Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
zurück
#577#
-----
B. Artikel von Jenny Marx
zur irischen Frage [449]
#578#
-----
#579#
-----
I
["La Marseillaise" Nr. 71 vom 1. März 1870]
London, den 27. Februar 1870
Die "Marseillaise" vom 18. Februar gibt einen Artikel der "Daily
News" wieder, in dem das englische Blatt die französische Presse
über die Wahl von O'Donovan Rossa informiert. Da diese Informa-
tionen ziemlich wirr sind, und da halbe Erklärungen nur dazu die-
nen, die Dinge, die sie aufzuklären vorgeben, in ein falsches
Licht zu setzen, bitte ich Sie, meinen Kommentar zu dem obenge-
nannten Artikel veröffentlichen zu wollen.
Zunächst teilt die "Daily News" mit, daß O'Donovan Rossa von ei-
nem Schwurgericht verurteilt worden ist, aber sie setzt nicht
hinzu, daß sich in Irland das Schwurgericht aus Spießgesellen der
Regierung zusammensetzt, die mehr oder weniger direkt von dieser
ernannt werden.
Die liberalisierenden Apostel der "Daily News", die mit heiligem
Schrecken von treason-felony 1*) sprechen, vergessen dabei zu
sagen, daß diese neue Kategorie des englischen Strafkodex spezi-
ell dazu ausgedacht worden ist, um die irischen Patrioten den ge-
meinsten Verbrechern gleichzusetzen.
Nehmen wir den Fall von O'Donovan Rossa. Er war einer der Redak-
teure des "Irish People". Er ist, wie die meisten Fenier, verur-
teilt worden, weil er sogenannte aufrührerische Artikel geschrie-
ben hat. Die "Marseillaise" hatte sich daher nicht geirrt, als
sie Analogien zwischen Rochefort und Rossa herstellte.
Warum sagt die "Daily News", die Frankreich doch über die verur-
teilten Fenier informieren will, nichts von der infamen Behand-
lung, der die Fenier ausgesetzt sind? Ich hoffe, Sie gestatten
mir, das zu ergänzen, was sie vorsichtig verschweigt.
O'Donovan Rossa wurde vor einiger Zeit in eine Dunkelzelle gewor-
fen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Weder bei Tage noch bei
Nacht nahm man ihm die Handfesseln ab, so daß er sich auf die
Erde legen mußte, um
-----
1*) Hochverrat
#580# Beilagen
-----
seine Nahrung, eine wäßrige Grütze, schlürfen zu können. Nachdem
Herr Pigott, Redakteur des "Irishman", diese Tatsachen in Gegen-
wart des Gefängnisdirektors und eines anderen Zeugen von Rossa
erfahren hatte, veröffentlichte er sie in seiner Zeitung, was
Herrn Moore, irisches Mitglied des House of Commons veranlaßte,
eine parlamentarische Untersuchung der Zustände in den Gefängnis-
sen zu fordern. Die Regierung widersetzte sich energisch dieser
Forderung. So stimmten 36 Mitglieder für den Antrag Moores und
171 dagegen; eine würdige Ergänzung jener Abstimmungen, durch die
das Wahlrecht mit Füßen getreten wurde 1*).
Und das geschah unter dem Ministerium des scheinheiligen Glad-
stone! Sie sehen, daß Humanität und Gerechtigkeit diesem großen
Führer der Liberalen keinen Groschen wert sind. Es gibt also Ju-
dasse, die keine Brillen tragen.
Und hier ist noch ein anderer Fall, der England Ehre macht.
O'Leary, ein eingekerkerter Fenier zwischen sechzig und siebzig
Jahren, erhielt drei Wochen lang nur Wasser und Brot, weil er -
niemals würden es die Leser der "Marseillaise" erraten - sich
"Heide" nannte und es ablehnte, sich als Protestanten, Presbyte-
rianer, Katholiken oder Quäker zu bezeichnen. Man hatte ihn vor
die Alternative gestellt, sich für eine der Religionen zu ent-
scheiden oder für trockenes Brot. Von diesen fünf Übeln wählte
O'Leary oder "der Heide O'Leary", wie man ihn nennt, jenes Übel,
das ihm als das geringste erschien - Wasser und Brot.
Vor einigen Tagen hat ein Coroner (Justizbeamter, der im Namen
der Krone plötzlich eingetretene Todesfälle zu untersuchen hat),
nachdem er den Leichnam eines im Gefängnis von Spike Island ver-
storbenen Feniers untersucht hatte, in sehr scharfen Worten die
Behandlung verurteilt, die der Verstorbene zu erleiden hatte.
Am vergangenen Sonnabend verließ Gunner Hood, ein junger Ire, das
Gefängnis, in dem man ihn vier Jahre lang gefangengehalten hatte;
im Alter von 19 Jahren ließ er sich von der englischen Armee an-
werben und hatte für England in Kanada gedient. Weil er aufrühre-
rische Artikel geschrieben hatte, wurde er 1866 vor ein Militär-
gericht gestellt und zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als
das Urteil verkündet worden war, warf Hood seine Mütze in die
Luft und rief: "Es lebe die irische Republik!" Dieser Schrei aus
dem Inneren seines Herzens kam ihm teuer zu stehen. Man verur-
teilte ihn zu zwei weiteren Jahren Kerker und überdies zu 50
Peitschenhieben. Dieses Urteil wurde auf gräßlichste Art voll-
streckt. Hood wurde an einen Pflug gebunden, und man gab zwei
baumstarken Schmieden cat-o'-nine-tails - die französische Spra-
che enthält kein sinnverwandtes Wort für die englische Knute. Nur
die Russen und die Engländer finden darin eine gemeinsame Spra-
che! Gleiche Brüder - gleiche Knuten.
-----
1*) Siehe vorl. Band. S. 599-601
#581# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Herr Carey, Journalist, befindet sich gegenwärtig in dem für Gei-
steskranke bestimmten Teil eines Gefängnisses. Das Schweigen und
andere Arten der Tortur, die er hat ertragen müssen, haben ihn um
den Verstand gebracht und einen lebenden Leichnam aus ihm ge-
macht.
Oberst Burke, Fenier, ein Mann, der sich nicht nur durch seine
militärischen Verdienste in der amerikanischen Armee, sondern
auch als Schriftsteller und Maler ausgezeichnet hat, befindet
sich ebenfalls in einem beklagenswerten Zustand; er erkennt seine
nächsten Verwandten nicht mehr. Ich könnte dieser Liste irischer
Märtyrer noch viele Namen hinzufügen. Es genügt zu sagen, daß
seit dem Jahre 1866, als man im Büro des "Irish People" die Raz-
zia durchführte, 20 Fenier in den Kerkern des philanthropischen
England gestorben oder wahnsinnig geworden sind.
J. Williams
II
["La Marseillaise" Nr. 79 vom 9. März 1870]
London, den 5. März
In der Sitzung des Unterhauses vom 3. März wurde Herr Gladstone
von Herrn Stacpoole interpelliert wegen der Behandlung der einge-
kerkerten Fenier. Er sagte unter anderem, daß der Arzt Lyons aus
Dublin kürzlich erklärt habe,
"die Gefängnisordnung, die magere Kost, die persönlichen Be-
schränkungen und die anderen Strafen müßten eine permanente Ge-
sundheitsschädigung der Gefangenen verursachen".
Nachdem Herr Gladstone seine völlige Zufriedenheit mit der Be-
handlung der Gefangenen kundgetan hatte, krönte er seinen kleinen
Speech mit der geistreichen Bemerkung:
"Was die Gesundheit von O'Donovan Rossa anbelangt, so freue ich
mich sagen zu können, daß Frau O'Donovan Rossa glücklich war, bei
ihrem letzten Besuch feststellen zu können, das sich das Befinden
ihres Mannes, seinem Aussehen nach, gebessert habe."
Da erscholl von allen Bänken der ehrenwerten Versammlung homeri-
sches Gelächter! Der letzte Besuch! Beachten Sie bitte, daß Frau
O'Donovan Kossa seit Jahren von ihrem Gatten getrennt gewesen war
und durch Amerika zog, um das Brot für ihre Kinder zu verdienen,
indem sie öffentliche Vorlesungen über die englische Literatur
hielt.
Vergessen wir auch nicht, daß dieser Herr Gladstone, dessen
Scherze so überaus passend zu sein pflegen, der geradezu heilige
Verfasser der
#582# Beilagen
-----
"Prayers" (Gebete), der "Propagation of the Gospel" (Verbreitung
des Evangeliums), der "Functions of laymen in the church"
(Pflichten der Laien in der Kirche) und der erst kürzlich veröf-
fentlichten Moralpredigt "Ecce homo" ist.
Wird die große Zufriedenheit des obersten Kerkermeisters von sei-
nen Gefangenen geteilt? Lesen Sie die folgenden Auszüge aus einem
Briefe O'Donovan Rossas, der wie durch ein Wunder aus dem Gefäng-
nis heraus nach unglaublichen Verzögerungen in die Hände seines
Empfängers gelangt ist:
Brief Rossas
"Ich habe Ihnen von der Heuchelei dieser Herren Engländer er-
zählt, die mich unter Bedingungen vegetieren ließen, unter denen
ich hinknien und mich auf die Ellbogen stützen mußte, um meine
Nahrung zu mir zu nehmen; sie lassen mich hungern, berauben mich
des Tageslichts, geben mir Ketten und eine Bibel. Ich beklage
mich nicht über die Strafen, denen mich meine Herren auszusetzen
geruhen; es ist an mir, zu leiden; doch ich bestehe auf meinem
Recht, die Welt wissen zu lassen, welche Behandlung man mir zu-
teil werden läßt und daß meine Briefe, die von dieser Behandlung
sprechen, ungesetzlich lange zurückgehalten werden. Die kleinli-
chen Vorsichtsmaßnahmen, welche die Gefängnisbehörden getroffen
haben, um mich daran zu hindern, Briefe zu schreiben, sind ebenso
lächerlich wie abstoßend. Die schimpflichste Prozedur bestand
dann, daß sie mich monatelang jeden Tag einmal nackt ausgezogen
und Arme, Beine und alle meine Körperteile untersucht haben. Das
hat in Millbank täglich von Februar bis Mai 1867 stattgefunden.
Eines Tages lehnte ich es ab, mich auszuziehen. Darauf kamen fünf
Beamte, schlugen mich krumm und lahm und rissen mir die Kleider
vom Leibe.
Einmal habe ich einen Brief nach draußen schicken können; er hat
mir den Besuch der Herren Knox und Pollock, zweier Polizeibeamten
(Polizeirichter) eingetragen.
Welche Ironie, zwei Regierungsbeamte zu schicken, um die Wahrheit
über die englischen Gefängnisse festzustellen. Diese Herren lehn-
ten es ab, das Wichtige, das ich ihnen zu sagen hatte, zur Kennt-
nis zu nehmen. Wenn ich ein Thema berührte, das ihnen nicht zu-
sagte, hießen sie mich schweigen und sagten, die Gefängnisdiszi-
plin gehe sie nichts an. Nicht war, meine Herren Pollock, und
Knox? Als ich Ihnen sagte, daß man mich gezwungen habe, in dem
Wasser zu baden, das schon einem halben Dutzend englischer Gefan-
gener zum selben Zwecke gedient hatte, haben Sie es da nicht ab-
gelehnt, meine Beschwerde entgegenzunehmen?
In Chatham gab man nur eine bestimmte Menge Werg zu zupfen und
sagte mir, daß man mich hungern lassen werde, wenn ich meine Ar-
beit nicht bis zu einer bestimmten Stunde beendet habe.
- Vielleicht -, rief ich, - werden Sie mich ebenso bestrafen,
wenn ich meine Aufgabe erfülle. So ist es mir schon in Millbank
ergangen.
- Wie ist das möglich? - erwiderte der Kerkermeister.
Darauf erzählte ich ihm, daß ich am 4. Juli meine Aufgabe zehn
Minuten vor Ablauf der festgesetzten Zeit beendet hatte und da-
nach ein Buch in die Hand nahm. Der Beamte sah dies und beschul-
digte mich der Faulheit; man setzte mich auf Wasser und Brot und
sperrte mich für achtundvierzig Stunden in eine Dunkelzelle ein.
#583# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Eines Tages sah ich meinen Freund Edward Duffy. Er war sehr
bleich. Kurz darauf erfuhr ich, daß Daffy ernstlich krank sei und
den Wunsch ausgesprochen habe, mich zu sehen (wir waren in Irland
sehr eng miteinander befreundet). Ich bat den Direktor um die Er-
laubnis, Duffy besuchen zu dürfen. Er lehnte es glattweg ab. Das
war zur Weihnachtszeit 1867; einige Wochen später sagte mir ein
Gefangener ganz leise durch das Gitter meiner Zelle: 'Duffy ist
tot!'
Hätte sich etwas Derartiges in Rußland ereignet, welch patheti-
sche Erzählung hätten die Engländer daraus gemacht!
Wäre Herr Gladstone bei einem solchen Tode in Neapel zugegen ge-
wesen, was für ein Bild hätte er uns gemalt! Oh, ihr süßlichen
Pharisäer, die ihr mit der Scheinheiligkeit schachert, die Bibel
auf den Lippen und den Teufel im Leib habt!
Ich schulde John Lynch ein Wort des Gedenkens. Im März 1866 be-
fand ich mich mit ihm auf dem Gefängnishof. Man bewachte uns der-
art, daß er mir nur zuflüstern konnte: 'Die Kälte tötet mich.'
Was aber taten diese Engländer? Sie brachten uns einen Tag vor
Heiligabend nach London. Als wir im Gefängnis angekommen waren,
nahmen sie uns die Flanellunterwäsche weg und ließen uns monate-
lang in unseren Zellen vor Kälte zittern. Ja, sie können es nicht
leugnen, sie haben John Lynch umgebracht, und doch fanden sich
bei der Untersuchung Beamte, die bereit waren zu bezeugen, daß
Lynch und Duffy sehr milde behandelt worden seien.
Die Verlogenheit unserer englischen Unterdrücker übersteigt alles
Vorstellbare.
Wenn ich im Gefängnis sterben sollte, beschwöre ich meine Familie
und meine Freunde, nicht ein Wort von dem zu glauben, was diese
Menschen sagen. Man möge mich deshalb nicht etwa persönlicher Ge-
hässigkeit gegen diejenigen bezichtigen, die mich mit ihren Lügen
verfolgt haben. Ich klage nur die Tyrannei an, die die Anwendung
solcher Methoden erheischt.
Die Umstände erinnern mich öfters an folgende Worte Machiavellis:
'Die Tyrannen haben ein besonderes Interesse daran, die Bibel zu
verbreiten, damit die Masse des Volkes ihre Gebote befolgt und
sich ausplündern läßt, ohne den Räubern Widerstand zu leisten.'
Solange ein sklavisches Volk den Prinzipien der Moral und des Ge-
horsams huldigt, die ihm die Pfaffen predigen, brauchen die Ty-
rannen nichts zu befürchten.
Wenn dieser Brief in die Hände meiner Landsleute gelangt, habe
ich das Recht, zu fordern, daß sie ihre Stimme erheben, damit ih-
ren leidenden Brüdern Gerechtigkeit widerfahre. Mögen diese Worte
das Blut, das in ihren Adern am Gerinnen ist, aufpeitschen! ,
Man hat mich vor einen Karren gespannt und mir die Schlinge eines
Stricks um den Hals gelegt. Diese Schlinge war an einer langen
Stange befestigt, und zwei englische Gefangene hatten den Auf-
trag, den Karren am Kippen zu hindern; doch sie ließen ihn los,
die Stange hob sich nach oben, und die Schlinge löste sich. Hätte
sie sich aber zusammengezogen, wäre ich tot.
Ich behaupte, daß sie nicht das Recht haben, mich in eine Lage zu
versetzen, in der mein Leben von den Handlungen eines anderen ab-
hängt.
Ein Lichtstrahl dringt durch die Gitter und Riegel meines Ker-
kers. Es ist die Erinnerung an einen Tag, den ich in Newtownards
verbracht habe; hier bin ich Orangisten und Bandmännern begegnet,
die ihre Frömmelei vergessen hatten!
O'Donovan Rossa,
politischer Zuchthaussträfling" [450]
#584# Beilagen
-----
III
["La Marseillaise" Nr. 89 vom 19. März 1870]
London, den 16. März 1870
Der Brief O'Donovan Rossas, den ich Ihnen in meiner letzten Kor-
respondenz mitgeteilt habe, war das Ereignis der vergangenen Wo-
che.
Die "Times" hat den Brief ohne Kommentar widergegeben, die "Daily
News" hat einen Kommentar ohne den Brief gebracht.
"Wie zu erwarten war", schreibt diese Zeitung, "hat Herr
O'Donovan Rossa als Thema seines Briefes die Gefängnisordnung ge-
wählt, der er eine Zeitlang (for a while) unterworfen worden
ist."
Wie grausam ist dieses "eine Zeitlang", wenn man von einem Men-
schen spricht, der schon seit fünf Jahren eingekerkert ist und zu
lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wurde!
Herr O'Donovan Rossa beklagt sich unter anderem darüber, daß man
ihn "mit einem Strick um den Hals vor einen Karren gespannt
habe", und zwar auf solche Weise, daß sein Leben von den Bewegun-
gen englischer Zuchthäusler, seiner Gefährten, abhing.
"Aber ist es denn ungerecht", ruft die "Daily News" aus, "einen
Menschen in eine Lage zu bringen, in der sein Leben von den Hand-
lungen anderer abhängt? Hängt das Leben des Menschen in einem Wa-
gen oder auf einem Dampfer nicht auch von den Handlungen anderer
ab?"
Der fromme Kasuist wirft nach diesem Kraftstück O'Donovan Rossa
vor, daß er die Bibel nicht liebe und ihr das "Irish People" vor-
ziehe. Diese Gegenüberstellung von Bible 1*) und People 2*) ist
geeignet, seine Leser zu entzücken.
"Herr O'Donovan Rossa", fährt die Zeitung fort, "scheint sich
einzubilden, daß Gefangene, die ihre Strafe für aufrührerische
Schriften abbüßen, mit Zigarren und Tageszeitungen versorgt wer-
den und vor allem das Recht haben müßten, ungehindert mit ihren
Freunden zu korrespondieren."
Oh, Sie tugendhafter Pharisäer! Sie geben also endlich zu, daß
O'Donovan Rossa zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wor-
den ist wegen aufrührerischer Schriften und nicht, wie Sie nie-
derträchtig in Ihrem ersten Appell an die französische Presse zu
verstehen gegeben haben, wegen Mordanschlags auf Königin Victo-
ria.
"Schließlich", folgert diese unverschämte Zeitung, "wird
O'Donovan Rossa nur als das behandelt, was er ist, das heißt als
gewöhnlicher Zuchthäusler."
-----
1*) Bibel - 2*) Volk
#585# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Nach dem speziellen Organ des Herrn Gladstone nun eine andere Nu-
ance der liberalisierenden Presse, der "Daily Telegraph", der im
allgemeinen einen sehr groben Ton anschlägt.
"Wenn wir uns dazu herablassen", erklärt er, "von dem Briefe
O'Donovan Rossas Kenntnis zu nehmen, so tun wir dies nicht der
unverbesserlichen Fenier wegen, sondern ausschließlich zum Wohle
Frankreichs."
"Wisset also", sagt er, "daß Herr Gladstone erst vor wenigen Ta-
gen im Unterhaus all diese unverschämten Erfindungen formell de-
mentiert hat, und sicherlich würde es kein vernünftiger Franzose
wagen, welcher Partei oder Klasse er auch angehören mag, an die-
sem Wort eines englischen Gentleman zu zweifeln."
Aber selbst wenn es in Frankreich wider Erwarten Parteien oder
Menschen gäbe, die so verderbt wären, den Worten eines englischen
Gentleman wie des Herrn Gladstone keinen Glauben zu schenken, so
würde Frankreich zumindest den wohlwollenden Ratschlägen des
Herrn Levy nicht widerstehen können, der keineswegs ein Gentleman
ist und sich in folgenden Worten an Sie wendet:
"Wir raten unseren Nachbarn, den Parisern, alle Erzählungen von
Grausamkeiten, die angeblich an den politischen Gefangenen in
England begangen werden, als unverschämte Erfindungen zu werten."
Herr Levy möge mir gestatten, Ihnen eine neue Kostprobe davon zu
geben, welchen Wert die Worte jener Gentlemen haben, die das Ka-
binett Gladstone bilden.
Wie Sie sich erinnern werden, erwähnte ich im ersten Brief den
Oberst Richard Burke, einen eingekerkerten Fenier, der dank der
menschenfreundlichen Methoden der englischen Regierung dem Wahn-
sinn verfallen ist. Als erster hatte der "Irishman" diese Nach-
richt gebracht. Darauf wandte sich Herr Underwood in einem Brief
an Herrn Bruce, den Minister des Innern, worin er von ihm eine
Untersuchung der Behandlung der politischen Gefangenen forderte.
Herr Bruce antwortete darauf mit einem in den englischen Zeitun-
gen veröffentlichten Brief, in dem sich folgender Satz findet:
"Was Rickard Burke im Gefängnis von Woking anbelangt, so muß Herr
Bruce eine Untersuchung ablehnen, die sich auf solch vollkommen
unbegründete und extravagante Insinuationen stützt, wie sie die
Auszüge aus dem 'Irishman' enthalten, die Sie ihm geschickt
haben."
Diese Erklärung des Herrn Bruce ist mit dem 11. Januar 1870 da-
tiert. Jetzt veröffentlicht der "Irishman" in einer seiner letz-
ten Nummern die Antwort desselben Ministers auf einen Brief von
Madame Barry, der Schwester von Rickard Burke, die von ihm Nach-
richt über den "beunruhigenden" Zustand ihres Bruders verlangt
hat. Der Antwort des Ministers vom 24. Februar ist ein amtlicher
Bericht vom 11. Januar beigefügt, worin der Gefängnisarzt und der
spezielle Wächter Burkes erklären, daß letzterer dem
#586# Beilagen
-----
Wahnsinn verfallen ist. [451] Am gleichen Tage also, an dem Herr
Bruce die Mitteilungen des "Irishman" öffentlich als lügnerisch
und völlig unbegründet bezeichnete, hatte er die erdrückenden of-
fiziellen Beweise für deren Wahrhaftigkeit in seiner Tasche! Ne-
benbei sei noch bemerkt, daß Herr Moore, irisches Mitglied des
Unterhauses, den Minister wegen der Behandlung des Obersts Burke
interpellieren wird.
Das "Echo" [452], eine vor kurzem gegründete Zeitung, täuscht
einen noch stärkeren Liberalismus vor als seine Amtsbrüder. Es
hat sein eigenes Prinzip: das Prinzip, einen Sou zu kosten, wäh-
rend die anderen Zeitungen zwei, vier oder sechs Sous kosten.
Dieser Preis von einem Sou zwingt es einerseits zu pseudo-demo-
kratischen Glaubensbekenntnissen, um nicht die proletarischen
Abonnenten zu verlieren, und andererseits zu ständiger Behutsam-
keit, um die respektablen Abonnenten seiner Konkurrenten zu ge-
winnen.
In seinem langen Geschwätz über den Brief O'Donovan Rossas ver-
steigt es sich zu der bemerkenswerten Annahme, daß "sich viel-
leicht selbst die amnestierten Fenier weigern werden, den Über-
treibungen ihrer Landsleute zu glauben". Als ob nicht bereits
Herr Kickham, Herr Costello etc. Berichte über ihre Leiden im Ge-
fängnis veröffentlicht hätten, die mit dem Briefe von Rossa völ-
lig übereinstimmen! Doch dann berührt das "Echo" nach allen Aus-
flüchten und verworrenen Winkelzügen den wunden Punkt.
"Die Publikationen der 'Marseillaise'", erklärt es, "werden einen
Skandal hervorrufen, der um die ganze Welt gehen wird. Der konti-
nentale Verstand ist vielleicht zu beschränkt, um zwischen den
Missetaten eines Bomba 1*) und den strengen Maßnahmen eines Glad-
stone gerecht zu unterscheiden! Daher wäre es besser, eine Unter-
suchung durchzuführen etc."
Der "Spectator", ein liberalisierendes Wochenblatt im Fahrwasser
Gladstones, wird nach dem Prinzip redigiert, daß jedes Genre
schlecht ist außer dem langweiligen [453]. Deshalb wird er in
London die Zeitung der sieben Weisen genannt. Nachdem sie eine
Zusammenfassung des Briefes O'Donovan Rossas gegeben und diesen
wegen seiner Abneigung gegen die Bibel getadelt hat, kommt die
Zeitung der sieben Weisen zu folgendem Urteil:
"Der Fenier O'Donovan Rossa hat offenbar nicht mehr erdulden müs-
sen als jeder andere Zuchthäusler, doch wir müssen gestehen, daß
wir gern eine Änderung dieses Regimes sähen. Es ist völlig ge-
recht und oft auch sehr vernünftig, Rebellen erschießen zu las-
sen. Es mag auch noch gerecht sein, sie wie Verbrecher gefähr-
lichster Sorte einzusperren. Aber es ist weder gerecht noch
weise, sie zu erniedrigen."
Gut gesprochen, weiser Salomo!
-----
1*) Ferdinands II.
#587# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Kommen wir schließlich zum "Standard", dem führenden Organ der
Tones, der Konservativen. Sie wissen, daß die englische Oligar-
chie aus zwei Fraktionen besteht: aus der Landaristokratie und
der Plutokratie. Ergreift man bei ihren Familienstreitigkeiten
Partei für die Plutokraten gegen die Aristokraten, so wird man
liberal, ja sogar radikal genannt. Ergreift man umgekehrt Partei
für die Aristokraten gegen die Plutokraten, so ist man ein Tory.
Der "Standard" behandelt den Brief O'Donovan Rossas als eine apo-
kryphische Romanze, die wahrscheinlich von A. Dumas stammt.
"Warum hat die 'Marseillaise'", fragt das Blatt, "nicht hinzuge-
fügt, daß Herr Gladstone, der Erzbischof von Canterbury und der
Lord-Mayor jeden Morgen den Folterungen von O'Donovan Rossa bei-
wohnen?"
Im Unterhaus hat ein Mitglied des Parlaments die Partei der To-
ries als "stupid party" (stupide Partei) charakterisiert. Wahr-
lich, der "Standard" hat sich seinen Titel als führendes Organ
der stupiden Partei verdient!
Bevor ich diesen Brief beende, muß ich die Franzosen davor war-
nen, den Lärm der Zeitungen mit der Stimme des englischen Prole-
tariats zu verwechseln; diese Stimme kommt zum Unglück für die
beiden Länder, Irland und England, in der englischen Presse nicht
zum Ausdruck.
Es genügt zu sagen, daß über 200 000 Männer, Frauen und Kinder
der englischen Arbeiterklasse im Hyde Park die Befreiung ihrer
irischen Brüder gefordert haben und daß der Generalrat der Inter-
nationalen Arbeiterassoziation, der zu London residiert und aner-
kannte Führer der englischen Arbeiterklasse zu seinen Mitgliedern
zählt, die Behandlung der eingekerkerten Fenier aufs schärfste
gebrandmarkt hat und für die Rechte des irischen Volkes gegen die
englische Regierung eingetreten ist. [454]
P.S. Infolge der Veröffentlichung des Briefes O'Donovan Rossas
durch die "Marseillaise" befürchtet Gladstone, daß er von der öf-
fentlichen Meinung gezwungen wird, eine öffentliche parlamentari-
sche Untersuchung der Behandlung der politischen Gefangenen zu
veranlassen. Um dem noch einmal zu entgehen (wir wissen, wie
viele Male schon sein verkommenes Gewissen sich dem widersetzte),
hat dieser Diplomat soeben ein offizielles, aber anonymes Dementi
der von Rossa angeführten Tatsachen veröffentlicht. [455]
Die Franzosen sollen wissen, daß dieses Dementi nichts weiter als
eine Wiedergabe der Aussagen des Kerkermeisters und der Polizi-
sten Knox, Pollock etc. etc. ist. Diese Herren wissen sehr gut,
daß Rossa ihnen nicht antworten kann. Man wird ihn schärfer denn
je überwachen, aber ich werde ihnen im nächsten Briefe mit Tatsa-
chen antworten, deren Konstatierung nicht vom guten Willen der
Kerkermeister abhängt.
J. Williams
#588# Beilagen
-----
IV
["La Marseillaise" Nr. 91 vom 21. März 1870]
London, den 18. März 1870
Wie in meinem letzten Brief angekündigt, hat Herr Moore, irisches
Mitglied des Unterhauses, gestern das Ministerium wegen der Be-
handlung der eingekerkerten Fenier interpelliert. Er bezog sich
auf den Fall von Rickard Burke und vier anderen im Mountjoy-Ge-
fängnis (in Dublin) inhaftierten Gefangenen und fragte die Regie-
rung, ob sie es mit ihrer Ehre vereinbaren zu können glaube, die
Körper dieser Menschen festzuhalten, nachdem man sie ihrer Ver-
nunft beraubt hat? Schließlich bestand Herr Moore auf einer
"vollständigen, freien und öffentlichen Untersuchung".
Da befindet sich Herr Gladstone nun in einer Sackgasse. Im Jahre
1868 lehnte er kategorisch und voller Verachtung eine von demsel-
ben Herrn Moore geforderte Untersuchung ab. Seitdem antwortete er
auf die periodisch wiederholten Forderungen nach einer Untersu-
chung stets mit derselben Ablehnung.
Und weshalb sollte er heute nachgeben? Sollte er eingestehen, daß
ihn der Lärm jenseits des Kanals erschreckt? Was nicht noch! Was
die gegen "unsere" Bagno- und Gefängnisverwalter erhobenen An-
schuldigungen betrifft, so haben "wir" sie ersucht, sich hierzu
äußern zu wollen. Man hat uns einmütig geantwortet, das seien al-
les Märchen. Nun war unser ministerielles Bewußtsein natürlich
befriedigt. Aber nach den Erklärungen des Herrn Moore scheint es
doch - wörtlich -, "daß hier von einer vollkommenen Zufrieden-
stellung nicht die Rede sein kann". "Das beruhigte Gewissen der
Regierung" (the satisfaction of the minds of the government)
hängt von dem Vertrauen zu ihren Untertanen ab; "deshalb"
(therefore) wird es vernünftig und gerecht sein, eine Untersu-
chung über die Wahrheit der Behauptungen der Kerkermeister anzu-
stellen. [456[
"So ist der Mensch; er springt von einem zum anderen Ziele.
Was er am Abend gepriesen, das hat er am Morgen verurteilt.
Lästig dem anderen Menschen, vermag er kaum selbst seine Schwä-
chen
Noch zu ertragen; er wechselt die Tracht, er wechselt das Ur-
teil." [457]
Aber wenn er sich auch schließlich dazu bequemt, so geschieht es
doch nicht ohne Vorbehalt.
Herr Moore fordert eine "vollständige, freie und öffentliche Un-
tersuchung". Herr Gladstone antwortet ihm, daß er die Verantwor-
tung für die "Form" der Untersuchung trage, und wir wissen schon,
daß es keine "parlamentarische Untersuchung" sein wird, sondern
vielmehr eine Untersuchung durch eine königliche Kommission. Mit
anderen Worten, die Untersuchungsrichter in diesem großen Prozeß,
in dem Herr Gladstone der
#589# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Hauptangeklagte ist, werden von Herrn Gladstone selbst ausgewählt
und ernannt werden.
Was Rickard Burke anbelangt, so erklärt Herr Gladstone, daß sich
die Regierung schon am 9. Januar über seinen Wahnsinn habe infor-
mieren lassen. Demnach hat sein würdiger Amtsbruder Herr Bruce,
der Minister des Innern, frech gelogen, als er in seinem öffent-
lichen Brief vom 11. Januar behauptete, diese Tatsache sei erfun-
den. Aber, fährt Herr Gladstone fort, die Geistesstörung des
Herrn Burke sei nicht derart fortgeschritten, daß man ihn vom Ba-
gno befreien müßte. Man dürfe nicht vergessen, daß dieser Mann
bei der Sprengung des Clerkenwell-Gefängnisses [458] zugegen
gewesen ist. Wie denn? Rickard Burke war als Angeklagter im
Clerkenwell-Gefängnis eingekerkert, als andere Leute den Einfall
hatten, dieses Gefängnis in die Luft zu sprengen, um ihn zu
befreien. Er war also zugegen bei diesem törichten Versuch, als
dessen Urheber man die englische Polizei verdächtigt, - bei einem
Versuch, der ihn, wäre er geglückt, unter den Trümmern des
Gefängnisses begraben hätte! Übrigens, schließt Herr Gladstone,
haben wir schon zwei Fenier, die in unseren englischen Bagnos
irrsinnig geworden sind, in Freiheit gesetzt. Aber ich sprach,
unterbricht ihn Herr Moore, von den vier Geistesgestörten, die im
Mountjoy-Gefängnis in Dublin eingekerkert sind. Das tut nichts,
antwortete Herr Gladstone. Immerhin gibt es zwei Irrsinnige
weniger in unseren Gefängnissen!
Warum weicht Herr Gladstone so sorgsam jeder Erwähnung des Mount-
joy-Gefängnisses aus? Wir werden sehen, weshalb. Die Tatsachen
findet man diesmal nicht in Briefen von Gefangenen, sondern in
einem Blaubuch, das 1868 auf Anordnung des Parlaments veröffent-
licht wurde. [459]
Nach dem Fenierscharmützel [460] knebelte die englische Regierung
Irland mit einem Gesetz über die allgemeine Sicherheit. Jede Ga-
rantie der persönlichen Freiheit wurde dadurch aufgehoben. Jeder,
der "des Fenianis-mus verdächtigt wurde", konnte demnach ins Ge-
fängnis geworfen und ohne auch nur den Schein eines Gerichtsver-
fahrens nach dem Belieben der Behörden darin festgehalten werden.
Eines der mit diesen Verdächtigen überfüllten Gefängnisse war das
Mountjoy-Strafgefängnis in Dublin. Sein Inspektor war Joseph Mur-
ray und sein Arzt Herr M'Donnell. Was lesen wir nun in dem 1868
auf Anordnung des Parlaments herausgegebenen Blaubuch?
Zunächst richtete Herr M'Donnell monatelang Protestschreiben we-
gen der grausamen Behandlung der Verdächtigen an den Inspektor
Murray. Da der Inspektor nicht darauf antwortete, sandte Herr
M'Donnell drei oder vier Berichte an den Direktor des Gefängnis-
ses. In einem dieser Schreiben bezeichnet er
"verschiedene Personen" - ich zitiere wörtlich - "die unzweifel-
hafte Symptome von Irrsinn zeigen". Er fügt hinzu: "Ich zweifle
nicht im geringsten daran, daß dieser Irrsinn die Folge der Ge-
fängnisbehandlung ist. Abgesehen von jeder humanitären
#590# Beilagen
-----
Erwägung würde es eine ernste Affäre, wenn einer dieser Gefange-
nen, die doch nicht verurteilt, sondern nur verdächtig sind,
Selbstmord beginge."
Alle diese von Herrn M'Donnell an den Direktor gerichteten
Schreiben wurden von Joseph Murray unterschlagen. Schließlich
schrieb Herr M'Donnell direkt an Lord Mayo, den Minister des Vi-
zekönigs von Irland. Er schrieb u.a.:
"Niemand als Sie selber, Mylord, ist besser informiert über das
harte Regime, dem die eingekerkerten 'Verdächtigen' seit langem
ausgesetzt sind, ein Regime der Einzelhaft, das strenger ist als
das Regime, dem die Zuchthaussträflinge unterworfen werden."
Was war das Ergebnis dieser auf Anordnung des Parlaments veröf-
fentlichten Enthüllungen? Der Arzt, Herr M'Donnell, wurde seines
Amtes enthoben!!! Murray aber behielt seinen Posten.
All dies geschah zur Zeit des Tory-Ministeriums. Als es Herrn
Gladstone schließlich durch flammende Deklamationen, in denen er
die englische Regierung als die wahre Ursache des Fenianismus be-
zeichnete, geglückt war, Lord Derby und Herrn Disraeli zu ver-
drängen, bestätigte er nicht nur den blutdürstigen Murray in des-
sen Amt, sondern gab ihm als Beweis seiner besonderen Zufrieden-
heit zu seinem Inspektorposten noch eine einträgliche Sinekure
hinzu, das Amt eines "Registrar of habitual criminals" 1*)!
In meinem letzten Brief behauptete ich, daß die anonyme Antwort
auf Rossas Brief, die in den Londoner Zeitungen zirkulierte, di-
rekt vom Ministerium stamme.
Heute gesteht man ein, daß sie das Werk des Herrn Bruce, des In-
nenministers, ist. Da haben wir eine Kostprobe seines
"ministeriellen Gewissens"!
"Was Rossas Klage betrifft, daß er gezwungen sei, sich in dem
Wasser zu baden, das schon der Reinigung der Zuchthaussträflinge
gedient habe, so haben es die Kommissare Knox und Pollock", sagt
Herr Bruce, "nach gewissenhafter Untersuchung als überflüssig er-
klärt, sich mit solchen Absurditäten aufzuhalten."
Glücklicherweise ist der Bericht der Polizeibeamten Knox und Pol-
lock auf Anordnung des Parlaments veröffentlicht worden. Was sa-
gen sie auf Seite 23 ihres Berichts? Daß nach der Gefängnisord-
nung eine gewisse Anzahl von Zuchthaussträflingen dasselbe Bad
benutzen, einer nach dem anderen, und daß "der Wächter O'Donovan
Rossa nicht an erster Stelle baden lassen konnte, ohne die ande-
ren zu beleidigen". Es ist also "überflüssig, sich mit solchen
Absurditäten aufzuhalten".
Nach dem Bericht der Polizeibeamten Knox und Pollock besteht die
Absurdität also nicht, wie dies Herr Bruce behauptet, in der
Feststellung O'Donovan Rossas, daß er gezwungen sei, sich in dem
schmutzigen Wasser
-----
1*) "Registrators von Gewohnheitsverbrechern"
#591# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
der Zuchthaussträflinge zu baden. Vielmehr finden es diese Herren
einfach absurd, daß O'Donovan Rossa sich über diese Niedertracht
beklagt hat!
In derselben Sitzung des Unterhauses, in der sich Herr Gladstone
zu einer Untersuchung über die Behandlung der eingekerkerten Fe-
nier bereit erklärte, brachte er eine neue Coercion Bill für Ir-
land [461] ein, das heißt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung der
konstitutionellen Freiheiten und zur Einführung eines Gesetzes
über die allgemeine Sicherheit.
Einer theoretischen Fiktion zufolge ist die konstitutionelle
Freiheit die Regel und ihre zeitweilige Aufhebung die Ausnahme;
aber nach Brauch und Herkommen des englischen Regimes in Irland
bildet das Gesetz über die allgemeine Sicherheit die Regel und
die Verfassung die Ausnahme. Gladstone nimmt Agrarverbrechen zum
Vorwand, um über Irland erneut den Belagerungszustand zu verhän-
gen. Sein wahrer Beweggrund ist der Wunsch, die unabhängigen Du-
bliner Zeitungen zu unterdrücken. Von nun an werden also Leben
oder Tod jeder irischen Zeitung vom Gutdünken des Herrn Gladstone
abhängen. Übrigens war diese Coercion Bill die zwangsläufige Er-
gänzung der kürzlich von Herrn Gladstone eingeführten Land Bill
[306], dieses Gesetzes, das unter dem Vorwand, den Farmern zu
helfen, den irischen Landlordismus konsolidiert. Zur Charakteri-
sierung dieses Gesetzes genügt es zu sagen, daß es die Hand Lord
Dufferins erkennen läßt, der Mitglied des Kabinetts und irischer
Großgrundbesitzer ist. Erst im vorigen Jahre hat dieser Doktor
Sangrado ein dickes Buch veröffentlicht, in dem er den Beweis er-
bringen wollte, daß man die irische Bevölkerung noch nicht genü-
gend zur Ader gelassen habe, daß man sie noch um ein Drittel de-
zimieren müsse, auf daß Irland seine glorreiche Mission erfülle,
nämlich für die Herren Großgrundbesitzer die höchstmöglichen Ren-
ten zu erbringen und das Höchstmögliche an Fleisch und Wolle für
den englischen Markt zu produzieren.
J. Williams
V
["La Marseillaise" Nr. 99 vom 29. März 1870]
London, den 22. März
Es gibt in London ein im Volke sehr verbreitetes Wochenblatt mit
dem Titel "Reynolds's Newspaper" [462]. Diese Zeitung äußert sich
in folgender Weise über die irische Frage.
"Jetzt sehen die anderen Nationen in uns das scheinheiligste
Volk, das auf Erden existiert. Wir haben uns selbst so laut und
so begeistert gepriesen, haben die Vortrefflichkeit unserer In-
stitutionen derart übertrieben, daß wir uns nicht wundern dürfen,
wenn uns die anderen Völker verhöhnen, sobald unsere Lügen plat-
zen, und sich fragen,
#592# Beilagen
-----
wie so etwas möglich sei. Doch nicht das englische Volk trägt die
Schuld an diesem Stand der Dinge, denn auch das Volk ist ge-
täuscht und betrogen worden; die ganze Schuld fällt auf die herr-
schenden Klassen und die käufliche und parasitäre Presse."
Die Coercion Bill für Irland, die am Donnerstagabend eingebracht
wurde, ist eine verwerfliche, abscheuliche und verruchte Maß-
nahme. Sie erstickt den letzten Funken nationaler Freiheit in Ir-
land und knebelt die Presse dieses unglücklichen Landes, um seine
Zeitungen daran zu hindern, gegen eine Politik zu protestieren,
die eine Infamie und der Skandal unserer Epoche ist. Die Regie-
rung grollt allen Zeitungen, die ihre miserable Land Bill nicht
mit Begeisterung aufgenommen haben, und sie rächt sich nun hier-
für. Die Habeas-Corpus-Akte [304] wird faktisch aufgehoben, denn
künftig wird man die Personen, die nicht mehr imstande sind, ihr
Verhalten zur Zufriedenheit der Behörden zu erklären, für sechs
Monate oder sogar lebenslänglich einsperren können.
Irland ist der Gnade einer Bande gut dressierter Spione ausgelie-
fert, die man des Wohlklangs wegen "Detektive" nennt.
Kein Ukas Nikolaus' von Rußland gegen die unglücklichen Polen war
jemals grausamer, als es diese Bill des Herrn Gladstone gegen die
Iren ist. Das ist eine Maßnahme, durch die sich Herr Gladstone
das Wohlwollen des berühmten Königs von Dahomey [463] erworben
hätte. Und Gladstone wagt es noch, sich vor dem Parlament und der
Nation mit einer maßlosen Unverfrorenheit der großmütigen Politik
zu rühmen, die seine Regierung hinsichtlich Irlands durchzuführen
beabsichtigt. Am Ende seiner Rede vom Donnerstag hat sich Glad-
stone zu Ausdrücken des Bedauerns hinreißen lassen, die er mit
einer frömmlerischen und weinerlichen Feierlichkeit vortrug, wel-
che Seiner Hochwürden Herrn Stiggins alle Ehre gemacht hätte.
Aber er kann noch so große Krokodilstränen vergießen - das iri-
sche Volk wird sich dadurch nicht täuschen lassen.
Wir wiederholen es, die Bill ist eine schändliche Maßnahme, die
eines Castlereagh würdig wäre, eine Maßnahme, die den Abscheu je-
der freien Nation auf das Haupt derer lenken wird, die sie ausge-
heckt haben, und jener, die sie genehmigen und gutheißen. Es ist
schließlich eine Maßnahme, die das Ministerium Gladstone mit
wohlverdienter Schande bedecken und, wie wir aufrichtig hoffen,
zu seinem baldigen Sturz führen wird. Und wie bringt es der
demagogische Minister Herr Bright fertig, achtundvierzig Stunden
lang zu schweigen?
Wir erklären ohne Zaudern, daß sich Herr Gladstone als der erbit-
tertste Feind und erbarmungsloseste Machthaber erwiesen hat, der
Irland seit den Tagen des infamen Castlereagh unterdrückt hat.
Als ob das Maß der Schande des Ministeriums nicht schon zum Über-
fließen voll gewesen wäre, wurde im Unterhaus am Donnerstagabend
- am gleichen Abend, da die Coercion Bill eingebracht ward - be-
kanntgegeben, daß Burke und andere eingekerkerte Fenier in den
englischen Bagnos bis zum
#593# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Wahnsinn gefoltert worden sind; aber auch angesichts dieses
schrecklichen Geschehens beteuerten Gladstone und sein Schakal
Bruce hoch und heilig, daß die politischen Gefangenen mit aller
denkbaren Rücksicht behandelt worden seien. Als Herr Moore dem
Unterhaus diese unheilvolle Tatsache verkündete, wurde er laufend
durch Ausbrüche bestialischen Lachens unterbrochen. Hätte eine so
abstoßende und empörende Szene im amerikanischen Kongreß stattge-
funden, was für einen Schrei der Empörung hätten diese Leute er-
hoben!
Bisher haben die "Reynolds's Newspaper", die "Times", die "Daily
News", die "Fall Mall", der "Telegraph" etc. etc. die Coercion
Bill und besonders die Maßnahmen zur Vernichtung der irischen
Presse mit wildem Freudengeheul begrüßt. Und das in England, dem
anerkannten Heiligtum der Presse! Schließlich darf man es diesen
frischgebackenen Schreibern nicht allzu übelnehmen. Zugegeben,
daß es gar zu hart war, jeden Sonnabend sehen zu müssen, wie der
"Irishman" das Gewebe von Lügen und Verleumdungen zerstörte, das
all diese Penelopen während der sechs Wochentage im Schweiße
ihres Angesichts gesponnen hatten, und daß es ganz natürlich ist,
wenn sie mit frenetischem Beifall die Polizei begrüßen, die
soeben die Hände ihres furchtbaren Feindes gefesselt hat. Diese
Tapferen sind sich zumindest über ihren eigenen Wert im klaren.
Eine charakteristische Korrespondenz hat zwischen Bruce und Herrn
M'Carthy Downing über Oberst Rickard Burke stattgefunden. [464]
Bevor ich sie Ihnen mitteile, möchte ich ganz nebenher bemerken,
daß Herr Downing irisches Mitglied des Unterhauses ist. Dieser
ehrgeizige Advokat hat sich in die ministerielle Phalanx mit dem
erhabenen Ziele eingereiht, Karriere zu machen. Wir haben es also
hier nicht mit einem verdächtigen Zeugen zu tun.
22.Februar 1870
Sir,
wenn ich richtig informiert bin, ist Rickard Burke, einer der
eingekerkerten Fenier, der ehedem im Chatham-Gefängnis war, in
geisteskrankem Zustande nach Woking überführt worden. Im März
1869 nahm ich mir die Freiheit, Sie auf Burkes offensichtlich
schlechten Gesundheitszustand aufmerksam zu machen, und im Juli
desselben Jahres haben Herr Blake, ehemals Parlamentsmitglied für
Waterford, und ich Ihnen unsere Ansicht mitgeteilt, daß die
schlimmsten Folgen zu befürchten seien, wenn sich die Behandlung
seiner Person nicht ändere. Auf diesen Brief erhielt ich keine
Antwort. Wenn ich Ihnen schreibe, so geschieht dies aus Gründen
der Humanität, in der Hoffnung, die Freilassung Burkes zu erlan-
gen, damit seine Familie den Trost hätte, für ihn sorgen und
seine Leiden lindern zu können. In meinen Händen befindet sich
ein Brief, den der Gefangene am 3. Dezember an seinen Bruder ge-
schrieben hat; er schreibt darin, daß er systematisch vergiftet
werde; dies war, wie ich vermute, eine Phase seiner Krankheit.
Ich hoffe aufrichtig, daß Sie die Gefühle des Wohlwollens, für
die Sie bekannt sind, veranlassen mögen, diese Bitte zu erfüllen.
Genehmigen Sie etc.
M'Carthy Downing
#594# Beilagen
-----
25. Februar 1870
Ministerium des Innern
Sir,
Rickard Burke wurde aus Chatham überführt infolge seiner Einbil-
dung, daß er vergiftet oder durch die Amtsärzte des Gefängnisses
grausam behandelt werde. Gleichzeitig verschlechterte sich sein
Gesundheitszustand, ohne daß er an einer bestimmten Krankheit
litt. Deshalb gab ich Anweisung, ihn nach Woking zu überführen,
und ließ ihn durch den Arzt Meyers vom Broadmoor-Irrenhaus unter-
suchen, der der Ansicht war, daß Burkes Manie mit der Besserung
seines Gesundheitszustands verschwinden würde. Seine Gesundheit
hat sich rasch gebessert, und ein gewöhnlicher Beobachter würde
seine Geistesschwäche nicht bemerken. Es wäre mir sehr angenehm,
Ihnen die Hoffnung auf seine baldige Freilassung zu geben, allein
ich kann es nicht. Sein Delikt und die Folgen des zu seiner Be-
freiung unternommenen Versuchs waren zu schwerwiegend, als daß
ich eine solche Erwartung erwecken könnte. Indes wird alles ge-
schehen, was Wissenschaft und gute Behandlung vermögen, um ihm
seine geistige und physische Gesundheit wiederzugeben.
H. A. Bruce
28. Februar 1870
Sir,
seit dem Empfang Ihres Briefes vom 25. Februar als Antwort auf
meine Bitte, daß man Burke der Fürsorge seines Bruders überlassen
möge, habe ich gehofft, eine Gelegenheit zu finden, um mit Ihnen
im Unterhaus in dieser Angelegenheit zu sprechen, aber Sie waren
am Donnerstag und Freitag so beschäftigt, daß eine Zusammenkunft
nicht in Frage kam. Ich habe Briefe von Burkes Freunden erhalten.
Sie warten voller Unruhe auf den Erfolg meiner Bitte. Ich habe
ihnen noch nicht mitgeteilt, daß sie erfolglos war. Bevor ich sie
enttäusche, halte ich es für gerechtfertigt, Ihnen noch einmal in
dieser Angelegenheit zu schreiben. Mir scheint, daß ich mir als
Mann, der immer und obendrein nicht ohne einiges persönliche Ri-
siko den Fenianismus verurteilt hat, erlauben kann, der Regierung
einen unparteilichen und freundschaftlichen Rat zu geben.
Ich erkläre ohne Zaudern, daß die Freilassung eines politischen
Gefangenen, der dem Wahnsinn verfallen ist, von einer großmütigen
Öffentlichkeit nicht kritisiert, noch weniger verurteilt würde.
In Irland wird man sagen: "Nun, so ist denn die Regierung gar
nicht so grausam, wie wir glaubten." Wenn andererseits Burke im
Gefängnis festgehalten wird, gäbe das der nationalen Presse neuen
Stoff zu Angriffen gegen die Regierung; man wird ihr vorwerfen,
noch grausamer zu sein als die neapolitanischen Herrscher in ih-
ren schlimmsten Tagen, und ich gestehe, daß ich nicht einzusehen
vermag, wie Menschen mit gemäßigten Ansichten eine Ablehnung in
solchem Falle verteidigen könnten...
M'Carthy Downing
Sir,
ich bedaure, die Freilassung Burkes nicht empfehlen zu können.
Allerdings haben sich bei ihm Anzeichen von Wahnsinn gezeigt, und
ich hielte es in einem gewöhnlichen Falle für gerechtfertigt, ihn
der Gnade der Krone zu empfehlen. Aber sein Fall ist kein gewöhn-
licher; nicht allem die Tatsache, daß er ein eingefleischter Ver-
schwörer gewesen ist, sondern auch seine Teilnahme an der Spren-
gung in Clerkenwell -
#595# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
deren Folgen noch verheerender gewesen wären, wenn sie geglückt
wäre - machen ihn selbst in seiner jetzigen Lage "nicht geeignet
zur Begnadigung" (improper recipient of pardon).
H. A. Bruce
Welch beispiellose Niedertracht! Bruce weiß sehr wohl, daß Oberst
Burke, wenn auch nur der Schatten eines Verdachts gegen ihn wäh-
rend des Prozesses in Sachen des Attentats von Clerkenwell be-
standen hätte, an der Seite Barretts gehenkt worden wäre; zum
Tode verurteilt wurde dieser doch auf die Aussage eines Mannes
hin, der vorher drei andere Männer dieses Verbrechens vorsätzlich
beschuldigt hatte; und dieses Urteil wurde ausgesprochen trotz
der Zeugenaussagen von acht Bürgern, die eigens aus Glasgow
herbeigereist waren, um zu beweisen, daß sich Barrett in dieser
Stadt befand, als die Sprengung erfolgte. Die Engländer genieren
sich nicht (Herr Bruce kann das bestätigen), wenn es darum geht,
einen Menschen - insbesondere einen Fenier - zu henken.
Aber diese ganze Aufhäufung von Grausamkeiten vermag nichts gegen
den unbeugsamen Geist der Iren. Sie haben soeben in Dublin demon-
strativer denn je ihr Nationalfest des Heiligen Patrick gefeiert.
Die Häuser waren mit Fahnen geschmückt, auf denen geschrieben
stand: "Irland den Iren!", "Freiheit!", "Es leben die politischen
Gefangenen!", und mächtig ertönten nationale Gesänge und die -
Marseillaise.
J. Williams
VI
Das Agrarverbrechen in Irland
["La Marseillaise" Nr. 113 vom 12. April 1870]
London, den 2. April 1870
In Irland wird die Ausplünderung, ja selbst die Ausrottung des
Bauern und seiner Familie durch den Grundherrn als Eigentumsrecht
bezeichnet, während die Auflehnung des verzweifelten Bauern gegen
seinen erbarmungslosen Henker Agrarverbrechen genannt wird. Diese
Agrarverbrechen (agrarian outrages), die übrigens sehr dünn ge-
sät, aber im Kaleidoskop der auf Befehl handelnden englischen
Presse unendlich vervielfacht und übertrieben worden sind, haben,
wie Sie wissen, den Vorwand geliefert, um das Regime des weißen
Terrors in Irland zu erneuern. Andererseits versetzt dieses Ter-
rorregime die Grundbesitzer in die Lage, ihre Unterdrückungsmaß-
nahmen ungestraft zu verstärken.
Wie ich bereits gesagt habe, hat die Land Bill unter dem Vorwand
der Hilfe für den Bauern den Landlordismus konsolidiert. Dennoch
war
#596# Beilagen
-----
Gladstone, um Sand in die Augen zu streuen und sein Gewissen zu
beruhigen, gezwungen, dem auf dem Lande herrschenden Despotismus
diese neue Lebensfrist nur unter der Bedingung zu gewähren, wenn
einige gesetzliche Formalitäten erfüllt würden. Es wird genügen,
wenn man sagt, daß die Willkür der Landlords nach wie vor Geset-
zeskraft haben wird, wenn es ihnen gelingen sollte, ihren Jah-
respächtern (tenants at will) Phantasie-Renten aufzuerlegen, die
niemand bezahlen kann, oder wenn sie es im Falle von Pachtverträ-
gen verstehen, ihre Pachtbauern Verträge über freiwillige Sklave-
rei unterschreiben zu lassen!
Und wie sich die Landlords darüber von Herzen freuen! Der "Free-
man" [465], eine Dubliner Zeitung, veröffentlicht einen Brief von
Pater P. Lavelle, dem Verfasser des Buches "Irish landlord since
the revolution"; in dem Brief heißt es:
"Ich habe Berge von Briefen gesehen, die ein Großgrundbesitzer,
ein wackerer Kapitän, ein 'Absentee' [347], der in England wohnt,
an seine Pächter geschrieben hat, worin er ihnen mitteilt, daß
ihre Pachtzahlungen künftig um 25% erhöht würden. Das kommt
ebenso vielen Exmittierungsbescheiden gleich! Und das von einem
Manne, der dem Lande keinen anderen Dienst leistet, als daß er
alljährlich dessen Mark aufzehrt!"
Der "Irishman" veröffentlicht andererseits die neuen Pachtver-
träge, die von Lord Dufferin, einem Mitglied des Gladstone-Kabi-
netts, diktiert worden sind, demselben Lord Dufferin, der die
Land Bill angeregt und die Coercion Bill dem Oberhaus vorgelegt
hat. Man pfropfe auf die feudale Unverschämtheit die habgierige
Berechnung eines erfahrenen Wucherers und die gemeine Schikane
eines Winkeladvokaten, und man erhält eine annähernde Vorstellung
von den neuen Pachtverträgen, die von diesem noblen Dufferin aus-
geheckt worden sind!
Man versteht jetzt, daß das Terrorregime gerade zur rechten Zeit
kam, um das Regime der Land Bill einzuweihen! Nehmen wir zum Bei-
spiel an, in irgendeiner Grafschaft Irlands lehnten es die Bauern
ab, sich die Pachtzahlungen um 25% erhöhen zu lassen oder Pacht-
verträge Dufferins zu unterschreiben! Dann werden sich die Grund-
herren der Grafschaft, wie das bereits der Fall war, durch ihre
Kammerdiener oder irgendwelche Polizisten anonyme Drohbriefe
schreiben lassen. Das ergibt ebensoviele "Agrarverbrechen". Die
Grundherren berichten darüber Lord Spencer, dem Vizekönig. Lord
Spencer verhängt über den Bezirk das Regime der Coercion-Akte,
und dann gehen dieselben Landlords als Vertreter der Behörden
daran, die Akte gegen ihre eigenen Pächter anzuwenden!
Die Journalisten, die unvorsichtig genug sind, zu protestieren,
werden nicht nur wegen Aufruhrs verfolgt, sondern man konfisziert
ihnen außerdem ohne jedes Rechtsverfahren die gesamte Einrichtung
ihrer Druckerei!
Man wird jetzt vielleicht verstehen, warum das Haupt Ihrer Exeku-
tive 1*)
-----
1*) Napoleon III.
#597# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Gladstone zu den Verbesserungen gratuliert hat, die er in Irland
einzuführen begann, und warum Gladstone das Kompliment erwidert
hat, indem er Ihrer Exekutive zu den konstitutionellen Konzessio-
nen gratulierte. "Einen Roland für einen Olivier!" [466] werden
Ihre Leser sagen, die Shakespeare kennen, aber andere, die mehr
in der Lektüre des "Moniteur" als in der Shakespeares bewandert
sind, werden sich an den Brief erinnern, den das Haupt Ihrer Exe-
kutive an den verstorbenen Lord Palmerston gerichtet hat und
worin es hieß: "Handeln wir nicht als Strauchdiebe!"
Ich komme nun auf die Frage der politischen Gefangenen zurück,
und das aus gutem Grunde.
In England hat der erste Brief Rossas, der in der "Marseillaise"
veröffentlicht wurde, große Wirkung erzielt - er hatte eine Un-
tersuchung zur Folge.
In den Vereinigten Staaten haben alle Zeitungen folgende Depesche
veröffentlicht:
"Die 'Marsellaise' behauptet, daß O'Donovan Rossa einmal täglich
nackt ausgezogen und untersucht wurde, daß man ihn aushungert,
ihn in eine dunkle Zelle sperrt, vor einen Karren spannt und daß
der Tod seiner Kameraden durch die Kälte verursacht ward, der sie
ausgesetzt worden sind."
Der New-Yorker Korrespondent des "Irishman" schreibt:
"Die 'Marseillaise' von Rochefort hat dem amerikanischen Volke
die Leiden der eingekerkerten Fenier vor Augen geführt. Wir
schulden der 'Marseillaise' Dank dafür, und ich hoffe, daß diese
Dankesschuld bereitwilligst beglichen werden wird." [467]
Auch deutsche Zeitungen haben den Brief Rossas abgedruckt.
Künftig wird die englische Regierung ihre Schändlichkeiten nicht
mehr in aller Stille begehen können. Herr Gladstone mag sich wohl
bemühen, die irische Presse zu knebeln - er wird dadurch nichts
gewinnen. Ein in Irland eingekerkerter Journalist wird durch Hun-
derte von Journalisten in Frankreich, in Deutschland, in Amerika
ersetzt werden.
Was vermag des Herrn Gladstone beschränkte und überlebte Politik
gegen den internationalen Geist des neunzehnten Jahrhunderts?
J. Williams
VII
Der Tod von John Lynch
["La Marseillaise" Nr. 118 vom 17. April 1870] Bürger Redakteur!
Bürger Redakteur!
Ich übermittle Ihnen Auszüge aus einem Brief, den ein irischer
politischer Gefangener während seiner Haft in einer australischen
Strafkolonie (jetzt ist er in Freiheit) an den "Irishman"
schrieb.
#598# Beilagen
-----
Ich beschränke mich darauf, die Episode mit John Lynch zu über-
setzen.
Brief John Caseys
"Hier ist ein kurzer und unparteilicher Bericht über die Behand-
lung, der wir, meine verbannten Kameraden (vierundzwanzig an der
Zahl) und ich, während unserer Einkerkerung in dieser Schreckens-
höhle, diesem Grabe für Lebende, wie man das Portland-Gefängnis
nennt, ausgesetzt waren.
Vor allem ist es meine Pflicht, dem Gedenken meines Freundes John
Lynch, der durch ein Sondergericht im Dezember 1865 verurteilt
wurde und im April 1866 im Woking-Gefängnis starb, meine Ehrer-
bietung zu erweisen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Welcher Ursache auch die Sachverständigen seinen Tod zugeschrie-
ben haben mögen, ich behaupte und bin imstande, dafür Beweise zu
liefern, daß sein Tod durch die Grausamkeit der Gefängniswärter
beschleunigt worden ist.
Mitten im Winter dreiundzwanzig Stunden von vierundzwanzig in ei-
ner kalten Zelle eingesperrt zu sein; ungenügend bekleidet zu
sein; auf einer harten Pritsche schlafen zu müssen mit einem
Holzklotz als Kopfkissen und zwei gebrauchten Decken, die unge-
fähr zehn Pfund wiegen und den einzigen Schutz gegen die übermä-
ßige Kälte bilden; durch eine unsagbar raffinierte Grausamkeit
selbst der Möglichkeit beraubt zu sein, sich mit den eigenen
Kleidern den frierenden Leib zu bedecken, weil wir die Kleidungs-
stücke vor die Tür unserer Zelle legen mußten; einer ungesunden
und ungenügenden Ernährung unterworfen zu sein; zur Bewegung nur
einen dreiviertelstündigen Spaziergang täglich zu haben, und das
in einem Käfig von etwa 20 Fuß Länge und 6 Fuß Breite, der für
die niederträchtigsten Schufte bestimmt ist - das sind Entbehrun-
gen und Leiden, die selbst eine eisenharte Natur zerbrechen müs-
sen. Es wird Sie daher auch keineswegs verwundern, daß ein so
zarter Mensch wie Lynch dort fast sofort zugrunde ging.
Bei seiner Ankunft im Gefängnis bat Lynch darum, seine Flanellun-
terwäsche behalten zu dürfen. Seine Bitte wurde schroff
abgelehnt. 'Wenn Sie es mir verweigern, werde ich noch vor Ablauf
dreier Monate tot sein', antwortete er darauf. Ach, ich ahnte
nicht, daß dies eine Prophezeiung war; ich konnte mir nicht
vorstellen, daß Irland so bald einen seiner treuesten,
glühendsten und edelsten Söhne verlieren sollte, daß ich selbst
einen in jeder Hinsicht bewährten Freund verlieren würde.
Anfang März bemerkte ich, daß mein Freund sehr krank aussah, und
eines Tages benutzte ich die vorübergehende Abwesenheit des Ker-
kermeisters, um Lynch nach seiner Gesundheit zu fragen. Er ant-
wortete mir, daß er am Sterben sei; er habe mehrmals den Arzt
aufgesucht, dieser habe jedoch seinen Klagen überhaupt keine Auf-
merksamkeit geschenkt. Sein Husten war so heftig, daß ich ihn Tag
und Nacht durch die öden Korridore schallen hörte, obwohl ich in
einer sehr weit von Lynch entfernten Zelle untergebracht war. So-
gar ein Kerkermeister sagte mir: 'Der Gefangene von Nummer 7 wird
bald am Ende sein, er gehört seit einem Monat ins Spital. Dort
habe ich viele Male gewöhnliche Gefangene gesehen, die sich hun-
dertmal besser fühlten als er.'
Eines Tages im Monat April bemerkte ich von meiner Zelle aus die
Gestalt eines Gespenstes, das sich mit Mühe dahinschleppte und
sich an den Gitterstäben festhielt, um sich aufrecht zu halten,
das Gesicht totenblaß, die Augen erloschen, die Wangen
#599# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
eingefallen. Das war Lynch. Ich hätte ihn kaum wiedererkannt,
hätte er mich nicht angesehen, mir zugelächelt und auf die Erde
gewiesen, als wollte er mir sagen: 'Mit mir geht es zu Ende.'
Es war das letzte Mal, daß ich Lynch sah."
Das gleiche berichtete schon Rossa über Lynch; durch Caseys Zeug-
nis wird dies jetzt bekräftigt. Und dabei darf man nicht verges-
sen, daß Rossa seinen Brief in einem englischen Gefängnis ge-
schrieben hat, während Caseys Brief in einer australischen Straf-
kolonie geschrieben wurde; somit war jede Verbindung zwischen ih-
nen unmöglich. Dennoch hat die Regierung kürzlich behauptet, daß
die Feststellungen Rossas Lügen seien. Bruce, Pollock und Knox
erklären sogar, "Lynch wäre Flanellwäsche gegeben worden, noch
bevor er darum gebeten hätte".
Andererseits stellt Herr Casey ebenso entschieden fest, wie Bruce
es leugnet, daß Lynch sich beklagt hat, "man habe seine Bitte
noch zurückgewiesen, selbst als er außerstande war zu gehen und
in der entsetzlichen Einsamkeit seiner Zelle bleiben mußte".
Doch wie Herr Laurier in seiner schönen Rede gesagt hat:
"Lassen wir das Zeugnis der Menschen beiseite, und lassen wir
Zeugen sprechen, die nicht lügen, Zeugen, die nicht täuschen, die
stummen Zeugen." [468]
Tatsache ist, daß Lynch nach Pentonville in der Blüte seiner
Jahre kam, voller Lebenskraft und Hoffnung, und daß dieser junge
Mensch drei Monate später ein Leichnam war.
Solange die Herren Gladstone, Bruce und ihre willige Polizeimeute
nicht bewiesen haben werden, daß Lynch nicht gestorben ist, sind
ihre Schwüre pure Zeitvergeudung,
J. Williams
VIII
Brief aus England
["La Marseillaise" Nr. 125 vom 24. April 1870]
London, den 19. April 1870
"Laßt nicht die Pfaffen an die Politik" - dieser Ruf ertönt jetzt
überall in Irland.
Die große Partei, die sich seit dem "disestablishment" der prote-
stantischen Kirche 1*) mit allen Kräften dem Despotismus der ka-
tholischen Kirche widersetzt hat. wächst von Tag zu Tag mit be-
wundernswerter Schnelligkeit und hat soeben den Klerus auf der
ganzen Linie geschlagen.
-----
1*) der "Trennung" der protestantischen Kirche "vom Staat"
#600# Beilagen
-----
Bei der Wahl in Longford hat Herr Greville-Nugent, Kandidat des
Klerus, über den Kandidaten des Volkes, John Martin, den Sieg da-
vongetragen, aber die Nationalisten bestritten die Gültigkeit
seiner Wahl wegen der illegalen Mittel, die dabei angewandt wur-
den, und es ward ihnen von ihren Gegnern Genugtuung. Die Wahl Nu-
gents wurde von dem Richter Fitzgerald für ungültig erklärt, der
die Agenten Nugents, das heißt die Pfaffen, für schuldig befand,
die Wähler dadurch bestochen zu haben, daß sie das Land nicht mit
dem Heiligen Geist, sondern mit Weingeist überschwemmten. Wie es
scheint, haben die hochehrwürdigen Väter in einem einzigen Monat,
vom 1. Dezember bis zum 1. Januar, 3500 Pfund Sterling für
Branntwein ausgegeben!
Der "Standard" läßt sich zu folgenden, recht seltsamen Bemerkun-
gen über die Wahl in Longford hinreißen:
"Für ihre Verachtung der Einschüchterungen durch die Pfaffen",
sagt das Organ der "stupid party" 1*), "verdienen die Nationali-
sten gelobt zu werden... Der große Sieg, den sie errungen haben,
wird sie ermutigen, erneut Kandidaten gegen Herrn Gladstone und
seine ultramontanen Verbündeten aufzustellen."
Die "Times" schreibt:
"Vom bischöflichen Dekret aus der Ewigen Stadt bis zum Ränkespiel
der ländlichen Pfaffen stellte sich die ganze Macht der Kirche
geschlossen gegen den Fenianismus und die Nationalisten. Unglück-
licherweise war dieser Eifer nicht mit Klugheit gepaart und wird
daher eine zweite Schlacht von Longford zur Folge haben."
Die "Times" hat recht. Die Schlacht von Longford wird erneut be-
ginnen, und ihr werden die Schlachten von Waterford, Mallow und
Tipperary folgen, da die Nationalisten dieser drei Provinzen
ebenfalls Eingaben eingereicht haben, um die Wahl der offiziellen
Abgeordneten rückgängig zu machen. In Tipperary ist zuerst
O'Donovan Rossa gewählt worden, da das Parlament ihn aber für un-
fähig erklärte, Vertreter von Tipperary zu sein, schlugen die Na-
tionalisten an seiner Stelle Kickham vor, einen der patriotischen
Fenier, der gerade aus einem englischer Bagno entlassen worden
ist. Jetzt erklären die Wähler Kickhams, ihr Kandidat sei recht-
mäßig gewählt worden, obwohl Heron, der Kandidat der Regierung
und der Pfaffen, eine Majorität von vier Stimmen hat.
Man muß wissen, daß einer dieser vier Wähler, die Heron eine
Stimmenmehrheit verschafften, ein armer Geisteskranker ist, den
ein ehrwürdiger Pater zur Wahlurne geführt hat; Sie kennen die
Vorliebe der Pfaffen für die geistig Armen, denn ihrer ist das
Himmelreich. Und sein zweiter Wähler ist ein Leichnam! Jawohl.
Die ehrenhafte und gemäßigte Partei hat es gewagt, den Namen ei-
nes zwei Wochen vor der Wahl gestorbenen Mannes zu schänden, in-
dem sie ihn für einen Gladstone-Kandidaten stimmen ließ.
-----
1*) "stupiden Partei"
#601# Artikel von Jenny Marx zur irischen Frage
-----
Außerdem erklären die patriotischen Wähler, daß elf von ihren
Stimmen zurückgewiesen worden sind, weil der erste Buchstabe des
Namens Kickham unleserlich geschrieben wäre, daß ihre Telegramme
unterdrückt worden sind, daß die Behörden nach allen Seiten hin
bestochen haben und daß man zu einem System gemeiner Einschüchte-
rung gegriffen hat.
Der in Tipperary ausgeübte Druck wird selbst in der Geschichte
Irlands ein unerhörter Vorfall bleiben. Der Amtmann und der Poli-
zeiagent, diese Personifikationen der Exmittierungsbefehle, um-
lauerten die Hütten der Pächter, um deren Frauen und Kinder zu
erschrecken. Die Baracken, in denen man wählen mußte, waren von
Polizei, Soldaten, Beamten, Landlords und Pfaffen umstellt.
Letztere schlugen mit Steinen auf Leute ein, die gerade im Be-
griff waren, Wahlplakate für Kickham anzubringen. Zu guter Letzt
hatte man den Wucherer in der Baracke selbst Platz nehmen lassen,
der seine unglücklichen Schuldner mit den Augen verschlang, wäh-
rend diese wählten. Aber die Regierung ward um die Früchte ihres
Einfalls betrogen. Eintausendsechshundertachtundsechzig kleine
Pächter trotzten ihr und gaben offen, da kein Wahlgeheimnis sie
schützte, ihre Stimmen für Kickham!
Dieser Akt des Mutes erinnert uns an die heroischen Kämpfe der
Polen.
Wagt es noch einer angesichts der in Longford, Mallow, Waterford
und Tipperary gelieferten Schlachten zu behaupten, daß die Iren
niedrige Sklaven des Pfaffengeschmeißes seien?
J. William
Aus dem Französischen.
zurück