Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Beilagen
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Verzeichnis der Beilagen
A. Aufzeichnungen und Dokumente
B. Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
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A. Aufzeichnungen und Dokumente
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[Aufruf des Zentralrats an die Arbeitergesellschaften [380]]
International Working Men's Association
Central Council
18, Greek Street, London, W.
Gewerksgenossenschaften, Gesellschaften der gegenseitigen Hilfe
und andere Arbeitergesellschaften sind eingeladen, geschlossen
beizutreten; die einzige Bedingung hierfür ist, daß die Mitglie-
der die Prinzipien der Assoziation anerkennen und für ihre Bei-
trittserklärung (die lackiert und auf Leinwand mit Leisten aufge-
zogen ist) 5 sh. bezahlen. Von beitretenden Gesellschaften wird
kein Beitrag gefordert; es bleibt ihnen überlassen, entsprechend
ihren Mitteln und nach ihrem Ermessen Beiträge zu zahlen oder die
Assoziation von Zeit zu Zeit zu unterstützen, wenn sie glauben,
daß deren Anstrengungen eine Unterstützung rechtfertigen.
Der Zentralrat ist gern bereit, die Adresse und Statuten, worin
die Prinzipien und Ziele der Assoziation ausführlich dargelegt
sind, jeder Gesellschaft zu schicken, die dies wünscht; innerhalb
des Londoner Distrikts werden bereitwillig Abordnungen geschickt,
die jede weitere gewünschte Auskunft erteilen. Beitretende Ge-
sellschaften erhalten das Recht, einen Vertreter in den Zentral-
rat zu delegieren. Der Beitrag für Einzelmitglieder beträgt 1 sh.
im Jahr zuzüglich 1 d. für die Mitgliedskarte. Die Karte sowie
alle Auskünfte über die Assoziation kann man vom ehrenamtlichen
Sekretär erhalten oder auf den Sitzungen des Zentralrats, die je-
den Dienstag von acht bis zehn Uhr abends in der Greek Street Nr.
18 stattfinden.
E. Dupont, korrespondierender Sekretär für Frankreich
K. Marx, korrespondierender Sekretär für Deutschland
E. Holtorp, korrespondierender Sekretär für Polen
H. Jung, korrespondierender Sekretär für die Schweiz
L. Lewis, korrespondierender Sekretär für Amerika
G. Odger, Präsident des Zentralrats
G. W. Wheeler, ehrenamtlicher Schatzmeister
W. R. Cremer, ehrenamtlicher Generalsekretär
#508# Beilagen
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Antragsformular für Gesellschaften, die der Internationalen
Arbeiterassoziation beitreten möchten
Wir, die Mitglieder der.......................................,
versammelt in ................................................,
erklären unsere völlige Übereinstimmung mit den Prinzipien und
Zielen der Internationalen Arbeiterassoziation und verpflichten
uns, sie zu verbreiten und in die Tat umzusetzen. Zum Zeichen un-
serer Aufrichtigkeit ersuchen wir hiermit den Zentralrat, uns in
den brüderlichen Bund als angeschlossene Zweiggesellschaft der
Assoziation aufzunehmen.
Unterschrieben im Auftrag von.........Mitgliedern
......................Sekretär
......................Präsident
......................186...
Nach dem Flugblatt.
Aus dem Englischen.
2
Bericht des Subkomitees über die Abhaltung eines Kongresses
und einer Konferenz, verbessert und angenommen vom Zentralrat
auf der Sitzung am 25.Juli 1865 [381]
Entsprechend dem dringenden Ersuchen unserer französischen und
Schweizer Korrespondenten - die den Zentralrat auffordern,
Schritte zu unternehmen zur Erfüllung der bei der Gründung der
Assoziation abgegebenen Verpflichtung, in diesem Jahr einen Kon-
greß in Brüssel einzuberufen, um Fragen zu beraten, die für die
Proletarier Europas von allgemeinem Interesse sind - hat euer Ko-
mitee diese Frage geprüft und unterbreitet euch jetzt folgende
Vorschläge:
1. Da es gegenwärtig nicht möglich ist, einen Kongreß in Brüssel
oder London einzuberufen, schlagen wir vor, statt dessen eine
Konferenz für Montag, den 25.September, in London einzuberufen.
2. Folgende Erklärung soll in den kontinentalen und britischen
Zeitungen, die mit unserer Sache sympathisieren, veröffentlicht
werden:
"Der Zentralrat der Internationalen Arbeiterassoziation teilt
mit, daß er beschlossen hat, die Einberufung eines allgemeinen
Arbeiter-Kongresses in Brüssel oder an einem beliebigen anderen
Ort aus folgenden Gründen zu verschieben:
#509# Aufzeichnungen und Dokumente
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erstens, weil er zu der Überzeugung gelangt ist, daß es zweckmä-
ßiger sei, eine Vorkonferenz mit einer kleineren Zahl Delegierter
der wichtigsten Zweiggesellschaften des Kontinents abzuhalten, um
das Programm zu beraten, welches dem bevorstehenden Kongreß vor-
gelegt werden soll;
zweitens, weil die Reformbewegung, die allgemeinen Wahlen und die
Industrie-Ausstellung in Großbritannien sowie die Strikes in
Frankreich die Energie und Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse der-
art in Anspruch genommen haben, daß darunter die Entwicklung der
Assoziation gelitten hat;
drittens, weil das belgische Parlament in diesem Jahr ein Frem-
dengesetz erlassen hat, das die Ausführung des Plans der Assozia-
tion, einen Kongreß in der Hauptstadt Belgiens abzuhalten, ver-
hindert und jede Möglichkeit ausschließt, dort eine Konferenz
einzuberufen."
3. Die Zusammensetzung der Konferenz soll folgende sein: von je-
der zentralen Leitung sollen zwei Delegierte eingeladen werden,
nebst zwei Delegierten aus Lyon. Die Reisekosten der Delegierten
werden von den Zweiggesellschaften getragen, die sie vertreten;
ihre Ausgaben in London werden vom Zentralrat bestritten.
4. Was die Bestreitung dieser Kosten anbelangt, so hat das Komi-
tee von dem Bürger Jung das großzügige Angebot erhalten, den De-
legierten aus der Schweiz Unterkunft und Verpflegung zu gewähren.
Zur Deckung der übrigen Ausgaben empfiehlt das Komitee:
erstens, daß die Mitglieder des Zentralrats ihren Beitrag für das
kommende Jahr im September, noch vor Zusammentritt der Konferenz,
bezahlen;
zweitens, daß der Generalsekretär angewiesen wird, die Sekretäre
jener Gesellschaften, welche sich der Assoziation bereits ange-
schlossen haben, aufzurufen, daß sie sich bemühen sollen, an Ein-
zelmitglieder Mitgliedskarten abzusetzen, damit die Kosten der
Konferenz gedeckt werden können;
drittens, daß den Mitgliedern des Zentralrats empfohlen wird,
Mitgliedskarten zur Verbreitung entgegenzunehmen und diese dem
Rat bar zu bezahlen, um die unmittelbaren Auslagen mit dem Erlös
aus den Mitgliedskarten abzurechnen.
5. Das Komitee schlägt dem Zentralrat vor, das folgende Programm
anzunehmen und der Konferenz zu unterbreiten. Das Programm wurde
vom Zentralrat in folgender Form ergänzt und angenommen:
1. Fragen, die den Kongreß betreffen.
2. Fragen, die die Organisation der Assoziation betreffen.
3. Vereinigung der Anstrengungen im Kampf zwischen Arbeit und
Kapital in den verschiedenen Ländern mit Hilfe der Assoziation.
4. Gewerksgenossenschaften, ihre Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft.
5. Kooperativarbeit.
6. Direkte und indirekte Steuern.
#510# Beilagen
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7. Beschränkung des Arbeitstages. ,
8. Frauen- und Kinderarbeit.
9. Die moskowitische Gefahr für Europa und die Wiederherstellung
eines unabhängigen und einheitlichen Polens.
10. Stehende Heere; ihr Einfluß auf die Interessen der produkti-
ven Klassen.
6. Vorbereitende Sitzungen der Delegierten sollen zusammen mit
dem Komitee, entscheidende Sitzungen mit dem Zentralrat durchge-
führt werden.
7. Am 28. September wird aus Anlaß dreier Ereignisse eine Soiree
gegeben: erstens zur Feier des Jahrestags der Gründung der Asso-
ziation; zweitens zur Ehrung der kontinentalen Delegierten; drit-
tens zur Feier des Sieges des Föderalismus und der freien Arbeit
in Amerika. Das Programm der Soiree soll bestehen aus einem Tee,
Ansprachen, Unterhaltung und Tanz.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
3
[Aus einem Brief von Jenny Marx an Johann Philipp Becker
vom 29. Januar 1866 [382]]
["Der Vorbote" Nr. 2, Februar 1866]
Einem Londoner Brief vom 29. Januar entnehmen wir folgende Zei-
len: "In religiöser Hinsicht geht jetzt in dem verdumpften Eng-
land eine bedeutungsvolle Bewegung vor sich. Die ersten Männer
der Wissenschaft, Huxley (Darwins Schule) an der Spitze, mit
Charles Lyell, Bowring, Carpenter usw. geben in St. Martin's Hall
höchst aufgeklärte, wahrhaft kühne, freigeistige Vorlesungen für
das Volk, und zwar an Sonntagabenden, gerade zu der Stunde, wo
sonst die Schäflein zur Weide des Herrn pilgerten; die Halle war
massenhaft voll und der Jubel des Volkes so groß, daß am ersten
Sonntagabend, wo ich mit meiner Familie zugegen war, mehr als
2000 Menschen keinen Einlaß mehr in den zum Ersticken angefüllten
Raum finden konnten. Dreimal ließen die Pfaffen das Entsetzliche
geschehen. - Gestern abend jedoch wurde der Versammlung
angekündigt, daß keine Vorlesungen mehr gehalten werden dürften,
bis der Prozeß der Seelsorger gegen die Sunday evenings for the
people (Sonntagsvorträge für das Volk) erledigt sei. Die Entrü-
stung der Versammlung sprach sich entschieden aus, und mehr als
100 Pfund Sterling wurden sofort zur Führung des Prozesses gesam-
melt. Wie dumm von den Pfäfflein, sich einzumischen. Zum Ärger
der
#511# Aufzeichnungen und Dokumente
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Frömmlerbande schlossen die Abende auch noch mit Musik. Chöre von
Händel, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Gounod wurden gesungen
und mit Enthusiasmus von den Engländern aufgenommen, denen bisher
an Sonntagen nur erlaubt war, 'Jesus, Jesus meek and mild'
(Jesus, Jesus sanft und mild) zu grölen oder in den Ginpalast
(Schnapsschenke) zu wandern."
Diese Vorgänge mögen wohl den Anlaß geben, daß die zahlreichen
Freidenkervereine Englands [388] nun sämtlich aus ihrer bisher
mehr zurückhaltenden Stellung zur Nutzanwendung ihrer Forschungen
vor das Volk treten werden.
Auch ist es ein Zeichen der Zeit, daß die Sache der Fenier [162]
bei der englischen Arbeiterklasse tiefe Sympathien findet, sowohl
weil sie gegen die Pfaffen gerichtet, als weil sie republikanisch
ist.
4
[Brief an das "Echo de Verviers" [384]]
["L'Echo de Verviers" Nr. 43 vom 20. Februar 1866]
18, Bouverie Street, Fleet Street, London
An den Redakteur des "Echo de Verviers"
Monsieur,
wir rechnen mit Ihrem Gerechtigkeitssinn und Ihrem Wunsche,
"Wahrheit und Aufklärung in der Arbeiterklasse zu verbreiten",
wenn wir Sie bitten, nachfolgenden Brief zu veröffentlichen; eine
Kopie des Briefes wurde an den Bürger V. 1*) gesandt.
Ihr ergebener
Jung
Herr V.,
in Nr. 293 des "Echo de Verviers" vom 16. Dezember 1865 ist ein
Artikel erschienen, der vorgeblich bezweckt, die Arbeiter über
den Geist aufzuklären, von dem die Mitglieder des Zentralrats der
Internationalen Arbeiterassoziation erfüllt seien; der Bürger Le
Lubez, der ihn dem Rat vorgelegt hat (wozu er beauftragt war),
hat, obwohl der Artikel anonym erschienen ist, erkannt, daß die-
ser Ihrer Feder entstammt.
Der Zentralrat hat nach Erörterung des Artikels folgende Resolu-
tion in der Sitzung vom 9. Januar 1866 angenommen:
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1*) Vésinier
#512# Beilagen
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"Der Bürger V. wird aufgefordert, die von ihm vorgebrachten Fak-
ten zu begründen; falls er sich weigert oder die Beweise nicht
geben kann, wird er aus der Internationalen Arbeiterassoziation
ausgeschlossen."
Da sich Ihr Artikel gänzlich von der Wahrheit entfernt, hat es
der Zentralrat für seine Pflicht gehalten, die Tatsachen in ihrer
vollen Wahrheit zu retablieren; der Zentralrat ist sich seiner
Aufgabe und des ihm anvertrauten Mandats bewußt; er wird weder
Verleumdungen mit Verleumdungen beantworten, noch Lügen mit Lü-
gen; er wird sich nicht zu persönlichen Anschuldigungen erniedri-
gen, sondern wird es den Beschuldigten selbst überlassen, sich zu
rechtfertigen; er wird vor keinem Hindernis zurückschrecken und
den falschen Freunden zum Trotz keinerlei Makel und Schande an
sich haften lassen.
Besondere Beachtung verdienen die folgenden Passagen:
I
"Bald reichten alle französischen und italienischen Mitglieder
ihren Rücktritt ein, der mit der Zugehörigkeit der Herren Tolain
und Fribourg zum Komitee und mit ihren Intrigen begründet wurde."
("L'Echo de Verviers", Nr. 293.)
Von 9 französischen Mitgliedern traten nur zwei zurück - die Her-
ren Denoual und Le Lubez, und letzterer trat sogar kurz danach
wieder ein; was die Italiener betrifft, so begründete einer von
ihnen (der Bürger Wolff) seinen Rücktritt nicht "mit der Zugehö-
rigkeit der Herren Tolain und Fribourg zum Komitee und mit ihren
Intrigen", sondern mit einer vom Subkomitee vorgelegten Resolu-
tion des Zentralrats bezüglich des Bürgers Lefort 1*), der er
selber wenige Stunden zuvor als Mitglied des Subkomitees zuge-
stimmt hatte.
II
"Das Komitee setzte seine Tätigkeit bis zum heutigen Tage ohne
sie fort." ("L'Echo de Verviers", Nr. 293.)
Von den beiden zurückgetretenen französischen Mitgliedern kehrte
der Bürger Le Lubez, ehemals Sekretär für Frankreich, nach kurzer
Zeit als Delegierter der Sektion von Deptford zurück; das Komitee
war also nicht lange ohne ihn tätig.
III
"Es" (das Komitee) "veröffentlichte ein Manifest und Provisori-
sche Statuten; ersteres entstammt der Feder eines bedeutenden
Publizisten lateinischer Race usw." ("L'Echo de Verviers", Nr.
293.)
Das Manifest und die Statuten wurden vor dem Rücktritt der ita-
lienischen und der beiden französischen Mitglieder veröffent-
licht; das Manifest
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1*) Siehe vorl. Band, S. 81-83
#513# Aufzeichnungen und Dokumente
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entstammt der Feder nicht eines bedeutenden Publizisten lateini-
scher Race 1*), sondern eines Schriftstellers teutonischer Race
2*); das Manifest wurde einstimmig von allen Mitgliedern des Zen-
tralrats, einschließlich der Franzosen und Italiener, angenommen,
noch ehe der Publizist lateinischer Race von ihm Kenntnis er-
hielt; weit davon entfernt, sein Verfasser zu sein, hätte er,
wenn er es gekannt hätte, auf Grund der antibourgeoisen Tendenz
des Manifests die italienischen Mitglieder dagegen opponieren
lassen; aber er kam zu spät und konnte letztere nur noch daran
hindern, das Manifest ins Italienische zu übersetzen. Offensicht-
lich haben Sie dieses Manifest niemals gelesen, und der bedeu-
tende Publizist lateinischer Race wird Ihnen wenig Dank wissen,
daß Sie ihm die Vaterschaft dieses Werkes zuschreiben.
IV
"Hat es" (das Komitee) "das Ziel verfolgt, das es sich gesteckt
hatte - die völlige Emanzipation der Arbeiter?
Nein! Statt dessen hat es ein Jahr kostbare Zeit verloren, um
eine Konferenz einzuberufen und ein Programm des Kongresses aus-
zuarbeiten, der in Genf stattfinden soll usw." ("L'Echo de Ver-
viers", Nr. 293.)
Der Zentralrat begann mit seiner Tätigkeit erst Anfang 1865. Also
vergingen 9 Monate bis zur Konferenz; er benutzte diese 9 Monate
"kostbarer Zeit", um internationale Verbindungen zu knüpfen und
seine Verbindungen in England auszudehnen. Mehrere Monate hin-
durch wurden allwöchentlich Abordnungen, die sich aus Mitgliedern
des Zentralrats zusammensetzten, zu den verschiedenen Arbeiterge-
sellschaften entsandt, um diese zum Anschluß an die Assoziation
zu veranlassen. Hier ist das Resultat: Zum Zeitpunkt der Konfe-
renz zählte die Internationale Arbeiterassoziation in England
14 000 Mitglieder; unter anderen hatten sich solch bedeutende Ge-
sellschaften angeschlossen, wie die der Schuhmacher und der Mau-
rer; die einflußreichsten und bedeutendsten Männer dieser gewal-
tigen Arbeiterorganisationen (Trade-Unions) waren Mitglieder des
Zentralrats; es wurde eine Zeitung gegründet, deren Titel schon
("Workman's Advocate") ihre Aufgabe anzeigt, eine Zeitung, die
stets und überall die Interessen der Arbeiterklasse verteidigt.
Es wurde eine Gesellschaft für das allgemeine Wahlrecht in Eng-
land (Reformliga) gegründet, eine Gesellschaft, die Tausende von
Mitgliedern zählt; ihr Sekretär und die Mehrheit der Mitglieder
ihres Exekutivkomitees wurden aus unserer Mitte gewählt.
In Frankreich gibt es mehrere tausend Anhänger.
In Paris gibt es eine starke, aktive und untadelige Leitung einer
Organisation, die über 2000 Mitglieder zählt; Zweiggesellschaften
gibt es in Lyon,
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1*) Giuseppe Mazzini - 2*) Karl Marx
#514# Beilagen
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Rouen, Nantes, Caen, Neufchâteau, Pont-l'Evêque, Pantin, Saint-
Denis, Lisieux, Puteaux, Belleville usw. usw. usw.
In der Schweiz: In Genf gibt es eine Leitung, die sich aus den
besten Kräften zusammensetzt. Sie steht an der Spitze einer Orga-
nisation, die 500 Mitglieder zählt; Zweiggesellschaften bestehen
in Lausanne, Vevey, Montreux und im Kanton Neuchâtel.
In Belgien formierte sich die Bewegung unter den besten Vorzei-
chen; das Zentralkomitee hatte allen Grund zu glauben, daß Spa-
nien nicht zögern würde, Belgien zu folgen.
V
"Nein! Es" (das Komitee) "hat zu seiner Konferenz vom September
1865 nicht einen einzigen Delegierten aus Deutschland eingeladen,
das so viele Arbeitervereine zählt, nicht einen einzigen der
zahlreichen Gesellschaften in England, nicht einen einzigen der
so gut organisierten Gesellschaften Italiens und auch nicht eine
einzige der in Frankreich bestehenden Gesellschaften, denn To-
lain, Fribourg und Co. sind nicht die Delegierten einer französi-
schen Arbeitergesellschaft; sie haben sich selbst delegiert und
haben keinerlei Beweise irgendeines Mandats geliefert, mit dem
man sie betraut hätte. Sie sind weit davon entfernt, Delegierte
der französischen Arbeitergesellschaften zu sein, und so war ihre
Anwesenheit die einzige Ursache, die diese Gesellschaften
gehindert hat, Delegierte zu der Londoner Konferenz zu entsenden.
Wir könnten mehrere solcher Gesellschaften nennen, die sich aus
diesem Grunde geweigert hatten, an der Konferenz teilzunehmen
usw. usw." ("L'Echo de Verviers", Nr. 293.)
Prinzipiell konnten nur die Sektionen der Internationalen Arbei-
terassoziation und die Gesellschaften, die sich zu ihren Grund-
sätzen bekannt hatten, auf der Konferenz vertreten sein; der
Stand unserer Finanzen gebot uns, die Zahl der Delegierten auf
ein Minimum zu beschränken.
Von Deutschland, "das so viele Arbeitervereine zählt", hätten nur
die von Schulze-Delitzsch gegründeten Konsumgenossenschaften ver-
treten sein können und die lassalleanischen Vereine, der Allge-
meine Deutsche Arbeiterverein; die ersteren waren, ohne Wissen
ihrer Mitglieder, nur ein Instrument der liberalen preußischen
Bourgeoisie, zu deren Matadoren Schulze-Delitzsch gehört; die
lassalleanischen Vereine waren und sind noch heute in völliger
Auflösung; ein Teil von ihnen hatte sich mit Bismarck verbündet,
der andere Teil, solange er sich noch nicht reorganisiert hatte,
anerkannte die Leitung J.Ph. Beckers, des Schweizer Delegierten
auf der Konferenz. Während der Sitzungen der Konferenz erhielt
Becker ein Mandat von den Fabrikarbeitern Solingens, und auch die
deutsche Gesellschaft in Genf (Deutscher Arbeiterbildungsverein)
wurde durch ihn vertreten; die deutsche Gesellschaft in London
(Deutscher Arbeiterbildungsverein) wurde durch ihre eigenen Dele-
gierten vertreten, die gleichzeitig Mitglieder des Zentralrats
waren [385].
Außer den Hindernissen, denen die Arbeiter bei der Bildung von
Vereinen in Deutschland begegnen, hindert sie auch noch die Ge-
setzgebung,
#515# Aufzeichnungen und Dokumente
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sich ausländischen Gesellschaften anzuschließen; indes wurden ei-
nige Sektionen der Assoziation in Nord- und Süddeutschland gebil-
det.
Ist es angesichts all dieser Schwierigkeiten außergewöhnlich,
wenn Deutschland nicht so gut vertreten war, wie das der Zentral-
rat hätte erwarten können?
Die englischen Gesellschaften waren sehr gut vertreten durch die
englischen Mitglieder des Zentralrats: Odger, sein Präsident, ist
Sekretär des Trades Council (des obersten Rats aller Trade-Unions
in England); Cremer, der Generalsekretär, gehört dem Exekutivko-
mitee der Zimmerleute an; Howell, Sekretär der Reformliga und
Mitglied des Exekutivkomitees der Maurer; er und Coulson, Sekre-
tär der Gesellschaft der Maurer, sind beide von dieser in den
Zentralrat delegiert worden; Wheeler, Geschäftsführer einer Le-
bensversicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit, ist ebenfalls
Mitglied des Zentralrats.
Die Schuhmacher (5500 Mitglieder stark) sind durch Odger, Morgan
und Cope vertreten, während Shaw die Maler vertritt usw. usw.
Dem Bürger Wolff, der 1865 dem Kongreß der italienischen Arbeiter
in Neapel beiwohnte, und den anderen italienischen Mitgliedern
des Rats, gelang es jedoch niemals, wenngleich sie sich sehr ak-
tiv an der Arbeit des Zentralrats beteiligten, in Italien auch
nur ein Mitglied zu gewinnen; der Zentralrat bedauert es überaus,
daß die italienischen Mitglieder, selbst vor ihrem Rücktritt, bei
diesen "so gut organisierten Gesellschaften Italiens" nicht genug
Vertrauen genossen, um auch nur eine einzige von ihnen zu veran-
lassen, sich der Internationalen Assoziation anzuschließen.
"... nicht einen einzigen der in Frankreich bestehenden Gesell-
schaften, denn Tolain, Fribourg und Co. sind nicht die Delegier-
ten einer französischen Gesellschaft; sie haben sich selbst dele-
giert."
Die Mitglieder der Lyoner Sektion bedauerten, daß der Mangel an
Geldmitteln sie daran hinderte, Delegierte zu entsenden, aber
ebenso wie die Mitglieder der Sektionen von Caen und Neufchâteau
sandten auch sie ein Manifest und bekundeten dadurch ihre Teil-
nahme an der Arbeit des Zentralrats.
Tolain, Fribourg, Limousin und Varlin wurden in allgemeiner Ab-
stimmung von der Pariser Sektion gewählt; diese Sektion setzt
sich aus Arbeitern aller Berufe und aus mehreren hundert Mitglie-
dern der Assoziation Crédit au Travail 1*) zusammen. Auch Beluze,
der Leiter dieser Assoziation, gehört dazu; sie alle haben an der
Wahl der Delegierten teilgenommen oder konnten daran teilnehmen;
Limousin, einer der vier Pariser Delegierten, ist Sekretär der
Leitung der "Association", des internationalen Organs der Koope-
rativgesellschaften.
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1*) Kredit für die Arbeit
#516# Beilagen
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Herr Clariol wurde vom Verband der Pariser Schriftsetzer dele-
giert. Auf Einladung des Zentralrats kamen aus Paris zur Konfe-
renz die Herren Schily, Du Mesnil-Marigny und andere, die sich
sehr aktiv an ihrer Arbeit beteiligten.
Welche der anderen Gesellschaften, von denen Sie sprechen, hin-
derte die Anwesenheit von Tolain, Fribourg und Co., Delegierte zu
der Konferenz zu entsenden? Etwa die Gesellschaft des 10. Dezem-
ber [386], die einzige, die unter dem gegenwärtigen Regime in
Frankreich zugelassen ist?
Der Bericht über die Konferenz erschien in allen liberalen Pari-
ser Zeitungen, ohne eine einzige Beschwerde oder Reklamation sei-
tens der Mitglieder der Internationalen Assoziation oder der
französischen Kooperativgesellschaften hervorzurufen; die Man-
date, welche die Delegierten erhielten, sind vom Subkomitee des
Zentralrats überprüft und bestätigt worden.
Gleich zu Beginn der Konferenz erstatteten die Pariser Delegier-
ten einen detaillierten und genauen Bericht über ihre Leitung und
die Verwaltung ihrer Finanzen. Zur Bestätigung des Berichts leg-
ten sie dem Zentralrat ihre Bücher vor und stellten ihm ihre ge-
samte Korrespondenz zur Verfügung. Der Zentralrat kann die Maß-
nahmen nur begrüßen, welche die Pariser Leitung zur Gründung und
Propaganda der Internationalen Assoziation in Frankreich mit Er-
folg unternommen hat.
VI
"Belgien hatte einen überaus fähigen Delegierten geschickt, den
Bürger De Paepe, aber er war der einzige Vertreter dieses Landes,
das so viele Gesellschaften zählt." ("L'Echo de Verviers", Nr.
293.)
Es ist bedauerlich, daß Belgien nur einen Delegierten geschickt
hatte und daß dieser Delegierte gerade der Vertreter mit den we-
nigsten Wählerstimmen war; nichtsdestoweniger war dieses Land in
der Person Cesar De Paepes würdig vertreten.
VII
"Die Schweiz, oder vielmehr Genf, hatte zwei geschickt, beide
keine Schweizer, nämlich: einen französischen und einen badischen
Flüchtling, die zu der Konferenz mit den beiden obigen sogenann-
ten französischen Delegierten angekommen waren; insgesamt also 5
oder 6 von der gleichen Sorte und nur ein wirklicher und ernst zu
nehmender Delegierter, der Vertreter Belgiens." ("L'Echo de Ver-
viers", Nr. 293.)
Die Delegierten der Schweiz wurden in einer allgemeinen Abstim-
mung gewählt, und zwar von allen Mitgliedern der verschiedenen
Sektionen der Internationalen Assoziation in der Schweiz, vom
Grütlivereint [387], der nur aus Schweizern besteht, und von der
deutschen Gesellschaft.
Der Deutsche Arbeiterbildungsverein nahm durch seine Vertreter in
den Organisationen der Internationalen Assoziation in der Schweiz
ebenfalls
#517# Aufzeichnungen und Dokumente
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an den Wahlen teil. Durch die Wahl ihrer Delegierten haben sich
die Schweizer Mitglieder der Assoziation einen ehrenvollen Platz
in der Geschichte der Internationalen Assoziation erworben.
Die Schweizer Delegierten kamen zur Konferenz nicht "mit den bei-
den sogenannten französischen Delegierten", sondern mit den vier
Pariser Delegierten.
Der Bürger Becker, einer der Delegierten der Konferenz, ist seit
über 20 Jahren naturalisierter Schweizer; ihm wurden die Bürger-
rechte der Stadt Biel verliehen in Anerkennung der Dienste, die
er der weltweiten Sache der Demokratie erwiesen hat; er, der Ar-
beiter, hat sich auch als Agitator, Soldat, Organisator und
Schriftsteller ausgezeichnet; seine so vielfachen Talente hat er
immer für die Sache der Arbeiter eingesetzt; es ist lächerlich zu
sehen, wie Pygmäen derartige Riesen angreifen, und es steht fest,
daß über deren Verdienste nur Männer von anerkannter Redlichkeit
und Uneigennützigkeit urteilen können.
VIII
"Wir fragen, kann dieses Resultat befriedigen?" ("L'Echo de Ver-
viers". Nr. 293.)
Der Zentralrat besteht fast ausschließlich aus Arbeitern; sie
sind gewohnt, Hammer und Feile zu handhaben, und es kostet sie
stets persönliche Opfer, diese durch die Feder zu ersetzen; wenn
sie zur Feder greifen, so immer, um eine edle Sache zu verteidi-
gen oder zu propagieren, und nicht, um ihre Dienste dem Bonapar-
tismus anzubieten. Und wenn das Resultat nicht so befriedigend
ist, wie es sich die Arbeiter im allgemeinen wünschten, so sind
wir überzeugt, daß sie die Nachtarbeit in Rechnung stellen wer-
den, die nach einem langen Tag ermüdender Arbeit geleistet wurde,
und die Qualen, die ihre Brüder ausstehen mußten, ehe die Sache
an den
gegenwärtigen Punkt gelangte.
IX
"Schädlichen Einflüssen nachgebend, hat es in das Programm des
Genfer Kongresses Punkte aufgenommen, die den Zielen der Assozia-
tion fremd sind, wie z.B. die Frage der Beseitigung des russi-
schen Einflusses in Europa." ("L'Echo de Verviers", Nr. 294.)
Welchen schädlichen Einflüssen also hat der Zentralrat nachgege-
ben, als er in sein Programm schrieb, daß es notwendig sei, den
moskowitischen (nicht den russischen, was etwas ganz anderes be-
deutet) Einfluß in Europa zu beseitigen? Die Notwendigkeit, "den
moskowitischen Einfluß in Europa zu beseitigen", wird im Prinzip
in unserem Manifest anerkannt, das gewiß nicht unter schädlichem
Einfluß veröffentlicht worden ist.
Welche Fragen wurden noch auf Grund schädlicher Einflüsse in das
Programm aufgenommen?
#518# Beilagen
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X
"Dieser ungeheure Fehler hat bereits verhängnisvolle Folgen ge-
zeitigt: die Polen haben in Masse verlangt, ins Komitee aufgenom-
men zu werden und werden bald darin die große Mehrheit bilden."
("L'Echo de Verviers", Nr. 294.)
Die Polen haben nicht in Masse gefordert, in den Zentralrat auf-
genommen zu werden, und anstatt dann eine große Mehrheit zu be-
sitzen, bilden sie nicht einmal den zwanzigsten Teil davon.
Kann man sich überhaupt noch mit einem Autoren unterhalten, der
erklärt, "das Komitee habe ein Programm von zwölf Fragen ausgear-
beitet und darüber abstimmen lassen, Fragen, die fast allesamt
die allgemeinsten Probleme der politischen Ökonomie enthalten,
ohne dabei aber auch nur eine wissenschaftliche Frage aufzuwer-
fen", und der einige Zeilen tiefer im gleichen Atemzuge "die wis-
senschaftliche Bedeutung" dieser gleichen Fragen anerkennt?
Der Zentralrat nimmt keinerlei Ausschließlichkeit für sich in An-
spruch und ist immer bestrebt gewesen, die Erkenntnisse aller
aufrichtigen Freunde der Arbeitersache zu nutzen; er hat mit al-
len in seiner Macht stehenden Mitteln danach gestrebt, seine
großen Prinzipien zu propagieren und die Arbeiter aller Länder zu
vereinigen. Zu diesem Zwecke sind drei Zeitungen in der Schweiz
gegründet worden: das "Journal de l'Association Internationale
des Travailleurs" und die "Voix de l'Avenir" [388] in französi-
scher Sprache, der "Vorbote" in deutscher Sprache und in England
der "Workman's Advocate", die einzige englische Zeitung, die un-
ter Anwendung des Selbstbestimmungsrechts der Völker anerkennt,
daß die Iren das Recht haben, das englische Joch abzuschütteln.
Der Zentralrat kann nicht Richter über seine eigenen Handlungen
sein. Der Genfer Kongreß wird entscheiden, ob der Rat des Ver-
trauens würdig ist, mit dem er beehrt wurde, oder ob er das erha-
bene Ziel, das ihm gesteckt wurde, leichtfertig preisgegeben hat.
Ich verbleibe, Monsieur, Ihr sehr ergebener
H. Jung
Im Namen des Zentralrats der
Internationalen Arbeiterassoziation
15. Februar 1866
Aus dem Französischen.
#519# Aufzeichnungen und Dokumente
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5
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Beziehungen
Mazzinis zur Internationalen Arbeiterassoziation [389]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Zentralrats vom 13. März 1866]
Bürger Marx befaßte sich in seiner Rede mit dem Verfahren auf der
letzten Sitzung. Er sagte, die Erklärung Major Wolffs, daß Maz-
zini unsere Statuten verfaßt habe, entspreche nicht der Wahrheit.
Er selbst, Marx, habe sie geschrieben, nachdem im Komitee ver-
schiedene Entwürfe, unter anderem auch der von Wolff [390], erör-
tert worden seien. Die Entwürfe hätten sich in zwei Punkten
grundlegend voneinander unterschieden. Er, Marx, habe von der Un-
terdrückung der Arbeit durch das Kapital gesprochen. Wolff habe
sich für Zentralisation ausgesprochen, unter Arbeiterassoziatio-
nen aber nur Gesellschaften der gegenseitigen Hilfe verstanden.
Mazzinis Statuten seien zur Zeit der Konferenz in Neapel gedruckt
worden.
Mazzini könne Marx' Adresse schwerlich gesehen haben, bevor sie
gedruckt worden sei, da sie sich in der Tasche von Marx befunden
habe, es sei denn, Mazzini habe sie gesehen, nachdem sie in die
Hände von Le Lubez gelangt sei und ehe sie an den "Bee-Hive" ge-
geben wurde.
Ferner habe Mazzini nach Brüssel an Fontaine einen Brief gesandt,
welcher für die belgischen Gesellschaften bestimmt gewesen sei
und in dem er sie vor Marx' sozialistischen Ansichten gewarnt
habe; das habe De Paepe auf der Konferenz berichtet [391].
Major Wolff sei nicht Mitglied des Rats. Er hätte den Rat brief-
lich informieren müssen, daß er beabsichtige, seine Beschwerde
vorzutragen. Marx protestierte in seinem Namen und im Namen der
anderen Sekretäre für den Kontinent gegen das Verfahren in der
letzten Sitzung und bat, dies im Protokoll zu vermerken, da die
Frage vielleicht auf dem Genfer Kongreß zur Sprache gebracht
werde.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
#520# Beilagen
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6
[Statuten und Reglement der Internationalen
Arbeiterassoziation [392]]
Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation,
angenommen auf der Sitzung des Genfer Kongresses
vom 5. September 1866
In Erwägung,
daß die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse
selbst erobert werden muß; daß der Kampf für die Emanzipation der
Arbeiterklasse kein Kampf für neue Klassenvorrechte ist, sondern
für gleiche Rechte und Pflichten und für die Vernichtung aller
Klassenherrschaft;
daß die ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner
der Arbeitsmittel, d.h. der Lebensquellen, der Knechtschaft in
allen ihren Formen zugrunde liegt - dem gesellschaftlichen Elend,
der geistigen Verkümmerung und der politischen Abhängigkeit;
daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse daher der
große Endzweck ist, dem jede politische Bewegung, als Mittel, un-
terzuordnen ist;
daß alle Versuche in dieser Richtung bisher gescheitert sind aus
Mangel an Einigung unter den mannigfachen Arbeitszweigen jedes
Landes und an der Abwesenheit eines brüderlichen Bundes unter den
Arbeiterklassen der verschiedenen Länder;
daß die Emanzipation der Arbeiter weder eine lokale, noch eine
nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder
umfaßt, in denen die moderne Gesellschaft besteht, und deren Lö-
sung vom praktischen und theoretischen Zusammenwirken dieser Län-
der abhängt;
daß die gegenwärtig sich erneuernde Bewegung der Arbeiterklasse
in den industriellsten Ländern Europas, während sie neue Hoffnun-
gen wachruft, zugleich feierliche Warnung erteilt gegen einen
Rückfall in die alten Irrtümer und zur sofortigen Zusammenfassung
der noch zusammenhangslosen Bewegungen drängt;
aus diesen Gründen
erklärt der vom 3. bis 8. September 1866 in Genf versammelte Kon-
greß, daß diese Assoziation und alle Gesellschaften und Indivi-
duen, die sich ihr anschließen, Wahrheit, Gerechtigkeit und Sitt-
lichkeit anerkennen als die Regel ihres Verhaltens zu allen Men-
schen, ohne Rücksicht auf Farbe, Glauben oder Nationalität.
#521# Aufzeichnungen und Dokumente
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Der Kongreß erachtet es als Pflicht, die Rechte eines Menschen
und Bürgers für alle zu fordern. Keine Rechte ohne Pflichten,
keine Pflichten ohne Rechte.
Und m diesem Geist hat der Kongreß nachfolgende Statuten der In-
ternationalen Arbeiterassoziation definitiv angenommen:
Art. I. Die Assoziation ist gegründet zur Herstellung eines Mit-
telpunktes der Verbindung und des Zusammenwirkens für die in ver-
schiedenen Ländern bestehenden Arbeitergesellschaften, welche
dasselbe Ziel verfolgen, nämlich: den gegenseitigen Schutz, den
Fortschritt und die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse.
Art. II. Der Name dieser Gesellschaft ist: Internationale Arbei-
terassoziation.
Art. III. Der Generalrat wird gebildet aus Arbeitern, angehörig
den verschiedenen, in der Internationalen Assoziation repräsen-
tierten Ländern. Er besetzt aus seiner Mitte die zur Geschäfts-
führung nötigen Stellen, wie die des Präsidenten, Generalsekre-
tärs, Schatzmeisters und der Sekretäre für die verschiedenen Län-
der.
Der Kongreß bestimmt jährlich Zeit und Ort für die Zusammenkunft
des nächsten Kongresses, bestimmt den Sitz des Generalrats und
wählt dessen Mitglieder. Der Generalrat ist ermächtigt, sich neue
Mitglieder beizufügen.
Die Abgeordneten versammeln sich zu der vom Kongreß bestimmten
Zeit und Stelle, ohne daß dazu eine besondere Einladung erheischt
wäre. Der Generalrat kann im Vorfall den Ort der Zusammenkunft
verlegen, aber nicht ihren Zeitpunkt aufschieben.
Art. IV. Auf seinen jährlichen Zusammenkünften erhält der Kongreß
einen öffentlichen Bericht über die Jahresarbeit des Generalrats.
Letzterer kann in dringenden Fällen den Kongreß vor dem festge-
setzten Termin berufen.
Art. V. Der Generalrat wirkt als Agentur zwischen den verschie-
denen Assoziationen, so daß die Arbeiter eines Landes fortwährend
unterrichtet bleiben über die Bewegungen ihrer Klasse in allen
anderen Ländern; daß eine Untersuchung über den sozialen Zustand
gleichzeitig und unter gemeinsamer Leitung stattfindet; daß Fra-
gen von allgemeinem Interesse, angeregt von einer Gesellschaft,
von allen ändern aufgenommen werden und daß sich die Assoziation,
wenn praktische Vorschläge oder internationale Zwiste ihre Einmi-
schung erfordern, gleichförmig betätigen kann. Bei jeder passen-
den Gelegenheit ergreift der Generalrat die Initiative der den
verschiedenen nationalen oder lokalen Gesellschaften zu unter-
breitenden Vorlagen.
Zur Erleichterung seines Verkehrs mit den Zweiggesellschaften
gibt der Generalrat ein Bulletin heraus.
Art. VI. Da der Erfolg der Arbeiterbewegung in jedem Lande nur
gesichert werden kann durch die Macht der Einigung und Kombina-
tion,
#522# Beilagen
-----
während andrerseits die Wirksamkeit des Generalrats um so größer
sein wird, je weniger er seine Aktionen zersplittert, so sollen
die Mitglieder der Internationalen Assoziation alle ihre Kräfte
aufbieten zur Vereinigung der lokalen Gesellschaften ihrer be-
treffenden Länder in nationale Körper, repräsentiert durch Zen-
tralräte. Es versteht sich von selbst, daß die Anwendung dieses
Artikels von den Sondergesetzen jedes Landes abhängt und daß, ab-
gesehen von gesetzlichen Hindernissen, keine lokale Gesellschaft
von direkter Korrespondenz mit dem Generalrat ausgeschlossen ist.
Reglement 1*)
1. Der Generalrat ist gehalten, die Kongreßbeschlüsse auszufüh-
ren.
a) Zu diesem Behufe sammelt er die ihm von den Zentralräten der
verschiedenen Länder übersandten und auf ändern Wegen ihm zukom-
menden Materialien.
b) Er ist beauftragt mit der Organisierung der Kongresse und soll
den Zweiggesellschaften vermittelst der Zentralräte das Kongreß-
programm mitteilen.
2. Sooft seine Mittel es erlauben, wird der Generalrat einen Be-
richt veröffentlichen, der sich über alles erstreckt, was von In-
teresse für die Internationale Arbeiterassoziation ist. Dieser
Bericht wird sich hauptsächlich befassen mit Nachfrage und Ange-
bot von Arbeit, mit kooperativen Gesellschaften sowie mit der
Lage der Arbeiterklasse in allen Ländern usw.
3. Der Bericht wird in verschiedenen Sprachen aufgesetzt und gra-
tis an alle mit dem Generalrat korrespondierenden Komitees ver-
sandt, welche jeder ihrer Sektionen ein Exemplar davon vermachen.
4. Um dem Generalrat die Ausführung dieser Beschlüsse zu ermögli-
chen, wird für das Jahr 1866/1867 ausnahmsweise ein Beitrag von
30 Centimes (3 Pence) von jedem Mitgliede der Internationalen Ar-
beiterassoziation erhoben.
Diese Beiträge sind hauptsächlich bestimmt zur Deckung der zahl-
reichen Kosten des Generalrats, wie z.B. für die Besoldung des
Generalsekretärs, Druckschriften, Korrespondenz, Publikationen,
Veranstaltungen und andere Vorbereitungen für Kongresse usw.
5. Überall, wo es die Umstände erlauben, werden Zentralräte ge-
bildet. Die Funktionäre derselben, welche von den betreffenden
Sektionen gewählt werden und jederzeit durch sie abberufen werden
können, schicken ihre Berichte dem Generalrat mindestens monat-
lich einmal und wenn nötig noch öfters.
6. Die Kosten der Zentralräte werden von verschiedenen mit ihnen
verbundenen Zweiggesellschaften gedeckt.
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1*) Im Original: Règlements spéciaux
#523# Aufzeichnungen und Dokumente
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7. Die mit dem Generalrat in Korrespondenz stehenden Zentralräte
sowie der Generalrat sind nur dann verpflichtet, den Kredit zu
garantieren, der den Mitgliedern der Assoziation von ihren Sek-
tionen ausgestellt wird, wenn ihr Mitgliedsbüchlein vom Sekretär
derjenigen Sektion, welcher der Überbringer angehört, unter-
schrieben ist.
Im Falle die Sektion, in welcher der Überbringer von seinem Kre-
dit Gebrauch machen will, nicht über die Mittel verfügt, so ist
sie berechtigt, auf das Büro oder die Sektion, welche den Kredit
ausgestellt haben, einen Wechsel auf Sicht zu ziehen.
8. Die Zentralräte und Sektionen müssen jedem Mitgliede der Asso-
ziation, auf sein Verlangen, Einsicht in die Berichte des Gene-
ralrats unentgeltlich gestatten.
9. Jede Sektion, welches immer die Zahl ihrer Mitglieder, kann
einen Delegierten zum Kongreß senden. Ist eine Zweiggesellschaft
außerstande, einen Delegierten zu senden, so kann sie sich wegen
Ernennung eines gemeinsamen Delegierten mit ändern Zweigen eini-
gen.
10. Die Unkosten der Delegierten werden bestritten von den sie
ernennenden Zweiggesellschaften oder Gruppen.
11. Jedes Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation ist
stimmfähig und wählbar.
12. Jede Zweiggesellschaft oder Gruppe von mehr als 500 Mitglie-
dern kann für je 500 zuschüssige Mitglieder einen weiteren Dele-
gierten ernennen.
13. Jeder Delegierte hat nur eine Stimme auf dem Kongreß.
14. Jede Sektion hat das Recht, sich ihr Reglement und ihre Sta-
tuten je nach den Lokalumständen und Landesgesetzen zu geben.
Dieselben dürfen jedoch nichts den Allgemeinen Statuten und dem
Allgemeinen Reglement Widersprechendes enthalten.
15. Die gegenwärtigen Statuten und das Reglement können durch je-
den Kongreß abgeändert werden, sobald zwei Drittel der anwesenden
Delegierten sich dafür erklären.
Nach der Handschrift von
Karl Marx und Paul Lafargue.
Aus dem Französischen.
#524# Beilagen
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7
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx auf dem Stiftungsfest
des Deutschen Bildungsvereins für Arbeiter in London
am 28. Februar 1867 [393]]
["Der Vorbote" Nr. 3. März 1867]
Karl Marx sprach über die Lohnarbeit und das Kapital und wies mit
großer Klarheit nach, wie die Arbeiter das Kapital verschaffen,
wie sie durch das Produkt ihrer eigenen Arbeit in der Sklaverei
erhalten wurden und wie das Kapital fortwährend benutzt werde,
ihre Ketten fester zu schmieden. Der sogenannte freie Arbeiter
habe wohl das Bewußtsein, freier Arbeiter zu sein, aber er sei um
so mehr in der Gewalt der Kapitalmacht, als er gezwungen sei,
seine Arbeit für einen elenden Lohn zu verkaufen, um die allernö-
tigsten Lebensbedürfnisse dafür zu erhalten. Der freie Arbeiter
stehe materiell in den meisten Fällen unter dem Sklaven und dem
Leibeigenen. Die Arbeiterklasse brauche nicht das persönliche Ei-
gentum abzuschaffen, das sei längst abgeschafft und werde tagtäg-
lich abgeschafft, was jedoch abgeschafft werden müsse, sei das
bürgerliche Eigentum, welches doch nur auf Betrug gegründet sei.
In betreff der sozialen Verhältnisse in Deutschland bemerkte
Marx, daß das deutsche Proletariat noch am ersten fähig sei, eine
Radikalkur siegreich durchzuführen. Erstens hätten sich die Deut-
schen am meisten von allem religiösen Unsinn befreit; zweitens
brauchten sie nicht die langwierige bürgerliche Bewegung durch-
zumachen wie die Arbeiter anderer Länder, und drittens werde sie
ihre geographische Lage zwingen, dem östlichen Barbarismus den
Krieg zu erklären, denn von dort aus, von Asien, sei alle Reak-
tion gegen den Westen ausgegangen. Dadurch werde die Arbeiterpar-
tei auf den revolutionären Boden hingedrängt, auf welchem sie
handeln müsse, um sich gänzlich zu befreien.
#525# Aufzeichnungen und Dokumente
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8
Aufruf des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation
an die Sektionen, mitgenossischen Gesellschaften und alle
Arbeiter [394]
Proletarier!
Laut den Korrespondenzen, welche wir erhalten, ersehen wir, daß
die Mitglieder der Assoziation fortfahren, die Grundsätze zu ver-
breiten und die Zahl der Zweige der Internationalen Genossen-
schaft zu vermehren. Diese Leistung ist namentlich in der Schweiz
erheblich, wo die Mehrzahl unserer Zweige eifrig beschäftigt ist,
Arbeitergesellschaften jeder Art zu errichten und sie mit uns in
Verbindung zu setzen.
Belgien macht seit der Niedermetzelung der Marchiennen [395] die
anerkennungswertesten Anstrengungen, alle Proletarier unter un-
sern Schutz und Schirm zu bringen.
Doch in den ändern Ländern haben verschiedene Ursachen solche
Propaganda gehemmt:
Deutschland, welches vor 1848 so tiefes Interesse an den Studien
der sozialen Frage genommen hatte, sieht seine Kräfte fast gänz-
lich durch die Einheitsbewegung, welche sich in seinem Innern
vollzieht, in Anspruch genommen.
In Frankreich hat sich bei der geringen Freiheit, welche die Ar-
beiterklasse genießt, die Verallgemeinerung der Grundsätze und
die Ausdehnung unserer Assoziation lange nicht in dem Maße
vollzogen, als es sonst zu erwarten gewesen wäre; denn wir durf-
ten glauben, daß die Beihülfe, welche den französischen Arbeiter-
gesellschaften durch unsere Vermittlung von den englischen Arbei-
tergesellschaften, bei den Greven 1*) jener [396], zuteil wurde,
alle französischen Arbeiter für uns gewonnen haben würde. Jetzt,
wo in Frankreich der Kampf zwischen der Kapitalisten- und Arbei-
terklasse in die Phase, welche wir die "englische" nennen, getre-
ten, d.h. einen klar gezeichneten Charakter angenommen, dürften
die Arbeiter bald begreifen, daß, um mit Erfolg gegen die Gewalt
der Kapitalisten zu ringen, ein mächtiger Bund, der alle Glieder
der Arbeitergemeinschaft in sich vereinigt, notwendig ist.
England, das mit der Wahlreform beschäftigt war, hatte die ökono-
mische Bewegung für einen Augenblick beiseite gelassen. Jetzt
aber, wo die Reformfrage einstweilen erledigt, durch die ange-
stellten Untersuchungen der Gewerksverbände [397] sich die Macht
der Arbeiterklasse bestätigt und zum Bewußtsein gelangt, gedenken
wir, daß die Stunde gekommen,
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1*) Streiks
#526# Beilagen
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wo die Arbeitergesellschaften die Nützlichkeit unserer Assozia-
tion begreifen. Schon bei oft wiederholten Anlässen wurde auf den
Arbeiterdelegierten-Versammlungen der Wert unserer Assoziation
richtig erkannt und haben sich bereits zahlreiche Gesellschaften
in unserem Schöße gebildet. England ist vermöge der mächtigen Or-
ganisation der Arbeiterklasse ganz dazu berufen, eine unserer
festesten Stützen zu sein.
Die Vereinigten Staaten Amerikas scheinen durch den blutigen
Krieg, welchen sie durchgemacht, eine neue Jugend empfangen zu
haben: die Arbeiterklasse hat sich schon zentralisiert und, ihre
Tätigkeit auf die dort geltende Bourgeoisherrschaft ausübend,
mehrere Staatsgesetzgebungen gezwungen, das Achtstundengesetz an-
zunehmen. Bei Gelegenheit der Wahl des künftigen Präsidenten sa-
hen sich die verschiedenen politischen Parteien genötigt, ihr
Glaubensbekenntnis abzulegen; die radikale Partei hat durch den
Mund Wades die Notwendigkeit anerkannt, sich ganz besonders mit
der Frage der Arbeit und des Kapitals zu befassen, und sich auf-
richtig für die Umgestaltung des Kapital- und Grundeigentums aus-
gesprochen. Da die Arbeiterklasse in diesem Lande eine erhebliche
Kraft der Organisation besitzt, so ist sie auch befähigt, ihren
Willen zur Geltung zu bringen.
Zur Stunde ist in allen zivilisierten Ländern die Erhebung der
Arbeiterklasse in gutem Gange und ist vornehmlich dort, wo, wie
in Amerika und England, die Industrie am fortgeschrittensten, die
Organisation der Arbeiterklasse die festgeschlossenste und der
Kampf mit der Bourgeoisie der hartnäckigste.
Gegenüber der Kapitalkraft ist die individuelle Menschenkraft
verschwunden und ist der Arbeiter in den Manufakturen nicht mehr
als wie ein Räderwerk der Maschine. Für die Wiedergewinnung ihrer
Individualität mußten die Arbeiter sich vereinigen und Genossen-
schaften bilden zur Verteidigung ihres Lohnes und ihres Lebens.
Bis jetzt blieben diese Assoziationen mehr lokaler Art; allein
das Kapital sieht vermöge neuer industrieller Erfindungen seine
Kraft täglich wachsen, wodurch eine große Anzahl der nationalen
Genossenschaften in eine ohnmächtige Lage geraten; die Kämpfe der
englischen Arbeiterklasse studierend gewahrt man, wie die Fabrik-
herrn, um ihren Arbeitern zu widerstehen, sowohl fremde Arbeiter
kommen, als auch die Waren dort anfertigen ließen, wo die Ar-
beitslöhne billiger stehen. Gegenüber dieser Sachlage muß die Ar-
beiterklasse, wenn sie ihren Kampf mit einiger Aussicht auf Er-
folg fortsetzen will, ihre nationalen Assoziationen in interna-
tionale umgestalten.
Mögen alle Arbeiter diesen neuen Standpunkt der Frage mit Auf-
merksamkeit betrachten und einsehen, daß, wenn sie sich unter un-
serer Fahne sammeln, sie ihr Brot und das ihrer Kinder verteidi-
gen.
Wir, Generalrat, appellieren an alle, damit der nächste Kongreß,
welcher am 2. September 1867 in Lausanne stattfindet, zur glanz-
vollen Kundgebung der Arbeiterklasse werde.
#527# Aufzeichnungen und Dokumente
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(In dem auf dem ersten Kongreß angenommenen Reglement heißt es
Art. 9: Jede Sektion, ob groß oder klein, hat das Recht, einen
Delegierten auf den Kongreß zu schicken. Ist eine Sektion nicht
imstande, einen Delegierten zu schicken, so soll sie mit ändern
Sektionen eine Gruppe bilden, welche als denn einen Delegierten
ernennt. Art. 12: Jede Sektion oder Gruppe, welche mehr als 500
Mitglieder zählt, hat für jedes weitere 500 je einen Delegierten
zu ernennen. [398])
Die Kongreßfragen sind:
1. Welches sind die praktischen Mittel, um die Internationale Ar-
beiterassoziation zu befähigen, der Arbeiterklasse (männlichen
und weiblichen Geschlechts) einen gemeinsamen Mittelpunkt der
Handlung im Befreiungskampfe vom Kapitaljoche zu bieten?
2. Wie können die Arbeiterklassen den Kredit, welchen sie der
Bourgeoisie und den Regierungen verleihen, zu ihrer Emanzipation
benutzen?
London, im Juli
Mit brüderlichem Gruß:
Die korrespondierenden Sekretäre:
E. Dupont, für Frankreich;
K. Marx, für Deutschland;
Zabicki, für Polen;
H. Jung, für die Schweiz;
P. Fox, für Amerika;
Besson, für Belgien;
Carter, für Italien;
P. Lafargue, für Spanien;
Hansen, für Holland und Dänemark
G. Odger, Präsident
G. Eccarius, Vizepräsident
W. Dell, Tresorier
Shaw, Sekretär-Tresorier
Peter Fox, Generalsekretär
16, Castle-Street, Oxford Street
Nach dem Flugblatt in deutscher Sprache.
#528# Beilagen
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9
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx
über die Statistik des neuen Blaubuchs [399]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 23. Juli 1867]
Bürger Marx lenkte die Aufmerksamkeit des Rats auf ein parlamen-
tarisches Blaubuch - "Reports by Her Majesty's Secretaries of em-
bassy and legation on the manufactures and commerce of the coun-
tries in which they reside", 1867 - und zitierte daraus folgenden
Auszug:
"In den ersten elf Monaten von 1864 importierte Belgien 7200 Ton-
nen unbearbeitetes Gußeisen, davon 5300 Tonnen aus Großbritan-
nien. Im entsprechenden Zeitraum von 1865 stieg dieser Import auf
18 800 Tonnen, davon kamen 17 000 Tonnen aus Großbritannien; 1866
stieg der Import auf 29 590 Tonnen, wovon 26 200 Tonnen aus Groß-
britannien. Andererseits betrug der belgische Gußeisenexport in
den ersten elf Monaten von 1864 24 400 Tonnen, wovon 17 200 Ton-
nen nach Frankreich und 5900 Tonnen nach England gingen, während
der Export im entsprechenden Zeitraum von 1866 nicht mehr als
14 000 Tonnen betrug; davon wurden 9600 Tonnen nach Frankreich
und nur 241 Tonnen nach Großbritannien exportiert. Die Exporte
belgischer Schienen fielen ebenfalls von 75 353 Tonnen in den er-
sten elf Monaten von 1864 auf 62 734 Tonnen im Jahre 1866.
Es folgt eine Tabelle mit genauen Angaben über den belgischen Im-
port von Eisen und Stahl aller Sorten aus Großbritannien und über
den belgischen Export von Eisen und Stahl nach Großbritannien in
den ersten elf Monaten von 1866 im Vergleich zum entsprechenden
Zeitraum von 1864.
Belgische Importe aus Großbritannien
Die ersten elf Monate
1866 1864
in Tonnen in Tonnen
Erz- und Feilspäne 0 1
Roh-, Guß- und Alteisen 26 211 5 296
Bearbeitetes Eisen (Nägel, Draht etc.) 1 031 1 777
Gußwaren 41 24
Schmiedeeisen 255 203
Stahlbarren, -platten und -draht 3 219 1 227
Schmiedestahl 522 0
------------------
Insgesamt 31 289 8 528
#529# Aufzeichnungen und Dokumente
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Belgische Exporte nach Großbritannien
Die ersten elf Monate
1866 1864
in Tonnen in Tonnen
Erz- und Feilspäne 1 768 5 555
Roh-, Guß- und Alteisen 241 5 920
Bearbeitetes Eisen (Nägel, Draht etc.) 6 727 9 436
Gußwaren 5 7
Schmiedeeisen 12 0
Stahlbarren, -platten und -draht 50 56
Schmiedestahl 16 5
----------------
Insgesamt 8 819 20 979
So kann als Ergebnis kurz festgestellt werden:
Belgien exportierte 1864 (in den ersten elf Monaten) nach England
20 979 Tonnen Eisen und Stahl, 1866 jedoch nur 8819 Tonnen, wäh-
rend der britische Export von Eisen und Stahl nach Belgien von
8528 Tonnen im Jahre 1864 auf 31 289 Tonnen im Jahre 1866 stieg."
Marx erinnerte daran, daß sich im vergangenen Jahr einige bürger-
liche Zeitungen über die verderblichen Folgen der Existenz von
Trade-Unions ereiferten und behaupteten, daß durch deren Tätig-
keit die englische Eisenindustrie ihre Positionen verliere und
von der belgischen Eisenindustrie verdrängt werde. Keine dieser
Zeitungen, die diesen Lärm erhoben hatten, habe das Erscheinen
dieses Blaubuches mitgeteilt, geschweige denn über dessen Inhalt
berichtet.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
10
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Stellung der
Internationalen Arbeiterassoziation zum Kongreß der Friedens-
und Freiheitsliga [400]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats
vom 13. August 1867]
Bürger Marx lenkte die Aufmerksamkeit auf den Friedenskongreß,
der in Genf stattfinden soll. Er halte es für wünschenswert, daß
soviel Delegierte wie möglich als Privatpersonen am Friedenskon-
greß teilnähmen; es wäre
#530# Beilagen
-----
jedoch unklug, offiziell als Vertreter der Internationalen Asso-
ziation daran teilzunehmen. Der Kongreß der Internationalen Ar-
beiterassoziation sei an sich schon ein Friedenskongreß, da die
Vereinigung der Arbeiterklasse der verschiedenen Länder interna-
tionale Kriege schließlich unmöglich machen müsse. Hätten die In-
itiatoren des Genfer Friedenskongresses den Kern dieser Frage
wirklich verstanden, dann wären sie der Internationalen Assozia-
tion beigetreten.
Die jetzige Verstärkung der großen Armeen in Europa sei durch die
Revolution von 1848 hervorgerufen; große stehende Heere seien das
zwangsläufige Ergebnis des gegenwärtigen Zustands der Gesell-
schaft. Sie würden nicht unterhalten, um internationale Kriege zu
führen, sondern um die Arbeiterklasse niederzuhalten. [401] Aber
nicht immer gäbe es Barrikaden, die man bombardieren, und Arbei-
ter, die man erschießen könne; dann bestünde die Möglichkeit, in-
ternationale Konflikte vom Zaune zu brechen, damit die Soldaten
nicht aus der Übung kommen. Die Verfechter eines Friedens um je-
den Preis seien auf dem Kongreß zweifellos in der Mehrzahl. Sie
ließen gern Rußland allein im Besitz der Mittel zur Führung eines
Krieges gegen das übrige Europa; indes wäre schon die Existenz
einer solchen Macht wie Rußland für alle anderen Länder Anlaß ge-
nug, ihre Armeen bestehen zu lassen.
Es sei mehr als wahrscheinlich, daß einige französische Radikale
die Gelegenheit benützten, um deklamatorische Reden gegen ihre
eigene Regierung zu halten, doch diese Reden hätten eine größere
Wirkung, wenn sie In Paris gehalten würden.
Wer es ablehne, mitzuwirken an einer Veränderung der Beziehungen
zwischen Arbeit und Kapital, lasse die wirklichen Voraussetzungen
für einen allgemeinen Frieden außer acht.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
11
Bericht des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation
an den Lausanner Kongreß 1867 [402]
I. Vom Genfer Kongreß (September 1866) gestellte Aufgaben
Der Genfer Kongreß stellte dem Generalrat die folgenden Aufgaben
[403]:
1. Der Kongreß ermächtigte durch eine Resolution die englischen
Delegierten, über die Postdirektoren in der Schweiz, in
Frankreich und in England die notwendigen
#531# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Schritte zu unternehmen, um eine Herabsetzung der Gebühren für
die Beförderung von Briefen und Drucksachen zu erreichen.
Der Schweizer Minister stimmte mit der Delegation in allen von
ihr vorgeschlagenen Punkten überein, wies aber darauf hin, daß
die französische Regierung jede Reform in dieser Hinsicht behin-
dere.
In Frankreich konnten die Delegierten keine Audienz beim Postdi-
rektor erlangen.
In England erklärte sich die Regierung nur bereit, eine Denk-
schrift entgegenzunehmen, in welcher die Tatbestände dargelegt
sind. Die Denkschrift wurde vom Generalrat verfaßt, der nun auf
eine Antwort wartet,
2. Die Veröffentlichung der Kongreßmaterialien in mehreren Spra-
chen samt Briefen und Berichten.
3. Die Publikation eines periodischen Bulletins in verschiedenen
Sprachen, das alles enthält, was die Internationale Assoziation
interessieren könnte; Gewährung jeder Art von Informationen über
die Arbeit in den einzelnen Ländern und Zusammenstellung von Be-
richten über die Kooperativgesellschaften und über die soziale
Lage der Arbeiter.
4. Der Generalrat wurde auch aufgefordert, eine statistische Un-
tersuchung der Lage der Arbeiter durchzuführen, die detaillierte
und spezielle Berichte über jeden Zweig der Industrie und der
Landwirtschaft enthalten und alle zivilisierten Länder umfassen
sollte.
Um den Rat in die Lage zu versetzen, seine Aufgaben zu erfüllen,
setzte der Kongreß einen jährlichen Beitrag von 30 Centimes je
Mitglied fest sowie eine Vergütung von wöchentlich 2 Pfd. St. für
den Generalsekretär; die Wahl des letzteren wurde dem Generalrat
überlassen.
Als nach der Rückkehr der Delegierten der Rat mit seiner Arbeit
begann, erhielt er die Nachricht, daß Polizeiagenten an der fran-
zösischen Grenze bei Jules Gottraux mehrere wichtige Dokumente
beschlagnahmt hatten.
Der Generalsekretär wurde aufgefordert, an den Innenminister von
Frankreich zu schreiben, um die Herausgabe der genannten Doku-
mente zu erreichen. Da dieser Brief ohne Antwort blieb, wurde ein
Gesuch an den englischen Außenminister gerichtet; Lord Stanley
wies Lord Cowley, den englischen Botschafter in Paris, entspre-
chend an, die Herausgabe der Dokumente zu erwirken.
Nach wenigen Tagen schon wurden uns diese Dokumente nebst einem
Paket mit Nummern der "Tribüne du Peuple" zurückerstattet, einem
Paket, das offensichtlich bei einer anderen Person beschlagnahmt
worden war.
Dieser Zwischenfall verzögerte die Veröffentlichung der Kongreß-
materialien durch den Rat um mehrere Monate.
Die Dokumente wurden dem Subkomitee zugestellt, damit es den of-
fiziellen Bericht vorbereite.
#532# Beilagen
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Da der Generalrat nicht über die Mittel verfügte, um den General-
sekretär zu bezahlen, oblag diese Arbeit den Mitgliedern des
Rats, die der Sache genügend ergeben waren, um neben ihrer ge-
wöhnlichen Tätigkeit auch diese Arbeit auszuführen, was aber mehr
Zeit beanspruchte.
Als diese Arbeit beendet war, stellte es sich heraus, daß der
Mindestpreis, der für den Druck dieses Berichts in einer einzigen
Sprache gefordert wurde, 1000 frs. für 1000 Exemplare betrug.
Wollte der Generalrat die Resolution des Kongresses durchführen,
war eine sofortige Ausgabe von 3000 frs. notwendig; in der Kasse
befanden sich aber in jenem Augenblick nur 22 frs. 90 cts.
Der Generalrat rief die angeschlossenen englischen Gesellschaften
zur Zahlung von Beiträgen auf.
Die Zigarrenmacher von London und die Bandweber Von Coventry und
Warwickshire waren die einzigen, die antworteten.
Der Exekutivrat der Bandweber zeigte bei der Erfüllung seiner
Pflichten einen Eifer, den wir hervorheben müssen; da er kein
Geld verfügbar hatte und die meisten seiner Mitglieder ohne Ar-
beit waren, veranstaltete er eine spezielle Geldsammlung unter
denen, die arbeiteten.
Als der Generalrat sowohl in Frankreich als auch im Ausland alle
Möglichkeiten erschöpft hatte, um den Bericht über den Kongreß zu
veröffentlichen, nahm er von dem Bürger Collet, dem Redakteur des
"Courrier international" und des "Working man" [404], das Aner-
bieten an, den Bericht in beiden Wochenblättern in französischer
und in englischer Sprache zu veröffentlichen; Collet erbot sich
außerdem, Stereotypen anzufertigen, um diesen Bericht als Bro-
schüre veröffentlichen zu können; auch verpflichtete er sich, mit
dem Generalrat alle Gewinne zu teilen, während er es von vornher-
ein auf sich genommen hatte, alle Verluste zu tragen.
Als die Veröffentlichung der Materialien des Genfer Kongresses
von diesen Blättern angekündigt wurde, fand die englische Regie-
rung, die ähnlichen Veröffentlichungen seit mehreren Jahren
nichts in den Weg gestellt hatte, einen Vorwand, um die Veröf-
fentlichung aufzuhalten, indem sie von dem Bürger Collet ver-
langte, daß er zwei Kautionen von mehreren tausend Francs hinter-
lege. Diese Formalität verzögerte die Veröffentlichung bis zum 9.
März. Inzwischen hat der Bürger Collet aus sicherer Quelle erfah-
ren, daß dieser Zwischenfall von der französischen Regierung ver-
anlaßt worden war.
Dies sowie die Beschlagnahme der Denkschrift der Pariser Dele-
gierten [193] läßt klar erkennen, welche Haltung die französische
Regierung gegenüber der Internationalen Assoziation einnimmt.
Die Nummern des "Courrier international", die diesen Bericht
enthielten, wurden allen Korrespondenten der Assoziation gratis
geschickt. Die Übersetzung ins Deutsche mußte umständehalber un-
terbleiben, da der Generalrat keine Möglichkeit hatte, sie vorzu-
nehmen.
#533# Aufzeichnungen und Dokumente
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Obgleich alle Stereotypen hergestellt sind, verhinderte das Feh-
len von Geldmitteln bis zum heutigen Tage die Veröffentlichung
des Berichts in Form einer Broschüre, die jedoch von allen unse-
ren Korrespondenten dringend gefordert wird.
Um diese Schwierigkeiten zu beheben, hat ein Mitglied des Rats
100 Francs vorgestreckt für den Druck von 1000 Mitgliedsbüchern
mit dem Text der Statuten und des Reglements; 800 dieser Mit-
gliedsbücher wurden versandt, aber von der französischen Polizei
beschlagnahmt; dieser Verlust erschwerte die Lage des Generalrats
noch, eine Lage, die um so prekärer war, als er von allen Seiten
wegen der 1865 und 1866 gemachten Schuld von mehr als tausend
Francs behelligt wurde; denn obwohl der Genfer Kongreß die kol-
lektive Verantwortlichkeit für diese Schuld übernommen hatte,
nannte er kein wirksames Mittel, sie zu tilgen.
Unter diesen Umständen war der Rat völlig außerstande, irgendei-
nen Bericht oder ein periodisch erscheinendes Bulletin, wie es
der Kongreß beschlossen hatte, zu veröffentlichen; die Folge war,
daß die statistische Untersuchung für 1.867 aufgegeben werden
mußte, weil diese Untersuchung, um wirksam zu sein, sich nicht
nur auf die angeschlossenen Gesellschaften beschränken kann, son-
dern alle Produktionszweige an allen Orten erfassen muß. Diese
Arbeit, die beträchtlichen Zeitaufwand und sehr hohe Ausgaben er-
fordert, konnte vom Generalrat in der pekuniären Situation, in
der er sich befand, nicht ausgeführt werden.
II. Die Rolle der Internationalen Arbeiterassoziation
in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit
Die mannigfache Hilfe, welche die Assoziation in den verschie-
denen Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit in einer Reihe von Län-
dern geleistet hat, zeigt zur Genüge die Notwendigkeit einer sol-
chen Assoziation. Als die Arbeiter sich weigerten, die willkürli-
chen Bedingungen der englischen Kapitalisten zu akzeptieren,
drohten diese, sie durch eingeführte Arbeitskräfte vom Kontinent
zu ersetzen. Die Möglichkeit einer derartigen Importation hat
mehrere Male genügt, um die Arbeiter zum Nachgeben zu zwingen.
Die Tätigkeit des Rats hat verhindert, daß diese Drohungen so of-
fen wie früher gemacht wurden. Ständen heute ähnliche Vorfälle
bevor, so genügte die kleinste Andeutung, um die Pläne der Kapi-
talisten zu vereiteln. Kommt es zu einem Strike oder einem
Lockout *) bei den der Assoziation angeschlossenen Gesellschaf-
ten, so werden die Arbeiter aller Länder sofort vom Stand der
Dinge informiert und infolgedessen gewarnt vor den Angeboten sei-
tens der Agenten der Kapitalisten. Indes ist diese
---
*) So nennen die Engländer das Schließen der Werkstätten durch
die Besitzer.
#534# Beilagen
-----
Tätigkeit nicht nur auf die angeschlossenen Gesellschaften be-
schränkt, denn die Hilfe der Assoziation wird allen zuteil, die
sie fordern.
Mitunter gelingt es den Kapitalisten, einige Unwissende zu kö-
dern, doch diese verlassen die Kapitalisten, sobald sie über ihre
Rechte und Pflichten belehrt werden.
Das Kapital betrachtet den Arbeiter nur als eine Produktionsma-
schine und nichts weiter; der letzte Lockout der Londoner Korbma-
cher bietet hierfür ein schlagendes Beispiel. Dies sind die Tat-
sachen. Die Londoner Korbfabrikanten erklärten ihren Arbeitern,
daß sie innerhalb von drei Tagen ihre Gesellschaft aufzulösen und
eine Lohnsenkung anzunehmen hätten, anderenfalls, nach Ablauf
dieser Frist, sie ihre Werkstätten schließen würden. Angesichts
eines derart brutalen Vorgehens empörten sich die Arbeiter und
erklärten, daß sie diese Bedingungen nicht annähmen; die Fabrik-
herren hatten dies vorausgesehen: ihre Agenten waren bereits nach
Belgien gereist und brachten Arbeiter herbei... Diese Arbeiter
wurden in einem der Londoner Viertel (Bermondsey) unter Eisen-
bahnbögen zusammengepfercht. Dort mußten sie arbeiten, essen und
schlafen, ohne sich entfernen zu können, um jeden Kontakt mit den
anderen Arbeitern zu vermeiden. Aber dem Generalrat gelang es,
den von den Fabrikherren errichteten sanitären Kordon zu durch-
brechen und durch eine Kriegslist bei den belgischen Arbeitern
einzudringen; tags darauf kehrten diese Arbeiter, da sie ihre
Pflicht begriffen hatten, nach Belgien zurück und wurden für ihre
verlorene Zeit von der Gesellschaft der Londoner Korbmacher ent-
schädigt. Als sie abreisten, kam gerade ein weiteres, mit anderen
Arbeitern beladenes Schiff an; aber diesmal wurden sie von uns in
Empfang genommen und reisten mit dem nächsten Schiff zurück. Es
war den Fabrikherren danach unmöglich, sich andere Arbeiter zu
beschaffen; sie sahen sich deshalb gezwungen, alles so zu belas-
sen, wie es vorher gewesen war. [405]
Dank eines Aufrufs des Rats an die englischen Gesellschaften er-
hielten die Pariser Bronzearbeiter moralische und materielle Un-
terstützung in ihrem Strike; andererseits erhielten die Londoner
Schneider ähnliche Unterstützung von den Arbeitern des Konti-
nents.
Mit demselben Erfolg griff der Rat ein in den Strike der Erdar-
beiter, der Gitterwerkemacher, der Friseure, der Zinkarbeiter und
der Holzschneider.
III. Die englische Sektion
A. Propaganda
Wenn in England die Propaganda nicht so aktiv gewesen ist wie im
vergangenen Jahre, so sind die Gründe dafür leicht aus folgendem
abzuleiten: Ein Schritt in liberaler Richtung wird niemals durch
die Initiative der Regierung getan; erst wenn fortgesetzte Agita-
tion die Massen entflammt hat,
#535# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
weicht die Regierung schließlich dem Druck des Volkes; Beweis
hierfür ist die Frage der Wahlrechtsreform und des Versammlungs-
rechts in den Parks [406].
Die englischen Arbeiter messen der Wahlrechts frage berechtigter-
weise eine große Bedeutung bei; sie opfern ihre Zeit und ihre En-
ergie, um imposante Kundgebungen zu organisieren, deren morali-
sche Kraft die Regierung beeindruckt und sie zwingt, dem Volks-
willen nachzugeben.
Solange die Arbeiter energisch ihre Bürgerrechte forderten, war
es dem Generalrat unmöglich, ihre Aufmerksamkeit auf die sozialen
Fragen zu lenken, von denen sie glaubten, daß sie erst in ferner
Zukunft gelöst werden könnten.
Die englischen Mitglieder des Generalrats, die vor allen anderen
die Pflicht hatten, unsere Propaganda zu unterstützen, konnten
sich dieser Bewegung, die wir ins Werk, gesetzt hauen und die sie
lenken sollten, nicht fernhalten. Der Erfolg hat ihre Bemühungen
belohnt, und das Jahr 1867 wird für immer in die Annalen der eng-
lischen Arbeiterklasse eingehen als eine ruhmvolle Zeit.
Wenn auch die Propaganda nicht so aktiv gewesen ist, wie sie
hätte sein müssen, aus Gründen, die wir oben angegeben haben, so
hat sie doch keinen einzigen Augenblick aufgehört. Die für den
Anschluß von Arbeitergesellschaften notwendigen Formalitäten er-
fordern viel Zeit; die demokratische Verfassung der Trade-Unions
gestattet dem Exekutivkomitee nicht, einen Beschluß zu einer
wichtigen Frage zu fassen, ohne daß vorher alle Zweige darüber
diskutiert hätten.
Um den Anschluß einer Gesellschaft zu erreichen, muß man sich an
folgenden Weg halten. Man teilt dem Komitee brieflich Ziel und
Zweck des Anliegens mit. Das Komitee bestimmt einen Tag zum Emp-
fang einer Abordnung. Wenn die Frage in Erwägung gezogen wird,
unterbreitet sie das Komitee den Zweiggesellschaften; dann muß
man ein, zwei, zuweilen auch drei Monate warten, ehe man das Er-
gebnis erfährt. Aus dem soeben Gesagten darf man jedoch nicht
schließen, daß allein das Komitee einer Gesellschaft einen Vor-
schlag unterbreiten oder zurückweisen kann; schon oft haben sich
Zweiggesellschaften der Internationalen Assoziation ohne Mitwir-
kung des Komitees angeschlossen.
Seit dem Genfer Kongreß haben mehr als zwanzig große Arbeiterge-
sellschaften die Abordnungen des Generalrats wohlwollend empfan-
gen; das Ergebnis erwartet er von Tag zu Tag. Andere Gesellschaf-
ten haben ihren Anschluß bis zu einem geeigneteren Moment aufge-
schoben; eine einzige nur hat den Anschluß mit der Begründung zu-
rückgewiesen, daß sich die Internationale Assoziation mit politi-
schen Fragen befasse.
#536# Beilagen
-----
B. Beiträge
Diese Frage hat den Generalrat lange beschäftigt. Noch als dar-
über beraten wurde, schloß sich das Exekutivkomitee der Maurer
der Assoziation an und faßte den Beschluß, einen jährlichen Bei-
trag von 1 Pfd. St. zu entrichten.
Im März 1865 entsandte der Generalrat eine Abordnung zur Konfe-
renz der englischen Schuhmacher, wo folgende, von den Delegierten
aus Birmingham und Hull vorgeschlagene Resolution einstimmig an-
genommen wurde:
"Die Konferenz akzeptiert die Prinzipien der Internationalen As-
soziation, erklärt ihren Anschluß an sie und verpflichtet die an-
wesenden Mitglieder, alles zu tun, um diese Prinzipien zu propa-
gieren,"
Die Beitragsfrage wurde beraten, aber nicht gelöst. Bald danach
beschloß der Generalrat, daß jeder Gesellschaft, die sich der As-
soziation anschließt, eine Urkunde über den erfolgten Beitritt
ausgestellt wird; die Gesellschaft soll eine Eintrittsgebühr von
5 Shilling *) zahlen, ansonsten blieb es dem freien Ermessen der
Gesellschaften überlassen, zu entscheiden, in welchem Ausmaße sie
dem Generalrat helfen könnten. 1*)
Das von den Gesellschaften eingebrachte Geld war ihrerseits eine
Gabe, womit die Kosten des Generalrats für das Entsenden der De-
legation zum Genfer Kongreß gedeckt werden sollten.
Das Komitee der Schuhmacher gab zu diesem Zweck 5 Pfd. St.
Um diese Frage zu regeln, schlug der Generalrat einen einheitli-
chen Beitrag für jedes Mitglied vor.
Der Genfer Kongreß beschloß, den jährlichen Beitrag auf 30 Centi-
mes festzusetzen.
Diese hohen Beitragssummen waren ein unüberwindbares Hindernis
für die Delegationen, die der Rat nach dem Kongreß zu den engli-
schen Gesellschaften entsandte.
In dieser Situation beschloß der Rat in seiner Sitzung vom 9. Ok-
tober, den jährlichen Beitrag auf 5 Centimes herabzusetzen. Die
Gesellschaft der Schuhmacher (Amalgamated cordwainers Associa-
tion) teilte uns mit, daß die auf der Konferenz von 1865 angenom-
mene Resolution, die einem jährlichen Beitrag von 5 Pfd. St. zu-
gestimmt hatte, durch die Konferenz von 1867 aufgehoben worden
ist.
Das Exekutivkomitee der Maurer gab für das Jahr 1867, wie schon
für 1866, 1 Pfd. St.; aber es hat uns noch nicht mitgeteilt, ob
sich die ganze Gesellschaft angeschlossen hat oder nicht.
---
*) 1 Shilling gilt 1 fr. 25 cts., das Pfund Sterling gilt 25
frs., der Penny 10 cts.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 507/508
#537# Aufzeichnungen und Dokumente
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Die Gesellschaft der Schuhmacher zählte im vergangenen Jahre 5000
Mitglieder, die der Maurer 3000 bis 4000.
Zweimal rief der Rat alle angeschlossenen Gesellschaften auf zur
Entrichtung der Beiträge für das Jahr 1867. Einige haben bezahlt,
andere haben es noch nicht getan; aber keine, außer der Gesell-
schaft der Schuhmacher, hat sich ihren Verpflichtungen entzogen.
Die vereinigte Gesellschaft der Zimmerleute und Tischler hat erst
kürzlich den Beschluß gefaßt, jährlich 2 Pfund an den Generalrat
zu entrichten. Im Augenblick wird in den Sektionen die Frage er-
örtert, ob die ganze Gesellschaft ein Teil der Internationalen
Assoziation wird. Diese Gesellschaft, die mehr als 9000 Mitglie-
der zählt, hat Zweiggesellschaften in ganz England und auch in
Wales, Schottland und Irland.
Wir bringen nun eine Liste der angeschlossenen englischen Gesell-
schaften und der Beträge, die sie im Laufe des Jahres, das seit
dem letzten Kongreß verflossen ist, an den Rat gezahlt haben.
Von der britischen Sektion eingezahlte Beträge
1866 1867
Pfd. Shil- Pfd. Shil-
St. ling Pence St. ling Pence
Arbeiterbildungsverein 1*) 2
Französische Sektion in London 4 9
Zentralsektion der polnischen Emigranten 4 10
Exekutivkomitee der Maurer 1
Erste Zweiggesellschaft der Maurer 8
Die Kunsttischler (vereinigte
Gesellschaft) 10 1 13 4
Die Kunsttischler (West End) 5 1 7
Die Buchbinder 8 3 17 6
Die Böttcher 6 6
Exekutivkomitee der
Schuhmacher 5
Sektion der Schuhmacher (Darlington) 5
Sektion der Schuhmacher (Nottingham) 5 2 1
Die Zigarrenmacher 5 1 9
Die Bandweber von Coventry 5 1 9
Die Koffermacher 1 5 4
Die Schuhmacher von Kendal 5 1 8
Die Damenschuhmacher
(West End) 6 10
Die Schneider von London 3
Die Schneider von Darlington 5 1 8
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1*) Arbeiterbildungsverein: in "Rapports..." deutsch
#538# Beilagen
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Gesellschaften, die sich nach dem Kongreß angeschlossen haben
Eintrittsbeiträge Beiträge
Pfd. Shil- Pfd. Shil-
St. ling Pence St. ling Pence
Die Korbmacher von London 5
Die Stoffdrucker von Lancashire 5 2 1 8
Die Wagenmacher von London 5
Die Wagentapezierer (Taverne "Globe") 5 1 10 1/2
Dieselben (Taverne "Crown") 5 5
Die Weber (elastische Stoffe) 5 5
Die vereinigten Erdarbeiter 5
Die Möbelpolierer 5
Orgelbauer 5 2 1
Musterzeichner und Holzschneider 5
Exekutivkomitee der Zimmerleute 2
Vereinigte Gerber
Klempner
Für die Delegation eingezahlte Beträge
Damenschuhmacher (West End) 4 10
Zigarrenmacher von London 1 1
Die Weber (elastische Stoffe) 1
Die Differenz in den Beträgen zwischen den beiden Jahren läßt
sich wie folgt erklären: Im Jahre 1866 wurden die Summen zur Ent-
sendung der Delegierten nach Genf eingezahlt, während in diesem
Jahre die Mittel nur für Verwaltungskosten bestimmt sind.
Im vergangenen Jahr sind uns, wie schon gesagt, Schulden entstan-
den; diese Schulden hat der Generalrat getilgt, soweit ihm das
möglich war.
Die Gründe, weshalb angeschlossene Gesellschaften ihre Beiträge
noch nicht gezahlt und andere noch keine Mittel für den Kongreß
bewilligt haben, sind die Stagnation in der Produktion, die zahl-
reichen Strikes, die Lockouts und besonders die Bewegung für die
Wahlrechtsreform; schließlich der Strike der Londoner Schneider,
der im Augenblick die Ressourcen der Trade-Unions aufzehrt.
Der Generalrat erhielt von den Gesellschaften zahlreiche Briefe,
die diese Lage der Dinge bestätigen und in denen bedauert wird,
daß man uns finanziell nicht helfen kann.
IV. Kontinentale und amerikanische Sektionen
Frankreich
Es zählt zu den Aufgaben des Generalrats, mit den selbständigen
Zweigen in jenen Ländern zu korrespondieren, wo einschränkende
Gesetze es
#539# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
nicht erlauben, ungehindert ein Aktionszentrum zu bilden; so ist
zum Beispiel die Situation in Frankreich.
Es wurde weiter oben schon gesagt, daß alle Versuche des General-
rats, die Mitgliedsbücher mit den darin enthaltenen Statuten und
dem Reglement der Internationalen Assoziation nach Frankreich zu
bringen, daran gescheitert waren, daß sich die französischen Be-
hörden[unseres Eigentums bemächtigt hatten, obwohl diese Rechts-
verletzung durch nichts gerechtfertigt ist. Aber die Hindernisse,
welche uns die französische Regierung bereitete, beschränkten
sich nicht hierauf. Vergeblich erbaten unsere Korrespondenten die
Genehmigung zum Druck unserer Statuten und des Reglements: stets
war hartnäckigste Ablehnung die einzige Antwort.
Das Komitee in Lyon, das 1866 Versammlungen mit mehr als 500 Mit-
gliedern veranstalten konnte, durfte nach dem Genfer Kongreß
keine Generalversammlung abhalten.
Die mutige Ausdauer der Mitglieder von Lyon gegenüber den Regie-
rungsbeamten hatte zum Ergebnis, daß sogar die Blindesten erkann-
ten, inwieweit der französischen Regierung an der Befreiung des
Arbeiters gelegen ist.
Es ist wichtig festzustellen, daß diese Hindernisse, diese klein-
lichen Schikanen nicht einen Augenblick den Fortschritt unserer
Assoziation aufgehalten haben.
In Vienne (Departement Isère), wo die Zahl der Mitglieder kaum 80
erreichte, gibt es deren heute über 500.
In Neuville-sur-Saône hat eine unserer Zweiggesellschaften eine
Konsumgenossenschaft gegründet und dadurch die Landarbeiter, von
denen man bis dahin glaubte, daß sie der Sache mit Abneigung be-
gegnen würden, zur praktischen Teilnahme am gesellschaftlichen
Leben herangezogen.
Unser Korrespondent in Caen teilt uns mit, daß sich in dieser
Stadt der Bund der Arbeiter mit jedem Tage festigt. Dank dieser
Solidarität konnten die Polsterer, die Mechaniker, die Gerber,
die Sattler, die Schmiede etc. die Verkürzung der Arbeitszeit um
täglich eine Stunde ohne Lohnabzug durchsetzen.
In Fuveau (Departement Bouches-du-Rhône) zählt die Internationale
Assoziation zahlreiche Anhänger unter den Bergarbeitern, deren
kürzlicher Strike soviel Aufsehen erregt hat.
Am 5. August d.J. erhielt der Generalrat die Nachricht von der
Bildung eines Komitees in Fuveau selbst. Dieser Erfolg ist der
mutigen Propaganda des Bürgers Vasseur, eines Mitglieds des Komi-
tees in Marseille, zu danken, der uns am 21.Juli d.J. schrieb:
"Zwischen Kapital und Arbeit ist ein Kampf ausgebrochen, der
traurig und komisch zugleich ist: Auf der einen Seite reist eine
Bande von Beamten und Angestellten umher und macht Propaganda, um
die Arbeiter von der Internationalen Assoziation abzubringen, und
auf der anderen Seite eine Handvoll Männer, die sich voller Ener-
gie
#540# Beilagen
-----
und Hingabe unaufhörlich dem Ansturm unserer Gegner entgegen wer-
fen und die Ideen der Unabhängigkeit und der Gerechtigkeit in den
Reihen der Arbeiter verbreiten."
Und er fügt abschließend hinzu:
"Keine menschliche Macht wird die Emanzipationsideen, die wir im
Lande gesät haben, ausmerzen können, denn unsere Gegner müssen
gegen zwei Dinge ankämpfen, die schwer zu besiegen sind: das
Recht und den Willen."
Kurz, der Arbeiter versteht, daß, wo ein Wille, auch ein Weg ist,
und daß er nur auf sich selbst rechnen darf, will er seine volle
politische und soziale Befreiung erringen.
Wir bringen eine Liste der Zweiggesellschaften, die zur Zeit des
letzten Kongresses bestanden, und der von ihnen 1866 und 1867
eingezahlten Beträge.
Eingezahlte Beträge
Pfd. St. Shilling Pence
Paris 4
Caen 1
Lyon 11 12
Bordeaux 3 9
Rouen 4 5
Guadeloupe
Vienne 5 7 6
Neuville-sur-Saône 1 5 3
Pantin
Saint-Denis
Puteaux
Neufchâteau
Lisieux
Condé-sur-Noireau
Thury-Harcourt
Granville
Argentan
Neue Zweiggesellschaften,
die seit dem Kongreß
gebildet wurden Pfd. St. Shilling Pence
Die Buchbinder von Paris 14 4
Castelnaudary
Auch
Orléans
Nantes
Villefranche
Marseille
Fuveau
Le Havre
Alger
#541# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Schweiz
Aus der Schweiz gingen uns nur die Korrespondenzen des Zentralko-
mitees zu. Ebenso wie in England besteht dort die Arbeit der In-
ternationalen Assoziation darin, die Arbeitergesellschaften, aber
auch möglichst viele Einzelpersonen zu veranlassen, sich ihr an-
zuschließen; wir möchten allerdings darauf hinweisen, daß die Ar-
beitergesellschaften in der Schweiz im einzelnen weniger Mitglie-
der haben als in England.
Hier sind die Städte, wo Zweiggesellschaften gebildet worden
sind: Genf, Carouge, Lausanne, Vevey, Montreux, Neuchatel, La
Chaux-de-Fonds, Locle, Sainte-Croix, Saint-Imier, Sonvillier,
Biel, Moutier, Beau-court, Zürich, Wetzilcon, Basel, Bern, Trame-
lan, Les Breuleux und Les Bois.
Von diesen Zweiggesellschaften 1866 und 1867 erhaltene Gelder
Eingezahlte Beträge
Pfd. St. Shilling Pence
Genf (romanische Sektion) 4
Genf (deutsche Sektion) 1 7 9
La Chaux-de-Fonds 2 4
Locle 17 10
Belgien
Bericht des korrespondierenden Sekretärs für Belgien an
den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation
Bürger!
Meine Korrespondenz mit Belgien datierte seit dem Strike der
Korbmacher. Ich schrieb aus diesem Anlaß an den Bürger Vandenhou-
ten einen Brief, der acht Tage später in der "Tribune du Peuple"
erschien [407]; ich teilte ihm im Namen des Generalrats mit, daß
ein Agent der Korbfabrikanten von London abgereist war, um belgi-
sche Korbmacher anzuwerben; ich schrieb ihm, daß unsere Organisa-
tion mit ihrer ganzen Kraft die Pläne dieses Agenten vereiteln
müsse und daß die Solidarität die belgischen Arbeiter ver-
pflichte, jede Anwerbung zurückzuweisen, um den Sieg ihrer engli-
schen Brüder zu sichern.
Ich informierte dann den Bürger Vandenhouten von der Rückkehr ei-
niger belgischer Korbmacher, die nach London gekommen waren im
Glauben an die Versprechungen, die ihnen gemacht, doch von den
Fabrikherren schließlich nicht gehalten wurden; auch schrieb ich
von den brüderlichen Gefühlen der englischen Korbmacher; ich hob
in diesem Briefe hervor, wie sehr die Maßnahmen des Generalrats
zum Triumph der Arbeiter über die Fabrikherren beigetragen haben.
#542# Beilagen
-----
Mit dem Bürger Brismée führte ich eine Korrespondenz über den
Druck des Berichts des Genier Kongresses. Diese Korrespondenz
konnte insofern zu nichts führen, als ich im Auftrage des Gene-
ralrats von ihm einen Kredit erbat, den er aber nicht geben
konnte. Mein letzter diesbezüglicher Brief blieb unbeantwortet;
zweifellos wurde es dem Bürger Brismee, dessen Ergebenheit gut
bekannt ist, zu schwer, unser Anliegen förmlich zurückweisen zu
müssen; so deute ich jedenfalls sein Schweigen.
Ich habe dem Bürger Vandenhouten einen Brief des Generalrats be-
treffs der belgischen Zigarrenmacher geschickt und ihn gebeten,
diesen Brief der breitesten Öffentlichkeit bekanntzugeben; das-
selbe tat ich hinsichtlich der Resolution des Generalrats über
den Besuch des Zaren in Paris [408]. Ich habe das Brüsseler Büro
von dem Beschluß des Generalrats zum Strike der Londoner Schnei-
der informiert, der den belgischen Schneidern nahelegt, in keinem
Falle nach London zu kommen, um in den vom Strike erfaßten Werk-
stätten zu arbeiten, und alle belgischen Arbeiter aufruft, Soli-
darität zu üben und die Londoner Schneider materiell zu unter-
stützen.
Ich habe dem Bürger De Witte in Lüttich, Vorort Saint-Gilles, Nr.
6, und dem Bürger Vandenhouten in Brüssel das Zirkular des Ge-
neralrats über den Lausanner Kongreß geschickt mit der Bitte, ihm
die größte Aufmerksamkeit zu schenken und es so weit wie nur mög-
lich zu verbreiten.
Ich habe somit alles getan, was mir der Rat aufgetragen hatte,
und ich wage zu sagen, daß nie ein Vorwurf aus Belgien gegen mich
erhoben wurde. Ich füge diesem kurzen Bericht einige Briefe bei,
die ich empfangen habe. Was die Kosten der Korrespondenz anbe-
langt, so habe ich geglaubt, der Assoziation dieses kleine Opfer
wohl bringen zu können.
Gruß und Brüderlichkeit!
Besson
Deutschland und Italien
Die Situation in Deutschland ist immer noch anomal und für die
Entwicklung unserer Assoziation wenig günstig. Indes ist es dem
Bürger J. Ph. Becker, dem Präsidenten der deutschen Sektion in
Genf, geglückt, dort mehrere Zweiggesellschaften zu gründen, über
die wir Näheres jedoch noch nicht erfahren haben.
In Italien bestehen reguläre Arbeitervereine in Neapel, Mailand
und Genua; wir stehen mit ihnen in Korrespondenz, haben aber noch
keine Beträge von ihnen erhalten.
#543# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Amerika
In Amerika haben sich der Internationalen Assoziation zwei neue
Organisationen angeschlossen; wir korrespondieren mit dem Labor
National Union's Committee (der Nationalen Arbeiterunion) [205]
sowie mit dem Vorsitzenden der International Ironmoulders' Union
(Internationalen Union der Eisengießer) [409].
Jahresbericht des Sekretärs für Amerika
beim Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation
(September 1866 bis 27. August 1867)
Nachdem ich das Amt des korrespondierenden Sekretärs für Amerika
angetreten hatte, war das erste in meinen Bereich fallende Ereig-
nis, daß die Septembernummer 1866 des "Ironmoulders' Internatio-
nal Journal" (der "Internationalen Zeitung der Eisengießer") in
England eintraf. Die Zeitung wird in Philadelphia herausgegeben
von W.H. Sylvis, der gleichzeitig Vorsitzender der Internationa-
len Union der Eisengießer ist.
Diese Nummer enthielt einen ausführlichen Bericht über den ersten
Nationalkongreß der Arbeiter der Vereinigten Staaten, der im vor-
hergegangenen Monat in Baltimore stattgefunden hatte. Eine Zusam-
menfassung der Protokolle und der Resolutionen dieses Kongresses
ist im Oktober 1866 in der Londoner "Commonwealth" ("Republik")
erschienen. Es ging daraus hervor, daß der Kongreß in Baltimore
von der bevorstehenden Tagung eines analogen Kongresses der Ar-
beiter der Alten Welt in Genf erfahren und einstimmig beschlossen
hatte, die auf diesem Kongreß gebildete Exekutivkommission der
Nationalen Arbeiterunion zu ermächtigen, einen Delegierten zu dem
europäischen Arbeiterkongreß 1867, d.h. nach Lausanne, zu entsen-
den.
Aus derselben Zeitung erfuhr ich, daß der Sekretär der Nationalen
Arbeiterunion für das Ausland ein Bürger namens William Gibson
sei, der in New Haven, Connecticut, lebe. Erst Anfang August d.J.
habe ich entdeckt, daß man sich in der Adresse des Bürgers Gibson
geirrt hatte; sie ist Norwich (Connecticut), nicht New Haven.
Dieser Irrtum der Verfasser des Kongreßberichts wäre für meine
Tätigkeit beinahe verhängnisvoll gewesen.
Übrigens habe ich nicht sofort versucht, mit Sekretär Gibson eine
Korrespondenz aufzunehmen, weil ich meinte, man sollte diese Kor-
respondenz mit dem Übersenden des offiziellen Berichts über die
Arbeit des Genfer Kongresses beginnen. Die Ursachen, welche die
Veröffentlichung dieses Berichts verzögerten, sind schon in dem
allgemeinen Bericht des Generalrats dargelegt worden.
Anfang Dezember 1866 trat der Bürger Orsini an den Generalrat
heran, teilte uns die Namen fünf in New York lebender, europäi-
scher Sozialisten
#544# Beilagen
-----
mit, und bat uns, mit ihnen in Korrespondenz zu treten. Er bat
uns außerdem, ihnen Vollmachten zu übersenden, die sie berechtig-
ten, im Interesse der Assoziation in den Vereinigten Staaten tä-
tig zu sein.
Fünf Briefe samt den entsprechenden Vollmachten wurden an die
fünf von Orsini benannten Personen abgesandt, aber weder ich noch
der Generalrat haben jemals auf einen dieser Briefe eine Antwort
erhalten.
So blieb mein erster Versuch ohne Erfolg. Orsini hat übrigens den
Generalrat wissen lassen, daß man in New York großes Interesse an
unserer Assoziation zu nehmen beginnt und daß der große Redner
Wendell Phillips, ein Abolitionist aus Massachusetts, sich erbo-
ten habe, öffentliche Vorträge zugunsten des Fonds unserer Asso-
ziation zu halten, nachdem man ihn davon überzeugt hatte, daß die
Ziele und die Führer der Assoziation dieser Unterstützung würdig
seien.
Orsini teilt außerdem mit, der irische Demokrat und Patriot James
Stephens habe sich in New York als Mitglied unserer Assoziation
einschreiben lassen.
Im März 1867 begann der Bericht über die Arbeit des Genfer Kon-
gresses in englischer Sprache im Londoner "International Courier"
zu erscheinen. Sobald vier Nummern dieser Serie erschienen waren,
d.h. im April, sandte ich diese an vier Personen, und zwar: eine
Serie an die vermeintliche Adresse des Sekretärs Gibson, eine an-
dere Serie an W. H. Sylvis, eine dritte an den Redakteur der
"Voice", einer in Boston (Massachusetts) erscheinenden und den
Interessen der Arbeiter ergebenen Tageszeitung, und eine vierte
an den Redakteur des "Workingman's Advocate" [410] in Chicago
(Illinois), des Hauptorgans der Arbeiter in den Weststaaten der
Amerikanischen Union. Ich habe den Zeitungen, die ich an Sekretär
Gibson sandte, einen Brief beigefügt, worin ich auf die hohe Be-
deutung hinwies, die der Generalrat einem engen Kontakt und einer
ständigen Verbindung mit der Exekutivkommission der Nationalen
Arbeiterunion beimißt.
Dieser Brief ist unbeantwortet geblieben, und auch der Empfang
der Zeitungen ist mir nicht bestätigt worden. Dieser Mißerfolg
erklärt sich sehr einfach daraus, daß Brief und Zeitungen nach
New Haven adressiert waren statt nach Norwich.
Die Absendung dieser Dokumente hatte nur ein gutes Ergebnis. Der.
Redakteur des Londoner "International Courier" begann seit Mai
Exemplare des Chicagoer "Workingman's Advocate" zu erhalten, und
es hat ein Austausch zwischen beiden Zeitungen stattgefunden. Von
diesem Zeitpunkt an hat Joseph Collet, der Redakteur des
"International Courier", für seine Leser allwöchentlich Auszüge
aus dem Chicagoer "Workingman's Advocate" veröffentlicht.
Die Veröffentlichung des Berichts über die Arbeit des Genfer Kon-
gresses wurde am 1. Mai beendet; ich sandte die Fortsetzung die-
ses Berichts an die vier obengenannten Adressen.
#545# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Auszüge aus diesem Bericht sind vom Chicagoer "Workingman's Advo-
cate" nachgedruckt worden. Es war mir nicht möglich, zu erfahren,
ob eine der beiden anderen Zeitungen Auszüge daraus veröffent-
licht oder sich darüber geäußert hat.
Im Frühjahr hat sich der Generalrat auf eine Bitte des Lyoner Bü-
ros hin mit den Möglichkeiten der Auswanderung für eine große An-
zahl von Seidenwebern aus dieser Stadt in die Vereinigten Staaten
befaßt. Das Lyoner Büro hatte uns wissen lassen, daß viele Sei-
denweber, unzufrieden mit ihrem Schicksal in der Heimat, in die
Vereinigten Staaten auswandern und ihr Handwerk dorthin verpflan-
zen möchten. Sie wüßten nur gern, ob einige amerikanische Kapita-
listen bereit wären, die Kosten für die Reise und für die erste
Einrichtung vorzustrecken. Mittlerweile hat mich der Generalrat
beauftragt, deswegen an mehrere Zeitungen Amerikas und an ver-
schiedene Staatsmänner zu schreiben. Ich folgte diesem Auf trag.
Die Briefe wurden von einem Polen namens Koszek, der nach New
York abreiste, nach Amerika gebracht. Wiederum keine Antwort! Ich
habe von Koszek seit seiner Abfahrt niemals wieder eine Nachricht
erhalten.
Im Juni wurde ich vom Generalrat beauftragt, an W.H. Sylvis zu
schreiben, um für die in den Streik getretenen Londoner Schneider
Hilfe zu erwirken. Ich habe am 11. Juni geschrieben. Ich benutzte
diese Gelegenheit, um Sylvis mein Bedauern darüber auszudrücken,
daß ich niemals eine Antwortzeile von Sekretär Gibson erhalten
habe. Ich bat ihn, mir den Namen und die Adresse eines anderen
Komiteemitglieds der Nationalen Arbeiterunion mitzuteilen.
In seiner vom 25. Juni datierten Antwort teilte er mir die Gründe
mit, weshalb die amerikanischen Eisenarbeiter den streikenden
Londoner Schneidern nicht hatten helfen können. Er nannte mir
auch Namen und Adresse William J. Jessups in New York, eines eif-
rigen Vorkämpfers der Nationalen Arbeiterunion.
Als ich dem Generalrat von diesem Brief Mitteilung machte, beauf-
tragte mich der Rat, William Jessup unverzüglich von dem Termin
des Lausanner Kongresses in Kenntnis zu setzen und ihm mitzutei-
len, daß sich der Generalrat freuen würde, in Lausanne einen ame-
rikanischen Delegierten begrüßen zu können. Folglich schrieb ich
ihm am 19. Juli. In meinem Briefe erzählte ich von meinen vergeb-
lichen Bemühungen, mit dem Sekretär Gibson in Verbindung zu tre-
ten. Gleichzeitig sandte ich Jessup den offiziellen Bericht des
Genfer Kongresses.
Auf diesen Brief erhielt ich eine vom 9. August datierte Antwort.
Aus dieser Antwort geht hervor, daß Jessup mit Befriedigung den
Plan aufgenommen hat, ein Band zu den Arbeitern des Kontinents
und Großbritanniens zu knüpfen. Er bedauert die Verzögerung, die
durch die falsche Adresse des Sekretärs Gibson verursacht wurde.
Er bedauert auch, daß der Zeitpunkt des Chicagoer Kongresses (der
19. August) dem des Lausanner
#546# Beilagen
-----
Kongresses so nahe liegt, daß Zeitmangel nicht erlauben wird,
einen Delegierten nach Europa entsenden zu können. Ich habe je-
doch kürzlich einen Artikel im Chicagoer "Workingman's Advocate"
gelesen, worin es heißt, daß die Entsendung eines Delegierten
nach Lausanne eine der ersten Fragen sein wird, mit der sich der
Chicagoer Kongreß beschäftigen wird.
Jessup verspricht mir, meinen Brief vom 19. Juli "wegen seiner
Wichtigkeit" auf dem Chicagoer Kongreß zu verlesen und dem Gene-
ralrat die Zeitungen zu schicken, die den besten Bericht über den
Chicagoer Kongreß enthalten werden. Er schreibt, daß er seine
Korrespondenz mit dem Generalrat auch dann fortsetzen möchte,
wenn er nicht wieder zum Vizepräsidenten der Nationalen Union ge-
wählt werde, weil er außerdem korrespondierender Sekretär der Ar-
beiterunion von New York [411] ist. Er begrüßt meinen Vorschlag,
Zeitungen mit ihm auszutauschen, die Organe der Arbeiterklasse
sind. Soweit die kurze und unvollständige Wiedergabe seines in-
teressanten und herzlichen Briefes.
Anfang dieses Monats übergab mir der Bürger Marx einen Brief von
F.A. Sorge, worin die Bildung eines Zweiges unserer Assoziation
in Hoboken, New Jersey, angezeigt wurde. [412]
Etwa zur selben Zeit zeigte mir der Redakteur des Londoner
"International Courier" einen als Broschüre erschienenen Aufruf
der Exekutivkommission der Nationalen Arbeiterunion, der die Ar-
beiter der Vereinigten Staaten aufforderte, Vertreter zum Chica-
goer Kongreß zu entsenden. Auf dem Umschlag dieser Broschüre fand
ich handschriftlich eingetragen den Namen und die Adresse des Se-
kretärs William Gibson, und erst da begriff ich, daß ich bezüg-
lich seines Wohnorts in einem Irrtum befangen gewesen war. Ich
bedaure die kostbare Zeit, die ich durch diesen Irrtum verloren
habe. Doch tröste ich mich mit dem Sprichwort: "Besser spät, als
nie!"
Dies ist die Geschichte meiner Versuche, die bis jetzt kaum von
Erfolg gekrönt waren. Jedoch hinterlasse ich die Dinge in einem
Stadium, das für die Zukunft viel verspricht.
Zwei Fragen noch sind zu erwähnen.
Die Bemühungen der amerikanischen Arbeiter, sich mehr freie Zeit
zu erobern, Bemühungen, die unter dem Namen "Bewegung für den
Achtstundentag" bekannt sind, lenkten die Aufmerksamkeit des Gen-
fer Kongresses auf sich. Daher halte ich es nicht für unange-
bracht, sehr bündig zu rekapitulieren, was mir von den Fort-
schritten bekannt ist, die in dieser Hinsicht in den letzten
zwölf Monaten erzielt worden sind. Die Agitation hat sich mit
großer Geschwindigkeit entwickelt und ein sofortiges Echo im Kon-
greß zu Washington und in den gesetzgebenden Versammlungen der
einzelnen Staaten gefunden. Im Repräsentantenhaus der Union ist
ein Gesetzentwurf über den Achtstundentag für die im Auftrage der
Unionsregierung unternommenen Arbeiten nur wegen Stimmengleich-
heit vertagt worden.
#547# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
In mehreren der Staaten haben die gesetzgebenden Versammlungen
beschlossen, daß bei Fehlen eines besonderen Kontrakts der Ar-
beitstag auf acht Stunden beschränkt wird. Auch im Staate New
York ist ein solches Gesetz angenommen worden, doch haben die Ar-
beiter New Yorks noch nicht zu fordern gewagt, daß es auch durch-
geführt werde. Die Arbeiter dieses Staates haben sich erst kürz-
lich auf einem besonderen Kongreß zusammengefunden, um zu bera-
ten, wie sie sich unter diesen Umständen zu verhalten haben.
Schließlich wurde beschlossen, daß am 1. November d.J. überall
und zur gleichen Zeit die Forderung nach Durchführung des
Gesetzes erhoben wird, wobei diese Durchführung möglichst ohne
Lohnsenkung erfolgen solle. Falls jedoch eine Lohnsenkung nicht
zu umgehen sei, so solle diese akzeptiert werden. Die Mehrheit
der Delegierten gab, nach den Diskussionen zu urteilen, ihre
Zustimmung zu einer Lohnsenkung kund.
Im Staate Kalifornien ist ein Gesetz über den Achtstundentag noch
nicht angenommen worden. Indes hat dort während der 19 Monate,
die dem Juli d.J. vorausgegangen sind, das System des Achtstun-
dentags überwogen. Die letzten Informationen aus diesem Staate
besagen, daß die Fabrikherren gegen diese Neuordnung den Lockout
erklärt haben und daß es infolge dieser reaktionären Versuche zu
großen Arbeitseinstellungen gekommen ist.
Ich bin überaus erfreut, dem Rat mitteilen zu können, daß ab 1.
Januar nächsten Jahres die Frankierung eines gewöhnlichen Briefes
um die Hälfte, d.h. von einem Shilling auf 6 Pence, herabgesetzt
wird. Ich spreche ausschließlich von Briefen, die zwischen dem
Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten gewechselt
werden. Ein Vertrag hierüber ist soeben zwischen den beiden Re-
gierungen abgeschlossen worden.
Peter Fox
Sekretär für Amerika beim Generalrat
der Internationalen Arbeiterassoziation
V. Allgemeine Bemerkungen
Das seit dem letzten Kongreß verflossene Jahr war durch einen un-
aufhörlichen Kampf zwischen Kapital und Arbeit gekennzeichnet: in
Amerika, England, Frankreich, Belgien waren Strikes, Lockouts und
Verfolgungen der Arbeiter an der Tagesordnung.
Hartnäckig und voll rasender Wut verfolgt das Kapital den Arbei-
ter, denn es fühlt instinktiv, daß der Tag nahe ist, da die Ar-
beit den ihr rechtmäßig zukommenden Platz einnehmen wird.
In den Vereinigten Staaten hat eine Gesellschaft 70 000 Dollar
ausgegeben, um ihr Existenzrecht gegen die Übergriffe des Kapi-
tals zu verteidigen. [413]
#548# Beilagen
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In England ist von den Courts of Law (Gerichtshöfen) entschieden
worden, daß die Veruntreuung der Gelder der Trade-Unions
(Arbeitervereinigungen) nicht strafbar sei. Eine offizielle Kom-
mission zur Untersuchung der Trade-Unions ist eingesetzt worden,
um sie zugrunde zu richten oder zumindest zu behindern.
Der letzte Prozeß, der den Arbeitern durch die Londoner Schnei-
dermeister gemacht wurde, die Verurteilung der Schneider in Pa-
ris, die Metzeleien unter den Bergarbeitern in Marchiennes
(Belgien) - alle diese Tatsachen zeigen deutlich, daß die Gesell-
schaft nur aus zwei einander feindlichen Klassen besteht, den Un-
terdrückern und den Unterdrückten, und daß allein die Solidarität
aller Arbeiter der Welt uns die vollständige Befreiung bringen
kann. Diese Befreiung ist denn auch das Ziel, nach dem die Inter-
nationale Arbeiterassoziation strebt.
Wir schließen mit dem Ruf: "Arbeiter aller Länder, vereinigen wir
uns!"
Im Namen des Generalrats:
Odger, Präsident
Eccarius, Generalsekretär
W. Dell, Schatzmeister
Shaw, Schatzmeistersekretär
Korrespondierende Sekretäre:
E. Dupont für Frankreich
K. Marx für Deutschland
Zabicki für Polen
H. Jung für die Schweiz
P. Fox für Amerika
Besson für Belgien
Carter für Italien
P. Lafargue für Spanien
Hansen für Dänemark
Nach: "Rapports lus au congrès ouvrier
réuni du 2 au 8 septembre 1867
à Lausanne", Chaux-de-Fonds 1867.
Aus dem Französischen.
#549# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
12
[Aus einem Brief von Jenny Marx an Johann Philipp Becker
um den 5. Oktober 1867 [414]]
["Der Vorbote" Nr. 10, Oktober 1867]
Wir schließen hier den Auszug des Briefes einer Freundin in Lon-
don an, worin unter anderm Bezug auf den Arbeiterkongreß in
Lausanne und Friedenskongreß in Genf und auf das neueste Werk von
Marx genommen ist:
"...Sie glauben nicht, welch großes Aufsehen der Lausanner Kon-
greß hier in der ganzen Presse gemacht hat. Nachdem die 'Times'
den Ton angegeben, täglich Korrespondenzen gebracht hatte, hiel-
ten es auch die ändern Blätter nicht mehr unter ihrer Würde, der
Arbeiterfrage nicht nur Notizen, sondern sogar lange Leitartikel
zu widmen. Nicht nur in allen täglichen, sondern auch in sämtli-
chen Wochenblättern war der Kongreß besprochen. Daß darunter ihn
viele vornehm und ironisch behandelten, ist ganz natürlich. Hat
nicht jede Sache neben der erhabenen auch ihre komische Seite,
und warum sollte unser guter Arbeiterkongreß neben seinen plau-
dersüchtigen Franzosen ganz frei davon sein? Aber trotz alledem
und alledem wurde er im ganzen sehr anständig behandelt und au
sérieux 1*) genommen. Selbst der 'Manchester Examiner', das ei-
gentliche Organ John Brights und der Manchesterschule [415], hat
ihn in einem sehr guten Leitartikel als wichtig und epochemachend
hingestellt. Wurde er mit seinem Stiefbruder, dem Friedenskongreß
[416], verglichen, so fiel der Vergleich stets zum Vorteil des
altern Bruders aus, und man sah in dem einen drohende Schicksals-
tragödie und in dem ändern nichts als Farce und Burleske.
Wenn Sie schon in den Besitz des Buches von Karl Marx [417] ge-
kommen sind, so rate ich Ihnen, sofern Sie sich nicht schon, wie
ich, durch die dialektischen Spitzfindigkeiten der ersten Ab-
schnitte durchgearbeitet haben, jene über ursprüngliche Akkumula-
tion des Kapitals und moderne Kolonisationstheorie zuerst zu le-
sen. Ich bin überzeugt, daß Sie diesen Teil, wie ich selbst, mit
größter Befriedigung aufnehmen werden. Natürlich hat Marx keine
spezifischen Heilmittel - wonach die Bourgeois weit, die sich
jetzt auch sozialistisch nennt, so gewaltig schreit - parat,
keine Pillen, keine Salben, keine Scharpie, um die klaffenden,
blutenden Wunden unserer Gesellschaft zu heilen; aber es scheint
mir, daß er, nach der naturhistorischen Entwickelung des Entste-
hungsprozesses moderner Gesellschaft, die praktischen Resultate
und Nutzanwendungen bis zu den kühnsten Konsequenzen
-----
1*) ernst
#550# Beilagen
-----
gezogen hat und daß es keine Kleinigkeit war, den erstaunten Phi-
lister durch statistische Tatsachen und dialektische Manöver auf
die schwindelnde Höhe folgender Sätze zu bringen: 'Die Gewalt ist
der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen
schwanger geht. Sie ist selbst eine ökonomische Potenz ... Manch
Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein
auftritt, ist gestern in England kapitalisiertes Kinderblut ...
Wenn das Geld "mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur
Welt kommt", so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren,
blut- und schmutztriefend.' Oder der ganze Passus von: 'Die
Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt usw.' 1*) bis
zum Schluß.
Ich muß aufrichtig gestehen, daß mich dieser einfache Pathos der
Sache ergriffen und daß mir die Geschichte klar wie Sonnen-
schein."
Geschrieben um den 5. Oktober 1867.
13
[Aufzeichnung eines Vertrages von Karl Marx zur irischen Frage,
gehalten im Deutschen Bildungsverein für Arbeiter in London
am 16. Dezember 1867 [418]]
Am 16. Dezember hielt Karl Marx eine Vorlesung im Londoner Arbei-
terbildungsverein über die Zustände Irlands, aus welcher hervor-
geht, daß alle Versuche, welche die englische Regierung in frühe-
ren Jahrhunderten gemacht, die irische Bevölkerung zu englisie-
ren, fruchtlos waren. Die bis zur Zeit der Reformation eingewan-
derten Engländer, einschließlich der Aristokraten, wurden durch
die irischen Weiber in Irländer verwandelt, und ihre Nachkommen
kämpften gegen England. Die Grausamkeiten der Kriegführung gegen
die Irländer unter der Königin Elisabeth, Vernichtung der Saaten,
Versetzung der Bevölkerung aus einer Gegend in die andere, um
Platz für englische Kolonisten zu finden, änderten nichts an der
Sache. Zu jener Zeit erhielten gentlemen 2*) und merchant adven-
turers 3*) große Stücken Land unter der Bedingung, sie mit Eng-
ländern zu kolonisieren. Zur Zeit von Cromwell fochten die Nach-
kommen dieser Kolonisten mit den Iren gegen die Engländer. Crom-
well verkaufte viele derselben als Sklaven nach Westindien. Unter
der Restauration wurde Irland vielfach begünstigt. Unter Wilhelm
III. kam eine Klasse an die Herrschaft, die nur
-----
1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 779, 784, 788, 791 -
2*) Edelleute - 3*) spekulierende Kaufleute
#551# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Geld machen wollte, und um die Irländer zu zwingen, ihre Rohpro-
dukte um jeden Preis an England zu verkaufen, wurde die Industrie
Irlands unterdrückt. Mit Hülfe des protestantischen Strafgesetzes
[348] erhielten die neuen Aristokraten freies Spiel unter der Kö-
nigin Anna. Das irische Parlament [343] war ein Unterdrückungs-
mittel. Wer katholisch war, konnte kein öffentliches Amt beklei-
den, konnte kein Landeigentümer sein, durfte kein Testament ma-
chen, konnte keine Erbschaft erheben; katholischer Bischof zu
sein, war Hochverrat. Alles dieses waren Mittel, die Irländer
ihres Landes zu berauben; dennoch ist mehr als die Hälfte der
englischen Nachkommenschaft in Ulster katholisch geblieben. Das
Volk wurde in die Arme der katholischen Geistlichkeit getrieben,
sie erhielt dadurch ihre Macht. Alles, was der englischen Regie-
rung gelungen, ist, eine Aristokratie in Irland zu pflanzen. Die
von den Engländern erbauten Städte sind irisch geworden. Daher
gibt es unter den Feniern so viele englische Namen.
Zur Zeit des amerikanischen Befreiungskriegs wurden die Zügel et-
was nachgelassen. Weitere Konzessionen wurden zur Zeit der Fran-
zösischen Revolution nötig. Irland erhob sich so rasch, daß seine
Bewohner die Engländer zu überflügeln drohten. Die englische Re-
gierung trieb sie zur Rebellion, und durch Bestechung erwirkte
[sie] die Union. [419] Durch die Union erhielt die wiederaufle-
bende irische Industrie den Todesstoß. Meagher sagte bei einer
Gelegenheit, alle irischen Industriezweige sind zerstört, nur das
Fabrizieren von Särgen ist uns geblieben. Land zu haben wurde Le-
bensbedingung, die großen Grundeigentümer verpachteten ihre Län-
dereien an Spekulanten, es ging durch vier oder fünf Abstufungen
von Pachtkontrakten, bis es an den Bauer kam, wodurch die Preise
unverhältnismäßig hoch wurden. Die Ackerbaubevölkerung lebte von
Kartoffeln und Wasser; Weizen und Fleisch wurde nach England ge-
schickt; die Rente wurde in London , in Paris und in Florenz ver-
zehrt. Im Jahre 1836 wurden 7 000 000 Pfd. St. an abwesende
Grundeigentümer ins Ausland geschickt. Mit den Produkten und der
Rente wurde auch der Dünger exportiert, das Land wurde erschöpft.
Partielle Hungersnot fiel häufig vor, aber durch die Kartoffel-
krankheit von 1846 kam es zu einer allgemeinen Hungersnot,
1 000 000 Menschen verhungerten. Die Kartoffelkrankheit war eine
Folge der Erschöpfung des Bodens, ein Produkt der englischen
Herrschaft.
Durch die Abschaffung der Korngesetze verlor Irland das Monopol
des englischen Markts, die alte Pacht konnte nicht länger bezahlt
werden. Hohe Fleischpreise und der Bankrott der noch übriggeblie-
benen kleinen Grundeigentümer haben dazu beigetragen, daß die
kleinen Bauern vertrieben und ihr Land in Schafweiden verwandelt
wird. Seit 1860 sind über eine halbe Million Ackerland außer Be-
bauung gesetzt. Der Ertrag per Acker hat sich vermindert: Hafer
16 Prozent, Flachs 36 Prozent, Kartoffeln 50 Prozent. Jetzt wird
nur Hafer für den englischen Markt gebaut, und Weizen wird einge-
führt.
#552# Beilagen
-----
Mit der Erschöpfung des Bodens hat sich die Bevölkerung physisch
verschlechtert. Die Lahmen, die Blinden, die Taubstummen und die
Geisteskranken haben sich bei abnehmender Bevölkerung absolut
vermehrt.
Über 1 100 000 Menschen sind durch 9 600 000 Schafe ersetzt wor-
den. In Europa ist etwas Ähnliches unerhört. Die Russen ersetzen
die transportierten Polen durch Russen, nicht durch Schafe. Nur
unter den Mongolen in China wurde die Frage einst beraten, die
Städte abzureißen, um Platz für Schafe zu machen.
Die irische Frage ist daher keine einfache Nationalitätsfrage,
sondern eine Land- und Existenzfrage. Untergang oder Revolution
ist das Losungswort; die Irländer sind alle überzeugt, daß, wenn
etwas geschehen soll, so muß es schnell geschehen. Die Engländer
sollten Trennung verlangen und den Irländern allein überlassen,
die Frage des Grundeigentums zu lösen. Alles andere ist nutzlos.
Geschieht es nicht bald, so wird die irische Emigration einen
Krieg mit Amerika herbeiführen. Die Beherrschung Irlands ist
heute das Pachteintreiben für die englische Aristokratie.
Nach der Handschrift von Eccarius.
14
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Folgen
der Anwendung von Maschinen durch die Kapitalisten [420]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 28. Juli 1868]
Bürger Marx eröffnete die Diskussion zu dem Thema "Die Folgen der
Anwendung von Maschinen durch die Kapitalisten". Er sagte, am
meisten setze uns in Erstaunen, daß das Ergebnis der Anwendung
von Maschinen allem widersprochen habe, was für unvermeidlich ge-
halten wurde. Statt der erwarteten Verkürzung der Arbeitszeit
habe es eine Verlängerung des Arbeitstages auf sechzehn bis acht-
zehn Stunden gegeben. Früher habe der normale Arbeitstag zehn
Stunden betragen, in den letzten hundert Jahren sei die Arbeits-
zeit sowohl in England als auch auf dem Kontinent durch Gesetz
verlängert worden. Die ganze Fabrikgesetzgebung der letzten hun-
dert Jahre drehe sich darum, die Arbeiter mit Hilfe der Gesetze
zu zwingen, länger zu arbeiten.
Erst 1833 sei die Arbeitszeit für Kinder, auf zwölf Stunden be-
schränkt worden. Infolge von Überarbeit sei für die geistige Ent-
wicklung keine Zeit
#553# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
geblieben. Der physische Zustand habe sich ebenfalls verschlech-
tert; ansteckende Krankheiten seien unter ihnen ausgebrochen, und
dies habe einige Vertreter der oberen Klassen veranlaßt, sich mit
dieser Frage zu befassen. Sir Robert Peel, der Ältere, habe als
einer der ersten die Aufmerksamkeit auf dieses schreiende Übel
gelenkt, und Robert Owen sei der erste Fabrikant gewesen, der die
Arbeitszeit in seiner Fabrik beschränkt habe. Das Zehnstundenge-
setz sei das erste Gesetz gewesen, welches die Arbeitszeit für
Frauen und Kinder auf zehneinhalb Stunden täglich beschränkt
habe, doch es habe sich nur auf bestimmte Fabriken erstreckt.
Dies sei ein Fortschritt gewesen, da die Arbeiter dadurch mehr
Freizeit erhalten hätten. Was die Produktion anbelange, so sei
diese Beschränkung schon bald wieder kompensiert worden. Infolge
der vervollkommneten Maschinen und der erhöhten Arbeitsintensität
der Arbeiter werde heute während des kurzen Arbeitstages mehr Ar-
beit geleistet als früher während des langen Arbeitstages. Die
Menschen seien wiederum überarbeitet, und es werde bald notwen-
dig, den Arbeitstag auf acht Stunden zu beschränken.
Eine weitere Folge der Anwendung von Maschinen habe darin bestan-
den, daß sie die Frauen und Kinder in die Fabriken getrieben
habe. Dadurch sei die Frau zu einer aktiven Kraft unserer gesell-
schaftlichen Produktion geworden. Früher sei die Frauen- und Kin-
derarbeit im Familienkreis angewandt worden. Ich sage damit
nicht, daß es schlecht ist, wenn Frauen und Kinder an unserer ge-
sellschaftlichen Produktion teilnehmen. Ich glaube, daß jedes
Kind von neun Jahren an einen Teil seiner Zeit mit produktiver
Arbeit beschäftigt werden sollte, doch der Weg, auf dem die Kin-
der unter den gegenwärtigen Umständen gezwungen werden, zu arbei-
ten, ist abscheulich.
Eine weitere Folge der Anwendung von Maschinen sei die völlige
Veränderung der kapitalistischen Verhältnisse im Lande gewesen.
Früher habe es reiche Arbeitgeber und arme Arbeiter gegeben, die
ihre eigenen Arbeitsinstrumente benutzt haben. Sie seien gewis-
sermaßen freie Agenten gewesen, die die Möglichkeit hatten, ihren
Arbeitgebern wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. Für den mo-
dernen Fabrikarbeiter, für die Frauen und Kinder gebe es eine
solche Freiheit nicht, sie seien Sklaven des Kapitals.
Unaufhörlich erklinge des Kapitalisten Ruf nach einer Erfindung,
die ihn vom Arbeiter unabhängig machen könnte; die Spinnmaschine
und der Dampfwebstuhl haben ihn unabhängig gemacht, haben die
Triebkraft der Produktion in seine Hände gelegt. Dadurch sei die
Macht des Kapitalisten ungeheuer gestiegen. Der Fabrikherr sei
zum Strafgesetzgeber innerhalb seines eigenen Betriebes geworden.
Er verhänge willkürlich Strafen, oft zu seiner eigenen Bereiche-
rung. Der Feudalherr sei in seinem Verhalten gegenüber den
Leibeigenen durch Traditionen gebunden und bestimmten Regeln un-
terworfen gewesen; der Fabrikherr unterstehe keiner Kontrolle.
#554# Beilagen
-----
Zu den wichtigsten Folgen der Anwendung von Maschinen zähle die
organisierte Arbeit, die früher oder später Früchte tragen müsse.
Der Einfluß der Maschinen auf die Arbeiter, mit deren Arbeit
diese Maschinen in Konkurrenz treten, sei direkt verheerend. In
England und in Indien seien viele Handweber durch die Einführung
des Dampfwebstuhls im wahrsten Sinne des Wortes getötet worden.
Man sage uns oft, daß die Not, die durch die Maschinen hervorge-
rufen wird, nur vorübergehend sei, doch die Entwicklung der Ma-
schinen schreite ständig vorwärts, und wenn diese Entwicklung
auch gleichzeitig viele Menschen zur Produktion heranziehe und
ihnen Arbeit gebe, so beraube sie andererseits doch ständig viele
Menschen ihrer Arbeit. Es gebe einen ständigen Überschuß an Ver-
drängten und nicht, wie die Malthusianer behaupteten, eine Über-
völkerung im Verhältnis zur Produktion des Landes, sondern eine
Übervölkerung, deren Arbeit durch produktivere Maschinen über-
flüssig geworden sei.
Die Anwendung der Maschinen auf dem Lande erzeuge eine ständige
Übervölkerung, die schon keine Beschäftigung mehr findet. Dieser
Überschuß ströme in die Städte und übe einen ständigen Druck auf
den Arbeitsmarkt aus, einen Druck, der zur Senkung der Löhne
führe. Der Zustand im Londoner Osten sei ein Beispiel für diesen
Einfluß. [421]
Die tatsächlichen Folgen der Anwendung von Maschinen könne man am
besten in den Arbeitszweigen sehen, in denen keine Maschinen an-
gewandt werden.
Zum Abschluß könne man sagen, daß die Anwendung von Maschinen ei-
nerseits zur assoziierter), organisierten Arbeit und andererseits
zur Auflösung aller bisher bestehenden gesellschaftlichen und fa-
miliären Beziehungen führe.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
15
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Verkürzung
der Arbeitszeit [422]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats
vom 11. August 1868]
Bürger Marx konnte nicht mit Milner [423] darin übereinstimmen,
daß die Verkürzung der Arbeitszeit zu einer Verringerung der Pro-
duktion führe; dies sei unrichtig, weil dort, wo die Beschränkung
des Arbeitstages
#555# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
durchgeführt worden sei, die Produktionsinstrumente bedeutend
stärker entwickelt worden seien als in anderen Gewerben. Die Be-
schränkung des Arbeitstages werde zur Anwendung von mehr Maschi-
nen führen und die Produktion in kleinem Maßstab immer unmögli-
cher machen, was übrigens für den Übergang zur gesellschaftlichen
Produktion notwendig sei. Die sanitäre Seite der Frage sei klar.
[424] Doch eine Verkürzung der Arbeitszeit sei unerläßlich, um
der Arbeiterklasse mehr Zeit für die geistige Entwicklung zu ge-
ben. Gesetzliche Beschränkungen des Arbeitstages seien der erste
Schritt zum geistigen und physischen Aufschwung und zur endgülti-
gen Befreiung der Arbeiterklasse. Heutzutage leugne niemand, daß
eine Einmischung des Staates im Interesse der Frauen und Kinder
erforderlich sei; eine Beschränkung ihrer Arbeitszeit aber habe
in den meisten Fällen auch zu einer Verkürzung der Arbeitszeit
für Männer geführt. England habe zuerst den Weg der Verkürzung
der Arbeitszeit beschritten, andere Länder seien gezwungen gewe-
sen, seinem Beispiel mehr oder weniger zu folgen. In Deutschland
sei ernsthaft mit der Agitation begonnen worden, und vom Londoner
Rat erwarte man, daß er die Führung dieser Bewegung übernehme.
Prinzipiell sei die Frage auf den vorangegangenen Kongressen ent-
schieden worden; jetzt sei die Zeit zum Handeln gekommen.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
16
Aufruf an die deutschen Arbeiter Londons [425]
["Hermann" Nr. 502 vom 15. August 1868]
Arbeiter!
Am 7. September d.J. versammelt sich der dritte internationale
Arbeiterkongreß zu Brüssel.
Auf diesem Kongreß sollen die besten Mittel zur Ausbreitung,
Kräftigung und gemeinsamen Wirksamkeit des internationalen Bundes
der Arbeiter beraten werden; ferner solche Fragen, die den Inter-
essen der Arbeiterklasse am nächsten hegen und nach Lösung drän-
gen. Endlich soll man sich gegenseitig über die Mittel der Propa-
ganda verständigen.
Die Fragen, die dem Kongreß von dem Generalrat vorgelegt werden,
sind folgende:
1. Abkürzung und Regelung des Arbeitstages;
2. Der Einfluß der Maschinerie in den Händen der Kapitalisten;
3. Die Natur des Grundeigentums; ,
#556# Beilagen
-----
4. Die Erziehung der Arbeiterklasse;
5. Errichtung von Kreditanstalten, um die soziale Befreiung der
Arbeiterklasse zu fördern;
6. Die besten Mittel zur Gründung von kooperativen Produktionsge-
sellschaften.
Um an der Durchführung des durch Zeit und Umstände gebotenen Un-
ternehmens mitzuwirken, fordern wir euch auf, zu tun, was in eu-
ren Kräften steht, als Vereine oder auch als einzelne Personen.
Es gilt, durch freiwillige Beiträge soviel zusammenzubringen, daß
die deutschen Arbeiter Londons durch einen oder mehrere Abgeord-
neten vertreten werden können. Es wäre schmachvoll, wenn in der
jetzigen so bewegten Zeit unter den Tausenden von deutschen Ar-
beitern in London nicht genug Gemeinsinn für die eigenen Klassen-
interessen herrschte, um ihre Vertretung auf dem Brüsseler Kon-
greß zu sichern.
Darum Hand ans Werk! Es ist hohe Zeit, daß die Arbeiter aller
Länder sich vereinigen und begreifen, daß zum erfolgreichen
Kampfe gegen die Herrschergewalt der Kapitalisten ein mächtiger
Bund aller Glieder der Arbeiterklasse nötig ist.
Laßt uns nicht vergessen, daß in den Vereinigten Staaten Nordame-
rikas der achtstündige Arbeitstag bereits als Gesetz für alle Re-
gierungswerkstätten proklamiert worden ist.
Erinnern wir uns auch jener geschichtlichen, inhaltsreichen
Worte, welche Karl Marx in der Vorrede seines Werkes "Das Kapi-
tal. Kritik der politischen Oekonomie" 1867 niederschrieb:
"Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts
die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der
Amerikanische Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts für die europäi-
sche Arbeiterklasse." 1*)
Beiträge werden im Deutschen Arbeiterbildungsverein montags,
mittwochs und samstags abends von 9 Uhr an in Empfang genommen
vom Sekretär und Kassier.
Windsor Castle, 27, Long Acre, W.C.
Im Namen des Deutschen Arbeiterbildungsvereins,
deutscher Zweig der Internationalen Arbeiter-Assoziation:
Der Vorstand
-----
1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 15
#557# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
17
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über den Einfluß
der Konkurrenz in der Baumwollindustrie auf die Lage der
Arbeiter in Frankreich [426]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats
vom 5. Januar 1869]
Es zeige sich, daß die Baumwollfabrikanten Frankreichs ein Bünd-
nis eingegangen seien, um die englischen Fabrikanten auf ihren
eigenen Märkten zu unterbieten. Die französischen Fabrikanten gä-
ben zu, daß sie sich trotz der besseren Maschinen und des größe-
ren Kapitals der englischen Fabrikanten infolge der niedrigen
Löhne, die den Arbeitern in Frankreich gezahlt werden, behaupten
konnten. Sie hofften, ihre Waren durch weitere Lohnsenkungen bil-
liger als die englischen Fabrikanten produzieren zu können. Herr
Bertel, Bürgermeister von Sotteville-lès-Rouen und einer der
größten Fabrikanten dieser Stadt, habe als erster diesen neuen
Kreuzzug gegen die Arbeiterklasse eröffnet. Er habe eine Senkung
der Löhne um täglich 3 1/2 Pence vorgeschlagen. Diejenigen Arbei-
ter, welche diese Bedingungen ablehnten, seien ausgesperrt worden
und hätten sich jetzt an die Internationale Arbeiterassoziation
um Hilfe gewandt.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
18
[Resolution des Generalrats über das Programm
des Baseler Kongresses [427]]
In Übereinstimmung mit dem Bericht des Ständigen Komitees wird
für den bevorstehenden Kongreß das folgende Programm angenommen:
1. Frage des Grundeigentums;
2. Das Erbrecht;
3. In welchem Umfang die Arbeiterklasse unmittelbar Kredit benut-
zen kann;
4. Frage der allgemeinen Bildung;
#558# Beilagen
-----
5. Der Einfluß der Gewerksgenossenschaften auf die Befreiung der
Arbeiterklasse;
Ferner wurde folgende Tagesordnung beschlossen:
1. Bestätigung der Mandate;
2. Wahl der Personen für den Kongreßdienst;
3. Bericht des Generalrats und Berichte der Zweiggesellschaften
und Sektionen;
4. Diskussion zu Fragen, die auf dem Programm des Kongresses ste-
hen;
5. Bestimmung des Sitzes des Generalrats für das folgende Jahr;
6. Wahl der Mitglieder des Generalrats;
7. Bestimmung von Zeit und Ort des folgenden Kongresses.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
19
[Aufzeichnung zweier Reden von Karl Marx
über das Grundeigentum [428]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 6. Juli 1869]
I
Bürger Marx war der Meinung, Milner habe das Wesen des Streits
nicht völlig verstanden. Es gäbe keinen Einwand gegen die Umwand-
lung der Bergwerke und Wälder in Gemeineigentum. Der Schaden, der
durch die Anhäufung von Grund und Boden in den Händen weniger an-
gerichtet wird, werde von allen anerkannt. Meinungsverschieden-
heiten gebe es nur hinsichtlich des Ackerlandes. Die Einwände kä-
men von Seiten der Anhänger des kleinen Ackerbaus; das kleine
Grundeigentum sei der Streitgegenstand.
Der Hinweis auf die gesellschaftliche Notwendigkeit sei ein stär-
keres Argument als die Forderung nach abstraktem Recht. Alles,
jede mögliche Form der Unterdrückung, sei durch das abstrakte
Recht gerechtfertigt worden; es sei höchste Zeit, mit dieser Agi-
tation Schluß zu machen. Die Frage sei, in welcher Form dieses
Recht verwirklicht werden solle. Es sei eine gesellschaftliche
Notwendigkeit gewesen, Feudaleigentum in Bauerneigentum umzuwan-
deln. In England habe der Eigentümer bereits aufgehört, eine Not-
wendigkeit in der Landwirtschaft zu sein.
Was das natürliche Recht anbelange, so habe auch das Tier ein na-
türliches Recht auf den Boden, ohne den es nicht leben könne.
Wenn man
#559# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
dieses natürliche Recht zu seinen logischen Konsequenzen führe,
werde man bei der Behauptung anlangen, daß jeder einzelne seine
eigene Parzelle bebauen solle.
Gesellschaftliches Recht und gesellschaftliche Notwendigkeit be-
stimmten, auf welche Weise die Subsistenzmittel zu erlangen
seien. Die gesellschaftliche Notwendigkeit setzt sich durch, und
dort, wo Kooperation unerläßlich werde, entständen Fabriken. Die
Tatsache, daß niemand allein etwas herstellen könne, habe die Ko-
operation zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit gemacht.
Er sei nicht dagegen, wenn der Resolution eine vollkommenere Form
gegeben werde.
II
Die Kleinbauernschaft sei auf den Kongressen nicht zugegen, sei
dort jedoch durch ihre Ideologen vertreten. Die Proudhonisten
hielten an diesem Punkt sehr hartnäckig fest, und sie seien in
Brüssel gewesen. Der Generalrat sei für die Resolution verant-
wortlich. Sie sei von der Brüsseler Kommission [429] verfaßt wor-
den, von Leuten, die die Einwände, mit denen sie es zu tun haben
würden, gut gekannt hätten. Ich bin nicht dagegen, die Resolution
umzuarbeiten. Bürger Weston habe nur von der gesellschaftlichen
Notwendigkeit gesprochen. Wir haben gesehen, daß beide Formen des
Eigentums an Grund und Boden zu schlechten Ergebnissen geführt
haben. Der kleine Bauer sei nur ein nomineller Eigentümer, doch
sei er um so gefährlicher, weil er sich noch immer einbilde, daß
er tatsächlicher Eigentümer sei; in England könne der Grund und
Boden innerhalb von vierzehn Tagen durch einen Parlamentsakt in
Gemeineigentum umgewandelt werden. In Frankreich könne dies durch
die Verschuldung der Landeigentümer und ihre Steuerlasten zu-
stande gebracht werden.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
20
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über das Erbrecht [430]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 20. Juli 1869]
Bürger Marx eröffnete die Diskussion über die Frage des Er-
brechts. Er sagte, diese Frage sei von der Allianz der soziali-
stischen Demokratie
#560# Beilagen
-----
in Genf aufgeworfen worden, und der Rat habe einer Diskussion
darüber zugestimmt. Die Allianz von Genf habe in erster Linie die
völlige Abschaffung des Erbrechts verlangt.
Es gebe zwei Formen der Erbschaft. Das testamentarische Recht
oder die Erbschaft durch Testamentsverfügung sei aus Rom gekommen
und sei charakteristisch für Rom gewesen. Das Oberhaupt der römi-
schen Familie habe absolute Macht über alles ausgeübt, was zu
seinem Haushalt gehörte. Das Oberhaupt der römischen Familie
dürfe man nicht mit dem Familienoberhaupt von heute vergleichen.
Zum römischen Haushalt hätten Sklaven und Klienten gehört, deren
Angelegenheiten und Interessen das Familienoberhaupt wahrzunehmen
und in der Öffentlichkeit zu vertreten verpflichtet gewesen sei.
Es habe der Aberglaube bestanden, daß nach dem Tode des Familien-
oberhaupts sein Geist als Wächter im Haus verbleibe, um darauf zu
achten, daß alles seinen rechten Gang gehe, oder die Lebenden zu
quälen, wenn die Dinge schlecht gehandhabt würden. In den frühen
Zeiten Roms hätten die Menschen diesem Hausgott Opfer gebracht,
selbst Blutfeste seien ihm zu Ehren und zur Besänftigung seines
Zornes gefeiert worden. Nach und nach sei es Brauch geworden, mit
diesem Geist durch einen Testamentserben einen Vergleich einzuge-
hen. Das sei die römische Vorstellung von der Unsterblichkeit der
Seele gewesen. In der Person dieses Erben sei der Wille des Ver-
storbenen in einem Testament verewigt worden, doch dieses Testa-
ment habe dem Nachfolger nicht unbedingt ein Vermögen einge-
bracht, sondern ihn nur verpflichtet, den Willen des Verstorbenen
zu erfüllen, was als religiöse Pflicht betrachtet worden sei. Im
Laufe der Zeit hätten diese Erben durch Testamentsverfügung auch
Anspruch auf das Vermögen erhoben, doch selbst zur Zeit des Kai-
serreichs sei ihnen durch Gesetz nie mehr als ein Viertel zuge-
sprochen worden. Dieser heidnische Aberglaube sei auf die christ-
lichen Länder übertragen worden und habe die Grundlage für das
testamentarische Recht gebildet, wie es gegenwärtig in England
und den Vereinigten Staaten existiere.
Das deutsche Erbrecht sei das untestamentarische Recht, das Fami-
lienerbrecht gewesen, welches das Vermögen als eine Art Mitbesitz
der Familienmitglieder betrachtet habe, dessen Verwalter das Fa-
milienoberhaupt gewesen sei. Nach dessen Tode sei der Besitz auf
alle Kinder übergegangen. Die Deutschen hätten kein anderes Erb-
recht gekannt.
Die römische Kirche habe das römische Recht eingeführt, und das
Feudalsystem habe das deutsche Recht verfälscht, da Feudaleigen-
tum, mit Militärdienst belastet, nicht geteilt werden konnte. Die
Französische Revolution sei zum deutschen Erbrecht zurückgekehrt.
In England existierten alle möglichen unsinnigen Bestimmungen;
die Einzelperson habe das unumschränkte Recht, über ihr Eigentum
zu verfügen, selbst ihre eigenen Nachkommen zu enterben, und da-
durch könne sie über ihr Vermögen noch lange nach ihrem Ableben
verfügen. Sich mit diesem testamentarischen
#561# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Recht zu befassen, könne man der Bourgeoisie überlassen, da es
gegen den Adel ausgenutzt werden könne. In Preußen könne man nur
einen kleinen Teil seines Eigentums testamentarisch vererben.
Für die Arbeiterklasse, die nichts zu vererben habe, sei diese
Frage nicht von Interesse.
Die Allianz der sozialistischen Demokratie wolle die soziale Re-
volution mit der Abschaffung des Erbrechts beginnen. Es erhebe
sich die Frage: Wäre diese Politik richtig?
Der Vorschlag sei nicht neu. Saint-Simon habe dies bereits 1830
vorgeschlagen. [431]
Als ökonomische Maßnahme wäre dies nutzlos. Das würde eine derar-
tige Verärgerung hervorrufen, daß es bestimmt auf einen schier
unüberwindlichen Widerstand stoßen würde, der unvermeidlich zur
Reaktion führe. Sollte diese Forderung zur Zeit einer Revolution
proklamiert werden, so glaube er nicht, daß der Stand des allge-
meinen Bewußtseins die Unterstützung dieser Forderung garantieren
könne. Wenn die Arbeiterklasse andererseits genügend Macht be-
säße, das Erbrecht abzuschaffen, dann wäre sie auch stark genug,
zur Expropriation überzugehen, was ein viel einfacherer und wirk-
samerer Schritt wäre.
Die Abschaffung des Erbrechts in bezug auf Grund und Boden in
England würde die Erbfunktionen berühren, die mit dem Grund und
Boden verbunden sind, mit dem Oberhaus etc. etc., 15 000 Lords
und 15 000 Ladies müßten sterben, ehe sich ein Ergebnis zeigen
würde. Wenn dagegen ein Parlament aus Arbeitern verfügte, die
Pacht an das Schatzamt statt an den Grundherrn zu zahlen, er-
hielte die Regierung sofort und ohne soziale Erschütterung die
Geldmittel, während durch die Abschaffung des Erbrechts alles
verwirrt und nichts gewonnen würde.
Unsere Bemühungen müßten darauf gerichtet sein, keine Produkti-
onsinstrumente in Privateigentum zu belassen. Das Privateigentum
an den Produktionsinstrumenten sei eine Fiktion, da die Eigentü-
mer sie nicht selbst benutzen könnten; sie gebe den Eigentümern
nur die Macht über die Produktionsmittel, durch die sie andere
Menschen zwingen, für sie zu arbeiten. In einem halbbarbarischen
Zustand mag dies notwendig gewesen sein, doch heute nicht mehr.
Alle Produktionsmittel müßten vergesellschaftet werden, damit je-
dem das Recht und die Möglichkeit gesichert sei, seine Arbeits-
kraft anzuwenden. Hätten wir einen solchen Zustand, wäre das Erb-
recht nutzlos. Solange das nicht der Fall sei, könne das Fami-
lienerbrecht nicht abgeschafft werden. Wenn die Menschen für ihre
Kinder sparen, so sei es ihr Hauptziel, diesen die Subsistenzmit-
tel zu sichern. Wenn die Kinder nach dem Tode der Eltern versorgt
wären, würden die Eltern sich nicht darum sorgen, ihnen die Mit-
tel zum Leben zu hinterlassen; aber solange dies nicht der Fall
sei, würde die Abschaffung des Erbrechts nur zu Schwierigkeiten
führen, sie würde die Menschen reizen und ängstigen und
#562# Beilagen
-----
keinen Nutzen bringen. Statt des Beginns einer sozialen Revolu-
tion könne sie nur deren Ende sein. Zu Anfang müßten die Bedin-
gungen für die Vergesellschaftung der Produktionsmittel geschaf-
fen werden.
Das testamentarische Erbrecht sei der Bourgeoisie verhaßt, da es
dem Staat die Möglichkeit gebe, sich jederzeit in die Privatange-
legenheiten einzumischen. Wir haben bereits eine Erbschafts-
steuer, sie müßte nur erhöht und zu einer progressiven Steuer ge-
macht werden wie die Einkommensteuer, wobei wir die kleineren Be-
träge, beispielsweise von 50 Pfd. St., nicht besteuerten.
Nur in diesem Sinne betreffe diese Frage die Arbeiterklasse.
Alles, was mit der bestehenden Ordnung zusammenhänge, müsse ver-
ändert werden, doch schaffte man die Testamente ab, so würden sie
durch Schenkungen zu Lebzeiten umgangen werden. Folglich wäre es
besser, sie unter gewissen Bedingungen zu dulden, als die Dinge
noch schlimmer zu machen. Erst müsse man in der Lage sein, die
bestehende Ordnung zu verändern, dann werde das Erbrecht von
selbst verschwinden.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen. '
21
[Aufzeichnung zweier Reden von Karl Marx über die allgemeine
Bildung in der modernen Gesellschaft [432]]
[Aus den Protokollen der Sitzungen des Generalrats
vom 10. und 17. August 1869]
I
Bürger Marx sagte, mit dieser Frage sei eine Schwierigkeit beson-
derer Art verbunden. Einerseits sei eine Änderung der sozialen
Bedingungen erforderlich, um ein entsprechendes Bildungssystem zu
schaffen, und andererseits sei ein entsprechendes Bildungssystem
erforderlich, um die sozialen Bedingungen ändern zu können. Des-
halb müßten wir von der bestehenden Lage ausgehen.
Auf den Kongressen sei die Frage erörtert worden, ob die Bildung
staatlich oder privat sein solle. [433] Staatliche Bildung werde
als Bildung unter Kontrolle der Regierung betrachtet, doch dies
sei nicht unbedingt notwendig. In Massachusetts sei jede Munizi-
palität verpflichtet, allen Kindern einen Elementarschulunter-
richt zu sichern. In Städten mit mehr als
#563# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
5000 Einwohnern müßten mittlere Schulen für polytechnische Bil-
dung unterhalten werden, in größeren Städten höhere Schulen. Der
Staat steuere etwas zu, doch nicht viel. In Massachusetts werden
1/8 der lokalen Steuern für die Bildung ausgegeben, in New York
1/5. Die Schulkomitees, die die Schulen verwalten, seien lokale
Organisationen; sie ernennen die Lehrer und wählen die Lehrbücher
aus. Der Mangel des amerikanischen Systems bestehe darin, daß es
zu lokalen Charakter trage und die Bildung vom kulturellen Niveau
in jedem Distrikt abhängig sei. Deshalb sei die Forderung nach
zentraler Kontrolle erhoben worden. Die Besteuerung zum Nutzen
der Schulen sei obligatorisch, der Schulbesuch der Kinder jedoch
nicht. Das Eigentum werde besteuert und die Menschen, die die
Steuern bezahlen, wünschten, daß das Geld nutzbringend angewandt
werde.
Die Bildung könne staatlich sein, ohne unter der Kontrolle der
Regierung zu stehen. Die Regierung könne Inspektoren ernennen,
deren Pflicht es wäre, auf die Einhaltung der Gesetze zu achten -
ohne daß sie das Recht hätten, sich in die Bildung selbst einzu-
mischen -, so wie die Fabrikinspektoren auf die Einhaltung der
Fabrikgesetze achteten.
Der Kongreß könne ohne Zögern beschließen, daß Schulbildung obli-
gatorisch sein müsse. Was den Umstand betreffe, daß Kinder nicht
zur Arbeit gedungen werden dürften, so sei eines sicher: dies
würde nicht zu Lohnsenkungen führen, und die Menschen würden sich
daran gewöhnen.
Die Proudhonisten behaupteten, daß unentgeltliche Bildung ein Wi-
dersinn sei, da der Staat sie bezahlen müsse. Selbstverständlich
müsse sie jemand bezahlen, aber nicht diejenigen, die dazu am we-
nigsten in der Lage seien. Der Redner war nicht für unentgeltli-
che höhere Bildung.
Was das preußische Bildungssystem betreffe, über das so viel ge-
sprochen! worden sei, so wolle er abschließend bemerken, daß die-
ses System nur das Ziel verfolge, gute Soldaten heranzubilden.
II
Bürger Marx sagte, daß wir uns in bestimmten Punkten einig seien.
Die Diskussion habe mit dem Vorschlag begonnen, die Genfer Reso-
lution zu bestätigen, welche fordere, die geistige Erziehung mit
körperlicher Arbeit, gymnastischer Übung und polytechnischer Aus-
bildung zu verbinden. Dagegen seien keine Einwände erhoben wor-
den.
Die polytechnische Ausbildung, die von proletarischen Schrift-
stellern befürwortet werde, solle die Mängel ausgleichen, die aus
der Arbeitsteilung entspringen, welche die Lehrlinge daran hin-
dere, sich gründliche Kenntnis ihres Berufs anzueignen. Dabei sei
man immer davon ausgegangen, was die Bourgeoisie unter polytech-
nischer Bildung verstehe und habe das dementsprechend falsch aus-
gelegt.
#564# Beilagen
-----
Was den Vorschlag Frau Laws wegen des Kirchenbudgets [434] anbe-
lange, so wäre es politisch zu begrüßen, wenn sich der Kongreß
gegen die Kirche ausspräche.
Bürger Milners Vorschlag [435] sei nicht geeignet, daß man ihn in
Verbindung mit der Schulfrage diskutiere; diese Erziehung müßten
die Jugendlichen von den Erwachsenen im täglichen Lebenskampf er-
halten. Der Redner würde Warren nicht als eine Bibel akzeptieren,
dies sei eine Frage, in der man nur schwer eine einheitliche Mei-
nung erzielen könnte. Es ließe sich hinzufügen, daß eine solche
Ausbildung nicht die Schule vermitteln könne, sie müsse vielmehr
von den Erwachsenen gegeben werden.
Weder in die Elementar- noch in die höheren Schulen dürfe man
Lehrfächer einführen, die eine Partei- oder Klassenauslegung zu-
ließen. Nur Fächer wie Naturwissenschaften, Grammatik usw. könn-
ten in den Schulen gelehrt werden. Die grammatikalischen Regeln
zum Beispiel veränderten sich nicht, gleich, ob sie von einem re-
ligiösen Tory oder einem Freidenker erklärt würden. Fächer, die
unterschiedliche Schlußfolgerungen zuließen, sollten nicht im
Schulunterricht gelehrt werden; damit könnten sich die Erwachse-
nen unter der Anleitung solcher Lehrer wie Frau Law beschäftigen,
die Vorlesungen über Religion halte. 1*)
Der Brüsseler Kongreß habe eine Resolution über die Abschaffung
der Armee [436] angenommen. Es wäre nicht zweckmäßig, diese noch
einmal zu diskutieren.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
22
Adresse der Land and Labour League an die Arbeiter und Arbeite-
rinnen von Großbritannien und Irland [437]
Arbeiter!
Die unbegründeten Hoffnungen, die man den schwer arbeitenden und
leidenden Millionen Englands vor 30 Jahren gemacht hat, haben
sich nicht erfüllt. Man hatte ihnen gesagt, daß die Abschaffung
der Zollbeschränkungen das Los der Armen der Arbeiterklasse er-
leichtern werde; wenn sie dieser
-----
1*) Im "Bee-Hive" heißt es an Stelle dieses Satzes: "Was politi-
sche Ökonomie, Religion und andere Fächer betreffe, so könne man
sie weder in den Elementar- noch in den höheren Schulen einfüh-
ren. Diese Art der Bildung betreffe die Erwachsenen und sollte in
Form von Lektionen vermittelt werden durch solche Lehrer wie Frau
Law."
#565# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Schritt nicht glücklich und zufrieden machte, so werde er doch
zumindest die Hungersnot für immer aus ihrer Mitte verbannen.
Es begann eine mächtige Bewegung für den großen Laib Brot [438];
die Landlords wurden wütend, die Geldmänner konfus, die Fabrik-
herren frohlockten - ihr Wille geschah: das Schutzzollsystem er-
hielt den coup de grâce 1*). Eine Periode unglaublicher Prosperi-
tät folgte. Zuerst drohten die Tories, diese Politik zu ändern.
Als sie jedoch 1852 die Ministersessel bestiegen, schlössen sie
sich, statt ihre Drohung auszuführen, dem Lobgesang der Anhänger
der unbeschränkten Konkurrenz an. Sie, die auf einen finanziellen
Verlust gefaßt waren, stellten zu ihrem größten Erstaunen fest,
daß die Rentrollen mehr als 2 000 000 Pfd. St. jährlich stiegen.
Noch niemals in der Geschichte der Menschheit gab es solch großen
Reichtum - d.h. solch große Mittel zur Befriedigung der Bedürf-
nisse des Menschen -, der von so wenigen Händen und in solch kur-
zer Zeit erzeugt wurde, wie seit der Abschaffung der Korngesetze.
Im Verlauf von 20 Jahren stieg der deklarierte Wert des jährli-
chen Exports britischer und irischer landwirtschaftlicher Pro-
dukte und Industrieerzeugnisse - der Früchte eurer eigenen Arbeit
- von 60 000 000 Pfd. St. auf 188 900 000 Pfd. St. Innerhalb von
20 Jahren erhöhte sich das steuerpflichtige Einkommen der Lords
und Ladies des britischen Grund und Bodens, wie sie selbst einge-
stehen, von 98 000 000 Pfd. St. im Jahr auf 140 000 000 Pfd. St.;
das der großen Fabrikanten und Industrieherren von 60 000 000
Pfd. St. im Jahr auf 110 000 000 Pfd. St. Konnten menschliche An-
strengungen mehr erreichen?
Oh, es gibt Stiefkinder in der britischen Familie. Kein Schatz-
kanzler hat bisher das Geheimnis enthüllt, wie diese 140 000 000
Pfd. St. unter den Landmagnaten aufgeteilt sind, doch dafür wis-
sen wir alles über die Industrieherren. Die Zahl der Erfolgreich-
sten unter ihnen stieg von 16 im Jahre 1846 auf 133 im Jahre
1866. Das jährliche Durchschnittseinkommen jedes einzelnen von
ihnen stieg von 74 300 Pfd. St. auf 100 600 Pfd. St. In 20 Jahren
eigneten sie sich ein Viertel der Zunahme des Einkommens an. Die
nächste Kategorie stieg von 319 auf 959 Personen; das jährliche
Durchschnittseinkommen jedes einzelnen von ihnen stieg von 17 700
Pfd. St. auf 19 300 Pfd. St.; sie eigneten sich ein weiteres
Viertel an. In die restliche Hälfte teilten sich 346 048 ehrbare
Bourgeois, deren Jahreseinkommen zwischen 100 und 10 000 Pfd. St.
liegt. Die Millionen Arbeitenden aber, die Erzeuger dieses Reich-
tums - Britanniens Aschenbrödel - erhielten Schläge und Fußtritte
statt Halbpennystücke.
Im Jahre 1864 stieg das steuerpflichtige Einkommen unter der Ru-
brik D [439] um 9 200 000 Pfd. St. Von dieser Zunahme schluckte
die Hauptstadt mit weniger als einem Achtel der Bevölkerung
4 266 000 Pfd. St., d.h. fast die Hälfte. 3 123 000 Pfd. St. da-
von, mehr als ein Drittel der Zunahme
-----
1*) Gnadenstoß
#566# Beilagen
-----
ganz Großbritanniens, schluckte die Londoner City, d.h. die Pri-
vilegierten, die 1/179 der britischen Bevölkerung darstellen:
Mile End und Tower mit einer Arbeiterbevölkerung, die das
Vierfache davon beträgt, erhielten 175 000 Pfd. St. Die Bürger
der City ersticken in Gold; die Hausbesitzer in den Tower Hamlets
werden von Armensteuern erdrückt. Die City lehnt natürlich eine
Zentralisierung der Armensteuern ab, weil sie ausschließlich vom
Prinzip der lokalen Selbstverwaltung ausgeht.
Im Laufe von 10 Jahren bis einschließlich 1861 stieg die Zahl der
in der Baumwollindustrie beschäftigten Arbeiter um 12%; ihre Pro-
duktion stieg um 103%. Die Zahl der Arbeiter in den Eisenbergwer-
ken stieg um 6%, die Produktion der Bergwerke um 37%. Zwanzigtau-
send Bergarbeiter arbeiteten für zehn Bergwerksbesitzer. Während
dieser zehn Jahre sank die Zahl der Landarbeiter von England und
Wales um 88 147, und doch wurden in diesem Zeitraum viele Hun-
derttausende Acres Gemeindeland eingehegt und in Privateigentum
verwandelt, um die Güter der Aristokratie zu vergrößern, und die-
ser Prozeß dauert noch an.
In zwölf Jahren stieg der Pachtzins, nach dem die Armen in Eng-
land und Wales laut Gesetz besteuert werden, von 86 700 000 Pfd.
St. auf 118 300 000 Pfd. St.; die Zahl der erwachsenen,
arbeitsfähigen Pauper stieg von 144 500 auf 185 600.
Das sind keine Phantasiegemälde, die ihren Ursprung in der erreg-
ten Einbildungskraft unverbesserlicher Hitzköpfe haben; es sind
die Eingeständnisse der Landlords und Geldmänner, die in ihren
eigenen Blaubüchern enthalten sind. Einer ihrer Experten erklärte
kürzlich im Oberhaus, daß die besitzenden Klassen, die herrlich
und in Freuden leben, vom Produkt eurer Arbeit jährlich etwa
150 000 000 Pfd. St. für sich anlegen können. Wenige Wochen spä-
ter berichtete der Präsident der Königlichen chirurgischen Fakul-
tät einer Jury, welche die Ursache für den vorzeitigen Tod von
acht Menschen feststellen sollte, was er in dem schmutzigen Ar-
menhaus von St. Pancras gesehen hat.
Die Zahl der Privilegierten in Irland hat sich ebenfalls vergrö-
ßert, und ihr Einkommen ist gestiegen, während ein Sechstel sei-
ner schwer arbeitenden Söhne und Töchter durch Hunger und Krank-
heiten, die mit diesen einhergehen, umgekommen ist, und ein Drit-
tel der Übriggebliebenen von verbrecherischen Usurpatoren exmit-
tiert, vertrieben und aus dem Vaterland verbannt wurde.
Diese Periode beispielloser industrieller Prosperität hat Tau-
sende unserer Arbeitskameraden - ehrliche, unverdorbene, hart ar-
beitende Männer und Frauen - ins Arbeitshaus gebracht; das Roast-
beef ihrer Träume hat sich in Armensuppe verwandelt. Hunderttau-
sende, Männer, Frauen und Kinder, irren in dem Lande, in dem sie
geboren wurden, umher - obdachlose, erniedrigte Verstoßene -,
überfüllen die Städte und bevölkern die Landstraßen auf der Suche
nach Arbeit, um Nahrung und Unterkunft zu
#567# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
erhalten, ohne daß sie sie finden können. Weitere Tausende, die
mehr waghalsig als ehrlich sind, verbüßen Gefängnisstrafen für
kleine Diebstähle, weil sie die Gefängnisvorschriften dem Aufent-
halt im Arbeitshaus vorziehen, während die großen Schwindler frei
umherlaufen und verbrecherische Landlords auf den Sitzungen der
Friedensgerichte den Vorsitz führen, um Gericht zu halten. Tau-
sende junger und gesunder Menschen überqueren die Meere, entflie-
hen ihrem heimatlichen Herd wie einer Seuche, und die Alten und
Schwachen kommen am Wege vor Hunger und Kälte um. Die Spitale und
Krankenhäuser sind überfüllt mit Fieberkranken und Menschen, die
vor Hunger umfallen: der Hungertod ist zu einem gewöhnlichen,
alltäglichen Ereignis geworden.
Alle sind sich darüber einig, daß die Qual der Armen der Arbei-
terklasse niemals größer war als jetzt und die Not noch nie so
weit verbreitet; noch nie waren jedoch auch die Mittel zur Be-
friedigung der Bedürfnisse des Menschen in derartigem Überfluß
vorhanden. Das beweist vor allem, daß das moralische Prinzip je-
der Regierungsgewalt, wonach "das Wohlergehen der ganzen Gesell-
schaft höchstes Gesetz ist und Zweck, und Ziel jeder Zivilgesetz-
gebung sein muß", völlig mißachtet worden ist. Diejenigen, welche
über die Geschicke der Nation bestimmen, haben ihre höchste
Pflicht entweder leichtfertig vernachlässigt, indem sie den be-
sonderen Interessen der Reichen dienten, um sie noch reicher zu
machen, oder waren auf Grund ihrer sozialen Stellung, ihrer Er-
ziehung und ihrer Klassenvorurteile unfähig, ihre Pflicht gegen-
über der ganzen Gesellschaft zu erfüllen oder die notwendigen
Maßnahmen durchzuführen; in beiden Fällen haben sie das in sie
gesetzte Vertrauen mißbraucht.
Klassenherrschaft ist nur dann möglich, wenn die Unterdrückten
vor äußerster Not geschützt sind. Den herrschenden Klassen ist es
nicht gelungen, den industriellen Lohnarbeiter in seinen besten
Jahren vor Not und Hungertod zu schützen. Ihre Maßnahmen sind
vollständig gescheitert, ihre Versprechungen nicht erfüllt wor-
den. Sie versprachen Einschränkung der öffentlichen Ausgaben,
statt dessen haben sie diese ungeheuer erhöht. Sie versprachen,
die Steuerlast von euren Schultern zu nehmen, doch die Reichen
zahlen nur einen Bruchteil der erhöhten Ausgaben; der Rest wird
von euren Bedarfsartikeln erhoben-selbsteure Pfandscheine werden
besteuert -, um ein stehendes Heer zu unterhalten, das aus euren
eigenen Reihen gebildet wird, um euch niederzuschießen, wenn ihr
Zeichen der Unzufriedenheit zeigt. Sie versprachen, den Pauperis-
mus auf ein Minimum zu reduzieren, doch sie haben Armut und Not
zum gewohnten Los eures Lebens gemacht - der große Laib Brot ist
zu einem Nichts zusammengeschrumpft. Jedes Mittel, das sie an-
wandten, hat das Elend nur noch verschlimmert, und so haben sie
denn nichts mehr vorzuschlagen - ihre Herrschaft ist dem Unter-
gang geweiht. Sie fortzusetzen hieße, alle gemeinsam ins Verder-
ben zu führen. Es gibt nur ein einziges Mittel. Helft euch
selbst! Beschließt,
#568# Beilagen
-----
daß ihr diesen abscheulichen Zustand nicht länger dulden werdet;
handelt nach eurem Ermessen, und ihr werdet diesem Zustand ein
Ende bereiten.
Vor einigen Wochen hat eine Gruppe Londoner Arbeiter diese Frage
beraten. Die Arbeiter kamen zu dem Schluß, daß die jetzige ökono-
mische Basis der Gesellschaft die Wurzel allen Übels sei, daß
nichts außer einer Umwandlung der bestehenden sozialen und poli-
tischen Ordnung helfen könne und daß eine solche Umwandlung nur
von den Millionen Arbeitenden selbst herbeigeführt werden könne.
Sie legten ihre Schlußfolgerungen in einer Reihe von Resolutionen
nieder und beriefen eine Konferenz von Arbeitervertretern ein,
auf der die Resolutionen vorgelegt wurden. In drei aufeinander-
folgenden Versammlungen wurden diese Resolutionen diskutiert und
einstimmig angenommen. Um diese durchzuführen, wurde eine neue
Arbeiterorganisation mit dem Namen Land and Labour League gegrün-
det. Ein Exekutivkomitee von mehr als 40 bekannten Arbeiterver-
tretern ward ernannt, um ein Prinzipienprogramm auf der Grundlage
der ersten, von der Konferenz angenommenen Resolutionen auszuar-
beiten, das als ein Aktionsprogramm gedacht ist, mit dem eine ra-
dikale Veränderung herbeigeführt werden kann.
Nach reiflicher Überlegung stimmte das Komitee Folgendem zu:
1. Nationalisierung des Bodens.
2. Kolonisierung im Innern.
3. Allgemeine, weltliche, unentgeltliche und obligatorische Bil-
dung.
4. Aufhebung der privaten Emissionsbanken. Allein der Staat darf
Banknoten ausgeben.
5. Ersetzung aller Steuern durch eine direkte und progressive
Vermögenssteuer.
6. Liquidierung der Staatsschuld.
7. Abschaffung des stehenden Heeres.
8. Verkürzung der Arbeitszeit.
9. Gleiches Wahlrecht bei Bezahlung der Abgeordneten.
Der Erfolg unserer Anstrengungen wird von dem Druck abhängen, der
auf die Machthaber ausgeübt wird; er erfordert zahlenmäßiges
Übergewicht, Zusammenschluß, Organisation und Kombination der Ak-
tionen. Deshalb rufen wir euch auf, euch zusammenzuschließen, zu
organisieren und eure Aktionen zu koordinieren und in ganz Ir-
land, Schottland, Wales und England in den Ruf einzustimmen: "Das
Land dem Volke!" - dem rechtmäßigen Erben der Gaben der Natur. In
einem rationellen Zustand der Gesellschaft kann der Grund und Bo-
den, die Quelle des Lebens, nicht der Kontrolle und den Launen
und Kapricen einiger weniger Privatpersonen überlassen werden.
Die einzige Macht, die den Grund und Boden zum
#569# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Nutzen der ganzen Gesellschaft verwalten kann, ist eine Re-
gierang, die vom ganzen Volke gewählt ist und sein Vertrauen ge-
nießt.
Besteht darauf, daß der Staat das unbebaute Land zurückfordert -
womit er den Grundstein zur Nationalisierung des Bodens legen
würde - und darauf die Arbeitslosen ansiedelt. Nicht ein Acre Ge-
meindeland darf mehr für die Privatzwecke der Nichtproduzenten
eingehegt werden. Zwingt die Regierung, die Armee bis zu ihrer
endgültigen Auflösung als Pioniertruppe einzusetzen, um das
brachliegende Land von Unkraut zu säubern, den Boden zu dränie-
ren, planieren und kultivieren, statt Lager zu errichten, welche
die Vernichtung des Lebens vorbereiten. Wenn grüne Felder und Ge-
müsegärten mit dem edlen Sport der Jagd unvereinbar sind, so mö-
gen die Jäger auswandern.
Macht die neun Punkte der Liga zum Programm der Arbeiter, zum
Prüfstein für die Parlamentskandidaten, und meint ihr, diese ent-
sprächen nicht ihrer Bestimmung, so weist sie zurück wie eine
falsche Münze, denn wer nicht für euch ist, ist gegen euch.
Man betrügt euch um die Früchte eurer Arbeit durch Gesetze über
den Grund und Boden, durch Finanzgesetze und alle möglichen ande-
ren Gesetze. Außer dem armseligen Hungerlohn, der euch bleibt,
habt ihr die Zinsen für eine Schuld zu zahlen, die gemacht wurde,
um eure Vorfahren in Unterwerfung zu halten; ihr habt ein stehen-
des Heer zu unterhalten, das in bezug auf eure Generation den
gleichen Zielen dient; ihr seid, wenn ihr Arbeit habt, durch
Überarbeitung systematisch erschöpft, und immer seid ihr unterer-
nährt. Nur eine Reihe solcher radikaler Reformen, wie sie unser
Programm vorsieht, wird euch aus der hoffnungslosen Verzweiflung
herausführen, in der ihr euch jetzt befindet. Die Schwierigkeiten
können durch die Einheit des Ziels und Handelns überwunden wer-
den. Wir sind viele und unsere Gegner wenige. Darum, Arbeiter und
Arbeiterinnen aller Glaubensbekenntnisse und Berufe, fordert ein-
mütig eure Rechte, schließt euch zusammen und vereinigt eure
Kräfte unter dem Banner der Land and Labour League, um eure ei-
gene Befreiung zu erobern!
John Weston, Schatzmeister
Martin T. Boon,
J. Georg Eccanus, Sekretäre
Nach der Broschüre.
Aus dem Englischen.
#570# Beilagen
-----
23
[Aufzeichnung zweier Reden von Karl Marx über die Politik
der britischen Regierung gegenüber den irischen Gefangenen [440]]
[Aus den Protokollen der Sitzungen des Generalrats
vom 16. und 23. November 1869]
I
Bürger Marx eröffnete dann die Diskussion über die Haltung der
britischen Regierung in der irischen Frage. Er sagte:
Politische Amnestie kann zweierlei Ursachen haben: Amnestie wird
gewährt, 1. wenn eine Regierung durch die Stärke der Waffen und
die öffentliche Meinung stark genug ist und der Feind seine Nie-
derlage eingesteht, wie dies in Amerika der Fall war; 2. wenn
Mißregierung die Ursache des Konflikts ist und die Opposition
sich durchsetzt, wie das in Öterreich und Ungarn der Fall war.
Das hätte auch in Irland geschehen müssen.
Sowohl Disraeli als auch Gladstone haben gesagt, daß die Regie-
rung für Irland das tun müsse, was in anderen Ländern eine Revo-
lution tue. Bright behauptete wiederholt, daß in Irland jederzeit
eine Revolution ausbrechen könne, wenn nicht eine radikale Ände-
rung erfolge. In der Wahlperiode rechtfertigte Gladstone den Auf-
stand der Fenier, indem er sagte, daß jede andere Nation sich un-
ter ähnlichen Umständen erhoben hätte. Als man im Unterhaus über
ihn herfiel, redete er sich damit heraus, seine flammenden Erklä-
rungen gegen die Eroberungspolitik hätten nur bedeutet, daß Ir-
land nach irischen Vorstellungen regiert werden müsse. Um der Er-
oberungspolitik ein Ende zu machen, hätte er, sofort nachdem er
Minister geworden war, mit einer Amnestie beginnen müssen, wie es
in Amerika und Österreich geschah. Er tat nichts dergleichen.
Daraufhin hat die Amnestiebewegung in Irland durch die Munizipa-
litäten eingesetzt. Als schon eine Abordnung mit einer Petition
von 200 000 Unterschriften für die Freilassung der Gefangenen ab-
reisen wollte, kam er ihr durch die Freilassung einiger Personen
zuvor, damit nicht der Anschein erweckt werde, daß er dem Druck
von Seiten Irlands nachgebe. Die Petition wurde eingereicht; sie
war nicht von Feniern organisiert worden, doch er gab keine Ant-
wort darauf. Dann wurde im Unterhaus zur Sprache gebracht, daß
die Gefangenen schändlich behandelt würden. In dieser Hinsicht
wenigstens ist die englische Regierung unparteilich und behandelt
Iren und Engländer gleich. In keinem europäischen Land werden po-
litische Gefangene so behandelt wie in England und Rußland. Bruce
war gezwungen, die Tatsache zuzugeben. Moore verlangte
#571# Aufzeichnungen und Dokumente
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eine Untersuchung, sie wurde abgelehnt. Daraufhin setzte die
Volksbewegung für die Amnestie in Limerick ein. Es fand eine
Kundgebung statt, an der 30 000 Menschen teilnahmen und auf der
eine Denkschrift angenommen wurde, die die bedingungslose Frei-
lassung forderte. In allen Städten im Norden fanden Kundgebungen
statt. Dann wurde die große Kundgebung in Dublin angekündigt, an
der 200 000 Menschen teilgenommen haben. Sie wurde Wochen vorher
für den 10. Oktober angekündigt. Die Gewerksgesellschaften woll-
ten einen Umzug durchführen. Am 8. wurde eine Verordnung erlas-
sen, die bestimmte Straßen für den Umzug verbot. Isaac Butt legte
dies als Verbot des Umzuges aus. Man wandte sich deshalb mit ei-
ner Anfrage an Fortescue, doch dieser war nicht zu Hause, und
sein Sekretär Burke wußte von nichts. Man hinterließ einen Brief,
auf den eine Antwort erwartet wurde, aber Fortescue wich aus. Die
Regierung wollte einen Zusammenstoß. Man nahm Abstand von dem Um-
zug, und später stellte sich heraus, daß für diesen Anlaß an die
Soldaten je 40 Schuß ausgegeben worden waren.
Danach beantwortete Gladstone ausweichend die Petition aus Lime-
rick vom August. [280] Er schrieb, das Benehmen der Menschen sei
sehr unterschiedlich. Es gebe loyale Menschen und andere, die
eine grobe Sprache sprächen und als Recht forderten, was nur ein
Akt der Milde sein könnte.
Es ist überaus anmaßend von einem bezahlten öffentlichen Ange-
stellten, eine öffentliche Kundgebung lehren zu wollen, wie man
sprechen muß.
Der nächste Einwand Gladstones war, daß die Gefangenen ihre
Pläne, die durch ihre Verhaftung durchkreuzt worden seien, nicht
aufgegeben hätten.
Wie kann Gladstone ihre Pläne kennen und wissen, daß sie noch an
ihnen festhalten? Hat er ihnen durch Folterungen ein Geständnis
abgezwungen? Er will sie zwingen, sich von ihren Prinzipien los-
zusagen, will sie moralisch erniedrigen. Napoleon machte den Ver-
zicht auf die republikanischen Prinzipien nicht zur Bedingung
seiner Amnestie, und auch Preußen forderte nichts dergleichen.
Weiter erklärte Gladstone, die Verschwörung bestehe noch immer in
England und Amerika. Wäre das der Fall, so wäre Scotland Yard ihr
bald auf die Schliche gekommen. Es ist aber nur eine Unzufrieden-
heit, die schon 700 Jahre währt. Die Iren haben erklärt, sie faß-
ten bedingungslose Freiheit als einen Schritt zur Versöhnung auf.
Gladstone kann die Verschwörung der Fenier in Amerika nicht un-
terdrücken, er fördert sie nur durch sein Verhalten. Eine Zeitung
nennt ihn das Head Centre [441]. Er ist mit der Presse unzufrie-
den. Er besitzt nicht den Mut, die Presse zu verfolgen, deshalb
möchte er die Gefangenen verantwortlich machen. Will er sie als
Geiseln festhalten, um ein gutes Betragen der Leute außerhalb der
Gefängnismauern zu erreichen? Er behauptet, es sei "unser Wunsch
gewesen, äußerste Toleranz zu üben". Dies ist folglich die
Grenze.
#572# Beilagen
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Als das Mountjoy-Gefängnis mit Gefangenen ohne Gerichtsverfahren
überfüllt war, schrieb Dr. M'Donnell an Joseph Murray Brief um
Brief wegen ihrer Behandlung. Lord Mayo sagte später, daß Murray
die Briefe unterschlagen habe. M'Donnell schrieb deshalb an den
Gefängnisinspektor, einen höheren Beamten. Er wurde daraufhin
entlassen, Murray aber wurde befördert.
Weiterhin sagte Gladstone, daß "wir empfohlen haben", die kleine-
ren Verbrecher freizulassen, die Anführer und Organisatoren aber
könne man nicht auf freien Fuß setzen.
Das ist eine offensichtliche Lüge. Unter den Gefangenen befanden
sich zwei Amerikaner, die zu je 15 Jahren verurteilt waren. Die
Furcht vor Amerika veranlaßte die Regierung, sie freizulassen.
Carey wurde 1865 zu 5 Jahren verurteilt, er befindet sich in der
Irrenanstalt; seine Familie möchte ihn nach Hause haben, ist er
doch nicht in der Lage, die Regierung zu stürzen.
Ferner sagte Gladstone, daß Aufruhr gegen die öffentliche Ordnung
in England immer als Verbrechen betrachtet worden sei. Der Auf-
ruhr von Jefferson Davies sei gerechtfertigt gewesen, weil er
nicht gegen die Engländer und ihre Regierung gerichtet war. [281]
Die Regierung, fuhr Gladstone fort, dürfe sich von keinen anderen
Erwägungen leiten lassen, als von der Bestrafung der Verbrechen.
Die Regierung dient den Unterdrückern Irlands. Gladstone möchte,
daß die Iren auf die Knie fallen, weil ein aufgeklärter Souverän
und das Parlament einen großen Akt der Gerechtigkeit vollzogen
hätten. Doch gerade sie sind diejenigen, welche die Verbrechen am
irischen Volk begehen. Die irische Frage war die einzige Losung,
mit deren Hilfe Gladstone und Bright Minister werden, die Dissi-
denten ergreifen und den irischen Postenjägern die Möglichkeit
geben konnten, ihre Käuflichkeit zu rechtfertigen. Die Kirche war
nur der Vorwand für die Eroberung. Der Vorwand ist beseitigt, die
Knechtschaft aber geblieben. Gladstone hat erklärt, daß die Re-
gierung bestrebt sei, auch weiterhin jeden Anlaß zur Beschwerde
zu beseitigen, daß sie jedoch entschlossen sei, Leben und Eigen-
tum zu schützen und die Integrität des Reichs zu erhalten.
Die Gefahr für Leben und Eigentum geht von der englischen Aristo-
kratie aus. Kanada gibt sich seine eigenen Gesetze, ohne die In-
tegrität des Reichs zu verletzen, die Iren aber werden von der
Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten ferngehalten, sie müssen
sie der Fürsorge des Parlaments überlassen, d.h. derselben Macht,
die sie in ihre jetzige Lage gebracht hat. Die größte Dummheit
wäre es, zu glauben, daß die Freilassung der Gefangenen aus dem
Gefängnis gefährlicher wäre, als die Beleidigung einer ganzen Na-
tion. Der alte englische Eroberergeist kommt in der Behauptung
zum Ausdruck: Wir wollen ja geben, aber ihr müßt darum bitten.
#573# Aufzeichnungen und Dokumente
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In einem Brief an Isaac Butt schreibt Gladstone:
"Sie erinnern mich daran, daß ich einmal für die Ausländer einge-
treten sei. Gleichen sich denn diese beiden Fälle? Die Fenier
wurden nach geltendem Gesetz gerichtet und von einer Jury ihrer
Landsleute für schuldig erklärt. Die Gefangenen von Neapel wurden
verhaftet und nicht vor Gericht gestellt; als das dann aber ge-
schah, wurden sie vor ein Sondergericht gestellt und von Richtern
verurteilt, die ihr Gehalt von der Regierung beziehen."
Wenn ein Plünderer von einer aus Landedelleuten bestehenden Jury
verurteilt wird, so wird er von seinen Landsleuten verurteilt. Es
ist allgemein bekannt, daß die irischen Schwurgerichte sich aus
Schloßlieferanten zusammensetzen, deren Lebensunterhalt von ihrer
Rechtsprechung abhängt. Unterdrückung ist stets die übliche Pra-
xis der Gerichte. In England können die Richter unabhängig sein,
in Irland nicht. Ihre Beförderung hängt davon ab, wie sie der Re-
gierung dienen. Der Staatsanwalt Sullivan ist zum Oberaufseher
des Gerichtsarchivs befördert worden.
Dem Alten Orden der Förster in Dublin antwortete Gladstone, er
sei sich nicht bewußt, ein Versprechen gegeben zu haben, daß Ir-
land nach irischen Vorstellungen regiert werden solle. [442] Und
nach all dem erscheint er im Rathaus und beklagt sich, daß er der
Aufgabe nicht gewachsen ist.
Infolgedessen werden alle Meetings zur Verteidigung der Rechte
der Pächter abgesagt, und die Irländer fordern die Freilassung
der Gefangenen. Sie haben mit der klerikalen Partei gebrochen.
Sie fordern jetzt die Selbstverwaltung für Irland. Moore und Butt
haben sich dafür ausgesprochen. Sie haben beschlossen, die Be-
freiung O'Donovan Rossas dadurch zu erreichen, daß sie ihn zum
Parlamentsmitglied wählen.
II
Bürger Mottershead hat einen Überblick über die Tätigkeit Glad-
stones gegeben, ich hätte einen anderen gegeben, doch das hat
nichts mit der uns beschäftigenden Frage zu tun. Die auf den
Kundgebungen angenommenen Petitionen waren völlig korrekt, aber
Gladstone nahm Anstoß an den Reden, die zur Unterstützung der Pe-
titionen gehalten wurden. Gastlereagh war nicht schlechter als
Gladstone, und ich fand heute im "Political Register" [443], daß
er, als er gegen die Iren sprach, die gleichen Worte gebrauchte
wie Gladstone, und Cobbett antwortete ihm geradeso wie ich.
Als die Wahlkampagne begann, haben alle irischen Kandidaten eine
Amnestie gefordert, doch Gladstone hat nichts getan, bis sich die
irischen Munizipalitäten gerührt haben.
Ich spreche nicht von den Opfern der ausländischen Ereignisse,
weil man den ungarischen Krieg nicht mit dem Aufstand der Fenier
vergleichen kann. Wir könnten ihn mit 1798[444) vergleichen, und
dann würde der Vergleich nicht zugunsten der Engländer ausfallen.
#574# Beilagen
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Ich wiederhole, daß politische Gefangene nirgends so schlecht be-
handelt werden wie in England.
Bürger Mottershead ist nicht bereit, uns seine Meinung über die
Iren zu sagen; wenn er wissen möchte, was andere Völker von den
Engländern halten, soll er Ledru-Rollin und andere Schriftsteller
des Kontinents lesen. Ich habe die Engländer immer verteidigt und
werde das auch weiterhin tun.
Diese Resolution soll nicht angenommen werden, um die Gefangenen
zu befreien, selbst die Iren haben das aufgegeben. Es soll eine
Resolution sein, welche die Sympathie mit den Iren zum Ausdruck
bringt und zu der Haltung der Regierung Stellung nimmt; sie
bringt vielleicht die Engländer und die Iren zusammen. Gladstone
muß mit der Opposition der "Times", der "Saturday Review" usw.
zusammenstoßen, wenn wir furchtlos unsere Meinung sagen; anderer-
seits können wir ihn auch gegen eine solche Opposition unterstüt-
zen, die ihn sonst zu Fall bringen könnte. Er war während des
Bürgerkriegs im Amt und zeichnete verantwortlich für das, was die
Regierung tat, und wenn es um den Norden schlecht stand, als
Gladstone mit seiner Erklärung auftrat, so gereicht das seinem
Patriotismus nicht zur Ehre.
Bürger Odger hat recht: wenn wir die Befreiung der Gefangenen an-
strebten, so wäre das nicht der geeignete Weg, um dies zu errei-
chen. Doch es ist wichtiger, auf das irische Volk Rücksicht zu
nehmen als auf Gladstone. [445]
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
24
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über den "Bee-Hive" [446]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats
vom 26. April 1870]
Bürger Marx schlug vor, der Rat solle jede Verbindung zum "Bee-
Hive" abbrechen.
Er sagte, diese Zeitung habe unsere Resolutionen totgeschwiegen,
unsere Berichte verstümmelt und ihre Veröffentlichung so weit
hinausgezögert, daß sie zur Fälschung der Daten Zuflucht nahm.
Selbst die Mitteilung über die Diskussion einiger Fragen bezüg-
lich der irischen Gefangenen sei nicht veröffentlicht worden.
#575# Aufzeichnungen und Dokumente
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Überdies widerspreche der Ton des "Bee-Hive" den Statuten und dem
Programm der Assoziation. Die Zeitung predige Harmonie mit den
Kapitalisten, während die Assoziation der Herrschaft der Kapita-
listen den Krieg angesagt habe.
Außerdem haben sich unsere Sektionen im Ausland beklagt, daß wir
den "Bee-Hive" durch Übersendung unserer Berichte moralisch un-
terstützten und diesen Leuten dadurch Anlaß gäben zu glauben, daß
wir ihre Politik billigten. Es wäre besser für uns, ohne ein öf-
fentliches Organ zu sein, als daß wir uns dieses Blattes bedie-
nen.
Im Zusammenhang mit der Diskussion über die irische Coercion Bill
habe die Zeitung nicht ein Wort gegen die Regierung gesagt.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
25
[Wiedergabe eines Briefes von Karl Marx
an den Ausschuß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei [447]]
Der zweite Brief betrifft geschäftliche Angelegenheiten der In-
ternationalen Arbeiterassoziation, insbesondere die Verlegung des
Kongresses. Marx weist darin den Antrag Liebknechts, den Kongreß
bis zum Oktober zu verschieben, entschieden zurück, obwohl diese
Verschiebung dem Generalrat selbst sehr wünschenswert gewesen
wäre, da die Kongreßvorlagen noch nicht fertig seien. Aber die
Franzosen wären schon verstimmt darüber, daß der Kongreß in Mainz
tagen solle und nicht wenigstens in Verviers, während die Pariser
speziell ihn gern in Paris gehabt hätten. Es dürfe kein Bewe-
gungsferment geliefert werden. Marx befürchtet bei einem Eingehen
auf den Liebknechtschen Hinausschiebungsplan einen Minoritätskon-
greß der Franzosen und romanischen Schweizer unter Bakunin und
sagt: "Die nationalen Eifersüchteleien sind zu tief in das Blut
gedrungen, um in einem Tage wegräsoniert werden zu können."
Nach: "Leipziger Hochverrathsprozeß", Leipzig 1872
#576# Beilage
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26
[Aufzeichnung einer Rede von Karl Marx über die Spaltung
in der Romanischen Föderation [448]]
[Aus dem Protokoll der Sitzung des Generalrats vom 28. Juni 1870]
Bürger Marx war der Meinung, daß der Rat nur eins tun könne, näm-
lich das Genfer Komitee, das die Assoziation seit ihrer Gründung
unterstützt habe, so zu lassen, wie es ist. Es habe seine Pflicht
in jeder Hinsicht erfüllt, und wenn es auch weniger Delegierte
auf dem Schweizer Kongreß habe, so vertrete es doch eine größere
Mitgliedschaft als die andere Seite. Man solle ihm auch die Ab-
stimmung über die Aufnahme der Allianz mitteilen. Das neue Komi-
tee könne einen lokalen Namen annehmen.
Nach dem Protokollbuch.
Aus dem Englischen.
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