Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Friedrich Engels
       
       [Bemerkungen für das Vorwort zu
       einer Sammlung irischer Lieder [379]]
       
       Von den  irischen Volksmelodien  sind einige  uralt, andre in den
       letzten 300-400  Jahren entstanden,  manche erst im vorigen Jahr-
       hundert; besonders  hat damals einer der letzten irischen Barden,
       Carolan, viele  erfunden. Diese  Barden oder  Harfner -  Dichter,
       Komponisten und  Sänger in einer Person - waren früher zahlreich,
       jeder irische Häuptling hatte den seinigen auf seiner Burg. Viele
       zogen auch  als fahrende  Sänger im Lande umher, verfolgt von den
       Engländern, die  in ihnen  mit Recht  Hauptträger der nationalen,
       anti-englischen Tradition  sahen. Die alten Lieder von den Siegen
       Finn Mac Cumhals (den Macpherson unter dem Namen Fingal in seinem
       ganz auf  diesen irischen  Liedern beruhenden  "Ossian" [365] den
       Wandern abstahl und in einen Schotten verwandelte), von der Herr-
       lichkeit des  alten Königspalasts Tara, von den Heldentaten König
       Brian Borumhas,  die späteren  Lieder von  den  Kämpfen  irischer
       Häuptlinge gegen die Sassanach (Engländer) wurden von diesen Bar-
       den im  lebendigen Gedächtnis  der Nation erhalten; und die Taten
       gleichzeitiger irischer  Häuptlinge, im Kampf um ihre Unabhängig-
       keit, wurden von ihnen ebenso im Liede gefeiert. Als aber im sie-
       benzehnten Jahrhundert  durch Elisabeth, Jakob den Ersten, Oliver
       Cromwell und  Wilhelm den  Holländer das irische Volk vollständig
       niedergetreten, seines  Landbesitzes  zugunsten  englischer  Ein-
       dringlinge beraubt,  geächtet und  in eine Nation der Parias ver-
       wandelt war,  wurden die  fahrenden Sänger ebenso gehetzt wie die
       katholischen Priester  und starben  gegen Anfang  dieses Jahrhun-
       derts allmählich aus. Ihre Namen sind verschollen, von ihren Poe-
       sien sind nur Fragmente übriggeblieben, das schönste Vermächtnis,
       das sie  ihrem geknechteten,  aber unbesiegten  Volk hinterlassen
       haben, sind ihre Melodien.
       Die Gedichte  in irischer Sprache sind alle in vierzeiligen Stro-
       phen abgefaßt;  es liegt daher den meisten, besonders den älteren
       Melodien immer,  auch oft  etwas  versteckt,  dieser  vierzeilige
       Rhythmus zugrunde, an
       
       #502# Friedrich Engels
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       den sich  häufig ein Refrain oder ein Nachspiel auf der Harfe an-
       schließt. Manche  dieser alten  Melodien sind  noch jetzt, wo die
       irische Sprache  im größten  Teil von  Irland nur  noch von alten
       Leuten oder  gar nicht mehr verstanden wird, nur unter ihrem iri-
       schen Namen oder Anfangsworten bekannt. Der größere, jüngere Teil
       hat aber schon englische Namen oder Textesworte.
       Die Schwermut,  die in  den meisten dieser Melodien herrscht, ist
       auch heute  noch der Ausdruck der nationalen Stimmung. Wie könnte
       es anders sein bei einem Volk, dessen Herrscher immer neue, immer
       zeitgemäße Methoden der Unterdrückung erfinden? Die neueste, seit
       vierzig Jahren  eingeführte, seit  zwanzig Jahren  auf die Spitze
       getriebne Methode  besteht in massenhafter Vertreibung der Irlän-
       der von  Haus und  Hof, und das ist in Irland gleichbedeutend mit
       Vertreibung aus dem Lande. Seit 1841 hat die Bevölkerung des Lan-
       des um drittehalb Millionen abgenommen und sind über drei Millio-
       nen Irländer  ausgewandert. Alles  zum Vorteil  und auf Betreiben
       der großen  Grundbesitzer englischer Abkunft. Wenn das noch drei-
       ßig Jahre so fortgeht, so gibt es Irländer nur noch in Amerika.
       Geschrieben um den 5. Juli 1870.
       Nach der Handschrift.

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