Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870


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       Karl Marx
       
       Der "Präsident der Menschheit" [81]
       
       ["Berliner Reform" Nr. 88 vom 13. April 1865]
       Bei meiner  Rückkehr von  Holland nach London präsentiert mir der
       "Social-Demokrat" in  Nr. 39 einen von Herrn Bernh. Becker eigen-
       händig gebackenen  Asafötida-Kuchen, größtenteils  aus  Vogtschen
       Verleumdungskrumen zusammengesetzt. Die gerichtlich dokumentierte
       Widerlegung der  Vogtschen  Lügenmärchen  findet  man  in  meiner
       Schrift "Herr  Vogt", London  1860  1*). Ganz wider seine Gewohn-
       heit jedoch begnügt sich Herr Bernhard Becker, der "Präsident der
       Menschheit", diesmal nicht bloß mit der Abschreiberei. Zum ersten
       Mal in seinem Leben versucht er, auch etwas Eigenes zu geben.
       
       "Ja, Marx", sagt der "Präsident der Menschheit", "versetzte durch
       Dronke für 1000 Tlr. ein Manuskript, welches der preußische Poli-
       zeikommissar Stieber, der in London unter den Flüchtlingen herum-
       spionierte, auslöste."
       
       Und dreimal  im Lauf  seines selbstmündlichen  Präsidialvortrages
       kehrt unser  Bernhard Becker  mit stets wachsender Heiterkeit zu-
       rück zu dieser "Tatsache".
       Seite 124  meines "Herrn  Vogt" sage  ich in einer Note 2*): "Ich
       selbst hatte  Bangya mit  seinem damaligen  Freunde, dem jetzigen
       General Türr, 1850 in London kennengelernt. Den Verdacht, den mir
       seine Mogeleien mit allen möglichen Parteien - Orleanisten. Bona-
       partisten  usw.   -  und   sein  Umgang   mit  Polizisten   jeder
       'Nationalität' einflößten, schlug er einfach nieder durch Vorzei-
       gung eines  ihm von  Kossuth eigenhändig  ausgefertigten Patents,
       worin er,  früher schon provisorischer Polizeipräsident zu Komorn
       unter Klapka,  zum Polizeipräsidenten  in partibus  [83] bestallt
       war. Geheimer  Polizeichef im  Dienste der  Revolution, mußte  er
       sich natürlich
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       1*) Siehe Band 14 unserer Ausgabe - 2*) ebenda S. 574/575
       
       #92# Karl Marx
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       die Zugänge  zur Polizei  im Dienste der Regierungen 'offen' hal-
       ten. Im  Laufe des  Sommers 1852  entdeckte ich, daß er ein Manu-
       skript, das  ich ihm zur Besorgung an einen Buchhändler in Berlin
       anvertraut, unterschlagen  und einer  deutschen Regierung  in die
       Hände gespielt  hatte. [83]  Nachdem ich  über diesen Vorfall und
       andere mir  längst auffällige  Eigentümlichkeiten des  Mannes  an
       einen Ungarn"  (Szemere) "zu  Paris  geschrieben  und  durch  die
       Intervention  einer  dritten,  genau  unterrichteten  Person  das
       Mysterium Bangya  völlig  gelöst  worden  war,  sandte  ich  eine
       öffentliche Denunziation,  unterzeichnet mit meinem Namen, Anfang
       1853 der 'New-Yorker Criminal-Zeitung' zu [84]."
       Der "Präsident der Menschheit" hat offenbar die ausführliche, von
       mir vor 13 Jahren in der "New-Yorker Criminal-Zeitung" veröffent-
       lichte Denunziation  Bangyas, der  damals noch  zu London hauste,
       nicht gelesen. Er hätte sonst wohl seine Dichtung dem Tatbestande
       etwas näher angeschmiegt. So überläßt er sich ganz dem Spiel sei-
       ner holden  Phantasie, und  was lag  der näher  als die angenehme
       Ideenassoziation von  London und Versetzen? Doch stehe ich dafür,
       daß Bernhard Becker niemals seine Manuskripte versetzt hat.
       Der "Präsident der Menschheit" geruhte ferner hinzuzufügen,
       
       "daß Marx  beim Entstehen des Wiener 'Botschafters', des offiziö-
       sen Organs  der österreichischen Regierung, mich" (eben denselbi-
       gen Bernhard  Becker) "als Korrespondenten für denselben gewinnen
       wollte, indem  er mir  den offiziösen Charakter des auftauchenden
       Blattes, das,  wie er  sagte, ihm  zugeschickt worden  war,  ver-
       schwieg und  im Gegenteil  betonte, daß ich ganz rote 1*) Artikel
       hineinliefern dürfe".
       
       Herr Bernhard  Becker,  der  damals  noch  nicht  "Präsident  der
       Menschheit" war, auch die unverbrüchliche Gewohnheit besaß, "ganz
       blasse Artikel"  in den  Londoner "Hermann"  zu  kritzeln,  über-
       raschte mich (ich hatte ihn vorher nur ein- oder zweimal zufällig
       gesehen), kurz  bevor er sich aus sicheren Gründen still aus Lon-
       don wegstahl, eines schönen Abends mit einem leibhaftigen Besuche
       in meinem  Hause. Er  winselte mir  kläglich sein Mißgeschick vor
       und fragte  an, ob ich ihm Korrespondenzen zur Hilfe aus bitterer
       Not verschaffen  könne? Ich  erwiderte, Herr  Kolatschek habe vor
       einigen Tagen Herrn S. Borkheim, politischen Flüchtling und Kauf-
       mann in der City, die Gründung eines neuen, angeblich "sehr libe-
       ralen" Wiener Blattes angezeigt, ihm Probenummern zugeschickt und
       ihn ersucht,  einen Londoner Korrespondenten zu werben. Auf Bern-
       hard Beckers  heißen Wunsch  versprach ich, mich für ihn an Herrn
       Borkheim, der Flüchtlingen
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       1*) In der "Berliner Reform" irrtümlich: rohe
       
       #93# Der "Präsident der Menschheit"
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       stets gern gefällig ist, in dieser Angelegenheit zu wenden. Bern-
       hard Becker  schrieb auch,  soviel ich  mich erinnere, einen oder
       mehrere Probeartikel  nach Wien.  Und sein  fehlgeschlagener Ver-
       such, Korrespondent  des "Botschafters"  zu werden, beweist meine
       Allianz mit  der österreichischen  Kanzlei! Herr  Bernhard Becker
       glaubt offenbar,  daß, weil die Gräfin Hatzfeldt ihm ein Amt, der
       Herrgott ihm auch den dazu nötigen Verstand gegeben hat!
       "Systematisch", erzählt Bernhard Becker weiter, "bearbeitet Lieb-
       knecht nun  die Gräfin  Hatzfeldt, an welche auch Marx Telegramme
       und Briefe schickt, um sie gegen den Verein aufzureizen."
       Herr Bernhard  Becker wähnt,  ich nehme  die ihm  testamentarisch
       überkommene Wichtigkeit [85] ganz so "systematisch" ernsthaft wie
       er selbst!  Meine Briefe  an die  Gräfin Hatzfeldt  nach dem Tode
       Lassalles bestanden  aus einem  Kondolenzschreiben, aus Antworten
       auf verschiedene, mir wegen der beabsichtigten Lassalle-Broschüre
       gestellte Fragen  und aus  Erörterungen über eine mir abverlangte
       und in  der Tat  erfolgte Abwehr wider einen Verleumder Lassalles
       1*). Zur Vermeidung von Mißverständnissen hielt ich es jedoch für
       zweckmäßig, die  Gräfin in  einem Brief  vom 22. Dezember 1864 zu
       erinnern, daß ich mit Lassalles Politik nicht übereinstimmte. Da-
       mit schloß  unsere Korrespondenz, worin keine Silbe über den Ver-
       ein. [86]  Die Gräfin  hatte mich  u.a. ersucht,  ihr umgehend zu
       schreiben, ob  die Zugabe  gewisser Porträts  zur  beabsichtigten
       Broschüre mir  passend schiene.  Ich antwortete  durch Telegraph:
       Nein! Dies  eine Telegramm  setzt Herr  Bernhard Becker,  der ein
       ebenso großer Grammatiker wie Dichter und Denker ist, in den Plu-
       ral.
       Er erzählt, ich habe mich auch später an einer wider ihn ins Werk
       gesetzten Agitation beteiligt. Der einzige Schritt meinerseits in
       dieser allwichtigen  Angelegenheit war  dieser: Man hatte mir aus
       Berlin geschrieben,  Bernhard Becker werde von gewisser Seite her
       verfolgt, weil  er den "Social-Demokrat" und den Verein nicht zur
       Agitation für  die Einverleibung  Schleswig-Holsteins in  Preußen
       mißbrauchen lassen  wolle. [87]  Man hatte  mich gleichzeitig er-
       sucht, Herrn  Klings in  Solingen, auf den man mir wegen früherer
       Verbindung einen  gewissen Einfluß  zuschrieb, und  Herrn Philipp
       Becker in  Genf diese  "Intrige" zur Warnung mitzuteilen. Ich tat
       beides, das  eine durch einen Barmer Freund 2*), das andere durch
       meinen Freund  Schily in  Paris, der  befangen wie ich war in dem
       Wahne, es sei dem "Präsidenten der Menschheit" etwas Menschliches
       passiert und er
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 22-24 - 2 Karl Siebel
       
       #94# Karl Marx
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       habe sich wirklich einmal anständig aufgeführt. Er verdreht jetzt
       natürlich den Tatbestand ins gerade Gegenteil - als Dialektiker.
       Der "Präsident  der Menschheit" ist aber nicht nur groß als Dich-
       ter, Denker, Grammatiker und Dialektiker. Er ist obendrein Patho-
       log reinsten Wassers. Meine anderthalbjährige Karbunkelkrankheit,
       die zufällig  noch 6 Monate nach Lassalles Tod fortdauerte, diese
       blutrote Krankheit  erklärt er  aus "blassem Neide über Lassalles
       Größe".
       
       "Aber", fügt  er emphatisch hinzu, "er wagte es nicht, gegen Las-
       salle aufzutreten,  denn er  wußte recht  wohl, der würde ihn mit
       seiner Riesenkeule gleich dem Bastiat-Schulze mausetot geschlagen
       haben."
       Nun preist  Lassalle gerade in dieser seiner letzten Schrift über
       "Bastiat-Schulze" meine "Kritik der Politischen] Oekonomie", Ber-
       lin 1859   1*),  über  Gebühr,  nennt  sie  "epochemachend",  ein
       "Meisterwerk" und  stellt sie  mit den  Werken A.  Smiths und Ri-
       cardos in  gleiche Linie.  Hieraus schließt  Herr Bernhard Becker
       mit dem ihm eigentümlichen Denkvermögen, daß Lassalle mich gleich
       Schulze-Bastiat totmachen  könnte. Lassalle  hatte übrigens  auch
       ganz andere  Vorstellungen von  dem, was  ich "wage". Als ich ihm
       bei einer  hier nicht  zu erörternden Gelegenheit schrieb, Engels
       und ich würden aus Gründen, die ich aufzählte, zu einem öffentli-
       chen Angriff  auf ihn gezwungen sein [88], antwortete er ausführ-
       lich in  einem in  diesem Augenblick  vor mir  liegenden  Briefe,
       worin er  erst seine  Gegengründe aufstellt und dann mit der Wen-
       dung abschließt:
       
       "Bedenket das  alles, bevor ihr laut und öffentlich sprecht. Auch
       die Teilung  und Spaltung  unserer würde für unsere ohnehin nicht
       große spezielle Partei ein beklagenswertes Ereignis sein!"
       
       Herr Bernhard Becker findet einen vollkommenen Widerspruch darin,
       daß ich  von einer  internationalen Winkelassoziation [89], worin
       er, Bernhard  Becker, figuriert haben soll, nichts wissen wollte,
       während ich mich doch mit großem Eifer an der vergangenen Septem-
       ber von  den Chefs der Londoner Trades Union gestifteten Interna-
       tionalen Assoziation beteiligte.
       Die Unterscheidungsgabe  des Herrn  Bernhard Becker hält offenbar
       seinem Schlußvermögen  die Stange.  Seine Assoziation,  rühmt er,
       brachte es  zu einer  Blüte von ganzen "400 Mann", während unsere
       Assoziation so  unbescheiden ist,  schon jetzt  in England allein
       zehntausend Mitglieder  zu zählen.  Es ist  in der Tat unerlaubt,
       daß  sich   so  etwas   gewissermaßen  hinter   dem  Rücken   des
       "Präsidenten der Menschheit" zutrage.
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       1*) Siehe Band 13 unterer Ausgabe
       
       #95# Der "Präsident der Menschheit"
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       Alles in  allem erwogen  und namentlich den nur ganz kurz von mir
       angedeuteten Fähigkeitenschwarm des Herrn Bernhard Becker, findet
       man seine Beschwerde kaum gerechtfertigt, daß man einem Manne wie
       ihm zuviel  auf einmal  habe aufbürden  wollen; daß man ihm nicht
       nur  die   Autokratieverrichtung  als   sein  Hauptfach,  sondern
       "nebenbei" auch das kleinere Amt auf oktroyiert: "Eier und Butter
       fürs Haus  zu kaufen."[901  Doch scheint eine bessere Hausordnung
       unter seinen zwieschlächtigen Funktionen zulaßbar. In Zukunft ma-
       che man es zu seinem Hauptgeschäft, "Eier und Butter fürs Haus zu
       kaufen", und lasse ihn dahingegen nur ganz "nebenbei" die Mensch-
       heit verpräsidieren.
       London, 8. April 1865
       Karl Marx

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