Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       FRIEDRICH ENGELS
       
       [Die Geschichte Irlands [353]]
       
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       Geschrieben von Mai bis Mitte Juli 1870.
       Nach der Handschrift.
       
       #461#
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       Naturbedingungen
       
       An der Nordwestecke Europas liegt das Land, dessen Geschichte uns
       beschäftigen wird, eine Insel von 1530 deutschen oder 32 500 eng-
       lischen Quadratmeilen. Aber zwischen Irland und das übrige Europa
       legte sich  quer die  dreimal so  große Insel,  die wir der Kürze
       halber gewöhnlich England nennen; sie umfaßt Irland von Nord, Ost
       und Südost  her vollständig und läßt ihm nur in der Richtung nach
       Spanien, Westfrankreich und Amerika freien Ausblick.
       Der Kanal  zwischen beiden  Inseln, an  den schmälsten Stellen im
       Süden 50-70,  an einer  Stelle im  Norden 13,  an einer ändern 22
       engl. Meilen  breit, erlaubte im Norden schon vor dem 5. Jahrhun-
       dert den  irischen Skoten  die Einwanderung in die Nebeninsel und
       die Begründung  des schottischen Reichs. Im Süden war er zu breit
       für die  Boote der  Iren und Briten und ein ernsthaftes Hindernis
       selbst für  die flachbodigen  Küstenfahrzeuge der Römer. Als aber
       Friesen, Angeln und Sachsen und nach ihnen Skandinavier mit ihren
       Kielfahrzeugen sich aufs hohe Meer, außer Sicht des Landes, wagen
       durften, war dieser Kanal kein Hindernis mehr; Irland verfiel den
       Raubzügen der  Skandinavier und  lag den  Engländern  als  offene
       Beute da. Sobald die Normannen in England eine kräftige, einheit-
       liche Regierung hergestellt, machte sich der Einfluß der größeren
       Nachbarinsel geltend  - in  damaliger Zeit  hieß dies Eroberungs-
       krieg. [354]
       Folgte dann  im Verlauf  des Kriegs  eine Periode, wo England die
       Herrschaft auf  dem Meer  errang, so  war dadurch die Möglichkeit
       erfolgreicher fremder Einmischung ausgeschlossen.
       Wurde endlich  die ganze  größere Insel zu einem Staat vereinigt,
       so mußte  dieser danach  streben, auch Irland sich vollständig zu
       assimilieren.
       Gelang diese  Assimilation, so  gehört der  ganze Verlauf der Ge-
       schichte an.  Er verfällt ihrem Urteil, aber rückgängig zu machen
       ist er  nicht mehr.  Gelang aber die Assimilation nach siebenhun-
       dert Jahren des Kampfs nicht.
       
       #462# Friedrich Engels
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       wurde vielmehr  jede neue  Welle von  Eindringlingen, die  Irland
       eine nach  der ändern überschwemmte, von Irland assimiliert; sind
       die  Irländer   auch  heute   noch  ebensowenig   zu  Engländern,
       "Westbriten", wie  mans nennt,  geworden, wie  die Polen nach nur
       hundertjähriger Unterdrückung  zu Westrussen;  ist der Kampf noch
       immer nicht ausgekämpft und keine Aussicht da, daß er ausgekämpft
       werde anders als durch die Ausrottung der unterdrückten Race - so
       werden alle geographischen Vorwände in der Welt nicht hinreichen,
       den Beruf Englands zur Eroberung Irlands zu beweisen.
       
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       Um die  Bodenbeschaffenheit des  heutigen Irlands  zu  verstehen,
       müssen wir weit zurückgreifen, nämlich bis auf die Epoche, wo die
       sogenannte Kohlenformation gebildet wurde. *)
       Die Mitte  von Irland,  nördl. und südlich von der Linie Dublin -
       Galway, bildet  eine weite  Ebene von  der Meereshöhe  von durch-
       schnittlich 100 bis 300 Fuß. Diese Ebene, sozusagen der Grundplan
       von ganz  Irland, wird  gebildet durch die massenhafte Kalkstein-
       schicht,  die   die  mittlere  Lage  der  Kohlenformation  bildet
       (Kohlenkalk, carboniferous  limestone) und welcher die kohlenhal-
       tigen Schichten (das eigentliche Kohlengebirge, coal measures) in
       England und anderswo unmittelbar aufliegen.
       Im Süden  wie im  Norden wird  diese Ebene  umringt von einem Ge-
       birgskranz, der  sich meist  der Küste  anschließt und  fast aus-
       nahmslos aus  älteren Gebirgsformationen  besteht, die  den Kalk-
       stein durchbrochen  haben: Granit,  Glimmerschiefer,  kambrische,
       kambro-silurische, obere silurische, devonische und der untersten
       Schicht der  Kohlenformation  angehörige  Tonschiefer  und  Sand-
       steine, reich  an Kupfer  und Blei;  außerdem etwas Gold, Silber,
       Zinn, Zink, Eisen, Kobalt, Spießglanz und Mangan enthaltend.
       Nur an  wenigen Stellen  erhebt sich der Kalkstein selbst zu Ber-
       gen: mitten  in der  Ebene, in Queen's County, bis zu 600 Fuß und
       im Westen,  an der  Südküste der  Bucht von  Galway, bis zu etwas
       über 1000 Fuß (Burren Hills).
       An mehreren  Stellen in  der südlichen  Hälfte der Kalksteinebene
       finden sich  vereinzelte Gebirge von 700-1000 Fuß [über der] Mee-
       reshöhe und  beträchtlichem Umfang,  die von  den  kohlenhaltigen
       Schichten gebildet
       ---
       *) Wo nicht  anders angegeben, sind die hier angeführten geologi-
       schen Daten  genommen aus:  J. Beete Jukes, "The Student's Manual
       of Geology". New Edition. Edinburgh 1862. Jukes war Lokalvorstand
       der geologischen Aufnahme Irlands und ist daher für dies Terrain,
       das er auch besonders ausführlich behandelt, erste Autorität.
       
       #463#
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       Erste Seite von Friedrich Engels' Handschrift "Die Geschichte Ir-
       lands"
       
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       #465# Die Geschichte Irlands
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       werden. Sie  liegen in  Mulden der  Kalksteinfläche, aus  der sie
       sich als Plateau mit ziemlich steilen Rändern erheben.
       
       "Die Abfälle dieser weit voneinander entfernten Striche Kohlenge-
       birge sind  sich so  ähnlich und die Schichten, aus denen sie be-
       stehen, so  vollständig identisch,  daß man  absolut nicht  umhin
       kann anzunehmen,  daß sie  früher in zusammenhängenden Lagen über
       das ganze  Zwischenland verbreitet  waren, obwohl sie jetzt 60-80
       Meilen voneinander  entfernt sind. Diese Ansicht wird noch beson-
       ders dadurch  bestärkt, daß  zwischen den  noch  übrigen  Kohlen-
       feldern sich  hier und da kleine, vereinzelte Hügel finden, deren
       Spitze ebenfalls  aus Kohlengebirge  besteht, und daß überall, wo
       die Kalksteinebene  sich unter das Niveau der gegenwärtigen Ober-
       fläche senkt, die Vertiefung ausgefüllt ist durch die niedrigsten
       Schichten des Kohlengebirgs." (Jukes, p. 286.)
       
       Noch andre Umstände, die für uns hier zu sehr ins Detail gehn und
       die man  bei Jukes, p. 286-289, nachlesen kann, machen zur Gewiß-
       heit, daß,  wie Jukes  sagt, die ganze irische Zentralebene durch
       Denudation entstanden  ist; so daß, nachdem das Kohlengebirge und
       die oberen  Kalksteinablagerungen -  eine Durchschnittsdicke  von
       mindestens 2000-3000,  vielleicht 5000-6000  Fuß Gestein - wegge-
       spült, nun  hauptsächlich die  unteren Schichten des Kalks zutage
       treten. Selbst auf dem höchsten Grat der Burren Hills, Grafschaft
       Clare, die  aus purem  Kalkstein bestehen und 1000 Fuß hoch sind,
       fand Jukes (p. 513) noch einen kleinen Aufwurf von Kohlengebirge.
       Es bleiben demnach im Süden Irlands immer noch einige nicht unbe-
       deutende Striche,  welche dem  Kohlengebirge angehören;  darunter
       aber findet  sich nur  an einzelnen kleinen Stellen Kohle in hin-
       reichender Dicke,  um den  Bergbau zu lohnen. Zudem ist die Kohle
       selbst anthrazitisch,  d.h. sie enthält wenig Wasserstoff und ist
       ohne Zusatz nicht zu allen industriellen Zwecken verwendbar.
       Im Norden Irlands kommen auch mehrere nicht sehr ausgedehnte Koh-
       lenfelder vor, deren Kohle bituminös, d.h. wasserstoffreiche, ge-
       wöhnliche Steinkohle  ist und  deren Lagerung  nicht ganz mit der
       der südlicheren Kohlenbezirke stimmt. Daß aber auch hier dieselbe
       Wegspülung des  Kohlengebirgs stattgefunden,  geht daraus hervor,
       daß große  Stücke Kohle, begleitet von derselben Schichtenordnung
       angehörigem Sandstein  und blauem  Lehm, auf  der Oberfläche  des
       südöstlich eines solchen Kohlenfelds nach Belturbet und Mohill zu
       gelegenen Kalksteintale  gefunden werden.  Häufig  ist  man  beim
       Brunnengraben im  Drift in  dieser Gegend  auf große Blöcke Kohle
       gestoßen; und  in einigen Fällen waren die Kohlenmassen so bedeu-
       tend, daß  man glaubte,  tieferes Ausschachten müsse auf ein Koh-
       lenlager führen.  (Kane, "Industrial  Resources of  Ireland",  2.
       Ausgabe, Dublin 1845, p. 265.)
       
       #466# Friedrich Engels
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       Man sieht,  das Pech  Irlands ist  uralt; es  hebt an unmittelbar
       nach Ablagerung  des Kohlengebirgs.  Ein Land, dessen Kohlenlager
       weggespült sind,  dicht neben  einem größeren  kohlenreichen Land
       gelegen, war  gleichsam schon  durch  Naturbeschluß  diesem,  dem
       künftigen Industrieland,  gegenüber auf  lange  Zeit  hinaus  zur
       Rolle des  Bauernlands verurteilt. Das Urteil, vor Millionen Jah-
       ren gefällt,  wurde vollstreckt  erst in  diesem Jahrhundert. Wir
       werden übrigens  später sehn,  wie die  Engländer der Natur unter
       die Arme  griffen und  fast jeden  Keim irischer Industrie sofort
       gewaltsam zertreten haben.
       Jüngere, sekundäre  und tertiäre  Ablagerungen [355]  kommen fast
       nur im  Nordosten vor;  uns interessieren dabei hauptsächlich die
       Keuperschichten in  der Gegend  von Belfast,  die bis  zu 200 Fuß
       Dicke mehr  oder weniger  reines Steinsalz  enthalten (Jukes,  p.
       554), und  die Kreide,  die die  ganze Grafschaft Antrim bedeckt,
       selbst aber wieder von einer Basaltlage überdeckt wird. Im ganzen
       und großen  ist die  geologische  Entwicklungsgeschichte  Irlands
       unterbrochen  vom  Ende  der  Kohlenforrnation  an  bis  auf  die
       Eiszeit.
       Man weiß,  daß nach  dem Ende der tertiären Epoche eine Zeit ein-
       trat, wo  die Flachlande  der mittleren Breiten Europas unter die
       Meeresfläche versunken  waren und  wo eine so kalte Temperatur in
       Europa herrschte,  daß die  Täler der noch hervorragenden Bergin-
       seln bis an den Meeresspiegel hinab von Gletschern ausgefüllt wa-
       ren. Die  von diesen  Gletschern abgelösten Eisberge trugen große
       und kleine, von den Bergen abgelöste Steinblöcke ins Meer hinaus,
       bis das Eis schmolz und die Blöcke und was sonst Erdiges vom Eise
       mitgenommen war,  zu Boden  fielen, ein Prozeß, der an den Küsten
       der Polarregionen noch täglich vorgeht.
       Zur Eiszeit  war auch  Irland, mit Ausnahme der Bergkuppen, unter
       den Meeresspiegel  versenkt. Das  Maximum der  Senkung mag  nicht
       überall gleich gewesen sein, doch darf man es im Durchschnitt auf
       1000 Fuß  unter die jetzige Höhe annehmen; die Granitgebirge süd-
       lich von Dublin müssen bis über 1200 Fuß gesunken sein.
       Eine Senkung von nur 500 Fuß ließe von Irland nur die Gebirge üb-
       rig, welche  dann als Inseln in zwei halbkreisförmigen Gruppen um
       einen breiten,  von Dublin nach Galway laufenden Sund herumliegen
       würden. Eine  noch tiefere  Senkung würde die Inseln nur verklei-
       nern und  ihre Zahl vermindern, bis bei 2000 Fuß Senkung nur noch
       die äußersten Bergkuppen aus dem Wasser ragen würden. *)
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       *) Von den 32 509 engl. Quadratmeilen Irlands liegen zwischen dem
       Meeresspiegel und  250 Fuß  Meereshöhe 13 243;  von 251-500  Fuß:
       11 797; 501-1000  Fuß: 5798;  1001-2000 Fuß:  1589; 2001  Fuß und
       darüber: 82 Quadratmeilen.
       
       #467# Die Geschichte Irlands
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       Während die  Senkung langsam  vor sich  ging,  müssen  die  Kalk-
       steinebene wie  die Bergflanken noch von manchem darüberliegenden
       älteren Gestein  reingefegt worden  sein; dann folgte die Ablage-
       rung des  der Eiszeit  eigentümlichen "Drift" auf dem ganzen, vom
       Wasser  bedeckten  Gebiet.  Die  Produkte  der  Verwitterung  der
       Berginseln sowie  die feinzerrissenen Gesteinteilchen, welche bei
       der Ausschürfung  der Täler durch die in ihnen sich langsam, aber
       wuchtig fortschiebenden  Gletscher abfielen  - Erde,  Sand, Kies,
       Steine, glattgeschliffene  Blöcke im  Eise selbst,  scharfkantige
       auf seiner  Oberfläche -,  alles das wurde von den am Strand sich
       loslösenden Eisbergen  hinausgetragen ins Meer und fiel dort nach
       und nach  zu Boden.  Die hierdurch  gebildete Schicht  besteht je
       nach Umständen  aus Lehm  (von Tonschiefer herrührend), Sand (von
       Quarz und  Granit herrührend),  Kalkkies (vom  Kalkgebirge gelie-
       fert), Mergel  (wo fein  zerkleinerter Kalk  dem Lehm beigemengt)
       oder aus  Mischungen aller  dieser Bestandteile;  in allen Fällen
       aber enthält  sie eine  Menge größerer oder kleinerer, bald abge-
       rundeter, bald  scharfkantiger Steine bis zu jenen kolossalen er-
       ratischen Blöcken  hinauf, die  in Irland noch häufiger vorkommen
       als in der Norddeutschen Ebene oder zwischen Alpen und Jura.
       Bei der  nachher erfolgten Wiedererhebung des Bodens aus dem Meer
       erhielt diese neugebildete Oberfläche, im rauhen wenigstens, ihre
       heutige Gestaltung.  In Irland scheint dabei nur wenig Wegspülung
       stattgefunden zu  haben; mit wenig Ausnahmen bedeckt der Drift in
       dickerer oder  dünnerer Lage  das ganze  ebne Land, zieht sich in
       den Gebirgen  alle Täler  hinan und  findet sich auch noch häufig
       hoch an den Bergflanken hinauf. Die dann vorkommenden Steine sind
       meistens Kalk,  weshalb die ganze Schicht hier gewöhnlich den Na-
       men Kalksteinkies  (limestone gravel)  trägt. Auch  große  Blöcke
       Kalkstein sind  über das ganze niedere Land massenhaft zerstreut,
       fast in  jedem Felde  einer oder  mehrere; in  der Nähe der Berge
       finden sich  selbstredend neben  dem Kalkstein auch die von ihnen
       herrührenden Lokalgesteine,  namentlich  der  Granit,  in  großer
       Menge. Der  Granit von  der nördlichen Seite der Bucht von Galway
       kommt in der Ebene nach Südosten bis an die Galton-Berge hin häu-
       fig, bis nach Mallow (Gfsch. Cork) vereinzelt vor.
       Der Norden  des Landes ist bis zur gleichen Meereshöhe ebenso mit
       Drift bedeckt  wie die  Zentralebene; der Süden hat, zwischen den
       verschiedenen mehr oder weniger parallelen Gebirgsreihen, die ihn
       durchziehen, eine  ähnliche, von Lokalgesteinen meist silurischer
       Formation herrührende  Ablagerung aufzuweisen,  die namentlich im
       Tal des Flesk und Laune bei Killarney massenhaft auftritt.
       
       #468# Friedrich Engels
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       Die Gletscherspuren  an den  Berghängen und auf den Talsohlen Ir-
       lands sind  namentlich im Südwesten sehr häufig und unverkennbar.
       Schärfer ausgeprägte  Eisspuren aller  Art als  bei Killarney (im
       Black Valley und im Gap of Dunloe) erinnere ich mich nur im Ober-
       hasli und hie und da in Schweden gesehen zu haben.
       Die Erhebung  des Bodens während oder nach der Eiszeit scheint so
       stark gewesen zu sein, daß Britannien eine Zeitlang nicht nur mit
       dem Kontinent,  sondern auch  mit Irland durch trocknes Land ver-
       bunden war.  Wenigstens nur  so scheint  die Gleichheit der Fauna
       dieser Länder  zu erklären. Von großen ausgestorbenen Säugetieren
       hat Irland  mit dem  Kontinent gemein:  das Mammut,  den irischen
       Riesenhirsch, den  Höhlenbären, eine  Rentierart usw.  In der Tat
       würde eine Erhebung von weniger als 240 Fuß über das gegenwärtige
       Niveau hinreichen, um Irland und Schottland, und eine von weniger
       als 360  Fuß, um Irland und Wales durch breite Landrücken zu ver-
       binden. *)  Daß seit der Eiszeit Irland einmal ein höheres Niveau
       eingenommen als  jetzt, wird bewiesen durch die an der ganzen Kü-
       ste vorkommenden  unterseeischen Torfmoore  mit aufrechtstehenden
       Baumstümpfen und  Wurzeln, die  in jeder Beziehung identisch sind
       mit den  untersten Schichten  der  benachbarten  binnenländischen
       Torfmoore.
       Der Boden  Irlands, soweit er für den Ackerbau in Betracht kommt,
       wird demnach  fast ausschließlich gebildet vom "Drift" der Eispe-
       riode, der  hier, dank  seiner Herkunft  von Schiefer und Kalkge-
       stein, nicht  jener öde Sand ist, mit dem die schottischen, skan-
       dinavischen und finnländischen Granite einen so großen Teil Nord-
       deutschlands zugedeckt  haben, sondern  ein äußerst  fruchtbarer,
       leichter Lehmboden.  Die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die ihren
       Abfall an  diesen Boden  abgegeben haben  und noch  abgeben, ver-
       sorgte ihn  mit einer entsprechenden Mannigfaltigkeit der für die
       Vegetation erforderlichen  mineralischen Bestandteile;  und  wenn
       einer derselben,  der Kalk, in der Ackerkrume selbst häufig abwe-
       send ist,  so finden sich doch überall kleinere und größere Kalk-
       blöcke in  Menge - vom unterliegenden Kalkfels abgesehn -, so daß
       er mit Leichtigkeit zugesetzt werden kann.
       Als der  bekannte englische Agronom Arthur Young in den siebziger
       Jahren des  vorigen Jahrhunderts Irland bereiste, wußte er nicht,
       worüber er  mehr erstaunen sollte: über die natürliche Fruchtbar-
       keit des Bodens oder über dessen barbarische Behandlung durch die
       Bauern. "Ein leichter, trockner,
       ---
       *) Siehe Karte  15a, Stielers Handatlas, 1868. Diese Karte, sowie
       Nr. 15d für Irland speziell, gibt eine sehr anschauliche Darstel-
       lung der Terraingestaltung.
       
       #469# Die Geschichte Irlands
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       weicher, sandiger  Lehmboden" herrscht vor, wo das Land überhaupt
       gut ist. Im "goldnen Tal" von Tipperary und auch anderswo fand er
       
       "denselben sandigen,  rötlichen Lehm,  den ich  schon beschrieben
       habe, unvergleichliches  Land für  den Ackerbau".  Von da  in der
       Richtung auf  Clonmel "den  ganzen Weg,  durch denselben  üppigen
       Strich roten sandigen Lehms, den ich so oft erwähnt habe; ich un-
       tersuchte ihn  in verschiedenen  Feldern und fand, daß er von au-
       ßerordentlicher Fruchtbarkeit  war und  so schönes Rübenland, wie
       ich je gesehen."
       
       Ferner:
       
       "Das reichtragende Land erstreckt sich von Charleville am Fuß der
       Berge bis  Tipperary" (Stadt)  "über Kilfenann, eine Linie von 25
       Meilen Länge,  und in  der Breite von Ardpatrick bis 4 Meilen vor
       Limerick  -  16  Meilen."  -  "Der  üppigste  Boden  ist  in  den
       'Corcasses' am Flusse Maigue, bei Adare, ein Strich 5 Meilen lang
       und 2 Meilen breit bis an den Shannon hinunter ... Wenn dies Land
       umgepflügt wird,  so säet  man zuerst Hafer und erhält 20 Fässer"
       (zu 14  stone =  196 Pf  und das Faß) "oder 40 gewöhnliche Fässer
       per Acre, und dies gilt für keine besonders reichliche Ernte; man
       fährt fort mit Hafer 10-12 Jahre ohne Unterbrechung, bis die Ern-
       ten magerer werden; dann säet man einmal Bohnen, und dadurch wird
       der Boden  so aufgefrischt, daß man wieder zehn Ernten Hafer hin-
       tereinander aus ihm herausschlagen kann; die Bohnen ertragen sehr
       gut. Hat man je von solchen Barbaren gehört?"
       
       Ferner bei Castle Oliver, Grafschaft Limerick:
       
       "Der beste  Boden hierzulande  ist am Fuß der Gebirge; es ist ein
       üppiger, weicher, krümelnder, fauliger, sandiger Lehm, anderthalb
       bis drei Fuß dick, von rötlichbrauner Farbe. Es ist trocknes Land
       und würde  sich vortrefflich eignen für Rüben, gelbe Rüben, Kohl,
       in einem  Wort für irgend etwas. Alles in allem halte ich ihn für
       den fruchtbarsten  Boden, den ich je gesehn; er ist für jeden er-
       denklichen Zweck  brauchbar. Man  kann den  größten Ochsen darauf
       mästen, aber dieser Boden ist auch ebenso gut für Schafe, für den
       Ackerbau, für  Rüben, für  Weizen, für  Bohnen, für irgend etwas.
       Man muß  den Boden  selbst untersuchen, ehe man glauben kann, daß
       ein Land  von so bettelhaftem Aussehn so reich und fruchtbar sein
       kann."
       
       Am Blackwater-Fluß bei Mallow
       
       "sind flache Striche, bis zu 1/4 Meile breit, wo das Gras überall
       ausgezeichnet schön  steht. Es ist der prächtigste Sandboden, den
       ich je  gesehn, rotbräunlich,  und wenn  umgepflügt, würde er die
       reichlichsten Ernten in der Welt geben. Er ist fünf Fuß dick, und
       obwohl man  ihn in  gute Ziegel umbrennen kann, ist es doch voll-
       kommener Sand.  Die Ufer  dieses Flusses,  von der Quelle bis zum
       Meer, sind  gleich merkwürdig wegen ihrer landschaftlichen Schön-
       heit wie  wegen ihrer  Fruchtbarkeit."  -  "Krümelnder,  sandiger
       Lehm, trocken  aber fruchtbar,  ist sehr häufig und macht den be-
       sten Boden  im Lande  aus für  Ackerbau wie für Schafe. Tipperary
       und Roscommon  sind besonders  reich daran.  Am fruchtbarsten von
       allen sind die Ochsentriften von Limerick und am
       
       #470# Friedrich Engels
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       Ufer des  Shannon, in  Clare, die sogenannten Corcasses ... Sand,
       so häufig  in England  und  noch  häufiger  durch  ganz  Spanien,
       Frankreich, Deutschland  und Polen  - durchweg  von Gibraltar bis
       Petersburg - findet sich in Irland nirgends außer an schmalen Dü-
       nenstreifen an der Küste. Auch habe ich nirgendwo von Kreideboden
       je etwas gesehen oder gehört." *)
       
       Youngs Urteil  über den Boden Irlands faßt sich in folgenden Sät-
       zen zusammen:
       
       "Wenn ich  die Kennzeichen  eines ausgezeichneten  Bodens angeben
       sollte, so  würde ich  sagen: der Boden, auf dem man einen Ochsen
       mästen und ebensogut eine gute Rübenernte erzielen kann. Nebenbei
       gesagt, fällt  mir wenig  oder gar  kein solches  Land in England
       ein, in  Irland dagegen ist es nicht ungewöhnlich." (II, p. 271.)
       - "Die  natürliche Fruchtbarkeit,  Acre gegen Acre gerechnet, ist
       entschieden zugunsten  Irlands." (II,  2.  Abteilung,  p.  3.)  -
       "Soweit ich  über den Boden der beiden Königreiche urteilen kann,
       verdient der  von Irland  bei weitem den Vorrang." (II, 2. Abtei-
       lung, p. 12.)
       
       1808-1810 bereiste  Edward Wakefield, ein ebenfalls mit der Agro-
       nomie vertrauter Engländer, Irland und legte die Resultate seiner
       Beobachtungen in  einem sehr wertvollen Werk nieder.**) Seine Be-
       merkungen sind besser geordnet, übersichtlicher und vollständiger
       als die in Youngs Reisewerk; im ganzen aber stimmen beide.
       Wakefield findet in der Bodenbeschaffenheit Irlands im ganzen we-
       nig Verschiedenheit.  Sand kommt  nur an der Küste vor (er ist so
       selten im  Innern, daß  große Mengen Seesand ins Innere verfahren
       werden, um den Torf und Lehmboden damit zu verbessern), Kreidebo-
       den ist  unbekannt (die  Kreide in Antrim ist, wie schon erwähnt,
       mit einer Basaltschicht bedeckt, deren Verwitterungsprodukte eine
       äußerst fruchtbare Ackerkrume abgeben - Kreide liefert in England
       den schlechtesten  Boden), "und  zähen Kleiboden,  wie man ihn in
       Oxfordshire, in  einigen Teilen  von Essex  und im  ganzen oberen
       Suffolk findet,  habe ich  in Irland nie finden können". Die Iren
       nennen jeden lehmigen Boden Klei (clay); es möge wohl den richti-
       gen Klei auch in Irland geben, aber jedenfalls nicht an der Ober-
       fläche wie  in einigen Teilen Englands. Kalkstein oder Kalkgeröll
       finde sich  fast überall;  "Kalkstein ist  ein nützlicher Artikel
       und läßt  sich in eine Quelle des Reichtums verwandeln, die immer
       mit Vorteil anzuwenden ist." Berge und Torfmoore reduzieren frei-
       lich die fruchtbare Oberfläche bedeutend. Im Norden
       ---
       *) "A Tour  in Ireland" by Arthur Young. 3 vols. London 177 [...]
       Obige Stellen finden sich Band II, pp. 28, 135, 143, 154, 165 und
       II. Abteilung, p. 4.
       **) "An Account of Ireland, Statistical and Political." By Edward
       Wakefield. London 1812, 2 vols. in 4°.
       
       #471# Die Geschichte Irlands
       -----
       sei wenig  fruchtbares Land;  doch auch hier finden sich in jeder
       Grafschaft äußerst üppige Täler, und selbst im äußersten Donegal,
       unter den wildesten Bergen, traf W. unerwartet einen sehr reicht-
       ragenden Strich.  Der starke Flachsbau im Norden allein sei schon
       ein genügendes  Anzeichen von  Fruchtbarkeit, da diese Pflanze in
       armem Boden nie gedeiht.
       
       "Ein großer  Teil des  Bodens in Irland trägt einen üppigen Gras-
       wuchs, der  ziemlich dicht  auf dem Kalkfelsen aufsitzt. Ich habe
       Ochsen von vierzehn Zentnern gesehen, die sich rasch mästeten auf
       einem Boden,  der nur  wenige Zoll tief war und auf dem selbst in
       der nassesten  Jahreszeit ein  Pferdehuf keinen  Eindruck zurück-
       ließ. Dies  ist eine Seite des reichen Bodens von Irland, er fin-
       det sich  in ganz  Roscommon, in einigen Teilen von Galway, Clare
       pp. Andre Gegenden wieder weisen den reichsten Lehmboden auf, den
       ich je durch einen Pflug umgestürzt sah; dies ist der Fall beson-
       ders in  ganz Meath.  Wo solcher  Boden vorkommt,  da  ist  seine
       Fruchtbarkeit so  augenscheinlich, daß  es einem dünkt, die Natur
       habe vorgehabt,  die Einwohner  für ihr  plumpes Kultursystem  zu
       entschädigen. -  An den Ufern des Shannon und Fergus ist das Land
       wieder von  andrer Art, aber gleich ergiebig, obwohl die Oberflä-
       che fast  wie ein  Sumpf  aussieht.  Diese  Gegenden  heißen  die
       'Caucasses'" (so  schreibt W. im Gegensatz zu Young); "der Unter-
       boden ist  ein feiner  blauer, von der See abgelagerter Lehm, der
       gleiche Eigenschaften  mit der  Ackerkrume zu haben scheint; denn
       dieser Boden  ist durch kein noch so tiefes Pflügen zu ruinieren.
       - In  den Grafschaften  Limerick und  Tipperary kommt wieder eine
       andre Art  reichen Bodens vor: ein dunkler, krümelnder, trockner,
       sandiger Lehm,  der  mehrere  Jahre  hintereinander  Korn  tragen
       würde, hielte man ihn nur rein von Unkraut. Er eignet sich gleich
       gut für Ackerland oder Viehtrift, und, wie ich zu behaupten wage,
       selten wird  ihm ein Jahr zu naß oder ein Sommer zu trocken sein.
       Die Ergiebigkeit  dieses Bodens erklärt sich zum Teil daraus, daß
       der Regen  Bodenteile von  den Höhen abreißt und im Tal ablagert.
       Der Unterboden  ist kalkig,  so daß der allerbeste Dünger bereits
       von unten  dem ganzen Strich einverleibt ist, ohne den Bauern ir-
       gendwelche Arbeit zu machen." (I, p. 79, 80.)
       
       Wenn ein  zäherer Lehm,  in nicht  sehr dicker Lage, dem Kalkfels
       unmittelbar aufliegt,  so taugt  das Land  zum Ackerbau nicht und
       trägt nur  elende Ernten  Korn; aber es gibt vortreffliche Schaf-
       weiden ab,  die es  immer mehr verbessern, ein dichtes Gras, ver-
       mischt mit weißem Klee und... 1*) erzeugen. (I, p. 80.)
       Im Westen,  namentlich in Mayo, kommen nach Dr. Beaufort *) viele
       turloughs vor  - größere  oder kleinere flache Stellen, die, ohne
       sichtbare Verbindung  mit Bächen oder Flüssen, im Winter sich mit
       Wasser bedecken,
       ---
       *) aufort, Revd.  Dr., "Memoir of a Map of Ireland", 1792, p. 75,
       76. Zitiert bei Wakefield I, p. 36.
       -----
       1*) In der  Handschrift Auslassung,  bei Wakefield  wilder Biber-
       nelle
       
       #472# Friedrich Engels
       -----
       das im Sommer durch unterirdische Spalten der Kalkfelsen abfließt
       und einen üppigen, festen Weideboden hinterläßt.
       
       "Außer den Caucasses", fährt Wakefield fort, "findet sich der be-
       ste Boden in Irland in den Grafschaften Tipperary, Limerick, Ros-
       common, Longford  und Meath.  In Longford  gibt es  ein  Pachtgut
       (Granard Kill), das acht Kartoffelernten nacheinander ohne Dünger
       hervorgebracht hat.  Einige  Teile  von  Cork  sind  ungewöhnlich
       fruchtbar, und  im ganzen  kann man  sagen, daß  Irland Boden von
       ausgezeichneter Qualität  besitzt, obgleich ich nicht so weit ge-
       hen kann wie manche Schriftsteller, die der Ansicht sind, daß er,
       Acre gegen  Acre gerechnet,  entschieden besser  sei als  der von
       England." (I, p. 81.)
       
       Letztere Bemerkung, die gegen Young gerichtet ist, beruht auf ei-
       nem Mißverständnis  des  oben  zitierten  Youngschen  Ausspruchs.
       Young sagt  nicht, daß  der Boden  Irlands ergiebiger sei als der
       Englands, beide  genommen in ihrem jetzigen Kulturstande, der na-
       türlich in England weit höher ist; Young sagt nur, daß die natür-
       liche Fruchtbarkeit  des Bodens  in Irland größer sei als in Eng-
       land, und dies bestreitet Wakefield nicht geradezu.
       Ein schottischer Agronom, Herr Caird, wurde nach der letzten Hun-
       gersnot [356] 1849 von Sir 1*) Robert Peel nach Irland geschickt,
       um über Mittel zur Hebung des dortigen Ackerbaus zu berichten. In
       seiner bald  darauf veröffentlichten  Schrift über den Westen von
       Irland -  nächst dem  äußersten Nordwesten  der schlechteste Teil
       des Landes - heißt es:
       
       "Ich war sehr erstaunt, einen so großen Strich schönes, fruchtba-
       res Land  vorzufinden. Das Innere des Landes ist sehr eben und im
       allgemeinen steinig  und trocken; der Boden trocken und krümelnd.
       Die Feuchtigkeit  des Klimas erzeugt eine sehr beständige Vegeta-
       tion, die  ihre Vorteile  und Nachteile  hat. Sie ist vorteilhaft
       für Gras  und Grünbau *), bedingt aber auch bedeutende und anhal-
       tende Anstrengung, um das Unkraut niederzuhalten. Der Überfluß an
       Kalk allerorts,  sowohl im  Felsen selbst, wie in der Gestalt von
       Sand und Geröll unter der Oberfläche, ist von größtem Wert."
       
       Caird bestätigt  ebenfalls, daß  die ganze  Grafschaft West Meath
       aus dem  schönsten Weideland besteht. Von der Gegend nördlich von
       Lough Corrib (Grafschaft Mayo) heißt es:
       ---
       *) Grünbau (green  crops) umfaßt  alle künstlichen Futterkräuter,
       Rüben aller Art und Kartoffeln; alles, was nicht Korn, nicht Gras
       und nicht Gartenbau ist.
       -----
       1*) An dieser  Stelle ist  in der Handschrift über dem Wort "Sir"
       noch "Ministerium" zu lesen
       
       #473# Die Geschichte Irlands
       -----
       "Der größte  Teil" (einer  Farm von  500 Acres) "ist das schönste
       Mastland für  Schafe und  Rindvieh, trocknes, krümelndes, wellen-
       förmiges Land,  alles auf  dem Kalkfelsen.  Die Felder,  üppiges,
       altgewurzeltes Gras,  sind besser  als  irgend  etwas,  was  wir,
       kleine Fleckchen  ausgenommen, in irgendeinem Teil von Schottland
       haben, soviel  ich mich  wenigstens erinnere.  Die besten Stellen
       dieses Bodens sind zu gut für den Pflug, doch könnte ungefähr die
       Hälfte mit  Vorteil als Ackerland verwandt werden ... Die Schnel-
       ligkeit, womit  der Boden auf diesem Untergrund von Kalkfels sich
       erholt und  von selbst,  ohne daß  irgend etwas gesäet wird, sich
       wieder in Weideland verwandelt, ist sehr merkwürdig." *)
       
       Hören wir schließlich noch eine französische Autorität **):
       
       "Von den  beiden Abteilungen Irlands umfaßt die eine, der Nordwe-
       sten, den  vierten Teil der Insel, nämlich ganz Connaught mit den
       angrenzenden Grafschaften  Donegal, Clare  und Kerry. Sie gleicht
       Wales und  selbst in  ihren schlimmsten Strichen den schottischen
       Hochlanden. Hier  sind wieder 2 Millionen Hektaren wilden Landes,
       deren schauerlicher  Anblick die  irische Redensart  erzeugt hat:
       Geh zur  Hölle oder  nach Connaught!  ***) Die andre, südöstliche
       und weit  größere Abteilung  umfaßt Lemster,  Ulster und  Münster
       oder ungefähr 6 Millionen Hektaren. Sie ist dem eigentlichen Eng-
       land an natürlicher Fruchtbarkeit mindestens gleich. Doch ist der
       Boden sich  nicht überall gleich, die feuchten Niederschläge sind
       dort noch  größer als  in England.  Große Torfmoore bedecken etwa
       1/10 der  Oberfläche; mehr  als ein  anderes Zehntel  besteht aus
       Seen und  Bergen. Aus den 8 Millionen Hektaren in Irland sind nur
       fünf Millionen angebaut." (p. 9, 10.) - "Selbst die Engländer ge-
       ben zu,  daß Irland,  was den  Boden betrifft,  England überlegen
       ist. Von  den obigen 8 Mill. Hektaren nehmen Felsgebirg, Seen und
       Torfmoor ungefähr  2  Mill.  ein;  2  Mill.  mehr  sind  ziemlich
       schlechtes Land.  Der Rest,  also etwa die Hälfte des ganzen Lan-
       des, ist  prächtiges Land  mit kalkigem Untergrund - was will man
       sich Besseres wünschen?" (p. 343.)
       
       Man sieht,  alle Autoritäten stimmen dahin ein, daß der Boden Ir-
       lands sowohl nach seinen chemischen Bestandteilen wie nach seiner
       mechanischen Zusammensetzung  alle Elemente  der Fruchtbarkeit in
       ungewöhnlichem Maße vereinigt. Die Extreme - zäher, undurchdring-
       licher Klei,  der kein  Wasser durchläßt,  und loser Sand, der es
       keine Stunde behält - fehlen
       ---
       *) Caird, "The  Plantation Scheine,  or the  West of Ireland as a
       field for  Investment", Edinburgh  1850. Herr Caird schrieb 1850-
       1851 in  die "Times" Reiseberichte über den Zustand des Ackerbaus
       in den  Hauptgrafschaften Englands. Obige Stellen finden sich pp.
       6, 17-18, 121.
       **) Léonce de  Lavergne, "Rural  Economy of England, Scotland and
       Ireland". Translated from the French. Edinburgh 1855.
       ***) Die Redensart, wie sich zeigen wird, verdankt ihren Ursprung
       nicht den  dunklen Bergen  von Connaught,  sondern der dunkelsten
       Periode der ganzen irischen Geschichte. [357]
       
       #474# Friedrich Engels
       -----
       ganz. Dagegen hat Irland einen ändern Nachteil. Während die Berge
       meist an  der Küste  liegen, sind die Wasserscheiden zwischen den
       verschiedenen Flußbecken im Innern meist sehr niedrig. Die Flüsse
       sind nicht  imstande, das sämtliche Regenwasser zum Meer abzufüh-
       ren, und so entstehen im Innern, besonders an den Wasserscheiden,
       ausgedehnte Torfmoore.  In der  Ebene allein sind 1 576 000 Acres
       mit Torfmoor  bedeckt. Es sind meist Einsenkungen oder Mulden des
       Terrains, großenteils  frühere flache  Seebecken, die  allmählich
       mit Moos  und Sumpfpflanzen bewachsen und von deren abgestorbenen
       Resten ausgefüllt  worden sind.  Sie dienen,  wie unsre norddeut-
       schen Moore, nur zum Torf stechen. Die Kultur kann sich unter dem
       jetzigen Ackerbausystem nur langsam ihrer Ränder bemächtigen. Der
       Boden dieser alten Seebecken ist überall Mergel, der seinen Kalk-
       gehalt (von  5-90% schwankend)  von den  Schalen der Süßwassermu-
       scheln des  Sees empfangen  hat. Jedes  dieser Torfmoore  enthält
       also das  Material zu seiner Urbarmachung in seinem eignen Schoß.
       Außerdem sind  die meisten  derselben reich  an Eisenstein. Neben
       diesen Mooren  der Ebene  finden sich  noch 1 254 000 Acres Berg-
       moor, eine Frucht der Entwaldung in einem feuchten Klima und eine
       eigentümliche Schönheit  der britischen  Inseln. Überall, wo hier
       flache oder  schwachgewölbte Kuppen entwaldet worden - was im 17.
       und der  ersten Hälfte  des 18. Jahrhunderts massenweise geschah,
       um die  Eisenwerke mit Holzkohle zu versorgen -, bildete sich un-
       ter dem  Einfluß des  Regens und  der Nebel ein Überzug von Torf,
       der später, wo die Verhältnisse günstig waren, an den Hängen sich
       fortsetzte. Der  ganze Rücken  der Gebirgskette,  die Nordengland
       von Nord  nach Süd  bis gegen  Derby hin  durchschneidet, ist mit
       solchen Mooren  bedeckt; und  wo auf der Karte von Irland größere
       Gebirgsgruppen verzeichnet  sind, da findet sich auch Bergmoor im
       Überfluß. Die  Torfmoore Irlands sind aber an sich keineswegs für
       den Ackerbau  hoffnungslos verloren;  wir werden vielmehr seiner-
       zeit sehn, welch reiche Früchte ein Teil sowohl von ihnen wie die
       von Lavergne  verächtlich behandelten 2 Mill. Hektaren (= 5 Mill.
       Acres) "ziemlich  schlechten Landes" bei geeigneter Behandlung zu
       tragen imstande sind.
       
                                   ---
       
       Das Klima  Irlands wird  bestimmt durch seine Lage. Der Golfstrom
       und die  vorherrschenden Südwestwinde führen ihm Wärme zu und be-
       dingen milde  Winter und  frische Sommer. Im Südwesten dauert der
       Sommer bis  tief in  den Oktober  hinein, der hier nach Wakefield
       (I, p.  221) vorzugsweise  als Monat des Seebades gilt. Frost ist
       selten und von kurzer
       
       #475# Die Geschichte Irlands
       -----
       Dauer, Schnee  bleibt in  der Ebene  fast nie liegen. An den nach
       Südwesten offenen,  nach Norden geschützten Buchten von Kerry und
       Cork herrscht  den ganzen  Winter durch Frühlingswetter; dort und
       an manchen  andern Stellen gedeiht die Myrte im Freien (Wakefield
       führt ein Beispiel an, wo sie auf einem Landsitz zu Bäumen von 16
       Fuß Höhe  heranwuchs und  zu Stallbesen verwandt wurde, I, p.55),
       und Lorbeer, Arbutus und andre immergrüne Pflanzen wachsen zu ho-
       hen Bäumen  empor. Noch  zu Wakefields Zeiten ließen im Süden die
       Bauern ihre  Kartoffeln den  ganzen Winter  durch im Freien, ohne
       daß sie  ihnen seit 1740 je verfroren wären. Dagegen erleidet Ir-
       land auch  den ersten heftigen Niederschlag der schweren atlanti-
       schen Regenwolken.  Die durchschnittliche  Regenmenge von  Irland
       beträgt mindestens  35 Zoll,  bedeutend mehr als der Durchschnitt
       von England,  doch sicher  weniger als  der Durchschnitt von Lan-
       cashire und  Cheshire und kaum mehr als der von ganz Westengland.
       Trotzdem ist  das Klima  Irlands entschieden  angenehmer als  das
       englische. Der  bleierne Himmel,  der in  England so oft tagelang
       ununterbrochen forttröpfelt,  wird dort meist ersetzt durch einen
       kontinentalen Aprilhimmel; die frischen Seewinde treiben die Wol-
       ken rasch  und unerwartet  herbei, aber  auch ebenso rasch wieder
       vorüber, wenn  sie nicht sofort in scharfen Schauern herabkommen.
       Und selbst  tagelanger Regen,  wie er im Spätherbst vorkommt, hat
       nicht den  chronischen Anstrich  wie in  England. Das Wetter, wie
       die Bewohner,  hat einen  akuteren Charakter,  es bewegt  sich in
       schärferen, unvermittelteren  Gegensätzen; der Himmel ist wie ein
       irisches Frauengesicht,  Regen und  Sonnenschein folgen sich auch
       da plötzlich  und unerwartet,  aber für die graue englische Lang-
       weile ist kein Platz.
       Den ältesten  Bericht über  das irische  Klima gibt uns der Römer
       Pomponius Mela  ("De situ  orbis") im  ersten Jahrhundert  unsrer
       Zeitrechnung wie folgt:
       
       "Jenseits Britanniens  liegt Juverna,  ihm an  Ausdehnung beinahe
       gleich, aber sonst ihm ähnlich; von länglicher Gestalt, von einem
       dem Reifen  der Saaten  ungünstigen Himmel; dafür aber strotzt es
       von üppigem und süßem Gras, so daß ein gar kleiner Teil des Tages
       genügt, damit  das Vieh  sich sättige,  und wenn man es nicht von
       der Weide fortnimmt, so birst es vom übermäßigen Fressen."
       
       "Coeli ad  maturanda semina  iniqui, verum  adeo luxuriosa herbis
       non laetis  modo sed  etiam dulcibus!" In modernes Englisch über-
       setzt, finden  wir diese  Stelle unter  ändern bei  Herrn Goldwin
       Smith, Professor  der Geschichte  weiland in  Oxford und jetzt in
       Cornell University,  Amerika. Er  erzählt uns,  es sei schwer, in
       einem großen  Teil von  Irland eine Weizenernte einzuheimsen, und
       fährt fort:
       
       #476# Friedrich Engels
       -----
       "Irlands natürlicher Weg zu kommerzieller Prosperität scheint der
       zu sein,  mit den Produkten seiner Weiden, mit Vieh, Butter usw.,
       die Bevölkerung Englands zu versorgen." *)
       
       Von Mela bis auf Goldwin Smith und bis heute, wie oft ist die Be-
       hauptung wiederholt  worden -  seit 1846 [358] namentlich von dem
       lärmenden Chor  der irischen  Grundbesitzer -,  daß Irland  durch
       sein Klima  verurteilt sei, nicht Irländer mit Brot, sondern Eng-
       länder mit  Fleisch und  Butter zu versorgen, und daß deshalb die
       Bestimmung des  irischen Volks  sei, über  den Ozean  gebracht zu
       werden, damit Raum werde in Irland für Kühe und Schafe!
       Man sieht,  die Feststellung  des Tatbestands  über  das  irische
       Klima ist  die Lösung einer politischen Tagesfrage. Und zwar geht
       uns hier  das Klima  nur insofern an, als es für den Ackerbau von
       Bedeutung ist.  Die  Beobachtungen  regenmessender  Naturforscher
       sind bei  dem jetzigen  lückenhaften Stand  der Beobachtungen für
       unsern Zweck  nur von sekundärem Wert; es kommt nicht sowohl dar-
       auf an,  wieviel Regen  fällt, sondern weit mehr, wie und wann er
       fällt. Die  Urteile der  Agronomen fallen  hier vor allem ins Ge-
       wicht.
       Arthur Young  hält Irland  für entschieden  feuchter als England;
       daher komme  die erstaunliche  Neigung des Bodens, Gras zu produ-
       zieren. Er  spricht von  Fällen, wo Rüben- und Stoppelland, unge-
       pflügt gelassen,  den nächsten  Sommer eine  reichliche  Heuernte
       gab, Dinge,  wovon in  England kein Beispiel vorkommt. Er erwähnt
       ferner, daß der irische Weizen viel leichter ist als der trockne-
       rer Länder;  die Felder  sind voll  Gras und Unkraut selbst unter
       der besten  Kultur, und die Ernten sind so naß und so mühsam ein-
       zubringen, daß  der Ertrag  sehr darunter  leidet (Young, "Tour",
       II, p. 100).
       Gleichzeitig aber  macht er  darauf aufmerksam,  daß der Boden in
       Irland dieser  Feuchtigkeit des  Klimas entgegenwirkt.  Der Boden
       ist überall steinig und läßt daher Wasser leichter durch.
       
       "Zäher, steiniger,  fester Lehm (loam), schwer zu bearbeiten, ist
       in Irland  nicht ungewöhnlich,  aber er  ist ganz verschieden vom
       englischen Klei  (clay). Wenn  so viel  Regen fiele  auf den Klei
       Englands (eine  Bodenart, die  in Irland selten und nie ohne viel
       Steine vorkommt)  wie auf die Felsen der Schwesterinsel, so könn-
       ten diese Striche
       ---
       *) Goldwin Smith, "Irish History and Irish Character", Oxford and
       London 1861.  - Man  weiß nicht, was man an dieser, die englische
       Politik gegenüber  Irland  unter  der  Maske  der  "Objektivität"
       rechtfertigenden Schrift  mehr bewundern  soll, die  Unwissenheit
       des Professors  der Geschichte  oder die  Heuchelei des liberalen
       Bourgeois. Wir treffen beide noch wieder.
       
       #477# Die Geschichte Irlands
       -----
       nicht bebaut  werden. Hier  aber sind die Felsen mit Grün beklei-
       det, und  wo sie aus Kalk bestehen, tragen sie auf einer nur dün-
       nen Schicht  Humus den  weichsten und  schönsten Rasen der Welt."
       (II, 2. Abt., p. 3, 4.)
       
       Der Kalkfels  ist bekanntlich  überall voller  Risse und Spalten,
       die das überflüssige Wasser rasch durchlassen.
       Wakefield widmet  dem Klima ein sehr ausführliches Kapitel, worin
       er alle früheren Beobachtungen bis auf seine Zeit herab zusammen-
       stellt. Dr. Boate ("Natural History of Ireland", 1645) beschreibt
       die Winter als mild, 3-4 Fröste jährlich, die selten mehr als 2-3
       Tage anhalten,  der Liffey bei Dublin friere in 10-12 Jahren kaum
       einmal zu.  Der März  sei meist  trocken und  schön, darauf  aber
       falle viel  Regen; selten gäbe es im Sommer 2-3 ganz trockne Tage
       hintereinander; im  Spätherbst sei  es dann  wieder  schön.  Sehr
       trockne Sommer  seien selten,  die Teurung werde nie durch Dürre,
       sondern meist  durch Nässe  veranlaßt. In der Ebene gäbe es wenig
       Schnee, so daß das Vieh das ganze Jahr im Freien bleibe. Doch zu-
       weilen komme  auch ein Schneejahr vor wie 1635, wo dann die Leute
       Mühe hätten, ihr Vieh unterzubringen. (Wakef., I, p. 216 ff.)
       Im Anfange  des vorigen  Jahrhunderts machte  Dr. Rutty ("Natural
       History of the County of Dublin") genaue meteorologische Beobach-
       tungen, die  sich über  die fünfzig  Jahre von  1716 bis 1765 er-
       strecken. Während dieser ganzen Zeit verhielten sich die Süd- und
       Westwinde zu  den Nord-  und Ostwinden wie 73:37, (10 878 S und W
       gegen 6329  N und  O). Herrschende  Winde waren West und Südwest,
       nach ihnen  kam Nordwest  und Südost,  am seltensten  Nordost und
       Ost. Im Sommer, Herbst und Winter herrschen West und Südwest vor;
       Ost ist am häufigsten im Frühjahr und Sommer, wo er doppelt sooft
       vorkommt wie  im Herbst  und Winter; Nordost kommt meist im Früh-
       jahr vor,  ebenfalls doppelt  so häufig wie im Herbst und Winter.
       Infolgedessen sei  die Temperatur gleichmäßiger, [seien] die Win-
       ter milder,  die Sommer  kühler als  in London,  dagegen die Luft
       feuchter. Selbst  im Sommer saugen Salz, Zucker, Mehl usw. Feuch-
       tigkeit aus der Luft ein, und das Korn müsse in Backöfen getrock-
       net werden,  was in  einigen Teilen  von England  nicht vorkomme.
       (Wakef., I, p. 172-81.)
       Rutty konnte damals das irische Klima nur mit dem von London ver-
       gleichen, das,  wie in ganz Ostengland, allerdings trockener ist.
       Hätte ihm  aber Material über West- und besonders Nordwestengland
       zur Verfügung  gestanden, so  würde er  gefunden haben, daß seine
       Beschreibung des  irischen Klimas,  die Verteilung der Winde über
       das Jahr,  die nassen  Sommer, in denen Zucker, Salz pp. in unge-
       heizten Räumen  zerfallen, ganz  auf diesen  Landstrich paßt, nur
       daß dieser im Winter kälter ist.
       
       #478# Friedrich Engels
       -----
       Über den  meteorologischen Charakter  der Jahreszeiten  hat Rutty
       ebenfalls Listen  geführt. In  den erwähnten  50 Jahren gab es 16
       kalte, späte oder zu trockne Frühjahre; etwas mehr als in London.
       Ferner 22  heiße und  trockne, 24  nasse, 4 veränderliche Sommer;
       etwas feuchter  als in  London, wo die Zahl der trocknen oder der
       nassen Sommer  gleichkommt; ferner 16 schöne, 12 nasse, 22 verän-
       derliche Herbste, wieder etwas feuchter und veränderlicher als in
       London; und 13 frostige, 14 nasse und 23 milde Winter, was bedeu-
       tend feuchter und milder ist als in London.
       Nach den  Regenmessungen im  botanischen Garten in Dublin während
       der zehn  Jahre 1802-1811 kam in dieser Zeit auf jeden Monat fol-
       gende Gesamtregenmenge in Zöllen: Dezember 27,31; Juli 24,15; No-
       vember 23,49;  August 22,47;  September 22,27;  Januar 21,67; Ok-
       tober 20,12;  Mai 19,50;  März 14,69; April 13,54; Februar 12,32;
       Juni 12,07;  Durchschnitt per  Jahr 23,36.  (Wakf,, I,  p.  191,)
       Diese zehn  Jahre sind  ausnahmsweise trocken; Kane ("Ind. Res.",
       p. 73)  gibt den  Durchschnitt von  6 Jahren  in Dublin auf 30,87
       Zoll und Symons ("English Rain Fall") den von 1860-1862 auf 29,79
       Zoll an. Wie wenig aber bei den rasch vorübergehenden, bloß loka-
       len Regenschauern  Irlands dergleichen  Messungen bedeuten,  wenn
       sie sich nicht über eine lange Reihe von Jahren erstrecken und an
       sehr vielen Stationen vorgenommen werden, beweist u.a. die Tatsa-
       che, daß  von drei Stationen in Dublin selbst die eine 24,63, die
       andre 28,04,  die dritte  30,18 Zoll  als Regenmenge für 1862 er-
       hielt. Die Durchschnittsregenmenge von 12 Stationen in allen Tei-
       len Irlands (von 25,45 auf 51,44 Zoll variierend) betrug nach Sy-
       mons in den Jahren 1860-1862 nicht ganz 39 Zoll.
       Dr. Patterson sagt in seinem Buch über das Klima Irlands:
       
       "Die Häufigkeit  unsrer Regenschauer,  nicht aber  die Regenmenge
       selbst hat  die beliebte  Vorstellung von der Nässe unsres Klimas
       erzeugt ...  Zuweilen wird  im Frühjahr  die Aussaat  etwas durch
       nasses Wetter  verzögert, aber  unsre Frühjahre  sind so oft kalt
       und spät,  daß frühe Aussaat hierzulande nicht immer rätlich ist.
       Wenn im Sommer und Herbst häufige Schauer unsre Heu- und Kornern-
       ten riskant  machen, so  würden Wachsamkeit  und Fleiß in solchen
       Notfällen ebenso  erfolgreich sein, wie sie es in England bei den
       dortigen 'schleunigen'  Ernten (catching harvests) sind, und ver-
       besserte Kultur  würde dafür sorgen, daß die Aussaat die Bemühun-
       gen des Landmanns unterstützte." *)
       
       In Londonderry  wechselte die Zahl der regenfreien Tage in den 10
       Jahren 1791-1802  von 113 auf 148 im Jahr; Durchschnitt über 126.
       In Belfast  stellte sich  derselbe Durchschnitt heraus. In Dublin
       variierte die Zahl von 168 auf 205, Durchschnitt 179. (Patterson,
       ibid.)
       -----
       *) Dr. W. Patterson, "An Essay on the Climate of Ireland", Dublin
       1804, p. 164.
       
       #479# Die Geschichte Irlands
       -----
       Nach Wakefields  Angabe fallen  die Ernten  in Irland  wie folgt:
       Weizen meist im September, seltener im August, selten im Oktober;
       Gerste meist  etwas später als Weizen und Hafer ungefähr eine Wo-
       che später  als Gerste,  also schon  öfter im Oktober. Wakefield,
       der nach langen Untersuchungen zu dem Resultat kommt, daß das Ma-
       terial für eine wissenschaftliche Schilderung des irischen Klimas
       noch lange  nicht genüge,  äußert sich nirgends dahin, daß es dem
       Kornbau ernstliche  Schwierigkeiten in  den Weg  lege. Er  findet
       vielmehr, wie  sich zeigen wird, daß die Verluste bei nassen Ern-
       tezeiten durch ganz andere Ursachen bedingt werden, und sagt aus-
       drücklich:
       
       "Der Boden  Irlands ist  so fruchtbar,  das Klima so günstig, daß
       unter einem geeigneten Ackerbausystem die Insel nicht nur hinrei-
       chend Korn  zu ihrem  eignen Gebrauch hervorbringen wird, sondern
       auch noch einen reichlichen Überschuß, der zu allen Zeiten, wo es
       not tut,  für die  Bedürfnisse Englands  dienen könnte."  (II, p.
       61.)
       
       Damals freilich  - 1812  - lag England im Krieg mit aller Welt in
       Europa und Amerika [359], und die Korneinfuhr war sehr erschwert;
       Korn war  erstes Bedürfnis. Jetzt liefern Amerika, Rumänien, Ruß-
       land und  Deutschland Korn genug, und es handelt sich vielmehr um
       wohlfeiles Fleisch.  Und daher  taugt jetzt  das Klima  in Irland
       nicht mehr zum Ackerbau.
       Der Anbau  von Korn ist in Irland uralt. In den ältesten irischen
       Gesetzen, die  lange vor  Ankunft der Engländer niedergeschrieben
       wurden, ist  der "Sack Weizen" bereits ein bestimmtes Wertmaß; in
       den Leistungen  der Untergebnen an die Stammhäupter und sonstigen
       Häuptlinge kommt  Weizen, Gerstenmalz und Hafermehl fast regelmä-
       ßig in bestimmt vorgeschriebnen Quantitäten vor. *) Nach der eng-
       lischen Invasion verminderte sich unter den fortwährenden Kämpfen
       der Kornbau,  ohne doch  je ganz aufzuhören; von 1660 an bis 1725
       nahm er wieder zu, von da bis gegen 1780 wieder ab; von 1780-1846
       wurde neben vorwiegendem Kartoffelbau wieder mehr Korn gesät, und
       seit 1846  sind Korn  und Kartoffeln  stetig dem  Vordringen  der
       Viehweide gewichen. Wenn das Klima nicht für den Kornbau geeignet
       ist, würde er über tausend Jahre sich gehalten haben?
       Allerdings gibt  es Striche  in Irland, die wegen des in der Nähe
       der Berge  stets häufiger fallenden Regens zum Weizenbau sich we-
       niger eignen -
       ---
       *) "Ancient Laws  and Institutes  of Ireland  - Senchus  Mor",  2
       vols., Dublin,  printed for  Her Majesty's Stationery Office, and
       published by  Alexander Thom  (London, Longmans)  1865 und  1869.
       [360] Siehe  Band II, p. 239-251. Der Wert eines Sacks Weizen war
       1 screpall  (denarius) von  20-24 Gran Silber, der Wert des scre-
       palls ist  von Dr.  Petrie, "Ecclesiastical  Architecture of Ire-
       land, anterior  to the  Anglo-Norman invasion",  Dublin 1845, 4°,
       pag. 212-219, festgestellt.
       
       #480# Friedrich Engels
       -----
       besonders im Süden und Westen. Neben guten Jahren kommen dort oft
       Reihen nasser  Sommer vor,  wie 1860-1862,  die dem  Weizen  viel
       Schaden tun. Aber Weizen ist nicht das Hauptkorn Irlands, und Wa-
       kefield beklagt sich sogar darüber, daß aus Mangel an Absatzmärk-
       ten viel  zu wenig  davon gebaut  werde; einen ändern Markt dafür
       als die  nächste Mühle  gab es nicht; Gerste wurde ebenfalls fast
       nur für  die heimlichen  Branntweinbrennereien (die sich der Ver-
       steuerung entzogen)  gebaut. Das  Hauptkorn in Irland war und ist
       Hafer, von  dem 1810  mindestens zehnmal  soviel gebaut wurde wie
       von allen ändern Kornarten zusammen; und da die Haferernte später
       ist als die von Weizen und Gerste, fällt sie häufiger in das, be-
       sonders im  Süden, meist schöne Wetter von Ende September und Ok-
       tober. Und Hafer kann zudem schon tüchtig Regen vertragen.
       Wir haben  schon oben  gesehn, daß  das Klima Irlands, was Regen-
       menge und  Verteilung des Regenfalls auf die Jahreszeiten angeht,
       mit dem  des nordwestlichen Englands fast ganz stimmt. Der Regen-
       fall in  den Bergen von Cumberland und Westmoreland und Nord-Lan-
       cashire ist  weit höher  als in irgendeiner mir bekannten Station
       Irlands  (in   Coniston  96,03,   in   Windermere   75,02   Zoll,
       Durchschnitt von  1860-1862), und  doch wird dort Heu gemacht und
       Hafer gebaut.  In denselben  Jahren variierte  die Regenmenge  im
       südlichen Lancashire  von 25,11 in Liverpool auf 59,13 in Bolton,
       Durchschnitt aller  Beobachtungen etwa  40 Zoll;  in Cheshire von
       33,02 auf  43,40, Durchschnitt  aller Beobachtungen etwa 37 Zoll.
       In Irland  war sie in denselben Jahren, wie wir sahen, nicht ganz
       39 Zoll.  (Alle Zahlen  aus Symons.)  In beiden Grafschaften wird
       Korn aller Art, namentlich Weizen, gebaut; Cheshire trieb bis zur
       letzten Rinderpest-Epidemie  allerdings vorwiegend  Viehzucht und
       Milchwirtschaft, aber  seitdem das Vieh großenteils weggestorben,
       paßt das  Klima auf einmal ganz vortrefflich für Weizen. Wäre die
       Rinderpest nach Irland gekommen und hätte dort ebenso arge Verwü-
       stungen angerichtet wie in Cheshire, so würde man uns jetzt statt
       des natürlichen Berufs Irlands zur Viehweide die Stelle aus Wake-
       field vorpredigen, wonach Irland zur Kornkammer Englands bestimmt
       ist.
       Sieht man sich die Sache unbefangen an, unbeirrt von dem interes-
       sierten Geschrei irischer Grundbesitzer und englischer Bourgeois,
       so wird  man finden,  daß Irland  Striche hat, die nach Boden und
       Klima mehr  zu Viehzucht, andere, die mehr zum Ackerbau, und noch
       andere -  die große  Mehrzahl -,  die zu  beidem gleich  geeignet
       sind, wie  das eben allerorts stattfindet. Verglichen mit England
       ist Irland der Viehzucht im ganzen günstiger; aber verglichen mit
       Frankreich ist  England ebenfalls  der Viehzucht  günstiger. Geht
       daraus hervor, daß ganz England in Viehweide verwandelt, daß die
       
       #481# Die Geschichte Irlands
       -----
       ganze ackerbauende Bevölkerung in die Fabrikstädte oder nach Ame-
       rika gesandt  werden muß - einige wenige Hirten ausgenommen -, um
       Platz zu  machen für  Vieh, das  als Zahlung für Seidenstoffe und
       Weine nach Frankreich zu wandern hat? Aber das ist ganz dasselbe,
       was irische  Grundeigentümer, die  ihre Grundrente  steigern, und
       englische Bourgeois,  die ihre  Arbeitslöhne herabdrücken wollen,
       für Irland verlangen: Goldwin Smith hat es deutlich genug gesagt.
       Und dabei würde die soziale Revolution, die in einer solchen Ver-
       wandlung von  Ackerland in  Viehweide einbegriffen ist, in Irland
       weit gewaltiger  sein als in England. In England, wo große Kultur
       vorherrscht und  die Ackerknechte schon großenteils durch Maschi-
       nen  ersetzt  sind,  würde  sie  bedeuten  die  Verpflanzung  von
       höchstens einer  Million, in Irland, wo die kleine und selbst die
       Spatenkultur vorherrscht, würde sie bedeuten die Verpflanzung von
       vier Millionen, die Ausrottung des irischen Volks.
       Man sieht,  selbst Naturtatsachen werden zwischen England und Ir-
       land zu  nationalen Streitpunkten.  Man sieht  aber auch, wie die
       öffentliche Meinung  der in  England herrschenden  Klasse  -  und
       diese allein  macht sich  auf dem Kontinent hörbar - mit der Mode
       und dem  Interesse wechselt.  Heute braucht England rasch und si-
       cher Korn  - und  Irland ist zum Weizenbau wie geschaffen; morgen
       braucht England  Fleisch -  Irland taugt  nur zur  Viehweide; die
       fünf Millionen  Irländer schlagen durch ihre bloße Existenz allen
       Gesetzen der  politischen Ökonomie  ins Gesicht, sie müssen fort,
       sie mögen sehn, wo sie bleiben!
       
       #482#
       -----
       Altirland
       
       Die Schriftsteller des griechischen und römischen Altertums sowie
       die Kirchenväter geben nur sehr wenig Aufschluß über Irland.
       Dafür existiert  eine noch  immer ziemlich reichhaltige einheimi-
       sche Literatur,  trotz der vielen, in den Kriegen des 16. und 17.
       Jahrhunderts verlorengegangenen  irischen Schriften.  Sie enthält
       Gedichte, Grammatiken,  Glossarien, Annalen und andre historische
       Schriften und  Rechtsbücher. Mit sehr wenig Ausnahmen jedoch exi-
       stiert diese  ganze Literatur,  die die Periode mindestens vom 8.
       bis zum  17. Jahrhundert  umfaßt, nur im Manuskript. Für die iri-
       sche Sprache  hat der Buchdruck erst seit wenig Jahren existiert,
       erst seit  der Zeit, wo sie auszusterben begann. Das reiche Mate-
       rial ist also nur zum allergeringsten Teil zugänglich.
       Unter den  Annalen sind  die wichtigsten  die des  Abts Tigernach
       (gestorben 1088), die von Ulster und vor allem die der vier Magi-
       ster. Diese  letzteren wurden 1632-1636 unter Leitung von Michael
       O'Clery, einem Franziskanermönch, mit Hilfe von drei ändern Sean-
       chaidhes (Altertumsforschern) im Kloster Donegal nach Materialien
       zusammengestellt, die  jetzt fast  alle verloren  sind. Sie  sind
       nach der  noch existierenden  Originalhandschrift aus  Donegal in
       kritischer Ausgabe  mit englischer  Übersetzung herausgegeben von
       O'Donovan 1856.  *) Die früheren Ausgaben von Dr. Charles O'Conor
       (der erste Teil der "IV Mag.", die "Annalen von Ulster" pp.) sind
       im Texte und Übersetzung unzuverlässig. [361]
       Den Anfang  der meisten dieser Annalen macht die mythische Vorge-
       schichte Irlands;  die Grundlage  bilden alte Volkssagen, die von
       Dichtern des  9. und 10. Jahrhunderts ins unendliche ausgesponnen
       und von Mönchschronisten
       ---
       *) "Annala Rioghachta  Eireann. Annals  of the Kingdom of Ireland
       by the Four Masters." Edited, with an English Translation, by Dr.
       John O'Donovan. 2nd edit., Dublin 1856, 7 vols in 4°.
       
       #483# Die Geschichte Irlands
       -----
       dann in  gehörige chronologische Ordnung gebracht wurden. So fan-
       gen die  "Annalen der IV Mag." an mit dem Jahre der Welt 2242, wo
       Ceasair, eine  Enkelin Noahs,  40 Tage vor der Sündflut in Irland
       gelandet sei;  so werden von ändern die Vorfahren der Skoten, der
       letzten Einwanderer  nach Irland,  in direkter Genealogie von Ja-
       phet abgeleitet und mit Moses, mit den Ägyptern und Phöniziern in
       Verbindung gebracht,  wie auch von unsern mittelalterlichen Chro-
       nisten die  Vorfahren deutscher Stämme mit Troja, Aneas oder Ale-
       xander dem  Großen. Die  "IV Mag."  widmen diesem Gefabel (in dem
       das einzig  wertvolle Element,  die wirkliche alte Volkssage, bis
       jetzt nicht  zu unterscheiden  ist)  nur  ein  paar  Seiten;  die
       "Annalen von  Ulster" lassen es ganz aus; schon Tigernach erklärt
       mit einer  für seine  Zeit wunderbaren  kritischen Kühnheit,  daß
       alle Denkmäler der Skoten vor König Cimbaoth (angeblich 300 Jahre
       vor Chr.)  unsicher seien. Aber als Ende des vorigen Jahrhunderts
       neues nationales  Leben in Irland erwachte und damit neues Inter-
       esse an der irischen Literatur und Geschichte, galten grade diese
       Mönchsfabeln für  deren wertvollsten Bestandteil. Mit echt kelti-
       schem Enthusiasmus und mit spezifisch irischer Naivetät wurde der
       Glaube an  diese Histörchen zu einem wesentlichen Bestandteil des
       nationalen Patriotismus  erklärt; was  der superklugen englischen
       Gelehrten weit - deren eigne Leistungen in der philologischen und
       historischen Kritik  der übrigen  Welt ja  rühmlich genug bekannt
       sind -  natürlich den  erwünschten Vorwand bot, alles Irische als
       baren Unsinn beiseite zu werfen. *)
       Seit den  dreißiger Jahren  dieses Jahrhunderts ist indes ein bei
       weitem kritischerer  Geist über Irland gekommen, namentlich durch
       Petrie und  O'Donovan. Petries  bereits angeführte Untersuchungen
       beweisen die vollständigste
       ---
       *) Eins der naivsten Produkte jener Zeit sind: "The Chronicles of
       Eri, being  the History of the Gaal Sciot Iber, or the Irish Peo-
       ple, translated  from the  original manuscripts in the Phoenician
       dialect of  the Scythian  Language by  O'Connor", London  1822, 2
       vols. Der  phönizische Dialekt der skythischen Sprache ist natür-
       lich das  keltische Irisch und das Originalmanuskript eine belie-
       bige Vers-Chronik.  Der Herausgeber ist Arthur O'Connor, Exilier-
       ter von  1798, Onkel  des späteren Führers der englischen Charti-
       sten,  Feargus   O'Connor,  angeblicher   Nachkomme   der   alten
       O'Connors, Könige von Connaught, und gewissermaßen irischer Kron-
       prätendent. Vor  dem Titel  steht sein Porträt, ein hübsches, jo-
       viales, irisches Gesicht, seinem Neffen Feargus frappant ähnlich,
       mit der  rechten Hand  eine Krone  fassend. Darunter: "O'Connor -
       cear-rige, head of his race, and O'Connor, chief of the prostrate
       people of his nation: 'Soumis, pas vaincus.'" 1*)
       -----
       1*) "O'Connor -  Haupt seines  Stammes, und  O'Connor, Führer des
       unterdrückten Volkes  seines Landes: 'Unterworfen, doch nicht be-
       siegt.'"
       
       #484# Friedrich Engels
       -----
       Einstimmung der  erhaltenen ältesten  Inschriften seit dem 6. und
       7. Jahrhundert  mit den  Annalen, und  O'Donovan ist der Ansicht,
       daß diese schon vom 2. und 3. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung an-
       fangen, historische Tatsachen zu berichten. Für uns kann es ziem-
       lich gleichgültig sein, ob die Glaubwürdigkeit der Annalen einige
       hundert Jahre  früher oder  später beginnt,  denn leider sind sie
       für unsern Zweck in jener Zeit fast ganz unfruchtbar. Sie enthal-
       ten kurze,  trockne Notizen  von Todesfällen,  Thronbesteigungen,
       Kriegen, Schlachten,  Erdbeben, Seuchen,  skandinavischen Raubzü-
       gen, aber  wenig, was  auf das soziale Leben des Volks Bezug hat.
       Wäre die  gesamte juristische Literatur Irlands herausgegeben, so
       würden sie  ganz andre  Bedeutung bekommen;  manche trockne Notiz
       würde durch  erklärende Stellen  der Rechtsbücher neues Leben er-
       halten.
       Diese Rechtsbücher,  die sehr zahlreich sind, erwarten aber eben-
       falls fast  alle noch die Zeit, wo sie das Licht der Welt erblic-
       ken sollen.  Auf Andringen  mehrerer  irischer  Altertumsforscher
       willigte die  englische Regierung  1852 ein,  eine Kommission zur
       Herausgabe der  alten Gesetze und Institutionen Irlands zu ernen-
       nen. Aber  wie? Die  Kommission bestand  aus drei  Lords (die nie
       fehlen dürfen,  wo es Staatsgelder zu verzehren gibt), drei Juri-
       sten höchsten  Rangs, drei  protestantischen Geistlichen,  ferner
       dem Dr.  Petrie und  einem Offizier, Chef der Vermessung Irlands.
       Von allen  diesen Herren konnten nur Dr. Petrie und zwei Geistli-
       che, Dr. Graves (jetzt protestantischer Bischof von Limerick) und
       Dr. Todd,  den Anspruch  erheben, von  der Aufgabe der Kommission
       irgend etwas  zu verstehn,  und von  diesen sind  Petrie und Todd
       seitdem verstorben.  Die Kommission  erhielt den Auftrag, die Ab-
       schrift, Übersetzung  und Herausgabe  der  alten  irischen  Hand-
       schriften juristischen  Inhalts besorgen  zu lassen und dafür die
       nötigen Leute  anzustellen. Sie  stellte dafür  die beiden besten
       Leute an,  die  zu  haben  waren:  Dr.  O'Donovan  und  Professor
       O'Curry, die  eine Menge Manuskripte kopierten und im ersten Ent-
       wurf übersetzten;  ehe indes  etwas zur  Herausgabe  fertig  war,
       starben beide. Ihre Nachfolger Dr. Hancock und Prof. O'Mahony ha-
       ben dann  die Arbeit  so weit  fortgeführt, daß bis jetzt die be-
       reits angeführten  zwei Bände  erschienen  sind,  enthaltend  den
       "Senchus Mor".  Von den Mitgliedern der Kommission haben nach dem
       Eingeständnis der  Herausgeber nur  zwei, Graves  und Todd, durch
       irgendwelche Annotationen  zu den  Korrekturbogen sich an der Ar-
       beit beteiligt. Der Offizier, Sir Th. Larcom, stellte den Heraus-
       gebern behufs  der Verifikation  von Ortsnamen  die Origmalkarten
       der Aufnahme von Irland zur Verfügung; Dr. Petrie starb bald, die
       übrigen Herren  beschränkten ihre  Tätigkeit darauf,  ihr  Gehalt
       während 18 Jahren gewissenhaft einzuziehen.
       
       #485# Die Geschichte Irlands
       -----
       Dies ist  die Art,  in der  in England,  und mehr noch in dem von
       England beherrschten Irland, öffentliche Arbeiten ausgeführt wer-
       den. Ohne  Jobberei *)  geht es nicht ab. Keinem öffentlichen In-
       teresse darf  genügt werden,  ohne daß  dabei eine  hübsche Summe
       oder einige  fette Sinekuren für Lords und Regierungsprotegés ab-
       fallen. Mit  dem Geld,  das die ganz überflüssige Kommission ver-
       zehrt hat, hätte man in Deutschland die sämtliche ungedruckte hi-
       storische Literatur gedruckt - und besser.
       Der "Senchus  Mor" ist bis jetzt unsere Hauptquelle für die alti-
       rischen Zustände.  Er ist eine Sammlung alter Rechtsbestimmungen,
       die nach der - später verfaßten - Einleitung auf Veranlassung St.
       Patricks zusammengestellt und durch seinen Beirat mit dem sich in
       Irland  rasch  ausbreitenden  Christentum  in  Einklang  gebracht
       wurde. Der  Oberkönig von  Irland, Laeghaire  (428-458  nach  den
       "Annalen [der]  IV Mag."),  die Unterkönige  Corc von Munster und
       Daire, wahrscheinlich  ein Fürst in Ulster, ferner drei Bischöfe:
       St. Patrick,  St. Benignus und St. Cairnech, endlich drei Rechts-
       gelehrte, Dubthach,  Fergus und  Rossa, sollen  die  "Kommission"
       gebildet haben,  die das Buch zusammenstellte und die ihre Arbeit
       sicher wohlfeiler  tat als die jetzige, die es bloß herauszugeben
       hat. Die "IV Mag." geben das Jahr 438 als das der Abfassung an.
       Der Text  selbst beruht offenbar auf uralten heidnischen Materia-
       lien. Die  ältesten Rechtsformeln darin sind alle in Versen abge-
       faßt, mit  bestimmtem Metrum  und dem sogenannten Einklang, einer
       Art Alliteration oder vielmehr Konsonanten-Assonanz, die der iri-
       schen Dichtkunst eigentümlich ist und häufig in vollen Reim über-
       geht. Da  es feststeht, daß alte irische Rechtsbücher aus dem so-
       genannten  fenischen  Dialekt  (Berla  Feini),  der  Sprache  des
       5.Jahrhunderts, im 14. Jahrhundert in das damals geläufige Irisch
       übertragen wurden  (Vorrede, [T. I,] p. XXXVI und passim), so er-
       klärt es  sich, daß  auch im "Senchus Mor" an manchen Stellen das
       Metrum mehr oder weniger verwischt ist; es tritt aber nebst gele-
       gentlichen Reimen  und stark einklingenden Stellen noch oft genug
       hervor, um  dem Text  einen gewissen  rhythmischen Fall zu geben.
       Schon das  Lesen der Übersetzung genügt meist, um die Versformeln
       aufzufinden. Dazwischen  aber sind  dann auch,  namentlich in der
       letzten Hälfte, eine Menge Stellen
       ---
       *) Jobberei, jobbery,  nennt man  in England  die  Benutzung  von
       Staatsämtern zum  eignen Privatvorteil oder zu dem von Verwandten
       und Freunden,  desgleichen Verwendung  von Staatsgeldern zu indi-
       rekter Bestechung  in Parteizwecken.  Die einzelne Handlung heißt
       Job. Die englische Kolonie in Irland ist das Haupttreibhaus aller
       Jobberei.
       
       #486# Friedrich Engels
       -----
       unzweifelhafter Prosa;  während die  Versformeln sicher uralt und
       traditionell überliefert  sind, scheinen  diese prosaischen  Ein-
       schiebsel  von   den  Kompilatoren  des  Buchs  herzurühren.  Der
       "Senchus Mor" wird übrigens in dem dem König und Bischof von Cas-
       hel, Cormac, zugeschriebnen, im 9. oder 10. Jahrhundert verfaßten
       Glossar mehrmals  zitiert, und er ist unzweifelhaft lange vor der
       englischen Invasion niedergeschrieben.
       Zu diesem Text nun enthalten sämtliche Handschriften (die älteste
       scheint aus  dem Anfang  des 14. Jahrhunderts oder älter zu sein)
       eine Reihe  von meist übereinstimmenden Glossen und längeren kom-
       mentierenden Noten.  Die Glossen  sind ganz  im Geist  der  alten
       Glossare, Wortspiele vertreten die Stelle der Etymologie und Wor-
       terklärung; die  Anmerkungen sind von sehr verschiednem Wert, oft
       arg entstellt  und vielfach  wenigstens ohne Kenntnis der übrigen
       Rechtsbücher unverständlich.  Das Alter  beider ist  ungewiß; der
       größte Teil  ist aber wahrscheinlich jünger als die englische In-
       vasion. Da  sie indes  nur sehr  wenig Spuren einer über den Text
       hinausgehenden Rechtsentwicklung  aufzeigen und auch diese nur in
       genauerer Feststellung  des Details, so ist der größere, rein er-
       klärende Teil  mit einiger  Diskretion unbedingt  als Quelle auch
       für die ältere Zeit zu benutzen.
       Der "Senchus  Mor" enthält:  1. das Pfändungsrecht, d.h. so ziem-
       lich das ganze Rechtsverfahren; 2. das Recht der Geiseln, die bei
       Streitigkeiten von  Leuten verschiedner Territorien gestellt wur-
       den; 3.  das Recht  betreffend Saerrath  und Daerrath  (s. unten)
       [362] und  4.  das  Familienrecht.  Wir  erlangen  dadurch  viele
       wertvolle Aufschlüsse  über  das  gesellschaftliche  Leben  jener
       Zeit; solange  aber noch  eine Menge  Ausdrücke nicht erklärt und
       die übrigen Manuskripte nicht veröffentlicht sind, bleibt manches
       dunkel.
       Außer der  Literatur geben  uns noch die erhaltenen Baudenkmäler,
       Kirchen, Rundtürme,  Befestigungen, Inschriften,  Aufklärung über
       den Zustand des Volks vor der Ankunft der Engländer.
       Von auswärtigen  Quellen haben wir nur einige Stellen über Irland
       in skandinavischen Sagas und das Leben des Heiligen Malachias von
       St. Bernhard zu erwähnen, welche wenig Ausbeute geben, und kommen
       dann sofort zu dem ersten Engländer, der aus eigner Kenntnis über
       Irland schreibt.
       Sylvester Gerald  Barry, genannt Giraldus Cambrensis, Archidiako-
       nus von  Brecknock, war ein Enkel der galanten Nesta, Tochter von
       Rhys ap Tewdwr, Fürst von Südwales, der Mätresse Heinrichs I. von
       England und  der Stammutter  fast aller normannischen Hauptleute,
       die zur  ersten Eroberung von Irland mitwirkten. Er ging 1185 mit
       Johann (später  "ohne Land")  nach Irland und schrieb in den fol-
       genden Jahren zuerst "Topographia
       
       #487# Die Geschichte Irlands
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       Hibernica", eine  Beschreibung des  Landes und der Einwohner, so-
       dann "Hibernia Expugnata", die hochgefärbte Geschichte der ersten
       Invasionen. Hier  geht uns  hauptsächlich das erstere Werk an. In
       einem höchst  prätentiösen Latein  geschrieben, erfüllt  mit  dem
       tollsten Wunderglauben  und allen kirchlichen und nationalen Vor-
       urteilen der  Zeit und  der Race  des eitlen  Verfassers, ist das
       Buch dennoch als erster, einigermaßen ausführlicher Bericht eines
       Ausländers von hoher Wichtigkeit. *)
       Von jetzt  an werden  die anglo-normannischen Quellen über Irland
       natürlich reichlicher;  gering aber  bleibt die  Ausbeute für die
       Kenntnis der  sozialen Zustände  des unabhängig gebliebenen Teils
       der Insel, woraus Rückschlüsse auf den alten Zustand gemacht wer-
       den könnten. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als Irland zu-
       erst systematisch und vollständig unterworfen wurde, erhalten wir
       ausführlichere, natürlich  stark englisch  gefärbte Berichte über
       die wirkliche  Lebenslage des  irischen Volks.  Wir werden später
       finden, daß im Lauf der seit der ersten Invasion verflossenen 400
       Jahre der  Zustand des  Volks sich  nur wenig,  und das nicht zum
       Bessern, verändert  hatte. Aber  eben deswegen sind diese neueren
       Schriften -  Hanmer, Campion,  Spencer, Davies,  Camden,  Moryson
       u.a. -, die wir noch öfter werden zu Rate ziehen müssen, eine un-
       srer Hauptquellen  für eine  fünfhundert Jahre ältere Periode und
       eine unumgängliche,  sehr erwünschte Ergänzung der dürftigen Ori-
       ginalquellen.
       Die mythische  Vorgeschichte Irlands erzählt von einer Reihe Ein-
       wanderungen, die nacheinander stattfanden und meist mit Unterwer-
       fung der  Insel unter  die neuen  Einwanderer endigten.  Die drei
       letzten sind: die der Firbolgs, die der Tuatha-de-Dananns und die
       der Milesier  oder Skoten,  welche letztere  von Spanien gekommen
       sein sollen.  Die landläufige irische Geschichtschreibung verwan-
       delt die  Firbolgs (fir = irisch fear, das lat[einische] vir, go-
       tisch vair,  Mann) ohne weiteres m Belgier, die Tuatha-de-Dananns
       (tuatha =  ir[isch] Volk, Landstrich, gotisch thiuda) je nach Be-
       dürfnis in  griechische Danaen  oder germanische Dänen. O'Donovan
       ist der  Ansicht, daß wenigstens den genannten Einwanderungen et-
       was Historisches  zugrunde liegt.  In den  Annalen kommt vor beim
       Jahre 10  n.Chr. ein  Aufstand der Aitheach Tuatha (übersetzt irn
       17. Jahrhundert von Lynch,
       ---
       *) "Giraldi Cambrerisis  Opera", ed.  J.S. Brewer,  London, Long-
       mans, 1863.  - Eine (schwache) englische Übersetzung der histori-
       schen Werke,  worunter auch obige zwei Schriften ("The Historical
       Works of G[iraldus] C[ambrensis]"), kam heraus 1863 in London bei
       Bohn.
       
       #488# Friedrich Engels
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       einem guten  Kenner der  alten Sprache  mit:  plebeiorum  hominum
       gens),  also  eine  Plebejer-Revolution,  wobei  der  ganze  Adel
       (Saorchlann) erschlagen  wurde. Dies  deutet auf  die  Herrschaft
       skotischer Eroberer  über ältere Einwohner. Aus Volksmärchen über
       die Tuatha-de-Dananns schließt O'Donovan, daß diese, die der spä-
       tere Volksglaube  in Elfen  des Waldgebirgs  verwandelt, noch bis
       ins 2.  oder 3. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung sich in einzelnen
       Berggegenden erhalten haben.
       Daß die Iren ein Mischvolk waren, schon ehe die Engländer sich in
       Massen unter  ihnen niederließen,  ist  unzweifelhaft.  Wie  noch
       jetzt, war  schon im  12. Jahrhundert  der  vorherrschende  Typus
       hellhaarig. Giraldus  ("Top. Hib.",  III, 26) sagt von zwei Frem-
       den, sie  hätten langes gelbes Haar gehabt wie die Iren. Trotzdem
       finden sich  noch jetzt,  besonders im Westen, zwei gänzlich ver-
       schiedene Typen schwarzhaariger Leute; der eine groß, wohlgebaut,
       mit schönen  Gesichtszügen und krausem Haar, Leute, von denen man
       meint, man sei ihnen schon einmal in den italienischen Alpen oder
       der Lombardei  begegnet; dieser  Typus kommt  meist im  Südwesten
       vor. Der  andre, untersetzt  und kurz  von Körperbau, mit grobem,
       schlichtem schwarzen  Haar, plattgedrücktem, fast negerhaftem Ge-
       sicht, findet  sich häufiger  in Connaught.  Huxley schreibt dies
       dunkelhaarige Element in der ursprünglich hellhaarigen keltischen
       Bevölkerung iberischer  (d.h. baskischer)  Beimischung zu  [363],
       was wenigstens  teilweise richtig  sein wird.  Zur Zeit indes, wo
       die Iren  in der Geschichte mit Bestimmtheit auftauchen, sind sie
       ein homogenes  Volk mit keltischer Sprache geworden, und wir fin-
       den nirgends mehr fremde Elemente, ausgenommen die erkämpften und
       erhandelten Sklaven, großenteils Angelsachsen.
       Die Mitteilungen  der alten Klassiker über dies Volk lauten nicht
       sehr erbaulich. Diodor erzählt, daß diejenigen Briten, welche die
       Iris (oder  Irin? es  steht der Akkusativ V(w) genannte Insel be-
       wohnen, Menschen essen. Ausführlicher ist Strabo:
       
       "Über welches  Land (Jerne)  wir nichts  Gewisses zu sagen haben,
       außer daß  die Bewohner  wilder sind  als die Briten, da sie Men-
       schenfresser und  Vielfresser  (?????????,  nach  anderer  Lesart
       ????????, Krautesser)  sind und  es für  ehrbar halten, ihre ver-
       storbenen Eltern  zu essen und öffentlich mit den Frauen anderer,
       mit ihren Müttern und Schwestern fleischlichen Umgang zu haben."
       
       Die patriotische irische Geschichtschreibung hat sich nicht wenig
       über diese  angeblichen Verleumdungen  entrüstet.  Neuerer.  For-
       schung blieb es vorbehalten, die Menschenfresserei und namentlich
       das Verzehren  der Eltern als eine Durchgangsstufe wahrscheinlich
       aller Völker  nachzuweisen. Vielleicht  gereicht es  den Iren zum
       Trost, zu erfahren, daß die Vorfahren
       
       #489# Die Geschichte Irlands
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       der jetzigen  Berliner noch  volle tausend Jahre später derselben
       praktischen Anschauung huldigten:
       
       "Aber Weletabi,  die in  Germania sizzent,  tie wir WJIze heizên,
       die ne  scament" (schämen)  "sih nieht ze chedenne" (zu gestehen)
       "daz sie  iro parentes  mit mêren  rehte ezen  sulîn,  danne  die
       wurme." (Notker,  zitiert in  Jacob Grimms "Rechtsaltertümer", p.
       488.)
       
       Und unter  der englischen Herrschaft werden wir das Verzehren von
       Menschenfleisch in  Irland noch  mehr als einmal wiederkehren se-
       hen. Was  die den  Iren vorgeworfne  Phanerogamie, um  mich eines
       Ausdrucks Fouriers  [364] zu  bedienen, betrifft, so kamen solche
       Dinge bei allen wilden Völkern vor, wieviel mehr bei den ganz be-
       sonders galanten  Kelten. Interessant  ist zu sehn, daß die Insel
       schon damals  den heutigen  einheimischen Namen  trug: Iris, Irin
       und Jerne  sind identisch  mit Eire,  Erinn, wie  denn auch schon
       Ptolemäus den  heutigen Namen  der Hauptstadt Dublin, Eblana (mit
       richtigem Akzent  ??????) kannte. Es ist dies um so merkwürdiger,
       als die  irischen Kelten  diese Stadt  von jeher mit einem ändern
       Namen, Athcliath, belegt haben und Duibhlinn - der schwarze Pfuhl
       - bei ihnen Name einer Stelle des Flusses Liffey ist.
       Außerdem finden  wir noch  in Plinius' "Naturgeschichte", IV, 16,
       folgende Stelle:
       
       "Dorthin" (nach  Hibernia) "fahren  die Briten in Booten aus Wei-
       denzweigen, über welche Tierfelle zusammengenäht sind."
       
       Und später sagt Solinus von den Iren selbst:
       
       "Sie befahren  die See  zwischen Hibernia und Britannia in Booten
       aus Weidenzweigen,  welche sie mit einem Überzug von Rinderhäuten
       bedecken." (C. Jul. Solini "Cosmogr[aphia]", c. 25.)
       
       Im Jahr  1810 fand Wakefield, daß an der ganzen Westküste von Ir-
       land "keine  ändern Boote vorkamen als solche, die aus einem höl-
       zernen Rahmen  bestanden, der  mit einer  Pferde- oder Ochsenhaut
       überzogen war".  Diese Boote seien von verschiedner Form, je nach
       der Gegend,  aber alle  zeichnen sich durch ihre ungemeine Leich-
       tigkeit aus,  so daß  selten ein  Unglück damit vorkomme. Für die
       hohe See  taugen sie  natürlich nicht, weshalb die Fischerei hier
       auch nur  in den  Buchten und zwischen den Inseln betneben werden
       könne. In  Malbay, Grafschaft  Clare, sah Wakefield solche Boote,
       die 15  Fuß lang, 5 Fuß breit und 2 Fuß tief waren; zu einem der-
       selben wurden  zwei Kuhhäute  verwandt, die Haare nach innen, die
       Außenseite geteert;  es war  für zwei  Ruderer eingerichtet.  Ein
       solches Boot  kostete ca.  30 Shillinge.  (.Wakef., II,  p.  97.)
       Statt Weidengeflecht - Holzrahmen! Welch ein Fortschritt
       
       #490# Friedrich Engels
       -----
       in 1800  Jahren und nach beinahe siebenhundertjähriger "zivilisa-
       torischer" Bearbeitung durch das erste Seevolk der Welt!
       Im übrigen  zeigen sich  doch auch bald einige Symptome von Fort-
       schritt. Unter König Cormac Ulfadha, der in die zweite Hälfte des
       3. Jahrhunderts  gesetzt wird, soll dessen Schwiegersohn Finn Mac
       Cumhal die  irische Miliz  - die  Fianna Eirionn *) - neu organi-
       siert haben,  wahrscheinlich nach dem Muster der römischen Legion
       mit Unterscheidung  von leichten und Linientruppen; alle späteren
       irischen Heere, über die wir Details haben, unterscheiden kerne -
       leichte - und galloglas - schwere oder Linieninfanterie. Die Hel-
       dentaten dieses Finn wurden in vielen alten Liedern besungen, wo-
       von manche  noch existieren;  sie und  vielleicht  einige  wenige
       schottisch-gälische Traditionen bilden die Grundlage des Macpher-
       sonschen "Ossian"  (irisch Oisin,  Sohn Finns), in denen Finn als
       Fingal erscheint und die Szene nach Schottland verlegt ist [365].
       Im irischen  Volksmund lebt  Finn fort  als  Finn  Mac-Caul,  ein
       Riese, dem  fast in jeder Lokalität der Insel irgendein wunderba-
       res Kraftstück zugeschrieben wird.
       Das Christentum  muß schon früh in Irland, wenigstens an der Ost-
       küste, Eingang  gefunden haben. Anders ist nicht zu erklären, daß
       schon lange vor Patricius so viele Irländer eine bedeutende Rolle
       in der  Kirchengeschichte spielen.  Pelagius der  Ketzer gilt ge-
       wöhnlich für einen Waliser Mönch aus Bangor; es gab aber auch ein
       irisches uraltes  Kloster Bangor  oder vielmehr  Banchor bei Car-
       rickfergus und daß er hierher gehört, beweist Hieronymus, der ihn
       "dumm und  von skotischem  Brei schwerfällig" ("scotorum pultibus
       praegravatus") nennt. Es ist die erste Erwähnung des irischen Ha-
       fermehlbreis (ir[isch]  lite, angloir[isch] stirabout), der schon
       damals, wie noch später bis zur Einführung der Kartoffel und dann
       neben ihr  die Hauptnahrung  des irischen Volks war. Des Pelagius
       Hauptschüler Cölestius  und Albinus  waren ebenfalls Skoten, d.h.
       Irländer. Cölestius  schrieb, wie  Gennadius erzählt,  aus seinem
       Kloster drei  ausführliche Briefe an seine Eltern, woraus hervor-
       geht, daß  im 4.  Jahrhundert die Buchstabenschrift in Irland be-
       kannt war.
       In allen Schriften des früheren Mittelalters heißen die Iren Sko-
       ten, und  das Land Skotia; wir finden diese Bezeichnung bei Clau-
       dian, Isidor, Beda, dem Geographen von Ravenna, Eginhard und noch
       bei Alfred dem Großen:
       ---
       *) Feini, Fenier,  ist im  ganzen "Senchus Mor" der Name der iri-
       schen Nation.  Feinechus, Fenchus,  Gesetz der  Fenier, steht oft
       entweder für "Senchus" oder für ein andres, verlornes Gesetzbuch.
       Zugleich bezeichnet  feine, grad  feine, die  plebs, die unterste
       freie Volksklasse.
       
       #491# Die Geschichte Irlands
       -----
       "Hibernia, das  wir Schottland nennen" ("Igbernia the ye Scotland
       hatadh") [366]. Das heutige Schottland hieß mit fremdem Namen Ca-
       ledonia, mit einheimischem Alba, Albania; die Übertragung des Na-
       mens Scotia,  Schottland, auf  die Nordspitze der östlichen Insel
       fand erst  im 11.  Jahrhundert statt. Die erste größere Einwande-
       rung irischer  Skoten nach Alba soll in die Mitte des 3. Jahrhun-
       derts fallen;  Ammianus Marcellinus kennt sie dort schon im Jahre
       360. Die  Einwanderung geschah auf dem kürzesten Seewege, von An-
       trim nach  der Halbinsel  Kintyre; noch Nennius erwähnt ausdrück-
       lich, daß die Briten, die damals das ganze schottische Niederland
       bis an  den Clyde  und Forth innehatten, durch die Skoten von We-
       sten, durch  die Pikten  von Norden her angegriffen worden seien.
       Auch die siebente der altwalisischen historischen "Triaden" [367]
       erzählt, daß  die gwyddyl  ffichti (s. unten) von Irland über das
       Nordmännische Meer  (Môr Llychlin)  nach Alban  kamen und sich an
       der Küste  dieses Meeres  niederließen.  Daß  das  Meer  zwischen
       Schottland und  den Hebriden Nordmännisches heißt, beweist neben-
       bei, daß  diese "Triade"  jünger ist als die nordmännische Erobe-
       rung der  Hebriden. Um das Jahr 500 kamen von neuem größere Scha-
       ren Skoten  herüber, die allmählich ein eignes, sowohl von Irland
       wie von  den Pikten  unabhängiges Königreich bildeten und endlich
       unter Kenneth  Mac Alpin im 9. Jahrhundert die Pikten unterwarfen
       und das  Reich herstellten,  auf das  etwa 150 Jahre später, wohl
       zuerst durch  die Nordmänner,  der Name  Schottland, Scotia, sich
       übertrug.
       Im  5.  und  6.  Jahrhundert  werden  in  altwalisischen  Quellen
       (Nennius, die  "Triaden") Einfalle der gwyddyl ffichti oder gäli-
       schen Pikten  nach Wales  erwähnt, die allgemein als Einfalle von
       irischen Skoten  gedeutet werden. Gwyddyl ist walisische Form für
       gavidheal, mit welchem Namen die Iren sich selbst bezeichnen. Wo-
       her die Bezeichnung Pikten kommt, mögen andre untersuchen.
       Im zweiten  Viertel des  5. Jahrhunderts  wurde  durch  Patricius
       (irisch Patrick,  Patraic, da  die Kelten das c nach altrömischer
       Weise immer  wie k  aussprechen) das  Christentum ohne gewaltsame
       Erschütterungen zur  Herrschaft gebracht. Der Verkehr mit Britan-
       nien, der  schon lange  bestanden, wurde  um diese Zeit ebenfalls
       lebhafter; es kamen Baumeister und Bauhandwerker herüber, die den
       Iren, die bisher nur losen Steinbau gekannt hatten, den Mörtelbau
       beibrachten; daß dieser vom 7. bis 12. Jahrhundert nur bei kirch-
       lichen Gebäuden  vorkommt, beweist hinlänglich, daß seine Einfüh-
       rung mit  der des Christentums zusammenhängt, und ferner, daß von
       jetzt an  die Geistlichkeit,  die Vertreterin  ausländischer Bil-
       dung, sich  m ihrem  intellektuellen Entwicklungsgang vollständig
       vom Volk trennte.
       
       #492# Friedrich Engels
       -----
       Während das Volk gar keine oder doch nur äußerst langsame soziale
       Fortschritte machte, entwickelte sich innerhalb der Geistlichkeit
       bald eine  literarische Bildung, die für die damalige Zeit außer-
       ordentlich war  und nach damaliger Manier sich zumeist in dem Ei-
       fer für  Heidenbekehrung und  Klösterbegründung äußerte.  Columba
       bekehrte die  britischen Skoten und die Pikten; Gallus (der Stif-
       ter von  St. Gallen) und Fridohn die Allemannen, Kilian die Main-
       franken, Virgilius  die Salzburger; alle fünf waren Iren; die An-
       gelsachsen wurden  ebenfalls hauptsächlich  durch irische Missio-
       nare zum  Christentum gebracht.  Daneben aber galt Irland in ganz
       Europa als  Pflanzschule der Gelehrsamkeit, so sehr, daß Karl der
       Große einen  irischen Mönch Albinus nach Pavia als Lehrer berief,
       wo ihm  später ein  anderer Ire, Dungal, folgte. Der bedeutendste
       Mann aus  der großen  Anzahl für  ihre Zeit wichtiger, aber jetzt
       meist vergessener  irischer Gelehrten,  war der "Vater" oder, wie
       Erdmann ihn  nennt, der "Carolus Magnus 1*) der mittelalterlichen
       Philosophie" -  Johannes Scotus  Erigena. "Er  war der erste, mit
       dem nun  eine wahrhafte Philosophie beginnt", sagt Hegel von ihm.
       Er allem  von allen  Westeuropäern des  9. Jahrhunderts  verstand
       Griechisch und  knüpfte durch seine Übersetzung der dem Dionysius
       Areopagita zugeschriebenen  Schriften wieder  an an  den  letzten
       Ausläufer der  alten Philosophie,  die alexandrinisch-neuplatoni-
       sche Schule  [368]. Seine Lehre war von großer Kühnheit für seine
       Zeit; er leugnet die Ewigkeit der Verdammnis, selbst für den Teu-
       fel, und  streift hart  an den  Pantheismus an; die gleichzeitige
       Orthodoxie ließ  es daher auch nicht an Verlästerungen fehlen. Es
       dauerte volle  zwei Jahrhunderte,  bis die von Erigena begründete
       Wissenschaft in Anselm von Canterbury einen Fortbildner fand. *)
       Ehe diese  Entwicklung höherer  Bildung aber auf das Volk zurück-
       wirken konnte,  wurde sie  unterbrochen durch  die  Raubzüge  der
       Nordmänner. Diese  Raubzüge, die den Hauptstapelartikel des skan-
       dinavischen, besonders  dänischen Patriotismus  bilden, kamen  zu
       spät und gingen von zu kleinen Völkern aus, als daß sie in Erobe-
       rungen, Kolonisationen  und Staatenbildungen  auf großem  Maßstab
       hätten ausmünden können, wie dies bei den
       ---
       *) Näheres über  Erigenas Doktrin und Werke in Erdmann, "Grundriß
       der Gesch[ichte]  der Phil[osophie]",  2. Aufl.  Berlin 1869,  I.
       Bd., p.  241-247. Erigena,  der übrigens  kein  Geistlicher  war,
       zeigt schon  echt irischen kecken Witz. Als bei Tisch der ihm ge-
       genübersitzende Karl  der Kahle,  König von Frankreich, ihn frug,
       wie groß  der Abstand  sei von  einem Skoten  (scot) bis zu einem
       Dummkopf (sot), antwortete Erigena: "Die Breite eines Tisches."
       -----
       1*) Karl der Große
       
       #493# Die Geschichte Irlands
       -----
       
       früheren Einfallen der Germanen der Fall gewesen. Der Vorteil für
       die geschichtliche  Entwicklung, den  sie hinterlassen haben, ist
       verschwindend klein gegen die ungeheuren und selbst für Skandina-
       vien fruchtlosen Störungen, die sie angerichtet.
       Irland war  um das  Ende des 8. Jahrhunderts weit davon entfernt,
       von einer  einigen Nation  bewohnt zu  sein. Ein Oberkönigtum der
       ganzen Insel  existierte nur  zum Schein, und auch das bei weitem
       nicht immer.  Die Provinzialkönige,  deren  Zahl  und  Landbesitz
       fortwährend wechselte,  bekriegten sich  untereinander,  und  die
       kleineren Territorialfürsten  hatten ebenfalls ihre Privatfehden.
       Im ganzen  aber scheint  in diesen  inneren Kämpfen  ein gewisser
       Komment geherrscht  zu haben,  der die  Verwüstungen in bestimmte
       Grenzen bannte, so daß das Land darunter nicht zu sehr litt. Aber
       es sollte  anders werden. 795, einige Jahre nach der ersten Heim-
       suchung Englands  durch dasselbe  Räubervolk, landeten Nordmänner
       auf der  Insel Rathlin an der Küste von Antrim und brannten alles
       nieder; 798 landeten sie bei Dublin und werden seitdem fast jähr-
       lich in  den Annalen  erwähnt, als Helden, Fremde, Seeräuber, nie
       ohne den  Zusatz losccadh  (Niederbrennung) eines  oder  mehrerer
       Orte. Ihre Niederlassungen auf den Orkneys, Shetlands und den He-
       briden (Süderinseln,  Sudhreyjar der altnordischen Sagas) dienten
       ihnen als  Operationsbasis gegen  Irland wie  gegen  das  spätere
       Schottland und  gegen England.  Um die  Mitte des 9. Jahrhunderts
       waren sie  im Besitz  Dublins *),  das sie  nach Giraldus erst in
       eine ordentliche  Stadt umbauten,  wie er ihnen auch die Erbauung
       von Waterford  und Limerick zuschreibt. Der Name Waterford selbst
       ist nur  die hier  sinnlose Anglisierung  des  altnordischen  Ve-
       dhranördhr, was  entweder Sturmbucht  (Wetterföhrde) oder Widder-
       bucht bedeutet.  Erstes Bedürfnis  für die Nordmänner, sobald sie
       sich im  Lande niederließen, war natürlich der Besitz befestigter
       Hafenstädte; die Bevölkerung dieser Städte blieb noch lange skan-
       dinavisch, hatte  sich aber im 12. Jahrhundert längst den Iren in
       Sprache und  Sitte assimiliert.  Die Zwistigkeiten  der  irischen
       Fürsten untereinander  erleichterten den Nordmännern die Ausplün-
       derung und Niederlassung und selbst die zeitweilige Eroberung der
       ganzen Insel  ungemein. Wie  sehr Irland den Skandinaviern selbst
       als eins ihrer regelmäßigen Beuteländer galt, zeigt der
       ---
       *) Die Angabe  Snorris in der "Haraldsaga" [369], daß Harald Hår-
       fagrs Söhne, Thorgils und Frodi, zuerst von allen Nordmännern Du-
       blin besessen  hätten - also mindestens 50 Jahre später als ange-
       geben -,  steht mit den sämtlichen, für diese Zeit unbezweifelten
       irischen Nachrichten  im Widerspruch. Snorri verwechselt offenbar
       Thorgils, den  Sohn Harald Hårfagrs, mit dem untenerwähnten Thor-
       gils = Turgesius.
       
       #494# Friedrich Engels
       -----
       um das Jahr 1000 verfaßte angebliche Sterbegesang Ragnar Lodbroks
       im Schlangenturm  König Ellas  von Northumberland, das "Krâkumâl"
       [370]. In  diesem Lied  rafft  sich  die  altheidnische  Wildheit
       gleichsam zum  letztenmal zusammen,  und unter dem Vorwand, König
       Ragnars Heldentaten zu besingen, werden vielmehr die Raubzüge des
       gesamten nordischen  Volks im eignen Lande, wie an den Küsten von
       Dünamünde bis  Flandern,  Schottland  (das  hier  schon  Skotland
       heißt, vielleicht zum erstenmal) und Irland kurz geschildert. Von
       Irland heißt es:
       
       "Wir schlugen drein mit Schwertern, häuften hoch Erschlagne,
       Froh ward des Wolfes Bruder der Atzung durch Wutkampf;
       Eisen traf auf Erzschild; nicht ließ Irlands Herrscher,
       Marstein, Mangel leiden den Mordwolf, noch den Adler;
       Ward im Vedhrafiördhr Walopfer gegeben den Raben.
       Wir schlugen drein mit Schwertern, morgens ein Spiel anhuben,
       Lustgen Kampf vor Lindiseyri, mit Landsfürsten dreien;
       Freuten sich nicht viele, daß heil von dort sie flohen;
       Falk kämpft ums Fleisch mit Wolfe, Wolfsrachen frahs manchen;
       Stromweis floß im Streite am Strand Blut der Iren." *)
       
       Bereits in  der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gelang es einem
       nordmännischen Wiking,  Thorgils, von den Iren Turgesius genannt,
       sich ganz  Irland zu  unterwerfen, aber  mit seinem Tode 844 fiel
       auch sein  Reich auseinander,  und die Nordmänner wurden vertrie-
       ben. Die  Invasionen und  Kämpfe dauern  fort mit wechselndem Er-
       folg, bis endlich im Anfang des 11. Jahrhunderts der Nationalheld
       Irlands, Brian Borumha, ursprünglich
       ---
       *) "Hiuggu ver medh hiörvi, hverr lâthverr of annan;
       gladhr vardh gera brôdhir getu vidh sôknar laeti,
       lêt ei örn nê ylgi, sâ er +rland! styrdhi,
       (môt vardh mâlms ok rîtar) Marsteinn konungr fasta;
       vardh î Vedhra firdhi valtafn gefit hrafni.
       
       Hiuggu ver medh hiörvi, hâdhum sudhr at morni
       leik fyrir Lindiseyri vidh lofdhûnga threnna;
       fârr âtti thvî fagna (fêll margr î gyn ûlfi,
       haukr sleit hold medh vargi), at hann heill thadhan kaemi;
       Yra blôdh î oegi aerit fêll um skaeru."
       
       Vedhrafiördhr ist,  wie gesagt, Waterford; ob Lindiseyri irgendwo
       aufgefunden, ist  mir unbekannt.  Keinesfalls bedeutete  es Lein-
       ster, wie  Johnstone übersetzt;  das eyri (sandige Landzunge, dä-
       nisch öre)  weist auf  eine ganz bestimmte Lokalität hin. Valtafn
       kann auch  heißen Falkenfutter  und wird hier meist so übersetzt,
       da aber der Rabe Odins heiliger Vogel ist, so spielt das Wort of-
       fenbar in beiden Bedeutungen.
       
       #495# Die Geschichte Irlands
       -----
       nur König  eines Teils von Munster, sich zum Beherrscher von ganz
       Irland aufschwingt  und den  mit konzentrierter  Macht in  Irland
       einfallenden Nordmännern am 23. April (Karfreitag) 1014 bei Clon-
       tarf (dicht  bei Dublin)  die Entscheidungsschlacht  liefert, wo-
       durch die Macht der Eindringlinge für immer gebrochen wird.
       Die Nordmänner,  die sich in Irland niedergelassen hatten und von
       denen Leinster  abhängig war (der König von Leinster, Maolmordha,
       war 999 durch ihre Hilfe auf den Thron gekommen und seitdem durch
       sie darauf erhalten worden), sandten in Voraussicht des bevorste-
       henden Entscheidungskampfs Boten aus nach den Süderinseln und Or-
       kneys, nach Dänemark und Norwegen, um Zuzug zu bewirken, der auch
       reichlich ankam.  Die "Niâlssaga"  [371] erzählt, wie Jarl Sigurd
       Laudrisson sich auf den Orkneys zum Auszug rüstete, wie Thorstein
       Siduhallsson, Hrafn  der Rote  und Erlinger  von Straumey mit ihm
       fuhren, wie  er am  Palmsonntag mit allem seinen Heer nach Dublin
       (Durflin) kam:
       
       "Da war  auch gekommen Brodhir mit allem seinen Heer. Brodhir er-
       probte durch Zauberei, wie der Kampf gehen würde, und so ging die
       Antwort: wenn  am Freitag  gefochten würde,  daß Brian  der König
       fallen werde und den Sieg haben; und wenn früher gefochten würde,
       so würden alle fallen, die gegen ihn wären; da sagte Brodhir, daß
       nicht eher gekämpft werden sollte als am Freitag."
       
       Über die  Schlacht selbst  liegen uns zwei Versionen vor, die der
       irischen Annalen  und die  skandinavische der  "Niâlssaga".  Nach
       dieser letzteren
       
       "kam König  Brian mit  all seinem  Heer gegen die Burg" (Dublin);
       "am Freitag fuhr das Heer" (die Nordmänner) "heraus aus der Burg,
       und beide Heere wurden geordnet. Brodhir war in einem Heerflügel,
       und König  Sigtrygg" (nach den "Ann[alen] Inisfall[en]" [361] der
       König der  Dubliner Nordmänner)  "war im ändern. Nun ist zu sagen
       von König  Brian, daß er am Freitag nicht schlagen wollte, und es
       war aufgeschlagen um ihn eine Schildburg, und sein Heer war davor
       aufgestellt. Ulf Hraeda war in dem Flügel, dem Brodhir gegenüber-
       stand; und  in dem ändern Flügel war Ospak und seine Söhne, da wo
       Sigtrygg gegenüberstand;  und im  Zentrum  war  Kerthialfadh  und
       wurde vor ihm die Fahne getragen."
       
       Als der Kampf losging, wurde Brodhir von Ulf Hraeda in einen Wald
       gejagt, wo  er Schutz  fand; Jarl Sigurd hatte harten Stand gegen
       Kerthialfadh, der  bis zur  Fahne drang  und den Fahnenträger er-
       schlug sowie  den nächsten,  der die  Fahne ergriff; da weigerten
       sich alle,  die Fahne  zu tragen,  und Jarl Sigurd nahm die Fahne
       von der  Stange und  verbarg sie  zwischen seinen  Kleidern. Bald
       darauf wurde  er von einem Speer durchschossen, und damit scheint
       auch sein Heerhaufe geschlagen. Inzwischen war Ospak den
       
       #496# Friedrich Engels
       -----
       Nordmännern in  den Rücken gefallen und warf Sigtryggs Heerflügel
       nach hartem Kampf.
       
       "Da ging  die Flucht los in allen Scharen. Thorstein Siduhallsson
       machte halt,  als die ändern flohen, und band seinen Schuhriemen;
       da fragte  ihn Kerthialfadh, warum er nicht liefe wie die ändern?
       Da sagte  Thorstein: 'Oh,  ich komme  doch heut abend nicht heim,
       ich bin  zu Hause  draußen in  Island.' Und  Kerthialfadh gab ihm
       Frieden."
       
       Brodhir sah nun aus seinem Versteck, daß Brians Heer die Fliehen-
       den verfolgte  und daß  wenige Leute bei der Schildburg geblieben
       waren. Da  lief er  aus dem Walde, brach durch die Schildburg und
       erschlug den  König (Brian,  88 Jahre alt, war selbstredend nicht
       mehr imstande,  sich am  Kampf zu  beteiligen, und  war im  Lager
       geblieben).
       
       "Da rief  Brodhir laut:  'Das kann jetzt Mann dem Manne erzählen,
       daß Brodhir Brian gefällt hat.'"
       
       Aber die  Verfolger kehrten zurück, umzingelten Brodhir und grif-
       fen ihn lebendig.
       
       "Ulf Hraeda  schnitt ihm den Bauch auf und führte ihn um eine Ei-
       che und  wickelte so  seine Därme aus ihm heraus um den Baumstamm
       und starb  er nicht,  bis sie alle aus ihm herausgehaspelt waren,
       und Brodhirs Leute wurden alle erschlagen."
       
       
       Nach den  "Annalen von  Inisfallen" war das nordmännische Heer in
       drei Haufen  geteilt, der erste bestand aus den Dubliner Nordmän-
       nern nebst  1000 norwegischen  Zuzüglern, die alle in langen Pan-
       zerhemden geharnischt  waren; der  zweite aus den irischen Hilfs-
       truppen von  Leinster unter  König Maolmordha; der dritte aus dem
       Zuzug von  den Inseln  und Skandinavien unter Bruadhair, dem Chef
       der Flotte, die sie hergetragen, und Lodar, dem Jarl der Orkneys.
       Diesen gegenüber formierte Brian sein Heer ebenfalls in drei Hau-
       fen; die  Namen der  Führer stimmen  aber  nicht  mit  denen  der
       "Nialssaga". Der  Schlachtbericht selbst  ist unbedeutend; kürzer
       und klarer ist der der "Vier Magister", welcher hier folgt:
       
       "A.D. 1013"  (steht infolge  eines konstanten  Fehlers für 1014).
       "Die Ausländer  von ganz Westeuropa versammelten sich gegen Brian
       und Maelseachlainn"  (gewöhnlich Malachy genannt, König von Meath
       unter Brians  Oberhoheit), "und  sie nahmen  mit sich zehnhundert
       Mann in  Panzerhemden. Eine  heftige, wütende, gewaltige und böse
       Schlacht wurde  zwischen ihnen gefochten, derengleichen nicht ge-
       funden wurde  in jener  Zeit, zu Cluaintarbh" (Ochsenwiese, jetzt
       Clontarf) "gerade  auf den Freitag vor Ostern. In dieser Schlacht
       wurden erschlagen  Brian, 88  Jahre alt,  Murchadh, sein Sohn, 63
       Jahre alt,  Conaing, sein  Neffe, Toirdhealbhach, sein Enkel,..."
       (folgen eine  Menge Namen).  "Die" (feindlichen)  "Truppen wurden
       endlich geworfen  von der Tulcainn bis Athcliath" (Dublin) "durch
       Maelseachlainn, durch heftigen Kampf,
       
       #497# Die Geschichte Irlands
       -----
       Tapferkeit und  Dreinschlagen auf  die Fremden und Leinsterleute;
       und da  fiel Maelmordha,  Sohn Murchadhs, des Sohnes Finns, König
       von Leinster,... und es waren außerdem noch ungezählte Tote unter
       denen von  Leinster. Auch wurden erschlagen Dubhgall, Sohn Amhla-
       nibhs" (gewöhnlich  Anlaf oder  Olaf genannt)  "und Cillaciarain,
       der Sohn  Gluniairns, zwei  Unterführer  (tanaisi)  der  Fremden,
       Sichfrith, der Sohn Lodars, Jarl der Orkneys (iarla insi h Oirc),
       Brodar, Anführer  derer von  Dänemark, der  der Mann war, welcher
       Brian erschlug.  Die zehnhundert  Mann in Panzerhemden wurden zu-
       sammengehauen, und mindestens 3000 der Fremden wurden da erschla-
       gen."
       
       Die "Niâlssaga" wurde etwa hundert Jahre nach der Schlacht in Is-
       land niedergeschrieben;  die irischen  Annalen beruhen wenigstens
       zum Teil auf gleichzeitigen Nachrichten. Beide Quellen sind voll-
       ständig unabhängig  voneinander, beide  stimmen nicht  nur in den
       Hauptsachen, sie  ergänzen sich auch gegenseitig. Wer Brodhir und
       Sigtrygg waren,  erfahren wir  erst aus den irischen Annalen. Si-
       gurd Laudrisson  heißt dort  Sichfrith, der Sohn Lodars; Sigfrith
       ist nämlich  die richtige  angelsächsische Form des altnordischen
       Namens Sigurd,  und die  skandinavischen Namen kommen in Irland -
       auf Münzen  sowohl wie  in den Annalen - meist nicht in altnordi-
       scher, sondern in angelsächsischer Form vor. Die Namen der Unter-
       führer Brians  sind in  der "Niâlssaga" dem skandinavischen Organ
       mundgerecht gemacht; der eine, Ulf Hraeda, ist sogar ganz altnor-
       disch, doch  wäre es gewagt, wie einige tun, daraus den Schluß zu
       ziehn, daß auch Brian Nordmänner in seinem Heer gehabt. Ospak und
       auch Kerthialf adh scheinen keltische Namen; letzterer vielleicht
       aus dem bei den "IV Mag." genannten Toirdhealbhach entstellt? Das
       Datum -  der Freitag  nach Palmsonntag bei den einen, der Freitag
       vor Ostern  bei den  ändern -  stimmt genau,  ebenso der  Ort der
       Schlacht; obwohl  er in der "Niâlssaga" Kantaraburg (sonst = Can-
       terbury) [372] heißt, wird er ausdrücklich dicht vor die Tore von
       Dublin gelegt. Den Verlauf der Schlacht beschreiben die "IV Mag."
       am genauesten:  Die Nordmänner werden von der Ebene von Clontarf,
       wo sie Brians Heer angriffen, über die Tolka, einen kleinen Fluß,
       der dicht  vor der  Nordseite von  Dublin vorbeifließt,  nach der
       Stadt hineingeworfen.  Daß Brodhir den König Brian erschlug, wis-
       sen beide;  die näheren Angaben finden sich nur in der nordischen
       Quelle.
       Man sieht,  unsre Nachrichten  über diese  Schlacht sind in Anbe-
       tracht der  Barbarei jener  Zeit ziemlich ausführlich und authen-
       tisch; es  wird sich  nicht manche  Schlacht des 11. Jahrhunderts
       auffinden lassen, über die wir so bestimmte und [übereinstimmende
       Berichte von  beiden Parteien  haben. Das  verhinderte den  Herrn
       Professor Goldwin  Smith nicht,  sie  als  einen  "schattenhaften
       (shadowy) Konflikt" zu beschreiben. (l.c. p. 48.) Im Kopf
       
       #498# Friedrich Engels
       -----
       des Herrn  Professors nehmen die robustesten Tatsachen allerdings
       sehr häufig eine "schattenhafte" Gestalt an.
       Nach der  Niederlage von Clontarf werden die nordmännischen Raub-
       züge seltener  und weniger  gefährlich; bald  kommen die Dubliner
       Nordmänner unter  die Botmäßigkeit der benachbarten irischen Für-
       sten und  verschmelzen in  einer oder  zwei Generationen  mit den
       Eingeborenen. Als  einzige Entschädigung  für  ihre  Verwüstungen
       lassen die  Skandinavier den  Iren drei  oder vier Städte und die
       Anfänge eines handeltreibenden Bürgertums zurück.
       
                                   ---
       
       Je weiter  wir in  der Geschichte  zurückgehen, desto  mehr  ver-
       schwinden die  Kennzeichen, wodurch Völker desselben Stammes sich
       voneinander unterscheiden. Einerseits liegt dies in der Natur der
       Quellen, die  im Verhältnis  des höheren  Alters dürftiger werden
       und sich auf das Wesentlichste beschränken, andrerseits aber auch
       in der  Entwicklung der  Völker selbst.  Die einzelnen Zweige des
       Stammes standen sich um so näher, glichen einander um so mehr, je
       weniger sie  vom Urstamm  selbst abstanden.  Mit vollem Recht hat
       Jacob Grimm stets alle Nachrichten von den römischen Historikern,
       die den Cimbernzug beschrieben [373], bis auf Adam von Bremen und
       Saxo  Grammaticus,  alle  Literaturdenkmäler  von  "Beowulf"  und
       "Hildebrandslied" bis  auf die  "Edden"  [374]  und  Sagas,  alle
       Rechtsbücher von  den leges barbarorum [375] bis auf die altdäni-
       schen und altschwedischen Gesetze und die deutschen Weistümer als
       gleich wertvolle  Quellen für  deutschen Nationalcharakter, deut-
       sche Sitten  und Rechtsverhältnisse behandelt. Der spezielle Cha-
       rakter mag nur lokale Bedeutung haben, der Charakter, der sich in
       ihm spiegelt,  ist dem  ganzen Stamme  gemein; und  je älter  die
       Quellen, desto mehr schwinden die lokalen Unterschiede.
       Wie Skandinavier und Deutsche im 7. und 8. Jahrhundert sich weni-
       ger unterschieden  als heute,  so müssen  auch irische Kelten und
       gallische Kelten  ursprünglich einander  ähnlicher gewesen  sein,
       als heutige  Irländer und  Franzosen sind.  Wir dürfen  uns daher
       nicht wundern,  wenn wir  in Cäsars  Schildrung der  Gallier eine
       Menge Züge  finden, die Giraldus zwölf Jahrhunderte später wieder
       den Iren  zuschreibt und  die wir  noch heute, trotz aller Beimi-
       schung germanischen  Bluts, im irischen Nationalcharakter wieder-
       finden... [376]

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