den Leistungen der Untergebnen an die Stammhäupter und sonstigen
Häuptlinge kommt Weizen, Gerstenmalz und Hafermehl fast regelmä-
ßig in bestimmt vorgeschriebnen Quantitäten vor. *) Nach der eng-
lischen Invasion verminderte sich unter den fortwährenden Kämpfen
der Kornbau, ohne doch je ganz aufzuhören; von 1660 an bis 1725
nahm er wieder zu, von da bis gegen 1780 wieder ab; von 1780-1846
wurde neben vorwiegendem Kartoffelbau wieder mehr Korn gesät, und
seit 1846 sind Korn und Kartoffeln stetig dem Vordringen der
Viehweide gewichen. Wenn das Klima nicht für den Kornbau geeignet
ist, würde er über tausend Jahre sich gehalten haben?
Allerdings gibt es Striche in Irland, die wegen des in der Nähe
der Berge stets häufiger fallenden Regens zum Weizenbau sich we-
niger eignen -
---
*) "Ancient Laws and Institutes of Ireland - Senchus Mor", 2
vols., Dublin, printed for Her Majesty's Stationery Office, and
published by Alexander Thom (London, Longmans) 1865 und 1869.
[360] Siehe Band II, p. 239-251. Der Wert eines Sacks Weizen war
1 screpall (denarius) von 20-24 Gran Silber, der Wert des scre-
palls ist von Dr. Petrie, "Ecclesiastical Architecture of Ire-
land, anterior to the Anglo-Norman invasion", Dublin 1845, 4°,
pag. 212-219, festgestellt.
#480# Friedrich Engels
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besonders im Süden und Westen. Neben guten Jahren kommen dort oft
Reihen nasser Sommer vor, wie 1860-1862, die dem Weizen viel
Schaden tun. Aber Weizen ist nicht das Hauptkorn Irlands, und Wa-
kefield beklagt sich sogar darüber, daß aus Mangel an Absatzmärk-
ten viel zu wenig davon gebaut werde; einen ändern Markt dafür
als die nächste Mühle gab es nicht; Gerste wurde ebenfalls fast
nur für die heimlichen Branntweinbrennereien (die sich der Ver-
steuerung entzogen) gebaut. Das Hauptkorn in Irland war und ist
Hafer, von dem 1810 mindestens zehnmal soviel gebaut wurde wie
von allen ändern Kornarten zusammen; und da die Haferernte später
ist als die von Weizen und Gerste, fällt sie häufiger in das, be-
sonders im Süden, meist schöne Wetter von Ende September und Ok-
tober. Und Hafer kann zudem schon tüchtig Regen vertragen.
Wir haben schon oben gesehn, daß das Klima Irlands, was Regen-
menge und Verteilung des Regenfalls auf die Jahreszeiten angeht,
mit dem des nordwestlichen Englands fast ganz stimmt. Der Regen-
fall in den Bergen von Cumberland und Westmoreland und Nord-Lan-
cashire ist weit höher als in irgendeiner mir bekannten Station
Irlands (in Coniston 96,03, in Windermere 75,02 Zoll,
Durchschnitt von 1860-1862), und doch wird dort Heu gemacht und
Hafer gebaut. In denselben Jahren variierte die Regenmenge im
südlichen Lancashire von 25,11 in Liverpool auf 59,13 in Bolton,
Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 40 Zoll; in Cheshire von
33,02 auf 43,40, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 37 Zoll.
In Irland war sie in denselben Jahren, wie wir sahen, nicht ganz
39 Zoll. (Alle Zahlen aus Symons.) In beiden Grafschaften wird
Korn aller Art, namentlich Weizen, gebaut; Cheshire trieb bis zur
letzten Rinderpest-Epidemie allerdings vorwiegend Viehzucht und
Milchwirtschaft, aber seitdem das Vieh großenteils weggestorben,
paßt das Klima auf einmal ganz vortrefflich für Weizen. Wäre die
Rinderpest nach Irland gekommen und hätte dort ebenso arge Verwü-
stungen angerichtet wie in Cheshire, so würde man uns jetzt statt
des natürlichen Berufs Irlands zur Viehweide die Stelle aus Wake-
field vorpredigen, wonach Irland zur Kornkammer Englands bestimmt
ist.
Sieht man sich die Sache unbefangen an, unbeirrt von dem interes-
sierten Geschrei irischer Grundbesitzer und englischer Bourgeois,
so wird man finden, daß Irland Striche hat, die nach Boden und
Klima mehr zu Viehzucht, andere, die mehr zum Ackerbau, und noch
andere - die große Mehrzahl -, die zu beidem gleich geeignet
sind, wie das eben allerorts stattfindet. Verglichen mit England
ist Irland der Viehzucht im ganzen günstiger; aber verglichen mit
Frankreich ist England ebenfalls der Viehzucht günstiger. Geht
daraus hervor, daß ganz England in Viehweide verwandelt, daß die
#481# Die Geschichte Irlands
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ganze ackerbauende Bevölkerung in die Fabrikstädte oder nach Ame-
rika gesandt werden muß - einige wenige Hirten ausgenommen -, um
Platz zu machen für Vieh, das als Zahlung für Seidenstoffe und
Weine nach Frankreich zu wandern hat? Aber das ist ganz dasselbe,
was irische Grundeigentümer, die ihre Grundrente steigern, und
englische Bourgeois, die ihre Arbeitslöhne herabdrücken wollen,
für Irland verlangen: Goldwin Smith hat es deutlich genug gesagt.
Und dabei würde die soziale Revolution, die in einer solchen Ver-
wandlung von Ackerland in Viehweide einbegriffen ist, in Irland
weit gewaltiger sein als in England. In England, wo große Kultur
vorherrscht und die Ackerknechte schon großenteils durch Maschi-
nen ersetzt sind, würde sie bedeuten die Verpflanzung von
höchstens einer Million, in Irland, wo die kleine und selbst die
Spatenkultur vorherrscht, würde sie bedeuten die Verpflanzung von
vier Millionen, die Ausrottung des irischen Volks.
Man sieht, selbst Naturtatsachen werden zwischen England und Ir-
land zu nationalen Streitpunkten. Man sieht aber auch, wie die
öffentliche Meinung der in England herrschenden Klasse - und
diese allein macht sich auf dem Kontinent hörbar - mit der Mode
und dem Interesse wechselt. Heute braucht England rasch und si-
cher Korn - und Irland ist zum Weizenbau wie geschaffen; morgen
braucht England Fleisch - Irland taugt nur zur Viehweide; die
fünf Millionen Irländer schlagen durch ihre bloße Existenz allen
Gesetzen der politischen Ökonomie ins Gesicht, sie müssen fort,
sie mögen sehn, wo sie bleiben!
#482#
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Altirland
Die Schriftsteller des griechischen und römischen Altertums sowie
die Kirchenväter geben nur sehr wenig Aufschluß über Irland.
Dafür existiert eine noch immer ziemlich reichhaltige einheimi-
sche Literatur, trotz der vielen, in den Kriegen des 16. und 17.
Jahrhunderts verlorengegangenen irischen Schriften. Sie enthält
Gedichte, Grammatiken, Glossarien, Annalen und andre historische
Schriften und Rechtsbücher. Mit sehr wenig Ausnahmen jedoch exi-
stiert diese ganze Literatur, die die Periode mindestens vom 8.
bis zum 17. Jahrhundert umfaßt, nur im Manuskript. Für die iri-
sche Sprache hat der Buchdruck erst seit wenig Jahren existiert,
erst seit der Zeit, wo sie auszusterben begann. Das reiche Mate-
rial ist also nur zum allergeringsten Teil zugänglich.
Unter den Annalen sind die wichtigsten die des Abts Tigernach
(gestorben 1088), die von Ulster und vor allem die der vier Magi-
ster. Diese letzteren wurden 1632-1636 unter Leitung von Michael
O'Clery, einem Franziskanermönch, mit Hilfe von drei ändern Sean-
chaidhes (Altertumsforschern) im Kloster Donegal nach Materialien
zusammengestellt, die jetzt fast alle verloren sind. Sie sind
nach der noch existierenden Originalhandschrift aus Donegal in
kritischer Ausgabe mit englischer Übersetzung herausgegeben von
O'Donovan 1856. *) Die früheren Ausgaben von Dr. Charles O'Conor
(der erste Teil der "IV Mag.", die "Annalen von Ulster" pp.) sind
im Texte und Übersetzung unzuverlässig. [361]
Den Anfang der meisten dieser Annalen macht die mythische Vorge-
schichte Irlands; die Grundlage bilden alte Volkssagen, die von
Dichtern des 9. und 10. Jahrhunderts ins unendliche ausgesponnen
und von Mönchschronisten
---
*) "Annala Rioghachta Eireann. Annals of the Kingdom of Ireland
by the Four Masters." Edited, with an English Translation, by Dr.
John O'Donovan. 2nd edit., Dublin 1856, 7 vols in 4°.
#483# Die Geschichte Irlands
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dann in gehörige chronologische Ordnung gebracht wurden. So fan-
gen die "Annalen der IV Mag." an mit dem Jahre der Welt 2242, wo
Ceasair, eine Enkelin Noahs, 40 Tage vor der Sündflut in Irland
gelandet sei; so werden von ändern die Vorfahren der Skoten, der
letzten Einwanderer nach Irland, in direkter Genealogie von Ja-
phet abgeleitet und mit Moses, mit den Ägyptern und Phöniziern in
Verbindung gebracht, wie auch von unsern mittelalterlichen Chro-
nisten die Vorfahren deutscher Stämme mit Troja, Aneas oder Ale-
xander dem Großen. Die "IV Mag." widmen diesem Gefabel (in dem
das einzig wertvolle Element, die wirkliche alte Volkssage, bis
jetzt nicht zu unterscheiden ist) nur ein paar Seiten; die
"Annalen von Ulster" lassen es ganz aus; schon Tigernach erklärt
mit einer für seine Zeit wunderbaren kritischen Kühnheit, daß
alle Denkmäler der Skoten vor König Cimbaoth (angeblich 300 Jahre
vor Chr.) unsicher seien. Aber als Ende des vorigen Jahrhunderts
neues nationales Leben in Irland erwachte und damit neues Inter-
esse an der irischen Literatur und Geschichte, galten grade diese
Mönchsfabeln für deren wertvollsten Bestandteil. Mit echt kelti-
schem Enthusiasmus und mit spezifisch irischer Naivetät wurde der
Glaube an diese Histörchen zu einem wesentlichen Bestandteil des
nationalen Patriotismus erklärt; was der superklugen englischen
Gelehrten weit - deren eigne Leistungen in der philologischen und
historischen Kritik der übrigen Welt ja rühmlich genug bekannt
sind - natürlich den erwünschten Vorwand bot, alles Irische als
baren Unsinn beiseite zu werfen. *)
Seit den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts ist indes ein bei
weitem kritischerer Geist über Irland gekommen, namentlich durch
Petrie und O'Donovan. Petries bereits angeführte Untersuchungen
beweisen die vollständigste
---
*) Eins der naivsten Produkte jener Zeit sind: "The Chronicles of
Eri, being the History of the Gaal Sciot Iber, or the Irish Peo-
ple, translated from the original manuscripts in the Phoenician
dialect of the Scythian Language by O'Connor", London 1822, 2
vols. Der phönizische Dialekt der skythischen Sprache ist natür-
lich das keltische Irisch und das Originalmanuskript eine belie-
bige Vers-Chronik. Der Herausgeber ist Arthur O'Connor, Exilier-
ter von 1798, Onkel des späteren Führers der englischen Charti-
sten, Feargus O'Connor, angeblicher Nachkomme der alten
O'Connors, Könige von Connaught, und gewissermaßen irischer Kron-
prätendent. Vor dem Titel steht sein Porträt, ein hübsches, jo-
viales, irisches Gesicht, seinem Neffen Feargus frappant ähnlich,
mit der rechten Hand eine Krone fassend. Darunter: "O'Connor -
cear-rige, head of his race, and O'Connor, chief of the prostrate
people of his nation: 'Soumis, pas vaincus.'" 1*)
-----
1*) "O'Connor - Haupt seines Stammes, und O'Connor, Führer des
unterdrückten Volkes seines Landes: 'Unterworfen, doch nicht be-
siegt.'"
#484# Friedrich Engels
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Einstimmung der erhaltenen ältesten Inschriften seit dem 6. und
7. Jahrhundert mit den Annalen, und O'Donovan ist der Ansicht,
daß diese schon vom 2. und 3. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung an-
fangen, historische Tatsachen zu berichten. Für uns kann es ziem-
lich gleichgültig sein, ob die Glaubwürdigkeit der Annalen einige
hundert Jahre früher oder später beginnt, denn leider sind sie
für unsern Zweck in jener Zeit fast ganz unfruchtbar. Sie enthal-
ten kurze, trockne Notizen von Todesfällen, Thronbesteigungen,
Kriegen, Schlachten, Erdbeben, Seuchen, skandinavischen Raubzü-
gen, aber wenig, was auf das soziale Leben des Volks Bezug hat.
Wäre die gesamte juristische Literatur Irlands herausgegeben, so
würden sie ganz andre Bedeutung bekommen; manche trockne Notiz
würde durch erklärende Stellen der Rechtsbücher neues Leben er-
halten.
Diese Rechtsbücher, die sehr zahlreich sind, erwarten aber eben-
falls fast alle noch die Zeit, wo sie das Licht der Welt erblic-
ken sollen. Auf Andringen mehrerer irischer Altertumsforscher
willigte die englische Regierung 1852 ein, eine Kommission zur
Herausgabe der alten Gesetze und Institutionen Irlands zu ernen-
nen. Aber wie? Die Kommission bestand aus drei Lords (die nie
fehlen dürfen, wo es Staatsgelder zu verzehren gibt), drei Juri-
sten höchsten Rangs, drei protestantischen Geistlichen, ferner
dem Dr. Petrie und einem Offizier, Chef der Vermessung Irlands.
Von allen diesen Herren konnten nur Dr. Petrie und zwei Geistli-
che, Dr. Graves (jetzt protestantischer Bischof von Limerick) und
Dr. Todd, den Anspruch erheben, von der Aufgabe der Kommission
irgend etwas zu verstehn, und von diesen sind Petrie und Todd
seitdem verstorben. Die Kommission erhielt den Auftrag, die Ab-
schrift, Übersetzung und Herausgabe der alten irischen Hand-
schriften juristischen Inhalts besorgen zu lassen und dafür die
nötigen Leute anzustellen. Sie stellte dafür die beiden besten
Leute an, die zu haben waren: Dr. O'Donovan und Professor
O'Curry, die eine Menge Manuskripte kopierten und im ersten Ent-
wurf übersetzten; ehe indes etwas zur Herausgabe fertig war,
starben beide. Ihre Nachfolger Dr. Hancock und Prof. O'Mahony ha-
ben dann die Arbeit so weit fortgeführt, daß bis jetzt die be-
reits angeführten zwei Bände erschienen sind, enthaltend den
"Senchus Mor". Von den Mitgliedern der Kommission haben nach dem
Eingeständnis der Herausgeber nur zwei, Graves und Todd, durch
irgendwelche Annotationen zu den Korrekturbogen sich an der Ar-
beit beteiligt. Der Offizier, Sir Th. Larcom, stellte den Heraus-
gebern behufs der Verifikation von Ortsnamen die Origmalkarten
der Aufnahme von Irland zur Verfügung; Dr. Petrie starb bald, die
übrigen Herren beschränkten ihre Tätigkeit darauf, ihr Gehalt
während 18 Jahren gewissenhaft einzuziehen.
#485# Die Geschichte Irlands
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Dies ist die Art, in der in England, und mehr noch in dem von
England beherrschten Irland, öffentliche Arbeiten ausgeführt wer-
den. Ohne Jobberei *) geht es nicht ab. Keinem öffentlichen In-
teresse darf genügt werden, ohne daß dabei eine hübsche Summe
oder einige fette Sinekuren für Lords und Regierungsprotegés ab-
fallen. Mit dem Geld, das die ganz überflüssige Kommission ver-
zehrt hat, hätte man in Deutschland die sämtliche ungedruckte hi-
storische Literatur gedruckt - und besser.
Der "Senchus Mor" ist bis jetzt unsere Hauptquelle für die alti-
rischen Zustände. Er ist eine Sammlung alter Rechtsbestimmungen,
die nach der - später verfaßten - Einleitung auf Veranlassung St.
Patricks zusammengestellt und durch seinen Beirat mit dem sich in
Irland rasch ausbreitenden Christentum in Einklang gebracht
wurde. Der Oberkönig von Irland, Laeghaire (428-458 nach den
"Annalen [der] IV Mag."), die Unterkönige Corc von Munster und
Daire, wahrscheinlich ein Fürst in Ulster, ferner drei Bischöfe:
St. Patrick, St. Benignus und St. Cairnech, endlich drei Rechts-
gelehrte, Dubthach, Fergus und Rossa, sollen die "Kommission"
gebildet haben, die das Buch zusammenstellte und die ihre Arbeit
sicher wohlfeiler tat als die jetzige, die es bloß herauszugeben
hat. Die "IV Mag." geben das Jahr 438 als das der Abfassung an.
Der Text selbst beruht offenbar auf uralten heidnischen Materia-
lien. Die ältesten Rechtsformeln darin sind alle in Versen abge-
faßt, mit bestimmtem Metrum und dem sogenannten Einklang, einer
Art Alliteration oder vielmehr Konsonanten-Assonanz, die der iri-
schen Dichtkunst eigentümlich ist und häufig in vollen Reim über-
geht. Da es feststeht, daß alte irische Rechtsbücher aus dem so-
genannten fenischen Dialekt (Berla Feini), der Sprache des
5.Jahrhunderts, im 14. Jahrhundert in das damals geläufige Irisch
übertragen wurden (Vorrede, [T. I,] p. XXXVI und passim), so er-
klärt es sich, daß auch im "Senchus Mor" an manchen Stellen das
Metrum mehr oder weniger verwischt ist; es tritt aber nebst gele-
gentlichen Reimen und stark einklingenden Stellen noch oft genug
hervor, um dem Text einen gewissen rhythmischen Fall zu geben.
Schon das Lesen der Übersetzung genügt meist, um die Versformeln
aufzufinden. Dazwischen aber sind dann auch, namentlich in der
letzten Hälfte, eine Menge Stellen
---
*) Jobberei, jobbery, nennt man in England die Benutzung von
Staatsämtern zum eignen Privatvorteil oder zu dem von Verwandten
und Freunden, desgleichen Verwendung von Staatsgeldern zu indi-
rekter Bestechung in Parteizwecken. Die einzelne Handlung heißt
Job. Die englische Kolonie in Irland ist das Haupttreibhaus aller
Jobberei.
#486# Friedrich Engels
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unzweifelhafter Prosa; während die Versformeln sicher uralt und
traditionell überliefert sind, scheinen diese prosaischen Ein-
schiebsel von den Kompilatoren des Buchs herzurühren. Der
"Senchus Mor" wird übrigens in dem dem König und Bischof von Cas-
hel, Cormac, zugeschriebnen, im 9. oder 10. Jahrhundert verfaßten
Glossar mehrmals zitiert, und er ist unzweifelhaft lange vor der
englischen Invasion niedergeschrieben.
Zu diesem Text nun enthalten sämtliche Handschriften (die älteste
scheint aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts oder älter zu sein)
eine Reihe von meist übereinstimmenden Glossen und längeren kom-
mentierenden Noten. Die Glossen sind ganz im Geist der alten
Glossare, Wortspiele vertreten die Stelle der Etymologie und Wor-
terklärung; die Anmerkungen sind von sehr verschiednem Wert, oft
arg entstellt und vielfach wenigstens ohne Kenntnis der übrigen
Rechtsbücher unverständlich. Das Alter beider ist ungewiß; der
größte Teil ist aber wahrscheinlich jünger als die englische In-
vasion. Da sie indes nur sehr wenig Spuren einer über den Text
hinausgehenden Rechtsentwicklung aufzeigen und auch diese nur in
genauerer Feststellung des Details, so ist der größere, rein er-
klärende Teil mit einiger Diskretion unbedingt als Quelle auch
für die ältere Zeit zu benutzen.
Der "Senchus Mor" enthält: 1. das Pfändungsrecht, d.h. so ziem-
lich das ganze Rechtsverfahren; 2. das Recht der Geiseln, die bei
Streitigkeiten von Leuten verschiedner Territorien gestellt wur-
den; 3. das Recht betreffend Saerrath und Daerrath (s. unten)
[362] und 4. das Familienrecht. Wir erlangen dadurch viele
wertvolle Aufschlüsse über das gesellschaftliche Leben jener
Zeit; solange aber noch eine Menge Ausdrücke nicht erklärt und
die übrigen Manuskripte nicht veröffentlicht sind, bleibt manches
dunkel.
Außer der Literatur geben uns noch die erhaltenen Baudenkmäler,
Kirchen, Rundtürme, Befestigungen, Inschriften, Aufklärung über
den Zustand des Volks vor der Ankunft der Engländer.
Von auswärtigen Quellen haben wir nur einige Stellen über Irland
in skandinavischen Sagas und das Leben des Heiligen Malachias von
St. Bernhard zu erwähnen, welche wenig Ausbeute geben, und kommen
dann sofort zu dem ersten Engländer, der aus eigner Kenntnis über
Irland schreibt.
Sylvester Gerald Barry, genannt Giraldus Cambrensis, Archidiako-
nus von Brecknock, war ein Enkel der galanten Nesta, Tochter von
Rhys ap Tewdwr, Fürst von Südwales, der Mätresse Heinrichs I. von
England und der Stammutter fast aller normannischen Hauptleute,
die zur ersten Eroberung von Irland mitwirkten. Er ging 1185 mit
Johann (später "ohne Land") nach Irland und schrieb in den fol-
genden Jahren zuerst "Topographia
#487# Die Geschichte Irlands
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Hibernica", eine Beschreibung des Landes und der Einwohner, so-
dann "Hibernia Expugnata", die hochgefärbte Geschichte der ersten
Invasionen. Hier geht uns hauptsächlich das erstere Werk an. In
einem höchst prätentiösen Latein geschrieben, erfüllt mit dem
tollsten Wunderglauben und allen kirchlichen und nationalen Vor-
urteilen der Zeit und der Race des eitlen Verfassers, ist das
Buch dennoch als erster, einigermaßen ausführlicher Bericht eines
Ausländers von hoher Wichtigkeit. *)
Von jetzt an werden die anglo-normannischen Quellen über Irland
natürlich reichlicher; gering aber bleibt die Ausbeute für die
Kenntnis der sozialen Zustände des unabhängig gebliebenen Teils
der Insel, woraus Rückschlüsse auf den alten Zustand gemacht wer-
den könnten. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als Irland zu-
erst systematisch und vollständig unterworfen wurde, erhalten wir
ausführlichere, natürlich stark englisch gefärbte Berichte über
die wirkliche Lebenslage des irischen Volks. Wir werden später
finden, daß im Lauf der seit der ersten Invasion verflossenen 400
Jahre der Zustand des Volks sich nur wenig, und das nicht zum
Bessern, verändert hatte. Aber eben deswegen sind diese neueren
Schriften - Hanmer, Campion, Spencer, Davies, Camden, Moryson
u.a. -, die wir noch öfter werden zu Rate ziehen müssen, eine un-
srer Hauptquellen für eine fünfhundert Jahre ältere Periode und
eine unumgängliche, sehr erwünschte Ergänzung der dürftigen Ori-
ginalquellen.
Die mythische Vorgeschichte Irlands erzählt von einer Reihe Ein-
wanderungen, die nacheinander stattfanden und meist mit Unterwer-
fung der Insel unter die neuen Einwanderer endigten. Die drei
letzten sind: die der Firbolgs, die der Tuatha-de-Dananns und die
der Milesier oder Skoten, welche letztere von Spanien gekommen
sein sollen. Die landläufige irische Geschichtschreibung verwan-
delt die Firbolgs (fir = irisch fear, das lat[einische] vir, go-
tisch vair, Mann) ohne weiteres m Belgier, die Tuatha-de-Dananns
(tuatha = ir[isch] Volk, Landstrich, gotisch thiuda) je nach Be-
dürfnis in griechische Danaen oder germanische Dänen. O'Donovan
ist der Ansicht, daß wenigstens den genannten Einwanderungen et-
was Historisches zugrunde liegt. In den Annalen kommt vor beim
Jahre 10 n.Chr. ein Aufstand der Aitheach Tuatha (übersetzt irn
17. Jahrhundert von Lynch,
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*) "Giraldi Cambrerisis Opera", ed. J.S. Brewer, London, Long-
mans, 1863. - Eine (schwache) englische Übersetzung der histori-
schen Werke, worunter auch obige zwei Schriften ("The Historical
Works of G[iraldus] C[ambrensis]"), kam heraus 1863 in London bei
Bohn.
#488# Friedrich Engels
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einem guten Kenner der alten Sprache mit: plebeiorum hominum
gens), also eine Plebejer-Revolution, wobei der ganze Adel
(Saorchlann) erschlagen wurde. Dies deutet auf die Herrschaft
skotischer Eroberer über ältere Einwohner. Aus Volksmärchen über
die Tuatha-de-Dananns schließt O'Donovan, daß diese, die der spä-
tere Volksglaube in Elfen des Waldgebirgs verwandelt, noch bis
ins 2. oder 3. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung sich in einzelnen
Berggegenden erhalten haben.
Daß die Iren ein Mischvolk waren, schon ehe die Engländer sich in
Massen unter ihnen niederließen, ist unzweifelhaft. Wie noch
jetzt, war schon im 12. Jahrhundert der vorherrschende Typus
hellhaarig. Giraldus ("Top. Hib.", III, 26) sagt von zwei Frem-
den, sie hätten langes gelbes Haar gehabt wie die Iren. Trotzdem
finden sich noch jetzt, besonders im Westen, zwei gänzlich ver-
schiedene Typen schwarzhaariger Leute; der eine groß, wohlgebaut,
mit schönen Gesichtszügen und krausem Haar, Leute, von denen man
meint, man sei ihnen schon einmal in den italienischen Alpen oder
der Lombardei begegnet; dieser Typus kommt meist im Südwesten
vor. Der andre, untersetzt und kurz von Körperbau, mit grobem,
schlichtem schwarzen Haar, plattgedrücktem, fast negerhaftem Ge-
sicht, findet sich häufiger in Connaught. Huxley schreibt dies
dunkelhaarige Element in der ursprünglich hellhaarigen keltischen
Bevölkerung iberischer (d.h. baskischer) Beimischung zu [363],
was wenigstens teilweise richtig sein wird. Zur Zeit indes, wo
die Iren in der Geschichte mit Bestimmtheit auftauchen, sind sie
ein homogenes Volk mit keltischer Sprache geworden, und wir fin-
den nirgends mehr fremde Elemente, ausgenommen die erkämpften und
erhandelten Sklaven, großenteils Angelsachsen.
Die Mitteilungen der alten Klassiker über dies Volk lauten nicht
sehr erbaulich. Diodor erzählt, daß diejenigen Briten, welche die
Iris (oder Irin? es steht der Akkusativ V(w) genannte Insel be-
wohnen, Menschen essen. Ausführlicher ist Strabo:
"Über welches Land (Jerne) wir nichts Gewisses zu sagen haben,
außer daß die Bewohner wilder sind als die Briten, da sie Men-
schenfresser und Vielfresser (?????????, nach anderer Lesart
????????, Krautesser) sind und es für ehrbar halten, ihre ver-
storbenen Eltern zu essen und öffentlich mit den Frauen anderer,
mit ihren Müttern und Schwestern fleischlichen Umgang zu haben."
Die patriotische irische Geschichtschreibung hat sich nicht wenig
über diese angeblichen Verleumdungen entrüstet. Neuerer. For-
schung blieb es vorbehalten, die Menschenfresserei und namentlich
das Verzehren der Eltern als eine Durchgangsstufe wahrscheinlich
aller Völker nachzuweisen. Vielleicht gereicht es den Iren zum
Trost, zu erfahren, daß die Vorfahren
#489# Die Geschichte Irlands
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der jetzigen Berliner noch volle tausend Jahre später derselben
praktischen Anschauung huldigten:
"Aber Weletabi, die in Germania sizzent, tie wir WJIze heizên,
die ne scament" (schämen) "sih nieht ze chedenne" (zu gestehen)
"daz sie iro parentes mit mêren rehte ezen sulîn, danne die
wurme." (Notker, zitiert in Jacob Grimms "Rechtsaltertümer", p.
488.)
Und unter der englischen Herrschaft werden wir das Verzehren von
Menschenfleisch in Irland noch mehr als einmal wiederkehren se-
hen. Was die den Iren vorgeworfne Phanerogamie, um mich eines
Ausdrucks Fouriers [364] zu bedienen, betrifft, so kamen solche
Dinge bei allen wilden Völkern vor, wieviel mehr bei den ganz be-
sonders galanten Kelten. Interessant ist zu sehn, daß die Insel
schon damals den heutigen einheimischen Namen trug: Iris, Irin
und Jerne sind identisch mit Eire, Erinn, wie denn auch schon
Ptolemäus den heutigen Namen der Hauptstadt Dublin, Eblana (mit
richtigem Akzent ??????) kannte. Es ist dies um so merkwürdiger,
als die irischen Kelten diese Stadt von jeher mit einem ändern
Namen, Athcliath, belegt haben und Duibhlinn - der schwarze Pfuhl
- bei ihnen Name einer Stelle des Flusses Liffey ist.
Außerdem finden wir noch in Plinius' "Naturgeschichte", IV, 16,
folgende Stelle:
"Dorthin" (nach Hibernia) "fahren die Briten in Booten aus Wei-
denzweigen, über welche Tierfelle zusammengenäht sind."
Und später sagt Solinus von den Iren selbst:
"Sie befahren die See zwischen Hibernia und Britannia in Booten
aus Weidenzweigen, welche sie mit einem Überzug von Rinderhäuten
bedecken." (C. Jul. Solini "Cosmogr[aphia]", c. 25.)
Im Jahr 1810 fand Wakefield, daß an der ganzen Westküste von Ir-
land "keine ändern Boote vorkamen als solche, die aus einem höl-
zernen Rahmen bestanden, der mit einer Pferde- oder Ochsenhaut
überzogen war". Diese Boote seien von verschiedner Form, je nach
der Gegend, aber alle zeichnen sich durch ihre ungemeine Leich-
tigkeit aus, so daß selten ein Unglück damit vorkomme. Für die
hohe See taugen sie natürlich nicht, weshalb die Fischerei hier
auch nur in den Buchten und zwischen den Inseln betneben werden
könne. In Malbay, Grafschaft Clare, sah Wakefield solche Boote,
die 15 Fuß lang, 5 Fuß breit und 2 Fuß tief waren; zu einem der-
selben wurden zwei Kuhhäute verwandt, die Haare nach innen, die
Außenseite geteert; es war für zwei Ruderer eingerichtet. Ein
solches Boot kostete ca. 30 Shillinge. (.Wakef., II, p. 97.)
Statt Weidengeflecht - Holzrahmen! Welch ein Fortschritt
#490# Friedrich Engels
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in 1800 Jahren und nach beinahe siebenhundertjähriger "zivilisa-
torischer" Bearbeitung durch das erste Seevolk der Welt!
Im übrigen zeigen sich doch auch bald einige Symptome von Fort-
schritt. Unter König Cormac Ulfadha, der in die zweite Hälfte des
3. Jahrhunderts gesetzt wird, soll dessen Schwiegersohn Finn Mac
Cumhal die irische Miliz - die Fianna Eirionn *) - neu organi-
siert haben, wahrscheinlich nach dem Muster der römischen Legion
mit Unterscheidung von leichten und Linientruppen; alle späteren
irischen Heere, über die wir Details haben, unterscheiden kerne -
leichte - und galloglas - schwere oder Linieninfanterie. Die Hel-
dentaten dieses Finn wurden in vielen alten Liedern besungen, wo-
von manche noch existieren; sie und vielleicht einige wenige
schottisch-gälische Traditionen bilden die Grundlage des Macpher-
sonschen "Ossian" (irisch Oisin, Sohn Finns), in denen Finn als
Fingal erscheint und die Szene nach Schottland verlegt ist [365].
Im irischen Volksmund lebt Finn fort als Finn Mac-Caul, ein
Riese, dem fast in jeder Lokalität der Insel irgendein wunderba-
res Kraftstück zugeschrieben wird.
Das Christentum muß schon früh in Irland, wenigstens an der Ost-
küste, Eingang gefunden haben. Anders ist nicht zu erklären, daß
schon lange vor Patricius so viele Irländer eine bedeutende Rolle
in der Kirchengeschichte spielen. Pelagius der Ketzer gilt ge-
wöhnlich für einen Waliser Mönch aus Bangor; es gab aber auch ein
irisches uraltes Kloster Bangor oder vielmehr Banchor bei Car-
rickfergus und daß er hierher gehört, beweist Hieronymus, der ihn
"dumm und von skotischem Brei schwerfällig" ("scotorum pultibus
praegravatus") nennt. Es ist die erste Erwähnung des irischen Ha-
fermehlbreis (ir[isch] lite, angloir[isch] stirabout), der schon
damals, wie noch später bis zur Einführung der Kartoffel und dann
neben ihr die Hauptnahrung des irischen Volks war. Des Pelagius
Hauptschüler Cölestius und Albinus waren ebenfalls Skoten, d.h.
Irländer. Cölestius schrieb, wie Gennadius erzählt, aus seinem
Kloster drei ausführliche Briefe an seine Eltern, woraus hervor-
geht, daß im 4. Jahrhundert die Buchstabenschrift in Irland be-
kannt war.
In allen Schriften des früheren Mittelalters heißen die Iren Sko-
ten, und das Land Skotia; wir finden diese Bezeichnung bei Clau-
dian, Isidor, Beda, dem Geographen von Ravenna, Eginhard und noch
bei Alfred dem Großen:
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*) Feini, Fenier, ist im ganzen "Senchus Mor" der Name der iri-
schen Nation. Feinechus, Fenchus, Gesetz der Fenier, steht oft
entweder für "Senchus" oder für ein andres, verlornes Gesetzbuch.
Zugleich bezeichnet feine, grad feine, die plebs, die unterste
freie Volksklasse.
#491# Die Geschichte Irlands
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"Hibernia, das wir Schottland nennen" ("Igbernia the ye Scotland
hatadh") [366]. Das heutige Schottland hieß mit fremdem Namen Ca-
ledonia, mit einheimischem Alba, Albania; die Übertragung des Na-
mens Scotia, Schottland, auf die Nordspitze der östlichen Insel
fand erst im 11. Jahrhundert statt. Die erste größere Einwande-
rung irischer Skoten nach Alba soll in die Mitte des 3. Jahrhun-
derts fallen; Ammianus Marcellinus kennt sie dort schon im Jahre
360. Die Einwanderung geschah auf dem kürzesten Seewege, von An-
trim nach der Halbinsel Kintyre; noch Nennius erwähnt ausdrück-
lich, daß die Briten, die damals das ganze schottische Niederland
bis an den Clyde und Forth innehatten, durch die Skoten von We-
sten, durch die Pikten von Norden her angegriffen worden seien.
Auch die siebente der altwalisischen historischen "Triaden" [367]
erzählt, daß die gwyddyl ffichti (s. unten) von Irland über das
Nordmännische Meer (Môr Llychlin) nach Alban kamen und sich an
der Küste dieses Meeres niederließen. Daß das Meer zwischen
Schottland und den Hebriden Nordmännisches heißt, beweist neben-
bei, daß diese "Triade" jünger ist als die nordmännische Erobe-
rung der Hebriden. Um das Jahr 500 kamen von neuem größere Scha-
ren Skoten herüber, die allmählich ein eignes, sowohl von Irland
wie von den Pikten unabhängiges Königreich bildeten und endlich
unter Kenneth Mac Alpin im 9. Jahrhundert die Pikten unterwarfen
und das Reich herstellten, auf das etwa 150 Jahre später, wohl
zuerst durch die Nordmänner, der Name Schottland, Scotia, sich
übertrug.
Im 5. und 6. Jahrhundert werden in altwalisischen Quellen
(Nennius, die "Triaden") Einfalle der gwyddyl ffichti oder gäli-
schen Pikten nach Wales erwähnt, die allgemein als Einfalle von
irischen Skoten gedeutet werden. Gwyddyl ist walisische Form für
gavidheal, mit welchem Namen die Iren sich selbst bezeichnen. Wo-
her die Bezeichnung Pikten kommt, mögen andre untersuchen.
Im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts wurde durch Patricius
(irisch Patrick, Patraic, da die Kelten das c nach altrömischer
Weise immer wie k aussprechen) das Christentum ohne gewaltsame
Erschütterungen zur Herrschaft gebracht. Der Verkehr mit Britan-
nien, der schon lange bestanden, wurde um diese Zeit ebenfalls
lebhafter; es kamen Baumeister und Bauhandwerker herüber, die den
Iren, die bisher nur losen Steinbau gekannt hatten, den Mörtelbau
beibrachten; daß dieser vom 7. bis 12. Jahrhundert nur bei kirch-
lichen Gebäuden vorkommt, beweist hinlänglich, daß seine Einfüh-
rung mit der des Christentums zusammenhängt, und ferner, daß von
jetzt an die Geistlichkeit, die Vertreterin ausländischer Bil-
dung, sich m ihrem intellektuellen Entwicklungsgang vollständig
vom Volk trennte.
#492# Friedrich Engels
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Während das Volk gar keine oder doch nur äußerst langsame soziale
Fortschritte machte, entwickelte sich innerhalb der Geistlichkeit
bald eine literarische Bildung, die für die damalige Zeit außer-
ordentlich war und nach damaliger Manier sich zumeist in dem Ei-
fer für Heidenbekehrung und Klösterbegründung äußerte. Columba
bekehrte die britischen Skoten und die Pikten; Gallus (der Stif-
ter von St. Gallen) und Fridohn die Allemannen, Kilian die Main-
franken, Virgilius die Salzburger; alle fünf waren Iren; die An-
gelsachsen wurden ebenfalls hauptsächlich durch irische Missio-
nare zum Christentum gebracht. Daneben aber galt Irland in ganz
Europa als Pflanzschule der Gelehrsamkeit, so sehr, daß Karl der
Große einen irischen Mönch Albinus nach Pavia als Lehrer berief,
wo ihm später ein anderer Ire, Dungal, folgte. Der bedeutendste
Mann aus der großen Anzahl für ihre Zeit wichtiger, aber jetzt
meist vergessener irischer Gelehrten, war der "Vater" oder, wie
Erdmann ihn nennt, der "Carolus Magnus 1*) der mittelalterlichen
Philosophie" - Johannes Scotus Erigena. "Er war der erste, mit
dem nun eine wahrhafte Philosophie beginnt", sagt Hegel von ihm.
Er allem von allen Westeuropäern des 9. Jahrhunderts verstand
Griechisch und knüpfte durch seine Übersetzung der dem Dionysius
Areopagita zugeschriebenen Schriften wieder an an den letzten
Ausläufer der alten Philosophie, die alexandrinisch-neuplatoni-
sche Schule [368]. Seine Lehre war von großer Kühnheit für seine
Zeit; er leugnet die Ewigkeit der Verdammnis, selbst für den Teu-
fel, und streift hart an den Pantheismus an; die gleichzeitige
Orthodoxie ließ es daher auch nicht an Verlästerungen fehlen. Es
dauerte volle zwei Jahrhunderte, bis die von Erigena begründete
Wissenschaft in Anselm von Canterbury einen Fortbildner fand. *)
Ehe diese Entwicklung höherer Bildung aber auf das Volk zurück-
wirken konnte, wurde sie unterbrochen durch die Raubzüge der
Nordmänner. Diese Raubzüge, die den Hauptstapelartikel des skan-
dinavischen, besonders dänischen Patriotismus bilden, kamen zu
spät und gingen von zu kleinen Völkern aus, als daß sie in Erobe-
rungen, Kolonisationen und Staatenbildungen auf großem Maßstab
hätten ausmünden können, wie dies bei den
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*) Näheres über Erigenas Doktrin und Werke in Erdmann, "Grundriß
der Gesch[ichte] der Phil[osophie]", 2. Aufl. Berlin 1869, I.
Bd., p. 241-247. Erigena, der übrigens kein Geistlicher war,
zeigt schon echt irischen kecken Witz. Als bei Tisch der ihm ge-
genübersitzende Karl der Kahle, König von Frankreich, ihn frug,
wie groß der Abstand sei von einem Skoten (scot) bis zu einem
Dummkopf (sot), antwortete Erigena: "Die Breite eines Tisches."
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1*) Karl der Große
#493# Die Geschichte Irlands
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früheren Einfallen der Germanen der Fall gewesen. Der Vorteil für
die geschichtliche Entwicklung, den sie hinterlassen haben, ist
verschwindend klein gegen die ungeheuren und selbst für Skandina-
vien fruchtlosen Störungen, die sie angerichtet.
Irland war um das Ende des 8. Jahrhunderts weit davon entfernt,
von einer einigen Nation bewohnt zu sein. Ein Oberkönigtum der
ganzen Insel existierte nur zum Schein, und auch das bei weitem
nicht immer. Die Provinzialkönige, deren Zahl und Landbesitz
fortwährend wechselte, bekriegten sich untereinander, und die
kleineren Territorialfürsten hatten ebenfalls ihre Privatfehden.
Im ganzen aber scheint in diesen inneren Kämpfen ein gewisser
Komment geherrscht zu haben, der die Verwüstungen in bestimmte
Grenzen bannte, so daß das Land darunter nicht zu sehr litt. Aber
es sollte anders werden. 795, einige Jahre nach der ersten Heim-
suchung Englands durch dasselbe Räubervolk, landeten Nordmänner
auf der Insel Rathlin an der Küste von Antrim und brannten alles
nieder; 798 landeten sie bei Dublin und werden seitdem fast jähr-
lich in den Annalen erwähnt, als Helden, Fremde, Seeräuber, nie
ohne den Zusatz losccadh (Niederbrennung) eines oder mehrerer
Orte. Ihre Niederlassungen auf den Orkneys, Shetlands und den He-
briden (Süderinseln, Sudhreyjar der altnordischen Sagas) dienten
ihnen als Operationsbasis gegen Irland wie gegen das spätere
Schottland und gegen England. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts
waren sie im Besitz Dublins *), das sie nach Giraldus erst in
eine ordentliche Stadt umbauten, wie er ihnen auch die Erbauung
von Waterford und Limerick zuschreibt. Der Name Waterford selbst
ist nur die hier sinnlose Anglisierung des altnordischen Ve-
dhranördhr, was entweder Sturmbucht (Wetterföhrde) oder Widder-
bucht bedeutet. Erstes Bedürfnis für die Nordmänner, sobald sie
sich im Lande niederließen, war natürlich der Besitz befestigter
Hafenstädte; die Bevölkerung dieser Städte blieb noch lange skan-
dinavisch, hatte sich aber im 12. Jahrhundert längst den Iren in
Sprache und Sitte assimiliert. Die Zwistigkeiten der irischen
Fürsten untereinander erleichterten den Nordmännern die Ausplün-
derung und Niederlassung und selbst die zeitweilige Eroberung der
ganzen Insel ungemein. Wie sehr Irland den Skandinaviern selbst
als eins ihrer regelmäßigen Beuteländer galt, zeigt der
---
*) Die Angabe Snorris in der "Haraldsaga" [369], daß Harald Hår-
fagrs Söhne, Thorgils und Frodi, zuerst von allen Nordmännern Du-
blin besessen hätten - also mindestens 50 Jahre später als ange-
geben -, steht mit den sämtlichen, für diese Zeit unbezweifelten
irischen Nachrichten im Widerspruch. Snorri verwechselt offenbar
Thorgils, den Sohn Harald Hårfagrs, mit dem untenerwähnten Thor-
gils = Turgesius.
#494# Friedrich Engels
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um das Jahr 1000 verfaßte angebliche Sterbegesang Ragnar Lodbroks
im Schlangenturm König Ellas von Northumberland, das "Krâkumâl"
[370]. In diesem Lied rafft sich die altheidnische Wildheit
gleichsam zum letztenmal zusammen, und unter dem Vorwand, König
Ragnars Heldentaten zu besingen, werden vielmehr die Raubzüge des
gesamten nordischen Volks im eignen Lande, wie an den Küsten von
Dünamünde bis Flandern, Schottland (das hier schon Skotland
heißt, vielleicht zum erstenmal) und Irland kurz geschildert. Von
Irland heißt es:
"Wir schlugen drein mit Schwertern, häuften hoch Erschlagne,
Froh ward des Wolfes Bruder der Atzung durch Wutkampf;
Eisen traf auf Erzschild; nicht ließ Irlands Herrscher,
Marstein, Mangel leiden den Mordwolf, noch den Adler;
Ward im Vedhrafiördhr Walopfer gegeben den Raben.
Wir schlugen drein mit Schwertern, morgens ein Spiel anhuben,
Lustgen Kampf vor Lindiseyri, mit Landsfürsten dreien;
Freuten sich nicht viele, daß heil von dort sie flohen;
Falk kämpft ums Fleisch mit Wolfe, Wolfsrachen frahs manchen;
Stromweis floß im Streite am Strand Blut der Iren." *)
Bereits in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gelang es einem
nordmännischen Wiking, Thorgils, von den Iren Turgesius genannt,
sich ganz Irland zu unterwerfen, aber mit seinem Tode 844 fiel
auch sein Reich auseinander, und die Nordmänner wurden vertrie-
ben. Die Invasionen und Kämpfe dauern fort mit wechselndem Er-
folg, bis endlich im Anfang des 11. Jahrhunderts der Nationalheld
Irlands, Brian Borumha, ursprünglich
---
*) "Hiuggu ver medh hiörvi, hverr lâthverr of annan;
gladhr vardh gera brôdhir getu vidh sôknar laeti,
lêt ei örn nê ylgi, sâ er +rland! styrdhi,
(môt vardh mâlms ok rîtar) Marsteinn konungr fasta;
vardh î Vedhra firdhi valtafn gefit hrafni.
Hiuggu ver medh hiörvi, hâdhum sudhr at morni
leik fyrir Lindiseyri vidh lofdhûnga threnna;
fârr âtti thvî fagna (fêll margr î gyn ûlfi,
haukr sleit hold medh vargi), at hann heill thadhan kaemi;
Yra blôdh î oegi aerit fêll um skaeru."
Vedhrafiördhr ist, wie gesagt, Waterford; ob Lindiseyri irgendwo
aufgefunden, ist mir unbekannt. Keinesfalls bedeutete es Lein-
ster, wie Johnstone übersetzt; das eyri (sandige Landzunge, dä-
nisch öre) weist auf eine ganz bestimmte Lokalität hin. Valtafn
kann auch heißen Falkenfutter und wird hier meist so übersetzt,
da aber der Rabe Odins heiliger Vogel ist, so spielt das Wort of-
fenbar in beiden Bedeutungen.
#495# Die Geschichte Irlands
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nur König eines Teils von Munster, sich zum Beherrscher von ganz
Irland aufschwingt und den mit konzentrierter Macht in Irland
einfallenden Nordmännern am 23. April (Karfreitag) 1014 bei Clon-
tarf (dicht bei Dublin) die Entscheidungsschlacht liefert, wo-
durch die Macht der Eindringlinge für immer gebrochen wird.
Die Nordmänner, die sich in Irland niedergelassen hatten und von
denen Leinster abhängig war (der König von Leinster, Maolmordha,
war 999 durch ihre Hilfe auf den Thron gekommen und seitdem durch
sie darauf erhalten worden), sandten in Voraussicht des bevorste-
henden Entscheidungskampfs Boten aus nach den Süderinseln und Or-
kneys, nach Dänemark und Norwegen, um Zuzug zu bewirken, der auch
reichlich ankam. Die "Niâlssaga" [371] erzählt, wie Jarl Sigurd
Laudrisson sich auf den Orkneys zum Auszug rüstete, wie Thorstein
Siduhallsson, Hrafn der Rote und Erlinger von Straumey mit ihm
fuhren, wie er am Palmsonntag mit allem seinen Heer nach Dublin
(Durflin) kam:
"Da war auch gekommen Brodhir mit allem seinen Heer. Brodhir er-
probte durch Zauberei, wie der Kampf gehen würde, und so ging die
Antwort: wenn am Freitag gefochten würde, daß Brian der König
fallen werde und den Sieg haben; und wenn früher gefochten würde,
so würden alle fallen, die gegen ihn wären; da sagte Brodhir, daß
nicht eher gekämpft werden sollte als am Freitag."
Über die Schlacht selbst liegen uns zwei Versionen vor, die der
irischen Annalen und die skandinavische der "Niâlssaga". Nach
dieser letzteren
"kam König Brian mit all seinem Heer gegen die Burg" (Dublin);
"am Freitag fuhr das Heer" (die Nordmänner) "heraus aus der Burg,
und beide Heere wurden geordnet. Brodhir war in einem Heerflügel,
und König Sigtrygg" (nach den "Ann[alen] Inisfall[en]" [361] der
König der Dubliner Nordmänner) "war im ändern. Nun ist zu sagen
von König Brian, daß er am Freitag nicht schlagen wollte, und es
war aufgeschlagen um ihn eine Schildburg, und sein Heer war davor
aufgestellt. Ulf Hraeda war in dem Flügel, dem Brodhir gegenüber-
stand; und in dem ändern Flügel war Ospak und seine Söhne, da wo
Sigtrygg gegenüberstand; und im Zentrum war Kerthialfadh und
wurde vor ihm die Fahne getragen."
Als der Kampf losging, wurde Brodhir von Ulf Hraeda in einen Wald
gejagt, wo er Schutz fand; Jarl Sigurd hatte harten Stand gegen
Kerthialfadh, der bis zur Fahne drang und den Fahnenträger er-
schlug sowie den nächsten, der die Fahne ergriff; da weigerten
sich alle, die Fahne zu tragen, und Jarl Sigurd nahm die Fahne
von der Stange und verbarg sie zwischen seinen Kleidern. Bald
darauf wurde er von einem Speer durchschossen, und damit scheint
auch sein Heerhaufe geschlagen. Inzwischen war Ospak den
#496# Friedrich Engels
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Nordmännern in den Rücken gefallen und warf Sigtryggs Heerflügel
nach hartem Kampf.
"Da ging die Flucht los in allen Scharen. Thorstein Siduhallsson
machte halt, als die ändern flohen, und band seinen Schuhriemen;
da fragte ihn Kerthialfadh, warum er nicht liefe wie die ändern?
Da sagte Thorstein: 'Oh, ich komme doch heut abend nicht heim,
ich bin zu Hause draußen in Island.' Und Kerthialfadh gab ihm
Frieden."
Brodhir sah nun aus seinem Versteck, daß Brians Heer die Fliehen-
den verfolgte und daß wenige Leute bei der Schildburg geblieben
waren. Da lief er aus dem Walde, brach durch die Schildburg und
erschlug den König (Brian, 88 Jahre alt, war selbstredend nicht
mehr imstande, sich am Kampf zu beteiligen, und war im Lager
geblieben).
"Da rief Brodhir laut: 'Das kann jetzt Mann dem Manne erzählen,
daß Brodhir Brian gefällt hat.'"
Aber die Verfolger kehrten zurück, umzingelten Brodhir und grif-
fen ihn lebendig.
"Ulf Hraeda schnitt ihm den Bauch auf und führte ihn um eine Ei-
che und wickelte so seine Därme aus ihm heraus um den Baumstamm
und starb er nicht, bis sie alle aus ihm herausgehaspelt waren,
und Brodhirs Leute wurden alle erschlagen."
Nach den "Annalen von Inisfallen" war das nordmännische Heer in
drei Haufen geteilt, der erste bestand aus den Dubliner Nordmän-
nern nebst 1000 norwegischen Zuzüglern, die alle in langen Pan-
zerhemden geharnischt waren; der zweite aus den irischen Hilfs-
truppen von Leinster unter König Maolmordha; der dritte aus dem
Zuzug von den Inseln und Skandinavien unter Bruadhair, dem Chef
der Flotte, die sie hergetragen, und Lodar, dem Jarl der Orkneys.
Diesen gegenüber formierte Brian sein Heer ebenfalls in drei Hau-
fen; die Namen der Führer stimmen aber nicht mit denen der
"Nialssaga". Der Schlachtbericht selbst ist unbedeutend; kürzer
und klarer ist der der "Vier Magister", welcher hier folgt:
"A.D. 1013" (steht infolge eines konstanten Fehlers für 1014).
"Die Ausländer von ganz Westeuropa versammelten sich gegen Brian
und Maelseachlainn" (gewöhnlich Malachy genannt, König von Meath
unter Brians Oberhoheit), "und sie nahmen mit sich zehnhundert
Mann in Panzerhemden. Eine heftige, wütende, gewaltige und böse
Schlacht wurde zwischen ihnen gefochten, derengleichen nicht ge-
funden wurde in jener Zeit, zu Cluaintarbh" (Ochsenwiese, jetzt
Clontarf) "gerade auf den Freitag vor Ostern. In dieser Schlacht
wurden erschlagen Brian, 88 Jahre alt, Murchadh, sein Sohn, 63
Jahre alt, Conaing, sein Neffe, Toirdhealbhach, sein Enkel,..."
(folgen eine Menge Namen). "Die" (feindlichen) "Truppen wurden
endlich geworfen von der Tulcainn bis Athcliath" (Dublin) "durch
Maelseachlainn, durch heftigen Kampf,
#497# Die Geschichte Irlands
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Tapferkeit und Dreinschlagen auf die Fremden und Leinsterleute;
und da fiel Maelmordha, Sohn Murchadhs, des Sohnes Finns, König
von Leinster,... und es waren außerdem noch ungezählte Tote unter
denen von Leinster. Auch wurden erschlagen Dubhgall, Sohn Amhla-
nibhs" (gewöhnlich Anlaf oder Olaf genannt) "und Cillaciarain,
der Sohn Gluniairns, zwei Unterführer (tanaisi) der Fremden,
Sichfrith, der Sohn Lodars, Jarl der Orkneys (iarla insi h Oirc),
Brodar, Anführer derer von Dänemark, der der Mann war, welcher
Brian erschlug. Die zehnhundert Mann in Panzerhemden wurden zu-
sammengehauen, und mindestens 3000 der Fremden wurden da erschla-
gen."
Die "Niâlssaga" wurde etwa hundert Jahre nach der Schlacht in Is-
land niedergeschrieben; die irischen Annalen beruhen wenigstens
zum Teil auf gleichzeitigen Nachrichten. Beide Quellen sind voll-
ständig unabhängig voneinander, beide stimmen nicht nur in den
Hauptsachen, sie ergänzen sich auch gegenseitig. Wer Brodhir und
Sigtrygg waren, erfahren wir erst aus den irischen Annalen. Si-
gurd Laudrisson heißt dort Sichfrith, der Sohn Lodars; Sigfrith
ist nämlich die richtige angelsächsische Form des altnordischen
Namens Sigurd, und die skandinavischen Namen kommen in Irland -
auf Münzen sowohl wie in den Annalen - meist nicht in altnordi-
scher, sondern in angelsächsischer Form vor. Die Namen der Unter-
führer Brians sind in der "Niâlssaga" dem skandinavischen Organ
mundgerecht gemacht; der eine, Ulf Hraeda, ist sogar ganz altnor-
disch, doch wäre es gewagt, wie einige tun, daraus den Schluß zu
ziehn, daß auch Brian Nordmänner in seinem Heer gehabt. Ospak und
auch Kerthialf adh scheinen keltische Namen; letzterer vielleicht
aus dem bei den "IV Mag." genannten Toirdhealbhach entstellt? Das
Datum - der Freitag nach Palmsonntag bei den einen, der Freitag
vor Ostern bei den ändern - stimmt genau, ebenso der Ort der
Schlacht; obwohl er in der "Niâlssaga" Kantaraburg (sonst = Can-
terbury) [372] heißt, wird er ausdrücklich dicht vor die Tore von
Dublin gelegt. Den Verlauf der Schlacht beschreiben die "IV Mag."
am genauesten: Die Nordmänner werden von der Ebene von Clontarf,
wo sie Brians Heer angriffen, über die Tolka, einen kleinen Fluß,
der dicht vor der Nordseite von Dublin vorbeifließt, nach der
Stadt hineingeworfen. Daß Brodhir den König Brian erschlug, wis-
sen beide; die näheren Angaben finden sich nur in der nordischen
Quelle.
Man sieht, unsre Nachrichten über diese Schlacht sind in Anbe-
tracht der Barbarei jener Zeit ziemlich ausführlich und authen-
tisch; es wird sich nicht manche Schlacht des 11. Jahrhunderts
auffinden lassen, über die wir so bestimmte und [übereinstimmende
Berichte von beiden Parteien haben. Das verhinderte den Herrn
Professor Goldwin Smith nicht, sie als einen "schattenhaften
(shadowy) Konflikt" zu beschreiben. (l.c. p. 48.) Im Kopf
#498# Friedrich Engels
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des Herrn Professors nehmen die robustesten Tatsachen allerdings
sehr häufig eine "schattenhafte" Gestalt an.
Nach der Niederlage von Clontarf werden die nordmännischen Raub-
züge seltener und weniger gefährlich; bald kommen die Dubliner
Nordmänner unter die Botmäßigkeit der benachbarten irischen Für-
sten und verschmelzen in einer oder zwei Generationen mit den
Eingeborenen. Als einzige Entschädigung für ihre Verwüstungen
lassen die Skandinavier den Iren drei oder vier Städte und die
Anfänge eines handeltreibenden Bürgertums zurück.
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Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr ver-
schwinden die Kennzeichen, wodurch Völker desselben Stammes sich
voneinander unterscheiden. Einerseits liegt dies in der Natur der
Quellen, die im Verhältnis des höheren Alters dürftiger werden
und sich auf das Wesentlichste beschränken, andrerseits aber auch
in der Entwicklung der Völker selbst. Die einzelnen Zweige des
Stammes standen sich um so näher, glichen einander um so mehr, je
weniger sie vom Urstamm selbst abstanden. Mit vollem Recht hat
Jacob Grimm stets alle Nachrichten von den römischen Historikern,
die den Cimbernzug beschrieben [373], bis auf Adam von Bremen und
Saxo Grammaticus, alle Literaturdenkmäler von "Beowulf" und
"Hildebrandslied" bis auf die "Edden" [374] und Sagas, alle
Rechtsbücher von den leges barbarorum [375] bis auf die altdäni-
schen und altschwedischen Gesetze und die deutschen Weistümer als
gleich wertvolle Quellen für deutschen Nationalcharakter, deut-
sche Sitten und Rechtsverhältnisse behandelt. Der spezielle Cha-
rakter mag nur lokale Bedeutung haben, der Charakter, der sich in
ihm spiegelt, ist dem ganzen Stamme gemein; und je älter die
Quellen, desto mehr schwinden die lokalen Unterschiede.
Wie Skandinavier und Deutsche im 7. und 8. Jahrhundert sich weni-
ger unterschieden als heute, so müssen auch irische Kelten und
gallische Kelten ursprünglich einander ähnlicher gewesen sein,
als heutige Irländer und Franzosen sind. Wir dürfen uns daher
nicht wundern, wenn wir in Cäsars Schildrung der Gallier eine
Menge Züge finden, die Giraldus zwölf Jahrhunderte später wieder
den Iren zuschreibt und die wir noch heute, trotz aller Beimi-
schung germanischen Bluts, im irischen Nationalcharakter wieder-
finden... [376]
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