Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


       zurück

       #577#
       -----
       B. Artikel von Jenny Marx
       zur irischen Frage [449]
       
       #578#
       -----
       
       #579#
       -----
       I
       
       ["La Marseillaise" Nr. 71 vom 1. März 1870]
       London, den 27. Februar 1870
       Die "Marseillaise"  vom 18. Februar gibt einen Artikel der "Daily
       News" wieder,  in dem das englische Blatt die französische Presse
       über die  Wahl von  O'Donovan Rossa informiert. Da diese Informa-
       tionen ziemlich wirr sind, und da halbe Erklärungen nur dazu die-
       nen, die  Dinge, die  sie aufzuklären  vorgeben, in  ein falsches
       Licht zu  setzen, bitte  ich Sie, meinen Kommentar zu dem obenge-
       nannten Artikel veröffentlichen zu wollen.
       Zunächst teilt  die "Daily News" mit, daß O'Donovan Rossa von ei-
       nem Schwurgericht  verurteilt worden  ist, aber  sie setzt  nicht
       hinzu, daß sich in Irland das Schwurgericht aus Spießgesellen der
       Regierung zusammensetzt,  die mehr oder weniger direkt von dieser
       ernannt werden.
       Die liberalisierenden  Apostel der "Daily News", die mit heiligem
       Schrecken von  treason-felony 1*)  sprechen, vergessen  dabei  zu
       sagen, daß  diese neue Kategorie des englischen Strafkodex spezi-
       ell dazu ausgedacht worden ist, um die irischen Patrioten den ge-
       meinsten Verbrechern gleichzusetzen.
       Nehmen wir  den Fall von O'Donovan Rossa. Er war einer der Redak-
       teure des  "Irish People". Er ist, wie die meisten Fenier, verur-
       teilt worden, weil er sogenannte aufrührerische Artikel geschrie-
       ben hat.  Die "Marseillaise"  hatte sich  daher nicht geirrt, als
       sie Analogien zwischen Rochefort und Rossa herstellte.
       Warum sagt  die "Daily News", die Frankreich doch über die verur-
       teilten Fenier  informieren will,  nichts von der infamen Behand-
       lung, der  die Fenier  ausgesetzt sind?  Ich hoffe, Sie gestatten
       mir, das zu ergänzen, was sie vorsichtig verschweigt.
       O'Donovan Rossa wurde vor einiger Zeit in eine Dunkelzelle gewor-
       fen, die  Hände auf dem Rücken gefesselt. Weder bei Tage noch bei
       Nacht nahm  man ihm  die Handfesseln  ab, so  daß er sich auf die
       Erde legen mußte, um
       -----
       1*) Hochverrat
       
       #580# Beilagen
       -----
       seine Nahrung,  eine wäßrige Grütze, schlürfen zu können. Nachdem
       Herr Pigott,  Redakteur des "Irishman", diese Tatsachen in Gegen-
       wart des  Gefängnisdirektors und  eines anderen  Zeugen von Rossa
       erfahren hatte,  veröffentlichte er  sie in  seiner Zeitung,  was
       Herrn Moore,  irisches Mitglied  des House of Commons veranlaßte,
       eine parlamentarische Untersuchung der Zustände in den Gefängnis-
       sen zu  fordern. Die  Regierung widersetzte sich energisch dieser
       Forderung. So  stimmten 36  Mitglieder für  den Antrag Moores und
       171 dagegen; eine würdige Ergänzung jener Abstimmungen, durch die
       das Wahlrecht mit Füßen getreten wurde 1*).
       Und das  geschah unter  dem Ministerium  des scheinheiligen Glad-
       stone! Sie  sehen, daß  Humanität und Gerechtigkeit diesem großen
       Führer der  Liberalen keinen Groschen wert sind. Es gibt also Ju-
       dasse, die keine Brillen tragen.
       Und hier  ist noch  ein anderer  Fall, der  England  Ehre  macht.
       O'Leary, ein  eingekerkerter Fenier  zwischen sechzig und siebzig
       Jahren, erhielt  drei Wochen  lang nur Wasser und Brot, weil er -
       niemals würden  es die  Leser der  "Marseillaise" erraten  - sich
       "Heide" nannte  und es ablehnte, sich als Protestanten, Presbyte-
       rianer, Katholiken  oder Quäker  zu bezeichnen. Man hatte ihn vor
       die Alternative  gestellt, sich  für eine  der Religionen zu ent-
       scheiden oder  für trockenes  Brot. Von  diesen fünf Übeln wählte
       O'Leary oder  "der Heide O'Leary", wie man ihn nennt, jenes Übel,
       das ihm als das geringste erschien - Wasser und Brot.
       Vor einigen  Tagen hat  ein Coroner  (Justizbeamter, der im Namen
       der Krone  plötzlich eingetretene Todesfälle zu untersuchen hat),
       nachdem er  den Leichnam eines im Gefängnis von Spike Island ver-
       storbenen Feniers  untersucht hatte,  in sehr scharfen Worten die
       Behandlung verurteilt, die der Verstorbene zu erleiden hatte.
       Am vergangenen Sonnabend verließ Gunner Hood, ein junger Ire, das
       Gefängnis, in dem man ihn vier Jahre lang gefangengehalten hatte;
       im Alter  von 19 Jahren ließ er sich von der englischen Armee an-
       werben und hatte für England in Kanada gedient. Weil er aufrühre-
       rische Artikel  geschrieben hatte, wurde er 1866 vor ein Militär-
       gericht gestellt  und zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als
       das Urteil  verkündet worden  war, warf  Hood seine  Mütze in die
       Luft und  rief: "Es lebe die irische Republik!" Dieser Schrei aus
       dem Inneren  seines Herzens  kam ihm  teuer zu stehen. Man verur-
       teilte ihn  zu zwei  weiteren Jahren  Kerker und  überdies zu  50
       Peitschenhieben. Dieses  Urteil wurde  auf gräßlichste  Art voll-
       streckt. Hood  wurde an  einen Pflug  gebunden, und  man gab zwei
       baumstarken Schmieden  cat-o'-nine-tails - die französische Spra-
       che enthält kein sinnverwandtes Wort für die englische Knute. Nur
       die Russen  und die  Engländer finden darin eine gemeinsame Spra-
       che! Gleiche Brüder - gleiche Knuten.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band. S. 599-601
       
       #581# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Herr Carey, Journalist, befindet sich gegenwärtig in dem für Gei-
       steskranke bestimmten  Teil eines Gefängnisses. Das Schweigen und
       andere Arten der Tortur, die er hat ertragen müssen, haben ihn um
       den Verstand  gebracht und  einen lebenden  Leichnam aus  ihm ge-
       macht.
       Oberst Burke,  Fenier, ein  Mann, der  sich nicht nur durch seine
       militärischen Verdienste  in der  amerikanischen  Armee,  sondern
       auch als  Schriftsteller und  Maler ausgezeichnet  hat,  befindet
       sich ebenfalls in einem beklagenswerten Zustand; er erkennt seine
       nächsten Verwandten  nicht mehr. Ich könnte dieser Liste irischer
       Märtyrer noch  viele Namen  hinzufügen. Es  genügt zu  sagen, daß
       seit dem  Jahre 1866, als man im Büro des "Irish People" die Raz-
       zia durchführte,  20 Fenier  in den Kerkern des philanthropischen
       England gestorben oder wahnsinnig geworden sind.
       J. Williams
       
       II
       
       ["La Marseillaise" Nr. 79 vom 9. März 1870]
       London, den 5. März
       In der  Sitzung des  Unterhauses vom 3. März wurde Herr Gladstone
       von Herrn Stacpoole interpelliert wegen der Behandlung der einge-
       kerkerten Fenier.  Er sagte unter anderem, daß der Arzt Lyons aus
       Dublin kürzlich erklärt habe,
       
       "die Gefängnisordnung,  die magere  Kost,  die  persönlichen  Be-
       schränkungen und  die anderen  Strafen müßten eine permanente Ge-
       sundheitsschädigung der Gefangenen verursachen".
       
       Nachdem Herr  Gladstone seine  völlige Zufriedenheit  mit der Be-
       handlung der Gefangenen kundgetan hatte, krönte er seinen kleinen
       Speech mit der geistreichen Bemerkung:
       
       "Was die  Gesundheit von  O'Donovan Rossa anbelangt, so freue ich
       mich sagen zu können, daß Frau O'Donovan Rossa glücklich war, bei
       ihrem letzten Besuch feststellen zu können, das sich das Befinden
       ihres Mannes, seinem Aussehen nach, gebessert habe."
       
       Da erscholl  von allen Bänken der ehrenwerten Versammlung homeri-
       sches Gelächter!  Der letzte Besuch! Beachten Sie bitte, daß Frau
       O'Donovan Kossa seit Jahren von ihrem Gatten getrennt gewesen war
       und durch  Amerika zog, um das Brot für ihre Kinder zu verdienen,
       indem sie  öffentliche Vorlesungen  über die  englische Literatur
       hielt.
       Vergessen wir  auch nicht,  daß  dieser  Herr  Gladstone,  dessen
       Scherze so  überaus passend zu sein pflegen, der geradezu heilige
       Verfasser der
       
       #582# Beilagen
       -----
       "Prayers" (Gebete),  der "Propagation of the Gospel" (Verbreitung
       des  Evangeliums),  der  "Functions  of  laymen  in  the  church"
       (Pflichten der  Laien in der Kirche) und der erst kürzlich veröf-
       fentlichten Moralpredigt "Ecce homo" ist.
       Wird die große Zufriedenheit des obersten Kerkermeisters von sei-
       nen Gefangenen geteilt? Lesen Sie die folgenden Auszüge aus einem
       Briefe O'Donovan Rossas, der wie durch ein Wunder aus dem Gefäng-
       nis heraus  nach unglaublichen  Verzögerungen in die Hände seines
       Empfängers gelangt ist:
       
       Brief Rossas
       
       "Ich habe  Ihnen von  der Heuchelei  dieser Herren  Engländer er-
       zählt, die  mich unter Bedingungen vegetieren ließen, unter denen
       ich hinknien  und mich  auf die  Ellbogen stützen mußte, um meine
       Nahrung zu  mir zu nehmen; sie lassen mich hungern, berauben mich
       des Tageslichts,  geben mir  Ketten und  eine Bibel.  Ich beklage
       mich nicht  über die Strafen, denen mich meine Herren auszusetzen
       geruhen; es  ist an  mir, zu  leiden; doch ich bestehe auf meinem
       Recht, die  Welt wissen  zu lassen, welche Behandlung man mir zu-
       teil werden  läßt und daß meine Briefe, die von dieser Behandlung
       sprechen, ungesetzlich  lange zurückgehalten werden. Die kleinli-
       chen Vorsichtsmaßnahmen,  welche die  Gefängnisbehörden getroffen
       haben, um mich daran zu hindern, Briefe zu schreiben, sind ebenso
       lächerlich wie  abstoßend. Die  schimpflichste  Prozedur  bestand
       dann, daß  sie mich  monatelang jeden Tag einmal nackt ausgezogen
       und Arme,  Beine und alle meine Körperteile untersucht haben. Das
       hat in  Millbank täglich  von Februar bis Mai 1867 stattgefunden.
       Eines Tages lehnte ich es ab, mich auszuziehen. Darauf kamen fünf
       Beamte, schlugen  mich krumm  und lahm und rissen mir die Kleider
       vom Leibe.
       Einmal habe  ich einen Brief nach draußen schicken können; er hat
       mir den Besuch der Herren Knox und Pollock, zweier Polizeibeamten
       (Polizeirichter) eingetragen.
       Welche Ironie, zwei Regierungsbeamte zu schicken, um die Wahrheit
       über die englischen Gefängnisse festzustellen. Diese Herren lehn-
       ten es ab, das Wichtige, das ich ihnen zu sagen hatte, zur Kennt-
       nis zu  nehmen. Wenn  ich ein Thema berührte, das ihnen nicht zu-
       sagte, hießen  sie mich schweigen und sagten, die Gefängnisdiszi-
       plin gehe  sie nichts  an. Nicht  war, meine  Herren Pollock, und
       Knox? Als  ich Ihnen  sagte, daß  man mich gezwungen habe, in dem
       Wasser zu baden, das schon einem halben Dutzend englischer Gefan-
       gener zum  selben Zwecke gedient hatte, haben Sie es da nicht ab-
       gelehnt, meine Beschwerde entgegenzunehmen?
       In Chatham  gab man  nur eine  bestimmte Menge Werg zu zupfen und
       sagte mir,  daß man mich hungern lassen werde, wenn ich meine Ar-
       beit nicht bis zu einer bestimmten Stunde beendet habe.
       - Vielleicht  -, rief  ich, -  werden Sie  mich ebenso bestrafen,
       wenn ich  meine Aufgabe  erfülle. So ist es mir schon in Millbank
       ergangen.
       - Wie ist das möglich? - erwiderte der Kerkermeister.
       Darauf erzählte  ich ihm,  daß ich  am 4. Juli meine Aufgabe zehn
       Minuten vor  Ablauf der  festgesetzten Zeit beendet hatte und da-
       nach ein  Buch in die Hand nahm. Der Beamte sah dies und beschul-
       digte mich  der Faulheit; man setzte mich auf Wasser und Brot und
       sperrte mich für achtundvierzig Stunden in eine Dunkelzelle ein.
       
       #583# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Eines Tages  sah ich  meinen Freund  Edward Duffy.  Er  war  sehr
       bleich. Kurz darauf erfuhr ich, daß Daffy ernstlich krank sei und
       den Wunsch ausgesprochen habe, mich zu sehen (wir waren in Irland
       sehr eng miteinander befreundet). Ich bat den Direktor um die Er-
       laubnis, Duffy  besuchen zu dürfen. Er lehnte es glattweg ab. Das
       war zur  Weihnachtszeit 1867;  einige Wochen später sagte mir ein
       Gefangener ganz  leise durch  das Gitter meiner Zelle: 'Duffy ist
       tot!'
       Hätte sich  etwas Derartiges  in Rußland ereignet, welch patheti-
       sche Erzählung hätten die Engländer daraus gemacht!
       Wäre Herr  Gladstone bei einem solchen Tode in Neapel zugegen ge-
       wesen, was  für ein  Bild hätte  er uns gemalt! Oh, ihr süßlichen
       Pharisäer, die  ihr mit der Scheinheiligkeit schachert, die Bibel
       auf den Lippen und den Teufel im Leib habt!
       Ich schulde  John Lynch  ein Wort des Gedenkens. Im März 1866 be-
       fand ich mich mit ihm auf dem Gefängnishof. Man bewachte uns der-
       art, daß  er mir  nur zuflüstern  konnte: 'Die Kälte tötet mich.'
       Was aber  taten diese  Engländer? Sie  brachten uns einen Tag vor
       Heiligabend nach  London. Als  wir im Gefängnis angekommen waren,
       nahmen sie  uns die Flanellunterwäsche weg und ließen uns monate-
       lang in unseren Zellen vor Kälte zittern. Ja, sie können es nicht
       leugnen, sie  haben John  Lynch umgebracht,  und doch fanden sich
       bei der  Untersuchung Beamte,  die bereit  waren zu bezeugen, daß
       Lynch und Duffy sehr milde behandelt worden seien.
       Die Verlogenheit unserer englischen Unterdrücker übersteigt alles
       Vorstellbare.
       Wenn ich im Gefängnis sterben sollte, beschwöre ich meine Familie
       und meine  Freunde, nicht  ein Wort von dem zu glauben, was diese
       Menschen sagen. Man möge mich deshalb nicht etwa persönlicher Ge-
       hässigkeit gegen diejenigen bezichtigen, die mich mit ihren Lügen
       verfolgt haben.  Ich klage nur die Tyrannei an, die die Anwendung
       solcher Methoden erheischt.
       Die Umstände erinnern mich öfters an folgende Worte Machiavellis:
       'Die Tyrannen  haben ein besonderes Interesse daran, die Bibel zu
       verbreiten, damit  die Masse  des Volkes  ihre Gebote befolgt und
       sich ausplündern läßt, ohne den Räubern Widerstand zu leisten.'
       Solange ein sklavisches Volk den Prinzipien der Moral und des Ge-
       horsams huldigt,  die ihm  die Pfaffen predigen, brauchen die Ty-
       rannen nichts zu befürchten.
       Wenn dieser  Brief in  die Hände  meiner Landsleute gelangt, habe
       ich das Recht, zu fordern, daß sie ihre Stimme erheben, damit ih-
       ren leidenden Brüdern Gerechtigkeit widerfahre. Mögen diese Worte
       das Blut, das in ihren Adern am Gerinnen ist, aufpeitschen! ,
       Man hat mich vor einen Karren gespannt und mir die Schlinge eines
       Stricks um  den Hals  gelegt. Diese  Schlinge war an einer langen
       Stange befestigt,  und zwei  englische Gefangene  hatten den Auf-
       trag, den  Karren am  Kippen zu hindern; doch sie ließen ihn los,
       die Stange hob sich nach oben, und die Schlinge löste sich. Hätte
       sie sich aber zusammengezogen, wäre ich tot.
       Ich behaupte, daß sie nicht das Recht haben, mich in eine Lage zu
       versetzen, in der mein Leben von den Handlungen eines anderen ab-
       hängt.
       Ein Lichtstrahl  dringt durch  die Gitter  und Riegel meines Ker-
       kers. Es  ist die Erinnerung an einen Tag, den ich in Newtownards
       verbracht habe; hier bin ich Orangisten und Bandmännern begegnet,
       die ihre Frömmelei vergessen hatten!
       O'Donovan Rossa,
       politischer Zuchthaussträfling" [450]
       
       #584# Beilagen
       -----
       III
       
       ["La Marseillaise" Nr. 89 vom 19. März 1870]
       London, den 16. März 1870
       Der Brief  O'Donovan Rossas, den ich Ihnen in meiner letzten Kor-
       respondenz mitgeteilt  habe, war das Ereignis der vergangenen Wo-
       che.
       Die "Times" hat den Brief ohne Kommentar widergegeben, die "Daily
       News" hat einen Kommentar ohne den Brief gebracht.
       "Wie  zu   erwarten  war",  schreibt  diese  Zeitung,  "hat  Herr
       O'Donovan Rossa als Thema seines Briefes die Gefängnisordnung ge-
       wählt, der  er eine  Zeitlang (for  a while)  unterworfen  worden
       ist."
       Wie grausam  ist dieses  "eine Zeitlang", wenn man von einem Men-
       schen spricht, der schon seit fünf Jahren eingekerkert ist und zu
       lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wurde!
       Herr O'Donovan  Rossa beklagt sich unter anderem darüber, daß man
       ihn "mit  einem Strick  um den  Hals vor  einen  Karren  gespannt
       habe", und zwar auf solche Weise, daß sein Leben von den Bewegun-
       gen englischer Zuchthäusler, seiner Gefährten, abhing.
       
       "Aber ist  es denn  ungerecht", ruft die "Daily News" aus, "einen
       Menschen in eine Lage zu bringen, in der sein Leben von den Hand-
       lungen anderer abhängt? Hängt das Leben des Menschen in einem Wa-
       gen oder  auf einem Dampfer nicht auch von den Handlungen anderer
       ab?"
       
       Der fromme  Kasuist wirft  nach diesem Kraftstück O'Donovan Rossa
       vor, daß er die Bibel nicht liebe und ihr das "Irish People" vor-
       ziehe. Diese  Gegenüberstellung von  Bible 1*) und People 2*) ist
       geeignet, seine Leser zu entzücken.
       
       "Herr O'Donovan  Rossa", fährt  die Zeitung  fort, "scheint  sich
       einzubilden, daß  Gefangene, die  ihre Strafe  für aufrührerische
       Schriften abbüßen,  mit Zigarren und Tageszeitungen versorgt wer-
       den und  vor allem  das Recht haben müßten, ungehindert mit ihren
       Freunden zu korrespondieren."
       
       Oh, Sie  tugendhafter Pharisäer!  Sie geben  also endlich zu, daß
       O'Donovan Rossa  zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wor-
       den ist  wegen aufrührerischer  Schriften und nicht, wie Sie nie-
       derträchtig in  Ihrem ersten Appell an die französische Presse zu
       verstehen gegeben  haben, wegen  Mordanschlags auf Königin Victo-
       ria.
       
       "Schließlich",  folgert   diese   unverschämte   Zeitung,   "wird
       O'Donovan Rossa  nur als das behandelt, was er ist, das heißt als
       gewöhnlicher Zuchthäusler."
       -----
       1*) Bibel - 2*) Volk
       
       #585# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Nach dem speziellen Organ des Herrn Gladstone nun eine andere Nu-
       ance der  liberalisierenden Presse, der "Daily Telegraph", der im
       allgemeinen einen sehr groben Ton anschlägt.
       
       "Wenn wir  uns dazu  herablassen", erklärt  er, "von  dem  Briefe
       O'Donovan Rossas  Kenntnis zu  nehmen, so  tun wir dies nicht der
       unverbesserlichen Fenier  wegen, sondern ausschließlich zum Wohle
       Frankreichs."
       "Wisset also",  sagt er, "daß Herr Gladstone erst vor wenigen Ta-
       gen im  Unterhaus all diese unverschämten Erfindungen formell de-
       mentiert hat,  und sicherlich würde es kein vernünftiger Franzose
       wagen, welcher  Partei oder Klasse er auch angehören mag, an die-
       sem Wort eines englischen Gentleman zu zweifeln."
       
       Aber selbst  wenn es  in Frankreich  wider Erwarten Parteien oder
       Menschen gäbe, die so verderbt wären, den Worten eines englischen
       Gentleman wie  des Herrn Gladstone keinen Glauben zu schenken, so
       würde Frankreich  zumindest  den  wohlwollenden  Ratschlägen  des
       Herrn Levy nicht widerstehen können, der keineswegs ein Gentleman
       ist und sich in folgenden Worten an Sie wendet:
       
       "Wir raten  unseren Nachbarn,  den Parisern, alle Erzählungen von
       Grausamkeiten, die  angeblich an  den politischen  Gefangenen  in
       England begangen werden, als unverschämte Erfindungen zu werten."
       
       Herr Levy  möge mir gestatten, Ihnen eine neue Kostprobe davon zu
       geben, welchen  Wert die Worte jener Gentlemen haben, die das Ka-
       binett Gladstone bilden.
       Wie Sie  sich erinnern  werden, erwähnte  ich im ersten Brief den
       Oberst Richard  Burke, einen  eingekerkerten Fenier, der dank der
       menschenfreundlichen Methoden  der englischen Regierung dem Wahn-
       sinn verfallen  ist. Als  erster hatte der "Irishman" diese Nach-
       richt gebracht.  Darauf wandte sich Herr Underwood in einem Brief
       an Herrn  Bruce, den  Minister des  Innern, worin er von ihm eine
       Untersuchung der Behandlung der politischen Gefangenen forderte.
       Herr Bruce  antwortete darauf mit einem in den englischen Zeitun-
       gen veröffentlichten Brief, in dem sich folgender Satz findet:
       
       "Was Rickard Burke im Gefängnis von Woking anbelangt, so muß Herr
       Bruce eine  Untersuchung ablehnen,  die sich auf solch vollkommen
       unbegründete und  extravagante Insinuationen  stützt, wie sie die
       Auszüge aus  dem 'Irishman'  enthalten,  die  Sie  ihm  geschickt
       haben."
       
       Diese Erklärung  des Herrn  Bruce ist mit dem 11. Januar 1870 da-
       tiert. Jetzt  veröffentlicht der "Irishman" in einer seiner letz-
       ten Nummern  die Antwort  desselben Ministers auf einen Brief von
       Madame Barry,  der Schwester von Rickard Burke, die von ihm Nach-
       richt über  den "beunruhigenden"  Zustand ihres  Bruders verlangt
       hat. Der  Antwort des Ministers vom 24. Februar ist ein amtlicher
       Bericht vom 11. Januar beigefügt, worin der Gefängnisarzt und der
       spezielle Wächter Burkes erklären, daß letzterer dem
       
       #586# Beilagen
       -----
       Wahnsinn verfallen  ist. [451] Am gleichen Tage also, an dem Herr
       Bruce die  Mitteilungen des  "Irishman" öffentlich als lügnerisch
       und völlig unbegründet bezeichnete, hatte er die erdrückenden of-
       fiziellen Beweise  für deren Wahrhaftigkeit in seiner Tasche! Ne-
       benbei sei  noch bemerkt,  daß Herr  Moore, irisches Mitglied des
       Unterhauses, den  Minister wegen der Behandlung des Obersts Burke
       interpellieren wird.
       Das "Echo"  [452], eine  vor kurzem  gegründete Zeitung,  täuscht
       einen noch  stärkeren Liberalismus  vor als  seine Amtsbrüder. Es
       hat sein  eigenes Prinzip: das Prinzip, einen Sou zu kosten, wäh-
       rend die  anderen Zeitungen  zwei, vier  oder sechs  Sous kosten.
       Dieser Preis  von einem  Sou zwingt es einerseits zu pseudo-demo-
       kratischen Glaubensbekenntnissen,  um  nicht  die  proletarischen
       Abonnenten zu  verlieren, und andererseits zu ständiger Behutsam-
       keit, um  die respektablen  Abonnenten seiner Konkurrenten zu ge-
       winnen.
       In seinem  langen Geschwätz  über den Brief O'Donovan Rossas ver-
       steigt es  sich zu  der bemerkenswerten  Annahme, daß "sich viel-
       leicht selbst  die amnestierten  Fenier weigern werden, den Über-
       treibungen ihrer  Landsleute zu  glauben". Als  ob nicht  bereits
       Herr Kickham, Herr Costello etc. Berichte über ihre Leiden im Ge-
       fängnis veröffentlicht  hätten, die mit dem Briefe von Rossa völ-
       lig übereinstimmen!  Doch dann berührt das "Echo" nach allen Aus-
       flüchten und verworrenen Winkelzügen den wunden Punkt.
       
       "Die Publikationen der 'Marseillaise'", erklärt es, "werden einen
       Skandal hervorrufen, der um die ganze Welt gehen wird. Der konti-
       nentale Verstand  ist vielleicht  zu beschränkt,  um zwischen den
       Missetaten eines Bomba 1*) und den strengen Maßnahmen eines Glad-
       stone gerecht zu unterscheiden! Daher wäre es besser, eine Unter-
       suchung durchzuführen etc."
       
       Der "Spectator",  ein liberalisierendes Wochenblatt im Fahrwasser
       Gladstones, wird  nach dem  Prinzip redigiert,  daß  jedes  Genre
       schlecht ist  außer dem  langweiligen [453].  Deshalb wird  er in
       London die  Zeitung der  sieben Weisen  genannt. Nachdem sie eine
       Zusammenfassung des  Briefes O'Donovan  Rossas gegeben und diesen
       wegen seiner  Abneigung gegen  die Bibel  getadelt hat, kommt die
       Zeitung der sieben Weisen zu folgendem Urteil:
       
       "Der Fenier O'Donovan Rossa hat offenbar nicht mehr erdulden müs-
       sen als  jeder andere Zuchthäusler, doch wir müssen gestehen, daß
       wir gern  eine Änderung  dieses Regimes  sähen. Es ist völlig ge-
       recht und  oft auch  sehr vernünftig, Rebellen erschießen zu las-
       sen. Es  mag auch  noch gerecht  sein, sie wie Verbrecher gefähr-
       lichster Sorte  einzusperren. Aber  es  ist  weder  gerecht  noch
       weise, sie zu erniedrigen."
       
       Gut gesprochen, weiser Salomo!
       -----
       1*) Ferdinands II.
       
       #587# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Kommen wir  schließlich zum  "Standard", dem  führenden Organ der
       Tones, der  Konservativen. Sie  wissen, daß die englische Oligar-
       chie aus  zwei Fraktionen  besteht: aus  der Landaristokratie und
       der Plutokratie.  Ergreift man  bei ihren  Familienstreitigkeiten
       Partei für  die Plutokraten  gegen die  Aristokraten, so wird man
       liberal, ja  sogar radikal genannt. Ergreift man umgekehrt Partei
       für die Aristokraten gegen die Plutokraten, so ist man ein Tory.
       Der "Standard" behandelt den Brief O'Donovan Rossas als eine apo-
       kryphische Romanze, die wahrscheinlich von A. Dumas stammt.
       
       "Warum hat  die 'Marseillaise'", fragt das Blatt, "nicht hinzuge-
       fügt, daß  Herr Gladstone,  der Erzbischof von Canterbury und der
       Lord-Mayor jeden  Morgen den Folterungen von O'Donovan Rossa bei-
       wohnen?"
       
       Im Unterhaus  hat ein  Mitglied des Parlaments die Partei der To-
       ries als  "stupid party"  (stupide Partei) charakterisiert. Wahr-
       lich, der  "Standard" hat  sich seinen  Titel als führendes Organ
       der stupiden Partei verdient!
       Bevor ich  diesen Brief  beende, muß ich die Franzosen davor war-
       nen, den  Lärm der Zeitungen mit der Stimme des englischen Prole-
       tariats zu  verwechseln; diese  Stimme kommt  zum Unglück für die
       beiden Länder, Irland und England, in der englischen Presse nicht
       zum Ausdruck.
       Es genügt  zu sagen,  daß über  200 000 Männer, Frauen und Kinder
       der englischen  Arbeiterklasse im  Hyde Park  die Befreiung ihrer
       irischen Brüder gefordert haben und daß der Generalrat der Inter-
       nationalen Arbeiterassoziation, der zu London residiert und aner-
       kannte Führer der englischen Arbeiterklasse zu seinen Mitgliedern
       zählt, die  Behandlung der  eingekerkerten Fenier  aufs schärfste
       gebrandmarkt hat und für die Rechte des irischen Volkes gegen die
       englische Regierung eingetreten ist. [454]
       
       P.S. Infolge  der Veröffentlichung  des Briefes  O'Donovan Rossas
       durch die "Marseillaise" befürchtet Gladstone, daß er von der öf-
       fentlichen Meinung gezwungen wird, eine öffentliche parlamentari-
       sche Untersuchung  der Behandlung  der politischen  Gefangenen zu
       veranlassen. Um  dem noch  einmal zu  entgehen (wir  wissen,  wie
       viele Male schon sein verkommenes Gewissen sich dem widersetzte),
       hat dieser Diplomat soeben ein offizielles, aber anonymes Dementi
       der von Rossa angeführten Tatsachen veröffentlicht. [455]
       Die Franzosen sollen wissen, daß dieses Dementi nichts weiter als
       eine Wiedergabe  der Aussagen  des Kerkermeisters und der Polizi-
       sten Knox,  Pollock etc.  etc. ist. Diese Herren wissen sehr gut,
       daß Rossa  ihnen nicht antworten kann. Man wird ihn schärfer denn
       je überwachen, aber ich werde ihnen im nächsten Briefe mit Tatsa-
       chen antworten,  deren Konstatierung  nicht vom  guten Willen der
       Kerkermeister abhängt.
       J. Williams
       
       #588# Beilagen
       -----
       IV
       
       ["La Marseillaise" Nr. 91 vom 21. März 1870]
       London, den 18. März 1870
       Wie in meinem letzten Brief angekündigt, hat Herr Moore, irisches
       Mitglied des  Unterhauses, gestern  das Ministerium wegen der Be-
       handlung der  eingekerkerten Fenier  interpelliert. Er bezog sich
       auf den  Fall von  Rickard Burke und vier anderen im Mountjoy-Ge-
       fängnis (in Dublin) inhaftierten Gefangenen und fragte die Regie-
       rung, ob  sie es mit ihrer Ehre vereinbaren zu können glaube, die
       Körper dieser  Menschen festzuhalten,  nachdem man sie ihrer Ver-
       nunft beraubt  hat? Schließlich  bestand  Herr  Moore  auf  einer
       "vollständigen, freien und öffentlichen Untersuchung".
       Da befindet  sich Herr Gladstone nun in einer Sackgasse. Im Jahre
       1868 lehnte er kategorisch und voller Verachtung eine von demsel-
       ben Herrn Moore geforderte Untersuchung ab. Seitdem antwortete er
       auf die  periodisch wiederholten  Forderungen nach einer Untersu-
       chung stets mit derselben Ablehnung.
       Und weshalb sollte er heute nachgeben? Sollte er eingestehen, daß
       ihn der  Lärm jenseits des Kanals erschreckt? Was nicht noch! Was
       die gegen  "unsere" Bagno-  und Gefängnisverwalter  erhobenen An-
       schuldigungen betrifft,  so haben  "wir" sie ersucht, sich hierzu
       äußern zu wollen. Man hat uns einmütig geantwortet, das seien al-
       les Märchen.  Nun war  unser ministerielles  Bewußtsein natürlich
       befriedigt. Aber  nach den Erklärungen des Herrn Moore scheint es
       doch -  wörtlich -,  "daß hier  von einer vollkommenen Zufrieden-
       stellung nicht  die Rede  sein kann". "Das beruhigte Gewissen der
       Regierung" (the  satisfaction of  the minds  of  the  government)
       hängt  von  dem  Vertrauen  zu  ihren  Untertanen  ab;  "deshalb"
       (therefore) wird  es vernünftig  und gerecht  sein, eine Untersu-
       chung über  die Wahrheit der Behauptungen der Kerkermeister anzu-
       stellen. [456[
       
       "So ist der Mensch; er springt von einem zum anderen Ziele.
       Was er am Abend gepriesen, das hat er am Morgen verurteilt.
       Lästig dem  anderen Menschen,  vermag er kaum selbst seine Schwä-
       chen
       Noch zu  ertragen; er  wechselt die  Tracht, er  wechselt das Ur-
       teil." [457]
       
       Aber wenn  er sich auch schließlich dazu bequemt, so geschieht es
       doch nicht ohne Vorbehalt.
       Herr Moore  fordert eine "vollständige, freie und öffentliche Un-
       tersuchung". Herr  Gladstone antwortet ihm, daß er die Verantwor-
       tung für die "Form" der Untersuchung trage, und wir wissen schon,
       daß es  keine "parlamentarische  Untersuchung" sein wird, sondern
       vielmehr eine  Untersuchung durch eine königliche Kommission. Mit
       anderen Worten, die Untersuchungsrichter in diesem großen Prozeß,
       in dem Herr Gladstone der
       
       #589# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Hauptangeklagte ist, werden von Herrn Gladstone selbst ausgewählt
       und ernannt werden.
       Was Rickard  Burke anbelangt, so erklärt Herr Gladstone, daß sich
       die Regierung schon am 9. Januar über seinen Wahnsinn habe infor-
       mieren lassen.  Demnach hat  sein würdiger Amtsbruder Herr Bruce,
       der Minister  des Innern, frech gelogen, als er in seinem öffent-
       lichen Brief vom 11. Januar behauptete, diese Tatsache sei erfun-
       den. Aber,  fährt Herr  Gladstone fort,  die  Geistesstörung  des
       Herrn Burke sei nicht derart fortgeschritten, daß man ihn vom Ba-
       gno befreien  müßte. Man  dürfe nicht  vergessen, daß dieser Mann
       bei der  Sprengung  des  Clerkenwell-Gefängnisses  [458]  zugegen
       gewesen ist.  Wie denn?  Rickard Burke  war  als  Angeklagter  im
       Clerkenwell-Gefängnis eingekerkert,  als andere Leute den Einfall
       hatten, dieses  Gefängnis in  die Luft  zu sprengen,  um  ihn  zu
       befreien. Er  war also  zugegen bei diesem törichten Versuch, als
       dessen Urheber man die englische Polizei verdächtigt, - bei einem
       Versuch, der  ihn, wäre  er  geglückt,  unter  den  Trümmern  des
       Gefängnisses begraben  hätte! Übrigens,  schließt Herr Gladstone,
       haben wir  schon zwei  Fenier, die  in unseren  englischen Bagnos
       irrsinnig geworden  sind, in  Freiheit gesetzt.  Aber ich sprach,
       unterbricht ihn Herr Moore, von den vier Geistesgestörten, die im
       Mountjoy-Gefängnis in  Dublin eingekerkert  sind. Das tut nichts,
       antwortete Herr  Gladstone.  Immerhin  gibt  es  zwei  Irrsinnige
       weniger in unseren Gefängnissen!
       Warum weicht Herr Gladstone so sorgsam jeder Erwähnung des Mount-
       joy-Gefängnisses aus?  Wir werden  sehen, weshalb.  Die Tatsachen
       findet man  diesmal nicht  in Briefen  von Gefangenen, sondern in
       einem Blaubuch,  das 1868 auf Anordnung des Parlaments veröffent-
       licht wurde. [459]
       Nach dem Fenierscharmützel [460] knebelte die englische Regierung
       Irland mit  einem Gesetz über die allgemeine Sicherheit. Jede Ga-
       rantie der persönlichen Freiheit wurde dadurch aufgehoben. Jeder,
       der "des  Fenianis-mus verdächtigt wurde", konnte demnach ins Ge-
       fängnis geworfen  und ohne auch nur den Schein eines Gerichtsver-
       fahrens nach dem Belieben der Behörden darin festgehalten werden.
       Eines der mit diesen Verdächtigen überfüllten Gefängnisse war das
       Mountjoy-Strafgefängnis in Dublin. Sein Inspektor war Joseph Mur-
       ray und  sein Arzt  Herr M'Donnell. Was lesen wir nun in dem 1868
       auf Anordnung des Parlaments herausgegebenen Blaubuch?
       Zunächst richtete  Herr M'Donnell monatelang Protestschreiben we-
       gen der  grausamen Behandlung  der Verdächtigen  an den Inspektor
       Murray. Da  der Inspektor  nicht darauf  antwortete, sandte  Herr
       M'Donnell drei  oder vier Berichte an den Direktor des Gefängnis-
       ses. In einem dieser Schreiben bezeichnet er
       
       "verschiedene Personen"  - ich zitiere wörtlich - "die unzweifel-
       hafte Symptome  von Irrsinn  zeigen". Er fügt hinzu: "Ich zweifle
       nicht im  geringsten daran,  daß dieser Irrsinn die Folge der Ge-
       fängnisbehandlung ist. Abgesehen von jeder humanitären
       
       #590# Beilagen
       -----
       Erwägung würde  es eine ernste Affäre, wenn einer dieser Gefange-
       nen, die  doch nicht  verurteilt, sondern  nur  verdächtig  sind,
       Selbstmord beginge."
       
       Alle diese  von  Herrn  M'Donnell  an  den  Direktor  gerichteten
       Schreiben wurden  von Joseph  Murray  unterschlagen.  Schließlich
       schrieb Herr  M'Donnell direkt an Lord Mayo, den Minister des Vi-
       zekönigs von Irland. Er schrieb u.a.:
       
       "Niemand als  Sie selber,  Mylord, ist besser informiert über das
       harte Regime,  dem die  eingekerkerten 'Verdächtigen' seit langem
       ausgesetzt sind,  ein Regime der Einzelhaft, das strenger ist als
       das Regime, dem die Zuchthaussträflinge unterworfen werden."
       
       Was war  das Ergebnis  dieser auf Anordnung des Parlaments veröf-
       fentlichten Enthüllungen?  Der Arzt, Herr M'Donnell, wurde seines
       Amtes enthoben!!! Murray aber behielt seinen Posten.
       All dies  geschah zur  Zeit des  Tory-Ministeriums. Als  es Herrn
       Gladstone schließlich  durch flammende Deklamationen, in denen er
       die englische Regierung als die wahre Ursache des Fenianismus be-
       zeichnete, geglückt  war, Lord  Derby und  Herrn Disraeli zu ver-
       drängen, bestätigte er nicht nur den blutdürstigen Murray in des-
       sen Amt,  sondern gab ihm als Beweis seiner besonderen Zufrieden-
       heit zu  seinem Inspektorposten  noch eine  einträgliche Sinekure
       hinzu, das Amt eines "Registrar of habitual criminals" 1*)!
       In meinem  letzten Brief  behauptete ich, daß die anonyme Antwort
       auf Rossas  Brief, die in den Londoner Zeitungen zirkulierte, di-
       rekt vom Ministerium stamme.
       Heute gesteht  man ein, daß sie das Werk des Herrn Bruce, des In-
       nenministers,  ist.   Da  haben   wir   eine   Kostprobe   seines
       "ministeriellen Gewissens"!
       
       "Was Rossas  Klage betrifft,  daß er  gezwungen sei,  sich in dem
       Wasser zu  baden, das schon der Reinigung der Zuchthaussträflinge
       gedient habe,  so haben es die Kommissare Knox und Pollock", sagt
       Herr Bruce, "nach gewissenhafter Untersuchung als überflüssig er-
       klärt, sich mit solchen Absurditäten aufzuhalten."
       
       Glücklicherweise ist der Bericht der Polizeibeamten Knox und Pol-
       lock auf  Anordnung des Parlaments veröffentlicht worden. Was sa-
       gen sie  auf Seite  23 ihres Berichts? Daß nach der Gefängnisord-
       nung eine  gewisse Anzahl  von Zuchthaussträflingen  dasselbe Bad
       benutzen, einer  nach dem anderen, und daß "der Wächter O'Donovan
       Rossa nicht  an erster Stelle baden lassen konnte, ohne die ande-
       ren zu  beleidigen". Es  ist also  "überflüssig, sich mit solchen
       Absurditäten aufzuhalten".
       Nach dem  Bericht der Polizeibeamten Knox und Pollock besteht die
       Absurdität also  nicht, wie  dies Herr  Bruce behauptet,  in  der
       Feststellung O'Donovan  Rossas, daß er gezwungen sei, sich in dem
       schmutzigen Wasser
       -----
       1*) "Registrators von Gewohnheitsverbrechern"
       
       #591# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       der Zuchthaussträflinge zu baden. Vielmehr finden es diese Herren
       einfach absurd,  daß O'Donovan Rossa sich über diese Niedertracht
       beklagt hat!
       In derselben  Sitzung des Unterhauses, in der sich Herr Gladstone
       zu einer  Untersuchung über die Behandlung der eingekerkerten Fe-
       nier bereit  erklärte, brachte er eine neue Coercion Bill für Ir-
       land [461]  ein, das  heißt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung der
       konstitutionellen Freiheiten  und zur  Einführung eines  Gesetzes
       über die allgemeine Sicherheit.
       Einer theoretischen  Fiktion  zufolge  ist  die  konstitutionelle
       Freiheit die  Regel und  ihre zeitweilige Aufhebung die Ausnahme;
       aber nach  Brauch und  Herkommen des englischen Regimes in Irland
       bildet das  Gesetz über  die allgemeine  Sicherheit die Regel und
       die Verfassung  die Ausnahme. Gladstone nimmt Agrarverbrechen zum
       Vorwand, um  über Irland erneut den Belagerungszustand zu verhän-
       gen. Sein  wahrer Beweggrund ist der Wunsch, die unabhängigen Du-
       bliner Zeitungen  zu unterdrücken.  Von nun  an werden also Leben
       oder Tod jeder irischen Zeitung vom Gutdünken des Herrn Gladstone
       abhängen. Übrigens  war diese Coercion Bill die zwangsläufige Er-
       gänzung der  kürzlich von  Herrn Gladstone eingeführten Land Bill
       [306], dieses  Gesetzes, das  unter dem  Vorwand, den  Farmern zu
       helfen, den  irischen Landlordismus konsolidiert. Zur Charakteri-
       sierung dieses  Gesetzes genügt es zu sagen, daß es die Hand Lord
       Dufferins erkennen  läßt, der Mitglied des Kabinetts und irischer
       Großgrundbesitzer ist.  Erst im  vorigen Jahre  hat dieser Doktor
       Sangrado ein dickes Buch veröffentlicht, in dem er den Beweis er-
       bringen wollte,  daß man die irische Bevölkerung noch nicht genü-
       gend zur  Ader gelassen habe, daß man sie noch um ein Drittel de-
       zimieren müsse,  auf daß Irland seine glorreiche Mission erfülle,
       nämlich für die Herren Großgrundbesitzer die höchstmöglichen Ren-
       ten zu  erbringen und das Höchstmögliche an Fleisch und Wolle für
       den englischen Markt zu produzieren.
       J. Williams
       
       V
       
       ["La Marseillaise" Nr. 99 vom 29. März 1870]
       London, den 22. März
       Es gibt  in London ein im Volke sehr verbreitetes Wochenblatt mit
       dem Titel "Reynolds's Newspaper" [462]. Diese Zeitung äußert sich
       in folgender Weise über die irische Frage.
       
       "Jetzt sehen  die anderen  Nationen in  uns  das  scheinheiligste
       Volk, das  auf Erden  existiert. Wir haben uns selbst so laut und
       so begeistert  gepriesen, haben  die Vortrefflichkeit unserer In-
       stitutionen derart übertrieben, daß wir uns nicht wundern dürfen,
       wenn uns  die anderen Völker verhöhnen, sobald unsere Lügen plat-
       zen, und sich fragen,
       
       #592# Beilagen
       -----
       wie so etwas möglich sei. Doch nicht das englische Volk trägt die
       Schuld an  diesem Stand  der Dinge,  denn auch  das Volk  ist ge-
       täuscht und betrogen worden; die ganze Schuld fällt auf die herr-
       schenden Klassen und die käufliche und parasitäre Presse."
       
       Die Coercion  Bill für Irland, die am Donnerstagabend eingebracht
       wurde, ist  eine verwerfliche,  abscheuliche und  verruchte  Maß-
       nahme. Sie erstickt den letzten Funken nationaler Freiheit in Ir-
       land und knebelt die Presse dieses unglücklichen Landes, um seine
       Zeitungen daran  zu hindern,  gegen eine Politik zu protestieren,
       die eine  Infamie und  der Skandal unserer Epoche ist. Die Regie-
       rung grollt  allen Zeitungen,  die ihre miserable Land Bill nicht
       mit Begeisterung  aufgenommen haben, und sie rächt sich nun hier-
       für. Die  Habeas-Corpus-Akte [304] wird faktisch aufgehoben, denn
       künftig wird  man die Personen, die nicht mehr imstande sind, ihr
       Verhalten zur  Zufriedenheit der  Behörden zu erklären, für sechs
       Monate oder sogar lebenslänglich einsperren können.
       Irland ist der Gnade einer Bande gut dressierter Spione ausgelie-
       fert, die man des Wohlklangs wegen "Detektive" nennt.
       Kein Ukas Nikolaus' von Rußland gegen die unglücklichen Polen war
       jemals grausamer, als es diese Bill des Herrn Gladstone gegen die
       Iren ist.  Das ist  eine Maßnahme,  durch die sich Herr Gladstone
       das Wohlwollen  des berühmten  Königs von  Dahomey [463] erworben
       hätte. Und Gladstone wagt es noch, sich vor dem Parlament und der
       Nation mit einer maßlosen Unverfrorenheit der großmütigen Politik
       zu rühmen, die seine Regierung hinsichtlich Irlands durchzuführen
       beabsichtigt. Am  Ende seiner  Rede vom Donnerstag hat sich Glad-
       stone zu  Ausdrücken des  Bedauerns hinreißen  lassen, die er mit
       einer frömmlerischen und weinerlichen Feierlichkeit vortrug, wel-
       che Seiner  Hochwürden Herrn  Stiggins alle  Ehre gemacht  hätte.
       Aber er  kann noch  so große Krokodilstränen vergießen - das iri-
       sche Volk wird sich dadurch nicht täuschen lassen.
       Wir wiederholen  es, die  Bill ist eine schändliche Maßnahme, die
       eines Castlereagh würdig wäre, eine Maßnahme, die den Abscheu je-
       der freien Nation auf das Haupt derer lenken wird, die sie ausge-
       heckt haben,  und jener, die sie genehmigen und gutheißen. Es ist
       schließlich eine  Maßnahme, die  das  Ministerium  Gladstone  mit
       wohlverdienter Schande  bedecken und,  wie wir aufrichtig hoffen,
       zu seinem  baldigen Sturz  führen wird.  Und wie  bringt  es  der
       demagogische Minister  Herr Bright fertig, achtundvierzig Stunden
       lang zu schweigen?
       Wir erklären ohne Zaudern, daß sich Herr Gladstone als der erbit-
       tertste Feind  und erbarmungsloseste Machthaber erwiesen hat, der
       Irland seit den Tagen des infamen Castlereagh unterdrückt hat.
       Als ob das Maß der Schande des Ministeriums nicht schon zum Über-
       fließen voll  gewesen wäre, wurde im Unterhaus am Donnerstagabend
       - am  gleichen Abend, da die Coercion Bill eingebracht ward - be-
       kanntgegeben, daß  Burke und  andere eingekerkerte  Fenier in den
       englischen Bagnos bis zum
       
       #593# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Wahnsinn gefoltert  worden  sind;  aber  auch  angesichts  dieses
       schrecklichen Geschehens  beteuerten Gladstone  und sein  Schakal
       Bruce hoch  und heilig,  daß die politischen Gefangenen mit aller
       denkbaren Rücksicht  behandelt worden  seien. Als  Herr Moore dem
       Unterhaus diese unheilvolle Tatsache verkündete, wurde er laufend
       durch Ausbrüche bestialischen Lachens unterbrochen. Hätte eine so
       abstoßende und empörende Szene im amerikanischen Kongreß stattge-
       funden, was  für einen Schrei der Empörung hätten diese Leute er-
       hoben!
       Bisher haben  die "Reynolds's Newspaper", die "Times", die "Daily
       News", die  "Fall Mall",  der "Telegraph"  etc. etc. die Coercion
       Bill und  besonders die  Maßnahmen zur  Vernichtung der  irischen
       Presse mit  wildem Freudengeheul begrüßt. Und das in England, dem
       anerkannten Heiligtum  der Presse! Schließlich darf man es diesen
       frischgebackenen Schreibern  nicht allzu  übelnehmen.  Zugegeben,
       daß es  gar zu hart war, jeden Sonnabend sehen zu müssen, wie der
       "Irishman" das  Gewebe von Lügen und Verleumdungen zerstörte, das
       all diese  Penelopen während  der sechs  Wochentage  im  Schweiße
       ihres Angesichts gesponnen hatten, und daß es ganz natürlich ist,
       wenn sie  mit frenetischem  Beifall  die  Polizei  begrüßen,  die
       soeben die  Hände ihres  furchtbaren Feindes gefesselt hat. Diese
       Tapferen sind sich zumindest über ihren eigenen Wert im klaren.
       Eine charakteristische Korrespondenz hat zwischen Bruce und Herrn
       M'Carthy Downing  über Oberst  Rickard Burke stattgefunden. [464]
       Bevor ich  sie Ihnen mitteile, möchte ich ganz nebenher bemerken,
       daß Herr  Downing irisches  Mitglied des  Unterhauses ist. Dieser
       ehrgeizige Advokat  hat sich in die ministerielle Phalanx mit dem
       erhabenen Ziele eingereiht, Karriere zu machen. Wir haben es also
       hier nicht mit einem verdächtigen Zeugen zu tun.
       
       22.Februar 1870
       
       Sir,
       wenn ich  richtig informiert  bin, ist  Rickard Burke,  einer der
       eingekerkerten Fenier,  der ehedem  im Chatham-Gefängnis  war, in
       geisteskrankem Zustande  nach Woking  überführt worden.  Im  März
       1869 nahm  ich mir  die Freiheit,  Sie auf  Burkes offensichtlich
       schlechten Gesundheitszustand  aufmerksam zu  machen, und im Juli
       desselben Jahres haben Herr Blake, ehemals Parlamentsmitglied für
       Waterford, und  ich Ihnen  unsere  Ansicht  mitgeteilt,  daß  die
       schlimmsten Folgen  zu befürchten seien, wenn sich die Behandlung
       seiner Person  nicht ändere.  Auf diesen  Brief erhielt ich keine
       Antwort. Wenn  ich Ihnen  schreibe, so geschieht dies aus Gründen
       der Humanität,  in der Hoffnung, die Freilassung Burkes zu erlan-
       gen, damit  seine Familie  den Trost  hätte, für  ihn sorgen  und
       seine Leiden  lindern zu  können. In  meinen Händen befindet sich
       ein Brief,  den der Gefangene am 3. Dezember an seinen Bruder ge-
       schrieben hat;  er schreibt  darin, daß er systematisch vergiftet
       werde; dies  war, wie  ich vermute,  eine Phase seiner Krankheit.
       Ich hoffe  aufrichtig, daß  Sie die  Gefühle des Wohlwollens, für
       die Sie bekannt sind, veranlassen mögen, diese Bitte zu erfüllen.
       Genehmigen Sie etc.
       M'Carthy Downing
       
       #594# Beilagen
       -----
       25. Februar 1870
       
       Ministerium des Innern
       Sir,
       Rickard Burke  wurde aus Chatham überführt infolge seiner Einbil-
       dung, daß  er vergiftet oder durch die Amtsärzte des Gefängnisses
       grausam behandelt  werde. Gleichzeitig  verschlechterte sich sein
       Gesundheitszustand, ohne  daß er  an einer  bestimmten  Krankheit
       litt. Deshalb  gab ich  Anweisung, ihn nach Woking zu überführen,
       und ließ ihn durch den Arzt Meyers vom Broadmoor-Irrenhaus unter-
       suchen, der  der Ansicht  war, daß Burkes Manie mit der Besserung
       seines Gesundheitszustands  verschwinden würde.  Seine Gesundheit
       hat sich  rasch gebessert,  und ein gewöhnlicher Beobachter würde
       seine Geistesschwäche  nicht bemerken. Es wäre mir sehr angenehm,
       Ihnen die Hoffnung auf seine baldige Freilassung zu geben, allein
       ich kann  es nicht.  Sein Delikt und die Folgen des zu seiner Be-
       freiung unternommenen  Versuchs waren  zu schwerwiegend,  als daß
       ich eine  solche Erwartung  erwecken könnte. Indes wird alles ge-
       schehen, was  Wissenschaft und  gute Behandlung  vermögen, um ihm
       seine geistige und physische Gesundheit wiederzugeben.
       H. A. Bruce
       
       28. Februar 1870
       
       Sir,
       seit dem  Empfang Ihres  Briefes vom  25. Februar als Antwort auf
       meine Bitte, daß man Burke der Fürsorge seines Bruders überlassen
       möge, habe  ich gehofft, eine Gelegenheit zu finden, um mit Ihnen
       im Unterhaus  in dieser Angelegenheit zu sprechen, aber Sie waren
       am Donnerstag  und Freitag so beschäftigt, daß eine Zusammenkunft
       nicht in Frage kam. Ich habe Briefe von Burkes Freunden erhalten.
       Sie warten  voller Unruhe  auf den  Erfolg meiner Bitte. Ich habe
       ihnen noch nicht mitgeteilt, daß sie erfolglos war. Bevor ich sie
       enttäusche, halte ich es für gerechtfertigt, Ihnen noch einmal in
       dieser Angelegenheit  zu schreiben.  Mir scheint, daß ich mir als
       Mann, der  immer und obendrein nicht ohne einiges persönliche Ri-
       siko den Fenianismus verurteilt hat, erlauben kann, der Regierung
       einen unparteilichen und freundschaftlichen Rat zu geben.
       Ich erkläre  ohne Zaudern,  daß die Freilassung eines politischen
       Gefangenen, der dem Wahnsinn verfallen ist, von einer großmütigen
       Öffentlichkeit nicht  kritisiert, noch  weniger verurteilt würde.
       In Irland  wird man  sagen: "Nun,  so ist  denn die Regierung gar
       nicht so  grausam, wie  wir glaubten." Wenn andererseits Burke im
       Gefängnis festgehalten wird, gäbe das der nationalen Presse neuen
       Stoff zu  Angriffen gegen  die Regierung; man wird ihr vorwerfen,
       noch grausamer  zu sein als die neapolitanischen Herrscher in ih-
       ren schlimmsten  Tagen, und ich gestehe, daß ich nicht einzusehen
       vermag, wie  Menschen mit  gemäßigten Ansichten eine Ablehnung in
       solchem Falle verteidigen könnten...
       M'Carthy Downing
       
       Sir,
       ich bedaure, die Freilassung Burkes nicht empfehlen zu können.
       Allerdings haben sich bei ihm Anzeichen von Wahnsinn gezeigt, und
       ich hielte es in einem gewöhnlichen Falle für gerechtfertigt, ihn
       der Gnade der Krone zu empfehlen. Aber sein Fall ist kein gewöhn-
       licher; nicht allem die Tatsache, daß er ein eingefleischter Ver-
       schwörer gewesen  ist, sondern auch seine Teilnahme an der Spren-
       gung in Clerkenwell -
       
       #595# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       deren Folgen  noch verheerender  gewesen wären, wenn sie geglückt
       wäre -  machen ihn selbst in seiner jetzigen Lage "nicht geeignet
       zur Begnadigung" (improper recipient of pardon).
       H. A. Bruce
       
       Welch beispiellose Niedertracht! Bruce weiß sehr wohl, daß Oberst
       Burke, wenn  auch nur der Schatten eines Verdachts gegen ihn wäh-
       rend des  Prozesses in  Sachen des  Attentats von Clerkenwell be-
       standen hätte,  an der  Seite Barretts  gehenkt worden  wäre; zum
       Tode verurteilt  wurde dieser  doch auf  die Aussage eines Mannes
       hin, der vorher drei andere Männer dieses Verbrechens vorsätzlich
       beschuldigt hatte;  und dieses  Urteil wurde  ausgesprochen trotz
       der Zeugenaussagen  von acht  Bürgern,  die  eigens  aus  Glasgow
       herbeigereist waren,  um zu  beweisen, daß sich Barrett in dieser
       Stadt befand,  als die Sprengung erfolgte. Die Engländer genieren
       sich nicht  (Herr Bruce kann das bestätigen), wenn es darum geht,
       einen Menschen - insbesondere einen Fenier - zu henken.
       Aber diese ganze Aufhäufung von Grausamkeiten vermag nichts gegen
       den unbeugsamen Geist der Iren. Sie haben soeben in Dublin demon-
       strativer denn je ihr Nationalfest des Heiligen Patrick gefeiert.
       Die Häuser  waren mit  Fahnen geschmückt,  auf denen  geschrieben
       stand: "Irland den Iren!", "Freiheit!", "Es leben die politischen
       Gefangenen!", und  mächtig ertönten  nationale Gesänge  und die -
       Marseillaise.
       J. Williams
       
       VI
       
       Das Agrarverbrechen in Irland
       
       ["La Marseillaise" Nr. 113 vom 12. April 1870]
       London, den 2. April 1870
       In Irland  wird die  Ausplünderung, ja  selbst die Ausrottung des
       Bauern und seiner Familie durch den Grundherrn als Eigentumsrecht
       bezeichnet, während die Auflehnung des verzweifelten Bauern gegen
       seinen erbarmungslosen Henker Agrarverbrechen genannt wird. Diese
       Agrarverbrechen (agrarian  outrages), die  übrigens sehr dünn ge-
       sät, aber  im Kaleidoskop  der auf  Befehl handelnden  englischen
       Presse unendlich vervielfacht und übertrieben worden sind, haben,
       wie Sie  wissen, den  Vorwand geliefert, um das Regime des weißen
       Terrors in  Irland zu erneuern. Andererseits versetzt dieses Ter-
       rorregime die  Grundbesitzer in die Lage, ihre Unterdrückungsmaß-
       nahmen ungestraft zu verstärken.
       Wie ich  bereits gesagt habe, hat die Land Bill unter dem Vorwand
       der Hilfe  für den Bauern den Landlordismus konsolidiert. Dennoch
       war
       
       #596# Beilagen
       -----
       Gladstone, um  Sand in  die Augen zu streuen und sein Gewissen zu
       beruhigen, gezwungen,  dem auf dem Lande herrschenden Despotismus
       diese neue  Lebensfrist nur unter der Bedingung zu gewähren, wenn
       einige gesetzliche  Formalitäten erfüllt würden. Es wird genügen,
       wenn man  sagt, daß die Willkür der Landlords nach wie vor Geset-
       zeskraft haben  wird, wenn  es ihnen  gelingen sollte, ihren Jah-
       respächtern (tenants  at will) Phantasie-Renten aufzuerlegen, die
       niemand bezahlen kann, oder wenn sie es im Falle von Pachtverträ-
       gen verstehen, ihre Pachtbauern Verträge über freiwillige Sklave-
       rei unterschreiben zu lassen!
       Und wie  sich die Landlords darüber von Herzen freuen! Der "Free-
       man" [465], eine Dubliner Zeitung, veröffentlicht einen Brief von
       Pater P.  Lavelle, dem Verfasser des Buches "Irish landlord since
       the revolution"; in dem Brief heißt es:
       
       "Ich habe  Berge von  Briefen gesehen, die ein Großgrundbesitzer,
       ein wackerer Kapitän, ein 'Absentee' [347], der in England wohnt,
       an seine  Pächter geschrieben  hat, worin  er ihnen mitteilt, daß
       ihre Pachtzahlungen  künftig um  25%  erhöht  würden.  Das  kommt
       ebenso vielen  Exmittierungsbescheiden gleich!  Und das von einem
       Manne, der  dem Lande  keinen anderen  Dienst leistet, als daß er
       alljährlich dessen Mark aufzehrt!"
       
       Der "Irishman"  veröffentlicht andererseits  die neuen  Pachtver-
       träge, die  von Lord Dufferin, einem Mitglied des Gladstone-Kabi-
       netts, diktiert  worden sind,  demselben Lord  Dufferin, der  die
       Land Bill  angeregt und  die Coercion Bill dem Oberhaus vorgelegt
       hat. Man  pfropfe auf  die feudale Unverschämtheit die habgierige
       Berechnung eines  erfahrenen Wucherers  und die  gemeine Schikane
       eines Winkeladvokaten, und man erhält eine annähernde Vorstellung
       von den neuen Pachtverträgen, die von diesem noblen Dufferin aus-
       geheckt worden sind!
       Man versteht  jetzt, daß das Terrorregime gerade zur rechten Zeit
       kam, um das Regime der Land Bill einzuweihen! Nehmen wir zum Bei-
       spiel an, in irgendeiner Grafschaft Irlands lehnten es die Bauern
       ab, sich  die Pachtzahlungen um 25% erhöhen zu lassen oder Pacht-
       verträge Dufferins zu unterschreiben! Dann werden sich die Grund-
       herren der  Grafschaft, wie  das bereits der Fall war, durch ihre
       Kammerdiener  oder  irgendwelche  Polizisten  anonyme  Drohbriefe
       schreiben lassen.  Das ergibt  ebensoviele "Agrarverbrechen". Die
       Grundherren berichten  darüber Lord  Spencer, dem Vizekönig. Lord
       Spencer verhängt  über den  Bezirk das  Regime der Coercion-Akte,
       und dann  gehen dieselben  Landlords als  Vertreter der  Behörden
       daran, die Akte gegen ihre eigenen Pächter anzuwenden!
       Die Journalisten,  die unvorsichtig  genug sind, zu protestieren,
       werden nicht nur wegen Aufruhrs verfolgt, sondern man konfisziert
       ihnen außerdem ohne jedes Rechtsverfahren die gesamte Einrichtung
       ihrer Druckerei!
       Man wird jetzt vielleicht verstehen, warum das Haupt Ihrer Exeku-
       tive 1*)
       -----
       1*) Napoleon III.
       
       #597# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Gladstone zu  den Verbesserungen gratuliert hat, die er in Irland
       einzuführen begann,  und warum  Gladstone das Kompliment erwidert
       hat, indem er Ihrer Exekutive zu den konstitutionellen Konzessio-
       nen gratulierte.  "Einen Roland  für einen Olivier!" [466] werden
       Ihre Leser  sagen, die  Shakespeare kennen, aber andere, die mehr
       in der  Lektüre des  "Moniteur" als in der Shakespeares bewandert
       sind, werden sich an den Brief erinnern, den das Haupt Ihrer Exe-
       kutive an  den verstorbenen  Lord Palmerston  gerichtet  hat  und
       worin es hieß: "Handeln wir nicht als Strauchdiebe!"
       Ich komme  nun auf  die Frage  der politischen Gefangenen zurück,
       und das aus gutem Grunde.
       In England  hat der erste Brief Rossas, der in der "Marseillaise"
       veröffentlicht wurde,  große Wirkung  erzielt - er hatte eine Un-
       tersuchung zur Folge.
       In den Vereinigten Staaten haben alle Zeitungen folgende Depesche
       veröffentlicht:
       
       "Die 'Marsellaise'  behauptet, daß O'Donovan Rossa einmal täglich
       nackt ausgezogen  und untersucht  wurde, daß  man ihn aushungert,
       ihn in  eine dunkle Zelle sperrt, vor einen Karren spannt und daß
       der Tod seiner Kameraden durch die Kälte verursacht ward, der sie
       ausgesetzt worden sind."
       
       Der New-Yorker Korrespondent des "Irishman" schreibt:
       
       "Die 'Marseillaise'  von Rochefort  hat dem  amerikanischen Volke
       die Leiden  der eingekerkerten  Fenier  vor  Augen  geführt.  Wir
       schulden der  'Marseillaise' Dank dafür, und ich hoffe, daß diese
       Dankesschuld bereitwilligst beglichen werden wird." [467]
       
       Auch deutsche Zeitungen haben den Brief Rossas abgedruckt.
       Künftig wird  die englische Regierung ihre Schändlichkeiten nicht
       mehr in aller Stille begehen können. Herr Gladstone mag sich wohl
       bemühen, die  irische Presse  zu knebeln - er wird dadurch nichts
       gewinnen. Ein in Irland eingekerkerter Journalist wird durch Hun-
       derte von  Journalisten in Frankreich, in Deutschland, in Amerika
       ersetzt werden.
       Was vermag  des Herrn Gladstone beschränkte und überlebte Politik
       gegen den internationalen Geist des neunzehnten Jahrhunderts?
       J. Williams
       
       VII
       
       Der Tod von John Lynch
       
       ["La Marseillaise" Nr. 118 vom 17. April 1870] Bürger Redakteur!
       Bürger Redakteur!
       Ich übermittle  Ihnen Auszüge  aus einem  Brief, den ein irischer
       politischer Gefangener während seiner Haft in einer australischen
       Strafkolonie  (jetzt  ist  er  in  Freiheit)  an  den  "Irishman"
       schrieb.
       
       #598# Beilagen
       -----
       Ich beschränke  mich darauf,  die Episode mit John Lynch zu über-
       setzen.
       Brief John Caseys
       
       "Hier ist  ein kurzer und unparteilicher Bericht über die Behand-
       lung, der  wir, meine verbannten Kameraden (vierundzwanzig an der
       Zahl) und ich, während unserer Einkerkerung in dieser Schreckens-
       höhle, diesem  Grabe für  Lebende, wie man das Portland-Gefängnis
       nennt, ausgesetzt waren.
       Vor allem ist es meine Pflicht, dem Gedenken meines Freundes John
       Lynch, der  durch ein  Sondergericht im  Dezember 1865 verurteilt
       wurde und  im April  1866 im Woking-Gefängnis starb, meine Ehrer-
       bietung zu erweisen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
       Welcher Ursache  auch die Sachverständigen seinen Tod zugeschrie-
       ben haben  mögen, ich behaupte und bin imstande, dafür Beweise zu
       liefern, daß  sein Tod  durch die Grausamkeit der Gefängniswärter
       beschleunigt worden ist.
       Mitten im Winter dreiundzwanzig Stunden von vierundzwanzig in ei-
       ner kalten  Zelle eingesperrt  zu sein;  ungenügend bekleidet  zu
       sein; auf  einer harten  Pritsche schlafen  zu müssen  mit  einem
       Holzklotz als  Kopfkissen und  zwei gebrauchten Decken, die unge-
       fähr zehn  Pfund wiegen und den einzigen Schutz gegen die übermä-
       ßige Kälte  bilden; durch  eine unsagbar  raffinierte Grausamkeit
       selbst der  Möglichkeit beraubt  zu sein,  sich mit  den  eigenen
       Kleidern den frierenden Leib zu bedecken, weil wir die Kleidungs-
       stücke vor  die Tür  unserer Zelle legen mußten; einer ungesunden
       und ungenügenden  Ernährung unterworfen zu sein; zur Bewegung nur
       einen dreiviertelstündigen  Spaziergang täglich zu haben, und das
       in einem  Käfig von  etwa 20  Fuß Länge und 6 Fuß Breite, der für
       die niederträchtigsten Schufte bestimmt ist - das sind Entbehrun-
       gen und  Leiden, die selbst eine eisenharte Natur zerbrechen müs-
       sen. Es  wird Sie  daher auch  keineswegs verwundern,  daß ein so
       zarter Mensch wie Lynch dort fast sofort zugrunde ging.
       Bei seiner Ankunft im Gefängnis bat Lynch darum, seine Flanellun-
       terwäsche  behalten   zu  dürfen.   Seine  Bitte   wurde  schroff
       abgelehnt. 'Wenn Sie es mir verweigern, werde ich noch vor Ablauf
       dreier Monate  tot sein',  antwortete er  darauf. Ach,  ich ahnte
       nicht, daß  dies eine  Prophezeiung war;  ich  konnte  mir  nicht
       vorstellen,  daß   Irland  so   bald  einen   seiner   treuesten,
       glühendsten und  edelsten Söhne  verlieren sollte, daß ich selbst
       einen in jeder Hinsicht bewährten Freund verlieren würde.
       Anfang März  bemerkte ich, daß mein Freund sehr krank aussah, und
       eines Tages  benutzte ich die vorübergehende Abwesenheit des Ker-
       kermeisters, um  Lynch nach  seiner Gesundheit zu fragen. Er ant-
       wortete mir,  daß er  am Sterben  sei; er  habe mehrmals den Arzt
       aufgesucht, dieser habe jedoch seinen Klagen überhaupt keine Auf-
       merksamkeit geschenkt. Sein Husten war so heftig, daß ich ihn Tag
       und Nacht  durch die öden Korridore schallen hörte, obwohl ich in
       einer sehr weit von Lynch entfernten Zelle untergebracht war. So-
       gar ein Kerkermeister sagte mir: 'Der Gefangene von Nummer 7 wird
       bald am  Ende sein,  er gehört  seit einem Monat ins Spital. Dort
       habe ich  viele Male gewöhnliche Gefangene gesehen, die sich hun-
       dertmal besser fühlten als er.'
       Eines Tages  im Monat April bemerkte ich von meiner Zelle aus die
       Gestalt eines  Gespenstes, das  sich mit  Mühe dahinschleppte und
       sich an  den Gitterstäben  festhielt, um sich aufrecht zu halten,
       das Gesicht totenblaß, die Augen erloschen, die Wangen
       
       #599# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       eingefallen. Das  war Lynch.  Ich hätte  ihn kaum  wiedererkannt,
       hätte er  mich nicht  angesehen, mir zugelächelt und auf die Erde
       gewiesen, als wollte er mir sagen: 'Mit mir geht es zu Ende.'
       Es war das letzte Mal, daß ich Lynch sah."
       
       Das gleiche berichtete schon Rossa über Lynch; durch Caseys Zeug-
       nis wird  dies jetzt bekräftigt. Und dabei darf man nicht verges-
       sen, daß  Rossa seinen  Brief in  einem englischen  Gefängnis ge-
       schrieben hat, während Caseys Brief in einer australischen Straf-
       kolonie geschrieben wurde; somit war jede Verbindung zwischen ih-
       nen unmöglich.  Dennoch hat die Regierung kürzlich behauptet, daß
       die Feststellungen  Rossas Lügen  seien. Bruce,  Pollock und Knox
       erklären sogar,  "Lynch wäre  Flanellwäsche gegeben  worden, noch
       bevor er darum gebeten hätte".
       Andererseits stellt Herr Casey ebenso entschieden fest, wie Bruce
       es leugnet,  daß Lynch  sich beklagt  hat, "man  habe seine Bitte
       noch zurückgewiesen,  selbst als  er außerstande war zu gehen und
       in der entsetzlichen Einsamkeit seiner Zelle bleiben mußte".
       Doch wie Herr Laurier in seiner schönen Rede gesagt hat:
       
       "Lassen wir  das Zeugnis  der Menschen  beiseite, und  lassen wir
       Zeugen sprechen, die nicht lügen, Zeugen, die nicht täuschen, die
       stummen Zeugen." [468]
       
       Tatsache ist,  daß Lynch  nach Pentonville  in der  Blüte  seiner
       Jahre kam,  voller Lebenskraft und Hoffnung, und daß dieser junge
       Mensch drei Monate später ein Leichnam war.
       Solange die Herren Gladstone, Bruce und ihre willige Polizeimeute
       nicht bewiesen  haben werden, daß Lynch nicht gestorben ist, sind
       ihre Schwüre pure Zeitvergeudung,
       J. Williams
       
       VIII
       
       Brief aus England
       
       ["La Marseillaise" Nr. 125 vom 24. April 1870]
       London, den 19. April 1870
       "Laßt nicht die Pfaffen an die Politik" - dieser Ruf ertönt jetzt
       überall in Irland.
       Die große Partei, die sich seit dem "disestablishment" der prote-
       stantischen Kirche  1*) mit allen Kräften dem Despotismus der ka-
       tholischen Kirche  widersetzt hat.  wächst von Tag zu Tag mit be-
       wundernswerter Schnelligkeit  und hat  soeben den  Klerus auf der
       ganzen Linie geschlagen.
       -----
       1*) der "Trennung" der protestantischen Kirche "vom Staat"
       
       #600# Beilagen
       -----
       Bei der  Wahl in  Longford hat Herr Greville-Nugent, Kandidat des
       Klerus, über den Kandidaten des Volkes, John Martin, den Sieg da-
       vongetragen, aber  die Nationalisten  bestritten  die  Gültigkeit
       seiner Wahl  wegen der illegalen Mittel, die dabei angewandt wur-
       den, und es ward ihnen von ihren Gegnern Genugtuung. Die Wahl Nu-
       gents wurde  von dem Richter Fitzgerald für ungültig erklärt, der
       die Agenten  Nugents, das heißt die Pfaffen, für schuldig befand,
       die Wähler dadurch bestochen zu haben, daß sie das Land nicht mit
       dem Heiligen  Geist, sondern mit Weingeist überschwemmten. Wie es
       scheint, haben die hochehrwürdigen Väter in einem einzigen Monat,
       vom 1.  Dezember bis  zum 1.  Januar,  3500  Pfund  Sterling  für
       Branntwein ausgegeben!
       Der "Standard"  läßt sich zu folgenden, recht seltsamen Bemerkun-
       gen über die Wahl in Longford hinreißen:
       
       "Für ihre  Verachtung der  Einschüchterungen durch  die Pfaffen",
       sagt das  Organ der "stupid party" 1*), "verdienen die Nationali-
       sten gelobt  zu werden... Der große Sieg, den sie errungen haben,
       wird sie  ermutigen, erneut  Kandidaten gegen Herrn Gladstone und
       seine ultramontanen Verbündeten aufzustellen."
       
       Die "Times" schreibt:
       
       "Vom bischöflichen Dekret aus der Ewigen Stadt bis zum Ränkespiel
       der ländlichen  Pfaffen stellte  sich die  ganze Macht der Kirche
       geschlossen gegen den Fenianismus und die Nationalisten. Unglück-
       licherweise war  dieser Eifer nicht mit Klugheit gepaart und wird
       daher eine zweite Schlacht von Longford zur Folge haben."
       
       Die "Times"  hat recht. Die Schlacht von Longford wird erneut be-
       ginnen, und  ihr werden  die Schlachten von Waterford, Mallow und
       Tipperary folgen,  da die  Nationalisten  dieser  drei  Provinzen
       ebenfalls Eingaben eingereicht haben, um die Wahl der offiziellen
       Abgeordneten  rückgängig  zu  machen.  In  Tipperary  ist  zuerst
       O'Donovan Rossa gewählt worden, da das Parlament ihn aber für un-
       fähig erklärte, Vertreter von Tipperary zu sein, schlugen die Na-
       tionalisten an seiner Stelle Kickham vor, einen der patriotischen
       Fenier, der  gerade aus  einem englischer  Bagno entlassen worden
       ist. Jetzt  erklären die Wähler Kickhams, ihr Kandidat sei recht-
       mäßig gewählt  worden, obwohl  Heron, der  Kandidat der Regierung
       und der Pfaffen, eine Majorität von vier Stimmen hat.
       Man muß  wissen, daß  einer dieser  vier Wähler,  die Heron  eine
       Stimmenmehrheit verschafften,  ein armer  Geisteskranker ist, den
       ein ehrwürdiger  Pater zur  Wahlurne geführt  hat; Sie kennen die
       Vorliebe der  Pfaffen für  die geistig  Armen, denn ihrer ist das
       Himmelreich. Und  sein zweiter  Wähler ist  ein Leichnam! Jawohl.
       Die ehrenhafte  und gemäßigte Partei hat es gewagt, den Namen ei-
       nes zwei  Wochen vor der Wahl gestorbenen Mannes zu schänden, in-
       dem sie ihn für einen Gladstone-Kandidaten stimmen ließ.
       -----
       1*) "stupiden Partei"
       
       #601# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
       -----
       Außerdem erklären  die patriotischen  Wähler, daß  elf von  ihren
       Stimmen zurückgewiesen  worden sind, weil der erste Buchstabe des
       Namens Kickham  unleserlich geschrieben wäre, daß ihre Telegramme
       unterdrückt worden  sind, daß  die Behörden nach allen Seiten hin
       bestochen haben und daß man zu einem System gemeiner Einschüchte-
       rung gegriffen hat.
       Der in  Tipperary ausgeübte  Druck wird  selbst in der Geschichte
       Irlands ein unerhörter Vorfall bleiben. Der Amtmann und der Poli-
       zeiagent, diese  Personifikationen der  Exmittierungsbefehle, um-
       lauerten die  Hütten der  Pächter, um  deren Frauen und Kinder zu
       erschrecken. Die  Baracken, in  denen man wählen mußte, waren von
       Polizei, Soldaten, Beamten, Landlords und Pfaffen umstellt.
       Letztere schlugen  mit Steinen  auf Leute  ein, die gerade im Be-
       griff waren,  Wahlplakate für Kickham anzubringen. Zu guter Letzt
       hatte man den Wucherer in der Baracke selbst Platz nehmen lassen,
       der seine  unglücklichen Schuldner mit den Augen verschlang, wäh-
       rend diese  wählten. Aber die Regierung ward um die Früchte ihres
       Einfalls  betrogen.  Eintausendsechshundertachtundsechzig  kleine
       Pächter trotzten  ihr und  gaben offen, da kein Wahlgeheimnis sie
       schützte, ihre Stimmen für Kickham!
       Dieser Akt  des Mutes  erinnert uns  an die heroischen Kämpfe der
       Polen.
       Wagt es  noch einer angesichts der in Longford, Mallow, Waterford
       und Tipperary  gelieferten Schlachten  zu behaupten, daß die Iren
       niedrige Sklaven des Pfaffengeschmeißes seien?
       J. William
       
       Aus dem Französischen.

       zurück