Quelle: MEW 16 September 1864 - Juli 1870
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Vorwort
Der sechzehnte Band der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels
enthält die Arbeiten, die von September 1864 bis Juli 1870, von
der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (I. Interna-
tionale) bis zum Beginn des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71
geschrieben wurden.
Im Zusammenhang mit dem Wiederaufleben bürgerlich-demokratischer
Bewegungen in den sechziger Jahren, der Verstärkung des nationa-
len Befreiungskampfes der unterdrückten Völker, dem politischen
Erwachen der Arbeiterklasse und dem Heranreifen eines revolutio-
nären Aufschwungs in einer Reihe europäischer Länder entwickelten
die Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus eine äußerst
breite theoretische und praktische revolutionäre Tätigkeit, um
das internationale Proletariat auf neue Klassenschlachten vorzu-
bereiten.
Die gewaltige Arbeit zur Vollendung des ersten Bandes des ökono-
mischen Hauptwerkes des wissenschaftlichen Kommunismus, des
"Kapitals", verband Marx in dieser Zeit mit unermüdlicher, rast-
loser Tätigkeit bei der Leitung der Internationalen Arbeiterasso-
ziation, die, wie Engels einmal schrieb, die Krönung seiner ge-
samten parteipolitischen Tätigkeit war.
Die theoretische Arbeit Engels', der an dem Wirken der Interna-
tionale lebhaften Anteil nahm und Marx ständig bei der Leitung
dieser internationalen Organisation des Proletariats half, hatte
eine Reihe aktueller historischer und militärischer Probleme so-
wie die nationale und die Bauernfrage zum Gegenstand. Seit 1869
widmete sich Engels besonders dem Studium der Geschichte Irlands,
um die internationalistische Haltung des Proletariats in der iri-
schen Frage, die zu dieser Zeit eine besondere Zuspitzung erfuhr
und große politische Bedeutung gewann, wissenschaftlich zu be-
gründen. Marx' und Engels' Tätigkeit in diesen Jahren ist ein
hervorragendes Beispiel der für den wissenschaftlichen Kommunis-
mus charakteristischen
#VI# Vorwort
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Verbindung der revolutionären Theorie mit der revolutionären Po-
litik und der Praxis des Klassenkampfes.
Die vielseitige wissenschaftliche und politische Tätigkeit von
Marx und Engels spiegelt sich in den Arbeiten wider, die in den
vorliegenden Band aufgenommen wurden. Der größte Teil davon ist
eng mit ihrem Wirken in der Internationale verknüpft, mit ihrem
Kampf um eine proletarische Partei. Mehrere der in diesem Bande
veröffentlichten Materialien sind Marx' Hauptwerk, dem "Kapital",
gewidmet.
Nach dem Erscheinen des Werks "Zur Kritik der Politischen Oeko-
nomie" im Jahre 1859 setzte Marx mit einigen Unterbrechungen
seine ökonomischen Untersuchungen fort. Das umfangreiche Manu-
skript aus den Jahren 1861 bis 1863 ist ein erster systemati-
scher, wenn auch noch konzeptartiger und unvollendeter Entwurf
aller Teile des von Marx geplanten Werks. Im weiteren Verlauf der
Arbeit zog Marx mit der ihm eigenen außerordentlichen wissen-
schaftlichen Gewissenhaftigkeit immer neues Material heran, prä-
zisierte Plan und Aufbau der Arbeit, schrieb neue Kapitel und ar-
beitete schon fertige mehrmals um.
In den Jahren 1863 bis 1865 erarbeitete Marx eine neue Manu-
skriptfassung der drei Bände des "Kapitals". Als Marx im Januar
1866 daranging, den ersten Band endgültig zum Druck vorzuberei-
ten, begann er, wie er Engels schrieb, "das Kind nach soviel Ge-
burtswehn glattzulecken". Die Arbeit am "Kapital" erforderte von
Marx eine gewaltige Anspannung der Kräfte, zumal er daneben viel
Zeit der Internationalen Arbeiterassoziation widmete und schwere
materielle Not und Krankheiten zu überwinden hatte. Im April 1867
brachte Marx das fertige Manuskript des ersten Bandes zu dem
Verleger nach Hamburg. Am 16. August 1867 beendete Marx die
Korrektur des letzten Bogens.
Die Veröffentlichung des ersten Bandes des "Kapitals" war von
größter historischer Bedeutung für den Befreiungskampf des Prole-
tariats, für die Entwicklung seiner revolutionären Theorie - des
wissenschaftlichen Kommunismus. "Solange es Kapitalisten und Ar-
beiter in der Welt gibt", schrieb Engels, "ist kein Buch erschie-
nen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit wäre wie
das vorliegende." (Siehe vorl. Band, S. 235.)
Die ökonomische Lehre von Marx, deren Grundlage in Werken wie
"Das Elend der Philosophie", "Lohnarbeit und Kapital", "Manifest
der Kommunistischen Partei" und "Zur Kritik der Politischen Oeko-
nomie" gelegt wurde, erhielt im "Kapital" ihren entwickeltsten,
geschlossensten und klassischsten Ausdruck.
#VII# Vorwort
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Die von Marx geschaffene ökonomische Lehre bewirkte einen grund-
legenden Umschwung, eine wahre Revolution in der politischen Öko-
nomie. Nur ein Ideologe des Proletariats - einer Klasse, die frei
ist von der Beschränktheit und den eigennützigen Vorurteilen der
Ausbeuterklassen - konnte die Gesetze der kapitalistischen Ge-
sellschaft erforschen und den wissenschaftlichen Nachweis für die
Unvermeidbarkeit ihres Untergangs sowie des Triumphs einer höhe-
ren Gesellschaftsordnung, des Kommunismus, erbringen. Im
"Kapital" erhielt der wissenschaftliche Kommunismus seine tiefste
und allseitige Begründung. Dieses unsterbliche Werk bedeutete
einen gewaltigen Schritt in der Weiterentwicklung aller Bestand-
teile des Marxismus - der politischen Ökonomie, der Philosophie,
der Lehre von der sozialistischen Revolution und von der Diktatur
des Proletariats. Das "Kapital" wurde zu einer mächtigen und un-
besiegbaren theoretischen Waffe des Proletariats im Kampf gegen
die kapitalistische Sklaverei.
An den ersten Band des "Kapitals" von Marx knüpft eine Reihe von
Arbeiten der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus an, die
in den vorliegenden Band aufgenommen wurden: "Lohn, Preis und
Profit" von Marx, der von Engels angefertigte "Konspekt über ,Das
Kapital' von Karl Marx, Erster Band", die Rezensionen, welche En-
gels nach dem Erscheinen des "Kapitals" schrieb u.a.
Marx" "Lohn, Preis und Profit" zählt zu den wichtigsten Werken
der marxistischen politischen Ökonomie. Hierin legte Marx zwei
Jahre vor dem Erscheinen des ersten Bandes des "Kapitals" in ge-
drängter und populärer Form die Grundlagen seiner ökonomischen
Lehre dar. Gleichzeitig ist diese Arbeit ein hervorragendes Bei-
spiel dafür, wie die Schlußfolgerungen der revolutionären Theorie
zur Bestimmung der praktischen Aufgaben der Arbeiterbewegung ge-
nutzt werden.
Diese Arbeit, ein Vortrag, den Marx im Zentralrat der Internatio-
nale hielt, richtete sich unmittelbar gegen die fehlerhaften An-
schauungen Westons, eines Mitglieds der Internationale, versetzte
aber gleichzeitig auch den Proudhonisten einen Schlag und eben-
falls den Lassalleanern, die im Geiste des Lassalleschen Dogmas
vom "ehernen Lohngesetz" dem ökonomischen Kampf der Arbeiter und
den Gewerkschaften ablehnend gegenüberstanden. Marx wendet sich
in seinem Vortrag entschieden gegen diese reaktionäre Propaganda
der Passivität und Unterwerfung der Proletarier unter das Kapi-
tal. Nachdem Marx das ökonomische Wesen des Arbeitslohns und des
Mehrwerts enthüllt hat, beweist er, daß das Kapital nach maxima-
lem Profit dürstet und daß die Arbeiter, wenn sie auf ihren Wi-
derstand gegen die Gewalttaten des Kapitals verzichten, "zu einer
unterschiedslosen
#VIII# Vorwort
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Masse ruinierter armer Teufel" degradiert werden, "denen keine
Erlösung mehr hilft" (siehe vorl. Band, S. 151). Ausgehend von
seiner ökonomischen Lehre begründet Marx in dieser Arbeit theore-
tisch die Rolle und Bedeutung des ökonomischen Kampfes der Arbei-
ter und betont, daß dieser Kampf dem Endziel des Proletariats -
der Vernichtung des Systems der Lohnarbeit - untergeordnet werden
muß.
"Lohn, Preis und Profit" hat große Bedeutung für das richtige
Verständnis der Marxschen Theorie der Verelendung des Proletari-
ats. Marx beweist hierin, daß es die allgemeine Tendenz der kapi-
talistischen Produktionsweise ist, den Lohn zu senken, den Preis
der Arbeitskraft bis zu seiner Minimalgrenze zu drücken, d.h. bis
zu dem Wert der Existenzmittel, die für den Arbeiter und seine
Familie zum Leben absolut unentbehrlich sind. Diese Tendenz ist
jedoch keineswegs schicksalhaft und unaufhörlich, sie stößt auf
den Widerstand und die entschiedenen Abwehraktionen der Arbeiter,
je nach den verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Be-
dingungen, je nach den verschiedenen Phasen des industriellen Zy-
klus tritt in den verschiedenen Ländern diese Tendenz stärker
oder schwächer zutage.
Im Band werden mehrere Rezensionen veröffentlicht, die Engels für
die demokratische, bürgerliche und proletarische Presse anläßlich
des Erscheinens des ersten Bandes des "Kapitals" schrieb, um dem
Totschweigen dieses genialen Werkes durch die bürgerliche Wissen-
schaft und Presse ein Ende zu setzen und um das "Kapital" unter
den Massen zu popularisieren. In den für die bürgerliche Presse
anonym geschriebenen Rezensionen kritisiert Engels das Buch
scheinbar "vom bürgerlichen Standpunkt", um durch dieses
"Kriegsmittel", wie Marx es nannte, die bürgerlichen Ökonomen zu
zwingen, sich über das Buch zu äußern.
Der von Engels angefertigte "Konspekt über 'Das Kapital' von Karl
Marx, Erster Band" schließt mit dem dreizehnten Kapitel
"Maschinerie und große Industrie" (nach der ersten Ausgabe mit
dem 4. Abschnitt des vierten Kapitels). Er hilft, die schwierig-
sten Probleme des "Kapitals", besonders die Wert- und die Mehr-
werttheorie, zu verstehen.
In dem Artikel "Plagiarismus" entlarvt Marx die lassalleanischen
Vulgarisatoren seiner ökonomischen Lehre, die dem "Kapital" ein-
zelne Stellen fast wörtlich entlehnten, sie überdies noch ent-
stellten und den Namen des Autors nicht nannten.
Marx' Artikel "Mein Plagiat an F. Bastiat" setzt sich mit den -
später noch oft wiederholten - Versuchen bürgerlicher Wissen-
schaftler auseinander, bestimmte Leitsätze des "Kapitals" Vorgän-
gern oder Zeitgenossen
#IX# Vorwort
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von Marx zuzuschreiben, um damit die weltgeschichtliche Bedeutung
dieses Werkes herabzusetzen.
Den Hauptinhalt des sechzehnten Bandes bilden Artikel und Doku-
mente von Marx und Engels, die ihre Tätigkeit in der Internatio-
nale widerspiegeln.
Aus der historischen Situation, die um die Mitte der sechziger
Jahre heranreifte, ergaben sich günstige Voraussetzungen zur Ver-
wirklichung der großen Idee der Einheit und kämpferischen Solida-
rität des internationalen Proletariats, die Marx und Engels uner-
müdlich propagierten. Die Weltwirtschaftskrise der Jahre
1857/1858 und die ihr folgenden Streikkämpfe in verschiedenen
Ländern Europas führten den Arbeitern deutlich die Notwendigkeit
brüderlicher Solidarität der verschiedenen nationalen Abteilungen
des internationalen Proletariats im Kampf gegen das Kapital vor
Augen. Mit dem Anwachsen der ökonomischen Kämpfe wuchs auch die
politische Aktivität des Proletariats. Der neue Aufschwung der
bürgerlich-demokratischen Bewegungen in Deutschland und Italien;
das Heranreifen der Krise des Zweiten Kaiserreichs in Frankreich;
der selbstlose Kampf der englischen Arbeiter gegen die Pläne der
herrschenden Klassen Englands, eine Intervention in die USA zur
Unterstützung der sklavenhaltenden Südstaaten zu organisieren;
der Kampf in England für eine Wahlrechtsreform; der polnische
Aufstand von 1863/64, der im europäischen Proletariat die voll-
sten Sympathien fand - all das förderte die Einbeziehung der
breiten Arbeitermassen in den politischen Kampf und verstärkte
den Drang nach koordinierten Aktionen der Proletarier der ver-
schiedenen Länder.
Der Erfolg der Internationalen Arbeiterassoziation lag nicht al-
lein in der damaligen historischen Situation begründet, sondern
vor allem dann, daß Karl Marx an der Spitze dieser Organisation
stand. Unter allen Beteiligten an der internationalen Arbeiter-
versamrnlung in St. Martin's Hall in London vom 28. September
1864, die den Grundstein der Internationale legte, war Marx der
einzige, "der sich klar war über das, was zu geschehen hatte und
was zu gründen war, das war der Mann, der schon 1848 den Ruf in
die Welt geschleudert: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
(Engels.)
Marx war der eigentliche Organisator, der Führer und die Seele
der Internationale. Er verfaßte ihre programmatischen Dokumente
und eine große Anzahl von Aufrufen, Erklärungen, Resolutionen,
Berichten und anderen Dokumenten, die die wichtigsten Marksteine
der ruhmvollen Geschichte der Internationale darstellen. Marx war
faktisch das Haupt des Generalrats,
#X# Vorwort
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des führenden Organs der Internationale und des Kampfstabs der
internationalen Arbeiterbewegung. Gestützt auf Engels' Hilfe,
lenkte Marx persönlich und - wenn es ihm nicht möglich war,
selbst teilzunehmen - durch seine Kampfgenossen die Tätigkeit der
Konferenzen und Kongresse der Internationalen Arbeiterassozia-
tion, verfaßte die wichtigsten Beschlüsse der Kongresse und
führte den Kampf um den Sieg der ideologischen und organisatori-
schen Prinzipien des revolutionären Proletariats in der Interna-
tionale.
Bei der Gründung der Internationale mußte Marx die verschiedenen
Kampfbedingungen des Proletariats, die ungleichen Entwicklungs-
stufen und das unterschiedliche theoretische Niveau der Arbeiter-
bewegung in den verschiedenen Ländern berücksichtigen. Er sah die
vorrangige Aufgabe der Internationale darin, durch die Vereini-
gung der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung in einen
einzigen großen Strom die Lösung des Proletariats von der klein-
bürgerlichen Demokratie, die Bildung wirklich selbständiger Ar-
beiterorganisationen und die Schaffung der Aktionsgemeinschaft
der verschiedenen Abteilungen des internationalen Proletariats
voranzutreiben. Marx errichtete die Internationale auf der brei-
ten Grundlage der verschiedenartigen Arbeiterorganisationen jener
Zeit und verfolgte das Ziel, gestützt auf die praktischen Erfah-
rungen der Arbeitermassen, diese zur Erkenntnis ihrer revolutio-
nären Aufgaben zu bringen, sie Schritt für Schritt zu einem ein-
heitlichen theoretischen Programm zu führen und auf diese Weise
den Sozialismus mit der Arbeiterbewegung zu vereinigen.
Diese biegsame und konsequent revolutionäre Taktik von Marx
zeigte sich schon sehr deutlich, als er die ersten programmati-
schen Dokumente der Internationale ausarbeitete. In einem Brief
an Engels vom 4. November 1864, worin Marx die Schwierigkeiten
schilderte, auf die er beim Verfassen der Inauguraladresse und
der Provisorischen Statuten der Internationalen Arbeiterassozia-
tion stieß, schrieb er: "Es war sehr schwierig, die Sache so zu
halten, daß unsre Ansicht in einer Form erschien, die sie dem
jetzigen Standpunkt der Arbeiterbewegung acceptable [annehmbar]
machte... Es bedarf Zeit, bis die wiedererwachte Bewegung die
alte Kühnheit der Sprache erlaubt. Nötig fortiter in re, suaviter
in modo [stark in der Sache, gemäßigt in der Form]."
In der Inauguraladresse gelangt Marx auf der Grundlage einer kon-
kreten Analyse der ökonomischen Entwicklung sowie der Veränderung
in der Lage der Arbeiter während der Jahre 1848 bis 1864 zu der
außerordentlich wichtigen Schlußfolgerung, daß, "auf der gegen-
wärtigen falschen Grundlage, jede frische Entwicklung der Produk-
tivkräfte der Arbeit dahin
#XI# Vorwort
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streben muß, die sozialen Kontraste zu vertiefen und den sozialen
Gegensatz zuzuspitzen" (siehe vorl. Band, S. 9).
Anhand zweier großer Siege der Arbeiterklasse - der Durchsetzung
der Zehnstundenbill in England und der Entwicklung der Koopera-
tivbewegung - beweist Marx, daß die ohne Kapitalisten betriebene
kooperative Produktion "der Entwicklung auf nationaler Stufenlei-
ter und der Förderung durch nationale Mittel" bedürfe, um die Ar-
beiterklasse befreien zu können. Das werden die herrschenden
Klassen aber unter Ausnutzung ihrer politischen Macht zu verhin-
dern suchen. "Politische Macht zu erobern ist daher jetzt die
große Pflicht der Arbeiterklassen". (Siehe vorl. Band, S. 12.)
Ferner begründet Marx, daß die Schaffung einer proletarischen
Partei sowie der brüderliche Bund zwischen den Arbeitern der ver-
schiedenen Länder notwendige Bedingungen für die Befreiung des
Proletariats sind.
Gestützt auf die praktischen Erfahrungen der Arbeiter, untermau-
ert Marx die Schlußfolgerungen von der weltgeschichtlichen Mis-
sion des Proletariats, der Notwendigkeit des Kampfes für die pro-
letarische Revolution und von der Errichtung der Diktatur der Ar-
beiterklasse, die im "Manifest der Kommunistischen Partei" theo-
retisch begründet worden war.
Im einleitenden Teil der Provisorischen Statuten formulierte Marx
die Losung, die nach den Worten Lenins das Grundprinzip der In-
ternationale war: "Die Emanzipation der Arbeiterklasse muß durch
die Arbeiterklasse selbst erobert werden." (Siehe vorl. Band, S.
14.) In dieser denkbar knappen Formulierung, die zum Kampfruf der
Arbeiter aller Länder wurde, ist der bedeutende Gedanke ausge-
drückt, daß das Proletariat die fortschrittlichste und konsequen-
teste revolutionäre Klasse ist, die dem Kapitalismus unversöhn-
lich gegenübersteht, eine Klasse, deren politische und ideologi-
sche Selbständigkeit die notwendige und wichtigste Vorbedingung
ihrer Befreiung ist.
Bei der Ausarbeitung der Provisorischen Statuten beachtete Marx
sorgfältig die historisch entstandenen Formen der Arbeiterbewe-
gung in den verschiedenen Ländern. Die Internationale stellte
sich nicht den schon existierenden Arbeiterorganisationen entge-
gen, sondern strebte danach, sich auf sie zu stützen und ihre Tä-
tigkeit auf ein einheitliches, gemeinsames Ziel zu lenken. Diese
geschmeidige organisatorische Struktur entsprach ihrer Aufgabe,
"die gesamte streitbare Arbeiterschaft Europas und Amerikas zu
e i n e m großen Heereskörper zu verschmelzen" (Engels).
Die "Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zen-
tralrats zu den einzelnen Fragen", die Marx anläßlich des für
1866 nach Genf einberufenen Kongresses der Internationale
schrieb, sind eine Konkretisierung
#XII# Vorwort
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und Weiterentwicklung der ersten programmatischen Dokumente der
Internationale. Marx begrenzte sie auf die Fragen, die aufs un-
mittelbarste die Interessen der Arbeiter berühren, und verband
sie mit dem Endziel des Kampfes des Proletariats. Er hielt sich
hier an das im "Manifest der Kommunistischen Partei" aufgestellte
taktische Grundprinzip, nämlich in der gegenwärtigen Bewegung
zugleich die Zukunft der Bewegung zu vertreten.
Als eine der Grundaufgaben der Internationale bezeichnete Marx in
den "Instruktionen" die Vereinigung der Aktionen der Arbeiter
verschiedener Länder in ihrem ökonomischen Kampf gegen das Kapi-
tal.
Welche Bedeutung Marx der Hilfe der Internationale für den ökono-
mischen Kampf der Arbeiter, der sich besonders im Zusammenhang
mit der Krise von 1866 verstärkte, sowie der wachsenden interna-
tionalen Solidarität des Proletariats in diesem Kampf beimaß,
zeigen auch die von ihm verfaßten Aufrufe und Artikel "Warnung",
"Die belgischen Metzeleien", "Die Aussperrung der Bauarbeiter in
Genf" und der von Engels auf Marx' Bitte verfaßte "Bericht über
die Knappschaftsvereine der Bergarbeiter in den Kohlenwerken
Sachsens". Von dieser Seite der Tätigkeit der Internationale
zeugt auch umfangreiches Tatsachenmaterial in dem von Marx ge-
schriebenen "Vierten jährlichen Bericht des Generalrats der In-
ternationalen Arbeiterassoziation" und im "Bericht des General-
rats der Internationalen Arbeiter-Assoziation an den IV. allge-
meinen Kongreß in Basel". Die ständige materielle und moralische
Unterstützung, die die Internationale den streikenden und ausge-
sperrten Arbeitern erwies, erhöhte ihre Autorität und förderte
die Ausdehnung ihres Einflusses unter den Arbeitern der verschie-
denen Länder.
Besondere Beachtung schenkte Marx in den "Instruktionen" dem
Kampf für die Beschränkung des Arbeitstages, die er als eine not-
wendige Bedingung für die Wiederherstellung der physischen Kraft
der Arbeiterklasse, für ihre geistige Entwicklung und gesell-
schaftliche und politische Tätigkeit betrachtet. Er verteidigt
diese überaus bedeutsame Forderung gegen die Proudhonisten und
andere Gegner einer gesetzlichen Beschränkung des Arbeitstages
und erläutert die Bedeutung dieser Forderung auch in anderen von
ihm später verfaßten Dokumenten (siehe "Resolutionsentwurf über
die Beschränkung des Arbeitstages, dem Brüsseler Kongreß vom Ge-
neralrat vorgeschlagen" und "Aufzeichnung einer Rede von Karl
Marx über die Verkürzung der Arbeitszeit", S. 317 und 554/555 des
vorl. Bandes). Die in den "Instruktionen" erhobene Forderung nach
einem achtstündigen Arbeitstag wurde eine der wichtigsten Kampf-
losungen des Proletariats in allen kapitalistischen Ländern.
#XIII# Vorwort
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Eine wesentliche Aufgabe der Arbeiter sah Marx auch darin, für
den Schutz der Arbeit der Kinder und Jugendlichen und für die Er-
ziehung der Arbeiterkinder Sorge zu tragen, da "die Zukunft" ih-
rer "Klasse und damit die Zukunft der Menschheit völlig von der
Erziehung der heranwachsenden Arbeitergeneration abhängt" (siehe
vorl. Band, S. 194). Die harmonische Verbindung produktiver Ar-
beit der Kinder oder Jugendlichen mit ihrer geistigen und körper-
lichen Erziehung u n d polytechnischen Ausbildung war, wie Marx
feststellte, eines der wichtigsten Mittel des geistigen Aufstiegs
der Arbeiterklasse. Über Erziehung und Bildung hielt Marx auch
einige Reden im Generalrat (die Aufzeichnung von zwei dieser Re-
den siehe vorl. Band, S. 562-564).
Im Abschnitt der "Instruktionen" über die Kooperalivarbeit weist
Marx entgegen den Proudhomsten und anderen kleinbürgerlichen Re-
formern nach, daß die Kooperativbewegung von sich aus die kapita-
listische Gesellschaft nicht .umgestalten kann und daß grundle-
gende Änderungen der Gesellschaftsordnung "nur verwirklicht wer-
den können durch den Übergang der organisierten Gewalt der Ge-
sellschaft, d.h. der Staatsmacht, aus den Händen der Kapitalisten
und Grundbesitzer in die Hände der Produzenten selbst" (siehe
vorl. Band, S. 196).
Große Bedeutung haben in den "Instruktionen" die Abschnitte über
die Gewerkschaften, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In
Fortführung der von ihm schon im "Elend der Philosophie" formu-
lierten und in "Lohn, Preis und Profit" weiterentwickelten Gedan-
ken stellt Marx fest, daß die Gewerkschaften nicht nur notwendig
sind für "den Guerillakrieg zwischen Kapital und Arbeit", sondern
auch als Organisationszentren der Arbeiterklasse für den Kampf
zur Vernichtung des Systems der Lohnarbeit überhaupt. Zu der auf
Grundlage der "Instruktionen" angenommenen Resolution des Genfer
Kongresses über die Gewerkschaften und den ökonomischen Kampf
schrieb Lenin: "Die Resolution dieses Kongresses zeigte genau die
Bedeutung des ökonomischen Kampfes auf, wobei sie die Sozialisten
und die Arbeiter einerseits vor einer Übertreibung seiner Bedeu-
tung (die zu jener Zeit bei den englischen Arbeitern zu bemerken
war), anderseits vor einer Unterschätzung seiner Bedeutung warnte
(die sich bei den Franzosen und bei den Deutschen, besonders bei
den Lassalleanern, bemerkbar machte) ... Die Überzeugung, daß der
einheitliche Klassenkampf notwendigerweise den politischen und
den ökonomischen Kampf in sich vereinigen muß, ist der interna-
tionalen Sozialdemokratie in Fleisch und Blut übergegangen."
(W.I. Lenin, Werke, Band 4, Berlin 1955, S. 169/170.)
#XIV# Vorwort
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Im Gegensatz zu den Proudhonisten und anderen Gegnern des politi-
schen Kampfes sind in den "Instruktionen" zwei konkrete politi-
sche Aufgaben gestellt: Der Kampf für die Wiederherstellung Po-
lens auf demokratischer Grundlage und der Kampf gegen Raubkriege
und ihre Werkzeuge - die stehenden Heere.
Die "Instruktionen" von Marx waren ein konkretes Aktionsprogramm
der Internationale, das auf den praktischen Erfahrungen der Ar-
beiterbewegung beruhte.
Marx, Engels und ihre Anhänger mußten die Grundprinzipien der In-
ternationale gegen die verschiedenen sozialistischen oder halbso-
zialistischen Sekten verteidigen, die ihre Dogmen der Internatio-
nale aufzuzwingen suchten. Obwohl bereits die Revolutionen von
1848/49 den vielfältigen Formen des kleinbürgerlichen Sozialismus
einen vernichtenden Schlag versetzt hatten, begünstigten das Ver-
gessen der Traditionen der Revolutionsjahre, die Einbeziehung
neuer Massen in die Arbeiterbewegung sowie der ständige Einfluß
des kleinbürgerlichen Milieus besonders in den Ländern, wo die
Kleinproduktion noch überwog, eine zeitweilige Belebung verschie-
denster Sekten. In dem Maße, wie sich die wirkliche Arbeiterbewe-
gung entwickelte, wurden diese Sekten immer reaktionärer.
Eine Reihe von Artikeln und Dokumenten im vorliegenden Band rich-
tet sich gegen die proudhonistischen Ideen, die in Frankreich und
Belgien bedeutenden Einfluß hatten.
Im Artikel "Über P.-J. Proudhon" zog Marx gleichsam das Fazit der
im "Elend der Philosophie" und in anderen seiner Arbeiten geübten
Kritik der philosophischen, ökonomischen und politischen Anschau-
ungen Proudhons und enthüllte die ganze Haltlosigkeit des
Proudhonismus. Auf die praktischen Projekte Proudhons eingehend,
die eine "Lösung der sozialen Frage" bringen sollten, unterzog
Marx Proudhons Idee des "zinslosen Kredits" und der darauf ba-
sierten "Volksbank" einer vernichtenden Kritik. Er nannte diese
Idee, die von den Schülern Proudhons verstärkt angepriesen wurde,
"eine durchaus s p i e ß b ü r g e r l i c h e Phantasie". In
einer zusammenfassenden Einschätzung charakterisiert Marx Proud-
hon als einen typischen Ideologen der Kleinbourgeoisie.
Im Gegensatz zu den Proudhonisten, die jede politische Aktion der
Arbeiterklasse ablehnten und die Interessen der Proletarier auf
einen Kreis "reiner Arbeiterfragen" beschränken wollten, sah Marx
die Aufgabe der Sektionen der Internationale in den verschiedenen
Ländern darin, "nicht allein als Mittelpunkt für die Organisation
der Arbeiterklasse zu dienen, sondern auch alle politischen Bewe-
gungen, welche unser Endziel, die ö k o n o m i s c h e
#XV# Vorwort
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E m a n z i p a t i o n d e r A r b e i t e r k l a s s e, zu
verwirklichen streben, in ihren verschiedenen Ländern zu unter-
stützen" (siehe vorl. Band, S. 422). Marx strebte danach, die Ar-
beiterklasse zu befähigen, die ehrenvolle Rolle einer Avantgarde
in der allgemeindemokratischen Bewegung zu spielen und als selb-
ständige politische Kraft auf dem nationalen und internationalen
Schauplatz aufzutreten.
Anschauliche Beispiele für diese Politik von Marx sind die von
ihm verfaßten Adressen der Internationalen Arbeiterassoziation an
die Präsidenten der USA Abraham Lincoln und Andrew Johnson. In
diesen Adressen hob Marx die gewaltige Bedeutung des Krieges ge-
gen die Sklaverei in Amerika für das Schicksal des internationa-
len Proletariats hervor.
Marx und Engels, die sich für die Unterstützung jeder fort-
schrittlichen, demokratischen Bewegung einsetzten, lehrten das
Proletariat und seine Vorkämpfer in der Internationale, eine
wahrhaft internationalistische Haltung zum Befreiungskampf der
unterdrückten Völker einzunehmen. Sie traten sowohl dem Nationa-
lismus der Anhänger Mazzinis in Italien und der Lassalleaner in
Deutschland entgegen wie auch der Ignorierung der nationalen
Frage durch die Proudhonisten und ganz besonders deren negativen
Haltung zum Unabhängigkeitskampf des polnischen Volkes.
Unter den konkreten historischen Bedingungen der vierziger bis
sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts maßen Marx und Engels der
Schaffung eines unabhängigen demokratischen Polens, das ein Ver-
bündeter der europäischen Demokratie im Kampf gegen den reaktio-
nären Einfluß des Zarismus gewesen wäre, besondere Bedeutung bei.
"Solange die Volksmassen Rußlands und der meisten slawischen Län-
der noch in tiefem Schlaf lagen, solange es in diesen Ländern
k e i n e selbständigen demokratischen Massenbewegungen g a b,
solange hatte die Befreiungsbewegung der S c h l a c h t-
s c h i t z e n in Polen, vom Standpunkt nicht nur der gesamt-
russischen, nicht nur der gesamtslawischen, sondern auch der
gesamteuropäischen Demokratie aus gesehen, gewaltige, erstrangige
Bedeutung." (W.I. Lenin, Werke, Band 20, Berlin 1961, S. 437.)
Die in diesem Band veröffentlichte Notiz "Berichtigung" und die
"Rede auf dem Polenmeeting in London am 22. Januar 1867" zeugen
von Marx' Haltung in der polnischen Frage; diese Haltung bringt
Marx in der dem Meeting vorgeschlagenen Resolution kurz und bün-
dig zum Ausdruck: "Ohne Unabhängigkeit Polens kann keine Freiheit
in Europa etabliert werden." (Siehe vorl. Band, S. 200.)
In der gegen die Proudhonisten gerichteten Artikelserie "Was hat
die Arbeiterklasse mit Polen zu tun?" begründete Engels die un-
versöhnliche
#XVI# Vorwort
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Haltung der Arbeiterklasse zur Politik der nationalen Unterdrüc-
kung und hob hervor, daß das Proletariat in der ersten Reihe der
Kämpfer für die Befreiung der unterdrückten Völker stehen müsse.
Gleichzeitig warnte Engels vor der Gefahr, daß reaktionäre Kräfte
die nationale Bewegung besonders der kleinen Völker ausnutzten.
Er enthüllte in seinen Artikeln das wahre Wesen des bonapartisti-
schen "Nationalitätsprinzips", das von den Machthabern des Zwei-
ten Kaiserreichs, vom russischen Zarismus und den herrschenden
Kreisen anderer Länder benutzt wurde, um den nationalen Kampf der
unterdrückten Völker den Interessen der reaktionären Mächte un-
terzuordnen. Der Kampf des polnischen Volkes um Freiheit und Un-
abhängigkeit war, wie die Begründer des Marxismus lehrten, Be-
standteil des Kampfes für eine revolutionäre, demokratische Umge-
staltung Europas, die für den Emanzipationskampf des Proletariats
günstigere Bedingungen schaffen würde.
Einige der in diesem Band aufgenommenen Dokumente (wie die
"Resolutionen des Generalrats über den Konflikt in der Pariser
Sektion", "Resolution des Generalrats zum Auftreten Felix Pyats",
die "Proklamation des Generalrats der Internationalen Arbeiteras-
soziation über die Verfolgungen der Mitglieder der französischen
Sektion" u.a.) zeugen davon, daß Marx an der Führung der franzö-
sischen Arbeiter, die der Internationale angehörten, unmittelba-
ren Anteil hatte. Marx verurteilte ganz entschieden die linken
Phrasen und die Abenteurertaktik der kleinbürgerlichen Demokraten
vom Schlage eines Félix Pyat; gleichzeitig war er bestrebt, die
französischen Arbeiter von dem Einfluß der reformistischen Ideen
Proudhons loszureißen und in den allgememdemokratischen Kampf ge-
gen das Zweite Kaiserreich einzubeziehen.
Breiten Raum nehmen im vorliegenden Band Artikel und Dokumente
über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung ein. In diesem
Lande drängten in den sechziger Jahren die von der Revolution
1848/49 nicht gelösten Fragen, vor allem die Einigung Deutsch-
lands, erneut mit Macht ihrer Lösung entgegen. Im Gegensatz zu
Lassalle, der dafür eintrat, Preußen bei der Einigung Deutsch-
lands von oben zu unterstützen, kämpften Marx und Engels ebenso
wie in den Jahren 1848 und 1849 für eine Einigung Deutschlands
von unten, auf revolutionärem Wege. Die wichtigste Voraussetzung
für eine Einigung auf revolutionär-demokratischem Wege sahen Marx
und Engels in der Organisiertheit, Geschlossenheit und politi-
schen Bewußtheit der fortschrittlichsten Klasse Deutschlands -
des Proletariats. Der 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbei-
terverein aber konnte, obwohl er zur Loslösung der Arbeiter vom
Einfluß der bürgerlichen
#XVII# Vorwort
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Fortschrittsspartei beitrug, nicht die dem deutschen Proletariat
von der Geschichte gestellten Aufgaben lösen. Lassalle, der die-
sen Verein leitete, begann mit der Bismarck-Regierung zu paktie-
ren. Zwar kannten Marx und Engels nicht alle Tatsachen über die
Beziehungen Lassalles zu Bismarck (deren Briefwechsel wurde erst
1928 veröffentlicht), doch sie erkannten sehr klar, daß Lassalle
mit dem "eisernen Kanzler" liebäugelte. Nach Lassalles Tod erfuh-
ren Marx und Engels, daß er Bismarck als Gegenleistung für dessen
Versprechen, das allgemeine Wahlrecht einzuführen, seinerseits
versprochen hatte, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
Preußen bei der Annexion Schleswig-Holsteins unterstützen werde.
Marx und Engels bewerteten das als einen Verrat an den Interessen
der Arbeiterklasse.
Nach Lassalles Tod unternahmen die Begründer des wissenschaftli-
chen Kommunismus ernste Anstrengungen, um die Folgen der zutiefst
falschen und schädlichen Taktik Lassalles zu überwinden und den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein auf den richtigen, revolu-
tionären Weg zu lenken. Da Marx und Engels zu dieser Zeit über
keine anderen Möglichkeiten verfügten, den Lassalleanismus zu
kritisieren und ihre eigenen Anschauungen in Deutschland zu pro-
pagieren, erklärten sie sich bereit zu einer Mitarbeit am
"Social-Demokrat", einer Zeitung, die Schweitzer zu gründen beab-
sichtigte. Hierzu bewog sie auch die Tatsache, daß in dem ihnen
übersandten Prospekt der Zeitung "Lassalle... weder mit Wort noch
Namen" figurierte (siehe vorl. Band, S. 86), sowie der Umstand,
daß ihr alter Kampfgenosse Wilhelm Liebknecht, ein ehemaliges
Mitglied des Bundes der Kommunisten, als inoffizieller Redakteur
an der Zeitung mitwirken sollte.
Marx schickte an den "Social-Demokrat" den oben erwähnten Artikel
über Proudhon, in dem, wie er Engels schrieb, einige der bitteren
Hiebe, die er Proudhon versetzte, auch für Lassalle bestimmt wa-
ren. Marx meinte hierbei die Stelle seines Artikels, wo er vom
wissenschaftlichen Scharlatanismus und von der politischen Akko-
modation als vom Standpunkt des Kleinbürgers untrennbaren Er-
scheinungen spricht. Engels seinerseits hob in einem Kommentar zu
dem altdänischen Volkslied "Herr Tidmann", das er dem "Social-De-
mokrat" übersandte, die gewaltige revolutionäre Bedeutung des
Kampfes der Bauernschaft gegen die Grundherren hervor. Engels
wandte sich damit gegen die Lassalleaner, die von der lassalle-
schen Theorie der "einen reaktionären Masse" ausgingen und die
revolutionäre Rolle der Bauernschaft verneinten.
Als sich Marx und Engels davon überzeugt hatten, daß der Redak-
teur des "Social-Demokrat", Schweitzer, ungeachtet aller ihrer
Warnungen den
#XVIII# Vorwort
-----
Spuren Lassalles folgte und die Zeitung auf den Weg des Paktie-
rens mit der Junkerregierung Bismarcks leitete, erklärten Marx
und Engels öffentlich ihren Bruch mit der Zeitung. In einer Er-
klärung, die im vorliegenden Band veröffentlicht wird, charakte-
risierten sie den Lassalleanismus als "königlich preußischen Re-
gierungssozialismus" (siehe vorl. Band, S. 79).
Mit der politischen Haltung der Lassalleaner setzt sich auch En-
gels' Schrift "Die preußische Militärfrage und die deutsche Ar-
beiterpartei" kritisch auseinander. Hierin wird eine gründliche
Analyse der Verteilung der Klassenkräfte in Deutschland gegeben
und die Stellung der politischen Parteien im Verfassungskonflikt
untersucht, der zwischen der preußischen Regierung und der libe-
ralen Bourgeoisie über die Frage einer Heeresreorganisation ent-
standen war. Von den militärischen und politischen Bedingungen
ausgehend, unterwirft Engels das Regierungsprojekt für eine Hee-
resreorganisation einer gründlichen und allseitigen Kritik. Bei
der Analyse der Haltung der Fortschrittspartei im Verfassungskon-
flikt geißelt Engels die feige und schwankende Politik der bür-
gerlichen Opposition, die aus Angst vor dem Volke bereit ist, mit
den Kräften der Reaktion einen Kompromiß einzugehen. Ausführlich
begründet Engels die Taktik der Arbeiterklasse unter den Bedin-
gungen der im Lande entstandenen revolutionären Situation. Engels
beweist, wie falsch alle Hoffnungen sind, daß die Bismarck-Regie-
rung den Arbeitern Zugeständnisse machen werde. Er entlarvt die
soziale Demagogie der Bismarck-Regierung, wobei er auf die Erfah-
rungen Frankreichs, auf die analoge Politik des Bonapartismus,
insbesondere auf die Ergebnisse des von Louis Bonaparte einge-
führten allgemeinen Wahlrechts hinweist. Engels warnt dadurch die
Arbeiter vor der lassalleschen Idealisierung des allgemeinen
Wahlrechts, die das allgemeine Wahlrecht zum Allheilmittel er-
hebt, das unter beliebigen Umständen das Proletariat von der po-
litischen Unterdrückung und ökonomischen Ausbeutung befreien
könne.
Die Hauptaufgabe des deutschen Proletariats bestand nach Engels
darin, eine wirklich selbständige Arbeiterpartei zu gründen, die
frei ist von jedem bürgerlich-liberalen Einfluß und erst recht
von dem noch schädlicheren Einfluß der preußischen Reaktion. Die
Politik der Arbeiterpartei im Verfassungskonflikt sollte darin
bestehen, die bürgerliche Fortschrittspartei im Kampf um allge-
meines Wahlrecht und politische Freiheiten zu unterstützen,
gleichzeitig aber jede ihrer Inkonsequenzen und Schwächen scho-
nungslos zu geißeln und der Reaktion auf ihre heuchlerischen Loc-
kungen zu antworten: "Mit dem Speere soll man Gabe empfangen,
Spitze gegen Spitze." (Siehe vorl. Band, S. 78.)
#XIX# Vorwort
-----
Der Kampf von Marx und Engels gegen den Lassalleanismus ebnete
den Weg für das Eindringen der Ideen des wissenschaftlichen Kom-
munismus und für die Ausweitung des Einflusses der Internationale
in Deutschland. Zum Erfolg dieses Kampfes trug auch der Umstand
bei, daß sich die Arbeiter anhand der praktischen Erfahrungen der
Arbeiterbewegung in Deutschland und anderen Ländern von der Halt-
losigkeit der lassalleschen Dogmen überzeugten. In Marx' Brief
"An den Präsidenten und Vorstand des Allgemeinen Deutschen Arbei-
tervereins" und in Engels' Artikeln "Zur Auflösung des Lassallea-
nischen Arbeitervereins" wird mit Befriedigung vermerkt, daß das
Leben selbst, der Druck der Arbeiter den Verein gezwungen hat,
Fragen aufzugreifen, "welche in der Tat die Ausgangspunkte aller
ernsten Arbeiterbewegung bilden müssen" (siehe vorl. Band, S.
316): Agitation für volle politische Freiheit, Regelung des Ar-
beitstages und internationale Zusammenarbeit der Arbeiterklasse.
Das Wirken August Bebels und Wilhelm Liebknechts bei der Gründung
einer wahrhaft proletarischen Partei in Deutschland erfuhr von
Marx und Engels die größte Aufmerksamkeit, Sympathie und Unter-
stützung. Im Unterschied zu den Lassalleanern bezogen Bebel und
Liebknecht in der politischen Grundfrage Deutschlands trotz eini-
ger - von Marx und Engels kritisierter - Fehler eine richtige re-
volutionäre Stellung. "Lassalle und die Lassalleaner, die die
schwachen Chancen des proletarischen und demokratischen Weges sa-
hen, waren schwankend in ihrer Taktik und paßten sich der Hegemo-
nie des Junkers Bismarck an. Ihre Fehler liefen darauf hinaus,
die Arbeiterpartei auf eine bonapartistisch-staatssoziahstische
Bahn zu lenken. Bebel und Liebknecht hingegen traten konsequent
für den demokratischen und proletarischen Weg ein und kämpften
gegen die geringsten Zugeständnisse an das Preußentum, an die
Bismarcksche Politik, an den Nationalismus." (W.I. Lenin, Werke,
Band 19, Berlin 1962, S. 287/288.)
In einer "Erklärung an den Deutschen Bildungsverein für Arbeiter
in London" spricht Marx mit Hochschätzung von der Bedeutung des
Nürnberger Kongresses der deutschen Arbeitervereine, der 1868 un-
ter Leitung von Bebel und Liebknecht stattgefunden und sich für
den Anschluß an die Internationale ausgesprochen hatte.
Gewaltige Bedeutung für die gesamte weitere Geschichte der deut-
schen Arbeiterbewegung hatte die Gründung der Sozialdemokrati-
schen Arbeiterpartei 1869 in Eisenach. Zwar offenbarte sich bei
den Eisenachern noch eine gewisse theoretische Unreife, was be-
sonders bei der Ausarbeitung ihres theoretischen Programms zutage
trat, in dem sich zum Teil Einflüsse des Lassalleanismus zeigen.
Es gelang ihnen jedoch mit Hilfe von Marx und Engels,
#XX# Vorwort
-----
"ein festes Fundament für eine wahrhaft sozialdemokratische Ar-
beiterpartei zu legen. Und es ging damals eben um das F u n d a-
m e n t der Partei." (W.I. Lenin, Werke, Band 19, Berlin 1962,
S. 288.)
Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die sich
der Internationalen Arbeiterassoziation anschloß, bedeutete einen
großen Sieg der Ideen der Internationale in der deutschen Arbei-
terbewegung.
Verschiedene der im vorliegenden Band veröffentlichten Schriften
spiegeln das unentwegte Streben von Marx und Engels wider, zur
Festigung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beizutragen und
das theoretische Niveau der deutschen Arbeiter durch die Propa-
gierung der Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus zu heben.
In dem Artikel "Karl Marx" tritt Engels gegen die Legende auf,
wonach Lassalle der Urheber der deutschen Arbeiterbewegung und
ein origineller Denker sei. Engels erinnert an die revolutionären
Traditionen von 1848/49, an die wichtigsten Momente der Ge-
schichte des Bundes der Kommunisten und betont, daß Lassalle
"einen Vorgänger hatte und einen intellektuellen Vorgesetzten,
dessen Dasein er freilich verschwieg, während er seine Schriften
vulgarisierte, und dieser intellektuelle Vorgesetzte heißt Karl
Marx" (siehe vorl. Band, S. 362). In dieser kurzen, aber inhalts-
reichen Marx-Biographie charakterisiert Engels die Entwicklung
der Marxschen Ideen, schätzt dessen bedeutendste theoretische Ar-
beiten, seine parteipolitische Tätigkeit und schließlich seine
führende Rolle in der Internationale ein, "dieser in... der Ar-
beiterbewegung epochemachenden Gesellschaft" (siehe vorl. Band,
S. 366).
Um die revolutionären Traditionen von 1848/49 wachzurufen und die
deutschen Arbeiter mit den wichtigsten Werken des wissenschaftli-
chen Kommunismus vertraut zu machen, bereiteten Marx und Engels
die Neuausgabe zweier ihrer Werke vor - des "Achtzehnten Brumaire
des Louis Bonaparte" und des "Deutschen Bauernkriegs".
Im Vorwort zur Zweiten Ausgabe des "Achtzehnten Brumaire des
Louis Bonaparte" beschäftigt sich Marx nochmals mit dem Wesen des
Bonapartismus, wobei er sich gegen jeden Versuch wendet, die kon-
krete Klassenanalyse der historischen Ereignisse durch oberfläch-
liche historische Analogien zu ersetzen. Marx' Bemerkungen zu
dieser Frage richteten sich vor allem auch gegen die falschen An-
schauungen einiger Führer der deutschen Sozialdemokratie, die un-
kritisch die damals landläufige Phrase vom sogenannten Cäsarismus
übernommen hatten.
In der Vorbemerkung zum Zweiten Abdruck des "Deutschen Bauern-
kriegs" analysiert Engels die Veränderungen im ökonomischen und
politischen Leben Deutschlands seit 1848 sowie die Rolle der ver-
schiedenen
#XXI# Vorwort
-----
Klassen und Parteien in Deutschland während dieser Periode. Bei
der Einschätzung der Ergebnisse des Preußisch-Österreichischen
Krieges von 1866, dessen Verlauf er in den "Betrachtungen über
den Krieg in Deutschland" (siehe vorl. Band, S. 167-189) schil-
derte, charakterisiert Engels äußerst prägnant die Haltung der
preußischen Bourgeoisie und enthüllt die Ursachen ihrer Feigheit
und Bereitschaft zu Kompromissen mit der Reaktion. Er untersucht
die während der letzten zwanzig Jahre vor sich gegangenen Verän-
derungen in der deutschen Arbeiterbewegung sowie die Zukunft die-
ser Bewegung und weist darauf hin, daß das Wichtigste die Frage
nach den Bundesgenossen des Proletariats sei. Die Arbeiterklasse
müsse um die Führung der Bauernmassen kämpfen. Die überaus bedeu-
tende theoretische und politische Schlußfolgerung von der Notwen-
digkeit des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, die
anhand der Erfahrung der Revolution 1848/49 in Marx' "Klassen-
kämpfen in Frankreich" und im "Achtzehnten Brumaire des Louis
Bonaparte" sowie in Engels' Arbeit "Der deutsche Bauernkrieg"
formuliert worden war, wurde hier weiterentwickelt und konkre-
tisiert. Engels zeigt, daß man an die Bauernschaft differenziert
herangehen muß, und untersucht, welche Bauernschichten zu Ver-
bündeten im revolutionären Kampf des Proletariats werden können
und weshalb dies möglich ist.
Engels hob die große Bedeutung des Beschlusses des Baseler Kon-
gresses der Internationale über das Grundeigentum hervor und half
damit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, deren Führung in
gewissem Maße die Bedeutung dieses so wichtigen Beschlusses für
Deutschland unterschätzte, eine politisch richtige Linie festzu-
legen.
Die Resolution des Baseler Kongresses über die Notwendigkeit, das
Privateigentum an Grund und Boden zu beseitigen und in gesell-
schaftliches Eigentum zu verwandeln, hatte gewaltige theoretische
und politische Bedeutung für die gesamte Internationale. Diese
Resolution, an deren Vorbereitung Marx selbst unmittelbar Anteil
nahm (siehe die "Aufzeichnung zweier Reden von Karl Marx über das
Grundeigentum" im vorl. Band, S. 558/559), zeugte von dem ideolo-
gischen Sieg des Marxismus über die Verteidiger des Privateigen-
tums, die Proudhonisten, zeugte von dem Sieg des Sozialismus über
den kleinbürgerlichen Reformismus.
Von den ersten Tagen der Internationalen Arbeiterassoziation an
scheute Marx keine Mühe, um das englische Proletariat in Gestalt
seiner mächtigsten Organisationen, der Trade-Unions, in die Asso-
ziation einzubeziehen (siehe die "Resolutionsentwürfe über die
Aufnahmebedingungen für Arbeiterorganisationen in die Internatio-
nale Arbeiterassoziation"
#XXII# Vorwort
-----
im vorl. Band, S. 17). In dem Artikel "Die Verbindungen der In-
ternationalen Arbeiterassoziation mit den englischen Arbeiteror-
ganisationen" vom Oktober 1868 schreibt Marx: "... es existiert
keine irgendwie bedeutende Bewegungspartei des britischen Prole-
tariats, die nicht direkt, durch ihre eigenen Führer, im Schöße
des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation vertreten
wäre." (Siehe vorl. Band, S. 332.)
Marx hoffte, daß es unter dem ideologischen Einfluß der Interna-
tionale, der durch die eigenen Erfahrungen der Arbeiterklasse
noch verstärkt wurde, gelingen werde, die Zunftbeschränktheit der
Trade-Unions, die Begrenztheit ihrer Kampfziele, die sich nur auf
die Verteidigung der unmittelbaren ökonomischen Interessen der
Arbeiter beschränkten, sowie ihre ablehnende Haltung zum politi-
schen Kampf der Arbeiterklasse, durch die das englische Proleta-
riat politisch zu einem Anhängsel der Liberalen Partei geworden
war, zu überwinden. Marx strebte danach, die englischen Arbeiter
von der Vormundschaft der liberalen Bourgeoisie zu befreien, die
opportunistischen Führer der Trade-Unions zu isolieren und damit
dem englischen Proletariat zu helfen, sich als selbständige ge-
sellschaftliche und politische Kraft zu formieren. Die Kampagne
für eine neue Wahlreform, die sich zu dieser Zeit in England ent-
wickelte, trug fördernd zur Lösung dieser Aufgaben bei. Auf In-
itiative von Marx unternahm die Internationale energische
Schritte zur Gründung einer Reformliga, die das führende und or-
ganisierende Zentrum der englischen Arbeiter im Kampf für das
allgemeine Wahlrecht werden sollte. Marx war der Auffassung, daß
das allgemeine Wahlrecht in England, wo das Proletariat die Mehr-
heit der Bevölkerung bildete und der Militärklüngel sowie die Bü-
rokratie noch keine so bedeutende Rolle spielten, von dem revolu-
tionären Proletariat als Hebel zu seiner Befreiung ausgenutzt
werden könnte - im Unterschied zu Frankreich und Deutschland, wo
die bäuerliche Bevölkerung überwog und bürgerlich-demokratische
Freiheiten fehlten.
Die von dem Ausmaß der Wahlrechtsreform-Bewegung erschreckten op-
portunistischen Führer der Trade-Unions taten alles, um die Bewe-
gung einzuengen, ihre Losungen in engbegrenztem Rahmen zu halten
und einen Kompromiß mit der Regierung zu erreichen. Verschiedene
der im vorliegenden Band veröffentlichten Materialien ("Beschluß
des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation bezüglich
des 'Beehive'" u.a.) zeugen von Marx' entschiedenem Kampf gegen
das in den wichtigsten Fragen zum Ausdruck kommende Versöhnlertum
der Führer der Trade-Unions, jener Vertreter der "Arbeiter-
aristokratie", die mit einem Teil der Überprofite großgezogen
wurde, welche die Bourgeoisie infolge des englischen Industrie-
#XXIII# Vorwort
-----
und Kolonialmonopols erzielen konnte. Die Kompromißpolitik der
opportunistischen Führer der Trade-Unions war die Hauptursache
dafür, daß diese machtvolle Bewegung mit einer unzulänglichen
Wahlreform endete, bei der die Mehrheit der werktätigen Bevölke-
rung Englands ohne politische Rechte blieb.
Eine ernste Ursache für den geringen Erfolg des Kampfes um die
Wahlrechtsreform sah Marx in der Weigerung der Reformliga, den
nationalen Befreiungskampf des irischen Volkes zu unterstützen.
Das vertiefte die für die Arbeiterbewegung so unheilvolle Spal-
tung zwischen den irischen und englischen Arbeitern. Der stürmi-
sche Aufschwung des revolutionären Unabhängigkeitskampfes des
irischen Volkes veranlaßte Marx, sich intensiv mit der irischen
Frage zu beschäftigen, der er große theoretische und politische
Bedeutung beimaß. Marx analysierte das Kräfteverhältnis zwischen
den Klassen in England selbst sowie die revolutionären Möglich-
keiten der irischen Befreiungsbewegung und änderte auf dieser
Grundlage seine frühere Anschauung in der irischen Frage. Wenn
Marx früher den Standpunkt vertrat, daß Irland seine Freiheit
durch die Arbeiterbewegung der unterdrückenden englischen Nation
erhalten werde, so kam er jetzt zu dem Schluß, daß die nationale
Befreiung Irlands und revolutionär-demokratische Veränderungen in
der Agrarstruktur der "Grünen Insel" eine "Forbedingung f ü r
d i e E m a n z i p a t i o n d e r englischen A r b e i-
t e r k l a s s e" sein muß (siehe vorl. Band, S. 389). Indem
Marx die Forderung begründete, Irland die nationale Unabhängig-
keit einschließlich des Rechts auf völlige Trennung von England
zu gewähren - eine Forderung, die zur Losung der englischen
Arbeiterbewegung werden sollte -, trug er in bedeutendem Maße zur
Weiterentwicklung der Prinzipien der proletarischen Na-
tionalitätenpolitik bei. Anhand der Erfahrung mit Irland entwic-
kelt Marx seine Gedanken zur nationalen und kolonialen Frage wei-
ter und gelangt zu der bedeutsamen Schlußfolgerung, daß es not-
wendig sei, die nationale Befreiungsbewegung in dieser ersten
englischen Kolonie mit dem Kampf des Proletariats um den Sozia-
lismus in der Metropole zu verbinden. Entsprechend diesem theore-
tischen Grundsatz erzog Marx die englischen Arbeiter und ihre
Führer im Generalrat im Sinne einer entschiedenen und aktiven Un-
terstützung der irischen Befreiungsbewegung. Gleichzeitig entlar-
vte er die opportunistische Haltung der vom bürgerlichen Chauvi-
nismus infizierten Führer der englischen Trade-Unions. Marx war
Seele und Inspirator der Kampagnen, Meetings und Diskussionen zur
Verteidigung und Unterstützung des kämpfenden Irlands, er war In-
itiator und Verfasser der Resolutionen zur irischen Frage.
#XXIV# Vorwort
-----
Marx trat entschieden für die Verteidigung der von der englischen
Regierung grausam verfolgten irischen kleinbürgerlichen Revolu-
tionäre, der Fenier, ein, obwohl er deren Verschwörertaktik kri-
tisierte. Die von ihm verfaßte Resolution des Generalrats "Die
eingekerkerten Fenier in Manchester und die Internationale Arbei-
terassoziation" vom 20. November 1867 bewertete das über vier Fe-
nier verhängte Todesurteil als einen politischen Racheakt der
englischen Regierung und entlarvte die Gerichtsfälschungen, auf
deren Grundlage das Urteil gefällt worden war. Den "Resolutions-
entwurf des Generalrats über das Verhalten der britischen
Regierung in der irischen Amnestiefrage" vom 16. November 1869
schlug Marx in der von ihm eröffneten Diskussion zur irischen
Frage vor, während der er zweimal das Wort ergriff (siehe vorl.
Band, S. 570-574). In dieser Resolution entlarvte er die
heuchlerische und volksfeindliche Politik der liberalen Regierung
und wies nach, daß sich diese Politik ungeachtet der demagogi-
schen Versprechungen und kümmerlichen Reformen der Gladstone-Re-
gierung dem Wesen nach in nichts von der Kolonialpolitik der Kon-
servativen unterschied. Marx' Artikel "Die englische Regierung
und die eingekerkerten Fenier" sowie die Artikel zur irischen
Frage, die Marx' Tochter Jenny mit seiner Unterstützung für die
französische Zeitung "La Marseillaise" schrieb, enthüllten vor
der europäischen Öffentlichkeit, wie grausam die herrschenden
Klassen Englands mit den Teilnehmern der irischen nationalen Be-
freiungsbewegung abrechneten, welch barbarische Behandlung den
eingekerkerten Feniern in den Gefängnissen des von Gladstone re-
gierten "menschenfreundlichen" Englands widerfuhr.
In den Dokumenten der Internationale "Der Generalrat an den Fö-
deralrat der romanischen Schweiz" vom Januar 1870 und "Konfiden-
tielle Mitteilung" vom März 1870 begründet Marx die inter-
nationale Bedeutung der irischen Frage, wobei er hervorhebt, wie
wichtig die Lösung des irischen Problems für die Entwicklung der
internationalen Arbeiterbewegung sei, vor allem für einen er-
folgreichen Kampf des englischen Proletariats. Er weist darauf
hin, daß zu den Grundlagen der ökonomischen Macht der herrschen-
den Klassen Englands die koloniale Ausbeulung Irlands zählt. Ir-
land sei "das Bollwerk des englischen Landlordismus" (siehe vorl.
Band, S. 387). In diesen Dokumenten, worin Marx sehr ausführlich
auf den Standpunkt der Internationale in der irischen Frage
einging, schrieb er: "Ihre erste Aufgabe ist es, die soziale Re-
volution in England zu beschleunigen. Zu diesem Zwecke muß man
den entscheidenden Schlag in Irland führen."(Siehe vorl. Band, S.
389.) Marx rief die Arbeiterklasse der unterdrückenden Nation zu
entschiedenem Kampf gegen jede nationale Unterdrückung auf. Eine
#XXV# Vorwort
-----
der Hauptursachen für die Schwäche der englischen Arbeiterbewe-
gung, trotz ihrer Organisiertheit, war, wie Marx nachwies, die
nationale Zwietracht zwischen den englischen und irischen Arbei-
tern, die von der englischen Bourgeoisie auf jede Weise geschürt
wurde. Die Unterdrückung Irlands und der anderen Kolonien, be-
tonte Marx, sei ein ungeheures Hindernis für die fortschrittliche
Entwicklung Englands selbst. "Das Volk, das ein anderes Volk un-
terjocht, schmiedet seine eigenen Ketten" - so formulierte Marx
das wichtigste Prinzip des proletarischen Internationalismus.
(Siehe vorl. Band, S. 389.)
Im Abschnitt "Aus dem handschriftlichen Nachlaß" werden erstmals
Marx' Handschriften "Entwurf einer nicht gehaltenen Rede zur iri-
schen Frage" vom November 1867 und "Entwurf eines Vertrages zur
irischen Frage, gehalten im Deutschen Bildungsverem für Arbeiter
in London am 16. Dezember 1867" sowie die Handschrift einer un-
vollendeten Arbeit von Engels über "Die Geschichte Irlands" und
einige von ihm stammende Fragmente zum gleichen Thema veröffent-
licht. Diese Handschriften zeugen deutlich davon, daß die Begrün-
der des Marxismus ihre Schlußfolgerungen in der irischen Frage
auf der Grundlage eines allseitigen Studiums der Geschichte Ir-
lands und der englisch-irischen Beziehungen zogen.
In dem "Entwurf einer nicht gehaltenen Rede zur irischen Frage"
gibt Marx eine tiefgründige Analyse der sozialökonomischen Pro-
zesse in Irland und zeichnet ein Bild der entsetzlichen Leiden
der Volksmassen in der ersten englischen Kolonie. Auf der Grund-
lage dieser Analyse charakterisiert Marx in klassischer Weise die
Bewegung der Fenier, die eine neue Etappe des nationalen Befrei-
ungskampfes der Iren bildete.
In dem "Entwurf eines Vertrages zur irischen Frage", der auf dem
obigen Entwurf aufbaute, charakterisiert Marx die wichtigsten ge-
schichtlichen Etappen der kolonialen Versklavung Irlands durch
England. Er zeigt, welch verderbliche Ergebnisse die englische
Herrschaft für das irische Volk hatte, wie die Keime der irischen
Industrie in einem stetigen Prozeß vernichtet wurden und sich das
Land in ein landwirtschaftliches Anhängsel der Metropole verwan-
delte. In beiden Entwürfen setzt sich Marx mit der Kolonialpoli-
tik der herrschenden Klassen Englands und den Methoden ihrer
Wirtschaftsführung in den unterdrückten Ländern auseinander und
enthüllt anschaulich und eindringlich die räuberische Natur der
Umwälzung der irischen Agrarverhältnisse. Diese Umwälzung ge-
schah, wie Marx nachweist, im Interesse der englischen Großgrund-
besitzer und führte zur Enteignung der irischen Bauern, zu ihrer
massenhaften Vertreibung von Grund und Boden.
#XXVI# Vorwort
-----
Die im vorliegenden Band veröffentlichte Handschrift "Die Ge-
schichte Irlands" widerspiegelt Engels' Arbeit an einem von ihm
geplanten Buche, das die Geschichte Irlands von den ältesten Zei-
ten bis 1870 umfassen sollte. Nach den uns überlieferten Auszügen
und Fragmenten beabsichtigte Engels, in diesem Buch ein umfassen-
des Bild von der Unterjochung Irlands durch die englischen Kolo-
nisatoren und dem jahrhundertelangen Kampf des irischen Volkes
gegen seine Unterdrücker zu geben und gleichzeitig den bürgerli-
chen Apologeten der englischen Kolonialherrschaft, den Verteidi-
gern der reaktionären Rassen- und Kolonialideen einen Schlag zu
versetzen. Im Kapitel "Naturbedingungen" wendet sich Engels ent-
schieden gegen die Versuche englischer Geographen, Ökonomen und
Historiker, das geographische Milieu zum bestimmenden Faktor der
Geschichte zu erheben und mit Hilfe pseudowissenschaftlicher geo-
graphischer Argumente zu beweisen, daß England berufen sei, Ir-
land zu unterwerfen. (Siehe vorl. Band, S, 462.) Engels gibt eine
ausführliche Beschreibung des Klimas und der Bodenverhältnisse in
Irland, um damit die lügnerischen Vorwände bürgerlicher Schrift-
steller zu entlarven, die die Vertreibung der irischen Bauern von
Grund und Boden damit zu rechtfertigen suchten, daß "Irland durch
sein Klima verurteilt sei, nicht Irländer mit Brot, sondern Eng-
länder mit Fleisch und Butter zu versorgen" (siehe vorl. Band, S.
476). Im Kapitel "Altirland" tritt Engels dem unkritischen Heran-
gehen an die Frühperioden der irischen Geschichte und ihrer na-
tionalistischen Ausschmückung entgegen, richtet aber gleichzeitig
den Hauptstoß seiner Kritik gegen die chauvinistischen Versuche
englischer bürgerlicher Historiker (Goldwyn Smith u.a.), die al-
ten Iren als ein rückständiges Volk darzustellen, das nicht fähig
gewesen sei, eine eigene Kultur und Zivilisation zu schaffen,
diese vielmehr nur von den eingewanderten Normannen und Englän-
dern entlehnt hätte.
In seiner Arbeit und den dazugehörigen Fragmenten weist Engels
nach, daß die Geschichte des alten Irlands von der Eigenständig-
keit und Begabung des irischen Volkes zeugt. Die geschichtliche
Vergangenheit dieses Landes kennt, wie Engels hervorhebt, viele
heroische Episoden des Kampfes gegen die fremdländischen Erobe-
rer. Bei der Kritik an Arbeiten englischer bürgerlicher Histori-
ker über Irland deckt Engels einige Grundzüge der bürgerlichen
Geschichtsschreibung überhaupt auf. Er entlarvt den bürgerlichen
Objektivismus und betont, daß die vielberufene "Objektivität" nur
eine Maskierung ist, mit der bürgerliche Geschichtsschreiber den
apologetischen Charakter ihrer Schriften verdecken wollen. Diese
Historiker seien im Interesse der Bourgeoisie bereit, die ge-
schichtliche Wirklichkeit
#XXVII# Vorwort
-----
zu verfälschen und die Geschichtswissenschaft in eine vorteilhaft
zu verkaufende Ware zu verwandeln.
Große Bedeutung haben Engels" Schlußfolgerungen über den Charak-
ter der sogenannten normannischen Eroberung einer Reihe europäi-
scher Länder in der Periode des frühen Mittelalters. Engels wi-
derlegt die reaktionären Normannentheorien, wonach die Normannen
die Gründer vieler europäischer Staaten waren, und zeigt die wah-
ren Folgen der normannischen Einfalle in Irland und andere Län-
der. Er kennzeichnet diese Einfalle als "Raubzüge" und weist
nach, daß deren Vorteil für die geschichtliche Entwicklung
"verschwindend klein sei gegen die ungeheuren und selbst für
Skandinavien fruchtlosen Störungen, die sie angerichtet" (siehe
vorl. Band, S. 493).
Bei der Abrechnung mit der grausamen englischen Kolonialpolitik
in Irland entwickelt Engels den Gedanken, daß diese gewalttätige
Assimilationspolitik zum Untergang verurteilt ist. Er zeigt, daß
es den herrschenden Klassen Englands nicht gelungen sei und trotz
aller Anstrengungen auch niemals gelingen werde, die nationalen
Traditionen des irischen Volkes auszumerzen und es mit der engli-
schen Herrschaft zu versöhnen. Engels' Arbeit ist von heißem Mit-
gefühl für das unterdrückte Volk und vom Haß gegen das kapitali-
stische Kolonialsystem durchdrungen. Sie bildet eine Ergänzung zu
dem Auftreten von Marx in der irischen Frage und ist ein Beispiel
für die Verteidigung der proletarischen Prinzipien in der natio-
nalen Frage. "Die Politik von Marx und Engels in der irischen
Frage hat ein höchst bedeutsames Beispiel, das bis auf den heuti-
gen Tag gewaltige p r a k t i s c h e Bedeutung bewahrt hat,
dafür gegeben, wie sich das Proletariat der unterdrückenden Na-
tionen zu nationalen Bewegungen zu verhalten hat..." (W.I. Lenin,
Werke, Band 20, Berlin 1961, S. 447.)
Die wahrhaft proletarische, internationalistische Haltung von
Marx und Engels in der irischen Frage rief den erbitterten Wider-
stand der chauvinistisch gesinnten Führer der Trade-Unions wie
auch des neuen Gegners des Marxismus - des Bakunismus - hervor.
Verschiedene der im vorliegenden Band veröffentlichten Artikel
und Dokumente spiegeln den unversöhnlichen Kampf von Marx und En-
gels sowohl gegen Bakunins theoretische Anschauungen als auch ge-
gen seine desorganisierende Wühlarbeit in der Internationale wi-
der.
Das von Marx verfaßte Dokument "Die Internationale Arbeiterasso-
ziation und die Allianz der sozialistischen Demokratie" enthüllt
die Absicht Bakunins und seiner Anhänger, die Allianz der sozia-
listischen Demokratie als besondere internationale Organisation
mit ihrem Programm, ihrem organisatorischen
#XXVIII# Vorwort
-----
Aufbau und ihren leitenden Organen in die Internationale Arbei-
terassoziation zu bringen, um, gestützt auf diese Organisation,
von der Internationale Besitz zu ergreifen und sie dem anarchi-
stischen Einfluß der Allianz zu unterwerfen. Im Brief des Gene-
ralrats an das Zentralbüro der Allianz der sozialistischen Demo-
kratie vom 9. März 1869 richtet sich die Kritik gegen den Haupt-
punkt des Programms der Bakunisten - gegen die Forderung nach der
"politischen, ökonomischen und sozialen G l e i c h m a-
c h u n g der K l a s s e n". Marx wies darauf hin, daß diese
Forderung ihrem eigentlichen Wesen nach auf die bürgerliche Pre-
digt der "Harmonie von Arbeit und Kapital" hinauslaufe, und
schrieb: "Nicht d i e G l e i c h m a c h u n g d e r
K l a s s e n - ein logischer Widersinn, unmöglich zu reali-
sieren -, sondern vielmehr d i e A b s c h a f f u n g d e r
K l a s s e n, dieses wahre Geheimnis der proletarischen Bewe-
gung, bildet das große Ziel der Internationalen Arbeiterasso-
ziation," (Siehe vorl. Band, S. 3 49.)
Nachdem die Aufnahme der Allianz zu den von den Bakunisten ge-
stellten Bedingungen abgelehnt worden war, erklärten diese sich
bereit, ihre Organisation aufzulösen; ihre Mitglieder sollten den
örtlichen Sektionen der Internationale beitreten. In Wirklichkeit
aber ließen Bakunin und seine Anhänger die Allianz als Geheimor-
ganisation weiterbestehen, um mit ihr den Kampf gegen den Gene-
ralrat und seinen leitenden Kopf Marx zu führen.
Diesen Kampf beabsichtigten die Bakunisten schon auf dem bevor-
stehenden Kongreß der Internationale in Basel zu entfachen, in
dessen Tagesordnung auf ihr Drängen ein Punkt über die Abschaf-
fung des Erbrechts aufgenommen wurde.
In dem aus Marx' Feder stammenden Bericht des Generalrats über
das Erbrecht wird festgestellt, daß die von Bakunin bei Saint-Si-
mon entlehnte These von der Abschaffung des Erbrechts als Aus-
gangspunkt einer sozialen Umgestaltung "falsch in der Theorie und
reaktionär m der Praxis" sei (siehe vorl. Band, S. 368). Marx
stellt die Frage des Erbrechts auf den konkreten historischen Bo-
den und weist nach, daß das Erbrecht von der bestehenden Gesell-
schaftsordnung abhängt und sich mit den Veränderungen dieser Ord-
nung ändert. "Wie jede andere bürgerliche Gesetzgebung", schreibt
Marx, "sind die Erbschaftsgesetze nicht die Ursache, sondern die
Wirkung, die juristische Folge der bestehenden ökonomischen Orga-
nisation der Gesellschaft, die auf das Privateigentum in den Mit-
teln der Produktion begründet ist, d.h. Land, Rohmaterial, Ma-
schinen usw... Worum es sich hier dreht, ist die Ursache und
nicht die Wirkung, die ökonomische Grundlage, nicht der juristi-
sche Überbau." (Siehe vorl. Band, S. 367.) Marx zeigt,
#XXIX# Vorwort
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daß die Forderung nach Abschaffung des Erbrechts nicht nur theo-
retisch unhaltbar, sondern auch in politischer Beziehung schäd-
lich ist, da sie das Proletariat von seinen wirklichen Aufgaben
nur ablenken kann und seine Bundesgenossen, die Bauern, von ihm
abstoßen würde. Anstatt den Anfang einer sozialen Revolution
würde diese bakunistische Forderung deren Ende bedeuten.
Auf dem Baseler Kongreß scheiterte der Versuch der Bakunisten,
die Führung in der Internationale an sich zu reißen. Dies war das
Signal für einen offenen und pausenlosen Krieg der Bakunisten ge-
gen den Generalrat und alle Sektionen der Internationale, die die
Ansichten Bakunins, besonders die von ihm gepredigte völlige Ent-
haltung von der politischen Tätigkeit, ablehnten. Zentrum der
Wühlarbeit der Bakunisten wurde die Schweiz, wo es ihnen zeitwei-
lig gelang, das Organ des Romanischen Föderalkomitees "L'Égalité"
in ihr Werkzeug zu verwandeln.
In dem obenerwähnten Zirkular "Konfidentielle Mitteilung" legt
Marx die gesamte Geschichte der Beziehungen zwischen der Interna-
tionale und der Allianz dar. Marx untersucht die Fragen, die den
Bakunisten als Anlaß für die Angriffe gegen den Generalrat dien-
ten, und gibt dabei eine tiefschürfende theoretische Begründung
der Politik des führenden Organs der Internationale, besonders in
der irischen Frage. Marx entlarvt die desorganisierende, doppel-
züngige Haltung Bakunins und weist nach, daß Bakunin die Allianz,
die er offiziell für aufgelöst erklärt hatte, als Geheimorganisa-
tion weiterbestehen ließ.
Im Kampf gegen die Bakunisten - diese typischen Vertreter des
kleinbürgerlichen Rebellentums - fand Marx bei der russischen
Sektion der Internationale Unterstützung, die im Frühjahr 1870
von russischen politischen Emigranten, Schülern N.G. Tscher-
nyschewskis und N.A. Dobroljubows in Genf, gebildet worden war.
Die russische Sektion schickte Marx ihr Programm und ihre Sta-
tuten sowie einen Brief, in dem sie ihn bat, ihre Vertretung im
Generalrat zu übernehmen. Marx zeigte besonderes Interesse an der
revolutionären Bewegung in Rußland, da sich diese gegen den
gemeinsamen Feind der europäischen Demokratie, den russischen
Zarismus, richtete. Als er der russischen Sektion mitteilte, daß
er bereit sei, sie im Generalrat zu vertreten, schrieb er:
"Arbeiten wie die von Flerowski und von Eurem Lehrer Tscher-
nyschewski machen Rußland wahrhaft Ehre und beweisen, daß Euer
Land ebenfalls beginnt, an der allgemeinen Bewegung unseres
Jahrhunderts teilzunehmen." (Siehe vorl. Band, S. 408.)
In der Tätigkeit der russischen Sektion sah W.I. Lenin einen Ver-
such, "die progressivste und hervorragendste Erscheinung im
'europäischen
#XXX# Vorwort
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Leben', die Internationale, nach Rußland zu verpflanzen" (W.I.
Lenin, Werke, Band 1, Berlin 1961, S. 280).
Obwohl die Mitglieder der russischen Sektion ihrer Weltanschauung
nach im allgemeinen Anhänger des kleinbürgerlichen Sozialismus
waren, war es ihr großes historisches Verdienst, daß sie der Pro-
paganda Bakunins gegen den politischen Kampf sowie seiner rebel-
lenhaft-anarchistischen Taktik entgegentraten.
Die Forderung, sich des politischen Kampfes zu enthalten, war die
Hauptforderung, um die die Bakunisten damals alle antimarxisti-
schen Strömungen in der Internationale zu vereinigen suchten.
Deshalb schlug Marx vor, in die Tagesordnung des ordentlichen
Kongresses der Internationale, der im Sommer 1870 in Mainz zusam-
mentreten sollte, folgenden Punkt aufzunehmen: "Über den Zusam-
menhang zwischen der politischen Aktion und der sozialen Bewegung
der Arbeiterklasse." (Siehe vorl. Band, S. 435.) Der Kongreß
konnte jedoch nicht stattfinden, da im Juli 1870 der Deutsch-
Französische Krieg ausbrach.
Marx' und Engels' Tätigkeit zur Gründung und Festigung der Inter-
nationale - der ersten internationalen revolutionären Massenorga-
nisation des Proletariats in der Geschichte, die nach den Worten
Lenins "den Grundstein zum internationalen proletarischen Kampf
für den Sozialismus" legte (W.I. Lenin, Werke, Band 29, Berlin
1961, S. 296) - hatte weltgeschichtliche Bedeutung. Diese Tätig-
keit bildete eine überaus wichtige Etappe im Kampf der Begründer
des Marxismus für die proletarische Partei, für die Verbreitung
der großen Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus. Wie die Ma-
terialien des vorliegenden Bandes zeigen, erobert die revolutio-
näre Lehre von Marx und Engels schon in den ersten Jahren der In-
ternationalen Arbeiterassoziation feste Positionen in der Arbei-
terbewegung, erringt der Marxismus bedeutende Siege über die ver-
schiedenen dem Proletariat fremden und feindlichen Strömungen.
Die sich im vorliegenden Band widerspiegelnde Periode der Inter-
nationale, der gesamte Verlauf und die Ergebnisse des Kampfes der
verschiedenen Strömungen in der Arbeiterbewegung während dieser
Periode bereiteten den Boden für den unausbleiblichen Triumph der
marxistischen Lehre vor - der mächtigen ideologischen Waffe des
Proletariats in seinem Kampf für die revolutionäre Umgestaltung
der Gesellschaft...
In den Beilagen zu diesem Band werden Dokumente veröffentlicht,
an deren Ausarbeitung oder Redigierung Marx beteiligt war, proto-
kollarische Aufzeichnungen von Reden auf Generalratssitzungen und
Zeitungsberichte
#XXI# Vorwort
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über Reden, die wegen der Kürze und Unvollkommenheit der Auf-
zeichnung nicht in den Haupttext des Bandes aufgenommen werden
konnten. In die Beilagen sind ferner Artikel aufgenommen worden,
die von Marx' Frau und seiner Tochter Jenny unter seiner direkten
Mitwirkung geschrieben wurden. Alle diese Dokumente sind außeror-
dentlich wichtig, um ein klares Bild von Marx' Tätigkeit bei der
Führung der Internationale zu vermitteln...
Institut für Marxismus-Leninismus
beim ZK der KPdSU
---
Von den insgesamt 111 im vorliegenden Band veröffentlichten Ar-
beiten werden neben den fünf im Vorwort zur russischen Ausgabe
dieses Bandes genannten Manuskripten aus dem handschriftlichen
Nachlaß noch 42 Artikel von Marx und Engels zum erstenmal in
deutscher Sprache veröffentlicht. Weitere zwei Artikel werden in
deutscher Sprache erstmals in authentischer Form veröffentlicht.
28 der von Marx und Engels in deutscher Sprache verfaßten Artikel
werden seit ihrer Erstveröffentlichung zu Lebzeiten von Marx und
Engels erstmals wieder in der Originalsprache zugänglich gemacht.
Der Text des vorliegenden Bandes wurde anhand der Originale oder
Photokopien überprüft. Bei jeder Arbeit ist die für den Abdruck
oder die Übersetzung herangezogene Quelle vermerkt.
Die von Marx und Engels angeführten Zitate wurden ebenfalls über-
prüft, soweit die Quellen zur Verfügung standen. Längere Zitate
werden zur leichteren Übersicht in kleinerem Druck gebracht. Im
Text vorkommende fremdsprachige Zitate und fremdsprachige Wörter
sind in Fußnoten übersetzt.
In den deutschsprachigen Texten sind Rechtschreibung und Zeichen-
setzung, soweit vertretbar, modernisiert; der Lautstand der Wör-
ter wurde nicht verändert. Alle in eckigen Klammern stehenden Ti-
tel, Wörter und Wortteile stammen von der Redaktion. Offensicht-
liche Druck- oder Schreibfehler wurden stillschweigend korri-
giert; in Zweifelsfällen wird in Fußnoten die Schreibweise des
Originals angeführt.
Fußnoten von Marx und Engels sind durch Sternchen gekennzeichnet,
Fußnoten der Redaktion durch eine durchgehende Linie vom Text ab-
getrennt und durch Ziffern kenntlich gemacht.
#XXXII# Vorwort
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Zur Erläuterung ist der Band mit Anmerkungen versehen, auf die im
Text durch hochgestellte Zahlen in eckigen Klammern hingewiesen
wird; außerdem sind ein Literaturverzeichnis, Daten über das Le-
ben und die Tätigkeit von Marx und Engels, ein Personenverzeich-
nis, ein Verzeichnis der literarischen und mythologischen Namen,
eine Liste der geographischen Namen sowie eine Erklärung der
Fremdwörter beigefügt.
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED
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